Der Infinitiv. Zu und um zu

Der Infinitiv. Zu und um zu

In den Infinitivsätzen werden mannigfaltige Fehler gemacht. Vor allem reißt eine immer größere Verwirrung in dem Gebrauch vonzuundum zuein, und zwar so, daß sichum zuimmer öfter an Stellen drängt, wo nurzuhingehört. Und doch ist zwischen beiden ein großer Unterschied. Der Infinitiv mitum zubezeichnet den Zweck einer Handlung; der Infinitiv mitzudagegen dient zur Begriffsergänzung des Hauptworts oder Zeitworts, von dem er abhängt. In einem Satze wie: die schönen Tagebenutzteich, die Gegendzu durchstreifen,ummeine Gesundheitzu kräftigen– ist der Sinn vonzuundum zudeutlich zu sehen. Ich benutzte die schönen Tage – das verlangt eine Ergänzung. Wozu denn? fragt man; das bloßebenutztesagt noch nichts. Die notwendige Ergänzung lautet: die Gegendzu durchstreifen. Aber das ist kein Zweck; der Zweck wird dann noch besonders angegeben:ummeine Gesundheitzu kräftigen.[71]

Solche ergänzungsbedürftige Begriffe gibt es nun in Menge. Von Hauptwörtern gehören dazu:Art und Weise,Mittel,Macht,Kraft,Lust,Absicht,Versuch,Zeit,Alter,Geld,Gelegenheit,Ort,Anlaßusw., von Zeitwörtern:imstande sein,genug(groß genug,alt genugusw.)sein,genügen,hinreichen,passen,geeignet sein,angetan sein,dasein,dazu gehören,dienen,benutzenusw. Aufalle diese Begriffe darf nur der Infinitiv mitzufolgen.[72]Dennoch wird jetzt immer öfter geschrieben: es wurde eine günstigeGelegenheitbenutzt,um sicheinen Weg durch die Feinde zubahnen– hierin sehen wir das besteMittel,umeinem Mißbrauch der Staatssteuervorzubeugen– als er endlichKraftundLustfühlte,umsich an monumentalen Aufgaben zuversuchen– sogar eine Übung mit dem Zeitwort muß denAnlaßgeben,umden Rachekriegzu predigen– wo ist in der Türkei einMann,um soumfassende Aufgabendurchzuführen? – wenn man wirklich einmal dieZeitgewinnt,umein aus dem Drange des Herzens geschaffnes Werkzu vollenden– nach den Vorbereitungen für die Schule behielt sie nochZeitübrig,umdeutsche Gedichtezu lesen– alle waren in demAlter,umdie Gefahrzu begreifen– wie viele Schulbibliotheken haben keinGeld,umsich Rankes Weltgeschichtezu kaufen! – er hatte das nötigeGeld,umdurch Reisen seinen Wissensdurstzu befriedigen– esgehörtschon eine bedeutende Einnahmedazu,umsich eine anständige Wohnungverschaffen zu können– manche Aufzeichnungen scheinen mir nichtgeeignet,umeinen Platz in diesen Denkwürdigkeitenzu finden– die Zeitlage ist nicht dazuangetan,umdiese Forderungenzu bewilligen– den Aufenthalt in Berlinbenutzteich,ummich auch den ältern Fachgenossenvorzustellen– die Arbeitersindnur dazuda,umden Hausbesitzern eine möglichst hohe Grundrentezu sichern– sind diese Gründe wirklichgenügend,umdas Bestehen einer solchen Einrichtungzu rechtfertigen? – ist unsre Sprache nochjung genug,um(!) neue Wörterzu erzeugen? – ein Jahrhundert istlang genug,um(!) in der Sprache erhebliche Änderungenhervorzurufen– der deutsche Geist warstark genuggeworden,um(!) die fremden Kettenzu brechen– ichmuß abwarten, ob ihm mein WesenInteresse genugeinflößen wird,um(!) sich mit mir abzugeben. Eine Zeitung schreibt: die englische Regierung wirdnichts tun,umdie Gemeinsamkeit in dem Vorgehen der Mächtezu stören. Das kann doch nur heißen: sie wird sich untätig verhalten, damit sie das gemeinsame Vorgehen der Mächte störe. Es soll aber heißen: sie wird alles unterlassen, was das gemeinsame Vorgehen stören könnte. Solches Unheil richtet das dummeuman!

Namentlich hinter den Verbindungen mitgenughatum zugewaltig um sich gegriffen, obwohl sich die lebendige Sprache meist noch mit dem bloßen zu begnügt, und die Mutter zu ihrem Jungen ganz richtig sagt: du bistalt genug, daszu begreifen! Vollends verdrängt worden ist aber das ursprüngliche einfachezunach den mitzuverbundnen Adjektiven: Gott istzu hoch,umsich um die Kleinigkeiten der Weltzu kümmern– der Stoff ist vielzu umfänglich,umihn in öffentlichen Vorlesungenzu behandeln– sie habenzu wenigBildung,umihre Taktlosigkeitenzu erkennen– die Mannschaft istzu gering,umeinen festen Stützpunkt für die Schulung der Rekrutenabzugeben. Auch hier genügt überall das einfachezuund hat auch früher genügt. (Freilich heißt es auch schon im Faust: Ich binzu alt,umnurzu spielen,zu jung,umohne Wunschzu sein.)

Wie die angeführten Beispiele zeigen, ist es nicht nötig, daß das Subjekt des Infinitivsatzes immer dasselbe sei wie das des Hauptsatzes. Doch ist es gut, dabei vorsichtig zu sein. Es braucht bei Verschiedenheit des Subjekts nicht immer solcher Unsinn herauszukommen wie in dem Satze:ohne Gefahr zu ahnen,geriet einvom Abhange rollenderSteinunter das Vorderrad des Wagens – es sind auch solche Sätze schlecht wie: die Kurfürstin ließ den Hofprediger rufen, um sie mit den Tröstungen der Religionzu erquicken; hier wird nur der Fehler durch den Gegensatz der Geschlechter verschleiert. Man setze statt der Kurfürstin den Kurfürsten, und sofort entsteht Unsinn, sofort müßte der Infinitivsatz geändert und geschrieben werden,um sichvon ihm mitden Tröstungen der Religionerquicken zu lassen. Erträglich sind aber folgende Sätze: der achteckige Aufbau soll wegfallen,umTurm und Schiff in größern Einklangzu bringen– das Fechten mit der blanken Waffe sollte fleißig geübt werden,umnötigenfalls mit der eignen Personeintreten zu können– zurzeit liegt die Fregatte im Trockendock,umsie für die Winterreisevorzubereiten. Hier schwebt beim Infinitiv ein unbestimmtes Subjekt (man) vor.

Vorsichtig muß man auch mit einer Anwendung des Infinitivs mitum zusein, die manche sehr lieben, nämlich der, von zwei aufeinanderfolgenden Vorgängen den zweiten als eine Art von Verhängnis oder Schicksalsbestimmung hinzustellen und dabei in die Form eines Absichtssatzes zu kleiden, z. B.: der Herzog kehrte nach F. zurück, um es nie wiederzu verlassen. Der Sinn ist: es war ihm vom Schicksal bestimmt, es nie wieder zu verlassen, während seine Absicht vielleicht war, es noch recht oft zu verlassen. Man kann diesen Gebrauch das ironischeum zunennen. Es entsteht aber sehr oft ein lächerlicher Sinn dabei, z. B.: er wurde in dem Kloster Lehnin beigesetzt,umspäter in den Dom zu Kölln an der Spreeüberführt(!)zu werden– er schloß sich der Emin-Pascha-Expedition an,umein trauriges Ende dabeizu finden– täglich wird eine Masse von Konzert- und Theaterberichten geschrieben,umschnell wiedervergessen zu werden– beim Eintreffen der Feuerwehr brannte das Gebäude bereits vollständig,umschließlicheinzustürzen– die Einzeichnungen beginnen im Jahre 1530,umschon im Jahre 1555 wiederabzubrechen– vor etwa dreißig Jahren sind die Niersteiner Quellen versiegt,umerst neuerdings wiederhervorzubrechen– nach einigen Jahren wandte er sich nach Magdeburg, doch nur,umdort in noch größere Bedrängniszu geraten– die Schwestern reisten in die Schweiz, wo sie sich trennten,umsich niewiederzusehen. Das Richtige wären hier überall zwei Hauptsätze.

Mit dem Hilfszeitwortseinverbunden kann der Infinitiv mitzusowohl die Möglichkeit wie die Notwendigkeitausdrücken; dasist zu erreichenheißt: daskannerreicht werden, dasist zu beklagenheißt: dasmußbeklagt werden. Daher muß man sich vor Zweideutigkeiten hüten, wie: ein Fräulein sucht Stelle bei einem geistlichen Herrn; gute Zeugnissesind vorzulegen.


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