11. Kapitel.
Wie der Zachenhesselhans auf die Unruh kommt, sitzen die Resl und das Fanele stumm beim Klöppelkissen. Der Helari schlägt auf dem Hausflur Hafer, und eine Wolke Staub und Duft von reifer Halmfrucht weht dem Zachenhesselhans entgegen.
Der Helari, der jetzt eine Ursach hätt, ein wenig einzuhalten mit dem Haferschlagen, schaut kaum auf beim Gruß und peitscht das Bündel Halme gegen das Querscheit, als hätte dieser Sommer die Körner noch einmal so fest in die Rispen gesetzt, wie sonst. Wenn einer aber mit aller Kraft zu schlagen hat, so hat er keine Zeit zum reden.
Die Frauen bei den Klöppelsäcken haben justament auch nur den Augenblick, nach der Tür zu schauen, wer hereingeht. Und dann klappern die Klöppel wieder wie ein kleines Mühlwerk.
So setzt sich der Zachenhesselhans auf die Ofenbank und wird erst einmal im Pfeifenköpfl ein bißl nachdrücken.
An wem ist es denn nun eigentlich, die Red' zu beginnen? An mir oder an Euch? – AnEuch, denkt der Zachenhesselhans; denn Ihr müßt wissen wollen, wozu ich heraufgegangen bin auf die Unruh.
So warten wir noch.
Die Uhr tickt; der Zeisig hüpft im Käfig von einem Stänglein auf das andere – sind nur zwei, und so schaut er durch die Stäbe des Käfigdächleins und verfehlt seinen Sprung dennoch nicht.
Auf dem Flur ist das Zischen der niedersausenden Halme und an der Tür ein Klopfen, wie wenn ein sanfter Regen an ein Scheunentor tropft; die Körner springen daran.
Hin und her wirft der Zachenhesselhans einen Blick auf das Fanele. Jetzt hat sich das Dirnl so gesetzt, daß es dem Hans schier die Hinterseite zukehrt; nur manchmal, wenn es die Nadeln steckt auf dem Klöppelkissen, kann der Hans die Wimper des rechten Auges entdecken und die Spitze der Nase. An die Wimper hat sich eine Träne gehängt.
»Ja, warum weint denn das Fanele?«
Sie sagen alle zwei nichts. Die Resl schaut ein wenig auf und nach dem Fanele hinüber.
»Jetzt – feierlich, so viel feierlich habt Ihr's auf der Unruh. Wollts das immer so halten von nun ab?«
Die Mutter denkt: der Zachenhesselhans plauscht mit dem Fanele – so brauchichnichts zu reden darauf. Und das Fanele meint: der Mutter hat's gegolten. So duckt es sich bloß ein Eichtl, weil ihm ein Lächeln um die Lippen fliegt wie ein Sommervogel, der sich von einer Märzensonne hat verleiten lassen, das Winterröcklein abzustreifen. – Die Sonne ist wieder einmal der Zachenhesselhans. Aber der Hans hat auch den Sommervogel erspäht.
»Resl!« ruft der Helari auf dem Flur.
Sonst holt er sich das Fanele, damit das die Körner einschüttet in den Sack; heut hat der Vater auf das Dirnl vergessen und die Resl muß hinaus.
Da setzt sich der Zachenhesselhans dem Fanele gegenüber auf die Wandbank und sagt:
»Kann einer denn gar nit erfahren, wesweg die Unruh so viel andachtsvoll geworden ist über Nacht?«
Das Fanele schaut von der Seite nach der Tür, hält die Klöppel mit der Linken und die Rechte hebt's vor den Mund:
»Der Franzl, das Waldweibl, das schwatzhaftige, hat geplauscht.«
»Auch noch dazu? Zu wem denn?«
»Den Wurzltonl, den Einräumer Peter und den Peterl hat er getroffen im Wald, wo die Holz rucken. Und da die drei justament ein Frühstück machen und den Kaffee wärmen am Reisigfeuer, hat er sich zu ihnen gesetzt.«
»Wird haben auch ein Holz rucken wollen, der Franzl,« entgegnet der Zachenhesselhans und kneift die Augen zusammen.
»Zum erzählen hat er angefangen – na, hat er gesagt: wenn das Fensterl ein wenig weiter wär gewesen, dem Fanele hätt das schön passen sollen.«
»Höllsakra, Windhund verdammigter!« – Knacks.
Jetzt hat der Zachenhesselhans das Spitzl am Pfeifenrohr entzweigebissen.
»Ui je, das Spitzl! Na, wenn's eh kein Zahn ist,den braucht einer notwendig zum Pfeifehalten. Ein Mundstückl läßt sich wieder hineinsetzen, ein neues. Wird dem Franzl auf die Rechnung gesetzt.«
Die Klöppel zittern in der Hand vom Fanele, wie die Schindeln, wenn ein Sturm darüberfährt. Und auch zwei Tränen drängen sich wieder zwischen den Schatten der Wimpern hindurch; die laufen die Wangen hernieder, auf denen sonst immer der blanke Sonnenschein der Lust daheim ist.
»Fanele,« hebt der Zachenhesselhans an, »einen Gruß hab ich Dir zu bestellen und deshalb bin ich heraufgegangen.«
»Einen Gruß?«
»Da lies.«
Wie das Mädchen die Klöppel aus der Hand und hernach beide Hände, in denen das unsaubere Papier knistert, in den Schoß fallen läßt, beginnt der Alte:
»Fanele, jetzt, wenn Du klug bist, bist still wie ein Grab; denn wenn sie den Höllsakra fangen unterwegs, schaffen sie ihn herüber und sperren ihn ein ein Jährlein. Nachher: im Land is er wieder, im Sonnenwirbelwald is er wieder und dem Fanele auf den Fersen.«
»Den Franzl – wenn ich den spür …«
Das Fanele ballt die Fäuste: »So ein Schwätzer nixnutziger …«
»Ein solcher, wie der, kehrt sich da nix dran. Ein anderer dürft' das Fanele haben unterdessen –derschleicht ihm hinterdrein. Und eine Rache sucht der Franzl obendrein, wenn Du ihn verachten willst. Laßihn laufen, Dirnl! Den bist noch einmal billig los worden, Höllsakra den!«
»Mutter, der Kathlfranz ist mit den Zigeunern!« ruft das Fanele der Resl zu, wie die vom Haferschütten wieder in die Stube kommt.
Die Resl muß sich gleich ein Eichtl auf die Ofenbank setzen und stemmt die Arme in die Seiten.
»Was sagst, Madl?«
Nun hat der Zachenhesselhans zum reden angefangen.
»… und deswegen wollts eine Kirche machen aus der Unruh und wollts Euch das Lachen abgewöhnen, fei wegen dem Windhund?
Und jetzt: auf den Sonnenwirbel will ich und reden will ich und will ihnen sagen: der Franzl, der Sakra, dicktun hat er sich wollen! Das Dirnl hat ihn doch nit etwa ans Fenster gelockt, ans winzig kleine? Ein Dirnl, wie das Fanele, wird einem solchen nachlaufen müssen?« –
So stampft der Zachenhesselhans mit dem Brief vom Franzl auf den Sonnenwirbel.
Wie er bald droben ist, saust ein Hörnerschlitten die Straße hinab und saust quer über den Hang nach dem Neuen Haus. Das Harfenweibl hockt darauf, und der Peterl sitzt vorn und lenkt den Schlitten. Aus dem Fenster des Sonnenwirbelhauses hat einer den Kopf herausgeschoben und schaut dem fliegenden Schlitten nach.
»Grüß Gott, Wurzltonl. Und wo ist denn der Schmied-Seff-Pepp?«
»Den hat der Peterl schon voraufgefahren aufs Neue Haus zum Musikmachen. Die Winterfahrer sind im Anzug, Zachenhesselhans! Und wenn die Singspielleutln die Städter wittern, behagt's ihnen fei nit mehr auf dem Sonnenwirbel.«
»Kommst einen Sprung zum Einräumer hinüber, Wurzltonl?«
»Hui, was gibt's denn?«
»Ein ganz Rares, Tonl.«
»Ich komm.«
Wie die Männer dem Zachenhesselhans erzählt haben vom letzten Frühstück auf dem Hau, bei dem sie mit dem Kathlfranz am Waldfeuer gehockt und der Spätherbststurm in den Wipfeln sein schauerlich Lied gebraust hatte, tritt sich einer im Vorhaus stampfend den Schnee von den Stiefeln.
Dann kommt der Peterl in die Stube und wirft seine Joppe über das Wäschestängl – ein silberner Sprühtau liegt darauf vom feinen Schnee, der bei der Fahrt den Hang hinab darübergestäubt ist.
Weil die Männer reden, setzt sich der Peterl schweigend auf die Ofenbank und nimmt den Papierstreifen zur Hand, auf dessen Muster er Gorl näht.
»Geh her, Peterl. Junge Arme wie Deine taugen auf dem Sonnenwirbel nit für Nadel und Zwirn. Ein Briefl hab ich zu lesen.«
Da legt der Peterl die Näherei beiseite und fährt aus den Stiefeln. Dann liest der Zachenhesselhans denAbschiedsgruß, den ihm der Postbote diesen Vormittag gebracht hat.
»Na, Peterl, was meinst zu dem da?«
»Freuen kunnt sich einer, daß der Wildling zum Wald hinaus ist.«
Der Peterl springt auf und ein Glanz fliegt in seine Augen.
»Jetzt, den Berg hinein fahr ich den Zachenhesselhans mit dem Hörnerschlitten und auf der Unruh wird gehalten.«
Wie der Zachenhesselhans sein Pfeiflein sich gefüllt hat, wartet der Peterl schon mit dem Schlitten vor der Tür.
Jenseits der Straße beginnt die Fahrt; sturmschnell fliegt der Schlitten über den Schnee; der stiebt wie Nebel unter den Kufen hervor, ein Nebelstreif von weißem Schnee wirbelt hinter ihm drein. Aber kein Halten ist vor der Unruh, weiter geht's und sausend zutale. Erst vor der Höll ist ein Halt.
»Auch gut,« sagt der Zachenhesselhans, »die wissen's eh noch nit.«
Der Hans-Tonl ist gerade dabei, ein Häuslein aus Brettern über den Brunnentrog zu bauen. Er schneidet im Hausflur mit der Säge das Holz zurecht.
Und wie sie in der Höll wußten: der Franzl ist ein Zigeuner geworden, so stellen die Männer zu dritt das neue Brunnenhaus über den Trog.
Während sie die letzten Bretter passen, zusammenfügenund hämmern, ist die Dämmerung heraufgeflogen aus dem Wald.
»Eine Arbeit muß auch einen Lohn haben,« sagt der Hans-Tonl, heißt den Alten und den Jungen in die Höll gehen und schenkt einen Schnaps ein.
»Und auf ein Nachtmahl bleiben wir auch zusammen. Den Hans brauch' ich die Tage hin so wie so wieder, und es ist mir schon recht, daß Ihr heute gekommen seid.«
Wie auch die dampfenden Erdäpfel, die das Wawrl auf den Tisch geschüttet hat, und der Salzhering gegessen sind, schaut der Silbermond über den Wald, schwimmt höher und strömt ein blankes Schimmerlicht zu den zwei Fenstern herein.
»Eine Sünd und Schand is, wenn ein Vollmond in der Welt steht, beim hutzen das teure Erdöl zu verbrennen,« sagt der Zachenhesselhans. »Die Viehwirtschaft macht reiche Leut auf dem Sonnenwirbel, gelt? Na, bis dahin tun wir's Lämplein noch einmal aus, mein' ich.«
Er dreht die Flamme zurück und bläst in den Zylinder.
Während die Lampe am Draht ein Rauchsäulchen herausschickt, ärgerlich und mißduftig, hat der Hans-Tonl die Gitarre vom Nagel genommen und stimmt.
»Rucken wir ein Eichtl aneinander, Wawrl! Der Hans-Tonl hat eine andere im Arm, so darf das Wawrl auch nach einem sich umschauen.«
Hinterm Kachelofen sitzen sie.
»Jetzt – der Peterl muß sehen, wo er die Seinige hernimmt.«
Aus dem Ofen geht ein sanftes Wärmeln und durch die Fenster ein stilles weißes Licht.
»Hast etwan ein neues, weil Du so lang probierst, Hans-Tonl?«
»Ja,« sagt der, »Die Finken.«
Und schon spielt der Hans-Tonl und schon singt er:
Was sitzt denn oben auf dem Vogelbeerbaam?Da sitzt halt a Fink un sei Weibl drnaam.Die schniebeln und schnabeln und singen drbei,Nun seht bloß die Finken – die habens recht fei.Fink, Fink, Fink, Fink, Fink, Fink bist a klaans winzigs Ding,Bist du a winzig klaa, hast doch dei Fraa.Nit weit von demBaamsteht dem Nachbar sei Hans,Der schielt schon wie lange und is ächl ganz,Weil die zwei klan Finken so lustig drobn sei,Das macht'n ganz traurig, und er denkt sich drbei:Hans, Hans, Hans, Hans, Hans, Hans bist gewachs'n wie ena Pflanz,Bist a so groß und stark, hast doch en Quark.
Was sitzt denn oben auf dem Vogelbeerbaam?Da sitzt halt a Fink un sei Weibl drnaam.Die schniebeln und schnabeln und singen drbei,Nun seht bloß die Finken – die habens recht fei.Fink, Fink, Fink, Fink, Fink, Fink bist a klaans winzigs Ding,Bist du a winzig klaa, hast doch dei Fraa.
Nit weit von demBaamsteht dem Nachbar sei Hans,Der schielt schon wie lange und is ächl ganz,Weil die zwei klan Finken so lustig drobn sei,Das macht'n ganz traurig, und er denkt sich drbei:Hans, Hans, Hans, Hans, Hans, Hans bist gewachs'n wie ena Pflanz,Bist a so groß und stark, hast doch en Quark.
»Das muß der Hans-Tonl noch einmal machen, daß wir mitsingen können den Kehrreim.«
So fängt der Hans-Tonl das Lied von neuem an. Auch die letzte Strophe mit dem Hans – die ist dem Waldmann schon geläufig.
»Du, Peterl, merkst was?«
's hat keiner gesehen, wie dem Peterl das Blut in die Stirne geschossen ist.
»Merken? Fei wohl: daß es Zeit is, auf denSonnenwirbel zu kommen. Das Harfenweibl und den Seppl will ich heimfahren vom Neuen Haus.«
»So kannst warten bis gegen die Mitternacht. Hans-Tonl, das ist ein neues, ein feines für die beiden auf dem Neuen Haus. Das is fei so viel lustig – justament wie »Die Ofenbank«. Kommst an einem Haus vorbei oder an einem Gasthaus: »Die Ofenbank« singen sie allenthalben im Waldgebirg.
Darfst das nit so für nix halten, Hans-Tonl! Jetzt: wenn Du ihnen die Liedln nicht machetest, so sängen sie nit, oder sie sängen, nachher aber die Gespenstergeschichten vom Grafen und dem Tod und solche. Du aber gibst ihnen eins, das sie brauchen: aus der Zeit, aus ihrem Leben und aus ihrem Herzen heraus. Du hilfst ihnen, den Winter lustig überstehen, Hans-Tonl, hilfst ihnen, den Gram verscheuchen von den Schwellen; bleibt nur noch manchmal derHungerhocken. Den wollen wir auch wegschaffen, den Sakra! Wenn sie nur erst auf den Einfall kommen: was die am Sonnenwirbel können, das könnenwirauch. Sie brauchen fei einen, der's ihnen vormacht.
So wie's daherum ist, ist's manchenorts im Gebirg, und wenn wir etwas schaffen mit dem Viehhalten, so werden sie's anderswo auch.
Die Hauptsache ist: eine Arbeit müssen sie haben und einen Verdienst dabei – muß aber mehr abwerfen als das Klöppeln, sonst sagen sie: das Klöppeln ist leichter, warum sollen wir uns eine Plackerei machen mit dem andern? Denn bloß um die roten Backen, dasis ihnen fei nit genug; und was die für einen Wert haben – der Zachenhesselhans wird sie davon nit überzeugen. Da muß schon ein anderer kommen. Sie müssen heraus aus den Stuben und heraus auf die Bergwiesen und in den Wald, daß ihnen eine neue Lust am Leben ins Herz kommt.
Singen – freilich: wann haben wir einmal nit gesungen, wir daheroben im Waldland? Wenn der Hunger einmal ist gar zu schlimm gewesen im Wald und wenn sie die Leibriemen allzu fest zusammenziehen mußten.
Hans-Tonl, eine Hungersnot mag auch anderswo kommen – aber: hier oben ist sie gekommen, weil das Klöppeln fei gar nit halb zulangt, ein Volk satt zu machen. Was ich immer gesagt hab: aus dem Land wollen wir's nit haben, beileibe nit! Aber wer etwas anderes treiben kann, als sich am Klöppelsack siech sitzen und helfen, das Waldvolk erbärmlich und elend zu machen an Körper und Geist, der soll sich nit umschauen nach dem Spitzenmachen.
Ein frommer kräftiger Schlag Menschen müßt' wieder wachsen daheroben, jetzt ist's ein schwächlicher, jetzt ist's ein siecher.
Das ist er geworden, seit er über dem Fadendrehen vergessen hat, was er seiner Scholle schuldig ist.
Frommkunnten sie sein, hab ich gesagt. Warum?
Im Wald ist immer ein Gottesdienst: eine Orgel tönt in den Wipfeln und ein Prediger ist da, der Sonnenschein oder das Bergwasser, das aus dem Stein springt.
Aber, wir sind abergläubisch geworden hinter dem Stüblfenster. Wenn wir hinaus in den Wald lauschen, hören wir draußen ein wildes Heer rauschen, sehen wir die Toten in Leichenhemden laufen in den Nebeln, sehen wir weiße Geister stehen, wenn ein harmlos Birkenstamml in den Fichten lehnt.
So. Der Zachenhesselhans wird's nimmer erleben und er möcht's doch noch. So zwanzig Jährlein sollt' einer noch aufnehmen können, bis die Kinder herausgewachsen sind vom Hans-Tonl und vom Sonnenwirbelpeterl. Ui je, sind noch gar keine da!
Nachher –Ihrkönnt's machen, Ihr junges Geschlecht! Von heut auf morgen geht so was nit. Aber Euer Morgen- und Abendsprüchl müßt werden: Wer seine Scholle fleißig bebaut, der wird immer des Brotes genug haben.
So wird's heißen und richtig is! Und was uns der Berg trägt, Gras und Wald und ein paar Halmfrüchte, das wird überall hinlangen, wenn wir die Scholle zwingen, alles herzugeben und wird weiterlangen, als der Ertrag vom Klöppeln.
Wenn's einer doch hineinschreien könnt in die trägen zagen Herzen!« – Knack!
»Ui je, jetzt zerbeiß ich mir das Pfeifenspitzl zum andern Mal, auch noch dazu ein geborgtes, dem Helari seins.
Jetzt, wenn das Spitzl einmal einen Riß hat, kann einer auch noch ein Eichtl schimpfen.
Ein Kreuz ist es, gar ein so schweres Kreuz mit dieser Handarbeit.
Weißt, was der Schmied-Seff-Pepp mitbringt von der Fahrt, Hans-Tonl?
Draußen, sagt er, als »ein unermeßlicher Segen« gilt die Spitzenklöppelei für das arme Gebirgsland. So steht's in den Büchern und so reden's die Leute denen nach.
Jetzt: wenn einer alles nimmt, den Segen und den Fluch: Herrgottsakra, ob der Segen größer ist, als der Fluch, ich weiß nit. Das sagt der Zachenhesselhans, nit weil er sich das angelesen, sondern angeschauthat. 's muß einer nur auf die Jahrhundert denken, auf die vier Jahrhunderte, seit das Klöppelkissen ist hereingekommen ins Waldland, wie in vierhundert Jahren ein Volk siech werden kann.
Hat's auf der einen Seit eine Wohltat gebracht, – zeitweise sag ich – so ist das auf der andern wettgemacht. Es sind – ich sag's noch einmal und will's noch manches Mal sagen, weil ich's für meine beste Weisheit halte –: es sind andere Gebirge und andere Wälder auf noch höheren Bergen und ist kein Eichtl anders, das Wachstum an Gras und Frucht, als hier, aber ein stärkeres Geschlecht lebt auf jenen Bergen, weil's nit stubenhockerisch is worden über einer solchen Heimarbeit. Müssenwir'sdenn justament allein sein?
Aber so weit hat die Gewöhnung das Volk im Waldgebirg gebracht: es kann und will sich nit denken ohne den Klöppelsack.
Und sie sagen: was wollts denn? Sogar ein Dirnl von sieben Jahren hilft mit verdienen. Ja, selber erhalten tut sich's am Klöppelkissen.
Wenn's aber Holz tragt und Beeren sucht oder eine Ziege hütet in Sonne und Bergwelt, nachher siechts nit und wird besser leben. Aber: bei uns ist's justament notwendig, daß das Kind sein Stückl Brot sich erkaufen muß mit seiner werdenden Kraft, die gibt's hin dafür.
Richtig ist's, ein Dirnl verdient seinen Kreuzer mit sieben Jahren – fei an ein Eichtl Hunger ist es schon gewöhnt bis dahin und auf mehr, als auf einen Zichorienkaffee und ein Stück schwarzes Brot, auf Erdäpfel und einen Hering, wenn's gut geht, ist es nit gewöhnt zu denken.
So ist's schon recht, wenn sie daheroben sagen: viel Kinder, viel Segen; denn so ein Kleines erwirbt am Ende auch ein Kreuzerl mehr als es selber braucht.
Aber: ein gesundes Volk is das nit und ist kein Zustand, wie wir ihn haben im Waldland. Und wenn in den Vätern und Müttern eine Kraft ist, denn ein gutes Wollen ist Gott sei Dank da, so haben sie gar nit nötig, die Kleinen ans Kissen zu setzen, daß sie sich selber durchbringen.« –
Der Peterl ist während dieser Rede schon zweimal ans Fenster geschritten, hat die Arme auf das Brett gestützt, auf dem die Storchschnäbel und Fuchsien stehen, und hat hinausgeschaut auf den blendenden Schnee.
»Wenn der Zachenhesselhans noch bleibt –ichmöcht' an ein Auffahren denken,« sagt der Peterl, »siemüssen sonst fei zu lange warten auf mich im Neuen Haus.«
»Ich komm schon,« sagt der Zachenhesselhans und nimmt die Mütze vom Nagel, »ich komm schon. Und auf ein Holzrucken möchten wir auch denken, Hans-Tonl. Heut ist Dienstag, so sagen wir: auf den Freitag. Richt's aus droben, Peterl. In der Hölle kommen wir zusammen.«
»Is recht. B'hüt Gott und schön Dank.«
»Habt's nit zu danken,« sagt das Wawrl. Sie gehen mit bis unter die Haustür. Der Hans-Tonl tritt hinaus auf den harten Schnee vorm Haus; der singt unter den Stiefeln der beiden Männer.
Der Zachenhesselhans geht über das Stachelschwein.
»Das Stückl wird einer nit versinken. He!« ruft er dem Peterl zu, als er im Begriff ist, in den schlafenden Wald einzutreten, »he! was machst denn einen so großen Bogen?«
»Es liegt nit so viel Schnee daherauf,« ruft der Peterl zurück, »als wenn ich zwischen dem Zechenhaus und der Unruh emporwill.«
Der Zachenhesselhans murmelt etwas vor sich hin und stapft unter die Fichten. Der Peterl schiebt den Schlitten vor sich durch den Schnee. Der Himmel ist blank, es brennen nicht viel Sterne, weil der Mond so hell ist. Der Schnee ist locker wie Flaum und ist ein Flimmern darin, schöner wie im Tau einer Morgenwiese.
Wie der Peterl über die erste Berglehne hinauf ist,schaut er nach der Unruh: die schläft; kein Fenster ist mehr hell.
Das Häusl hat den weißen Pelz umgetan und nur um den Schornstein liegt ein sanfter Schatten, den der Ruß daraufgeworfen hat.
An der Rückseite des Hauses ist kein Fenster – die Rückwand ist niedrig und das Dach reicht dort beinahe bis hinab auf den Schnee der Halde, die hinter der Unruh emporsteigt. Dort geht im Sommer der Pfad lehnan.
Ein Eichtl lauscht der Peterl, als er am Häusl vorbeigegangen ist.
Alles schläft, nur der Mondschein flimmert im Schnee.
Die Leiter hängt rückwärtig am Haus unter dem vorspringenden, verschneiten Schindeldach.
In der Giebelwand ist das Fenster, das winzigkleine, zu dem der Franzl emporgestiegen ist.
Ein weißer Vorhang ist von drinnen davorgezogen; aber der Mond steht jenseits vom Haus und die Giebelwand ist im Schatten.
Der Peterl geht durch den Schnee hinab und hebt die Leiter von der Wand. Zwei Mannslängen mißt sie höchstens, aber über das Fensterl reicht sie, noch ein Stück darüber. Wenn hier zwei sind und der eine stellt sich dem andern auf die Schultern, so muß der droben sich schon bücken, will er ein Eichtl durchs Fenster gucken.
Der Peterl hat die Leiter aufgestellt und steigtempor. Es ist glitschig mit so viel Schnee an den Sohlen, leicht könnt einer …
»Fanele … Fanele …«
»Jesses Maria, ich denk', Du bist mit den Zigeunern?« ruft das Fanele von drinnen hinter dem Vorhang hervor.
»Wenn Du nit gleich siehst, daß Du heimkommst …«
»Fanele, ich bin's, der Peterl.«
»Jesses Maria, jetzt kommt der auch noch! Seids denn verrückt alle miteinander?«
»Fanele, so lausch doch nur und gib Dich!«
»Was willst denn eigentlich da bei der Nacht?«
»Fanele, tu ein Eichtl auf.«
»Von Sinnen bist!«
»Tu auf ein Eichtl, ich muß Dir etwas sagen.«
Das Fanele schiebt das Fenster zurück – kaum einen Finger könnt einer hineinstecken durch den Spalt.
»Tu weg die Hand, jetzt, ich klemm' Dir die Fingerspitzen ein!«
»Fanele, ich bin gar so viel zornig.«
»So siehst aus, wenn Du zornig bist?«
»Der Hans-Tonl hat ein neues Lied – das hat er auf mich gemacht.«
»Bild Dir nix ein!«
»Jesses Maria, jetzt denk ich drauf,« schreit das Fanele und schiebt das Fensterl vollends zurück. »Steh'n bleibst da und hörst, was ich sag'! Jetzt – was soll denn werden, wenn sie morgen früh im Schnee sehen, daß einer die Leiter geholt hat und vor das Fenster gestiegenist? Sie streuen mir einen Haufen Häckerling vor die Tür und Du bist schuld, Peterl, Du! Ins Gered' kommt einer mit Euch Buben und is fei doch gar nix dran.
Jetzt – nit von der Leiter gehst mir! Wart ein Eichtl. Ich sag' Dir gleich was.«
Ueberdem springt das Fanele vom Strohsack, schlüpft in das rote Wollröcklein, in die braune Jacke und in die Filzschuh auch.
»Fanele …«
Das Dirnl steckt die Windlaterne an und schiebt den Vorhang hinter dem Fenster zurück.
»Bist nit im Bett gewesen, Fanele?«
»Keine fünf Minuten. Jetzt – hereingehst ins Haus und den Vatter will ich holen und die Mutter. Was soll denn das sonst geben in der Früh? Wenn wenigstens nicht ein so verräterischer Schnee wär, Du, nachher könnt einer am End mit sich reden lassen. Hast denn gar nit darauf denkt, Peterl, dummer?«
Das Fanele muß lachen, weils gar so zornig tut.
»'s is aber auch mit denen Mannerleut – so dumm, naa, so dumm! Herein gehst!«
Der Peterl kriecht von der Leiter.
Recht hat's, das Fanele. Der ganze weiche Schneeteppich ist zerrissen und es könnt einer aus das I-Tüpfl sagen, was hier vorgegangen ist bei der Nacht.
Während das Fanele den Helari und die Resl weckt, weil der Peterl da sei und was erzählen wollt', schiebt der seinen Schlitten vom Hang herein justamentan der Giebelwand her, daß ein Weg getreten wird bis zu dem vor dem Hause.
Ueberdem ist das Fanele mit der Laterne unter die Haustür gekommen.
»Habts denn gar kein bißl Verstand, ihr talketen Mannerleut, ihr?«
Hui, das Fanele schilt wie eine Alte. So hat's die Mahm auf dem Sonnenwirbel ihr Lebtag nicht getrieben. »Die Wörtlein fliegen dem Fanele von den Lippen wie schimmlig Brot,« sagt der Peterl.
»'s is Dir fei nit zum lachen,« sagt es, »mir auch nit.«
Aber ein Zucken wirbelt um ihren roten Mund.
»Ein Glück ist's, daß das Feuer noch nit aus is im Ofen. Ich tu immer noch ein Reisl hinein vorm zubettgehen. 's is sonst gar so viel kalt in der Früh.«
Mit einem Kienspan steckt das Dirnl die Petroleumlampe an, die am Draht über dem Tisch hängt.
»Jetzt, was ist Dir bloß eingefallen auf die Nacht – oder ist Dir der Verstand eingefroren, Peterl? Und der Vater und die Mutter wollen auch nit mehr herunterkommen. Was willst denn? Was hast denn zu reden?«
»Jetzt, wenn Du einmal so weit bist, daß einer ein Wörtl sagen kann, so werd' ich eins reden. Die Eltern brauchen fei nit dabei zu sein. 's gilt bloß Dir.«
»Wissen möcht' einer doch, was das ist!«
Das Fanele kreuzt die Arme vor der Brust und setzt sich neben den Peterl auf die Ofenbank.
»Ein Lied hätt er gemacht auf Dich? Wie heißt's denn?«
»Ein Lied von den zwei Finken.«
»Jetzt, so gehts doch nit auf Dich!«
»Aber was drin vorkommt. Da heißt es zuletzt: Hans, bist gewachs'n wie ena Pflanz, bist a so groß und stark, hast doch en Quark.«
»Jetzt, Du schreibst Dich aber doch Peter und nit Hans?«
»'s is auchsodeutlich genug.«
»Peterl, ich mein', der Hans-Tonl hat dabei nit ein Eichtl auf Dich gedacht.«
Das Dirnl tut die Hand vor den Mund, um dem Peter das Lachen zu verbergen. Aber der Schalk, der ihm dabei aus den Augen schaut, läßt sich kein Mäntlein umhängen.
»Nu sag aber bloß: was kann denn ich dabei tun?«
Der Peterl schaut auf seinen Schuh und dreht die Kappe zwischen den Händen.
»Fanele,« sagt er, »ein Eichtl Zeit lassen mußt mir schon zum überlegen, wie ich Dir das richtig sag.
Fanele, wie sie geredet haben, daß der Franzl auf der Unruh zum Fensterln is gewesen, damals ist ein Zorn über mich gekommen.«
»Warum ist der Peterl denn zornig geworden?«
»Weil Du just dem Franzl, dem Windhund, nit hast zugesperrt.«
»Weißt Du denn, daß ich ein guts Wörtl hab' gesagt zu dem?«
»Sie haben's erzählt. Ich hab's aber nit geglaubt. Selber hat er nur fei so viel gewußt zu reden davon.«
»Weißt nun, was das für ein Fensterl is? Na, und?«
»Und erst wie der Franzl fort ist aus dem Land und seit ich weiß, er kommt nimmer, da ist mir das Herz wieder froh worden, Fanele.«
»Was kunnt sich der Peterl denn giften, wenn das Fanele dem Franzl schöngetan hätt?«
»Fanele, wie Du nur so reden magst.«
Der Peterl hat seine Mütze inzwischen auf die Ofenbank gelegt und die Hand vom Dirnl erfaßt und ist ganz dicht neben das Fanele gerückt.
»Gelt,« sagt er, »Fanele, so viel wär ich am End' auch wert wie der Franzl?«
Jetzt, auf einmal hat er seinen Arm um den Hals vom Mädl gelegt und küßt es.
Der Mondschein läuft ganz leise durchs Stübl und in dem Ofen knacken die Reiser.
»Peterl, wenn jetzt die Mutter kommt, nachzuschauen, warum wir zwei so still sind?«
»So werd' ich sagen: dem Fanele hab' ich ans Fenster geklopft, es sollt' auftun. Weils aber so gar gering ist, das Fensterl, just wie ein Löchl am Starkasten, so sind wir mitsammen heruntergegangen. Frau Mutter – heiraten will ich das Fanele. Was ich zu wenig hab', hat's zuviel – da kommen wir wieder auf gleich.« – –
Wie der Peterl mit dem Schlitten die Halde hinaufsteigt ins silberblanke Mondlicht, ist noch ein Fenster hell auf der Unruh und ein Dirnl schaut heraus und schaut dem Peterl nach bis er über den Berg ist.
»… über den Berg ist er. Aber leicht ist das nit gewesen,« lacht das Fanele.
Und der Wind löscht ihm das Lämplein aus.