13. Kapitel.
Am andern Morgen, wie der Wald weiß in die graue Dämmerung schaut, kriecht der Zachenhesselhans aus der Hölle, hilft dem Hans-Tonl bei der Arbeit im Stall und breitet eine neue Streu, während das Wawrl zum Melken rüstet und das Butterfaß bereitstellt. Dann geht er schauen, ob das Zechenhaus von Mitternacht bis Morgen noch eine Kundgebung getan hat, daß es hinfort außer Dienst gesetzt sein wolle.
Die Hühner erwarten den Alten schon am Brunnentrog; sie haben den Weg durch die offene Stubentür zu dem Fenster heraus gefunden, durch das sich der erschreckte Hahn gestern Abend einen Zugang geschaffen hat. Eine Handvoll Gerste wirft ihnen der Zachenhesselhans in den Schnee.
»Heut heißt's: ausziehen,« sagt er, sucht die Holzschaufel unter der Treppe hervor und macht sich daran, an dem Zusammenbruch eine Mauer aus Schnee aufzuwerfen, um dem Wind und dem Wetter, den beiden Riesen, die nun im Walde herrschen wollen, den Eingang durch die geborstene Wand zu wehren.
Wie das geschehen ist, bahnt er sich einen Weg gegen die Unruh.
Der Helari lehnt in der Haustür und schaut über den schlafenden Winterwald.
»Na,« ruft er ihm zu, »ihr gebts ja keine Ruh bei Tag und Nacht. Wenn einer in dem Schnee auf Waldarbeit war, denkt er doch wenigstens des Nachts auf einen Schlaf.«
»Woher weißt denn?«
»Weil ich das Windlicht hab' laufen sehen gegen die Mitternacht. Was hast denn in der Höll gewollt, Zachenhesselhans?«
Der Alte erzählt. Und nicht nur die Leute von der Unruh erfahren, was geschehen ist: auch der Peterl vom Sonnenwirbel ist mit dem Schlitten den Berg herein.
»Du mußt's wichtig haben,« grüßt ihn der Zachenhesselhans, »bist denn nit sitzengeblieben unterwegs? Für wie hoch hältst denn den Schnee? Und fährt denn noch ein Schlitten? Wenn kein Frost darüberläuft, daß der Schnee tragen lernt, hernach: aus dem Häusl kann einer bald nit mehr.«
»An zwei Ellen mag nimmer viel fehlen,« sagt der Peterl.
»Du,« hebt der Zachenhesselhans an und schaut dem Peterl in die Augen, »fei gar so vergnügt guckst unter der Stirne heraus. Is was geschehen?« –
»Versprochen haben sich zwei.«
»Versprochen?« fragt der Zachenhesselhans, »doch nit etwa – … Ja, aber wer denn sonst? Es sind ja keine zwei andern daheroben. So gesegen's Euch Gott, Euch zweien!« ruft der Alte und klopft mit der flachen Hand die Lederhose.
»Nu sag aber, Dirnl: hast Dir denn den fei so rasch instandgesetzt?«
»Der Zachenhesselhans kann das Beißen nit lassen!«
»Manchmal, Dirnl, hat er auch einen klugen Einfall, deswegen vergißt man ihm einen dummen – um des einzigen Gerechten willen, wie's heißt. Da stellt Euch her miteinander! Anschauen muß Euch einer, die Ihr mitsammen den weiten Weg durchs Leben wandern wollt!
Fei so viel lustig ist das, daß einer vergessen kunnt, wie's mit dem Eigenen auf die Neige geht. Leutln, wennEucheinmal das Dach zusammenbrechen will, hernach, sag' ich: einen Strich macht einer unter die Rechnung und fangt an, zusammenzuzählen, ob auch ein rechtes Sümmlein herauskomme. Gut wär's schon – stehen aber in langer Reihe Abgänge auf der andern Seite, die muß einer auch mitnehmen und das eine vom andern abziehen.
In der Nacht, die wir hinter uns haben, Gott sei's gedankt, ist dem Zachenhesselhans zum erstenmal ein Frost ins Herz geflogen und er hat gedacht: jetzt, auf ein letztes Rechnen geht's, damit einer, wenn er vor den Herrgott hintreten muß, auch etwas zu sagen hat. Etwan: ›Herr, ein Pfund hast Du mir gegeben und ich hab' ein anderes damit zu gewinnen versucht. Sel is mir aber nit ganz gelungen. Jedoch eine redliche Müh' hab ich mir damit gegeben.‹
Ob einer so reden kunnt?
Der helle Schweiß ist mir aus der Stirne getreten deswegen.
Wenn einer nur noch zu wenigst zehn Jährlein aufzunehmen hätt'! Helari, wie denkst darüber?«
»Wir zweie, wir tätens wohl, zu sehen, was einer andenzweien da noch zu erleben hätt'. Aber, Zachenhesselhans, das ist halt wieder eine Rechnung, die einer ohne den Herrgott niemals richtig rauskriegt und wenn einer noch so viel tüftelt.«
»Recht hast, Helari! Aber: das Häusl bauen wir noch einmal auf mitsammen, gelt?«
»Wo hat denn der Zachenhesselhans geschlafen vorige Nacht?«
»Dort, wo er schlafen wird, bis der Winter landfahren geht, weil's ihm selbst daheroben nimmer gefallen mag: in der Höll vom Hans-Tonl. Aber – um den Zachenhesselhans sorgen wir uns nit. Wann wollt's denn zusammenheiraten, ihr zwei?«
»Zu Mittsommer.«
»Resl, einen Kaffee, was meinst dazu?«
»Das Fanele hat schon gesorgt dafür. Dem Fanele seine Gedanken laufen fei noch viel schneller als dem Zachenhesselhans seine.«
»So is recht, Leutln, und nun setzt Euch. Zu reden hab' ich ein Wörtl!«
Das Fanele nimmt aus dem Schrank mit den Glastüren die bunten Tassen, an welche die Sprüche geschrieben sind.
Draußen schneit's, schneit immerfort, ganz leise, ganz dicht; aber sie haben keine Zeit, hinauszuschauen.
»Sehts, Leutln, daß mir sel noch widerfahren ist,mir und meinen einundsechzig Jahren, das hat mir aufs Herz druckt. Aber – sag ich's nit immer? 's laßt sich leben, Leutln, wenn einer auch zu Zeiten kein Dach hat.
Jetzt: daß ihr zwei zusammenheiraten wollt, just ihr zwei, das ist mir fei mehr wert, als mein morsches Dächlein über der Zeche.
Warum?
Einer wie ich, der kann dem Waldland nix mehr nutzen, is fei genug, wenn er ihm nit zur Last wird. AberIhr, Leutln, IhrJungen, Ihr seids die Hoffnung von dem Zachenhesselhans.
Sehts, ich hab' so meine Gedanken gehabt und hab' sie nit fallen lassen, seit ich gemerkt hab': wir sind nit mehr auf dem richtigen Weg daheroben. Wir mühen uns nit, einen besseren zu finden. Leutln, es ist ein Fortschritt in der Welt. Aber wir im Waldland haben nichts davon gemerkt. Vor vierhundert Jahren, wie die Barbara Uttmann uns das Klöppelkissen gebracht hat, hat's daheroben genau so ausgesehen wie jetzt. Das mag auch sein Gutes haben. Aber das gar feste Stehen auf dem toten Punkt, damit ist's auch nichts. Unsre Kraft ist eine Schwäche geworden, nur die Treue und die Zufriedenheit sind uns geblieben. Weil mir die Mali selig keine Kinder geschenkt hat, hab' ich mir zweie gesucht, den Hans-Tonl und das Fanele. Just die beiden, die müssen's machen, hab' ich gedacht. Und nun, wo ich selber gar nichts mehr zu schaffen hab', will ich zuschauen, wie's wächst und gedeiht, was ich anSamen gestreut hab' im Leben. Leutln, ich hab' immer an das Pfund denken müssen, das ausgeliehen wird. Vergraben hab' ich's nit. Selber schaffen kunnt ich's auch nit; denn ich hatt' zu häufig einen Gast, den kunnt ich nit loswerden: die Armut. Aber das Fanele und der Peterl haben zwei Häuser und Grund und Boden von zweien; der Hans-Tonl hat auch sein Ererbtes. Der Zachenhesselhans aber hat nix hereingebracht und –: auf ein Sparen ist er auch nit immer bedacht gewesen, das heißt auf ein Sparen an Gülden. Dafür hat er aber kein Stündl müßig am Wildrain gesessen und kein Stündl müßig auf der Ofenbank. Immer hat er gedacht: wenn ein neuer Weg sei, so müßt' er ihn finden.
Ob er ihn hat, das werden wir sehen. Er läßt Euch ein Erbe, wenn er wandern geht, die lange Straße, die noch keiner zurückgekommen. Und der Hans-Tonl und der Peterl mit dem Fanele müssen's ihm verwalten …«
Draußen schneit's, schneit immerfort, ganz leise, ganz dicht; aber sie haben keine Zeit, hinauszuschauen.
Das Fanele gießt den dampfenden Kaffee in die Tassen, und wie man zu fünft um den Tisch in der Fensterecke sitzt, tut der Zachenhesselhans einen Blick zum Fenster hinaus.
»Um einen Einstand tät ich aber doch bitten,« sagt er, »die Hühner müssen herauf aus dem Zechenhaus. Ein Säckl Gerste sollst auch haben, Helari, wenn Du sie derweil mit unterkriechen läßt. Der Peterl und ich gehen, sie herauftragen.«
Wie der Kaffee getrunken und wieder durch eine Stunde der wirbelnde stille Fall der Flocken herniedergegangen ist, machen sich die beiden auf den Weg den Hang hinein.
Die Hühner sind in der Stube vom Zechenhaus heimisch geworden. Die Wärme, die immer noch leise aus den Kacheln spinnt, hat sie gelockt.
Von den Bäumen steht nicht mehr jeder im eigenen Pelze, den ihm der Winter übergeworfen: eine dicke schwellende Decke aus weißer Wolle liegt über dem Wald, durch die keine Wipfelspitze hindurchzustechen vermag. Darunter, zwischen den Stämmen, ist ein schier trauliches Düster und ein traumhaftes Weben. Kein Laut geht darin, nicht einmal das knisternde Sinken der Flocken, die gestern noch an den Stämmen herabgeronnen, weil die Decke über den Wipfeln allem Schnee wehrt, der hereinmöchte.
Die Hühner sind auf das Wäschestängl geflogen und schauen nickend herunter, was der Zachenhesselhans mit dem Sack anzufangen gedenkt, den er so offen hält.
»Peterl, das gibt einen Mordslärm und eine höllische Jagd, bei der wir das Häusl vollends scheu machen. Jetzt: die Strohläden lassen wir herab und in der Finsternis entwischt uns keine.«
Die Strohläden, die über den Fenstern gerollt sind, fahren herab und, während der Peterl den Sack hält, langt der Zachenhesselhans die Hühner vom Wäschestängl.
»So, die Läden lassen wir geschlossen. Aber dieZeisige, Peterl, die müssen wir zur Hälfte auf der Unruh, zur andern in der Höll einquartieren.«
Der Peterl schwingt sich den Sack mit den Hühnern auf die Schulter und der Zachenhesselhans belädt sich mit den Käfigen.
Wie die Männer an dem Zusammenbruch, über den der Schnee längst seine flaumige Hülle gewoben hat, noch einen Blick wechseln und zuberg steigen – langsam, mühselig, die Stöcke mit den Eisenspitzen vor sich in den Schnee schiebend, kriecht ein Nebel den Berg herein.
»Peterl, schau auf!«
»Das will noch einen Anreiml (Rauhreif) werfen über die Bäume.«
»Sel wird kommen! Aber, ich mein', hinter dem Nebel ist ein Wind drein und wenn der in den lockeren Schnee bläst, nachher – sehen muß einer, daß er in die Höll kommt. Jetzt, Peterl, ein Besenreisig, ein birkenes, liegt noch unter der Holzstiege im Hausflur, das darf mir nit bleiben.« –
Nicht lange, wie sie wieder unterm Dach der Unruh waren, setzte der Bergwind seine Flöte an.
»Hörst, der bläst sich sein Stückl!«
Durch die Esse herein ging ein sanftes eintöniges Sausen. Draußen fingen die Flocken einen tollen Tanz an.
»Jetzt, Peterl – den Berg hinaus kannst nimmer. Eine Stunde stapfetest Du durch den Schnee, wo Du übers Gras keine fünfzehn Minuten brauchst. Und inder Stunde baut Dir der Bergwind ein Mäuerlein quer über die Halde, da guckt Dein Käppl nimmer heraus, wenn Du darinsteckst. Mach Dich heimisch, Peterl, auf der Unruh und bereit Dir eine weiche Butzen (Lager) aus Haferstroh hinterm Ofen. Auf den Sonnenwirbel kommst nimmer.
Aber: wenn ich Euch da eins ins andre erzähl, so schneits mich fei selber ein. Bloß ein Pfeifl will ich mir noch zurechtrichten, dann –
Ja, daß ich darauf nit vergeß, justament heut nit, denn ich denke, Du wirst eine lange Zeit kriegen, fein darüber nachzudenken, Peterl. Es ist zu wenig Federvieh auf dem Gebirg, viel zu wenig. Und wir haben doch einen Wald, in dem sich's das halbe Jahr nährt bis auf die Handvoll Körner, die Ihr ihm vor Nacht hinwerfen müßt. So ist mein Exempel: die Eier und das Fleisch, das Euch die Hühner geben, ist Euch über den Sommer reinweg geschenkt, das wachst Euch im Walde wie die Pilze. Darum: es muß ein Huhn herein, das für den Wald taugt, kein Landhuhn, kein abgebrauchtes – sie ziehen schon eins, das wir haben müssen und das uns leben hilft, auch über den Winter.
Das wollt' ich noch sagen. Jetzt – b'hüt Gott! Ich geh, das birkene Reisig in die Hölle schleifen. Besen will ich binden die Tage her, wenn wir im Schnee liegen.
Kommts gar arg, Peterl, so feierst Du Deine Weihnacht diesmal mit dem Fanele. Lustig wird's, Kinder, und richtet Euch eine blitzende Peremette (Pyramide, anstatt des Christbaums) zusammen!«
Vor der Haustür bläst der Bergwind dem Zachenhesselhans einen eisigen Schnee ins Gesicht.
»Gemach,« sagt der, »wir zwei sind doch immer gut Freund gewesen! Helari, schau, von der Hausecke zum Brunnenrand hat er schon angefangen zu bauen, und den Gartenzaun hat er bereits unter; kein Lattenspitzl schaut mehr heraus.«
Der Zachenhesselhans zieht sich die Kappe auf die Ohren und steigt zu Tal.
Der Weg, den die beiden vorhin getreten, ist schon wieder verweht und nicht ein Stapfen ist mehr im Schnee. Der Nebel wird dichter. Der Wald steht wie ein Schatten darin. Den Schatten wirft die Düsternis, die zwischen den Stämmen liegt: die Kronen der Bäume, die ganz in Weiß gehüllt sind, scheinen nicht durch das Weben der Bergnebel.
Wie der Zachenhesselhans gegen das Häuslein kommt, sieht er, daß auch die Fichtenstämme schon dick im Anreiml stehen.
»Viel Anreiml, viel Frucht im neuen Jahr! Nur zu – uns kunnt das schon passen.«
An der Seite, an welcher die Nebel gegen die Stämme schwimmen und zerreißen, läuft ein faustdickes Rauhsilber herunter von der Krone bis an den Schneegrund, und ein faustdickes Rauhsilber hat sich um jeden Ast und jeden Zweig gelegt, der noch ohne die Last des Schnees in die Graudämmerung des Winterwaldes ragt.
Zwischen Halde und Hausdach beginnt der Windeinen Silberbogen zu schlagen, der am tiefsten ist, bevor er aufs Dach hinaufspringt.
Es ist schon gar nicht mehr zu sehen, wo die Schindeln gegen die Halde herabfallen und wo der Dachrand ist. Und zwischen der Berglehne und der Rückwand des Hauses muß der Schnee ein Stüblein gebildet haben: die Decke aus blitzenden Sternen darübergewoben, und stockfinster ist es darunter. Wenn einer mit dem Licht hineingeht, ist ein Funkeln und Flimmern darin, wie in der Berghöhle, von der das Märchen zu erzählen weiß.
So hat sich der Winterwind eine glatte Bahn gebildet, die unter der Unruh anhebt und die auf dem First des Zechenhäusls endet. Unausgesetzt fährt er darauf herab und immer flacher wird der Bogen, immer gewaltiger aber wird die Last, die der Wind dem morschen Dache des Zechenhauses aufbürdet. Und oben, über den First, bläst der Bergwind einen Schneewirbel herein, der stäubt so dicht: man kann gar nicht sehen, daß es ein schimmerndes Silber ist, das da oben tanzt. Tanzt auch nicht weit; schon über dem Gärtlein, das zwischen dem Zechenhaus und dem Waldrand liegt, läßt er's fallen, das flimmernde Spiel, im Gärtlein schüttet er's auf, höher und höher; dort lehnt es sich, eine starre weiße Mauer, gegen das Staket, hat das Staket aber längst begraben und ist schon wieder so hoch, wie eine Wand des Zechenhauses.
»Sel wirst fei nit lang tragen, Häusl, und es täte wohl not, daß einer versuchete, wenigstens sein Bettherauszubringen. Aber jetzt? Zuschauen muß der Zachenhesselhans, daß er seine zwei Beine aus dem Schnee ziehen kann. So wollen wir uns das Besenreisig ausladen, das hat auf der Achsel Platz.«
Der Zachenhesselhans zieht das Reisigbündel unter der Holzstiege hervor.
»Versäumen darf sich da einer nit lang, sonst kunnt er im Zechenhaus übernachten müssen, und da wär's nit unmöglich, es weckt ihn für einen Augenblick ein dumpfes Poltern und Bersten mitten in der Nacht. Lang dauert's aber nit – dann ist alles wieder still. Und ein weißer kalter Schnee fällt darüber, und der Zachenhesselhans liegt darunter und schläft sich aus …
Gehen wir. Gut is, daß einer die Zeisige alle miteinander auf der Unruh gelassen hat.«
Während der Hans-Tonl und der Alte vom Zechenhaus durch die anderen Tage tief gebückt auf der Ofenbank sitzen und ein Birkenreis auf das andere legen, spinnt draußen der Rauhnebel, fällt draußen der Schnee.
Alle Stunden geht einer von den Männern mit der Holzschaufel hinaus, die Bahn von der Haustür nach dem Brunnentrog, vom Brunnentrog nach dem Stallpförtlein und von da zur Düngerstätte auszuwerfen.
Die paar Wege muß sich einer freihalten.
Aber drüben im Gärtlein türmen sich die Schneehaufen, wachsen die Mauern.
Die Stallfenster sind zugeschneit und die Männer haben ein Loch in die Stalltür sägen und eine Scheibeeinziehen müssen, damit das Vieh nicht gar im Finstern steht.
Da gehen die Tage langsam wie die Wanderer, die ihren Weg durch das verschneite Waldland nehmen müssen.
Manchmal kommt einer, auf den die Sonne neugierig eine Stunde lang herniederschaut, was der Winter im Waldland an silbernem Glanz und glitzerndem Schimmer sich zurechtgebaut hat.
Sie lächelt dazu.
»Wenn sie Ernst machete,« sagt der Zachenhesselhans und blinzt sie an, »so wär' uns geholfen.«
Aber sie zieht den Wolkenvorhang wieder zu.
Und weil das Schneien noch nicht wieder angefangen hat, versuchen die in der Hölle, die Lasten des aufgetürmten Schnees – sie haben Leitern darangelegt – von oben aus über den Hang gegen den Wald hinabzustürzen; oder sie schlagen mit Spaten und Hacke einen Stollen quer durch den silbernen Berg, den sie bis hinab führen in den Wald, damit sie einen Weg gewinnen, auf dem sie mit dem Schlitten den Schnee fortfahren können, der ihnen den freien Raum vorm Haus zuschütten, die Fenster verbauen, die Türen versetzen und das Taglicht abdämmen möchte.
Und die Tage gehen langsam wie die Wanderer, die ihren Weg durch das verschneite Waldland nehmen müssen.
Kein Häuslein am Berg weiß vom andern: mannshoch hat sich der Schnee dazwischengestellt, und dieMenschen, die in dem einen Hause wohnen, reden von denen in dem andern, wie von fernen Freunden.
Was werden sie jetzt tun? fragen sie.
Einen Hafer schlagen wird der Helari. Der Wurzltonl schnürt die Kräuter zu Bündeln und kocht Magentropfen oder schmilzt eine Wundsalbe. Das Fanele setzt sein Linnen und seinen Peterl instand; lächelnd und still bereiten sie zur Hochzeit. Die Gitarren hängen in diesen Tagen nicht lange an den Wänden. Die klingen zu den Liedern, die der Hans-Tonl gedichtet hat.
In allen Häusern des Waldlands sind sie lebendig. Auf Postkarten fliegen sie hinaus in die Welt, bringen sie die Touristen mit heim von der Bergfahrt.
Aber an denSängerdenkt keiner, nur an den Viehbauer oder an den Holzer denken sie und die Fremden, die seine Lieder im Neuen Haus mitsingen, die wissen nicht, daß der Dichter im verschneiten Waldhäusl sitzt und auf ein neues denkt. Und die Leute an der Berghalde fragen sich auch, ob die »Rote« in der Höll nun das Kalbl hat.
Ja, die »Rote« hat das Kalbl; das steht schon angebunden in der Ecke des Stalles und wird sich wundern über die frühlingsgrüne Bergweide, die sie ihm dieses Jahr zurichten.
Die Weihnacht macht sich auf und schaut von Ferne – aber es fällt doch schon ein Glänzen aus ihrem Blick herein in die niederen halbverschneiten Fenster.
Plattgold und -silber knistert auf dem Tische: der Zachenhesselhans putzt die Pyramide für die heilige Nacht,die der Staub ein Jahr lang mit leisem Grau verhängt, um die die Spinnen gesponnen haben.
Sie flimmert und glänzt schon, und die Hülsen für die Kerzen setzt der Alte an, und er bringt die Jagd und die Holzhacker in Gang, die sich als Holzfiguren auf der Drehscheibe über der Pyramide befinden und die, wenn der warme Strahl der Weihnachtslichter sich von unten her hinantastet und seine goldenen Finger daranlegt, zu drehen anhebt.
»Eine Not hat keine Statt mehr in den Berghäusln, Hans-Tonl. Weißt warum? Weil ein Vieh in den Ställen steht, das gibt Milch und Butter, und wenn die Wege baumhoch im Schnee liegen. Und ein Mehl ist im Sack und Eier hat das Wawrl in dem irdenen Asch zwischen Haferkörnern aufbewahrt. Da bleiben sie frisch und gut und machen mit Safran den Festkuchen gelb.«
Und der Weihnachtstag geht still herein in die verschneite, schlummernde, märchenschöne Winterwelt des Waldlands.
Der Duft von frischem Kuchen spinnt durch das Haus.
Knisterndes Stroh deckt die saubere Diele: im Stall, darin des Menschen Sohn das Licht erblickte, hat's auch ein Stroh gegeben.
Und in die Dämmerung fällt der strahlende Schein der Weihnachtskerzen, und in die Dämmerung klingen die Feierklänge des Liedes von der stillen, der heiligen Nacht.