Die Familie Nachfolger

Die Familie Nachfolger

Ebenso einfältig ist noch ein andrer Unfug, der auch auf bloße Nachäfferei des Französischen und des Englischen zurückzuführen ist. Der französische Geschäftsstil setztpère,filsundfrères, der englischebrothersals Apposition hinter den Personennamen:Dumas fils,Shakelford brothers. Im Deutschen ist das ganz unmöglich, wir können nur von dem Wörterbuch derGebrüder Grimmreden, nicht derGrimm Gebrüder. Aber unsre Kaufleute müssen natürlich wieder das Fremde nachäffen; sie nennen sichSchmidt Gebrüder,Blembel Gebrüder,Ury Gebrüder. Sie gehen aber noch weiter. Während der Franzose sagt:Veuve Cliquot, schreibt der Deutsche:M. D. Schwennicke Witwe, ja selbst wo es sich gar nicht um ein Verwandtschaftsverhältnis handelt, leimt er ein Appellativ und einen Personennamen in dieser Weise zusammen, statt ein Attribut zu bilden; in unsrer Geschäftswelt wimmelt es schon von Firmen, die alle so aussehen, als ob ihre Inhaber den FamiliennamenNachfolgerund dabei die seltsamsten Vornamen hätten, wie:C. F. Kahnt Nachfolger,Johann Jakob Huth Nachfolger, ja sogarGebrüder Hinzelmann NachfolgerundLuise Werner Nachfolger. In großen Städten findet man kaum noch eine Straße, wo nicht Mitglieder dieser weitverzweigten Familie säßen. Auch daraus ist eine richtige dumme Mode geworden. Während früher ein Geschäft, wenn es den Inhaber wechselte, die alte Firma meist unverändert beibehielt, um sich deren Ruf zu erhalten – in Leipzig gibt es Firmen, die noch heute so heißen wie vorhundert und mehr als hundert Jahren, und sie befinden sich nicht schlecht dabei! –, ist jetzt oft ein Geschäft kaum zwei, drei Jahre alt, und schon prangt der „Nachfolger“ auf der Firma. Manchen will ja die Dummheit, den Personennamen dabei im Nominativ stehen zu lassen, nicht recht in den Kopf; man sieht das an der verschiedenen Art und Weise, wie sie sich quälen, sie hinzuschreiben. Die meisten schreiben freilich dreist:Ferdinand Schmidt Nachfolger. Andre schreiben aber doch mit Komma:Ferdinand Schmidt, Nachfolger, was zwischen einem Schneider und einem Fleischer so aussieht, als ob die Beschäftigung dieses Biedermanns im Nachfolgen bestünde, andre ganz klein, als ob sie sich ein bißchen schämten:Ferdinand SchmidtNachfolger. Nur auf das einzig vernünftige:Ferdinand Schmidts Nachfolgerverfällt keiner.

Namentlich auch im deutschen Buchhandel hat das fruchtbare Geschlecht der Nachfolger schon eine Menge von Vertretern. Einer der wenigen, die den Mut gehabt haben, der abgeschmackten Mode zum Trotz dem gesunden Menschenverstande die Ehre zu geben, ist der Verleger der Gartenlaube:Ernst Keils Nachfolger. Dagegen überbietet alles an Sprachzerrüttung dieCotta’sche Buchhandlung Nachfolger; das soll heißen: der Nachfolger der Cottaischen Buchhandlung! In solchem Deutsch prangt jetzt die Buchhandlung, in der einst Schillers und Goethes Werke erschienen sind!


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