Worden
Ebenso schlimm wie die beiden eben bezeichneten ist aber nun noch eine dritte Verwirrung, die neuerdings aufgekommen ist und in kurzer Zeit reißende Fortschritte gemacht hat: die Verwirrung, die sich in dem Weglassen des Partizipswordenim passiven Perfektum zeigt. Es handelt sich auch hier um eine Vermengung zweier grundverschiedner Zeitformen, der beiden, die man in der Grammatik als Perfektum und alsPerfectum praesensbezeichnet.
Nicht nur in gutem Schriftdeutsch, sondern auch in der gebildeten Umgangssprache ist noch bis vor kurzem aufs strengste unterschieden worden zwischen zwei Sätzen wie folgenden: auf dem Königsplatzesindjunge Lindenangepflanzt worden, und: auf dem Königsplatzesindjunge Lindenangepflanzt. Der erste Satz meldet den Vorgang oder die Handlung des Anpflanzens – das ist das eigentliche und wirkliche Perfektum; der zweite beschreibt den durch die Handlung des Anpflanzens geschaffnen gegenwärtigen Zustand – das ist das, was die GrammatikPerfectum praesensnennt. Der Altarraumistmit fünf Gemäldengeschmückt worden– das ist eine Mitteilung; der Altarraumistmit fünf Gemäldengeschmückt– das ist eine Beschreibung. Wenn mir ein Freund Lust machen will, mit ihm vierhändig zu spielen, so sagt er: komm, das Klavierist gestimmt! Dann kann ich ihn wohl fragen: so? wannistes denngestimmt worden? aber nicht: wannistes denngestimmt? denn ich frage nach dem Vorgange. Wenn ein Maler sagt: mirsindfür das Bild 6000 Markgeboten, so heißt das: ich kann das Geld jeden Augenblick bekommen, der Bieter ist an sein Gebot gebunden. Sagt er aber: mirsind6000 Markgeboten worden, so kann der Bieter sein Gebot längst wieder zurückgezogen haben.
Handelte sichs um einen besonders feinen Unterschied, der schwer nachzufühlen und deshalb leicht zu verwischen wäre, so wäre es ja nicht zu verwundern, wenn er mit der Zeit verschwände. Aber der Unterschied ist so grob und so sinnfällig, daß ihn der Einfältigste begreifen muß. Und doch dringt der Unsinn, eine Handlung, einen Vorgang, ein Ereignis als Zustand, als Sachlage hinzustellen, in immer weitere Kreise und gilt jetzt offenbar für fein. Selbst ältere Leute, denen es früher nicht eingefallen wäre, so zu reden, glauben die Mode mitmachen zu müssen und lassen daswordenjetzt weg. Täglich kann man Mitteilungen lesen wie:Dr.Sch.istzum außerordentlichen Professor an der Universität Leipzigernannt– dem Freiherrn von S.istauf sein Gesuch der Abschiedbewilligt– in H.isteine Eisenbahnstationfeierlicheröffnet– oder Sätze wie: über den Begriff der Philologieistvielherumgestritten– die märkischen Ständesindum ihre Zustimmung offenbar nichtbefragt– so ist die Reformation in Preußen als Volkssachevollzogen– er behauptete, daß er in dieser Anstalt wohlgedrillt, aber nichterzogen sei– die Methode, in der Niebuhr so erfolgreich die römische Geschichte behandelte,istvon Ranke auf andre Gebieteausgedehnt– man rühmt sich bei den Nationalliberalen, daß über 12000 Stimmen von ihnenabgegeben seien– es kann nicht geleugnet werden, daß an Verhetzunggeleistet ist, was möglich war – es ist zu bedauern, daß so viel Fleiß nicht auf eine lohnendere Aufgabeverwendet ist– wie hätte die schöne Sammlung zustande kommen können, wenn nicht mit reichen Mitteln dafüreingetreten wäre?
Doppelt unbegreiflich wird der Unsinn, wenn durch Hinzufügung einer Zeitangabe noch besonders fühlbar gemacht wird, daß eben der Vorgang (manchmal sogar ein wiederholter Vorgang) ausgedrückt werden soll, nicht die durch den Vorgang entstandne Sachlage. Aber gerade auch diesem Unsinn begegnet man täglich in Zeitungen und neuen Büchern. Da heißt es: das Verbot der und der Zeitungist heutewiederaufgehoben(worden! möchte man immer dem Zeitungschreiber zurufen) – der österreichische Reichsratist gestern eröffnet(worden!) – der Anfang zu dieser Umgestaltungistschonvor längerer Zeit gemacht(worden!) – diese Frageist schon einmal aufgeworfenunddamalsin verneinendem Sinnebeantwortet(worden!) –vorige Woche istein Flügel angekommen und unter großen Feierlichkeiten im Kursaalaufgestellt(worden!) –in späterer Zeit sindan dieser Tracht die mannigfachsten Veränderungenvorgenommen(worden!) –in gotischer Zeit istdas Schiff der Kirche äußerlich verlängert und dreiseitiggeschlossen(worden!) – an der Stelle, wo Tells Haus gestanden haben soll,ist1522 eine mit seinen Taten bemalte Kapelleerrichtet(worden!) –am Tage darauf, am 25. Januar,sindnoch drei Statuenausgegraben(worden!) –jedenfallsistder Scherz in Karlsbadbei irgendeiner Gelegenheit aufs Tapet gebracht(worden!) – in B.ist dieser Tageein Kunsthändler wegen Betrugs zu sechs Monaten Gefängnisverurteilt(worden!) – diese Dinge sind offenkundig, denn siesind hundertmal besprochen(worden!) – die Wandlungen der Modesindzu allen Zeiten von Sittenpredigernbekämpft(worden!) – bis 1880istvon dieser Befugnis nichtein einzigesmalGebrauchgemacht(worden!).
Wo der Unsinn hergekommen ist? Er stammt aus dem Niederdeutschen und hat seine schnelle Verbreitung unzweifelhaft auf dem Wege über Berlin gefunden. Die Unterscheidung der beiden Perfekta in unsrer Sprache ist nämlich verhältnismäßig jung, sie ist erst im fünfzehnten Jahrhundert zustande gekommen, und zwar ganz allmählich. Erst um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts fing man an, zu sagen: daß ein Knechtgeschlagen ist worden(anfangs immer in dieser Wortstellung). Aber schon im sechzehnten Jahrhundert war die willkommne Unterscheidung durchgedrungen und unentbehrlich geworden. Nur die niederdeutsche Vulgärsprache lehnte sie ab und beharrt – noch heute, nach vierhundert Jahren – dabei. Welche Lächerlichkeit nun, diesen unvollkommnen Sprachrest, der heute doch lediglich auf der Stufe eines Provinzialismus steht, aller Vernunft und aller Logik zum Trotz der gebildeten Schriftsprache wieder aufnötigen zu wollen! Der Unterricht sollte sich mit aller Macht gegen diesen Rückschritt sträuben.