Chapter 189

[72]An ein Hauptwort kann ein Infinitivsatz mitum zuniemals angeschlossen werden, selbst nicht an einen substantivierten Infinitiv. Wenn auf Konzertprogrammen steht:Das Belegender Plätze,umsolche Späterkommendenzu sichern, ist streng untersagt – so ist das ein Schnitzer.[73]Außerdem die partizipähnlichen passiven Formen:zu hoffend,zu fürchtend,anzuerkennend, die durch Anhängen eines unorganischen d aus dem Infinitiv mitzuentstanden sind.[74]Nur in einzelnen Fällen kann das passive Partizip die Gegenwart bedeuten, z. B. das von mirbewohnteHaus (d. i. das Haus, das von mirbewohnt wird). Eine Anzeige also wie die folgende: die von dem verstorbenen Rentier Sch.bewohnteWohnung ist zu Ostern anderweit zu vermieten – kann einem geradezu gruselig machen; hier muß es heißen: diebewohnt gewesene.[75]Zur Verzierung von Leipziger Wäschschränken wurde eine Zeit lang mit Vorliebe der Spruch gestickt:Geblühtim Sommerwinde,Gebleichtauf grüner Au,Ruht still es nun im SpindeZum Stolz der deutschen Frau.Gebleichtist richtig; aber daß dasgeblühtden Stolz der deutschen Frau nicht verletzte, war zu verwundern.[76]In Bibliotheksbekanntmachungen liest man gelegentlich sogar von demnächststattzufindendenRevisionen, und in Kunstausstellungsprogrammen von einer aus sechs Mitgliedernzu bestehendenJury![77]Und auch in Mittel- und Norddeutschland spricht man vongestandnem Wasser(im Gegensatz zu frischem).[78]Vor einiger Zeit hatte ich an mehrere hundert Personen eine Zuschrift abzufassen, auf die ebenso viel hundert teils ablehnende, teils zustimmende Antworten eingingen. Ich beauftragte einen Schreiber mit der Durchsicht und Ordnung der eingelaufenen Antworten. Als er fertig war, legte er mir zwei Mappen vor, und auf der einen stand:abgelehnte Schreiben, auf der andern:angenommene Schreiben. Ich fragte ihn, was das heißen solle. Nun, das hier sagte er, sind die Schreiben, die angenommen haben, und das hier die, die abgelehnt haben.[79]Daher hat es ja seinen Namen. Partizipium kommt her vonparticeps, d. h. Anteil habend; es ist davon genannt, daß es zugleich am Verbum und am Nomen Anteil hat, zwischen beiden ein Mittelding ist. Darum hat man es ja auch in der Volksschulgrammatik durch Mittelwort übersetzt.[80]In Ermanglungist mir immer so vorgekommen, als ob sichs einer als schlechten Witz ausgedacht hätte, um den Aktenstil zu verhöhnen, um zu probieren, ob es ihm wohl einer nachmachen würde.[81]Übrigens fehlt es auch nicht an Beispielen, wo noch dazu das Hauptwort aufungvon einem Zeitwort gebildet ist, das den Dativ regiert, also eigentlich gar keinen Objektsgenitiv zu sich nehmen kann, wie: der Zinsfuß wird herabgesetztin Entsprechungeines Gesuchs (vgl.S. 243). Eine Behörde schreibt:In Begegnung von(!) an (!) andern Orten sich ereignet habenden (!) Vorgängen wird hierdurch bekanntgemacht; das soll heißen:umVorgängenzu begegnen(vorzubeugen), wie sie sich an andern Orten ereignet haben.[82]In Leipzig empfiehlt man freilich auchecht Madeirahandarbeiten,echt Goseundecht Bütten(nämlich-papier)![83]Manche Leute sind in diese Formen auferso vernarrt, daß sie sie sogar von Wörtern bilden, die gar keine wirklichen Ortsnamen sind. So redeten die Leipziger Förster früher vomRosentäler, vomKuhturmerund vomBurgauerRevier, statt vomRosentalrevier,Kuhturmrevier,Burgauenrevier. Ob sies auch heute noch tun, weiß ich nicht.[84]Über die Bedeutung mancher von unsern Straßennamen herrscht ohnehin in den Köpfen der Masse eine solche Unklarheit, daß man sie nicht noch durch fehlerhafte Schreibung zu steigern braucht. Unter den Straßen Leipzigs, die nach den Helden der Freiheitskriege genannt sind, ist auch eineLützowstraße, eineSchenkendorfstraße, eineGneisenaustraße. Was machen die Kinder daraus, die kleinen wie die großen Kinder? EineLützower Straße, eineSchenkendorfer Straße, eineGneisenauer Straße! Wir haben ferner eineSenefelderstraße. Auch die wird im Volksmunde alsSenefelder Straßeverstanden. Freilich gibt es bei Leipzig kein Senefeld, kein Schenkendorf, kein Gneisenau, kein Lützow. Aber das Volk, namentlich das ewig zu- und abfließende niedrige Volk, weiß doch von der Umgebung Leipzigs ebensowenig etwas wie von dem Erfinder der Lithographie und den großen Männern der Freiheitskriege. Wurde doch auch dieFichtestraße, als sie neu war, sofort alsFichtenstraßeverstanden, und ein unternehmender Schenkwirt eröffnete dort schleunigst ein „Restaurant zur Fichte“![85]Als vor einigen Jahren die Firma August Scherl den Verlag des Leipziger Adreßbuchs an sich gebracht hatte, beliebte es ihr, alle Leipziger Straßennamen über einen Kamm zu scheren und sie alle als zusammengesetzte Wörter drucken zu lassen:Dresdnerstraße,Grimmaischestraße,Hohestraßeusw., obwohl in allen amtlichen Veröffentlichungen und an allen Straßenecken zwischen zusammengesetzten und nicht zusammensetzbaren Namen streng geschieden wird, auch das frühere Adreßbuch dazwischen streng geschieden hatte. Zum Glück griff sofort die Behörde ein und zwang den Verleger, vom nächsten Jahrgang an die Namen wieder richtig zu drucken. Geschadet hat aber doch das böse Beispiel ungeheuer. Der Verlag der bekannten Leipziger Illustrierten Zeitung befindet sich noch heute aufder Reudnitzerstraße![86]Freilich findet sich auch schon in Leipziger Urkunden des fünfzehnten Jahrhunderts:uf der nuwestrasse(auf derNeuen Straße).[87]Auf der einen Seite schreiben sie:Kaiser Park,Hôtel Eingang, hier werdenKinderundDamenschuhegemacht, auf der andern Seite:Grüne-Waren,Täglich-frei-Konzertu. ähnl.[88]Nachdem dieSprachdummheitenerschienen waren, redeten auch andre vonSprachsünden,Sprachleben,Sprachgefühlusw. Wären dieSprachdummheitennicht vorangegangen, so kann man sicher sein, daß die andern von sprachlichenSünden, sprachlichemLeben, sprachlichemGefühl geredet hätten.[89]Es handelt sich um Beobachtungen an dem noch ungebornen Kinde![90]Fühlt man denn gar nicht, daß bei dersilbernenund dergoldnen Hochzeitdassilbernundgoldennur ein schönes Gleichnis ist, wie beimsilbernenundgoldnen Zeitalter? und daß dieses Gleichnis durchSilberhochzeit sofort zerstört und die Vorstellung in plumper Weise auf das Metall gelenkt wird, das dem Jubelpaar in Gestalt von Bechern, Tafelaufsätzen u. dgl. winkt? Oder wollen wir in Zukunft auch von derGoldhochzeitund vomGoldzeitalterreden? Wir reden von einemBronzezeitalter, aber in wie anderm Sinne! Daß schon Goethe einmal das WortSilberhochzeitgebraucht – in einem Brief an Schiller nennt er Gedichte Wielands „Schoßkinder seines Alters, Produkte einer Silberhochzeit“ –, auch Rückert einmal (in trochäischen Versen, wosilberne Hochzeitgar nicht unterzubringen gewesen wäre), will gar nichts sagen.[91]Darum gehört auch die Behandlung dieses Fehlers nicht, wie manche wohl meinen könnten, in die Wortbildungslehre, sondern sie gehört in die Satzlehre. Der Fehler liegt nicht in der Bildung der Adjektiva – gebildet sind sie ja richtig –, sondern in ihrer falschen Anwendung.[92]Zu welcher Geschmacklosigkeit sich manche Leute verirren vor lauter Angst, mißverstanden zu werden, dafür noch ein Beispiel. Ein Zeichenlehrer wollte einen Unterrichtskursus für Damen ankündigen. Aber das WortDamenwollte er als Fremdwort nicht gebrauchen,Frauenauch nicht, denn dann wären am Ende die Mädchen ausgeblieben, auf die ers besonders abgesehen hatte,Frauen und Mädchenaber auch nicht, denn dann wären vielleicht Schulmädchen mitgekommen, die er nicht haben wollte. Was kündigte er also an? Zeichenunterricht fürerwachsene Personen weiblichen Geschlechts![93]Auch sie hat es übrigens nicht immer gegeben. Noch im siebzehnten Jahrhundert erteilte, wer mit seinemhalben Bruderim Streite lag, einem Anwaltvolle Macht, den Prozeß zu führen, noch 1820 wurde auf der Leipziger Messe vonkurzen Warengesprochen.[94]Neuerdings hat man es durchUraufführungersetzt, kein glücklicher Ersatz.[95]Daher Ortsnamen wieKarlsruhe,Ludwigsburg,Wilhelmshaven, die ja nichts andres sind alsKarls Ruheusw.[96]Das Haarsträubendste, was auf diesem Gebiete geleistet worden ist, sind wohl die Ausdrücke, die einem täglich in den Zeitungen entgegenschreien:Henckell Trocken,Kupferberg Goldu. ähnl. Als vernünftiger Mensch möchte man sich doch hierbei gern etwas denken und fragt: Was sind denn das für Waren:TrockenundGold? Es sind gar keine Waren, die Bezeichnung der Ware fehlt hier ganz! Gemeint istHenckellscher Schaumwein,Kupferbergscher Schaumwein. Aber keiner der beiden Fabrikanten sagt das, sondern der eine schreibt statt der Ware eine Eigenschaft der Ware hin (sec,dry), aber mit großem Anfangsbuchstaben, sodaß sie jeder denkende Mensch für die Bezeichnung der Ware selbst halten muß, der andre die Art der Ausstattung, dennGoldsoll sich doch wohl auf die Farbe der Kapsel beziehen? Die Sprache mancher afrikanischen Wilden ist gebildeter und fortgeschrittner als solches Fabrikantendeutsch.[97]Überhaupt kann man nicht, um eine nähere Bestimmung zu schaffen, mechanisch alles mit allem zusammensetzen; es kommt doch sehr auf Sinn und Bedeutung der beiden Glieder an. BeiGesellschaftundVereinz. B. liegt der Gedanke an die Personen, die den Verein bilden, so nahe, daß es mindestens etwas kühn erscheint, eine Anzahl Geldleute eineAktiengesellschaftoder eineImmobiliengesellschaft, eine Gesellschaft von Schlittschuhläufern einenEisvereinund eine Vereinigung von Förstern einenForstvereinzu nennen. Noch gewagter ist es, daß sich die deutschen Papierhändler zu einemPapiervereinzusammengetan haben. Mit demselben Recht und demselben guten Geschmack könnte sich schließlich auch eine Fleischergesellschaft einenFleischvereinnennen.[98]SchokoladeundTee– deutsch geschrieben! Manche verbinden die beiden Wörter gar noch durch einen Bindestrich, wieAtelier-Strauß,Tee-Meßmer, was doch nur Männer bezeichnen kann (der Atelier-Strauß, der Tee-Meßmer). In Sachsen gibt es wirklich Geschäftsleute, die sich mit solchen Namen bezeichnen und sich dadurch selber lächerlich machen, wie:Butter-Bader,Gold-Richter,Fahrrad-Klarner,Zigarren-Krause,Schokoladen-Hering.[99]Man könnte ebensogut eine Abfahrthalle auf dem Bahnhof dieAbfahrteinennen oder die Kopierstube im Amtsgericht dieAbschriftei.[100]Unsre Schiffe werden bekanntlich, wenn sie einen Länder- oder Städtenamen tragen, als Weiber betrachtet:die.[101]Die englische in einzelnen Fällen, wie:the now king,the then ministry,the above rule, die aber nicht von allen englischen Grammatikern gebilligt werden.[102]Wenn geschrieben wird: das Bild zeigt den Kaiserin fast Lebensgröße, so liegt wohl nur eine verkehrte Wortstellung vor (in faststattfast in).[103]Im Stephansdom in Wien ist etwas beisogleicher Wegweisungverboten.[104]Heinrich von Treitschke, ein Meister in der Kunst, deutsch zu schreiben, haßte sie aus tiefster Seele.[105]Nicht besser, eher schlimmer wird die Sache, wenn man die Apposition voranstellt:von PrivatdozentDr.Albert Schmidt,von ordentl. ProfessorE. Max, was doch unzweifelhaftvon ordentlicher(!) Professor gelesen werden soll.[106]In Leipzig fängt man jetzt gar an, zwischen Vornamen und Familiennamen einen Bindestrich zu setzen:Horst-Schulze,Hermann-Könnecke.[107]Der Deutsche sagt dafürRenommage, ein Wort, das es im Französischen gar nicht gibt![108]O. Schroeder, Vom papiernen Stil. 7. Aufl. Leipzig, 1908.[109]Beim Übersetzen aus dem Lateinischen z. B. sollte streng darauf gehalten werden, daß keinejusundeorummitdesselbenundderselbenübersetzt werde.[110]Es ist auch nicht nötig; spricht und betont doch jeder richtigderartig,dermaßen,dergestalt usw.[111]Bei einer Leichenfeier in der Universitätskirche in Leipzig sagte der Prediger, ein bedeutender Kanzelredner, in der gehobensten und feierlichsten Sprache: selbstdie, die diewissenschaftliche Bedeutung des Mannes nicht zu beurteilen wußten usw. Ich bin fest überzeugt, daß außer mir kein Mensch die dreidiegehört hat, obwohl Hunderte von Menschen in der Kirche saßen. Mir waren sie ein Labsal, weil sie Natur sind. Ob sie auch gedruckt worden sind, weiß ich nicht.[112]In der Dichtersprache wird auchrufennoch wie im alten Deutsch bisweilen mit dem Dativ verbunden (Goethe im Faust: Wer ruftmir? Gellert:Er ruft der Sonn’, er schafft den Mond). Auch hier ist aber dann ein Bedeutungsunterschied;rufensteht hier im Sinne vonzurufen,gebieten.[113]In der ältern Sprache hatte auchberichtenden Akkusativ der Person mit nachfolgendem Objektsatz bei sich, z. B. ob sie gleich denKurfürstenmit Lügenberichteten, die hohe Schule zu Wittenberg wäre die studentenreichste. Heute ist das einzige sinnverwandte Zeitwort, das mit einem Akkusativ der Person und einem Objektsatze verbunden werden kann, das verhältnismäßig jungebenachrichtigen.[114]Nur mit den Bildungen aufbarnimmt man es nicht so genau, wieunentrinnbarzeigt.[115]Eine ähnlich merkwürdige Bildung wievolleristMaler,Stücker,Tager,Jahrerin Verbindungen wie:ein Maler drei,ein Stücker drei,ein Jahrer fünf,ein Tager sechsu. ähnl. Hier ist daserder Rest eines rasch und nachlässig gesprochnenoder:ein Stück oder drei. Diese Verbindungen würden sich aber doch in der guten Schriftsprache recht seltsam ausnehmen, sie gehören nur noch der Umgangssprache an.[116]Nur in Verbindungen wie: ein Kaffeeerster Sorte, ein Künstlerzweiten Ranges, ein Wagendritter Klasse, ein Sternvierter Größebleibt der bestimmte Artikel vor den Ordinalzahlen weg.[117]Hierher gehört auch der beliebte Fehler:ausaller HerrnLänder, der dem Wohllaut zuliebe entstanden ist: das doppelteernschien unerträglich. Aber noch unerträglicher ist doch der Akkusativ hinteraus, man schreibe nur, wie sichs gehört:ausaller HerrenLändern.[118]Nur bei vielgebrauchten Redensarten, an deren eigentliche Bedeutung niemand mehr denkt, wie:im Stande,im Begriff,im Interesse,im Sinne,im Lichte,im Spiegel,zum Besten, ist im Dativ die Verschmelzung vollständig durchgedrungen. Niemand sagt: die Heimat der Indogermanenin dem Lichteder urgeschichtlichen Forschung – Napoleons Todin dem Spiegelzeitgenössischer Dichtung – wir sindin dem Begriff, abzureisen – ich bin nichtin dem Stande, einen Bissen zu essen. Dagegen läßt sich wohl unterscheiden: das Haus ist wiederin Standgesetzt worden, und: der Verfasser will unsin den Standsetzen, selbst an der Forschungteilzunehmen. Bei dem bloßenin Stand(d. h. in’n Stand) ist der Artikel verschlungen (vgl.in Händenhaben,in Kaufnehmen).[119]An den Leipziger Pferdebahnwagen war am Hintertritt folgender Satz mit Gänsefüßchen (!) angeschrieben: „Dieser Platz des Hinterperrons bleibt frei.“ Offenbar war der Satz ein Zitat. Aber woher? Büchmann gibt keine Auskunft.[120]Ein gemeiner Provinzialismus (aus Berlin?), der aber neuerdings rasch Fortschritte macht, ist der Gebrauch vonhochfürobenund zugleich fürhinauf,herauf,empor,in die Höhe, z. B.hoch kommen,hoch gehen,hoch holen(eine Flasche aus dem Keller); wenn ich einmalhoch bin, dann geh ich nicht gleich wieder runter; ein ebenso gemeiner (aus Wien?) der Gebrauch vonobenfürhinauf, z. B.oben gehen. In anständigem Deutsch geht man wederhochnochoben, sondernhinauf.[121]Dieser dumme Strich hat es mit sich gebracht, daß nun auch geschrieben wird:zwischen 1670 bis 1710. Offenbar hatte einer geschrieben:zwischen1670–1710, ein andrer schrieb das ab und wollte ein Wort aus dem Striche machen. Hier hätte er aber den Strich alsundlesen sollen! Besser, man macht keine Striche, sondern schreibt Wörter.[122]Wenn Wolfgang Müller von der Wunderblume singt: Sie blüht nureinmal alle hundert Jahr, so heißt das nur, daß sie im Verlaufe von hundert Jahreneinmalblühe. Soll aber ausgedrückt werden, daß sie in regelmäßigen Zwischenräumen von hundert Jahren blühe, so ist daseinmalganz überflüssig; dann genügt es, sagen: sie blühtaller hundert Jahr.[123]Ich hatte einmal eine Zeit lang in regelmäßigen Zwischenräumen in der Zeitung bekanntzumachen, daßnächste Mittwoch Abend 8 Uhreine gewisse Versammlung abgehalten werde (ich gehöre nämlich zu den altmodischen Leuten, dieMittwochnoch für ein Wort weiblichen Geschlechts halten). Regelmäßig hatte mir der Zeitungsetzer, der es natürlich besser wußte,nächste Mittwoch Abendsdaraus gemacht, bis ich mirs endlich verbat.[124]Bei Handlungen, die noch bevorstehen, wird die erste Verbindung vorgezogen, bei Handlungen, die vorüber sind, die zweite. Wann wird er zurückkehren? (Den) Donnerstag. Wann ist er zurückgekehrt?AmDonnerstag.[125]Zu den nicht auszurottenden Scherzen der Geschäftssprache gehört das sogenannte „Undzeichen“ &, das angeblich zur Abkürzung des Wörtchensundgebraucht wird. Es ist aber gar kein Undzeichen, sondern es ist weiter nichts als das verschnörkelte lateinische Wörtchenet. Aber alle Geschäftsleute und Firmenschreiber sind glückselig, wenn sie schreiben können:CalwetStuttgart,MaxetJohann Schneider,TricotagenetStrumpfwaren,ConditoreietCafé, Schnitzel mitSchotenetKarotten. Als ob nicht und eben so kurz wäre![126]Durch falsche Stellung oder Beziehung der Negation kann der Sinn eines Satzes vollständig verschoben werden. Es ist ein großer Unterschied, ob ich sage:Nicht alleBücher dieses Verzeichnisses sind eingebunden, oder:AlleBücher dieses Verzeichnisses sindnicht eingebunden. Auf den Programmen der Leipziger Gewandhauskonzerte steht: Für die Aufführung sämtlicher Nummern dieses Programms wird keine Gewähr übernommen, d. h.: es ist möglich, daß dasganzeProgrammnicht aufgeführtwird – eine schöne Aussicht! Die Direktion will aber sagen: es ist möglich, daßnicht das ganzeProgrammaufgeführtwird. Das hätte sie auf ihre Weise so ausdrücken müssen: Dafür, daß sämtliche Nummern dieses Programms aufgeführt werden, wird keine Gewähr übernommen.[127]Freilich warkeinursprünglich gar kein verneinendes, sondern ein unbestimmtes Fürwort (irgend ein). Luther hat es sicherlich noch so gefühlt.[128]Es gibt jetzt Schriftsteller, die vor lauter Ziererei nicht mehrtraurigsagen, sondernunfroh.[129]In der Schiffersprache geht manin See,an Land,an Bord,auf Deck, und der Soldat ziehtauf Wache. Neuerdings ist es aber auch fein geworden, nicht mehrauf die Jagdzu gehen, sondernauf Jagd(oder vielmehrauf Jacht, natürlich nachdem man vorher ein Stück „mitmZuchjefahren is“), und der junge Leutnant wirdauf Festungkommandiert oder gehtauf Kriegsschule. Schließlich geht man vielleicht auch nochauf Universität, setzt sichauf Stuhlund klettertauf Baum.[130]Falsch ist es natürlich auch, das Hauptwort solcher Redensarten in die Mehrzahl zu setzen: hierübersindneuerdingsKlagen geführtworden. Man führt nurKlage, aber nichtKlagen.[131]Solche Zusammenziehungen stehen ungefähr auf derselben Stufe wie die bekannten scherzhaften Wortverbindungen:geo- und arithmetisch– teilsaus Frömmig-, teilszum Zeitvertreib– der heutige Tag wird mir ewigdenk-undgegenwärtigbleiben.[132]Vollends arg sind Zusammenziehungen wie:unsreArbeit undStreben. Über solche Sudelei ist natürlich kein Wort zu verlieren; für sie gibt es auch keinen Schein von Entschuldigung.[133]Das geschieht z. B. bei der Verdopplung einer Präposition wie: an diese Jugendarbeit schlossen sich mehrere Dramenan– sie tratenausder Landeskircheaus– man warf ihnausdem Zimmerhinaus– das Gymnasium gerietineinen innern Widerspruchhinein– dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Fadendurchdas Gesetzhindurch– wir können uns schlechterdings nichtdarum herumdrücken. Gegen solche Verdopplungen ist nichts einzuwenden.[134]Von einem Leipziger Bankier erzählt man, daß er auf die Frage, ob er eine gewisse ausländische Geldsorte beschaffen könne, mit der Gegenfrage geantwortet habe: muß es dennjetzt alleweile gleich in demselben Momentesein? Ein Schaubudenbesitzer macht bekannt: „Morgen Eintrittausschließlich nur alleinfür Damen.“[135]Dabei hier noch der gemeine Provinzialismus, daßbrauchenmit dem bloßen Infinitiv verbunden ist! (Vgl.S. 61.)[136]Ein neutraler Begriff istLage. Ich binin der Lage– kann ebensogut heißen: ich habe die Möglichkeit, wie: ich bin genötigt. Hier muß die besondre Art der Lage durch einkönnenodermüssennäher bezeichnet werden. Dagegen ist es natürlich überflüssig, zu schreiben: er wird in dieZwangslagegebracht, sich mit einer Stellung zweiten Ranges begnügen zumüssen. Vereinzelt wird übrigens auch der umgekehrte Fehler gemacht, nämlich das Hilfszeitwort weggelassen, wo es ganz notwendig ist, z. B.: wir erklärten,dazubleiben– wo es heißen muß: dableiben zuwollen, denn inerklärenliegt noch nicht der Begriff der Absicht.[137]Alle diese Beispiele sind, wie ausdrücklich bemerkt werden mag, nicht erfunden![138]Übrigens kann ein Bild auch ohne Vermengung mit andern geschmacklos wirken, nämlich dann, wenn es zu sehr ausgetitscht wird; so, wenn es von den Arbeiten, die ein Schriftsteller seinem Verleger einsandte, heißt: jedejährliche Ernteseines Fleißes und Talentes hat erin den Hofdes befreundeten Hauseseingefahren.[139]Mit dem Voranstellen des abhängigen Genitivs muß man überdies vorsichtig sein. Vor kurzem ist ein Buch erschienen:Lichtenbergs Mädchen. Da fragt doch der Leser sofort:dasoderdie?[140]Das Mitglied Eugen Richter des Reichstagshabe ich wirklich gedruckt gelesen.[141]Die Inversion findet sich in der ältern Zeit auch nachdennundnämlich; wird das heute jemand nachmachen wollen? Vortrefflich schließt O. Erdmann einen Aufsatz über die Geschichte der Inversion mit den Worten: „Das historische Studium des ältern Sprachgebrauchs soll einem vernünftigen und kräftigen Streben nach Regelrichtigkeit des gegenwärtigen und künftigen nicht hinderlich, sondern förderlich werden.“[142]Ein Meister des deutschen Stils, Otto Gildemeister, schrieb einem jungen Neffen, als dieser in einem Brief an ihn eine Inversion gebraucht hatte: So schreiben Kommis und schlechte Journalisten, aber kein edler deutscher Jüngling. Diese Inversion ist so schlimm wie mit dem Messer essen. Tu es nicht wieder![143]Tausendmal habe ich bei der Durcharbeitung von Manuskripten dassichheraufgeholt an die richtige Stelle, und niemals haben die Verfasser, wenn sie die Druckkorrektur bekamen, etwas davon gemerkt; alle haben darüber weggelesen, als ob sie selber so geschrieben hätten. Und hundertmal ist mir in Manuskripten der Fall begegnet, daß der Verfasser bei der ersten Niederschrift dassichan die richtige Stelle gesetzt, aber beim Wiederdurchlesen dort ausgestrichen und dann hinten, unmittelbar vor dem Verbum, hineingeflickt hatte – niemals das umgekehrte! Damit ist schlagend bewiesen, daß die Voranstellung dessichdas natürliche ist und das, was jedem, der unbefangen schreibt, aus der lebendigen Sprache zunächst in die Feder läuft; erst wenn das Drechseln und Feilen beginnt, entsteht die Unnatur.[144]Nur wo ein Mißverständnis, eine Verwechslung von Subjekt und Objekt möglich ist, hat es einen Sinn, das Subjekt in dieser ängstlichen Weise vor das Fürwort zu stellen, z. B. Vater und Mutter müssen sich darein finden, daßdie Kinder sieverlassen. Aber ist etwa ein Mißverständnis möglich, wenn man sagt: Tatsachen machen sich geltend, gleichviel obsie die Juristendefinieren können oder nicht? Wird hier jemanddie Juristenfür das Objekt halten?[145]Der Ausdruck ist von Gottfried Hermann gebildet.[146]Der Volksmund vermeidet das sogar zuweilen bei dem unbestimmten Artikel und dem unbestimmten Fürwort und sagt: das istgar einmerkwürdiger Mensch, das istganz wasfeines.[147]Tausendmal habe ich in Manuskripten auch diese häßliche Wortstellung beseitigt, und niemals haben die Verfasser, wenn sie ihre Druckkorrektur erhielten, von der Änderung etwas gemerkt, immer haben sie ohne Anstoß darüber weggelesen, also offenbar geglaubt, sie hätten selber so geschrieben! Wenn es wirklich ein so starkes logisches Bedürfnis wäre, das Adverb einzuschieben, so hätte doch einmal einer Anstoß nehmen und seine ursprüngliche Fassung wiederherstellen müssen![148]Ein harmloses Menschenkind, dem die zwei Präpositionen hintereinander doch wider den Strich gingen, schrieb:mit Zumherunterlasseneingerichteten Fenstern![149]Ähnlich: der Dichter begnügt sich mit einer Skizze,da wowir ein ausgeführtes Bild erwarten. Nach dem Satzbau: der Dichter begnügt sich mit einer Skizzeda, wowir usw.[150]In dem hübschen Scherz: Der Papierreisende (Gesammelte Schriften, Bd. 2).[151]Bedingungssätze statt mitwennmit dem Verbum anzufangen ist an sich nicht übel, nur darf das Verbum dann nicht unmittelbar hinter dem des Hauptsatzes stehen, z. B. ich mußeilen, willich den Zug nicht versäumen – ein gewissenhafter Manndarf, willer seinen Ruf nicht gefährden – es ist manches verschwiegen, was gesagt werdenmüßte, solltedie Veröffentlichung überhaupt Berechtigung haben. Wer laut schreibt, wird so etwas nie schreiben. Die beiden Verba platzen aufeinander wie ein paar Lokomotiven. Schreibt manwenn, so mündet der Nebensatz leicht und natürlich ein wie ein Nebenflüßchen, das den Fluß des Hauptsatzes beschleunigt. Hüten muß man sich vor der Häufung einsilbiger Wörter. Doch kann auch eine lange Reihe einsilbiger Wörter ganz fließend klingen, wenn sie durch den Akzent zu Gruppen zusammengefaßt werden, z. B.: ein Umstand, wie es ihn | bis jetzt | noch fast gar nicht | gegeben hat.

[72]An ein Hauptwort kann ein Infinitivsatz mitum zuniemals angeschlossen werden, selbst nicht an einen substantivierten Infinitiv. Wenn auf Konzertprogrammen steht:Das Belegender Plätze,umsolche Späterkommendenzu sichern, ist streng untersagt – so ist das ein Schnitzer.

[72]An ein Hauptwort kann ein Infinitivsatz mitum zuniemals angeschlossen werden, selbst nicht an einen substantivierten Infinitiv. Wenn auf Konzertprogrammen steht:Das Belegender Plätze,umsolche Späterkommendenzu sichern, ist streng untersagt – so ist das ein Schnitzer.

[73]Außerdem die partizipähnlichen passiven Formen:zu hoffend,zu fürchtend,anzuerkennend, die durch Anhängen eines unorganischen d aus dem Infinitiv mitzuentstanden sind.

[73]Außerdem die partizipähnlichen passiven Formen:zu hoffend,zu fürchtend,anzuerkennend, die durch Anhängen eines unorganischen d aus dem Infinitiv mitzuentstanden sind.

[74]Nur in einzelnen Fällen kann das passive Partizip die Gegenwart bedeuten, z. B. das von mirbewohnteHaus (d. i. das Haus, das von mirbewohnt wird). Eine Anzeige also wie die folgende: die von dem verstorbenen Rentier Sch.bewohnteWohnung ist zu Ostern anderweit zu vermieten – kann einem geradezu gruselig machen; hier muß es heißen: diebewohnt gewesene.

[74]Nur in einzelnen Fällen kann das passive Partizip die Gegenwart bedeuten, z. B. das von mirbewohnteHaus (d. i. das Haus, das von mirbewohnt wird). Eine Anzeige also wie die folgende: die von dem verstorbenen Rentier Sch.bewohnteWohnung ist zu Ostern anderweit zu vermieten – kann einem geradezu gruselig machen; hier muß es heißen: diebewohnt gewesene.

[75]Zur Verzierung von Leipziger Wäschschränken wurde eine Zeit lang mit Vorliebe der Spruch gestickt:Geblühtim Sommerwinde,Gebleichtauf grüner Au,Ruht still es nun im SpindeZum Stolz der deutschen Frau.Gebleichtist richtig; aber daß dasgeblühtden Stolz der deutschen Frau nicht verletzte, war zu verwundern.

[75]Zur Verzierung von Leipziger Wäschschränken wurde eine Zeit lang mit Vorliebe der Spruch gestickt:

Geblühtim Sommerwinde,Gebleichtauf grüner Au,Ruht still es nun im SpindeZum Stolz der deutschen Frau.

Geblühtim Sommerwinde,Gebleichtauf grüner Au,Ruht still es nun im SpindeZum Stolz der deutschen Frau.

Geblühtim Sommerwinde,Gebleichtauf grüner Au,Ruht still es nun im SpindeZum Stolz der deutschen Frau.

Geblühtim Sommerwinde,

Gebleichtauf grüner Au,

Ruht still es nun im Spinde

Zum Stolz der deutschen Frau.

Gebleichtist richtig; aber daß dasgeblühtden Stolz der deutschen Frau nicht verletzte, war zu verwundern.

[76]In Bibliotheksbekanntmachungen liest man gelegentlich sogar von demnächststattzufindendenRevisionen, und in Kunstausstellungsprogrammen von einer aus sechs Mitgliedernzu bestehendenJury!

[76]In Bibliotheksbekanntmachungen liest man gelegentlich sogar von demnächststattzufindendenRevisionen, und in Kunstausstellungsprogrammen von einer aus sechs Mitgliedernzu bestehendenJury!

[77]Und auch in Mittel- und Norddeutschland spricht man vongestandnem Wasser(im Gegensatz zu frischem).

[77]Und auch in Mittel- und Norddeutschland spricht man vongestandnem Wasser(im Gegensatz zu frischem).

[78]Vor einiger Zeit hatte ich an mehrere hundert Personen eine Zuschrift abzufassen, auf die ebenso viel hundert teils ablehnende, teils zustimmende Antworten eingingen. Ich beauftragte einen Schreiber mit der Durchsicht und Ordnung der eingelaufenen Antworten. Als er fertig war, legte er mir zwei Mappen vor, und auf der einen stand:abgelehnte Schreiben, auf der andern:angenommene Schreiben. Ich fragte ihn, was das heißen solle. Nun, das hier sagte er, sind die Schreiben, die angenommen haben, und das hier die, die abgelehnt haben.

[78]Vor einiger Zeit hatte ich an mehrere hundert Personen eine Zuschrift abzufassen, auf die ebenso viel hundert teils ablehnende, teils zustimmende Antworten eingingen. Ich beauftragte einen Schreiber mit der Durchsicht und Ordnung der eingelaufenen Antworten. Als er fertig war, legte er mir zwei Mappen vor, und auf der einen stand:abgelehnte Schreiben, auf der andern:angenommene Schreiben. Ich fragte ihn, was das heißen solle. Nun, das hier sagte er, sind die Schreiben, die angenommen haben, und das hier die, die abgelehnt haben.

[79]Daher hat es ja seinen Namen. Partizipium kommt her vonparticeps, d. h. Anteil habend; es ist davon genannt, daß es zugleich am Verbum und am Nomen Anteil hat, zwischen beiden ein Mittelding ist. Darum hat man es ja auch in der Volksschulgrammatik durch Mittelwort übersetzt.

[79]Daher hat es ja seinen Namen. Partizipium kommt her vonparticeps, d. h. Anteil habend; es ist davon genannt, daß es zugleich am Verbum und am Nomen Anteil hat, zwischen beiden ein Mittelding ist. Darum hat man es ja auch in der Volksschulgrammatik durch Mittelwort übersetzt.

[80]In Ermanglungist mir immer so vorgekommen, als ob sichs einer als schlechten Witz ausgedacht hätte, um den Aktenstil zu verhöhnen, um zu probieren, ob es ihm wohl einer nachmachen würde.

[80]In Ermanglungist mir immer so vorgekommen, als ob sichs einer als schlechten Witz ausgedacht hätte, um den Aktenstil zu verhöhnen, um zu probieren, ob es ihm wohl einer nachmachen würde.

[81]Übrigens fehlt es auch nicht an Beispielen, wo noch dazu das Hauptwort aufungvon einem Zeitwort gebildet ist, das den Dativ regiert, also eigentlich gar keinen Objektsgenitiv zu sich nehmen kann, wie: der Zinsfuß wird herabgesetztin Entsprechungeines Gesuchs (vgl.S. 243). Eine Behörde schreibt:In Begegnung von(!) an (!) andern Orten sich ereignet habenden (!) Vorgängen wird hierdurch bekanntgemacht; das soll heißen:umVorgängenzu begegnen(vorzubeugen), wie sie sich an andern Orten ereignet haben.

[81]Übrigens fehlt es auch nicht an Beispielen, wo noch dazu das Hauptwort aufungvon einem Zeitwort gebildet ist, das den Dativ regiert, also eigentlich gar keinen Objektsgenitiv zu sich nehmen kann, wie: der Zinsfuß wird herabgesetztin Entsprechungeines Gesuchs (vgl.S. 243). Eine Behörde schreibt:In Begegnung von(!) an (!) andern Orten sich ereignet habenden (!) Vorgängen wird hierdurch bekanntgemacht; das soll heißen:umVorgängenzu begegnen(vorzubeugen), wie sie sich an andern Orten ereignet haben.

[82]In Leipzig empfiehlt man freilich auchecht Madeirahandarbeiten,echt Goseundecht Bütten(nämlich-papier)!

[82]In Leipzig empfiehlt man freilich auchecht Madeirahandarbeiten,echt Goseundecht Bütten(nämlich-papier)!

[83]Manche Leute sind in diese Formen auferso vernarrt, daß sie sie sogar von Wörtern bilden, die gar keine wirklichen Ortsnamen sind. So redeten die Leipziger Förster früher vomRosentäler, vomKuhturmerund vomBurgauerRevier, statt vomRosentalrevier,Kuhturmrevier,Burgauenrevier. Ob sies auch heute noch tun, weiß ich nicht.

[83]Manche Leute sind in diese Formen auferso vernarrt, daß sie sie sogar von Wörtern bilden, die gar keine wirklichen Ortsnamen sind. So redeten die Leipziger Förster früher vomRosentäler, vomKuhturmerund vomBurgauerRevier, statt vomRosentalrevier,Kuhturmrevier,Burgauenrevier. Ob sies auch heute noch tun, weiß ich nicht.

[84]Über die Bedeutung mancher von unsern Straßennamen herrscht ohnehin in den Köpfen der Masse eine solche Unklarheit, daß man sie nicht noch durch fehlerhafte Schreibung zu steigern braucht. Unter den Straßen Leipzigs, die nach den Helden der Freiheitskriege genannt sind, ist auch eineLützowstraße, eineSchenkendorfstraße, eineGneisenaustraße. Was machen die Kinder daraus, die kleinen wie die großen Kinder? EineLützower Straße, eineSchenkendorfer Straße, eineGneisenauer Straße! Wir haben ferner eineSenefelderstraße. Auch die wird im Volksmunde alsSenefelder Straßeverstanden. Freilich gibt es bei Leipzig kein Senefeld, kein Schenkendorf, kein Gneisenau, kein Lützow. Aber das Volk, namentlich das ewig zu- und abfließende niedrige Volk, weiß doch von der Umgebung Leipzigs ebensowenig etwas wie von dem Erfinder der Lithographie und den großen Männern der Freiheitskriege. Wurde doch auch dieFichtestraße, als sie neu war, sofort alsFichtenstraßeverstanden, und ein unternehmender Schenkwirt eröffnete dort schleunigst ein „Restaurant zur Fichte“!

[84]Über die Bedeutung mancher von unsern Straßennamen herrscht ohnehin in den Köpfen der Masse eine solche Unklarheit, daß man sie nicht noch durch fehlerhafte Schreibung zu steigern braucht. Unter den Straßen Leipzigs, die nach den Helden der Freiheitskriege genannt sind, ist auch eineLützowstraße, eineSchenkendorfstraße, eineGneisenaustraße. Was machen die Kinder daraus, die kleinen wie die großen Kinder? EineLützower Straße, eineSchenkendorfer Straße, eineGneisenauer Straße! Wir haben ferner eineSenefelderstraße. Auch die wird im Volksmunde alsSenefelder Straßeverstanden. Freilich gibt es bei Leipzig kein Senefeld, kein Schenkendorf, kein Gneisenau, kein Lützow. Aber das Volk, namentlich das ewig zu- und abfließende niedrige Volk, weiß doch von der Umgebung Leipzigs ebensowenig etwas wie von dem Erfinder der Lithographie und den großen Männern der Freiheitskriege. Wurde doch auch dieFichtestraße, als sie neu war, sofort alsFichtenstraßeverstanden, und ein unternehmender Schenkwirt eröffnete dort schleunigst ein „Restaurant zur Fichte“!

[85]Als vor einigen Jahren die Firma August Scherl den Verlag des Leipziger Adreßbuchs an sich gebracht hatte, beliebte es ihr, alle Leipziger Straßennamen über einen Kamm zu scheren und sie alle als zusammengesetzte Wörter drucken zu lassen:Dresdnerstraße,Grimmaischestraße,Hohestraßeusw., obwohl in allen amtlichen Veröffentlichungen und an allen Straßenecken zwischen zusammengesetzten und nicht zusammensetzbaren Namen streng geschieden wird, auch das frühere Adreßbuch dazwischen streng geschieden hatte. Zum Glück griff sofort die Behörde ein und zwang den Verleger, vom nächsten Jahrgang an die Namen wieder richtig zu drucken. Geschadet hat aber doch das böse Beispiel ungeheuer. Der Verlag der bekannten Leipziger Illustrierten Zeitung befindet sich noch heute aufder Reudnitzerstraße!

[85]Als vor einigen Jahren die Firma August Scherl den Verlag des Leipziger Adreßbuchs an sich gebracht hatte, beliebte es ihr, alle Leipziger Straßennamen über einen Kamm zu scheren und sie alle als zusammengesetzte Wörter drucken zu lassen:Dresdnerstraße,Grimmaischestraße,Hohestraßeusw., obwohl in allen amtlichen Veröffentlichungen und an allen Straßenecken zwischen zusammengesetzten und nicht zusammensetzbaren Namen streng geschieden wird, auch das frühere Adreßbuch dazwischen streng geschieden hatte. Zum Glück griff sofort die Behörde ein und zwang den Verleger, vom nächsten Jahrgang an die Namen wieder richtig zu drucken. Geschadet hat aber doch das böse Beispiel ungeheuer. Der Verlag der bekannten Leipziger Illustrierten Zeitung befindet sich noch heute aufder Reudnitzerstraße!

[86]Freilich findet sich auch schon in Leipziger Urkunden des fünfzehnten Jahrhunderts:uf der nuwestrasse(auf derNeuen Straße).

[86]Freilich findet sich auch schon in Leipziger Urkunden des fünfzehnten Jahrhunderts:uf der nuwestrasse(auf derNeuen Straße).

[87]Auf der einen Seite schreiben sie:Kaiser Park,Hôtel Eingang, hier werdenKinderundDamenschuhegemacht, auf der andern Seite:Grüne-Waren,Täglich-frei-Konzertu. ähnl.

[87]Auf der einen Seite schreiben sie:Kaiser Park,Hôtel Eingang, hier werdenKinderundDamenschuhegemacht, auf der andern Seite:Grüne-Waren,Täglich-frei-Konzertu. ähnl.

[88]Nachdem dieSprachdummheitenerschienen waren, redeten auch andre vonSprachsünden,Sprachleben,Sprachgefühlusw. Wären dieSprachdummheitennicht vorangegangen, so kann man sicher sein, daß die andern von sprachlichenSünden, sprachlichemLeben, sprachlichemGefühl geredet hätten.

[88]Nachdem dieSprachdummheitenerschienen waren, redeten auch andre vonSprachsünden,Sprachleben,Sprachgefühlusw. Wären dieSprachdummheitennicht vorangegangen, so kann man sicher sein, daß die andern von sprachlichenSünden, sprachlichemLeben, sprachlichemGefühl geredet hätten.

[89]Es handelt sich um Beobachtungen an dem noch ungebornen Kinde!

[89]Es handelt sich um Beobachtungen an dem noch ungebornen Kinde!

[90]Fühlt man denn gar nicht, daß bei dersilbernenund dergoldnen Hochzeitdassilbernundgoldennur ein schönes Gleichnis ist, wie beimsilbernenundgoldnen Zeitalter? und daß dieses Gleichnis durchSilberhochzeit sofort zerstört und die Vorstellung in plumper Weise auf das Metall gelenkt wird, das dem Jubelpaar in Gestalt von Bechern, Tafelaufsätzen u. dgl. winkt? Oder wollen wir in Zukunft auch von derGoldhochzeitund vomGoldzeitalterreden? Wir reden von einemBronzezeitalter, aber in wie anderm Sinne! Daß schon Goethe einmal das WortSilberhochzeitgebraucht – in einem Brief an Schiller nennt er Gedichte Wielands „Schoßkinder seines Alters, Produkte einer Silberhochzeit“ –, auch Rückert einmal (in trochäischen Versen, wosilberne Hochzeitgar nicht unterzubringen gewesen wäre), will gar nichts sagen.

[90]Fühlt man denn gar nicht, daß bei dersilbernenund dergoldnen Hochzeitdassilbernundgoldennur ein schönes Gleichnis ist, wie beimsilbernenundgoldnen Zeitalter? und daß dieses Gleichnis durchSilberhochzeit sofort zerstört und die Vorstellung in plumper Weise auf das Metall gelenkt wird, das dem Jubelpaar in Gestalt von Bechern, Tafelaufsätzen u. dgl. winkt? Oder wollen wir in Zukunft auch von derGoldhochzeitund vomGoldzeitalterreden? Wir reden von einemBronzezeitalter, aber in wie anderm Sinne! Daß schon Goethe einmal das WortSilberhochzeitgebraucht – in einem Brief an Schiller nennt er Gedichte Wielands „Schoßkinder seines Alters, Produkte einer Silberhochzeit“ –, auch Rückert einmal (in trochäischen Versen, wosilberne Hochzeitgar nicht unterzubringen gewesen wäre), will gar nichts sagen.

[91]Darum gehört auch die Behandlung dieses Fehlers nicht, wie manche wohl meinen könnten, in die Wortbildungslehre, sondern sie gehört in die Satzlehre. Der Fehler liegt nicht in der Bildung der Adjektiva – gebildet sind sie ja richtig –, sondern in ihrer falschen Anwendung.

[91]Darum gehört auch die Behandlung dieses Fehlers nicht, wie manche wohl meinen könnten, in die Wortbildungslehre, sondern sie gehört in die Satzlehre. Der Fehler liegt nicht in der Bildung der Adjektiva – gebildet sind sie ja richtig –, sondern in ihrer falschen Anwendung.

[92]Zu welcher Geschmacklosigkeit sich manche Leute verirren vor lauter Angst, mißverstanden zu werden, dafür noch ein Beispiel. Ein Zeichenlehrer wollte einen Unterrichtskursus für Damen ankündigen. Aber das WortDamenwollte er als Fremdwort nicht gebrauchen,Frauenauch nicht, denn dann wären am Ende die Mädchen ausgeblieben, auf die ers besonders abgesehen hatte,Frauen und Mädchenaber auch nicht, denn dann wären vielleicht Schulmädchen mitgekommen, die er nicht haben wollte. Was kündigte er also an? Zeichenunterricht fürerwachsene Personen weiblichen Geschlechts!

[92]Zu welcher Geschmacklosigkeit sich manche Leute verirren vor lauter Angst, mißverstanden zu werden, dafür noch ein Beispiel. Ein Zeichenlehrer wollte einen Unterrichtskursus für Damen ankündigen. Aber das WortDamenwollte er als Fremdwort nicht gebrauchen,Frauenauch nicht, denn dann wären am Ende die Mädchen ausgeblieben, auf die ers besonders abgesehen hatte,Frauen und Mädchenaber auch nicht, denn dann wären vielleicht Schulmädchen mitgekommen, die er nicht haben wollte. Was kündigte er also an? Zeichenunterricht fürerwachsene Personen weiblichen Geschlechts!

[93]Auch sie hat es übrigens nicht immer gegeben. Noch im siebzehnten Jahrhundert erteilte, wer mit seinemhalben Bruderim Streite lag, einem Anwaltvolle Macht, den Prozeß zu führen, noch 1820 wurde auf der Leipziger Messe vonkurzen Warengesprochen.

[93]Auch sie hat es übrigens nicht immer gegeben. Noch im siebzehnten Jahrhundert erteilte, wer mit seinemhalben Bruderim Streite lag, einem Anwaltvolle Macht, den Prozeß zu führen, noch 1820 wurde auf der Leipziger Messe vonkurzen Warengesprochen.

[94]Neuerdings hat man es durchUraufführungersetzt, kein glücklicher Ersatz.

[94]Neuerdings hat man es durchUraufführungersetzt, kein glücklicher Ersatz.

[95]Daher Ortsnamen wieKarlsruhe,Ludwigsburg,Wilhelmshaven, die ja nichts andres sind alsKarls Ruheusw.

[95]Daher Ortsnamen wieKarlsruhe,Ludwigsburg,Wilhelmshaven, die ja nichts andres sind alsKarls Ruheusw.

[96]Das Haarsträubendste, was auf diesem Gebiete geleistet worden ist, sind wohl die Ausdrücke, die einem täglich in den Zeitungen entgegenschreien:Henckell Trocken,Kupferberg Goldu. ähnl. Als vernünftiger Mensch möchte man sich doch hierbei gern etwas denken und fragt: Was sind denn das für Waren:TrockenundGold? Es sind gar keine Waren, die Bezeichnung der Ware fehlt hier ganz! Gemeint istHenckellscher Schaumwein,Kupferbergscher Schaumwein. Aber keiner der beiden Fabrikanten sagt das, sondern der eine schreibt statt der Ware eine Eigenschaft der Ware hin (sec,dry), aber mit großem Anfangsbuchstaben, sodaß sie jeder denkende Mensch für die Bezeichnung der Ware selbst halten muß, der andre die Art der Ausstattung, dennGoldsoll sich doch wohl auf die Farbe der Kapsel beziehen? Die Sprache mancher afrikanischen Wilden ist gebildeter und fortgeschrittner als solches Fabrikantendeutsch.

[96]Das Haarsträubendste, was auf diesem Gebiete geleistet worden ist, sind wohl die Ausdrücke, die einem täglich in den Zeitungen entgegenschreien:Henckell Trocken,Kupferberg Goldu. ähnl. Als vernünftiger Mensch möchte man sich doch hierbei gern etwas denken und fragt: Was sind denn das für Waren:TrockenundGold? Es sind gar keine Waren, die Bezeichnung der Ware fehlt hier ganz! Gemeint istHenckellscher Schaumwein,Kupferbergscher Schaumwein. Aber keiner der beiden Fabrikanten sagt das, sondern der eine schreibt statt der Ware eine Eigenschaft der Ware hin (sec,dry), aber mit großem Anfangsbuchstaben, sodaß sie jeder denkende Mensch für die Bezeichnung der Ware selbst halten muß, der andre die Art der Ausstattung, dennGoldsoll sich doch wohl auf die Farbe der Kapsel beziehen? Die Sprache mancher afrikanischen Wilden ist gebildeter und fortgeschrittner als solches Fabrikantendeutsch.

[97]Überhaupt kann man nicht, um eine nähere Bestimmung zu schaffen, mechanisch alles mit allem zusammensetzen; es kommt doch sehr auf Sinn und Bedeutung der beiden Glieder an. BeiGesellschaftundVereinz. B. liegt der Gedanke an die Personen, die den Verein bilden, so nahe, daß es mindestens etwas kühn erscheint, eine Anzahl Geldleute eineAktiengesellschaftoder eineImmobiliengesellschaft, eine Gesellschaft von Schlittschuhläufern einenEisvereinund eine Vereinigung von Förstern einenForstvereinzu nennen. Noch gewagter ist es, daß sich die deutschen Papierhändler zu einemPapiervereinzusammengetan haben. Mit demselben Recht und demselben guten Geschmack könnte sich schließlich auch eine Fleischergesellschaft einenFleischvereinnennen.

[97]Überhaupt kann man nicht, um eine nähere Bestimmung zu schaffen, mechanisch alles mit allem zusammensetzen; es kommt doch sehr auf Sinn und Bedeutung der beiden Glieder an. BeiGesellschaftundVereinz. B. liegt der Gedanke an die Personen, die den Verein bilden, so nahe, daß es mindestens etwas kühn erscheint, eine Anzahl Geldleute eineAktiengesellschaftoder eineImmobiliengesellschaft, eine Gesellschaft von Schlittschuhläufern einenEisvereinund eine Vereinigung von Förstern einenForstvereinzu nennen. Noch gewagter ist es, daß sich die deutschen Papierhändler zu einemPapiervereinzusammengetan haben. Mit demselben Recht und demselben guten Geschmack könnte sich schließlich auch eine Fleischergesellschaft einenFleischvereinnennen.

[98]SchokoladeundTee– deutsch geschrieben! Manche verbinden die beiden Wörter gar noch durch einen Bindestrich, wieAtelier-Strauß,Tee-Meßmer, was doch nur Männer bezeichnen kann (der Atelier-Strauß, der Tee-Meßmer). In Sachsen gibt es wirklich Geschäftsleute, die sich mit solchen Namen bezeichnen und sich dadurch selber lächerlich machen, wie:Butter-Bader,Gold-Richter,Fahrrad-Klarner,Zigarren-Krause,Schokoladen-Hering.

[98]SchokoladeundTee– deutsch geschrieben! Manche verbinden die beiden Wörter gar noch durch einen Bindestrich, wieAtelier-Strauß,Tee-Meßmer, was doch nur Männer bezeichnen kann (der Atelier-Strauß, der Tee-Meßmer). In Sachsen gibt es wirklich Geschäftsleute, die sich mit solchen Namen bezeichnen und sich dadurch selber lächerlich machen, wie:Butter-Bader,Gold-Richter,Fahrrad-Klarner,Zigarren-Krause,Schokoladen-Hering.

[99]Man könnte ebensogut eine Abfahrthalle auf dem Bahnhof dieAbfahrteinennen oder die Kopierstube im Amtsgericht dieAbschriftei.

[99]Man könnte ebensogut eine Abfahrthalle auf dem Bahnhof dieAbfahrteinennen oder die Kopierstube im Amtsgericht dieAbschriftei.

[100]Unsre Schiffe werden bekanntlich, wenn sie einen Länder- oder Städtenamen tragen, als Weiber betrachtet:die.

[100]Unsre Schiffe werden bekanntlich, wenn sie einen Länder- oder Städtenamen tragen, als Weiber betrachtet:die.

[101]Die englische in einzelnen Fällen, wie:the now king,the then ministry,the above rule, die aber nicht von allen englischen Grammatikern gebilligt werden.

[101]Die englische in einzelnen Fällen, wie:the now king,the then ministry,the above rule, die aber nicht von allen englischen Grammatikern gebilligt werden.

[102]Wenn geschrieben wird: das Bild zeigt den Kaiserin fast Lebensgröße, so liegt wohl nur eine verkehrte Wortstellung vor (in faststattfast in).

[102]Wenn geschrieben wird: das Bild zeigt den Kaiserin fast Lebensgröße, so liegt wohl nur eine verkehrte Wortstellung vor (in faststattfast in).

[103]Im Stephansdom in Wien ist etwas beisogleicher Wegweisungverboten.

[103]Im Stephansdom in Wien ist etwas beisogleicher Wegweisungverboten.

[104]Heinrich von Treitschke, ein Meister in der Kunst, deutsch zu schreiben, haßte sie aus tiefster Seele.

[104]Heinrich von Treitschke, ein Meister in der Kunst, deutsch zu schreiben, haßte sie aus tiefster Seele.

[105]Nicht besser, eher schlimmer wird die Sache, wenn man die Apposition voranstellt:von PrivatdozentDr.Albert Schmidt,von ordentl. ProfessorE. Max, was doch unzweifelhaftvon ordentlicher(!) Professor gelesen werden soll.

[105]Nicht besser, eher schlimmer wird die Sache, wenn man die Apposition voranstellt:von PrivatdozentDr.Albert Schmidt,von ordentl. ProfessorE. Max, was doch unzweifelhaftvon ordentlicher(!) Professor gelesen werden soll.

[106]In Leipzig fängt man jetzt gar an, zwischen Vornamen und Familiennamen einen Bindestrich zu setzen:Horst-Schulze,Hermann-Könnecke.

[106]In Leipzig fängt man jetzt gar an, zwischen Vornamen und Familiennamen einen Bindestrich zu setzen:Horst-Schulze,Hermann-Könnecke.

[107]Der Deutsche sagt dafürRenommage, ein Wort, das es im Französischen gar nicht gibt!

[107]Der Deutsche sagt dafürRenommage, ein Wort, das es im Französischen gar nicht gibt!

[108]O. Schroeder, Vom papiernen Stil. 7. Aufl. Leipzig, 1908.

[108]O. Schroeder, Vom papiernen Stil. 7. Aufl. Leipzig, 1908.

[109]Beim Übersetzen aus dem Lateinischen z. B. sollte streng darauf gehalten werden, daß keinejusundeorummitdesselbenundderselbenübersetzt werde.

[109]Beim Übersetzen aus dem Lateinischen z. B. sollte streng darauf gehalten werden, daß keinejusundeorummitdesselbenundderselbenübersetzt werde.

[110]Es ist auch nicht nötig; spricht und betont doch jeder richtigderartig,dermaßen,dergestalt usw.

[110]Es ist auch nicht nötig; spricht und betont doch jeder richtigderartig,dermaßen,dergestalt usw.

[111]Bei einer Leichenfeier in der Universitätskirche in Leipzig sagte der Prediger, ein bedeutender Kanzelredner, in der gehobensten und feierlichsten Sprache: selbstdie, die diewissenschaftliche Bedeutung des Mannes nicht zu beurteilen wußten usw. Ich bin fest überzeugt, daß außer mir kein Mensch die dreidiegehört hat, obwohl Hunderte von Menschen in der Kirche saßen. Mir waren sie ein Labsal, weil sie Natur sind. Ob sie auch gedruckt worden sind, weiß ich nicht.

[111]Bei einer Leichenfeier in der Universitätskirche in Leipzig sagte der Prediger, ein bedeutender Kanzelredner, in der gehobensten und feierlichsten Sprache: selbstdie, die diewissenschaftliche Bedeutung des Mannes nicht zu beurteilen wußten usw. Ich bin fest überzeugt, daß außer mir kein Mensch die dreidiegehört hat, obwohl Hunderte von Menschen in der Kirche saßen. Mir waren sie ein Labsal, weil sie Natur sind. Ob sie auch gedruckt worden sind, weiß ich nicht.

[112]In der Dichtersprache wird auchrufennoch wie im alten Deutsch bisweilen mit dem Dativ verbunden (Goethe im Faust: Wer ruftmir? Gellert:Er ruft der Sonn’, er schafft den Mond). Auch hier ist aber dann ein Bedeutungsunterschied;rufensteht hier im Sinne vonzurufen,gebieten.

[112]In der Dichtersprache wird auchrufennoch wie im alten Deutsch bisweilen mit dem Dativ verbunden (Goethe im Faust: Wer ruftmir? Gellert:Er ruft der Sonn’, er schafft den Mond). Auch hier ist aber dann ein Bedeutungsunterschied;rufensteht hier im Sinne vonzurufen,gebieten.

[113]In der ältern Sprache hatte auchberichtenden Akkusativ der Person mit nachfolgendem Objektsatz bei sich, z. B. ob sie gleich denKurfürstenmit Lügenberichteten, die hohe Schule zu Wittenberg wäre die studentenreichste. Heute ist das einzige sinnverwandte Zeitwort, das mit einem Akkusativ der Person und einem Objektsatze verbunden werden kann, das verhältnismäßig jungebenachrichtigen.

[113]In der ältern Sprache hatte auchberichtenden Akkusativ der Person mit nachfolgendem Objektsatz bei sich, z. B. ob sie gleich denKurfürstenmit Lügenberichteten, die hohe Schule zu Wittenberg wäre die studentenreichste. Heute ist das einzige sinnverwandte Zeitwort, das mit einem Akkusativ der Person und einem Objektsatze verbunden werden kann, das verhältnismäßig jungebenachrichtigen.

[114]Nur mit den Bildungen aufbarnimmt man es nicht so genau, wieunentrinnbarzeigt.

[114]Nur mit den Bildungen aufbarnimmt man es nicht so genau, wieunentrinnbarzeigt.

[115]Eine ähnlich merkwürdige Bildung wievolleristMaler,Stücker,Tager,Jahrerin Verbindungen wie:ein Maler drei,ein Stücker drei,ein Jahrer fünf,ein Tager sechsu. ähnl. Hier ist daserder Rest eines rasch und nachlässig gesprochnenoder:ein Stück oder drei. Diese Verbindungen würden sich aber doch in der guten Schriftsprache recht seltsam ausnehmen, sie gehören nur noch der Umgangssprache an.

[115]Eine ähnlich merkwürdige Bildung wievolleristMaler,Stücker,Tager,Jahrerin Verbindungen wie:ein Maler drei,ein Stücker drei,ein Jahrer fünf,ein Tager sechsu. ähnl. Hier ist daserder Rest eines rasch und nachlässig gesprochnenoder:ein Stück oder drei. Diese Verbindungen würden sich aber doch in der guten Schriftsprache recht seltsam ausnehmen, sie gehören nur noch der Umgangssprache an.

[116]Nur in Verbindungen wie: ein Kaffeeerster Sorte, ein Künstlerzweiten Ranges, ein Wagendritter Klasse, ein Sternvierter Größebleibt der bestimmte Artikel vor den Ordinalzahlen weg.

[116]Nur in Verbindungen wie: ein Kaffeeerster Sorte, ein Künstlerzweiten Ranges, ein Wagendritter Klasse, ein Sternvierter Größebleibt der bestimmte Artikel vor den Ordinalzahlen weg.

[117]Hierher gehört auch der beliebte Fehler:ausaller HerrnLänder, der dem Wohllaut zuliebe entstanden ist: das doppelteernschien unerträglich. Aber noch unerträglicher ist doch der Akkusativ hinteraus, man schreibe nur, wie sichs gehört:ausaller HerrenLändern.

[117]Hierher gehört auch der beliebte Fehler:ausaller HerrnLänder, der dem Wohllaut zuliebe entstanden ist: das doppelteernschien unerträglich. Aber noch unerträglicher ist doch der Akkusativ hinteraus, man schreibe nur, wie sichs gehört:ausaller HerrenLändern.

[118]Nur bei vielgebrauchten Redensarten, an deren eigentliche Bedeutung niemand mehr denkt, wie:im Stande,im Begriff,im Interesse,im Sinne,im Lichte,im Spiegel,zum Besten, ist im Dativ die Verschmelzung vollständig durchgedrungen. Niemand sagt: die Heimat der Indogermanenin dem Lichteder urgeschichtlichen Forschung – Napoleons Todin dem Spiegelzeitgenössischer Dichtung – wir sindin dem Begriff, abzureisen – ich bin nichtin dem Stande, einen Bissen zu essen. Dagegen läßt sich wohl unterscheiden: das Haus ist wiederin Standgesetzt worden, und: der Verfasser will unsin den Standsetzen, selbst an der Forschungteilzunehmen. Bei dem bloßenin Stand(d. h. in’n Stand) ist der Artikel verschlungen (vgl.in Händenhaben,in Kaufnehmen).

[118]Nur bei vielgebrauchten Redensarten, an deren eigentliche Bedeutung niemand mehr denkt, wie:im Stande,im Begriff,im Interesse,im Sinne,im Lichte,im Spiegel,zum Besten, ist im Dativ die Verschmelzung vollständig durchgedrungen. Niemand sagt: die Heimat der Indogermanenin dem Lichteder urgeschichtlichen Forschung – Napoleons Todin dem Spiegelzeitgenössischer Dichtung – wir sindin dem Begriff, abzureisen – ich bin nichtin dem Stande, einen Bissen zu essen. Dagegen läßt sich wohl unterscheiden: das Haus ist wiederin Standgesetzt worden, und: der Verfasser will unsin den Standsetzen, selbst an der Forschungteilzunehmen. Bei dem bloßenin Stand(d. h. in’n Stand) ist der Artikel verschlungen (vgl.in Händenhaben,in Kaufnehmen).

[119]An den Leipziger Pferdebahnwagen war am Hintertritt folgender Satz mit Gänsefüßchen (!) angeschrieben: „Dieser Platz des Hinterperrons bleibt frei.“ Offenbar war der Satz ein Zitat. Aber woher? Büchmann gibt keine Auskunft.

[119]An den Leipziger Pferdebahnwagen war am Hintertritt folgender Satz mit Gänsefüßchen (!) angeschrieben: „Dieser Platz des Hinterperrons bleibt frei.“ Offenbar war der Satz ein Zitat. Aber woher? Büchmann gibt keine Auskunft.

[120]Ein gemeiner Provinzialismus (aus Berlin?), der aber neuerdings rasch Fortschritte macht, ist der Gebrauch vonhochfürobenund zugleich fürhinauf,herauf,empor,in die Höhe, z. B.hoch kommen,hoch gehen,hoch holen(eine Flasche aus dem Keller); wenn ich einmalhoch bin, dann geh ich nicht gleich wieder runter; ein ebenso gemeiner (aus Wien?) der Gebrauch vonobenfürhinauf, z. B.oben gehen. In anständigem Deutsch geht man wederhochnochoben, sondernhinauf.

[120]Ein gemeiner Provinzialismus (aus Berlin?), der aber neuerdings rasch Fortschritte macht, ist der Gebrauch vonhochfürobenund zugleich fürhinauf,herauf,empor,in die Höhe, z. B.hoch kommen,hoch gehen,hoch holen(eine Flasche aus dem Keller); wenn ich einmalhoch bin, dann geh ich nicht gleich wieder runter; ein ebenso gemeiner (aus Wien?) der Gebrauch vonobenfürhinauf, z. B.oben gehen. In anständigem Deutsch geht man wederhochnochoben, sondernhinauf.

[121]Dieser dumme Strich hat es mit sich gebracht, daß nun auch geschrieben wird:zwischen 1670 bis 1710. Offenbar hatte einer geschrieben:zwischen1670–1710, ein andrer schrieb das ab und wollte ein Wort aus dem Striche machen. Hier hätte er aber den Strich alsundlesen sollen! Besser, man macht keine Striche, sondern schreibt Wörter.

[121]Dieser dumme Strich hat es mit sich gebracht, daß nun auch geschrieben wird:zwischen 1670 bis 1710. Offenbar hatte einer geschrieben:zwischen1670–1710, ein andrer schrieb das ab und wollte ein Wort aus dem Striche machen. Hier hätte er aber den Strich alsundlesen sollen! Besser, man macht keine Striche, sondern schreibt Wörter.

[122]Wenn Wolfgang Müller von der Wunderblume singt: Sie blüht nureinmal alle hundert Jahr, so heißt das nur, daß sie im Verlaufe von hundert Jahreneinmalblühe. Soll aber ausgedrückt werden, daß sie in regelmäßigen Zwischenräumen von hundert Jahren blühe, so ist daseinmalganz überflüssig; dann genügt es, sagen: sie blühtaller hundert Jahr.

[122]Wenn Wolfgang Müller von der Wunderblume singt: Sie blüht nureinmal alle hundert Jahr, so heißt das nur, daß sie im Verlaufe von hundert Jahreneinmalblühe. Soll aber ausgedrückt werden, daß sie in regelmäßigen Zwischenräumen von hundert Jahren blühe, so ist daseinmalganz überflüssig; dann genügt es, sagen: sie blühtaller hundert Jahr.

[123]Ich hatte einmal eine Zeit lang in regelmäßigen Zwischenräumen in der Zeitung bekanntzumachen, daßnächste Mittwoch Abend 8 Uhreine gewisse Versammlung abgehalten werde (ich gehöre nämlich zu den altmodischen Leuten, dieMittwochnoch für ein Wort weiblichen Geschlechts halten). Regelmäßig hatte mir der Zeitungsetzer, der es natürlich besser wußte,nächste Mittwoch Abendsdaraus gemacht, bis ich mirs endlich verbat.

[123]Ich hatte einmal eine Zeit lang in regelmäßigen Zwischenräumen in der Zeitung bekanntzumachen, daßnächste Mittwoch Abend 8 Uhreine gewisse Versammlung abgehalten werde (ich gehöre nämlich zu den altmodischen Leuten, dieMittwochnoch für ein Wort weiblichen Geschlechts halten). Regelmäßig hatte mir der Zeitungsetzer, der es natürlich besser wußte,nächste Mittwoch Abendsdaraus gemacht, bis ich mirs endlich verbat.

[124]Bei Handlungen, die noch bevorstehen, wird die erste Verbindung vorgezogen, bei Handlungen, die vorüber sind, die zweite. Wann wird er zurückkehren? (Den) Donnerstag. Wann ist er zurückgekehrt?AmDonnerstag.

[124]Bei Handlungen, die noch bevorstehen, wird die erste Verbindung vorgezogen, bei Handlungen, die vorüber sind, die zweite. Wann wird er zurückkehren? (Den) Donnerstag. Wann ist er zurückgekehrt?AmDonnerstag.

[125]Zu den nicht auszurottenden Scherzen der Geschäftssprache gehört das sogenannte „Undzeichen“ &, das angeblich zur Abkürzung des Wörtchensundgebraucht wird. Es ist aber gar kein Undzeichen, sondern es ist weiter nichts als das verschnörkelte lateinische Wörtchenet. Aber alle Geschäftsleute und Firmenschreiber sind glückselig, wenn sie schreiben können:CalwetStuttgart,MaxetJohann Schneider,TricotagenetStrumpfwaren,ConditoreietCafé, Schnitzel mitSchotenetKarotten. Als ob nicht und eben so kurz wäre!

[125]Zu den nicht auszurottenden Scherzen der Geschäftssprache gehört das sogenannte „Undzeichen“ &, das angeblich zur Abkürzung des Wörtchensundgebraucht wird. Es ist aber gar kein Undzeichen, sondern es ist weiter nichts als das verschnörkelte lateinische Wörtchenet. Aber alle Geschäftsleute und Firmenschreiber sind glückselig, wenn sie schreiben können:CalwetStuttgart,MaxetJohann Schneider,TricotagenetStrumpfwaren,ConditoreietCafé, Schnitzel mitSchotenetKarotten. Als ob nicht und eben so kurz wäre!

[126]Durch falsche Stellung oder Beziehung der Negation kann der Sinn eines Satzes vollständig verschoben werden. Es ist ein großer Unterschied, ob ich sage:Nicht alleBücher dieses Verzeichnisses sind eingebunden, oder:AlleBücher dieses Verzeichnisses sindnicht eingebunden. Auf den Programmen der Leipziger Gewandhauskonzerte steht: Für die Aufführung sämtlicher Nummern dieses Programms wird keine Gewähr übernommen, d. h.: es ist möglich, daß dasganzeProgrammnicht aufgeführtwird – eine schöne Aussicht! Die Direktion will aber sagen: es ist möglich, daßnicht das ganzeProgrammaufgeführtwird. Das hätte sie auf ihre Weise so ausdrücken müssen: Dafür, daß sämtliche Nummern dieses Programms aufgeführt werden, wird keine Gewähr übernommen.

[126]Durch falsche Stellung oder Beziehung der Negation kann der Sinn eines Satzes vollständig verschoben werden. Es ist ein großer Unterschied, ob ich sage:Nicht alleBücher dieses Verzeichnisses sind eingebunden, oder:AlleBücher dieses Verzeichnisses sindnicht eingebunden. Auf den Programmen der Leipziger Gewandhauskonzerte steht: Für die Aufführung sämtlicher Nummern dieses Programms wird keine Gewähr übernommen, d. h.: es ist möglich, daß dasganzeProgrammnicht aufgeführtwird – eine schöne Aussicht! Die Direktion will aber sagen: es ist möglich, daßnicht das ganzeProgrammaufgeführtwird. Das hätte sie auf ihre Weise so ausdrücken müssen: Dafür, daß sämtliche Nummern dieses Programms aufgeführt werden, wird keine Gewähr übernommen.

[127]Freilich warkeinursprünglich gar kein verneinendes, sondern ein unbestimmtes Fürwort (irgend ein). Luther hat es sicherlich noch so gefühlt.

[127]Freilich warkeinursprünglich gar kein verneinendes, sondern ein unbestimmtes Fürwort (irgend ein). Luther hat es sicherlich noch so gefühlt.

[128]Es gibt jetzt Schriftsteller, die vor lauter Ziererei nicht mehrtraurigsagen, sondernunfroh.

[128]Es gibt jetzt Schriftsteller, die vor lauter Ziererei nicht mehrtraurigsagen, sondernunfroh.

[129]In der Schiffersprache geht manin See,an Land,an Bord,auf Deck, und der Soldat ziehtauf Wache. Neuerdings ist es aber auch fein geworden, nicht mehrauf die Jagdzu gehen, sondernauf Jagd(oder vielmehrauf Jacht, natürlich nachdem man vorher ein Stück „mitmZuchjefahren is“), und der junge Leutnant wirdauf Festungkommandiert oder gehtauf Kriegsschule. Schließlich geht man vielleicht auch nochauf Universität, setzt sichauf Stuhlund klettertauf Baum.

[129]In der Schiffersprache geht manin See,an Land,an Bord,auf Deck, und der Soldat ziehtauf Wache. Neuerdings ist es aber auch fein geworden, nicht mehrauf die Jagdzu gehen, sondernauf Jagd(oder vielmehrauf Jacht, natürlich nachdem man vorher ein Stück „mitmZuchjefahren is“), und der junge Leutnant wirdauf Festungkommandiert oder gehtauf Kriegsschule. Schließlich geht man vielleicht auch nochauf Universität, setzt sichauf Stuhlund klettertauf Baum.

[130]Falsch ist es natürlich auch, das Hauptwort solcher Redensarten in die Mehrzahl zu setzen: hierübersindneuerdingsKlagen geführtworden. Man führt nurKlage, aber nichtKlagen.

[130]Falsch ist es natürlich auch, das Hauptwort solcher Redensarten in die Mehrzahl zu setzen: hierübersindneuerdingsKlagen geführtworden. Man führt nurKlage, aber nichtKlagen.

[131]Solche Zusammenziehungen stehen ungefähr auf derselben Stufe wie die bekannten scherzhaften Wortverbindungen:geo- und arithmetisch– teilsaus Frömmig-, teilszum Zeitvertreib– der heutige Tag wird mir ewigdenk-undgegenwärtigbleiben.

[131]Solche Zusammenziehungen stehen ungefähr auf derselben Stufe wie die bekannten scherzhaften Wortverbindungen:geo- und arithmetisch– teilsaus Frömmig-, teilszum Zeitvertreib– der heutige Tag wird mir ewigdenk-undgegenwärtigbleiben.

[132]Vollends arg sind Zusammenziehungen wie:unsreArbeit undStreben. Über solche Sudelei ist natürlich kein Wort zu verlieren; für sie gibt es auch keinen Schein von Entschuldigung.

[132]Vollends arg sind Zusammenziehungen wie:unsreArbeit undStreben. Über solche Sudelei ist natürlich kein Wort zu verlieren; für sie gibt es auch keinen Schein von Entschuldigung.

[133]Das geschieht z. B. bei der Verdopplung einer Präposition wie: an diese Jugendarbeit schlossen sich mehrere Dramenan– sie tratenausder Landeskircheaus– man warf ihnausdem Zimmerhinaus– das Gymnasium gerietineinen innern Widerspruchhinein– dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Fadendurchdas Gesetzhindurch– wir können uns schlechterdings nichtdarum herumdrücken. Gegen solche Verdopplungen ist nichts einzuwenden.

[133]Das geschieht z. B. bei der Verdopplung einer Präposition wie: an diese Jugendarbeit schlossen sich mehrere Dramenan– sie tratenausder Landeskircheaus– man warf ihnausdem Zimmerhinaus– das Gymnasium gerietineinen innern Widerspruchhinein– dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Fadendurchdas Gesetzhindurch– wir können uns schlechterdings nichtdarum herumdrücken. Gegen solche Verdopplungen ist nichts einzuwenden.

[134]Von einem Leipziger Bankier erzählt man, daß er auf die Frage, ob er eine gewisse ausländische Geldsorte beschaffen könne, mit der Gegenfrage geantwortet habe: muß es dennjetzt alleweile gleich in demselben Momentesein? Ein Schaubudenbesitzer macht bekannt: „Morgen Eintrittausschließlich nur alleinfür Damen.“

[134]Von einem Leipziger Bankier erzählt man, daß er auf die Frage, ob er eine gewisse ausländische Geldsorte beschaffen könne, mit der Gegenfrage geantwortet habe: muß es dennjetzt alleweile gleich in demselben Momentesein? Ein Schaubudenbesitzer macht bekannt: „Morgen Eintrittausschließlich nur alleinfür Damen.“

[135]Dabei hier noch der gemeine Provinzialismus, daßbrauchenmit dem bloßen Infinitiv verbunden ist! (Vgl.S. 61.)

[135]Dabei hier noch der gemeine Provinzialismus, daßbrauchenmit dem bloßen Infinitiv verbunden ist! (Vgl.S. 61.)

[136]Ein neutraler Begriff istLage. Ich binin der Lage– kann ebensogut heißen: ich habe die Möglichkeit, wie: ich bin genötigt. Hier muß die besondre Art der Lage durch einkönnenodermüssennäher bezeichnet werden. Dagegen ist es natürlich überflüssig, zu schreiben: er wird in dieZwangslagegebracht, sich mit einer Stellung zweiten Ranges begnügen zumüssen. Vereinzelt wird übrigens auch der umgekehrte Fehler gemacht, nämlich das Hilfszeitwort weggelassen, wo es ganz notwendig ist, z. B.: wir erklärten,dazubleiben– wo es heißen muß: dableiben zuwollen, denn inerklärenliegt noch nicht der Begriff der Absicht.

[136]Ein neutraler Begriff istLage. Ich binin der Lage– kann ebensogut heißen: ich habe die Möglichkeit, wie: ich bin genötigt. Hier muß die besondre Art der Lage durch einkönnenodermüssennäher bezeichnet werden. Dagegen ist es natürlich überflüssig, zu schreiben: er wird in dieZwangslagegebracht, sich mit einer Stellung zweiten Ranges begnügen zumüssen. Vereinzelt wird übrigens auch der umgekehrte Fehler gemacht, nämlich das Hilfszeitwort weggelassen, wo es ganz notwendig ist, z. B.: wir erklärten,dazubleiben– wo es heißen muß: dableiben zuwollen, denn inerklärenliegt noch nicht der Begriff der Absicht.

[137]Alle diese Beispiele sind, wie ausdrücklich bemerkt werden mag, nicht erfunden!

[137]Alle diese Beispiele sind, wie ausdrücklich bemerkt werden mag, nicht erfunden!

[138]Übrigens kann ein Bild auch ohne Vermengung mit andern geschmacklos wirken, nämlich dann, wenn es zu sehr ausgetitscht wird; so, wenn es von den Arbeiten, die ein Schriftsteller seinem Verleger einsandte, heißt: jedejährliche Ernteseines Fleißes und Talentes hat erin den Hofdes befreundeten Hauseseingefahren.

[138]Übrigens kann ein Bild auch ohne Vermengung mit andern geschmacklos wirken, nämlich dann, wenn es zu sehr ausgetitscht wird; so, wenn es von den Arbeiten, die ein Schriftsteller seinem Verleger einsandte, heißt: jedejährliche Ernteseines Fleißes und Talentes hat erin den Hofdes befreundeten Hauseseingefahren.

[139]Mit dem Voranstellen des abhängigen Genitivs muß man überdies vorsichtig sein. Vor kurzem ist ein Buch erschienen:Lichtenbergs Mädchen. Da fragt doch der Leser sofort:dasoderdie?

[139]Mit dem Voranstellen des abhängigen Genitivs muß man überdies vorsichtig sein. Vor kurzem ist ein Buch erschienen:Lichtenbergs Mädchen. Da fragt doch der Leser sofort:dasoderdie?

[140]Das Mitglied Eugen Richter des Reichstagshabe ich wirklich gedruckt gelesen.

[140]Das Mitglied Eugen Richter des Reichstagshabe ich wirklich gedruckt gelesen.

[141]Die Inversion findet sich in der ältern Zeit auch nachdennundnämlich; wird das heute jemand nachmachen wollen? Vortrefflich schließt O. Erdmann einen Aufsatz über die Geschichte der Inversion mit den Worten: „Das historische Studium des ältern Sprachgebrauchs soll einem vernünftigen und kräftigen Streben nach Regelrichtigkeit des gegenwärtigen und künftigen nicht hinderlich, sondern förderlich werden.“

[141]Die Inversion findet sich in der ältern Zeit auch nachdennundnämlich; wird das heute jemand nachmachen wollen? Vortrefflich schließt O. Erdmann einen Aufsatz über die Geschichte der Inversion mit den Worten: „Das historische Studium des ältern Sprachgebrauchs soll einem vernünftigen und kräftigen Streben nach Regelrichtigkeit des gegenwärtigen und künftigen nicht hinderlich, sondern förderlich werden.“

[142]Ein Meister des deutschen Stils, Otto Gildemeister, schrieb einem jungen Neffen, als dieser in einem Brief an ihn eine Inversion gebraucht hatte: So schreiben Kommis und schlechte Journalisten, aber kein edler deutscher Jüngling. Diese Inversion ist so schlimm wie mit dem Messer essen. Tu es nicht wieder!

[142]Ein Meister des deutschen Stils, Otto Gildemeister, schrieb einem jungen Neffen, als dieser in einem Brief an ihn eine Inversion gebraucht hatte: So schreiben Kommis und schlechte Journalisten, aber kein edler deutscher Jüngling. Diese Inversion ist so schlimm wie mit dem Messer essen. Tu es nicht wieder!

[143]Tausendmal habe ich bei der Durcharbeitung von Manuskripten dassichheraufgeholt an die richtige Stelle, und niemals haben die Verfasser, wenn sie die Druckkorrektur bekamen, etwas davon gemerkt; alle haben darüber weggelesen, als ob sie selber so geschrieben hätten. Und hundertmal ist mir in Manuskripten der Fall begegnet, daß der Verfasser bei der ersten Niederschrift dassichan die richtige Stelle gesetzt, aber beim Wiederdurchlesen dort ausgestrichen und dann hinten, unmittelbar vor dem Verbum, hineingeflickt hatte – niemals das umgekehrte! Damit ist schlagend bewiesen, daß die Voranstellung dessichdas natürliche ist und das, was jedem, der unbefangen schreibt, aus der lebendigen Sprache zunächst in die Feder läuft; erst wenn das Drechseln und Feilen beginnt, entsteht die Unnatur.

[143]Tausendmal habe ich bei der Durcharbeitung von Manuskripten dassichheraufgeholt an die richtige Stelle, und niemals haben die Verfasser, wenn sie die Druckkorrektur bekamen, etwas davon gemerkt; alle haben darüber weggelesen, als ob sie selber so geschrieben hätten. Und hundertmal ist mir in Manuskripten der Fall begegnet, daß der Verfasser bei der ersten Niederschrift dassichan die richtige Stelle gesetzt, aber beim Wiederdurchlesen dort ausgestrichen und dann hinten, unmittelbar vor dem Verbum, hineingeflickt hatte – niemals das umgekehrte! Damit ist schlagend bewiesen, daß die Voranstellung dessichdas natürliche ist und das, was jedem, der unbefangen schreibt, aus der lebendigen Sprache zunächst in die Feder läuft; erst wenn das Drechseln und Feilen beginnt, entsteht die Unnatur.

[144]Nur wo ein Mißverständnis, eine Verwechslung von Subjekt und Objekt möglich ist, hat es einen Sinn, das Subjekt in dieser ängstlichen Weise vor das Fürwort zu stellen, z. B. Vater und Mutter müssen sich darein finden, daßdie Kinder sieverlassen. Aber ist etwa ein Mißverständnis möglich, wenn man sagt: Tatsachen machen sich geltend, gleichviel obsie die Juristendefinieren können oder nicht? Wird hier jemanddie Juristenfür das Objekt halten?

[144]Nur wo ein Mißverständnis, eine Verwechslung von Subjekt und Objekt möglich ist, hat es einen Sinn, das Subjekt in dieser ängstlichen Weise vor das Fürwort zu stellen, z. B. Vater und Mutter müssen sich darein finden, daßdie Kinder sieverlassen. Aber ist etwa ein Mißverständnis möglich, wenn man sagt: Tatsachen machen sich geltend, gleichviel obsie die Juristendefinieren können oder nicht? Wird hier jemanddie Juristenfür das Objekt halten?

[145]Der Ausdruck ist von Gottfried Hermann gebildet.

[145]Der Ausdruck ist von Gottfried Hermann gebildet.

[146]Der Volksmund vermeidet das sogar zuweilen bei dem unbestimmten Artikel und dem unbestimmten Fürwort und sagt: das istgar einmerkwürdiger Mensch, das istganz wasfeines.

[146]Der Volksmund vermeidet das sogar zuweilen bei dem unbestimmten Artikel und dem unbestimmten Fürwort und sagt: das istgar einmerkwürdiger Mensch, das istganz wasfeines.

[147]Tausendmal habe ich in Manuskripten auch diese häßliche Wortstellung beseitigt, und niemals haben die Verfasser, wenn sie ihre Druckkorrektur erhielten, von der Änderung etwas gemerkt, immer haben sie ohne Anstoß darüber weggelesen, also offenbar geglaubt, sie hätten selber so geschrieben! Wenn es wirklich ein so starkes logisches Bedürfnis wäre, das Adverb einzuschieben, so hätte doch einmal einer Anstoß nehmen und seine ursprüngliche Fassung wiederherstellen müssen!

[147]Tausendmal habe ich in Manuskripten auch diese häßliche Wortstellung beseitigt, und niemals haben die Verfasser, wenn sie ihre Druckkorrektur erhielten, von der Änderung etwas gemerkt, immer haben sie ohne Anstoß darüber weggelesen, also offenbar geglaubt, sie hätten selber so geschrieben! Wenn es wirklich ein so starkes logisches Bedürfnis wäre, das Adverb einzuschieben, so hätte doch einmal einer Anstoß nehmen und seine ursprüngliche Fassung wiederherstellen müssen!

[148]Ein harmloses Menschenkind, dem die zwei Präpositionen hintereinander doch wider den Strich gingen, schrieb:mit Zumherunterlasseneingerichteten Fenstern!

[148]Ein harmloses Menschenkind, dem die zwei Präpositionen hintereinander doch wider den Strich gingen, schrieb:mit Zumherunterlasseneingerichteten Fenstern!

[149]Ähnlich: der Dichter begnügt sich mit einer Skizze,da wowir ein ausgeführtes Bild erwarten. Nach dem Satzbau: der Dichter begnügt sich mit einer Skizzeda, wowir usw.

[149]Ähnlich: der Dichter begnügt sich mit einer Skizze,da wowir ein ausgeführtes Bild erwarten. Nach dem Satzbau: der Dichter begnügt sich mit einer Skizzeda, wowir usw.

[150]In dem hübschen Scherz: Der Papierreisende (Gesammelte Schriften, Bd. 2).

[150]In dem hübschen Scherz: Der Papierreisende (Gesammelte Schriften, Bd. 2).

[151]Bedingungssätze statt mitwennmit dem Verbum anzufangen ist an sich nicht übel, nur darf das Verbum dann nicht unmittelbar hinter dem des Hauptsatzes stehen, z. B. ich mußeilen, willich den Zug nicht versäumen – ein gewissenhafter Manndarf, willer seinen Ruf nicht gefährden – es ist manches verschwiegen, was gesagt werdenmüßte, solltedie Veröffentlichung überhaupt Berechtigung haben. Wer laut schreibt, wird so etwas nie schreiben. Die beiden Verba platzen aufeinander wie ein paar Lokomotiven. Schreibt manwenn, so mündet der Nebensatz leicht und natürlich ein wie ein Nebenflüßchen, das den Fluß des Hauptsatzes beschleunigt. Hüten muß man sich vor der Häufung einsilbiger Wörter. Doch kann auch eine lange Reihe einsilbiger Wörter ganz fließend klingen, wenn sie durch den Akzent zu Gruppen zusammengefaßt werden, z. B.: ein Umstand, wie es ihn | bis jetzt | noch fast gar nicht | gegeben hat.

[151]Bedingungssätze statt mitwennmit dem Verbum anzufangen ist an sich nicht übel, nur darf das Verbum dann nicht unmittelbar hinter dem des Hauptsatzes stehen, z. B. ich mußeilen, willich den Zug nicht versäumen – ein gewissenhafter Manndarf, willer seinen Ruf nicht gefährden – es ist manches verschwiegen, was gesagt werdenmüßte, solltedie Veröffentlichung überhaupt Berechtigung haben. Wer laut schreibt, wird so etwas nie schreiben. Die beiden Verba platzen aufeinander wie ein paar Lokomotiven. Schreibt manwenn, so mündet der Nebensatz leicht und natürlich ein wie ein Nebenflüßchen, das den Fluß des Hauptsatzes beschleunigt. Hüten muß man sich vor der Häufung einsilbiger Wörter. Doch kann auch eine lange Reihe einsilbiger Wörter ganz fließend klingen, wenn sie durch den Akzent zu Gruppen zusammengefaßt werden, z. B.: ein Umstand, wie es ihn | bis jetzt | noch fast gar nicht | gegeben hat.


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