Wechsel zwischen der und welcher
Wenn zu einem Worte zwei (oder mehr) Relativsätze zu fügen sind, so halten es viele für eine besondre Schönheit, mit dem Relativpronomen abzuwechseln. Es ist das der einzige Fall, wo sie einmal mit Bewußtsein und Absicht zu dem Relativumdergreifen, während sie sonst, wie die Schulknaben, immerwelcherschreiben. Jeden Tag kann man Sätze lesen wie: das Allegro und das Scherzo fanden nicht das Maß von Beifall,welcheswir erwartet hatten, unddassie verdienen – jedes Grundstück,welchesmindestens zu einem Grundsteuerertrage von 200 Mark eingeschätzt ist, unddasmindestens einen Taxwert von 1000 Mark hat – lehrreich ist die Niederschrift durch die Korrekturen,welcheder Komponist selbst darin vorgenommen hat, unddiesich nicht nur im Ändern einzelner Noten zeigen – in eine weite Hausflur mündete die Treppe,welchein die obern Stockwerke führte, unddieman gern als Wendeltreppe gestaltete – die ehrwürdigen Denkmäler der Druckkunst,welcheuns der Altmeister selbst hinterlassen hat, unddieman mit dem Namen Wiegendrucke bezeichnet – es geht nicht an, daß wir Schäden groß wachsen sehen,dieuns als schwache Köpfe erscheinen lassen, und aufwelchedie Fremden mit Fingern weisen – es war ein Klang in seinen Worten,welcheralle Herzen ergriff, unddemsie gern weiter gelauscht hätten – Aufsätze,welchebereits in verschiednen Zeitschriften erschienen sind, unddiedurch ihre Beziehungen auf Schwaben zusammengehalten werden. Kein Zweifel: in allen diesen Fällen liegt ein absichtlicher Wechsel vor; alle, die so schreiben, glauben eine besondre Feinheit anzubringen.
Aber das Gegenteil ist der Fall. Abgesehen davon, daß die Wiederholung des Relativpronomens bisweilen ganz überflüssig ist, weil das Satzgefüge dasselbe bleibt, ist es auch unbegreiflich, wie jemand in seinem Sprachgefühl so irre gehen kann. Wenn man an ein Hauptwort zwei oder mehr Relativsätze anschließt, so stehn doch diese Sätze als Bauglieder innerhalb des Satzgefüges parallel zueinander, etwa so:
Erster Relativsatz
Hauptsatz
Zweiter Relativsatz
Wie kann man da auf den Gedanken kommen, diese beiden parallelstehenden Sätze verschieden anknüpfen zu wollen! Das natürliche ist es doch, parallellaufende Sätze auch gleichmäßig anzuknüpfen, ja es ist das geradezu notwendig, die Abwechslung stört nur und führt irre. Wenn ich erstderlese und im nächsten Satzewelcher, so suche ich unwillkürlich bei dem wechselnden Pronomen auch nach dem wechselnden Hauptwort und sehe zu spät, daß ich genarrt bin. Mit der vermeintlichen Schönheitsregel ist es also nichts; auch sie ist nur ein Erzeugnis der abergläubischen Furcht, kurz hintereinander zweimal dasselbe Wort – geschrieben zu sehen. Die vernünftige Regel heißt: Parallele Relativsätze müssen mit demselben Relativpronomen beginnen, also alle mitder,die,das. Es gibt viele Talente,dievielleicht nie selbständig etwas erfinden werden,dieman daher auf der Akademie zwecklosmit Kompositionsaufgaben plagt,dieaber beweglich genug sind, das in der Kopierschule erlernte frei umzubilden – das ist gutes Deutsch.Welcher,welche,welchesist auch hier ganz entbehrlich.
Etwas andres ist es, wenn auf einen Relativsatz ein zweiter folgt, der sich an ein neues Hauptwort in dem ersten Relativsatz anschließt, etwa so:
Hauptsatz
Erster Relativsatz
Zweiter Relativsatz.
Da wechselt die Beziehung, und da hat es etwas für sich, auch das Pronomen wechseln zu lassen; die Abwechslung kann da sogar die richtige Auffassung erleichtern und beschleunigen, wie in folgenden Sätzen:Klaviere,diedenAnforderungenentsprechen,welchein Tropengegenden an sie gestellt werden –Gesetze, die bestimmteOrganisationenzum Gegenstande haben,welchenur bei der katholischen Kirche vorkommen – dieBühnen,diemit einer ständigen Schar vonFreundenrechnen können,welchemit liebevollem Interesse ihrer Entwicklung folgen –Verbesserungen,dieder Dichter derdritten Ausgabeseiner Gedichte zu geben beabsichtigte,welcheer leider nicht mehr erlebte – Amerika zerfällt in zweiHälften, die nur durch eine verhältnismäßig schwacheBrückezusammenhängen,welchesich nicht zu einem Handelsweg eignet – in demPakt,denFaust mit demGeisteder Verneinung schließt,welchersich als der Zwillingsbruder des Todes bekennt – es fehlte bisher an einerDarstellung,dieallenAnforderungenentsprochen hätte,welchean Kunstblätter von nationaler Bedeutung zu stellen sind – es gelang uns, in Beziehung zu denStämmenzu treten,diedieArtikelproduzieren,welcheunsern Kaufleuten zugehen, unddiezugleich ein weites Absatzgebiet für unsre Industrie bieten. Dabei empfiehlt sich übrigens (aus rhythmischen Gründen, der Steigerung wegen),derimmer an die erste,welcheran die zweite Stelle zu bringen, nicht umgekehrt! Aber unbedingt nötig ist der Wechsel auch hier nicht.