12. Kapitel.
Am Freitag, wie der Morgen über den Keilbergwald heraufschaute, tat sich der Zachenhesselhans den Schwanz von seiner Bettmütze aus der Stirn und wies ihm bedächtig einen Platz über dem rechten Ohr an.
»Schwanzmützl, vertracktes,« hub er an zu reden, »willst noch nit, daß der Zachenhesselhans eine Ausschau hält? Ein Holz rucken wollen wir heut.«
Er feuchtet sich die Spitze des Zeigefingers an der Lippe und fährt damit über die Augen.
»Das hat die Mali selig auch getan und gut is,« meint er; »aber besser is schon, man putzt die Augen mit dem Bergquell blank. – Behaglich ist's auch daherunten im Stübl, das Schlafen. Auf das hätt' einer früher denken müssen. Es ist eine so viel steife Kälte droben unter dem Dach.
So werden wir hinfort das Stübl und das Schlafkammerl in eins legen und des Abends immer noch ein Stockholz in den Ofen schieben. Dabei wird einem das alte Herz nit kalt.
Und wem steht's denn eigentlich im Weg, das braune Bettstattl? Keinem. Ein Eichtl zu breit is's für ein altes Waldmannl, wenn einer allein drin sein muß …
Schwanzmütz, da kommst schon wieder über die Augen gefallen?
Die Mali hätt ihre Lust daran, daß ich Dich zu Ehren gebracht hab in Deinen alten Tagen. Die Mali hat Dich gestrickt – fünfundzwanzig Jahr? Die dürften fei darüber hingegangen sein. Aber meitag hab' ich nichts davon wissen mögen. Jetzt – die Haare hat der Wind weggeblasen vom Scheitel und fei nur über den Ohren hat er hüben und drüben ein Büschlein stehen lassen.
So muß die Schwanzmütze wärmen helfen im Winter, seit das weiße Haardecklein die Motten fressen.«
Ueber diesem Morgengespräch richtet sich der Zachenhesselhans auf dem Stroh in die Höh und blinzt durch die Scheiben wie der Tag zwischen den Wolken hindurch über den Wald.
»Na,« sagt er, »was soll denn das sein? Auf die blanken Tage hin hat sich's am Himmel über Nacht heimlich wieder zusammengesponnen und fängt schon an, einen Schnee zu sieben. Und einen großflockigen noch dazu. Wenn jetzt ein Wind – – aber nein: die Fichten haben noch die weißen Röcke an und schlafen.«
Weil auch die Zeisige in den Käfigen den Tag kommen sehen, heben sie an, die grünen Jöpplein zu putzen und den Zachenhesselhans zu rufen.
»Wart' ein Eichtl und gebts Ruh, 's ist eh noch zu früh!«
Ueberdem steigt der Alte aus der Bettstatt, an der unten das flammende Herz gemalt ist und eine 1751. Wie er die Lederhose angezogen hat, tritt er in Hemdsärmelnund die weiße Schwanzmütze auf dem Kopf vor das Haus.
Er schaut fragend gegen den Wolkenhimmel, geht bis an die Hausecke, zu sehen, was der Plessen und der Spitzberg zu dem Tage meinen, der über sich selbst noch nicht ganz im klaren ist.
»Na, na, die Nachtmützen habts noch auf? Und alle beide? 's geht doch schon auf die Acht.«
Der Zachenhesselhans hat die Hände tief in die Taschen der Lederhose vergraben und deutet sich den stillen Spruch der fernen halbverschleierten Berge.
»Na, Hans, ich mein', ein Holz wollen wir rucken?«
Das ist der Wurzltonl, der mit dem Einräumer Peter und dem Peterl von der andern Seite gekommen ist. Sie sind den Hau hereingestapft, weil da der breite Rotwildwechsel herabläuft.
»Und die Schwanzmütz hast auch noch auf dem Ohr?«
»Waas?« fragt der Zachenhesselhans. »Potz Käs! So ist's aber, Leutln: den Plessen schilt einer und den Spitzberg, daß sie die Schlafmütz nit heruntertun, und auf die seinige vergißt einer darüber. Leutln, das ist die Geschichte von dem Balken im eignen Auge – so will die verstanden sein!
Verzieht ein Eichtl, gelt, und tut die Kraxen vom Rücken. Ich bin auch gleich so weit.«
Lachend hat der Alte die Schwanzmütze vom Kopfe gezogen und in den Hosensack geborgen. Am Brunnentrog gießt er sich ein Bergwasser über Kopf und Arme.
»Die Kraxen laß ich daheim,« sagt er, wie er sich mit dem Handtuch im Stübl trockenreibt, »der Peterl lädt sich mein Kaffeekrügl und mein Schwarzbrot mit auf die seine, gelt? Ich trag meine sechzig Jahre – so haben wir jeder das unsre.«
»Gib her,« sagt der Peterl.
Der Zachenhesselhans fährt in die Stiefelrohre, tut sich die Kappe auf und unter den Kragen der Joppe ein wollenes Knüpftüchl, nimmt den Stock mit dem Eisenzahn, der sich in den Schnee einbeißt, und die drei Männer schreiten hinaus in den grauen Morgen.
Zwischen den Fichtenstämmen ist ein heimliches Spinnen, ein sanftes graues Weben: der Bergnebel wacht auf.
Wie sie über das Stachelschwein gegen die Hölle gehen, kriecht er schon über die Halden herein und wirft ein Netz über das Haus vom Hans-Tonl.
Vom Waldrande her vernehmen sie das dumpfe Fallen des Schnees aus dem Geäst: in Hücklein sinkt er herab. Er ist zu schwer geworden, weil die feuchten lauen Nebel ihn anhauchen, da mögen ihn die Wipfel nicht mehr tragen.
Von der Unruh ist der Helari schon herabgegangen; er harrt mit dem Hans-Tonl auf die Männer.
Zu sechst gehen sie an die Arbeit im Winterwald. Die beiden Schlitten, die nur aus je zwei verbundenen Kufen bestehen, lehnen schon an den Klaftern im Holz.
Die Männer wandern quer durch den stillen träumenden Hag.
»Ein Grau ist zwischen den Stämmen,« sagt der Zachenhesselhans, »Männer, jetzt, wenn einer nit im Wald aus- und einwüßt' wie im Stübl daheim, suchen sollt' einer, daß er den Weg fände bis in die Höll. Justament bis in die Höll, sag ich. Und der is doch nit schwer: die meisten kommen hin, ohne daß sie darauf gedacht haben.«
Der Zachenhesselhans zwinkert lustig mit den Augen und hat Mühe, die Beine mit den Stiefelrohren aus dem Schnee zu ziehen.
»Wenn einer so drei Stunden arbeitet mit seinen Beinen und dem Bergstock, so hat er genug. 's kunnt einem einfallen darüber, einen Schlaf zu tun – kein Wind pfeift daherinnen und kein Vogel ruft, und die Augen fallen justament von selber zu.«
Sie gehen wieder eine Weile.
»So, da wären wir!
Ein Eichtl den Schnee schaffen wir weg, und der Helari geht, ein Feuer zünden. Wir andern rucken derweil einen Raummeter.«
Der Peterl schiebt mit der Holzschaufel den Schnee zur Seite, und der Helari bläst in den Reisern, die mit Scheiten gedeckt gewesen sind, ein Flämmlein lebendig, das den Kaffee in den Krügen zu wärmen hat.
Der Zachenhesselhans und der Wurzltonl – der Hans-Tonl und der Einräumer Peter – der Helari und der Peterl: drei Paare sind auf einmal aus den sechs Männern geworden.
Die einen Zwei steigen links den Waldhang empor,die andern Zwei rechts und die dritten Zwei schaffen eine Heimstatt im Schnee und im Fichtendickicht.
Das Kleinholz, das ganz in weißen Pelzen steckt, hat eine Mauer gebaut ringsum und in der Mitte vom Schneehäusl ohne Dach flackert die Flamme. Ein wenig mißlaunig ist sie – wie der graue Tag; und der Rauch, der sich daraus emporringelt, mag nicht kerzengrad hinauf in die Wipfel, – sieht aus, als hätte das Feuerlein ein Schwanzmützl auf. Er besinnt sich aber und kriecht verdrossen über den Schnee.
Da kann einer nicht kreuz- und querstapfen und gemächlich den steilen Hang hinan: schnurgerad müssen sie empor, immer das geschichtete Holz und immer die Stämme an der Berglehne im Auge, die gefällten, und gradewegs darauf zu; auch hübsch den Schnee zusammengetreten und da und dort wo ein Abschlag ist oder der Stock von einem gefällten Stamm, der das zutale fahrende Holz auf ein Eichtl zum Rasten einladen könnte, müssen sie davor einen Schnee zusammenschieben, damit eine glatte Fahrt entsteht.
Drüben ist schon ein Zischen und Gleiten und auf dem Hau drunten ein Poltern und Uebereinanderstürzen. Der Einräumer Peter und der Hans-Tonl haben ihre Fahrt im Zug.
Jetzt zischt auch das erste Scheit zutal, das der Wurzltonl auf das Wandern schickt.
Eine Wegstunde ist's gewesen im kniehohen Schnee daherauf und in zwei Minuten schießt so ein Holz zutal. Drunten fahren die Scheite aufeinander wie wütendeSchlangen, rennen die Köpfe gegeneinander, bäumen sich, sinken kraftlos zusammen.
Auf dem Hau in der Mulde, in dem die drei Bergfahrten aufeinandertreffen – denn auch der Helari und der Peterl sind mittlerweile an der Arbeit – wächst der Haufen.
Spiegelblank schleifen sich die Fahrten den Berg herein.
Höher steigen die Männer, länger werden die Schleifbahnen gegen den Gebirgskamm hin.
Und der Tag legt seine grauen Schleiertücher über das Waldland, und der Tag wirft seine silbernen Netze aus Schneeflocken hinein. Aber der Wind mag heut nicht wehen.
Ein sanftes Knistern ist in den Fichten und eine schweigsame atemlose Waldandacht. Nur wenn drunten die Scheite durcheinanderstürzen, ist ein dumpfes Dröhnen wie vom Schlage der Holzäxte; dann wieder das weiche Klingen des silbernen Schnees.
Wo die Männer schaffen?
Immer nur zwei wissen von einander: zwischen ihnen schläft der Wald, zwischen ihnen hängen die Nebel, zwischen ihnen fallen dichter und dichter die Flocken.
»Wurzltonl,« sagt der Zachenhesselhans und bläst in die erstarrten Finger, dann schlägt er die Arme kreuzweis ein dutzendmal um den Leib, »hast Du ein Rufen gehört?«
»Noch nit.«
»Ein Mittagsglöckl is nit im Wald; aber der Magenhebt an zu läuten und möcht einen Kaffee. Das Stückl lassen wir noch hinab, dann –«
»Is eh recht,« machte der Wurzltonl.
Und wie das letzte Stück Raumholz bis auf zwei Scheite zutal gefahren ist, setzt sich der Hans auf das eine Holz, der Tonl auf das andere. So fahren sie den hundert Scheiten nach und gleiten den Berg hinein. Drunten eh sie an das übereinandergestürzte Holz gelangen, drücken sie den Stiefelabsatz scharf gegen den Grund: ein Schnee wirbelt auf, hüllt sie in eine Wolke silbernen Staubs und das Fahrzeug sitzt fest im tiefen Schnee.
Im dichtverhängten Kleinholz raucht noch das Feuerlein und wirft einen purpurroten Schimmer in die Nebel.
Der Zachenhesselhans tut einen Pfiff auf den Fingern. Da schrickt der Wald aus dem Schlaf. Und der spitze Pfiff fliegt wie ein Pfeil den Berg hinan und fliegt an den Männern vorüber. Denen ruft er zu: Zu Tale!
Ein Eichtl später – und auch die andern sausen auf den Hölzern die Holzschleifen herein.
»Auf steigen wir nimmer! Das siebt einen Schnee, daß einer in der Finsternis, wenn sie einmal da ist, heut nit auf ein Heimkommen denken kunnt. Einen halben Fuß hoch mag er gefallen sein den Vormittag über.«
»Ich mein',setzenkunnten wir das Meterholz noch?« fragt der Einräumer Peter.
»So machen wir nur einen halben Mittag.«
»Auch recht.«
Nach dem Kaffee glimmen sie sich die Pfeifen an. Nur der Peterl mag nichts wissen von dem Rauchkraut. Der Helari schürt das Feuer, und während sich die andern eins anrauchen, schleppt er einen Armvoll Brennreisig herbei. Die Flamme wird die starren Hände wärmen müssen.
In Raummetern schichten sie die Scheite um das untere Ende der Talfahrt. Von dort aus kann das Holz nach der Versteigerung weggefahren werden – nicht im Sommer: solange noch ein Schnee liegt und der Schlitten gleiten kann. Ein Wagen mit einem Vieh hat hier oben nichts zu schaffen.
Das nennen sie: ein Holz rucken.
Die Sonnenwirbelleute tuen sich die Kraxen auf den Rücken, sagen »B'hüt Gott und kommts gut heim«, dann gehen sie den Hang hinan, um die Straße zu erreichen.
Der Hans-Tonl, der Helari und der Zachenhesselhans schlagen sich quer durch Schnee und Wald, nehmen bald einen Wildwechsel zuhilfe, treten sich bald einen Weg in das weiche Silber des Schnees.
Immer mehr sinkt hernieder. Die Nacht kriecht aus den Tälern herauf, und der Nebel wird noch dichter: kaum drei Stämme weit kann einer schauen.
Auf dem Heimweg in solch einer Gesellschaft: späte Dämmerung, Nebel, Schnee von unten und oben, da fällt kein Wörtlein. Hat einer nur immer auf die dreiunheimlichen Weggesellen zu schauen, ob die etwa vereint etwas im Schilde führen.
So wandern die Männer.
Die drei andern, die dem Gebirgskamm zustreben und das Ende vom Weg auf der Landstraße zurücklegen, werden ein wenig länger im schummerigen Lichte gehen können.
Im Wald ist nur noch eine verlorene Helle, man weiß nicht: ist sie schon Nacht oder ist sie noch Tag oder kommt sie vom Schnee.
Und nicht den Hall eines Schrittes gibt die kniehohe Decke des Waldgrunds zurück. Düsternis und Nebel drücken auf Brust und Schultern – glaubt einer nicht, wie so zwei schwer wiegen, wenn in der Unwegsamkeit alle Merkzeichen auslöschen, die dem Wanderer sagen: dorthin liegt das Berghäusl, darin Du daheim bist; dort steht schon Dein Weib und schaut immer einmal durch die Scheiben, tritt auch einmal vor die Tür, zu sehen, ob noch ein Schimmer Tag zwischen den Stämmen hängt, der dem Manne heimleuchtet. – Justament als stemmeten sich einem die drei entgegen: kein Vorwärtskommen ist. Und hinter einem, da sinkt im Umdrehen wieder ein Schnee in die Spur, die einer getreten und deckt sie zu.
Endlich – ein Lichtband spannt sich herein in den Wald, ein goldenes. Das reicht nicht weit, reicht aber weit genug, um wieder ein Wort aufzuwecken in der tiefen Einsamkeit dieses Waldwinters.
Dieses Lichtband spannt sich aus dem Fenster derHölle: das Wawrl hat die Lampe am Draht angezündet.
Und nun stehen die drei auch schon auf der Bergwiese – jetzt ein weiter, weicher Schnee und darüber ein wirbelndes weißes Fallen, eine endlose Fülle von spielenden federleisen Flocken. – –
Der Zachenhesselhans fährt auf dem Flur aus den Kniestiefeln und wie er das Feuer im Ofen des Zechenhäusls endlich lebendig hat – das mag heut nicht brennen, weil der Nebel über Tag in die Esse gekrochen ist und dem Rauch und der Ofenwärme von drunten keinen Platz gönnt – geht der Alte hinaus und reibt ein goldenes Leinöl in das Leder der Stiefel.
»Auf die Hühner hat einer auch vergessen heut,« murmelt der Zachenhesselhans, »ist zwar ein Tuch über dem Hafer, – na, die werden das ihrige gefunden haben. Lugen wir einmal!«
Die Hühner sitzen dicht gedrängt auf der Stange.
»So kunnt einer nun ansichdenken. Ein warmes Nachtmahl ist verdient.
Ui je, da steht ja noch ein halbes Töpfl Erdäpfel! Gut is, die quetschen wir.«
Und der Zachenhesselhans langt die Kartoffelquetsche vom Topfbrett herab, schält die Erdäpfel und legt einen nach dem andern in die Quetsche. Den mehligen Inhalt der Schüssel, in die er die Kartoffeln gedrückt, breitet er in ein Pfännlein, preßt ihn mit dem Blechlöffel gegen den Boden und gießt aus dem Topf, daraus er sich vorhin zum Stiefelschmieren in die hohle Hand geschüttet, ein duftiges Leinöl darüber. Erschnalzt mit der Zunge, während er sich an dem Wohlgeruch des goldenen Oels ergötzt, und stellt das Pfännlein über den Brand.
»Eine ›Rauche Mahd‹ werden wir uns backen.«
Wie vom Ofen her der Geruch des siedenden Oels die Stube füllt, geht ein Knistern draußen, wie von einem verdächtigen Bersten.
»Hat etwan einer eine Heimstatt gesucht oder – ich hab doch den Riegel vorgeschoben?«
Der Zachenhesselhans geht an die Haustür – der Riegel ist vor.
Er hält den Atem an und lauscht.
»So wird ein Mäuslein die Treppe herabgefahren sein,« meint er.
Weil auch im Stall kein Geräusch ist und die Hühner schlafen, geht er wieder ins Stübl und horcht, wie die ›Rauche Mahd‹ über dem Feuer bäckt.
»Das Bettstroh kann sich einer derweil auch aufschütteln – ein warmes Nachtmahl, ein schwellendes Stroh unter dem Betttuch, eine sanfte Wärme im Stübl und draußen ein lustiges Schneien, in das kein Bergwind bläst – da laßt sich leben dabei,« sagt der Hans und steckt mit einem Kienspan die Lampe am Draht an.
Da ist draußen wieder das Knattern, das Schlürfen, das Bersten.
»Na na, ist denn ein Gast im Haus?«
Der Alte hebt die Lampe aus dem Gestell und leuchtet auf den Flur.
»Ist einer da? So gebts doch eine Antwort!«
Jetzt – der Hahn hebt an zu rufen auf dem Stänglein!
»So hat's auch den Hahn aus dem Schlaf geweckt und es ist wahr und wahrhaftig einer im Häusl, der sich nit melden mag.«
Unter die Holzstiege leuchtet der Zachenhesselhans und noch einmal in den Stall. Er steigt die Treppe empor, er leuchtet in alle Ecken und wagt kaum zu atmen, um das Geräusch, das schreckhafte, ganz in der Nähe zu vernehmen.
Still ist's, still.
Der Hahn hat sich wieder zurechtgesetzt und die Hühner haben die Köpfe unter die Flügel geborgen. Der Schein der Lampe fliegt auf weitgespannten goldenen Flügeln durch die Enge des Berghauses. Der Zachenhesselhans ist daran, noch einmal durch die Haustür in die Nacht zu lauschen, ob etwan ein Tauwind sich aufgemacht habe, einen warmen Nebel die Halden hereinwälzt und den Schnee von den Schindeln schiebt.
Aber in den Flur spinnt sich ein Rauchwölklein, das trägt einen Duft von verbranntem Leinöl und angebrannten Kartoffeln. Da bleibt der Riegel an der Pforte.
»Erst muß die ›Rauche Mahd‹ erlöst sein vom höllischen Feuer. Das wär' fei sündhaft, wollt' einer das Nachtmahl, das reiche, vom Feuer fressen lassen.«
Im Pfännlein ist ein Zischen und Brutzeln und ein Fauchen von gelblichem Rauch. Der flattert über dem geretteten Kartoffelkuchen durchs Stübl. Das Pfännleinschüttelt der Zachenhesselhans mit der Linken und pustet hinein; in der Rechten hält er die Lampe. So hastet er hilflos durchs Zimmer.
»Die Lampe kunnt einer doch wenigstens absetzen!« sagt er ärgerlich.
»So, da bleibst stehen, Lampl, und nun – das Fenster auf und das Pfännlein auf den Fensterstein! Da kannst Dich verdampfen!«
Während das Zischen des siedenden Oels leiser und der Rauch über der Pfanne dünner wird, ist wieder das Knacken draußen.
»'s ist im Flur. Ob einer da is, frag ich? Könnts denn nit reden? Oder wollts mich auf die alten Tage zum Gespensterglauben bekehren?«
Es fällt kein Schnee vom Dach. Es weht kein Wind wärmer die Halden herein. Der Wald steht still, atemlos still, und läßt sich zudecken von der weichen weißen Watte des Winters, immer dichter.
Der Zachenhesselhans nimmt einen Teller vom Topfbrett und stülpt das Pfännlein mit dem Kartoffelkuchen darüber um. Goldbraun lacht der den Alten an.
»Jetzt setzen wir uns zu einem feinen Nachtmahl und lassen den heimlichen Gast schlürfen im Flur solang und so laut er mag. Aber das Fenster schieben wir zu und eine Schnitte schwarzes Brot brauchen wir – das süße Oel will damit aufgetupft sein.«
Die Uhr tickt und ab und zu setzt sich eine Flocke wie ein lichtfroher Nachtvogel an die Scheibe und schaut dem Alten zu. Der sticht mit der Gabel ein Stück nach demandern von dem duftigen Kartoffelkuchen und bricht sich dazwischen auch einen Fieder Schwarzbrot. Das Knacken, das draußen wieder ist –
»Ja: als stünd einer auf der Treppe mit einer riesigen Last, und die Treppe ächzt unter ihm und meint: jetzt, wenn Du nicht fortgehst, so brech' ich zusammen! Justament so klingt es. Erst essen wir aber die ›Rauche Mahd‹ – nachher: durchs Häusl gehen wir einmal mit der Stalllaterne und mit dem Bergstock. Eine Ruhe muß werden. 's kunnt einer fei kein Auge zutun die lange Nacht, ehbevor das Scheuchen nit aus dem Haus is.«
Mit dem letzten Stück Brot wischt der Zachenhesselhans das Restlein Oel vom Teller. Wie das geschehen, langt er sich die Pfeife aus der Lederhose, klappt den Beschlag auf und fühlt mit dem Finger.
»Hui, da ist ein halbes Pfeifl Tobak, das noch geschmaucht sein will! Kann gleich geschehen. Nur einen Span wollen wir uns suchen.«
Der Span hat gefangen – hmp, hmp, hmp. Und wie das Pfeifl brennt, drückt der Alte den Span aus, setzt sich mit dem Rücken gegen die Kacheln und denkt: die Stalllampe will ich antun, wenn's noch einmal anhebt, das Scheuchen.
Er öffnet die Tür einen Finger breit – so kann's einer besser hören.
Wie er so schmaucht und hinauslauscht, da – – ein Poltern hebt an, ein Zischen, ein Durcheinanderstürzen …
Der Zachenhesselhans zieht den Rücken krumm – – daß es über ihn wegfahren kann.
»Jetzt: der Berg fällt ein!«
Und im Stall beginnt ein Rumoren. Die Hühner schreien.
Krach – klirr! Jetzt kommt das Fenster herein.
In hundert Stücken prasselt die Scheibe zu Boden.
Ein Ding fliegt hindurch und hebt ein mörderisch Klagen an.
Jetzt – dem Zachenhesselhans steht das Herz still.
»Nu, Hahndl, liebes Hahndl, wie bist denn Du da hinaus und da hereingekommen? Herein durchs Fenster, aber hinaus aus dem Stall?«
Gegen den Ofen fliegt der Hahn, als wär' ihm einer hinterdrein, und gegen die Decke, und eine Wolke Staub wirbelt unter ihm empor.
Die Stalllampe hat der Zachenhesselhans gestern auf das Wandbrett gestellt: er steckt das Licht an; der brennende Span in seiner Hand schlägt gegen die Scheiben – so zittert dem Alten das Herz.
»Ist der Berg eingefallen, Hahndl? Fliegt ein Feuer daraus hervor? Sei still, Hahndl! Schauen müssen wir, wenns auch ein grugelig Handwerk ist.«
Mit der Lampe geht der alte Mann hinaus in die Nacht. Dunkle Flecken schieben sich oder hüpfen über den Schnee: die Hühner.
»Nu sag einer, wie seids nur heraus alle miteinander? So, kommts da herein!«
Der Zachenhesselhans lockt sie mit sanften Worten in den Flur.
Alles ist still. Alles ist im Schlaf. Nur das sanfte Fallen der Flocken ist in der Nacht, und kein Wind läuft über den Schnee. Nicht einmal das Knarren einer träumenden Fichte kommt aus dem Walde.
Wie der Zachenhesselhans um die Hausecke geht, schier zaghaft, zu lugen, ob einer von da aus etwa den Höllenschlund erspäht, der sich die Erde gespalten, da hat sich auf dem Schnee an der Giebelwand etwas herniedergewälzt – –
»Jetzt, Häusl, das ist ein Streich! Just um den Winteranfang stürzest einem über dem Kopfe zusammen? Wo soll denn einer Unterschlupf haben die lange Zeit?«
Der Alte hebt die Laterne hoch. Der goldene Schein läuft über den silbernen Schnee, läuft über die Trümmer.
»Die ganze Hausecke ist's, die halbe Giebelwand, ein Stück Rückwand – justament der ganze Stall zusammengestürzt! So können Schnee und Sturm ungehindert Einzug halten. Eine Sommerfrischen, hab' ich gedacht, tät der Stall geben für ein Stadtfräulein oder so – wenn doch einmal kein Vieh mehr hineinkommt. Nun ist auchdieRechnung falsch gewesen. Und der Balken, den muß einer stützen an der Ecke – das ganze Dach kunnt zusammenbrechen in derselbigen Nacht.«
Der Alte stapft über die Trümmer, stapft um daszerrissene Gemäuer und hält die Stalllaterne in der hochgehobenen Rechten.
»Ist auch noch ein verdächtiges Knacken in dem Fachwerk. Am Ende – das ganze Zechenhäusl fällt mir zusammen. Häusl, Häusl,« der Zachenhesselhans schüttelt den Kopf und läßt die Hand mit dem Lichte sinken, »hat denn das justament heut sein müssen, heut da der Winter erst kaum in den Wald herein ist? Jetzt kann ja keiner an ein Bauen denken, wenn der Mörtel auf der Kelle friert.
Und was denn nun? …
Gleich hat's sein müssen? Dem Dächl, dem faulen, ist die Schneelast zu schwer gewesen, gedruckt hat's und der Winkel ist ins Weichen gekommen. So ist's geschehen.
Kann sich einer denn noch einmal hineinwagen, oder hast dir noch etwas vorgenommen für dieselbig Nacht, Häusl, morsches?
Wenn eins wie du, aus Fels und Bergwald, nit einmal den Zachenhesselhans überdauern mag, sel darf sich nix einbilden nachher.
Haltenmußtnoch ein Eichtl, da kann dir nix helfen: die Kniestiefel muß einer haben!«
Wie der Hans im Stübl ist, schwankt die Lampe, die am Draht von der Decke hängt, noch ein wenig, das Feuer knistert im Ofen und die Uhr schlägt ihren Schlag.
»Just als wär's nix, wenn einem das Dach über dem Kopf zusammenstürzt! Die Lampe lassen wir brennen – fällt's vollends, so wird es nit darauf vergessen, das Flämmlein auszudrücken.«
Ueberdem hat der Zachenhesselhans die Kniestiefel herausgetragen, setzt sich auf den Rand des Brunnentrogs und fährt in die Stiefel. Das Windlicht, das er in den Schnee gesetzt hat, nimmt er auf.
»Jetzt,« sagt er, »einen Weg werden wir uns treten durch Nacht und Schnee, Lampl!«
So macht sich der Zachenhesselhans kopfschüttelnd auf nach der Hölle. –
»Hans-Tonl!« ruft er.
Es dauert nicht lange, so sieht der Hans-Tonl den Schein eines Lichts zum Fenster hereinspielen und an der Wand hinlaufen.
»Wawrl,« sagt er und weckt die Frau, »Wawrl, es ist eins unten.«
»Hans-Tonl!«
»Hörst's? Gerufen hat einer.«
So schiebt der Hans-Tonl das Fenster auf und steckt den Kopf heraus.
»Hans-Tonl, jetzt ist mir das halbe Oechsl davongelaufen, das Simmenthaler.«
»Was sagst? Wie soll einer denn das nehmen? Ein halbes Oechsl davongelaufen?«
»Wenn Du den Zachenhesselhans ein Eichtl hineinlassen wolltest, so wirst's gleich wissen.«
»Ich komm' schon.«
Der Riegel klirrt und der Hans-Tonl und dasWawrl stehen im Flur und sehen den Zachenhesselhans verwundert eintreten.
»Jetzt, nu sag bloß, Mannl,« schreit das Wawrl, »was Dich in die Höll jagt durch die stockfinstrige Nacht und den knietiefen Schnee?«
»Das Zechenhäusl hat mir aufgekündigt,« sagt der Alte, tut das Glastürlein seiner Laterne auf und bläst die Flamme vom Docht.
»So. Aufgekündigt hat's mir. Sel klingt schnurrig, gelt? Aber: ist's etwas anderes, wenn's einem einfällt, das Häusl?«
»Hans, tu Dich nit spaßen!«
»Bei Gott nit, Wawrl! Die ganze Ecke gegen den Sonnenwirbel hin ist mir justament zusammengefallen diese Nacht.«
»Zachenhesselhans, das wär' gar so viel frevelhaft, wenn's erlogen wär. Um unsres lieben Herrgotts willen, wie hast aber das angestellt?«
»Sel wärmirwahrlich nit eingefallen. Und das Häusl? Das hab ich fei noch nit einmal darum befragt.
Aber: gedroht hat's ja schon einen Sommer lang. Weißt nit, Hans-Tonl? Justament auf jenen Tag, wie ich den Landfahrer hab' den Berg heraufschnaufen hören, damals hab' ich mir einen Stämmling gehauen im Wald. An den hat sich's ein Eichtl angelehnt die Zeit her. Nun aber, wo sich's ein paar Kraxen Schnee hat aufgeladen, ist's ihm zu viel worden.«
»Jetzt: wenn's nun einmal ist – wie kommt denndas halbe Oechsl dazu, davonzulaufen?« fragt der Hans-Tonl, während sich das Wawrl auf die Ofenbank setzt, das Fürtuch fest um die Schultern zieht und die rechte Hand dabei unter dem Tüchl aufs Herz legt, um zu wissen, wie stark das Sturm zu läuten hat in der Brust.
»Eine Pfeif Tobak, wenn Du mir leihen wolltest, Hans-Tonl?« sagt der Alte und zieht die Pfeife aus der Tasche. »Daß der Zachenhesselhans seintag einmal auf die Schweinsblase vergessen könnt', hätt keiner gedacht.«
Der Hans-Tonl reicht dem Alten seinen Beutel, und während der sich die Pfeife füllt, sagt er:
»Ein Oechsl sollte doch herein ins Waldland, ein Simmenthaler, Hans-Tonl, weißt's nimmer? Und der Zachenhesselhans wollt so seine siebzig, achtzig Gülden dafür zusammensparen: das Taglohn für ein Holzrucken den Winter über, und das Taglohn, was Du mir zu geben hast, und was einer sonst noch zusammenträgt, das wollt ich herleihen fürs Oechsl. So hätt ich das vordere Stückl vom Sakra schon zusammengespart. Wenn einer aber das Häusl mit einem Hundert Silbergülden stützen muß, daß es so gut is und nit völlig zusammenfallt – für das Oechsl wird da fei nix bleiben.
So, und nun: bitten wollt' ich, daß Du mit hinübergehst einen Sprung; wir müssen ein Stämml unter die Dachecke geben dieselbige Nacht. Nit ein Stück Holz hab' ich daheim; wer denkt denn auf so was? Vom Bau her lieget bei der Höll noch etwelches, das man zuschneiden könnt.«
Der Hans-Tonl hat die Kniestiefel unter der Ofenbank hervorgetan, und das Wawrl nimmt aus der Hölle hinterm Kachelofen zwei Hände voll kurzes weiches Haferstroh. Damit soll der Hans-Tonl die Stiefel füttern. Und das wollene Knüpftüchl, das zusammengelegt über dem Wäschestängl hängt, reicht ihm das Wawrl auch.
Einen Span tut der Hans an, für die Windlaterne und das Pfeifl.
Dann gehen sie miteinander.
Hinter dem Haus unter dem Schutzdach wählen sie einen Balken aus. Die Säge hat der Zachenhesselhans in der Linken – »man weiß nit, ob sich einer daheim in den Stall wagen kann, wo die meinige hängt,« hat er gesagt, – das Licht hat er in der Rechten. Und der Hans-Tonl lädt sich den Stamm auf die Schulter.
Der Schnee fällt in stillem Fall durch die Nacht; die ist finster. Nur aus dem Fenster der Unruh rinnt noch ein goldener Schein, der sich mühsam durch das Wirbeln der Winterflocken tastet. – –
Wie sie den Stamm unter das Fachwerk und in die Trümmer gestellt und einen starken Querriegel darübergelegt haben, den die Stütze gegen das im Winkel zusammenlaufende Gebälk preßt, heißt der Hans-Tonl dem Alten die Lampe am Draht austun und wieder mit hinüberzugehen in die Hölle.
Hinter dem Ofen hat das Wawrl mittlerweil ein sammetweiches Haferstroh gebreitet, nicht zu dünn, und eine Decke darüber. –
Wie der Zachenhesselhans auf dem raschelnden Stroh liegt und ab und zu eine verirrte Flocke an das Fenster klopft, erzählt ihm die Flamme hinter den Kacheln eine Geschichte. Die ist heimlich und traut, aber der Alte ist dennoch darüber eingeschlafen.