Derselbe, dieselbe, dasselbe

Derselbe, dieselbe, dasselbe

Zu den entsetzlichsten Erscheinungen unsrer Schriftsprache gehört der alles Maß übersteigende Mißbrauch, der mit dem Fürwortderselbe,dieselbe,dasselbegetrieben wird. An der Unnatur und Steifbeinigkeit unsers ganzen schriftlichen Ausdrucks trägt dieses Wort die Hälfte aller Schuld. Könnte man unsrer Schriftsprache diesen Bleiklumpen abnehmen, schon dadurch allein würde sie Flügel zu bekommen scheinen. Der Mißbrauch dieses Fürworts gehört zu den Hauptkennzeichen jener Sprache, von der nun schon so viele Beispiele in diesem Buche angeführt worden sind, und die man so treffend als papiernen Stil bezeichnet hat.[108]

Unter hundert Fällen, wo heutederselbegeschrieben wird, sind keine fünf, wo das Wort in seiner wirklichen Bedeutung (idem,le même,the same) stünde. In der lebendigen Sprache wird es zwar in seiner wirklichen Bedeutung täglich tausendmal gebraucht, auf dem Papier aber fast gar nicht mehr; da wird es immer ersetzt durchebenderselbeodereinundderselbeoderder nämlicheoderder gleiche(von demgleichenVerfasser erschien in dergleichenVerlagsbuchhandlung usw.). Daß zur Gleichheit mindestens zwei gehören, daran denkt man gar nicht. Zwar so wunderbaren Sätzen wie: Wagner hatdieselbenQuellen benutzt wie Goethe,aber in engerm Anschluß andieselben(wo ersteosdem, danneosgemeint ist) – fast gleichzeitig wurde der Roman Werthers Leiden fertig; überdenselbenschreibt Goethe indemselbenBriefe usw., begegnet man selten. Aber in fünfundneunzig unter hundert Fällen istderselbe,dieselbe,dasselbenichts weiter alser,sie,esoderdieser,diese,dieses. Und das ist das ärgerlichste an dem dummen Mißbrauch, daß dabei auch noch der Unterschied zwischenerunddieserverwischt wird.

Für das persönliche Fürworterstehtderselbez. B. in folgenden Sätzen (man kann in wenig Minuten in jedem Buch und jeder Zeitung die Beispiele schockweise sammeln): wir brauchten das nur dann zu wissen, wenn die Welt erst noch geschaffen werden sollte;dieselbeist aber bereits fertig – der Hauptsitz der Rosenkultur ist der Südfuß des Hämus, doch zieht sichdieselbeauch in das Mittelgebirge hinein – durch Höhe der Gebäude suchte man zu ersetzen, wasdenselbenan Breite und Tiefe abging – was Erich Schmidt gegen die Glaubwürdigkeit Bretschneiders in Feld führt, reicht nicht aus,dieselbezu erschüttern – der Fall muß allgemeines Aufsehen erregt haben, daderselbeeine Bürgerstochter aus guter Familie betraf – neuerdings hat man versucht, den Reim durch die Alliteration zu verdrängen; Jordan hatdieselbeeingeführt, und R. Wagner hatdieselbein freier Weise verwandt – ich hatte mir gleich anfangs ein Brunnenglas gekauft, aberdasselbeblieb jungfräulich – die Gemeinde war allerdings Besitzer des Bodens,derselbewurde aber nicht gemeinschaftlich bearbeitet – das Manuskript lag halbvergessen in einem Schubfache, bis mir die Anregung wurde,dasselbeeiner Zeitung zu überlassen – Versuche, den Verein zu verfolgen, werdendemselbennur neues Wachstum verleihen – der Inhaber hat die Karte stets bei sich zu führen und darfdieselbean andre Personen nicht weitergeben – der Nebensatz steht gewöhnlich hinter dem Hauptsatz,derselbekann jedoch auch dem Hauptsatz vorangehen, und endlich kannderselbeauch in den Hauptsatz eingeschaltet sein usw. Kein vernünftiger Mensch spricht so; jeder braucht, um eineben dagewesenes Hauptwort zu ersetzen, in der lebendigen Sprache das persönliche Fürwort.

In folgenden Sätzen wäredieser(oder das demonstrativeder) das richtige: der Wildbach trat aus und wälzte große Schuttmassen in die Limmat; dadurch wurdedieselbein ihrem Laufe gehemmt – in Königsberg ließ Lenz seine Ode auf Kant drucken, alsderselbedie Professorwürde erlangte – in jeder Küche stand früher ein viereckiges Kästchen aus Blech;dasselbeenthielt vier Gegenstände, unter anderm eine Masse, die man Zunder hieß;dieselbewar hergestellt aus usw. – es finden sich in der Schrift bisweilen originelle Kombinationen;dieselbensind aber doch völlig wertlos – freilich gehört Anlagekapital dazu,dasselbeverzinst sich aber gut – für die lokale Feier sind entsprechende Festlichkeiten in Aussicht genommen;denselbenwerden geistliche Festlichkeiten vorausgehen – das Ergebnis der Revolution wäre sicher nicht der sozialdemokratische Staat;derselbe(dieser!) verlangt eine solche Umwälzung aller Anschauungen, daßsich dieselbe(sie sich!) nicht von heute auf morgen vollziehen kann.

Ein Zeitungschreiber kann heutzutage nicht eine Mitteilung von zwei Zeilen machen ohne dieses unsinnigederselbe; erst wenn das darinsteht, hat die Sache die nötige Wichtigkeit. Der Adjutant des Sultans ist hier eingetroffen;derselbeüberbrachte dem Großfürsten vier Pferde. Daß man nur ja nicht etwa denke, es habe sie ein andrer überbracht! nein nein, es war derselbe! Ach, und wenn nun erst noch die schöne Inversion dazukommt (der Verdacht lenkte sich sofort auf den wegen Nachlässigkeit bekannten Hausmann,und wurde derselbein einem Bodenraum erhängt aufgefunden), und wenn gar die Inversion nur zu dem Zweck angewandt wird, auch das herrlichederselbeanbringen zu können (die Zigarren erheben sich weit über das gewöhnliche Niveau,und gehören dieselbenzu den besten usw.), oder wenn sich zuderselbenoch eindaselbst,dortselbst,hierselbstoderwoselbstgesellt (dennda,dort,hierundwokennt der Zeitungschreiber auchnicht, das ist ihm viel zu simpel), dann schwillt die stolze Reporterbrust, er weiß, daß er seinen „bedeutsamen“ Mitteilungen die würdigste Form verliehen hat. Zur Resolution sprach bei Beginn der Sitzung der Abgeordnete T.;derselbeerklärte sich gegendieselbe– der Ulan M. erhielt drei Tage Mittelarrest, weilderselbebeim Appell sein Pferd schlecht vorführte, sodaßdasselbeeinen Kameraden auf den Fuß trat unddenselbenverletzte – gestern abend ist der Herr Justizministerhierselbsteingetroffen und im Hotel S. abgestiegen.Derselbebegab sich heute morgen nach dem Amtsgerichtsgebäude, nahmdasselbeeingehend in Augenschein und wohnte verschiedenen Verhandlungendaselbstbei – heute wurde hier eine Windhose beobachtet;dieselbeerfaßte einen Teil des auf der Wiese liegenden Heues und drehtedasselbeturmhoch in die Luft,woselbstes dann weiter geführt wurde – die Färbung der Kreuzotter ist nicht bestimmt anzugeben, dadieselbebeieinunddemselben(!) Individuum (!) wechselt und nach der Häutung meist heller erscheint als vorderselben. Das sind Muster von Zeitungssätzen. Aber auch in wissenschaftlichen Werken und in Erzählungen, in Bekanntmachungen von Behörden und in Geschäftsanzeigen – überall verfolgt einen das entsetzliche Wort. Selbst in den kleinen Scherzgesprächen unter den Bildern der Fliegenden Blätter und in dem Dialog der neuesten Lustspiele ist man nicht mehr sicher davor. Man schnellt im Theater von seinem Sitz in die Höhe, wenn auf der Bühne so ein dummesderselbe(fürer) gesprochen wird; aber weder der Schauspieler noch der Regisseur hat es bemerkt und beseitigt! Wie kommt es nur, liebe B. – heißt es auf einem Reklamebildchen –, daß deine Kinderchen stets so blühend und gesund sind, während die meinigen immer bleich und kränklich aussehen? – Wir genießen alle als tägliches Getränk Kakao von Hartwig und Vogel;derselbeist von anerkannt vorzüglicher Qualität, ergiebig und daher billig. Nein, so spricht die liebe B. nicht. Ein bekanntes Geschichtchen erzählt, daß der Lehrer in der Stunde gefragt habe: wieviel Elemente gibt es, und wie heißensie? und der Schüler geantwortet habe: es gibt vier Elemente, und ich heiße Müller. Das war die Folge davon, daß sich der Lehrer so gewöhnlich ausgedrückt hatte! Warum hatte er nicht vornehm gefragt, wie unsre statistischen Formulare: und wie heißendieselben!

Ein Hochgenuß für den Leser ist es, wenn, wie es tausendfach geschieht, beide in einem Satz unmittelbar nebeneinander stehen, die herrlichen Papierpronomina:derselbe(statter) undwelcher(stattder)! Zum Verständnis des Parzival ist es nötig, die beiden Sagenkreise,welche demselben(die ihm!) zugrunde liegen, kennen zu lernen – in Hyrtls Hause befindet sich der fragliche Schädel (Mozarts), und der Besitzer,welcher denselben(der ihn!) der Stadt Salzburg vermacht hat, zweifelt nicht an der Echtheitdesselben– Reiskes Briefe kamen in die Universitätsbibliothek zu Leiden; es sind aufrichtige Verehrer gewesen,welche dieselben(die sie!) jener Bibliothek schenkten, und sie werdenin derselbenals ein Schatz geachtet – das erwähnte Statut und die Bulle,welche dasselbe(die es!) sanktioniert hatte – bezeichnend für den Geschmack der Direktion und die Zumutungen,welche dieselbe(die sie!) an das Publikum zu stellen wagt – was für Forderungen an die Gebildeten gestellt werden, wird je nach dem Zeitalter,welchem dieselben(dem sie!) angehören, verschieden sein – die farbige Aufnahme des Fensters verdanken wir Herrn E.,welcher dasselbe(der es!) restauriert hat – wer spricht so? Kein Mensch. Aber sowie der Deutsche die Feder in die Tinte taucht, fährt ihm der Registrator oder der Kanzlist in die Glieder. Im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert sind Tausende der wichtigsten Urkunden angefangen worden: Wir tun kund mit diesem Brief allendenen, die ihnsehen oder hören lesen. Heute in einem Ehrenbürgerbriefe zu schreiben: Wir ernennen Herrn X.wegender großen Verdienste,die er sichum unsre Stadt erworben hat usw. – das wäre ja im höchsten Grade würdelos, so spricht man wohl, aber so schreibt man doch nicht! Wir ernennen Herrnin Anbetrachtder großen Verdienste,welche derselbeum unsre Stadtsicherworbenhat usw. – so klingt es großartig, feierlich, erhaben! Kaiser Friedrich soll als Kronprinz 1859 zu einer Deputation gesagt haben: Wenn Gott meinen Sohn am Leben erhält, so wird es unsre schönste Aufgabe sein,denselbenin den Gesinnungen und Gefühlen zu erziehen,welchemich an das Vaterland ketten. Man kann darauf schwören, daß er nicht so gesagt hat, sondern:ihnin den Gesinnungen und Gefühlen zu erziehen,diemich an das Vaterland ketten. Aber der Zeitungschreiber hat das natürlich erst aus dem Menschlichen ins Papierne übersetzen müssen. In der Poesie istderselbenoch viel unmöglicher alswelcher. Nur in dem alten StudentenliedeÇa çageschmauset! heißt es:

Knaster den gelbenHat uns Apolda präpariertUnd unsdenselbenRekommandiert.

Knaster den gelbenHat uns Apolda präpariertUnd unsdenselbenRekommandiert.

Knaster den gelbenHat uns Apolda präpariertUnd unsdenselbenRekommandiert.

Knaster den gelben

Hat uns Apolda präpariert

Und unsdenselben

Rekommandiert.


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