5. Kapitel.
Der Tag kommt. Ein goldener Tag, dem die weißen Opferdämpfe der Täler entgegenrauchen.
Im Gras ist ein Knistern von berstenden Schollen, in denen junge Kraft ringt. In den Wäldern ist ein Tropfen und Klingen von goldenem Licht und silbernem Tau. Hoch oben schlägt ein Bussardpaar seinen Morgenflug – still, königlich: wie die Welt ringsum in sonnevoller Pracht.
Und auf dem Grasrücken, der aus dem Wald hervorspringt und um den die blendenden Ströme des Lichts gehen, hackt der Peter Einräumer die Erde. Wie das Loch fußtief ist, stellt der Hans-Tonl eine Steinsäule hinein. Er hat mit dem Meißel ein Kreuz in den Block geschlagen und die Jahreszahl 1903 darunter. Man kann die Steinsäule von weither sehen. Und der Hachtl liegt daheim still und tot auf dem Stroh und weiß es nicht: jetzt weihen ihm die Sonnenwirbelleute ein dauernd Gedächtnis. Wo das Flämmlein gelaufen ist, über dem Hachtl seine Stirn und an der Wange herab, hat es seine Bahn gezogen. –
Wie sie den Hachtl in die Sommererde gelegt hatten zum ewigen Schlaf, war die Gabi in dem einsamenStüblein am Sonnenwirbel allein mit ihrer stillen Trauer. Die Klöppel, die durch die Finger der Frau liefen, klapperten gedämpft ihr eintönig Lied. Die Stäublein schwammen blitzend in dem blanken Strom, der durch die Scheiben auf die Diele ging, und die Fliegen summten hindurch.
Auf dem ›kalten Winter‹ sind sie dabei, das Heu zu bieren. Während der Peter und der Peterl die raschelnden Lasten schleppen, schreitet der Hans-Tonl die Halde zur Unruh hinab. Er ist aber nicht allein und kann darum nicht so flott den Hang hineinstampfen, wie er das sonst zu tun pflegt.
Neben ihm geht das Harfenweibl. Jetzt muß der Hans-Tonl der Alten die Hand hinüberreichen.
»Der Grund ist fei wieder so glasglatt,« sagt das Weibl, »daß einer den Hals brechen könnt', wenn er nicht fleißig unter sich schaut.«
Auf der Unruh möcht' sich das Harfenweibl ein wenig verschnaufen: »Es ist gar so viel Sonnenschein in der Welt in diesem Jahr. Und die Pilzlinge werden fei auch wachsen,« meint das Weibl.
»Gelt?« sagt die Resl, dem Helari sein Weib. »Das Fanele hat schon ein ganzes Säckl voll Pfifferlinge heimgetragen.«
Das Fanele, wie es die Mutter reden hört, guckt aus der Stalltür.
»Hui, da ist ja auch der Hans-Tonl! Grüß Gott, Tonl!«
»Grüß Gott, Fanele!«
»Das ist fei zum ersten Mal, daß ich den Hans-Tonl seh, seitdem die Red' ist, daß er so schnell auf ein Hochzeiten denkt.«
»Oha,« sagt der Hans-Tonl und »wenn einer mit so einem Beispiel vorangeht, sind auch immer Leut, die 's alsbald nachtun.«
»Denkst etwa aufmich?« fragt das Fanele, »weil Du fei gar so listig mit den Augen redest?«
»'s mag wohl sein, Fanele.«
»Weißt mir einen, so wollen wir die Sache schon machen. Aber ich seh mir keinen.«
Ueberdem ist das Fanele aus dem Stall zum Brunnentrog geschritten und schwenkt die Gelte aus. Sein Röcklein hat es bis zu den Knien geschürzt, und das Kattunjäcklein hat keine Aermlinge. Nun guck' einer, was das flinke Fanele für dralle Arme hat!
Wie der Tonl dem Fanele eine Weile zugeschaut hat und das Dirnlein den Milchkübel auf das Zaunstaket stülpt, sagt er:
»Hast denn auf den Peterl ganz vergessen, Fanele?«
»Hui,« macht das Mädl, »der Peterl!«
Und gelacht hat's dabei ein goldenes Lachen, das ist in den Wald hineingeflogen, wer weiß wie tief. – Da hören die Frauen zu reden auf und horchen hinüber, was denn am Zaunlattl und am Milchkübel so herzhaft spaßig ist, daß sich das Fanele ausschütten möchte vor Lachen.
's ist fei gut, daß der Brunnentrog nicht weit ist. So geht das Fanele zwei Schritt zurück, setzt sich aufden Rand des Steins und lacht: »Der Peterl vom Sonnenwirbel!« Und lacht.
Der Röhrbrunnen speit seit dem Wetter einen stärkeren Strahl und hat die Steinkufe, auf deren Rand das Fanele sitzt, gefüllt zum Überlaufen?. Und das Wasser, das darin plätschert, plätschert dem Fanele ans Stück Röckl, auf dem es sitzt. Und weil außer dem Kattunrock nicht mehr viel auf dem Dirnlein ist – –
Das Fanele hat's eiskalte Bergwasser schon gemerkt.
Aber der Tonl auch.
Und jetzt ist das Lachen am Tonl und an den Frauen. Lehnt sich das Fanele an den moosgrünen Lattenzaun. Aber ärgerlich ist's doch, weil der Tonl gesehen hat, wie das Wasser ist fürwitzig gewesen.
»Hans-Tonl, warum sorgst Dich denn um das Fanele? Wenn's einen Mann braucht, wird sich's einen suchen. Und wenn der Peterl erst auf die eignen Beine gestellt wär und hinter der Schürze von der Mahm hervorgehen wollt' – der Peterl wär gar kein Unrechter.«
»Fei nit, fei nit,« sagt der Tonl, »aber das Fädlein, das der Peterl und das Fanele mitsammen spinneten, das möcht' ich noch sehen.«
»Darum brauchst Dich fei nit zu grämen,« ruft das Fanele spitz.
»So kann einer wohl dem Peterl was ausrichten? Leicht, daß ich ihn eher zu sehen krieg', als das Dirnl.«
»Wenn Du magst,« sagt das Fanele und in seinen Augen ist ein spitzes Licht, »so sag ihm: wenn er auch nicht viel taugete, so wär' er mir doch hundertmal lieber als der Hans-Tonl mit sein'm wilden Schnäuzl.«
Jetzt – das ist schad', daß das Mädl so flink durch die Stalltüre gefahren. So muß der Hans-Tonl dem Fanele schuldig bleiben, was er ihm hat zahlen wollen.
»Das Harfenweibl ist am End' fertig mit ausrasten, daß wir mitsammen aufs Zechenhäusl kommen?« fragt der Hans-Tonl.
Das Harfenweibl nimmt seinen Korb von der Bank: »B'hüt Gott, Resl. Und wenn nur auf der Unruh das Wetter nix zuschanden geschlagen hat.«
»Fei nit und 's ist dasmal gar gnädig umgegangen mit uns. Ja so – auf dem Zechenhäusl hätt's auch nix getan, wenn nicht der Seppl meinete: der Schreck und das Aengsten, weil's so gar wild gekommen ist, hätt' ihm das Augenlicht völlig ausgeblasen.«
Der Tonl, der noch einmal nach der Stalltüre schaut, ob das Fanele nicht um die Ecke lueget, lauscht auf, wie er das von dem Landfahrer hört.
»Das Augenlicht ausgetan?« fragt er, »dem Seppl? So ist's eh ein Glück, daß er daheim ist und sich aufs Zechenhäusl gefunden hat. Bis in die Heimat haben sie ihm den Weg justament zeigen mögen, dann sind ihm die Lichtlein ausgegangen.«
Neben dem Steig in den Wald, der fußbreit den Hang hinabläuft, hat der Regen einen Graben gerissen und da und dort hat das Strömen das Erdreich fortgetragen.Da ist's gut, daß drunter die braunen Wurzeln das Geflecht bilden. Dem hat das Strömen den Berg herein nichts anhaben können. Die Wurzeln halten den Stein umsponnen und haben sich eingebissen in den Fels seit achtzig Jahren.
Als die beiden den halben Weg gegangen sind und schweigend an das Unglück vom Seppl gedacht haben, dem der Sturmwind das Licht in den Augen ausgeblasen hat, sehen sie auch schon den Zachenhesselhans.
»'s muß einer fei das Wegl wieder zusammensuchen,« sagt er, läßt die Schaufel ein wenig ausruhen und gießt bei dieser Gelegenheit den Pfeifenstiefel um.
»Wenn einer solch einen raren Besuch bekommt,« sagt der Zachenhesselhans, »so muß er auf Feierabend denken. Grüß Gott, mitsammen und willkommen beim Zechenhaus!«
»Schön Dank!« ruft ihm das Harfenweibl mit seiner dünnen Stimme zu.
In der ist ein Restl von dem Singen hängen geblieben, mit dem das Weibl die Stadtleut auf dem ›Neuen Haus‹ verlustiert. Das sagt der Zachenhesselhans immer, wenn er das Harfenweibl wiedersieht. »Wohin wollts denn miteinander?«
»Justament aufs Zechenhäusl,« sagt der Tonl.
»Das Weibl auch?«
»Freili,« entgegnet das Weibl.
»Na, da paßt auf! Das wird was geben. Werden wir uns ein bißl in den Schatten machen? Mögts ein Bier oder einen Kaffee?«
»Einen Kaffee, wenn der Zachenhesselhans hat, möcht' ich schon,« sagt die Alte.
»So wird er einen machen.«
Ueberdem sind sie hinter das Zechenhäusl gekommen. Da sieht der Hans-Tonl: der Mann hat den fichtenen Stamm unter den hinteren Dachbalken zur Stütze aufgestellt. Einige Rinnlein laufen über das grüne sammetweiche Dach. Da ist der Regen heruntergefahren – als hätt' er im Wald nicht genug gehabt zum zerreißen. An der Schmalseite der Hütte, die nach Abend zu ist und an die der Wald dicht herantritt, sitzt der Schmied-Seff-Pepp auf der braunen Bank.
Während der Zachenhesselhans drinnen im Ofen ein Feuer anzündet und den Topf in die knackenden Reiser stellt, macht sich das Harfenweibl mit dem Seppl bekannt. Der hat den Kopf weit zurückgebeugt als die alte Frau sich vor ihn hinstellte.
»Jetzt – auch der Schimmer ist fort, der ehegestern noch in den Augen gewesen ist. Jetzt is es verspielt! Aus is, gar aus is!«
»Wie hat der Schmied-Seff-Pepp denn das angedreht?« fragt das Weibl.
»Wie hat's denn das Harfenweibl gemacht, daß es wackelig worden ist?« fragt der Zachenhesselhans durch das Fenster aus der Stube heraus.
»Also: fei von selber ist das gekommen.«
»So sei dem Herrgott Dank, daß er mich noch einmal hat das Waldlandl anschauen lassen. Hinunterblicken in die Täler, hinausblicken in die Welt – dashab ich fei nit gewollt. Ich hab nix mehr zu suchen draußen und will nix mehr suchen, wie gern nicht! Aber an dem Grün der Bergwälder hat sich der Seppl noch einmal das Herz frohgeschaut, Weibl! Und daß ich nur daheroben bin! Hier im Heimatland werd' ich auch ohne die beiden Augen mein Stückl Brot finden. Aber draußen blind den Weg zu fremden Türen – das möcht' einem sauer ankommen, Harfenweibl.«
»Seppl,« sagt die Alte, »so könnt's Dich fei g'freuen – – da kommt erst der Zachenhesselhans und bringt den Kaffee! Vergelt's Gott, Mannl!«
»Jetzt,« sagt der Zachenhesselhans und setzt sich neben den Hans-Tonl ins Gras, »was wollts, Leutln, was mögts?«
»Wir zwei bereden das Unsrige später,« sagt der Hans-Tonl. »Jetzt – da wirst lauschen!«
»Na, Harfenweibl, prosit, trink einmal und dann fang zum singen an. Wir Männer, wir tun uns derweil einen Beißer ein und gießen das Feuer, das darüber angeht, mit einem Bier aus.«
Der Zachenhesselhans füllt ein Glas aus dem Trunkelbeerkrüglein. Brr! macht er, wie er getrunken.
»Hans-Tonl, da hab' ich zwei Krügeln Braunbier in den Röhrtrog gestellt – die bringst uns. Wenn einer so von der ersten Sonne an bei der Halde kratzt und schaufelt, klebt ihm die Zung' am Gaumen.«
Wie der Hans-Tonl nach dem Röhrtrog geht, ruft ihm der Waldmann nach: »Leicht nimmst fei erst das eine und läßt das andere noch im Eis!«
»Wenn der Zachenhesselhans und seine Seel sich einmal scheiden, macht er erst noch ein G'spaßl mit ihr und sagt: so, das nimm mit auf den Weg und nun: b'hüt Gott, liebe Seel, haben uns fei immer mitsammen verstanden, Du und ich, gelt?« lacht das Harfenweibl.
»Und das Harfenweibl singt der ihren erst noch eins, auf daß die gleich in den Himmel tanzet,« sagt der Zachenhesselhans. »Und nun red'ts Eure Sach, Leutln! Für umsonst hast doch die alten Beine nimmer den Berg hereingeschickt?«
Der Zachenhesselhans gießt einen Becher schäumendes Braunbier aus dem Tonkrug und reicht ihn dem Hans-Tonl.
»Seppl,« hebt das Harfenweibl wieder an, »ich hätt' eine Tür, an die Du anklopfen könntest um ein Stückl Brot und ich weiß: gekargt wird dahinter nit.«
»So 'was hört der Seppl gerne,« wirft der Zachenhesselhans ein, »jetzt – das Harfenweibl wird mir meinen ›Zimmerherrn‹ ausspannen.«
»Wo meinst denn?« fragt der Landfahrer.
»Justament auf dem ›Neuen Haus‹. Dort spiel ich, dort sing ich seit drei Jahren für die Stadtleut, die da einkehren, wenn sie über das Gebirg fahren. Aber: die Harfe ist noch hundert Jahr älter als das Weibl, das sie rupft, und die Stimme zum singen hat einen Riß gekriegt die Zeit her – fei einen so großen Riß. Wenn wir ihrer zwei wären – etwan eine Gitarr dazu und eine Männerstimme – und noch dazu ein Blinder …«
»Das tät dem Weibl so passen,« meint der Zachenhesselhans.
»Das ›Neue Haus‹?« fragt der Landfahrer und sucht, indem er den Kopf hintenüberbeugt, noch einmal nach dem Schein, der voreh in den Augen war.
»Jetzt weiß der ›Zimmerherr‹ vom Zachenhesselhans das ›Neue Haus‹ nit! Das ist noch im Sächsischen, Mannl, eine ›Sommerfrischen‹, wie sie's neumodisch nennen – vom Sonnenwirbel über den ›kalten Winter‹ in einer kleinen Viertelstund zu ergehen; für einen, der die Augen auf der Wegfahrt gelassen hat, ein wenig länger.«
Der Landfahrer sinnt einen Augenblick in sich hinein. Durch das offene Fenster vom Zechenhäusl klingt das Rufen und Zirpen der Käfigvögel. Die sind dem Zachenhesselhans seine guten Freunde.
Da steht der Seppl von seinem Sitz auf und greift sich an der Giebelwand entlang.
»Gib her die Hand,« sagt das Harfenweibl, »ich will Dir derweil meine Augen borgen auf das Stückl Weg. Willst was?«
»Die Gitarr möcht' ich,« sagt der Landfahrer, »fei nachschauen, ob sie dem blinden Manne nicht gram geworden ist.«
»Die zwei fangen an, sich nit schlecht in einander zu schicken,« sagt der Zachenhesselhans.
Auf dem Fichtenwipfel setzt eine Zippe ihre Silberflöte an. Der Alte aus dem Zechenhause wendet den Kopf danach. »Du,« sagt er, »auf Dich hab ich einenMai und einen Sommer lang gepaßt; aber Dein Häusl im Wald hast mir nimmer verraten.«
Es ist ganz still. Nur die Fliegen blitzen durch die blanke Sonne droben in den Wipfeln, und ist ein sanftes Wehen im Sommerwald.
»Blas ein bißl, Vögerl! Jetzt kann Dir der Zachenhesselhans fei nit mehr an die Kleinen. Aber nächstes Jahr, wenn wir zwei noch das Leben haben, Vögerl, da wirst dem Zachenhesselhans einen Jungen für sein einsames Stübl im Wald vergönnen, gelt?«
Ueberdem kommen die Musikleute wieder um die Ecke vom Zechenhäusl. Der Landfahrer hält kosend das Spiel in den Armen, und das Harfenweibl leitet ihn am Aermel seiner Joppe.
»So,« sagt es, »nun setz' Dich, Mannl.«
Und der Landfahrer läßt die Finger zitternd über die Saiten gehen. Ein Sonnenschein fällt auf sein Gesicht; der kommt aber nicht vom Himmel und durch die Fichtenwipfel hindurch – der kommt aus dem verstürmten Herzen, in dem die Tage der Sorge und Heimatsehnsucht daheim gewesen sind. Jetzt ist gerade der Friede und eine stille heimliche Freude hineingegangen.
Der Landfahrer dreht die Wirbel am Spiel, die knarren, und er prüft die Saiten.
»'s stimmt, Mannl! Aber: halt noch einmal!«
»Was willst denn sagen, Zachenhesselhans?«
»Jetzt, wenn Du draußen säßest am Straßenstein mit den ausgelöschten Lichtln im Kopf, und ein fremderWind säng Dir sein Liedl, und ein fremder Wind griff mit der Hand in Deine Saiten, der nicht den herben Harzruch aus den Wäldern bringt, und die Tritte fremder Menschen klängen an dem Almosenmannl vorüber und – Freundl: Du hättest ein Sehnen in der Brust nach dem Waldland und tätest Dich drehen und wenden und fändest nicht einmal so weit, daß Du sagen könntest: dorthinaus liegt's, dort heißen sie's ›Am Sonnenwirbel‹, dort bin ich jung gewesen – – Mannl, wenn Dir das geschehen wäre – das wär ein Leid, das wär ein Leid! Du bist einer, mit dem's das Schicksal nit schlecht meint, sonst hätt's Dir die Augen draußen ausgetan. Nun hier, da läßt sich das Hücklein leichter tragen, das es Dir aufgehängt hat. Und fei, ohne daß Du einen Schritt getan, kommen sie Dir im Wald und sagen: »Grüß Gott, Herr Seppl, und wenn Sie Hunger haben, hier gibts zu essen. Lassen Sie sich's gefällig recht wohl sein!« Mannl, und weißt Du, wo Dir das geschieht? In demselbigen Land, aus dem Du gefahren bist, weil's Dir zu schlecht war. Jetzt –: Du hast nach Deinem Mütterl einen Stein geworfen, Landfahrer, und das Mütterl tut Dir wieder seine Tür auf und küßt Dich dafür.
So, das wollt ich Dir noch sagen. Nun sing Dein Sangl!«
Dem Harfenweibl ist ein Körnlein ins Auge geflogen. Es nimmt sein Sacktüchl und macht sich die Augen wieder blank. Ein silbernes Küglein rollt ihrunter dem Sacktuch hervor in den Schoß. Das hat es nicht fangen können und das hat es verraten.
»Brauchst Dich nit zu schämen, Harfenweibl. Dem Seppl ist fei selber ein Wasser in die blinden Augen gegangen!«
Aber der Landfahrer greift schon wieder die Saiten. Jetzt hebt er zu singen an. »Ein bißl staubig ist die Stimme. Das kommt vom langen Fahren im Niederland,« meint der Zachenhesselhans. Und der Landfahrer singt:
Dort, wo die Grenz von Sachsen ist, im Wald die Schwarzbeer blüht,Dort, wo man heut noch Klöppeln tut, im Winter hutzen gieht,Da steht nit weit vom Wald davon, sieht klein und ärmlich aus,Ein Hüttlein, nur aus Holz gebaut, das ist mein Vaterhaus.
Dort, wo die Grenz von Sachsen ist, im Wald die Schwarzbeer blüht,Dort, wo man heut noch Klöppeln tut, im Winter hutzen gieht,Da steht nit weit vom Wald davon, sieht klein und ärmlich aus,Ein Hüttlein, nur aus Holz gebaut, das ist mein Vaterhaus.
Weil der Landfahrer immerfort seine Griffe greift, denkt der Zachenhesselhans auf die andere Strophe des Heimatlieds. Das hat er den Seppl gelehrt; gestern abend haben sie's mitsammen schon probiert, wie die rote Sonne so durch die Fichtenwipfel herniedergegangen und der Wald gar so viel feierlich gewesen ist.
Und nun – alle vier heben sie an zu singen; ganz oben darüber, ›auf den Zehen‹, sagt der Zachenhesselhans, geht das dünne Stimmlein vom Harfenweibl:
Da draußen in der fremden Welt, da find' ich halt kei Ruh,Die Häuser sind dort ganz aus Stein und die Menschn ach a su.Ein jeder singt ein andres Lied, doch immer klingt's heraus,Es mahnt und ruft: vergiß fei nit am Wald dei Vaterhaus.
Da draußen in der fremden Welt, da find' ich halt kei Ruh,Die Häuser sind dort ganz aus Stein und die Menschn ach a su.Ein jeder singt ein andres Lied, doch immer klingt's heraus,Es mahnt und ruft: vergiß fei nit am Wald dei Vaterhaus.
»Kennst's fei auch schon, das Sangl, Hans-Tonl?« fragt der Seppl, wie er die Gitarr auf den Schoß und die flache Hand auf die Saiten gelegt hat, weil die gar nicht ausklingen können nach den Tagen beschaulicher Ruhe im Waldwinkel. Schier ein Staub hat sich auf dem Griffbrett breitgemacht, als gehör' die Gitarr fortan ihm und gar nimmer dem Schmied-Seff-Pepp.
»Was fragst?« wendet sich der Zachenhesselhans an den Singspieler, »ob's der Tonl auch könnt? Mannl, wie der das fei schon gewußt hat, ist an Dich justament noch nicht zu denken gewesen im Waldland. Der Hans-Tonl, das ist nämlich, was man draußen in dem Land, in dem Du fei ein Leben lang auf das Glück vergeblich gepaßt hast, einenDichternennt. Einen ›Dichter‹ – so fein geben wir's freilich im Waldland nit. Wir sagen: das Versl, das wir justament gesungen haben miteinander, das hat sich der Hans-Tonl ausdenkt. Da is fei nix dabei, als das: so klug, wie Du erst in Deinem sechzigsten Jahr hast über Dein Heimatland denken lernen, so klug ist der Hans-Tonl schon mit seinem vierundzwanzigsten.«
»So ist der Hans-Tonl ein Dichter,« sagt der Seppl.
»Und fei, was man einen Kom–po–nisten nennt, das ist der Hans-Tonl auch noch dazu. Mannl, nu sag aber: Du bist doch ein Leben lang unter gescheiten Leuten gewesen – hast dort nicht derlei Dinge auch lernen können?«
Schmied-Seff-Pepp, der Zachenhesselhans zwickt Dich wieder!
»Da muß einer fei stille sein,« sagt der Seppl.
»Muß?« fragt der Mann vom Zechenhaus, »müssentut er nit – aber wissen muß er fei was Gescheites, sonst: besser is's, er halt's Maul. –
Die Melodie, was man hierzuland sagt ›die Weis‹, die hat der Hans-Tonl mit dem Reimlein auf dieselbige Stund zur Welt gebracht.
Seppl, draußen im Land, da is ein Dichter ein toter Mann, den sie zum Zeichen, daß er ganz tot is, als Bildsäul' aufstellen. Aber, Seppl, und das ist wieder ein Unterschied zwischen dem Draußen und dem Waldland: im Waldland is ein Dichter ein Lebendiger, der fei immer gleich die Melodie zu seinen Liedln gibt, daß ma 's auch singen kann. Aus demselbigen Grund setzt man den Hans-Tonl auch nicht als Bildsäul' an die Landstraßen, wie einen maustoten Heiligen etwan, zu dem kein Mensch aufschaut, sondern dem Hans-Tonl seine Lieder, die er auf den Feierabend sich ausdenkt, die kennen wir alle, die singen wir alle, die machen uns alle froh. Und die Gebirgsfahrer, was die Tou–ris–ten sind, die singen mit auf dem ›Neuen Haus‹, so viel ihrer hinkommen.
Der Hans-Tonl, Mannl, hat für derlei Leut, die von ihren eigenen Dichtern, von den gelehrten, gar nicht wissen, daß sie da sind, der hat für die seine Lieder und die Noten dazu auf Postkarten drucken lassen. Da haben wir »Die Ofenbank,« »Der Vogelbeerbaum,« »Das Vaterhaus« – dasselbig, das wir vorhin mitsammen haben gesungen. Und andere auch noch. Soviel hatder Hans-Tonl fei schon losgelassen, daß einer lang zählen muß, voreh sie all zusammenwären.
Und manchmal, da ist der Hans-Tonl mitten unter den Stadtleuten gestanden, die auf dem ›Neuen Haus‹ beim Bier gesessen haben, und die alle seine Lieder singen helfen, wenn's Weibl die Harfe rupft, und wissen nicht, daß der, der's gemacht hat, fei so nah dabei ist. Einmal, da hab ich die Pfeif aus dem Mund getan und die Mütz herunter und hab mich mitten in die Stube gestellt: »Meine Damen und Herrn«, hab ich gesagt, »und das Bürschl, das die Sangln zurechtgemacht hat und sich ausdenket, das is hier.«
Da sollst schauen, Mannl – ganz still sind sie worden und haben die Mäuler aufgetan. Wie sie fei noch lauscheten, hat so ein klein's Dirnl hinterm Tisch anfangen zu reden: »Nicht wahr, Mama, der alte Mann lügt, das dort ist kein Dichter, ein Dichter hat doch einen Lorbeerkranz.«
Da hab ich gesagt, »Madame«, hab ich gesagt, »dem Kindl sagen Sie gefällig: Lügen tun's bei uns heroben überhaupt nicht. Wenns anderswo nicht ohne das auskommen: wir brauchen's fei nit. Und wenn Sie's nicht glauben wollen, für den Fall sehn Sie gefällig auf das Kärtl, von dem Sie da abgesungen haben. Da steht: ›Melodie, Text und Zeichnung von A. Günther‹; denn auch das Bild hat er gemacht, das soll die Unruh vorstellen. ›A. Günther‹ schreibt sich der Mann aber bloß, heißen tut er: der Taler Hans-Tonl.« Das hab ich gesagt. Dann bin ich meiner Weg.
Hans-Tonl, das muß ich Dir fei schon heut sagen: wir nehmen Deine Sach so hin, wie das täglich Brot. Ich hab aber darüber so meine Gedanken, wie überhaupt über manches daheroben. Wenn die Zeit kommt und die langen Nächte sind, und wenn wir im Schnee sitzen im Wald bis ans Moosdächl, hernach, Hans-Tonl, da reden wir noch einmal darüber. Und das Harfenweibl und der Landfahrer dürfen auch dabei sein.«
»Hm, hm,« macht der Hans-Tonl, »leicht, Zachenhesselhans, kommen wir gar nicht zusammen.«
»Waas?«
»Fei seit der Hachtl nicht mehr hat leben wolln, seit derselbigen Zeit ist das anders. Wohnen zwei einsame Leut im Sonnenwirbelhaus seitdem. Der Mann hüben, das Weibl drüben. So hören sie, wie die Zeit immer ein Bein vor das andere setzt. Im Uhrkasten, da kann man's hören: Links, rechts, links, rechts. Und so läuft die Zeit, Zachenhesselhans. Weiß einer, wohin?«
»Seht's, Leutln,« unterbricht der Waldmann den Hans-Tonl, »auf dieselbig Art find't der Hans-Tonl seine Liedlein – er hat immer so Gedanken. – Was, nicht beim Zechenhäusl willst hausen, Tonl?«
»Wollen möcht' ich wohl, aber der Wurzltonl meint, und das Wawrl ist auch der Ansicht: warum sollen wir zwei uns ein Häusl bauen im Wald, wenn auf dem Sonnenwirbel ein Platz leer ist?«
»Bist doch halt auch einmal ein Tschapperl, Hans-Tonl: zweimal zwei ist vier, gelt?«
»Nu, und?« fragt der Hans-Tonl.
»Der Wurzltonl und dem Hachtl sei Gabi sind einmal zwei und sind auf der einen, das Harfenweibl und der Landfahrer sind die zweiten zwei und sind auf der andern Seite. Da ist das Sonnenwirbelhaus voll. Und das Wawrl und der Tonl und …«
Weil das Harfenweibl sein blaues Sacktüchl fei nicht schnell genug finden kann und nun so herzhaft hineinlacht und weil auch über die Stirne vom Landfahrer wieder ein Sonnenschein läuft – diesmal ist der Zachenhesselhans die Sonne, die den Schein wirft – hören sie nicht, was der Zachenhesselhans noch gemeint hat.
»Ich sag's ja immer,« kichert das Harfenweibl, »der Zachenhesselhans, das is einer! Mit dem hat der Herrgott voreh was anderes vorgehabt, eh' er ein Waldmannl draus gemacht hat.«
»Wird aber danach drauf vergessen haben, der Herrgott,« sagt der Zachenhesselhans. »Das heißt, gesagt will ich nichts haben: er hat's fei redlich gut mit mir gemacht, und der Tag soll erst noch kommen, an dem ich nicht zufrieden gewesen bin mit dem Herrgott. Ich wollt', Leutln, der Herrgott tät das auch sagen von mir.«
»Zachenhesselhans, einWegwär das! Wie denkt denn der Seff-Pepp darüber?«
»So müssen wir das Harfenweibl fei auch mitreden lassen.«
»Machts keine Umständ, Leutln!« ruft der Zachenhesselhans. »Jetzt: Seppl, – gehst singen aufs ›Neue Haus‹ und die Gitarr spielen oder nit?«
»Ich geh.«
»So wirst fei nit jede Mitternacht, wenn sie droben Feierabend machen, die Steile über die Unruh in den Bergwald hereinsteigen können, weil Dir ein Stalllämpl fei doch nit den Weg zeigen könnt. Nun, und das Harfenweibl?«
»Mei Herrgott,« sagt das, »was soll denn einer dazu sagen so schnell?«
»Na, so paßts auf: es sind zwei Männerleut und zwei Weiberleut und sind zwei Kammern. So führt das Harfenweibl den Landfahrer bis vor die Tür vom Wurzltonl und schläft in einem Stübl mit der Gabi. Und der Musikmann versingt dem Wurzltonl hin und her seine Einsamkeit, wenn das Wawrl mit dem Hans-Tonl in den Bergwald gezogen ist.«
»Und der Hans-Tonl baut sich sein Nest in die Fichten.«
»So schlag ein, Hans-Tonl!«
Da reichte der Junge dem Alten die Hand.
»Ich sag's ja: fei nur drei Leut sind anders im Waldland. Nicht vom alten Schlag. Das wär falsch. Leicht vomganzalten – weiß man nicht. Sicher aber: vomganz neuen– wenn fei auch ein Alter dabei ist. Und die drei heißen: der Hans-Tonl, das Fanele und der Zachenhesselhans.
Warum justament die drei?
Das wird sich weisen und darüber reden wir noch, Leutln.«