Die teilweise Erneuerung
Mit wachsender Schnelligkeit hat sich endlich noch ein Fehler in der Attributbildung verbreitet, der für einen Menschen von feinerem Sprachgefühl etwas höchst beleidigendes hat, gegen den aber die große Masse schon ganz abgestumpft ist: der Fehler, die mitweisezusammengesetzten Adverbia wie Adjektiva zu behandeln. Man schreibt jetzt frischweg, als ob es so ganz in der Ordnung wäre: dieteilweise Erneuerung, diestufenweise Vermehrung, dieausnahmsweise Erlaubnis, diebruchstückweise Veröffentlichung, dieheftweise Ausgabe, diestückweise Bezahlung, dieauszugsweise Abschrift, dievergleichsweise Erledigung, dieleihweiseoderschenkungsweise Überlassung, derglasweise Ausschank, dieprobeweise Anstellung, diereihenweise Aufstellung, dieversuchsweise Aufhebung, dieabwechslungsweise Verteilungusw. Wenn in Leipzig jemand seine Steuern nicht pünktlich bezahlt, so hat er diezwangsweise Beitreibung(!) zu gewärtigen; ja nach einer Dorfversammlung läßt man sogar die Leute in ihrebeziehungsweisen (!) Behausungenzurückkehren.
Es wird einem ganz griechisch zumute, wenn man so etwas liest. Die griechische Sprache ist imstande, das zwischen Artikel und Hauptwort tretende Attribut auch durch ein Adverb oder einen adverbiellen Ausdruck zu bilden.[101]Im Griechischen kann man sagen: dasjetzt Geschlecht(τὸ νῦν γένος) für: das jetzige Geschlecht, derheute Tagfür: der heutige Tag, derjedesmal Königfür: der jedesmalige König, diedazwischen Zeitfür: die dazwischenliegende Zeit, derzurück Wegfür: der zurückführende Weg, dieallzusehr Freiheitfür: die allzu große Freiheit. Mit unsern Adverbien aufweiselassen sich im Griechischen namentlich gewisse mit der Präposition κατά und dem Akkusativ gebildete Ausdrücke vergleichen wie: κατὰ μικρόν (stückweise), κατ’ ἐνιαυτόν (jahrweise, alljährlich), καθ’ ἡμέραν (tageweise), (einer auf einmal), ἡ καθ’ ἡμέραν τροφή (die tageweise Nahrung). Im Deutschen sind derartige Verbindungen ganz unmöglich.[102]Dem, der sie gebraucht, fällt es auch gar nicht ein, in einer Verbindung wie: dieschrittweise Vervollkommnungdasschrittweiseals Adverb aufzufassen, er meint, er schreibe wirklich ein Adjektivum hin, er dekliniert ja auch: diepfennigweisen Ersparnisse, einteilweiser Erlaß. Das ist aber eben die Verwirrung. Die mitweisezusammengesetzten Wörter sind Adverbia, die aus Genitiven entstanden sind. Man sagte zunächst:glücklicher Weise,törichter Weise,verkehrter Weise, wie man auch sagte:gewisser Maßen(dieMaße hieß es ursprünglich). Dann dachte man nicht mehr an den Genitiv, sondern wagte auch andre Zusammensetzungen (versuchsweiseist eigentlich:nachoderauf Versuchs Weise), und endlich bildete man sich ein, vielleicht verführt durch den Gleichklang mitweise(sapiens), diese Zusammensetzungen wärenAdjektiva. Das sind sie aber nicht; man kann wohl etwasteilweise erneuern,ausnahmsweise erlauben,zwangsweise versteigern,bruchstückweise veröffentlichen, man kann sichschrittweise vervollkommnen, aber dieschrittweise Vervollkommnungist eine Verirrung des Sprachgefühls, die nicht um ein Haar besser ist als dasentzweie Glas, derextrae Teller, dersehre Hungerund die bisweilen im Scherz gebildeten Ausdrücke, in denen man Präpositionen wie Adjektiva behandelt: eindurcher Käse, einezue Droschke, einauses Heft(statt: ein ausgeschriebnes).[103]
Mancher wird einwenden: daß ein Adverbium zum Adjektivum wird, ist doch kein Unglück, es ist auch sonst geschehen. Mitzufrieden,vorhanden,ungefährist es ebenso gegangen. Erst sagte man: ich kann mir dasungefähr vorstellen, dann wagte man auch: ich habe davon eineungefähre Vorstellung. Andre werden einwenden: dieser Mißbrauch (wenn es einer ist) gewährt doch unleugbar eine Bequemlichkeit, wo soll man einen Ersatz dafür hernehmen? Früher sagte man:partiell(diepartielle Renovation),fragmentarisch(diefragmentarische Publikation),exzeptionell,obligatorisch,relativ,provisorisch. Nun meiden wir die Fremdwörter und sagen: dieteilweise Erneuerung, diebruchstückweise Veröffentlichung, und nun ist es wieder nicht recht.
Das sind hinfällige Einwände. Wer sich der adverbiellen Natur dieser Zusammensetzungen bewußt geblieben ist – und solche Menschen wird es doch wohl noch geben dürfen? –, oder wer sie sich wieder zum Bewußtsein gebracht hat, was gar nicht schwer ist, der bringt Ausdrücke wieteilweise Erneuerungweder über die Lippen noch aus der Feder.[104]Einzelne dieser Verbindungen sind ja nichts als Sprachschwulst oder Ungeschick: fürschenkungsweise ÜberlassungeinesBauplatzes genügt doch wahrhaftigSchenkungund statt: dieteilweise Veröffentlichungder Briefe kann man doch sagen: die Veröffentlichungeines Teilsodervon Teilender Briefe. Alle aber lassen sich vermeiden, wenn man sich nur von der Manier freihält oder wieder freimacht, in der unsre ganze Schriftsprache jetzt befangen ist, der greulichen Manier, zum Hauptsinnwort eines Satzes immer ein Substantiv zu machen, statt ein Zeitwort. Wenn wir wieder Verba schreiben lernten, vor allen Dingen einen Satz wieder mit dem Verbum anfangen lernten, was sich heute kaum noch jemand getraut, dann würde so mancher andre Unrat auch wieder verschwinden. Statt zu schreiben: es wurde eine Resolution angenommen, die diezeitweise Aufhebungder Kornzölle verlangte – schreibe man doch: die verlangte, die Kornzöllezeitweise aufzuheben, statt: ihreteilweise Begründungmag diese Gleichgiltigkeit darin finden – schreibe man doch:begründetmag diese Gleichgiltigkeitzum Teildarin sein – und alles ist in bester Ordnung.
Eine nagelneue besondre Abart dieses Fehlers ist das von den Kleiderfabrikanten aufgebrachtefußfreie Kleid, dem sich natürlich schleunigst derarmfreie Lodenmantel, diearmfreieBetätigung aller Kräfte und diekniefreien Wunderkinderangeschlossen haben. Man kannsichwohlfußfrei kleiden, d. h. so, daß die Füße frei bleiben, man kann sich auchrückenfrei setzen, aber dann kann weder der Mensch noch das Kleid fußfrei, weder der Mensch noch der Stuhl rückenfrei genannt werden.