Die Bildervermengung

Die Bildervermengung

Bei dem Worte Bildervermengung denkt wohl jeder an Wendungen wie: das ist wie einTropfenauf einenhohlen Stein, oder: er wurde an denRand des Bettelstabesgebracht, oder: derZahn der Zeit, der schon so mancheTräne getrocknethat, wird auch über dieserWunde Gras wachsenlassen – und meint, dergleichen werde wohl beim Unterricht als abschreckendes Beispiel vorgeführt, komme aber in Wirklichkeit nicht vor. Zeitungen und Bücher leisten aber fast täglich ähnliches; gilt es doch für geistreich, möglichst viel in Bildern zu schreiben! Oder wäre es nicht ebenso lächerlich, wenn von einer Nachricht gesagt wird, daß sie wie einDonnerschlaginsPulverfaßgewirkt habe, wenn in einem Aufsatz über das Theater vongaumenkitzelnden Trikotanzügengesprochen wird, oder wenn es in einem Börsenberichte heißt: derVerkehr wickelte sichinruhigem Toneab, in dem Bericht über eine Kunstausstellung: was bei den Russen zumZerrbildedes Fanatismus geworden ist, leuchtet bei den Spaniern alsFlammeder Begeisterung, oder wenn gar geschrieben wird: wo finden wir einenroten Faden, der uns aus diesemLabyrinthhinausführt? – das politischeKnochengerüst, über dessenNacktheitdurch eine schöneVerbrämunghinweggetäuscht werden soll – der Zauber seiner Persönlichkeit teilt sich dem Leser in einembestrickenden Fluidummit – unsre Universitäten sind wierohe Eier: sobald man sie antastet,stellen sie sich auf die Hinterbeine– der bureaukratische Staatschert(!) allesüber einen Leisten–pilzartigschossen die Lust-, Schau- und Trauerspiele seiner Federins Kraut– alle diese Mitteilungenschweben in der Luft, aus der siegeschnapptsind (in der Luft schweben, aus der Luft greifen, nach Luft schnappen – drei Bilder vermengt!) – das ist eins jenerKolumbuseier, deren der Genius Shakespeares verschiedneausgebrütethat – das sind vom nationalökonomischenGesichtswinkelaus inkargem Gerippedie geistreich variiertenGrundzügeseiner Lehre – die Millionenfliegen zum Fenster hinausund leeren dasReichsfaßbis zum Boden – natürlich muß dasPflasterauf die verschiednenkalten Wasserstrahlengegen ihre Eitelkeit ein weniggekitzeltwerden – diesesSchreckgespenstist schonso abgedroschen, daß nur noch ein politischesWickelkinddaraufherumreitenkann – um ihrem geschwächten Parteimagenneue Nahrungzuzuführen,angelnsie in dem Wasser des Bauernbundes nachfaulen Fischen– die lautesteTrommelbei dieser Hetzeblasennatürlich die Geistlichen – wenn man den Herren einenFlohins Ohr setzt, wird sofort einElefantdaraus gemacht und dann auch noch öffentlichbreitgetreten.[137]

Dergleichen erregt ja nun die Heiterkeit auch des gedankenlosesten Lesers. Ein Berliner Schriftsteller hat sich sogar (unter dem Namen Wippchen) jahrelang planmäßig dem Anbau dieses Sprachunkrauts gewidmet und großen Erfolg damit gehabt. Es gibt aber auch zahlreicheBildervermengungen, die genau so schlimm sind, und die doch von Tausenden von Lesern, auch von denkenden, gar nicht bemerkt werden, weil sie nicht so zutage liegen, sondern etwas verschleiert sind. Unsre Sprache ist überreich an bildlichen Ausdrücken, über deren ursprüngliche Bedeutung man sich oft gar keine Rechenschaft mehr gibt. Schon wenn jemand schreibt: die Sache machte keinendurchschlagenden Eindruck– so lesen sicher unzählige darüber weg, dennEindruck machenund eindurchschlagender Erfolgsind so abgebrauchte Bilder, daß man sich ihres ursprünglichen Sinnes kaum noch bewußt ist. Und doch liegt hier eine lächerliche Bildervermengung vor, denn einenEindruck machenunddurchschlagenschließen einander aus; wenn man das Kalbfell einer Pauke durchschlägt, so ist es mit dem Eindruckmachen vorbei. Ebenso ist es, wenn ein Kritiker von Leistungen eines Schriftstellers redet, die nicht den vollenUmfangseiner Fähigkeitenerschöpfen, denn beim Umfang denkt man an ein Längenmaß, schöpfen kann man aber nur mit einem Hohlmaß. In solchen mehr oder weniger verschleierten Bildervermengungen wird sehr viel gesündigt. Man schreibt: die kleinen Staaten werden von derWuchtganz Deutschlandsgetragen– er hatte sich in eine solche Schuldenlast gestürzt– diese Maßregel ist von sehr ungünstigemEinfluß begleitetgewesen – als die auf die Hebung der Hundezucht abzielendeBewegungfesteWurzeln geschlagenhatte – bis sie ihm dieUnterlagefür Börsenspekulationeneröffnethatten – wer nichtmit der Herde läuft, muß sich hüten, daß er nichtscheitereusw.[138]


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