Seitens
Der größte Greuel aber auf dem Gebiete unsers ganzen heutigen Präpositionenschwulstes ist wohl das Wortseitens; es ist zu einer wahren Krankheit am Leibe unsrer Sprache geworden.
Zunächst ist es schon eine garstige Bildung. In den vierziger und fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts schrieben die Beamten und Zeitungschreiber beim passiven Verbum mit Vorliebevon Seitenstatt des einfachenvon(ebensoauf Seitenstattbei). Das war natürlich unnötiger Schwulst, aber es war doch wenigstens richtig, ja man konnte sich sogar über den schwachen DativSeitenfreuen, den sich heute niemand mehr zu bilden getrauen würde. Mit der Zeit wurde aber doch selbst den Kanzlei- und Zeitungsmenschen dieses ewigevon Seitenzu viel. Statt nun das einzig vernünftige zu tun und wieder zu dem einfachenvonzurückzukehren, ließ man dasvonweg und sagte nur nochseiten. Aber das dauerte auch nicht lange. Kaum war die Neubildung fertig, so wurde sie einer abermaligen Umbildung unterzogen, man hängte gedankenlos, verführt durch Genitive wiebehufs,betreffs, ein unorganisches s an den schwachen Dativ,[175]und so entstand nun dieses Jammerbild einer Präposition, das heute das Leib- und Lieblingswort unsrer Amts- und Zeitungssprache ist. Sowie man eine Zeitung in die Hand nimmt, das erste Wort, das einem in die Augen fällt, ist:seitens. Die kleinen Pfennignotizen der Lokalreporter fangen gewöhnlich gleich damit an; wenn nicht, dann stehts gewiß aufder zweiten oder dritten Zeile. Da es die Zeitungssprache immer mehr verlernt, ein Ereignis im Aktivum mitzuteilen, da sie mit Vorliebe im Passivum erzählt, sodaß das Objekt zum grammatischen Subjekt und das logische Subjekt zum äußerlichen Agens wird,vonbeim Passiv ihr aber gänzlich unbekannt geworden ist, so kann sie tatsächlich nicht die kleinste Mitteilung mehr machen ohneseitens. Die Regierung, der Bundesrat, das Ministerium, das Gericht, der Magistrat, die Polizeidirektion, das Stadtverordnetenkollegium – sie alletunnichts mehr, sondern alleswirdgetan, alles geschieht, erfolgt, findet stattseitensder Regierung,seitensdes Bundesrats,seitensdes Ministeriums,seitensdes Gerichts,seitensdes Magistrats,seitensder Polizeidirektion usw. Dem fortschrittlichen Kandidaten konnteseitensder Gegner nichts nachgesagt werden – die Maschinen könnenseitensder Interessenten jederzeit besichtigt werden – gegen solche Unart muß endlich einmal mit Ernst vorgegangen werden,seitensder Schule,seitensder Polizei, aber auchseitensdes Publikums – es liegt darin etwas verletzendes, auch wenn dies wederseitensdes Dichters, nochseitensder Darsteller beabsichtigt sein sollte; das Stück wurdeseitensdes Publikums einstimmig abgelehnt – anders wird nicht geschrieben. Aber auch bei aktiven Verben heißt es: zahlreiche Klagen sindseitens(!) einflußreicher Personen eingelaufen –seitensdes Herrn Polizeipräsidenten ist uns nachstehende Bekanntmachung zugegangen –seitensder Kurie hat man (!) sich noch nicht schlüssig gemacht –seitensder Regierung gibt man (!) sich der bestimmten Hoffnung hin. Und hier wirdseitensauch fürbeigebraucht: dabei stieß erseitensdes Gouverneurs auf große Schwierigkeiten (statt:beidem Gouverneur!) – wie er denn auch vielfache Anerkennungseitensder wissenschaftlichen Welt (beider wissenschaftlichen Welt!) gefunden hat – er erfreute sich des größten Vertrauensseitensseines Chefs (beiseinem Chef!) – das Werk wird dadurch an Teilnahme und Gunstseitensder Berliner (beiden Berlinern!) nichts einbüßen. Für den garstigen Gleichklang, der entsteht, wenn hinterseitensnun immer wieder Genitive auf s kommen, für dieses unaufhörliche Gezisch hat der Papiermensch kein Ohr. Will er ja einmal abwechseln, auf das einfache, vernünftigevonoder gar auf das Aktivum verfällt er gewiß nicht; dann schreibt er lieber:englischerseits,staatlicherseits,kirchlicherseits,päpstlicherseits,ministeriellerseits,landwirtschaftlicherseits, ja sogarunterrichteterseitsoder:regierungsseitig,eisenbahnseitig,gerichtsseitig,prinzipalseitig: die Gehilfenschaft hatte die Frage in ein Gleis gebracht, an dem sichprinzipalseitignichts aussetzen ließ! Ein Tierarzt macht darauf aufmerksam – die Judenfeinde behaupten – wie simpel! Der Zeitungschreiber sagt:tierärztlicherseitswird darauf aufmerksam gemacht –antisemitischerseits(Sprachrhythmus: Mark) wird behauptet. So klingts vornehm!
Damit ist aber die Anwendung des garstigen Wortes noch nicht erschöpft.Seitenswird nicht nur mit Verben, es wird auch mit Verbalsubstantiven verbunden. Da schreibt man: die Beiträge zur Unfallversicherungseitensder Arbeitsherren – die Vorführung eines Spritzenzugsseitensdes Branddirektors – die Behandlung der Frauenseitensder Männer – die Aufnahme des Gesandtenseitensdes Königs – die Abneigung gegen die Angestelltenseitensder Einwohnerschaft – der Übergang über die Partheseitensder Nordarmee – die allgemeine Benutzung der Lebensversicherungseitensder ärmern Klassen – ein Opfer von 3000 Markseitensder Stadt – die Besitznahme dieses Küstengebietsseitensder Franzosen – die Unsitte des Trampelns im Theaterseitensder Studenten – der schädigende Einfluß der Verletzung der Glaubenspflichtenseitenseines Kirchenmitgliedes – das Dementi der Nachricht von der Audienz des Herrn H. beim Kaiserseitensder Konservativen Korrespondenz – Zeitungen wie Bücher sind voll von solchen Verbindungen! Wie soll man sie aber vermeiden? in allen diesen Beispielen ist doch ohneseitensgar nicht auszukommen. Nun, wie ist man denn früher ohne das Wort ausgekommen? Entweder durch vernünftige Wortstellung: die BeiträgederArbeitsherrenzur Unfallversicherung – der ÜbergangderNordarmee über die Parthe – ein OpferderStadt von 3000 Mark; oder dadurch, daß man Sätze bildete, anstatt, wie es jetzt geschieht, ganze Sätze immer in Substantiva zusammenzuquetschen. Zu einem Zeitwort kann man ein halbes Dutzend näherer Bestimmungen setzen, da hat man immer freie Bahn und kommt leicht vorwärts; sowie man aber das flüssige Zeitwort in das starre Hauptwort verwandelt, verbaut man sich selbst den Weg, und dann werden solche Angstverbindungen fertig wie: mit der Beherrschung von Raum und Kraftseitensder Menschen wäre es zu Ende (statt: die Menschen würden Raum und Kraft nicht mehr beherrschen) – der redliche Erwerb (!) der Kleidungsstückeseitensdes Angeklagten ließ sich zum Glück nachweisen (statt: daß er sie redlich erworben hatte).
Nun aber das Tollste: diese Angstverbindungen von Substantiven mitseitenssind den Leuten schon so geläufig geworden, und man ist so vernarrt in das schöne Wort, daß man es auch da anwendet, wo gar keine Nötigung dazu vorliegt, daß man geradezu – den Genitiv damit umschreibt! Man sagt nicht mehr: der Besuch des Publikums, die Anregung des Vorstandes, eine Erklärung des Wirts, die freiwillige Pflichterfüllung eines Einzelnen, sondern: der Besuchseitensdes Publikums, die Anregungseitensdes Vorstandes, eine Erklärungseitensdes Wirts, die freiwillige Pflichterfüllungseitenseines Einzelnen. Überall laufen einem jetzt solche Genitive über den Weg, man braucht nur zuzugreifen: ich wollte damit etwaigen Einredenseitensder Gegner vorbeugen – der glänzende Erfolg, den der Verfasser dem ausgezeichneten Vortrageseitensdes Rezitators zu danken hat – ein ähnliches Beispiel einer starken Willkürseitenseines Herausgebers – er wurde die Zielscheibe vieler Angriffeseitensder Klerikalen – ein höherer Gehilfe kann nicht ohne Vertrauenseitensdes Handelsherrn angestellt werden – die Frau war wegen fortgesetzter Roheitenseitensihres Mannes ins Elternhaus zurückgekehrt – der Gesandte hatte die Stirn, zu fragen, ob man denn auch des FriedensbruchsseitensFrankreichs gewiß sei – es fehlt ihm die Anerkennungseitensder Großmächte – das Urteil klingt hart, beruht aber auf sorgfältiger Prüfungseitenseines Unbefangnen – es bedarf nur der Aufforderungseitenseines geeigneten Mannes – sie wählten diese Wohnungen, um sich gegen Überraschungenseitensihrer Feinde zu sichern – ohne die freundliche Unterstützungseitenszahlreicher Bibliotheksverwaltungen würde es nicht gelungen sein – es trifft ihn die Verachtungseitensseiner Mitmenschen – es kostete große Anstrengungenseitensder bekümmerten Verwandten – an der Tafel fehlte es nicht an herzlichen Reden und Gegenredenseitensder Arbeiter und Prinzipale – der Straßenhandel hat zu Beschwerdenseitensder Einwohnerschaft geführt – eine Trauung, bei der es an aufrichtig frommer Gesinnungseitensder Brautleute fehlte. Für einzelne dieser Beispiele scheint es ja einen Schimmer von Entschuldigung zu geben. Das Hauptwort, von dem der Genitiv abhängen würde, ist meist ein Verbalsubstantiv, und da kann der Zweifel entstehen, ob man die Handlung, die es ausdrückt, als aktiv oder als passiv auffassen soll. Der Besuch des Publikums – das könnte ja auch heißen, das Publikum sei besuchtworden; der Besuchseitensdes Publikums – das ist nicht mißzuverstehen, dahatdas Publikum besucht. Angriffe der Klerikalen – da könnte man auch denken, die Klerikalen wären angegriffenworden; Angriffeseitensder Klerikalen – dahabensie natürlich angegriffen. Die Untersuchung des Arztes – da könnte man ja denken, der Arzt wäre untersuchtworden; die Untersuchungseitensdes Arztes – nunhatder Arzt untersucht. Sollte es aber wirklich Leser geben, die so beschränkt wären, dergleichen mißzuverstehen?