Jeden Zwanges oder jedes Zwanges?

Jeden Zwanges oder jedes Zwanges?

Zu den unbehaglichsten Kapiteln der deutschen Grammatik gehört die Deklination zweier miteinander verbundner Nomina, eines Substantivs und eines Adjektivs. Heißt es:jeden Zwangesoderjedes Zwanges?sämtlicher deutscher Stämmeodersämtlicher deutschen Stämme?großer Gelehrterodergroßer Gelehrten? einschönes Ganzesoder einschönes Ganze? vonhohem praktischen Werteoder vonhohem praktischem Werte? So unwichtig die Sache manchem vielleicht scheint, so viel Verdruß oder Heiterkeit (je nachdem) bereitet sie dem Fremden, der Deutsch lernen möchte, und so beschämend ist es für uns Deutsche selbst, wenn wir dem Fremden sagen müssen: Wir wissen selber nicht, was richtig ist, sprich, wie du willst! Mit einigem guten Willen ist aber doch vielleicht zu ein paar klaren und festen Regeln zu gelangen.

Die Adjektiva können stark und auch schwach dekliniert werden. In der schwachen Deklination haben sie, wie die Hauptwörter, nur die Endungen, in der starken haben sie die Endungen des hinweisenden Fürwortes:es,em,enusw. Nach der starken Deklination gehen sie, wenn sie allein beim Substantiv stehen, ohne vorhergehenden Artikel, und im Singular, wenn ein Pronomen ohne Endung vorhergeht:mein guter Hans,du alterFreund,unser jährlicher Umsatz,welch vorzüglicherWein. In allen andern Fällen gehn sie nach der schwachen Deklination. Es muß also heißen:gerades Wegs,guter Hoffnung,schwieriger Fragen, dagegendes geraden Wegs,der guten Hoffnung,der schwierigen Fragen,dieser schwierigenFragen,welcher schwierigenFragen,solcher schwierigenFragen, auchderartigerundfolgender schwierigenFragen,beifolgendes kleineBuch (dennderartigersteht fürsolcher,folgenderundbeifolgenderfürdieser).

So ist auch die ältere Sprache überall verfahren; Luther kennt Genitive wiesüßen Weinesfast noch gar nicht. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert aber drang, obgleich Sprachkundige eifrig dagegen ankämpften, bei dem männlichen und dem sächlichen Geschlecht im Genitiv des Singulars immer mehr die schwache Form ein, und gegenwärtig hat sie sich fast überall festgesetzt; man sagt:frohen Sinnes,reichen Geistes,weiblichen Geschlechts,größten Formats. Höchstensgutes Muts,reines Herzens,gerades Wegswird bisweilen noch richtig gesagt. Bei den besitzanzeigenden Adjektiven (mein,dein,sein,unser,euer,ihr) hat sich die starke Form überall unangetastet erhalten (meines Wissens,unsers Lebens), dagegen ist es bei den Zahlbegriffen (jeder,aller,vieler,keiner,mancher) ins Schwanken gekommen. Wie man sagt:größtenteilsundandernteils, so sagt man auchjedenfallsundallenfallsnebenkeineswegs,keinesfalls,jedes Menschen,keines Worts,alles Lebens,alles Ernstes. Nur wenige schreiben noch richtig: trotzalles Leugnens, trotzmanches Erfolgs, trotzvieles Aufwands; die meisten schreiben: trotzallen Leugnensusw.

Beijedererklärt sich das Schwanken vielleicht daher, daßjederwie ein Adjektiv auch mit dem unbestimmten Artikel versehen werden kann (ein jederMensch), eine Verbindung, die manche Schriftsteller bis zum Überdruß lieben, als ob sie das bloßejedergar nicht mehr kennten.

Die Schule sollte sich auch hier bemühen, die alte, richtige Form, wo sie sich noch erhalten hat, sorgfältig zu schützen und zur Schärfung des Sprachgefühls zu benutzen. Und wo ein Schwanken besteht, wie beijeder, da sollte doch kein Zweifel sein, wie man sich zu entscheiden hat. Falsch ist: die AbwehrjedenZwanges; richtig ist nur: die Abwehrjedes Zwangesodereines jeden Zwanges(wie die Bekämpfungsolches Unsinnsodereines solchen Unsinns).

Merkwürdig ist, daß sich nachsolcherdie schwache Deklination noch nicht so festgesetzt hat wie nachwelcher. Während jeder ohne Besinnen sagt:welcher guteMensch,welches gutenMenschen,welche gutenMenschen, auchsolcher vollkommnenExemplare, hört man im Nominativ und Akkusativ der Mehrzahl viel öfter:solche vollkommneExemplare. Es kommt das wohl daher, daß auchsolcheroft mehr etwas adjektivisches hat. Ebenso ist es beiderartiger(fürsolcher) undfolgender(fürdieser). Jeder wird im Nominativ vorziehen:folgende schwierigeFragen, dagegen im Genitiv vielleichtfolgender schwierigenFragen (wiedieser schwierigenFragen).

Manche Leute glauben, daß Adjektiva, deren Stamm auf m endigt, nur einen schwachen Dativ bilden könnten, weilmem„schlecht klinge“, daß es also heißen müsse: mitwarmen Herzen, mitgeheimen Kummer, mitstummen Schmerz, mitgrimmen Zorn, vonvornehmenSinn,bei angenehmenWetter, beigemeinsamenLesen – ein ganz törichter Aberglaube.


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