Fort oder weg?

Fort oder weg?

Nichts weiter als eine Modeziererei ist es auch, daß man das Adverbiumwegzu verdrängen und überallfortan seine Stelle zu setzen sucht. Die Mode stammt aus dem Niederdeutschen, hat sich zunächst in das Berliner Deutsch eingedrängt und dann von da aus weitergefressen.

Unleugbar gibt es eine Anzahl von Zeitwörtern, bei denen es keinen fühlbaren Unterschied macht, ob sie mitwegoder mitfortzusammengesetzt werden. Aber ebenso sicher gibt es eine Anzahl andrer, bei denen bisher in der Anwendung vonwegundfortnicht bloß ein feiner, sondern ein ziemlich grober Unterschied gemacht worden ist, den alle guten Schriftsteller beobachtet haben und noch beobachten.Fortnämlich (verwandt mitvorundvorn) steht in dem Sinne vonvorwärts, wobei stets ein bestimmtes Ziel vorschwebt, wenn es auch nicht genannt ist; es wird überdies nicht bloß vom Raume, sondern auch von der Zeit gebraucht.Wegdagegen (dasselbe wieWeg) wird nur räumlich gebraucht und bedeutet:aus dem Wege,auf die Seite, wobei man nicht an ein Ziel, sondern an ein Verschwinden denkt. Wer verreisen will, kann sagen: mein Koffer ist glücklichfort, in einer Stunde fahre ich; es kann aber auch vorkommen, daß er sagen muß: ich kann nicht fahren, mein Koffer istweg. In einer Volksmasse wird jemand mitfortgerissen, d. h. in die Strömung hinein, auch von Begeisterung wird jemandfortgerissen, z. B. dem hohen Ziele zu, zu dem uns der Künstler führen will; aber eine Mauer, ein Haus, ein Damm wirdweggerissen. Wer aus der großen Stadt auf ein einsames Dorf zieht, kommt sich anfangs wieweggesetztvor, aber nicht wiefortgesetzt. Der Bruder sagt zur Schwester:setzedeine Malerei (das Malgerät) jetztweg, wir wollen Klavier spielen: nach einer Stunde aber: es ist genug,setzedeine Malerei (das Malen) nunfort. Wenn ich ein Bild abzeichne, auf dem auch ein Sperlingdargestellt ist, so kann ich den Sperlingweglassen; wenn ich aber einen lebendigen Sperling in der Hand habe, so kann ich ihnfortlassen. Auf sumpfiger Landstraße kann man schlechtfortkommen, aber bei einem gewagten Geschäft kann man schlechtwegkommen. Von zwei Hunden, die auseinemNapfe saufen sollten, kann ich sagen: der große hat dem kleinen allesweggesoffen; ein bekannter § 11 aber lautet: es wirdfortgesoffen. Wie jemand das Bedürfnis nach diesen Unterscheidungen verlieren kann, ist unbegreiflich. Aber die Zahl derer, die sich einbilden,wegsei gemein,fortsei fein, wird immer größer; man sagt nur noch: die beiden letzten Sätze der Symphonie wurdenfortgelassen– wo wurden sie denn hingelassen? die Mauern auf der Akropolis sindfortgebrochenworden – wo sind sie denn hingebrochen worden? Sie hatte das Bildfortgeschlossen– der Damm wurde durch Überschwemmungfortgerissen– es ist eine nichtfortzuleugnende(!) Tatsache – ich habe darüberfortgelesen(!) – meine Bleistiftekommenmir immerfort(!) – er hat mir meine Mützefortgenommen(!) – so ist es richtig Berlinisch, und wer ein feiner Mann sein will, der schwatzt es nach. Vielleichtsetztmansichauch noch über einen schweren Verlustfortoder spricht sichfortwerfendüber jemand aus, und in den Berliner Gymnasien singt man vielleicht nächstens in Uhlands Gutem Kameraden: ihn hat esfortjerissen, er liegt mir vor den Füßen.


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