Der tiefer Denkende, der Tieferdenkende oder der tiefer denkende?
Ein Gegenstück zu derschrittweisen Vervollkommnung, das freilich durch eine andre Sprachdummheit entsteht, bilden Verbindungen wie: daseinzig Richtige, dertiefer Denkende, dermittellos Verstorbne, dermit ihm Redendeu. ähnl. Da liegt der Fehler nicht im Ausdruck, sondern – in der Schreibung, nämlich in den törichten großen Anfangsbuchstaben,mit denen man ganz allgemein die Adjektiva und Partizipia solcher Verbindungen schreibt und druckt.
Gewöhnlich wird gelehrt, daß Adjektiva und Partizipia, wenn sie kein Hauptwort bei sich haben, selber zu Hauptwörtern würden und dann mit großen Anfangsbuchstaben zu schreiben seien, also: dieGrünenund dieBlauen, alleGebildeten. Das läßt sich hören. Nun geht man aber weiter. Man schreibt solche Adjektiva und Partizipia auch dann groß, wenn zu dem Adjektiv ein Adverb oder ein Objekt, zu dem Partizip ein Adverb, ein Prädikat, ein Objekt oder eine adverbielle Bestimmung tritt, z. B.: soSchönes, längstBekanntes, etwas ungemeinElastisches, der minderArme, allesbloß Technische, das eigentlichTheatralische, der wirtschaftlichAbhängige, das dem VaterlandErsprießliche– ein unglücklichLiebender, kein billigDenkender, der wagehalsigSpekulierende, das wahrhaftSeiende, der frühDahingeschiedne, die mäßigBegüterten, die bloßVerschwägerten, der ergebenstUnterzeichnete, der sehnlichstErwartete, der wahrhaftGebildete, das glücklichErreichte, das früherVersäumte, der hierBegrabne, das anderwärts besserDargestellte– der beschaulichAngelegte, der gefesseltDaliegende, der unschuldigHingerichtete, das als richtigErkannte– die dem GemetzelEntgangnen, die MedizinStudierenden– die zu ihmGeflüchteten, die vom LebenAbgeschiednen, die bei der Schaffung des DenkmalsBeteiligten, die an der AufführungMitwirkenden, die auf die Eröffnung der KasseWartenden– auch: die von ihmzu Befördernden, das auf Grund des schonVorhandnennochzu Erreichendeusw.
Ist das richtig? Können in solchen Verbindungen die Adjektiva und Partizipia wirklich als Substantiva angesehen werden? Ein wenig Nachdenken genügt doch, zu zeigen, daß das unmöglich ist. Wenn ich sage: derfrühere Geliebte, so ist das Partizip wirklich zum Substantivum geworden; sage ich aber: derfrüher geliebte, so kann doch von einer Substantivierung keine Rede sein. Welchen Sinn hat es aber, Wörter äußerlich,für das Auge, zu Hauptwörtern zu stempeln, die gar nicht als Hauptwörter gefühlt werden können? Diese Fälle sollten im Unterricht dazu benutzt werden, den Unterschied zwischen einem zum Substantiv gewordnen und einem Partizip gebliebnen Partizipium klarzumachen! Wäre es richtig, zu schreiben: alles bisherErforschte, alle vernünftigDenkenden, die im ElsaßReisenden, die zwei Jahre langVerbündeten, die zur Feier von Kaisers GeburtstagVersammelten, die durch die ÜberschwemmungBeschädigten, die auf preußischen UniversitätenStudierenden, der wegen einer geringfügigen ÜbertretungAngeklagte, wäre es möglich, alle diese Partizipia als Substantiva zu fühlen – und nur darauf kommt es an! –, dann müßte man auch sagen können: alle bisherForschung, alle vernünftigDenker, die im Elsaß Reise, die zwei Jahre langVerbindung, die zur Feier von Kaisers GeburtstagVersammlung, der durch die ÜberschwemmungSchade, die auf preußischen UniversitätenStudenten, die wegen einer geringfügigen ÜbertretungAnklage. Wollte man hier wirklich eine Substantivierung annehmen und äußerlich vornehmen, so könnte das nur so geschehen, daß man die ganze Bekleidung mitsubstantivierte und schriebe: dieWirklichoderangeblichminderbegabten, jederTieferindiegoethestudieneingedrungne. So verfährt man ja wirklich bei kurzen Zusätzen wie: dieLeichtverwundeten, derFrühverstorbne, dieFernerstehenden, dieWenigerbegabten.
Nun könnte man sagen: gut, wir wollen da, wo Adjektiva und Partizipia allein stehen, sie mit großen Anfangsbuchstaben schreiben; treten sie mit irgendwelchen Zusätzen auf, so mögen sie mit dem kleinen Buchstaben zufrieden sein. Was soll aber dann geschehen, wenn beide Fälle miteinander verbunden sind, was sehr oft geschieht, z. B.: dasunbedeutende, in der Eilehingeworfne– etwasselbstverständliches, mit Händengreifbares– etwasgroßes, der ganzen Menschheitersprießliches– eine nach dempikanten, noch nichtdagewesenenhaschende Phantasie – mit Verzicht aufdasverlorneund zu unsrer Sicherheit unbedingtnotwendige? Soll man da abwechseln? das eine klein, das andre groß schreiben?
Das vernünftigste wäre ohne Zweifel, man beschränkte die großen Anfangsbuchstaben überhaupt auf die wirklichen Substantiva und schriebe alles übrige klein. Aber zu schreiben: das durch redlichen FleißGewonnene, und sich und andern einzureden:Gewonnenesei hier ein Substantiv, ist doch geradezu ein Verbrechen an der Logik. Aber auch dasschrittweise Gewonneneist Unsinn. Denn wäreGewonneneein Hauptwort, dann könnteschrittweisenur ein Eigenschaftswort sein, und das ist es nicht, ist aberschrittweiseein Adverbium, dann kannGewonnenenur eine Verbalform sein, und das ist es ebenfalls nicht, sowie man es mit G schreibt.