10. Kapitel.

10. Kapitel.

Der Sturm steht auf dem Berg und bläst die Posaune. –

Der Hahn klopft im Morgengrauen an das Fenster über der Stalltür.

»Nein, Freundl, drinne bleibst heute. Es bläst ein Sturmwind, und in den Fichten spielt er die Orgel, alle Register hat er gezogen. Es ist schier feierlich, so ein Stürmen.

Ein bißl Sturm wären wir gewöhnt im Waldland.

Ist auch nicht bloß deswillen, mein Freund. Der wilde Gesell hat ein Völkl Leut hereingetrieben über den Berg, die suchen sich einen grünen Schirm in den Fichten und sind justament dabei, ein Feuer anzulegen am Waldrand. Jetzt – wenn da ein Heger kommt, so gibt's einen Lärm. Den ganzen Wald können sie einem zusammenfeuern über dem Kopf.

Sind Zigeuner, Hahndl; die kennen wir. Die streuen mit der rechten Hand ein Futter und mit der linken drehen sie Dir, derweil Du pickst, den Hals um.«

Der Wind reißt dem Bornständer den Strahl vom Mund, schlägt ihn zu Tropfen und sprüht ihn über den Trogrand auf die Fliesen. Dem Zachenhesselhans reißt er die Joppe auf und will ihm die Kappe vom Kopfe zerren.

»Darauf warten wir nit,« sagt der, geht ins Häusl und schiebt den Holzriegel von innen vor die Tür. Ein Reisigfeuer hat er sich angezündet im Kachelofen, und nun legt er gespaltenes Stockholz in den knisternden Brand.

Wie auch das Morgenpfeiflein in Ordnung gebracht ist, gibt der Zachenhesselhans den Zeisigen das Ihre, pafft den grauen Tabakrauch gegen die Fensterscheiben und schaut dem dünnen Nebel zu, den der Wind wie gehetztes Wild die Halden hereinjagt.

Da hat einer schon manchmal zugeschaut, aber die Zigeuner – so bequem haben die's dem Zachenhesselhans noch nicht gemacht, denkt er.

Drüben am Waldrand über dem Hau hocken die Kinder im feuchten Gras und ziehen die Säcke und Tücher, die sie über den Schultern tragen, fester zusammen. Ein Loch sticht der Mann in den Boden; die kalten Schollen baut er als ein Mäuerlein darum. Und der andere schlägt mit der Axt Reisig vom fichtenen Kleinholz und macht eine Streu rings um das Loch.

Jetzt – ein dichter Qualm quillt daraus hervor und steigt als gelblichgraue Säule ein Stück in die Luft. Wie die der Wind bemerkt, reißt er sie in Fetzen und wirft die Stücke in den Wald.

Daraus erkennt der Zachenhesselhans: über die kleine Talmulde am Rande des Hau's fliegt der Wind hinweg; erst unter den Kronen der Fichten ist er wieder.

Nun – drei ganze Bäume, übermannshoch hat der Kerl abgeschlagen im Wald!

»Zachenhesselhans, vermaulier' Dich nit! Hast Du Dir zum Stützen des Daches hinterm Haus nit auch einen Stämmling geschlagen heimlicher Weis?«

Die Reiser nehmen sie mit zur Streu, breiten Decken darauf, und die drei Stämme schlagen sie im Dreieck um das Lager in den Grund. Dann hängen sie braune Pferdedecken daran. So sind die Leute von zwei Seiten gegen den Wind geschützt. Ein Zelt wollen sie wahrscheinlich nicht, sie könnten sonst den schwelenden Brand vom nassen Fichtenholz nicht unter dem luftigen Dach haben.

»Jetzt – da kommt eine!«

Ein fackelrotes Tuch hat sie um das nachtschwarze Haar geschlungen und im blauen Brusttuch hockt ihr ein braunes Kindl.

Sie klinkt draußen an der Tür; und wie der Zachenhesselhans noch gar nicht Zeit gehabt hat, sich zu überlegen, ob er dem Weib öffnen soll, so lehnt sie schon die braune Stirn gegen die Scheibe.

»Guten Tag,« sagt sie.

»Grüß Gott. Was willst?«

»Erdäpfel hätt ich gern.«

»Davon ist fei selber nit viel zu spüren im Zechenhaus.«

»Ich wollt sie gern bezahlen,« bittet die Frau.

»Wo seids denn her, Ihr, daß Du ein Deutsch so gut redest?«

»Vom Niederösterreich.«

»Waas? Ich hab vermeint aus Spanien seids odervon Ungarn, wo der Süßwein wachst und wo die Puszta ist?«

»O naa,« lacht die Frau. – Hui, hat die einen Haufen Perlen im Munde, denkt der Hans.

»Und wohin wollts denn mitsammen?«

»Zu meinem Bruder in das Bairische hinein. Dort sind die Leut weidli gut und mein Bruder hat dort einen Zirkus. Den gehn wir suchen.«

»Wie viel seids denn mitsammen?«

»Oelf,« sagt die Frau, »zwei Männer, zwei Frauen, ein großes Madl, eben die für den Zirkus, und sechs Kinder.«

»Und zu Fuß wollts wandern ins Bairische? Und bei dem Mordssturm?«

»O naa, der Janos kommt mit dem Wagen und den Pferden heut auf den Abend.«

»Der Janos, wer ist denn der?«

»Halt so ein Bürschl von achtzehn Jahr. Auch für den Zirkus. So, nu hast aber so viel gefragt, Mannl, daß ein Korb Erdäpfel der Lohn sein könnt für mein' Antworten.«

»So geh herein, Frau, mit dem Würml.«

Der Zachenhesselhans schiebt den Riegel von der Tür und läßt das Weib herein. Aber den Riegel stößt er wieder zu.

»So setz Dich, da hab ich grad ein Körbl voll; wollen wir einschütten.«

Ob noch ein Haus wär' daherum außer dem obigen?

»Außer der Unruh meinst? Nein.«

Die Höll ist nicht zu sehen von da aus, und kundschaften gehen die bei dem Sturmwind nicht, denkt der Hans. Und genug ist's auch, wenn sie auf dem Zechenhaus gebettelt hat.

Mit einem »Vergelt's Gott« schreitet das Zigeunerweib wieder in den Spätherbststurm.

Der steht auf dem Berg und bläst die Posaune.

Während der Hans vom Fenster aus zuschaut, wie sich das fahrende Volk drüben sein Mahl richtet, werden Männerschritte hörbar auf den Fliesen. Die Männer sind von der andern Seite aus dem Walde getreten, der nach der Höll zu liegt.

»Hui – ein Förster und zwei Heger. Jetzt, Leutln, jetzt werden sie Euch einen Weg weisen!«

Aber die Männer schauen nur eine Weile hinüber zu den Zigeunern, dann drückt einer auf die Türklinke am Zechenhaus.

»Zu mir wollts?«

Der Zachenhesselhans hängt die Pfeife in den linken Mundwinkel. Das geschieht nur, wenn er ärgerlich ist; und die Kappe rückt er sich ein wenig aus der Stirn.

»Willkommen mitsammen. Treten 'S ins Stübl, die Herren. Was verschafft denn dem Zachenhesselhans die Ehr? Bitt schön, wollen 'S nit Platz nehmen? Ein Schnäpsel ist auch daheim.«

Der Förster hat sich auf die Ofenbank gesetzt. Die Heger sind an der Tür stehen geblieben, und der Förster tut ein Büchlein aus dem grünen Rock. Die Gewehre haben alle drei bei sich behalten.

Sonst, wenn ein Heger is gekommen ins Zechenhaus, hat er die Flinte bei der Tür aufgehängt, wo das Gewichtl (Gestänge, Gehörn vom Rehbock) ist, denkt der Zachenhesselhans. – Der Förster schaut in sein Buch.

»Franz Winter, vierundzwanzig Jahr alt, von Gottesgab, wohnt der hier?«

»Von Gottesgab ist er eigentlich nit. Wo der auf die Welt kommen ist, weiß man nit genau. Aber Franz Winter schreibt er sich; denn, müssen's wissen, was die Winterkathl war, die werden Sie nicht mehr gekannt haben, dieselbig ist seine Mutter. Ist aber nun schon tot, 's Weibl. Heißen tun sie ihn den Winterkathlfranz. Ob er hier wohnt? Zu Zeiten, meine Herrn, zu Zeiten. Augenblicklich werden Sie ihn aber nit antreffen daheim. So müßten sich die Herren schon noch einmal heraufbemühen. Ist etwas auszurichten für den Franzl, was Sie mir anvertrauen möchten?«

Der Zachenhesselhans hat die Pfeife längst wieder im rechten Mundwinkel aufgehängt und läßt, wie er auf dem Holzstuhl sitzt, die Spitzen der Finger seiner beiden Hände miteinander spielen.

»Was treibt dieser Franz Winter eigentlich?«

»Ein Holz rucken wird er und Stöcke roden tät er dazwischen, sagt er. Na, und wenn er's sagt, so wird's halt wohl so sein.«

»Haben Sie gesehen, daß der Franz Winter ein Gewehr mit sich führt?«

»Nein, ins Zechenhaus hat er keins getragen.«

»So müssen wir eine Haussuchung halten. FranzWinter gilt als ein gefährlicher Wilderer, der sein lichtscheues Handwerk in vollem Umfange von hier aus betreiben soll.«

Der Zachenhesselhans unterbricht das Spiel seiner Finger nicht.

»Haussuchen wollen's? Bitt schön! Da ist das Stübl. Ich bitte, sich nur umzuschauen darin. Und die Treppe hinauf ist's unterm Dach. Die Stalltür führt unter der Treppe hinaus. Ich bitte, nur einzutreten.«

Wie sie unterm Dach gewesen sind und auch den Stall abgeschaut haben, geht der Förster grüßend von dannen. Die Heger werfen dem Zachenhesselhans einen Blick zu und lächeln.

»So, Franzl,« sagt der Zachenhesselhans, »auf dieselbig Weis' kunnt einer Dich loswerden im Wald. Jetzt, wohin gehn sie denn? Zu den Zigeunern.«

Eine Weile reden sie mit ihnen; der Mann muß das Mäuerlein aus feuchtem Rasen höher um den Brand bauen, daß der Wind nicht in das glühende Reisig blasen und den roten Hahn durch den Wald jagen kann. Dann verschwinden die grünen Röcke im Wald.

Und der Sturm heult hinter ihnen drein und über ihnen spielt er die Orgel.

»Jetzt, Bürschl, paß acht, es sind Dir dreie auf der Fährte!«

An einem solchen Tage, wo einer nicht aus dem Hause gehen kann, weil sonst die Landfahrer eine Belagerung oder eine Eroberung vornehmen und sich, solanges ihnen gefällt, unter dem Moosdach oder am Kachelofen heimisch machen möchten, da ist es ein Glück, daß der Zachenhesselhans ein halbes Schock Hafer vom Hans-Tonl in seinem Stall untergebracht hat. Das ist geschehen, damit, wenn's einen Schnee herunterwirft bis ans Dach, dann auch eine Arbeit zu verrichten ist im Haus; denn eh sich einer eine Furt wühlt oder schaufelt bis zur Höll – ach das geht ja gar nicht, wenn ein richtiger Schnee gefallen ist!

So macht sich der Zachenhesselhans daran, ein Tuch auf die Diele zu breiten und den Holzbock daraufzustellen. Auch zwei Armvoll Hafer schleppt er herbei, bindet die Schütten auf, nimmt eine Handvoll Halme und schlägt die mit den Rispen gegen das Querholz des Bockes. Hui, springen die Körner! – –

Ueber dem Haferschlagen geht draußen der Tag vorbei. Er hat's gar nicht richtig hell bringen können heute um den Sonnenwirbel: immer sind die Nebel durch das Licht gerannt, weil der Wind hinter ihnen dreinpeitschte wie hinter einer Schar grauer Steppenpferde.

Ab und zu, weil's draußen anfängt noch dämmeriger zu werden und die Uhr auch schon vier gerufen hat, schaut der Alte gegen das Zigeunerlager, ob sie drüben zum Abbruch rüsten.

Der Wind hat sich immer noch nicht müde gelaufen – der muß einen schweren Spätherbstregen oder einen haushohen Schnee zu schleppen haben, weil er gar so machtvoll schnauft und wichtig tut, denkt der Hans.

Jetzt – wie er justament ein neues Bündel Halme erfaßt hat, und einen Blick durchs Fenster tut, schaut er, wie die Zigeuner die Decken von den Stangen abnehmen. Die Kinder schlendern schon den Hang empor. Das glosende Feuer wird mit Erde ausgedrückt, und die Decken werden über die Schultern geworfen.

Ueberdem kriecht ein graues Dämmern aus dem Wald. Der Wind heult's an; aber es ist seine Zeit und so kriecht es weiter, lautlos, trübselig. Die Bäume sprühen Tropfen hinein.

Droben kämpfen die Zigeuner mit dem Wind, der sie den Tag über in der Talmulde nicht gesehen hat. Nun will er ihnen die Hüllen von den Schultern reißen, nun wirbelt er ihnen die nachtschwarzen Haare um die Köpfe, nun bläst er ihnen einen Regenschauer in die Gesichter.

Der Wagen mit der schützenden Blache will um die Dämmerung die Sonnenwirbelstraße herauffahren; dann gibts ein sanftes Schaukeln, wohlige Wärme und ein traumloses Schlummern. Und draußen über die graue Plane stampft der Sturm und sucht einen Riß, damit er ein Lied darauf spielen kann.

»Jetzt kann einer hinauflaufen auf die Unruh und das Fanele nach den Grünröcken fragen.«

Der Zachenhesselhans trägt den Holzbock auf den Flur und den ungeschlagenen Hafer zurück in den Stall. Die Körner auf dem Tuche kommen in den Sack. Die Türe bleibt offen, weil ein Staub fliegt vom Haferschlagen;und jetzt darf sich einer auch die Pfeife wieder anglimmen.

Hui, fährt der Sturm um die Ecke! Hui fährt er auf den Zachenhesselhans los wie er ihn erblickt!

»'s is fei grad, als hättst einen den ganzen Tag gesucht und nit gefunden, wütiger Bergwind Du! Da muß sich einer die Kappe über die Ohren ziehen.«

Der Wald dröhnt, als säng ein Heer darin das Siegeslied nach einer geschlagenen Schlacht.

Aus der Unruh geht schon ein Lichtband in die Dämmerung und sagt dem Zachenhesselhans: die Frauen sitzen droben am Klöppelsack und der Helari wird angefangen haben, den Hafer zu schlagen.

Wie der Alte in die Stube gekommen ist, ist die Resl justament mit dem Licht hinausgegangen, zu schauen, ob etwa ein Zigeuner auf den Flur getreten ist, weil die Haustüre geschrieen hat.

Jetzt steckt sie die Stalllaterne an, um gleich an das Abendmelken zu gehen und der Helari wirft den Kühen das Heu in die Raufen.

»Fanele, gut ist's, daß wir allein sind. Weißt's schon?«

»Was ist geschehen?«

»Den Franzl suchen sie, weils ihn haben wildern sehen.«

»Gelt, Du erschrickst mich?«

»Wahr und wahrhaftig, Fanele! Denkst etwa, lieb hat er Dich? Denkst etwa, wenn Du ihn auf den Knien bittest, er soll nit schießen gehn – er hört auf Dich?Der? Nimmer, mei liebs Dirnl! Jetzt – wenn er Dir heut abend fensterln käm, verhehl's ihm nit, daß die Förster hinter ihm drein sind. Warnen muß ihn wer, weil's sein Tod sein könnt.«

Das Fanele macht sich mit dem Schürzenzipfel die Augen blank.

»Kein Tränl sollst weinen um den. Geht er durch die Lappen, so ist das fei gut für ihn. Denk nit mehr auf den Franzl, Fanele.«

Weil der Helari in die Stube getreten ist und sich beim Ofen die Pfeife auspocht, reden sie von den Zigeunern. Der Zachenhesselhans erzählt, was er weiß: vom Zirkus und vom Wagen mit der Blache, dem die heut abend auf der Sonnenwirbelstraße im Wald begegnen.

Die Mutter ruft aus dem Stall herüber nach dem Fanele.

»Gut Nacht, Dirnl,« sagt der Zachenhesselhans, wie das Mädchen zur Tür hinausspringt.

»Ich muß auf ein Heimkommen denken, eh's vollends schwarz wird. Das gibt eine grugelige Nacht. B'hüt Gott, Helari.«

Blauschwarz steigt es hinter dem Plessen herauf wie ein Hagelwetter im Sommer. Jetzt hängt ein Schnee in der Luft; den muß der Wind erst noch herbeischaffen, nachher kann er auf ein Einschlafen denken.

»So werden wir morgen einschneien im Wald. Ende Oktober – 's is fei nit zu früh und viel Sonne hat's gehabt das Jahr. Sonst haben wir manchmalden grünen Hafer aus dem Schnee herausgegraben und manchmal …«

Da donnert ein Schuß aus den Fichten herauf und rennt, wie einer, der den Weg im halbfinstern und tiefen Wald nicht finden kann, in alle Täler hinein, bis er sich an den Berg stößt.

Es ist, als habe der Sturm einen Augenblick die Posaune abgesetzt, als habe die Riesenorgel im Wald keinen Wind mehr gehabt – jetzt posaunt er wieder, der Sturm, jetzt brausen sie wieder, die tausend tiefen und hohen Pfeifen.

Der Zachenhesselhans will ein Stück Pfad abschneiden, geht quer über den Hang hinab und steht bei der Hausecke, an der die Stütze emporstrebt.

Da donnert's wieder im Wald. Und noch einmal.

Kaum hat der Sturm den Hall fortgefegt, fällt ein dritter Schuß.

Jetzt – vier Schüsse hat der Zachenhesselhans im ganzen gezählt. Er lauscht immer – der Sturm hat noch zu reden mit den Waldbäumen und den sprühenden Nebeln.

Der Alte geht ins Haus und verwahrt die Tür hinter sich.

Während er ein Scheit in den Ofen schiebt, rechnet er über den vier Schüssen.

»Das Exempel is nit schwer,« sagt er, »der erste: der Franzl hat einen hingebrannt auf den Platzhirsch. Oder war's im Tal? Schien's den Berg heraufzulaufen? Bei dem Sturm kennt einer sich gar nimmer aus inder Gegend. War's im Tal, so wird der Franzl haben dem »Schneider« das Licht ausgetan.

Wie's gekracht hat, sind die Förster ihm vollends auf die Fährte gekommen. Nun – wie könnt's nun weiter sein?

Entweder: der Franzl hat schon eine neue Kugel im Stutzen gehabt und hat – – nein, ein Mörder wird er doch nit sein wollen, der Franzl?

So wird er geflohen sein, und weil er auf den Anruf hin nit gestanden hat, haben sie hinter dem Sakra dreingebrannt.«

Der Zachenhesselhans hat das Tranlämplein angesteckt und hat schon dreimal das Fenster aufgeschoben und in den Sturm gehorcht. Der überbrüllt alles und wütet, als wollt' er die Berge aus der Erde reißen.

Und eine Finsternis fällt aufs Land, schwärzer wie der Wald.

»So muß einer doch nachschauen, ob sie auf der Hölle das Schießen haben gehört,« sagt der Alte.

Er hat das Ofentürl offenstehen lassen; aus dem Ofenloch läuft ein rotes Licht heraus und läuft an der Wand hin – zuckend, als blies der Wind hinein. Das macht hell genug, hat der Zachenhesselhans gedacht und er hat die Flamme jetzt wieder herabgeblasen vom Tranlämplein.

Nun geht er auf den Flur unter die Treppe, wo die Stalllampe am Nagel hängt. Die hat vier Glaswände rings, damit das Flämmlein nicht herauslangen kann ins Stroh; die hat vier Glaswände rings: so kannder Wind auch nit hineinlangen ans Licht und wenn er es noch so wild umtanzt.

Der Hans tut die Scheibe auf an der Stalllampe. Das Licht steckt er am Ofenfeuer an, schließt die Tür vor dem Brand und will hinausgehen in Nacht und Sturm.

Wie er die Haustür aufgeklinkt hat, ruft's draußen »Halt!« und Schritte gehen.

So läuft der Sturm nicht, und der Sturm hat eine andere Stimme.

»Halt!« ruft einer dem Zachenhesselhans zu? Wer denn? Der Tod oder ist sonst einer, der hier »Halt!« zu rufen hat mit so herrischer Stimme?

Der Zachenhesselhans prallt ein wenig zurück und hebt die Lampe hoch, damit er dem ins Gesicht sehen kann, der hier befehlen will.

»Ach, der Herr Förster! Wollen 'S noch ein bißl Platz nehmen? 's ist eine arge Nacht, 's ist eine vermaledeite Nacht und ein Sturm –«

»Bleiben Sie an der geschlossenen Tür stehen, immer im Hause, Heger,« befiehlt der Förster dem einen seiner Begleiter, wie sie in den Flur getreten sind und die Haustür geschlossen worden ist.

Weswegen Ihr daseid, brauchts mir nit zu sagen, denkt der Zachenhesselhans und spricht:

»Auf die Höll wollt ich, ein wenig hutzen.«

»Sie bleiben hier, weil Sie im Verdacht der Begünstigungstehen oder kommen könnten,« wendet sich der Förster herrisch an den Alten.

»Ich? Wieso denn ich?«

»Fragen Sie nicht so einfältig. Stecken Sie ein ordentlich Licht an und führen Sie uns durch Ihr Haus.«

»Ach so, der Herr Förster meint, das Füchsl sei im Bau unddiesenAbend? UnddasFüchsl? Naa, Herr Förster, so fangen 'Sdennit!«

»Er ist aber in der Dunkelheit entkommen.«

»Haben 'S etwan geschossen auf ihn?«

»Warum fragen Sie?«

»Na, weil der Krach an das Fenster geklopft hat, viermal. Das ist ja ein höllisches Draufbrennen gewesen.«

»Ein Zigeuner, der neben seinem Planwagen herschritt, gab uns durch Zeichen zu verstehen, der Verfolgte sei über den Hau herein entflohen.«

»Derüber den Hau? Naa, Herr Förster, der lauft, wo's am schwärzesten ist. So, jetzt, die Lampe hab ich angesteckt, mein Laternl brauchichund nun gehen 'S haussuchen. Für den Fall, daß Sie nix finden und ein wenig warten wollen auf ihn – er könnt' noch kommen – einen Trunkelbeerschnaps will ich auf den Tisch stellen. Einen Wein, einen feinen, hab ich nit im Haus für den Herrn Förster.«

»Ich hab Ihnen schon gesagt, Sie dürfen nicht aus dem Haus.«

»Darf nicht? Ich darf nicht? Naa, Herr Förster, so is das nit: meiner Freiheit dürfen Sie mich nit beraubenund wenn Sie gleich ein kaiserlicher königlicher Förster sind. Aber was Sie tun dürfen? Einen mitschicken können 'S von den Hegern, daß der sich anschaut: ich hab nix zu schaffen mit dem Franzl und ich geh geradewegs in die Höll.Ichaber darf Ihnen wieder nit das Zechenhäusl verbieten, weil Sie in rechtmäßiger Ausübung Ihres Amtes hier sind, wie man das heißt. So stehn die Dinge und – ich geh jetzt. Das Windlampl nehm ich mit mir.«

»So warten Sie noch einen Augenblick, Günther …«

»Günther, sagt er. Zachenhesselhans heiß ich, Herr Förster; Günther wird nur geschrieben.«

»Ein zweites Windlicht haben Sie nicht?«

»Nein, ein Licht nit, aber einenGedanken. Wenn Sie das Stückl bis in die Höll mitgehen, so leih ich Ihnen das meinige. Ich, für den Heimweg, borg mir eins in der Höll.« – –

So gehen sie durch den verstürmten Wald, in dem die Riesenorgel braust; so gehen sie über das Stachelschwein, auf dem der Sturm steht, der in die Posaune stößt. Ein Regen sprüht und fährt klingend gegen die goldenen Scheiben der Hölle.

»Gute Nacht mitsammen!«

Die drei Männer steigen den Hang empor.

Der Zachenhesselhans pocht an die Scheiben.

Wie ihm das Wawrl die Haustür auftut und sich nit genug wundern kann, sagt der Alte:

»Leutln, es geschehen Dinge am Sonnenwirbel, wie sie nit geschehen sind, seit der Zachenhesselhans einjungerSünder war und noch den rostigen Stutzen selig gern hatte!« –

Wie sie am Kachelofen saßen, plauderten und die Augen blank wurden, legte der Wind sich draußen schlafen.

Die Mitternacht schlich ums Haus als der Zachenhesselhans mit der geliehenen Stalllampe heimwärts schritt.

»Halt ein bißl,« rief er dem Hans-Tonl zu, der die Haustür gerade von innen verriegeln wollte.

»Hast was vergessen?«

»Zu sagen, daß es einen Schnee wirft, Hans-Tonl, einen munteren Schnee!«

Der Zachenhesselhans leuchtet dabei auf seinen Joppenärmling, schaut die glitzernden Sternlein, die daraufsinken, und der Hans-Tonl streckt die beiden Arme in die Nacht. –

Zwei Tage lang fiel er, fiel aber nur einen Fuß hoch und sank gleichmäßig über Berg und Wald.

Die Fichten neigten die Wipfel ein wenig, zogen sich den weißen Pelz um die Schultern und schliefen.

Die Fährten des Wilds liefen über die weiche Decke, die kein Menschenfuß zertrat.

Ab und zu klang eine Schlittenglocke von der Straße herein gegen den Wald. Ab und zu fiel ein Schnee aus einem Wipfel. Der Wipfel schwankte ein wenig und schwankte sich wieder in den Schlaf. Ab und zu flog ein Rabe über den Wald. Dann schlief wieder alles – die Luft und der Wald und der Berg und das Haus,das daranlehnte. Nur aus dem Schornstein stieg ein Wölklein blauer Rauch: des Hausfleißes friedlicher Bote.

Am dritten Morgen schritt der Postbote hernieder durch den Schnee.

Hui, machte der Zachenhesselhans und griff nach dem Wandbrette, auf dem die Trunkelbeerflasche steht.

»Sogar einen Brief kriegen die Leute am Sonnenwirbel? Das ganze Jahr bist nit gekommen und nun – Warum hast Dir's denn just bis zum Winter aufgehoben?«

Der Postbote trank das Kelchlein leer. Der Hans stellte sich ans Fenster und erbrach den Umschlag des Briefes. Er las:

Zachenhesselhans,Entwischt bin ich ihnen. Hinter mir drein habens geschossen wie närrisch, aber daneben. Recht is. Mich fangt keiner. Ein Glück, daß es droben war auf die Schlauderwiese zu. Drunten wär's schlechter. So bin ich den Berg hinein und ein Wagen mit einer grauen Plane is gefahren. Wie ein Füchsl in die Röhre bin ich in den Wagen. Die Zigeuner hatt ich gesehen am Tag. Hineingewühlt hab ich mich in Decken und in was weiß ich. Da sind sie vorbei die dreie. Gelacht hab ich – nachher. Und sehen darf ich mich am Sonnenwirbel nit mehr lassen. Ich bin mit den Zigeunern. Ins Bairische fahren wir und machen einen Zirkus. Und das Fanele kannst mir grüßen. Sehen täten wir uns aber nimmer. Die dreißig Kreuzer, die ich Dir noch schuldig binfür sechsmal Schlafgeld bezahl' Dir der Herrgott. Es grüßtFranz Winter.

Zachenhesselhans,

Entwischt bin ich ihnen. Hinter mir drein habens geschossen wie närrisch, aber daneben. Recht is. Mich fangt keiner. Ein Glück, daß es droben war auf die Schlauderwiese zu. Drunten wär's schlechter. So bin ich den Berg hinein und ein Wagen mit einer grauen Plane is gefahren. Wie ein Füchsl in die Röhre bin ich in den Wagen. Die Zigeuner hatt ich gesehen am Tag. Hineingewühlt hab ich mich in Decken und in was weiß ich. Da sind sie vorbei die dreie. Gelacht hab ich – nachher. Und sehen darf ich mich am Sonnenwirbel nit mehr lassen. Ich bin mit den Zigeunern. Ins Bairische fahren wir und machen einen Zirkus. Und das Fanele kannst mir grüßen. Sehen täten wir uns aber nimmer. Die dreißig Kreuzer, die ich Dir noch schuldig binfür sechsmal Schlafgeld bezahl' Dir der Herrgott. Es grüßt

Franz Winter.

»Die dreißig Kreuzer reuen mich nit, und der Franzl reut mich auch nit, aber das mit dem Fanele, das freut mich.

Einen Gruß sagt er?

Den muß einer gleich bestellen, sonst vergißt er darauf.«


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