Sedantag und Chinakrieg
Noch überboten an Geschmacklosigkeit werden Zusammensetzungen wieErstaufführungdurch die Roheit, mit der man jetzt Eigennamen (Ortsnamen und noch öfter Personennamen) vor ein Hauptwort leimt, anstatt aus dem Namen ein Adjektiv zu bilden.
Die Herkunft einer Sache wurde sonst nie anders bezeichnet als durch ein von einem Städte- oder Ländernamen gebildetes Adjektiv oder durch eine Präposition mit dem Namen, z. B.:sizilische Märchen,bengalisches Feuer,Kölnisches Wasser,Berliner Weißbier,Emser Kränchen,Dessauer Marsch,Motiv aus Capri,Karte von Europa. Jetzt redet man aber vonJapanwaren, einerChinaausstellung,Smyrnateppichen,Olympiametopen,Samosausbruch,Neapelmotiven,Romplänen(das sollen Stadtpläne von Rom sein!), einemLeipzig-Elbe-Kanalund einerHolland-Amerika-Linie.Wenn solche Zusammenleimungen auch zu entschuldigen sein mögen bei Namen, von denen man sich kein Adjektiv zu bilden getraut, wieBordeauxwein,Jamaikarum,Havannazigarren,Angoraziege,Chesterkäse,Panamahut,Suezkanal,Sedantag(in LeipzigSeedangtaggesprochen), so ließe sich doch schon eine Bildung wieMaltakartoffelnvermeiden, denn niemand spricht von einemMaltakreuzoderMaltarittern. Oder klingtMalteserfür Kartoffeln zu vornehm? Auch dasSelterser Wasser, wie man es richtig nannte, als es bekannt wurde, hätte man getrost beibehalten können und nicht inSelterswasser(oder garSelterwasser! es ist nach dem nassauischen Dorfe Nieder-Seltersgenannt) umzutaufen brauchen. Aber ganz überflüssig sind doch die angeführten Neubildungen, denn das Adjektivjapanisch(oder meinetwegenjapanesisch!) ist doch wohl allbekannt, jeder Archäolog oder Kunsthistoriker kennt auch das Adjektivolympisch, auch vonsamischemWein hat man früher lange genug gesprochen, und auch vonLeipzigund vonHollandwird man sich doch wohl noch Adjektiva zu bilden getrauen?Leipzig-Elbe-Kanal! Es ist ja fürchterlich! Einen Städtenamen so vor einen Flußnamen zu leimen, der selber nur angeleimt ist! Vor fünfzig Jahren hätte jeder zehnjährige Junge auf die Frage: wie nennt man einen Kanal, der von Leipzig nach der Elbe führen soll? richtig geantwortet:Leipziger Elbkanal; wie nennt man eine Dampferlinie zwischen Holland und Amerika?Holländisch-amerikanische Linie. Und warum nicht:Smyrnaer Teppiche? Sagt man doch:Geraer Kleiderstoffe. Sachkenner behaupten, die echten nenne man auch so; nur die unechten, in smyrnischer Technik in Deutschland angefertigten nenne manSmyrnateppiche. Mag sein. Aber warum nicht:Motive aus Neapel? Japanwaren, Neapelmotive– wer verfällt nur auf so etwas! Man denke sich, daß jemandItalienwarenzum Kauf anbieten oder vonRomruinenreden wollte! Ein Wunder, daß noch niemand darauf gekommen ist, denCyperweinund dieCyperkatzeinCypernweinundCypernkatzeumzutaufen. Die Insel heißt dochCypern! Jawohl, aber der Stamm heißtCyper– das ist so gut wie ein Adjektiv, und der ist zum Glück den plumpen Fäusten unsrer Sprachneuerer bis jetzt noch entgangen. DieItalienreisendenhaben wir freilich auch, wie dieSchweizreisendenund dieAfrikareisendenund neuerdings dieWeimarpilgerund denChinakrieg. Schön sind die auch nicht (zu Goethes und Schillers Zeit sprach man vonitalienischen,SchweizerundafrikanischenReisenden), aber man läßt sie sich zur Not gefallen; der Ortsname bezeichnet da nicht den Ursprung, die Herkunft, sondern das Land, auf das sich die Tätigkeit des Reisenden erstreckt. Im allgemeinen aber kann doch das Bestimmungswort eines zusammengesetzten Wortes nur ein Appellativ, kein Eigenname sein. VonEisenwaren,Sandsteinmetopen,Stadtplänen,Fluß-undWaldmotivenkann man reden, aber nicht vonJapanwaren,Olympiametopen,RomplänenundNeapelmotiven. Das ist nicht mehr gesprochen, es ist gestammelt.
Gestammelt? O nein, es ist ja das schönste Englisch! Der Engländer sagt ja:the India house,the Oxford Chaucer(das soll heißen: die Oxforder Ausgabe von Chaucers Werken),the Meier Madonna; das muß natürlich wieder nachgeplärrt werden. Wir kommen schon auch noch dahin, daß wir die Weimarische Ausgabe von Goethes Werken denWeimar-Goethenennen oder gar denWeimar Goethe(ohne Bindestrich).