6. Kapitel

6. Kapitel

Jetzt ist dem Zachenhesselhans der Grünetz zum Fenster hinausgeflogen!

Droben auf dem Fichtenast sitzt er, spaziert wie ein Seiltänzer gegen die Astspitze, an der das halbgrüne Zäpflein sitzt, und hängt sich daran. Er pocht ein wenig mit dem Schnabel – ist aber noch kein Samen darinnen, von dem sich ein Kreuzschnabel ein Frühstück machen könnt.

Der Zachenhesselhans, da er den Käfig leer findet, weil er das Stäbchen nicht herabgeschoben, wie er den Vogel ein neues Wasser in die Schale geben wollte, steht vor der Tür vom Zechenhaus.

»Jetzt – da sitzt der Ausreißer und guckt sich die Welt an!«

Der Zachenhesselhans ist dabei, den Flüchtling mit guten Wörtlein herunterzulocken, wie der Fuchs im Märchen den Hahn.

Aber der Grünetz pfeift dem Zachenhesselhans eins. Weil der Alte alle Sprachen versteht, die um ihn herum gesprochen werden: die vom Wald, die von den Vögeln, vom Wind und von den Gräsern, so weiß er, das, was jetzt der Grünetz ihm gepfiffen hat, das heißt: Freundl,wir zwei, wir kennen uns! Wir sind zwei Philosophen, Du und ich, und unsere beste Weisheit ist: Leutln wie uns, kann's im Waldland nimmer schlecht gehen.

Weil der Grünetz so redet, und der Zachenhesselhans so sorglich drauf hingehorcht hat, ist ihm sein Morgenpfeiflein zwischen den Zähnen ausgegangen; er muß fei so still in den Fichtenwipfel schauen, von dem das klingende Gold der Frühsonne tropft.

Da sieht er, wie der Vogel hinanflattert auf die äußerste Baumspitze. Die ist ein wenig gebogen, weil sie just zu dünn ist für den schweren Goldschmuck der Sonne, den jeder neue Tag daranhängt. Dort sitzt der Grünetz, schaukelt im Licht und guckt sich sein Röckl an, hierhin und dorthin.

Der Zachenhesselhans denkt: oha, ist etwan nicht alles in Ordnung? Jetzt hebt der Grünetz an, das Röcklein auszubürsten. 's ist fei gar so viel Staub gewesen im Hüttlein; da muß einer eine gründliche Säuberung vornehmen mit dem Flaus.

Der Grünetz hat's gar nicht eilig. Er hält, wie er mit dem Ausputzen fertig ist, erst eine Umschau im Waldland – da ist er auf und davon …

»Ich hab Dir fei immer ein schönes Fichtenzapfl in das Häusl gehängt,« ruft ihm der Zachenhesselhans nach, »und nun tust mir das an und gehst davon!«

Warum nun auf einmal auch das Pfeifl nicht mehr mittun mag? denkt der Alte, wie er über die Schwelle zur Hütte geht. Er ritzt ein Zündholz an, und wie's wieder raucht und der Deckel zugeschlagen ist am Pfeifenkopf,nimmt der Zachenhesselhans das verwaiste Vogelhäuslein vom Fensterstein und schüttet, was noch daringeblieben ist, in den Morgenwind. Frischgrüne Fichtenreiser stecken daran.

Der Zachenhesselhans schaut bei dieser Gelegenheit noch einmal den Waldrand ab – nur die Sonne geht lautlos hindurch. Dann stellt er das stille Vogelhaus auf das Wandbrett.

Währenddem sind draußen Schritte hörbar. 's kommt einer bis ans Fenster und steckt den Kopf herein.

»Grüß Gott, Zachenhesselhans!«

»Grüß Gott. Was will denn der Helari?«

»Nachschau'n, ob der Herr vom Zechenhäusl heut gar nicht auf den Bau kommen mag.«

»Wird eh noch werden heut,« sagt der, »'s ist fei einer waldfahren gegangen, Helari, der ein Stückl von meinem Herzen mitgenommen hat. Jetzt – wer so etwas nicht gewöhnt ist …«

»Der Zachenhesselhans führt eine tiefsinnige Red',« meint der Helari.

»Will's der Helari nit verstehen, so werd ich's ihm nit brauchen zu erklären,« murmelt der Alte und guckt noch einmal die sechs Zeisighäuslein ab. »So, ihr bleibts hübsch daheim! Der Hans geht jetzt, dem Hans-Tonl das Haus mit bauen helfen.«

Die beiden gehen miteinander. Auf der Halde, die in einer sanften Wölbung von oben in den Fichtenwald sich hereinschiebt, bleibt der Zachenhesselhans stehen und schaut den Helari an. Zwischen den beidenMännern und dem Zechenhaus ist jetzt ein schmaler Keil Wald, der in der Talmulde bis da heraufgestiegen ist.

»Weißt Du, wie's heißt, wo wir jetzt stehen mitsammen, Helari?«

»Einen Namen wird ihm der Hans-Tonl geben müssen,« antwortet der Helari.

»Einen Namen hat der Hans vom Zechenhäusl justament gefunden: das ›Stachelschwein‹.«

»Waas?« fragt der Mann von der Unruh, »jetzt – auch ein Stachelschwein hätten wir?«

»Weil fei so viel Borsten daraufstehen,« hebt der Zachenhesselhans an.

»Ich hab mich meintag geärgert über das Stückl Land – liegt faul da wie ein Zigeuner. Ein lumpig bißl borstig Gras macht's in jedem Sommer, und es könnt einer seinen Kopf wetten: es ist noch keine Sense darübergegangen, seit sich's dahingelegt hat. Wenn einer doch einen recht hundsmiserabligen Namen erdenken könnt für das bißl faules Land! hab ich immer gedacht, wenn ich darüber bin. Und justament heut, wo mir gleich früh der Grünetz is flöten gegangen ins Waldland, heut muß mir das noch einfallen.

Darauf tu ich mir eins zugut, Freundl! Seitdem ich weiß, daß Menschen in der Welt herumlaufen – hat einer sogar gemeint: die meisten – denen das ganze Leben lang nit das geringste bißl einfallt, seitdem, Mannl, tu ich mir etwas zugut darauf. Ja, so sag einmal, Helari, is Dir denn schon Deitag auch was eingefallen?«

»Ich könnt mich fei nit besinnen.«

»Was lachst denn hernach über das ›Stachelschwein‹?«

»Weil der Name halt so viel g'spaßig ist.«

»Soll er auch, Mannl! Jetzt schau her, weil wir jetzt wieder lehnein gehen, kanns einer sehen: erkennst die Stacheln, Helari, die's in die Welt schiebt?«

So schaut sich der Helari das Stachelschwein an.

Drüben auf dem Bau – sie haben schon die Grundmauer heraus, denkt der Zachenhesselhans – schauen sie auch; wissen aber nicht, was da zu sehen ist.

»Es ist nit um den Namen, Helari, und doch ist es wieder darum. Ich freu mich, daß es just der ist. Das ist einer, auf den der Hans-Tonl nit vergißt. Und das ist die Hauptsach': es ist ein Spott darin, Helari. Wenn einer Dein Grasland ein ›Stachelschwein‹ nennete – na, Helari?«

»Da dächt ich: der Kerl is mir ein Richtiger und ließ ihn schimpfen.«

»Jetzt, der Helari gehört auch zu den vielen, denen nicht jeden Tag etwas einfällt. Wenn ich der Helari wär, da tät ich sagen zum Zachenhesselhans: Mannl, mit dem Spott im Namen, da hast wieder das Richtige getroffen. Unter dem stacheligen Gras ist totes Land – das werden wir gleich lebendig machen. Wenn einer da im Herbst die Borsten abhaut und dann mit einem guten Dünger darübergeht und über den dünnen Neuschnee mit einem Faßl Jauche, dann Helari, sollst sehen, wie das in der Frühlingssonne die Augen auftut undsich reckt. Da is's lebendig worden, Mannl, mit einem Mal.

So hätten wir wieder eine Probe gemacht!

Na, Dich geht's dasmal nichts an, und wenn Dir nichts über dem Stachelschwein eingefallen ist, so kann Dir das der Zachenhesselhans zugute halten, weil das Stachelschwein nicht das Deinige ist.

Aber: dierichtigeProbe, Helari, die machen wir jetzt mit dem Hans-Tonl, der das Stachelschwein im Stall hat.«

»Der Helari ist verärgert, weil der Zachenhesselhans die Probe an ihm gemacht hat, daß ihm nix einfallt,« sagt der Alte zum Hans-Tonl, wie sie auf den Bau kommen.

»Verärgert?« lacht der Helari. »Fei nit, fei nit. Lustig is er, weil er was neues weiß.«

»Was weißt denn?« fragt der Hans-Tonl.

»Ein Stachelschwein hast im Stall. Der Zachenhesselhans hat's entdeckt und nimmt Dich darum so aufs Korn, Hans-Tonl.«

»Ein Stachelschwein?« fragt der Hans-Tonl. »EinStachelschwein? Eins, zwei, drei – ihrer vier werden's fei sein,« sagt der Hans-Tonl.

»Aber das fetteste ist das da,« meint der Zachenhesselhans und deutet auf die Halde mit dem borstigen Gras.

»Schaust, Helari, schaust, was der Hans-Tonl für einer ist? Wir zwei mitsammen, wir werden die Borsten fei schon herunterkriegen im neuen Jahr.«

»Im neuen Jahr, sagst?« fragt der Hans-Tonl. »Nein, Mannl, damit wird schon angefangen, wenn wir Dich nit mehr auf dem Bau brauchen.«

»Hui,« macht der Zachenhesselhans, »wieso denn das?«

»Jetzt gib acht: Wo dem Helari sein Grasland vom Sonnenwirbel herunterschneidet, läuft ein Abflußgraben die Halde herein und läuft in den Wald.«

»Weiß ich.«

»Links von der Schleuse ist dem Wurzltonl sein Grasland. Und auf demselbigen wird der Zachenhesselhans ein Wasser suchen.«

»Etwan mit der Wünschelrute?« fragt der Helari.

»Dummes Zeug,« sagt der Zachenhesselhans, »ein Waldleutl wird auch ohne die Rute fei noch ein Wasser finden da auf dem Berg. Ebensogut, wie der Helari vor der Unruh, wie ein jeder sein Wasser vor dem Haus hat, ebensogut wird dort oben eins warten, daß es aus dem Stein herauskann, gelt, Mannl?«

Der Helari sagt mit den Augen: so selbstverständlich, wie das der Zachenhesselhans meint, sei das nun doch nicht.

»So werden wir eins suchen, ein Wasser. Und dann?«

»Na, Zachenhesselhans, siehst denn noch nichts?«

»Fei noch das Stachelschwein seh ich.«

»So werden wir das Brünnlein lassen laufen in den Abfluß. Aber der Zachenhesselhans wird da einenSchützen in das Bergbächlein stellen und dort einen, daß wir's dämmen können.«

»Helari, merkst was? Der Hans-Tonl will die Halden wässern.«

Der Helari hat sich in das Gras gesetzt, stützt das Kinn in die Hand und schaut gegen den Sonnenwirbel.

»Der Helari sucht schon das Brünnl,« sagt der Zachenhesselhans.

»Und im Winter gibt's ein Eiskrüstlein. Läuft darüber wieder ein Wasser. Der Abflußgraben ist ausgefroren. So läuft das Eis auf die Wiesen und vom Ausgang Oktober bis in den halben April oder bis in den Maianfang haben wir was ganz neues im Waldland: einen großmächtigen Gletscher, so groß, daß die Spitzen der Waldbäume nicht mehr darüberschauen können.«

»Da hat nun wieder der Helari recht.«

»Jetzt – dem Helari ist etwas eingefallen! Aber halt: so werden wir einen Stamm bohren und das Brünnlein durch das Rohr in die Welt laufen lassen. Und wenn die Sonne tot ist, da setzen wir dem Rohr einen Spund auf, so ist's aus mit dem Wasser. Und kommt die Sonne, lassen wir das Sonnenwirbelwasser wieder hineinlaufen in das warme Licht. So –dieSach' ist fertig, denk ich.« –

»Hans-Tonl,« sagt der Zachenhesselhans, wie er den Helari eine Weile angeschaut hat, »ich glaub', dem Helari will fei noch eins einfallen. Verzieh ein bißl! Na, Helari?«

»Und wenn das Wasser den Berg herunter breit über die Halden läuft, werden auch bald die Wände anfangen zu laufen im Hans-Tonl seinem Haus, das sie neben dem Stachelschwein aufstellen.«

»Helari, fei recht hast,« sagt der Hans-Tonl.

»'s sind alles Sachen, denen einer beikommen kann; aber recht hat er schon, der Helari, dasmal. So muß das Wasser, das über die Halde herabschwimmt, hinter dem Haus wieder in einem Quergraben gefangen und einer links, einer rechts um das Haus geleitet werden. Und der linke, von obenher gesehen, der bringt das Wasser zum Saufen für das Stachelschwein.

Na, Helari, was denkst nun?«

Da geht ein Zucken um den Mund vom Helari und ein Glänzen in seine Augen:

»Wenn Eure Sach gut is,« sagt er, »so wird der Helari im andern Jahr von Eurem Wasser ein Bächl sich herüberleiten auf das Seinige.«

»Jetzt – über den Wasserzins, Helari, wirst reden mit dem Hans-Tonl, gelt?« –

Wie der Augustmonat den wenigen Kornbreiten des Gebirgs reife Aehren brachte, war man daran, auf die meterdicken Umfassungsmauern den Holzbau zu setzen.

Mit einer Kraxen trug der Mann aus dem Zechenhaus auf dem Rücken die Schindeln herüber, die er die Sommerwochen hindurch fertiggestellt hatte. Und wie der September die weißen Seidenfäden in die glasklare Herbstluft warf und an den Fichtenwipfeln aufhißte– Siegesfahnen, die hinter dem scheidenden Sommer dreinwehten – hing er sie auch an den First des neuen Hauses auf der Halde.

Der Zachenhesselhans fügte die letzten Schindeln am First ein, – wie ein Reiter saß er droben – und der Hans-Tonl höhlte die Traufe, die den Regen am unteren Dachrande hinleiten sollte.

Das Brünnlein, das sie vor dem Hause gesucht, plätscherte in die Fassung, die seit drei Tagen aufgestellt war; und die Sonne und der Wind liefen gemeinsam durch die Höhlen der Türen und Fenster. Sie hatten Arbeit im Haus.

»Hans-Tonl,« rief der Zachenhesselhans von der Höhe herunter, »Hans-Tonl, hast fei schon auf einen Namen gedacht für das neue Waldhäusl?«

Der Hans-Tonl hielt einen Augenblick in der Arbeit inne.

»Einen Namen?«

»Wir haben einen ›Sonnenwirbel‹; das ist fei der Anfang gewesen, und darum heißt's nach ihm daherum, und darum zeichnen sie die zwei Häusln sogar hinauf auf die Landkarten. Wir haben eine ›Unruh‹, ein ›Zechenhäusl‹ und ein ›Stachelschwein‹; wir haben auch einen ›Kalten Winter‹. Jeder Name hat eine Bedeutung, Hans-Tonl. Die kennen wir. Sie sagen: ›Am Sonnenwirbel‹ nenneten sie's droben, weil dort der Frühwind wirbelnd das Sonnenfeuer anbläst. Is gut, Hans-Tonl. Ich mein' aber auch, der Name könnt von dem Bergwasser kommen, das drüber an dem Steinherniederkreiselt und in das den ganzen Tag ein Licht fällt, daß ein funkelndes Gold dort aus dem Gestein wirbelt, blanker wie der Sonnenschein.

Die ›Unruh‹ heißen sie das Häusl, weil jenesmal, wie ich noch ein Bübl war, Bergleute darinnen gehaust haben, die jede Stunde der Nacht von dort auf die Schicht gegangen sind und fei keine zwei Stunden Ruh ist gewesen im Haldenhäusl.

Das ›Zechenhäusl‹ hat seinen Namen auch noch aus derselbigen Zeit: sie haben darin die Gezähe (Werkzeuge) aufbewahrt. Na, und ›Stachelschwein‹ und ›Kalter Winter‹, – die Namen haben auch ihren Sinn.

Nu aber das Deinige, Hans-Tonl.

Weil wir keine Zahlen haben an den Häusern, die so nüchtern sind und die wir darum den Stadtleuten lassen, so müssen wir daheroben einen Namen suchen fürs Häusl. Bei jedem Schindlein, das ich hab eingedeckt, hab ich darauf gedacht: 's ist mir aber fei bei keinem etwas eingefallen. Und ist mir doch das Pfeifl zehnmal darüber kalt geworden. Da wird der Hans-Tonl helfen müssen. Und morgen will ich auch auf das Brünnlein denken, Hans-Tonl.«

Der Zachenhesselhans fügte die letzte Schindel ein.

»Ein ›Walt's Gott‹ geb ich Dir mit auf den Weg,« sagt er. »Mit einem ›Walt's Gott‹ hab ich die erste über den Dachrand gehängt – 's mag heißen: sollt noch daheroben sein alle miteinander, wenn's dem Herrgott gefällt, das Lebensbüchl vom Zachenhesselhans dermaleinst zuzuschlagen.«

Dann steigt der Alte die Sprossen der Leiter, die quer über dem neuen Dach liegt, herab, steigt herunter bis wo der Hans-Tonl auf der Schnitzbank sitzt und sagt:

»Ein Pfeifl will ich mir noch antun, und dann, mein' ich, wir zwei legen die Traufe hinauf auf die Zähne. Oder: ich will die Leiter erst herabnehmen vom Dach.«

Der Zachenhesselhans bindet die Leiter, die zum First führt, los und lehnt sie an die Ecke des Hauses. Dann heben die Männer die Holzrinne hinauf unter den überstehenden Dachrand. Während der Hans-Tonl den Dachkendel anzuschlagen beginnt und an den Schreiner denkt, der kommen muß, die Fenster und Türen einzufügen, macht sich der Zachenhesselhans auf den Weg gegen die Bergwiese.

Von Ferne sieht er schon: dem Wurzltonl seine Schwarze und die Rote gehen weidend auf dem kurzen Gras. Aber der Roten hat das Wawrl das Leitglöcklein um den Hals gehängt. Und der Klang der Kuhglocke schwankt über den herbstsonnigen Berg, über den keine Schwalbe mehr fliegt, schwankt dahin und dorthin, als ging er den Sommer suchen.

Wie der Zachenhesselhans so Schritt vor Schritt die Halde emporsteigt, die Holzpantoffel in die Hand nimmt, weil er denkt: es ist wieder so goldglatt im Gras, und wie er seine Gedanken dem halbverträumten Glockenklange nachschickt, der auf der Weide umhergeht – da fährt ein blaues Päcklein mit einem schwarzen Schopf auf dem Grase talein und dicht an ihm hernieder.Wie er herumspringt, um dem wilden Ding nachzuschauen, tut das einen Fall und kugelt drei Mannslängen den Berg hinein.

»Jetzt, wenn das ein Lebendiges ist – hat das den Hals und die Glieder gebrochen.«

Und ein Lebendiges ist es; denn im Bogen über das blaue Päcklein hinweg fliegt ein Holzpantoffel und bleibt im Grase liegen. Da kommt schon ein Lachen den Hang herauf, daß droben die Kühe die Köpfe heben und schauen, was denn da vorgeht. Und im Bergwald wacht das Echo auf, das seit dem letzten Wetter so fest geschlafen hat, und wirft das schallende Lachen wieder heraus auf die Berghalde.

»Fei bloß bis dorthin hast gewollt, Fanele? Ich denk, Du bist auf der Fahrt in die Höll?«

»Wenn's beim Hans-Tonl seinem neuen Haus ›Die Hölle‹ heißt, dann wollt ich justament in die Hölle fahren. 's muß einer doch nachschauen, wie's steht daherunten.«

Wie das Fanele also geredet hat, hebt der Zachenhesselhans ein Lachen an, das in alle Talmulden hineinrennt. Die Holzschuh wirft er auf das Gras und schlägt sich mit den flachen Händen auf die Lederhosen, hinten und auf den Schenkeln. – Das Fanele steht steckensteif in der Sonne und schaut gegen den Zachenhesselhans.

»Jetzt, bei dem Alten ist ein Rädl locker oder er ist ›tiefsinnig‹ geworden.«

Wie dem Zachenhesselhans über dem Lachen der Atem ausgegangen ist und er wieder Luft schöpft, lacht das Echo im Wald immer noch weiter.

»Zachenhesselhans, jetzt hast den Widerhall im Wald so munter gemacht, daß er fei nimmer zur Ruhe kommt.«

»Macht nix, Madl, so mag er dasein und den Leuten vom Waldland erzählen: das ist dem Zachenhesselhans sein Lachen, das er gelacht hat, wie das Fanele von der Unruh die Höll' entdeckt hat.«

Darauf überlegt sich das Fanele, ob sich's wieder das Röckl zusammennehmen, auf die Fersen setzen und auf den glasglatten Pantoffeln aus der Nähe des wildgewordenen Waldmannes fliehen soll. Weil der sich aber ganz fromm in das Gras setzt und ihm so viel lachender lieber Frohmut aus dem Herzen in die Augen fliegt, bleibt das Fanele noch ein wenig stehen, ist aber fei immer auf dem Sprung und denkt:

»Es muß einer doch noch ein bißl gucken! Die Sonn' wird's doch nicht etwa gemacht haben, die mit dem Zachenhesselhans die Tage her so viel heiß auf den Dachsparren gehockt hat, weil sie dort unten nicht hineinlaufen kann in den finstern Wald?«

Wie es so gegen die Halde schaut, sieht das Fanele: der Zachenhesselhans sitzt dort wie ein Mensch mit seinen fünf gesunden Sinnen. Er legt die Holzschuh neben sich ins Gras, rückt sich die Kappe ein wenig herein in die Stirn, damit die Sonne an dem Schirm abprallen muß, und tut sein Lederbeutlein mit dem Tabak aus der Tasche. Nur ein bißl stark schnaufen hört dasDirnl den Zachenhesselhans, just wie einen von den Stadtleuten, wenn er die Halde emporgestiegen ist. Einer aus dem Waldland schiebt sich fein gemessen empor und denkt bei jedem Schritt: wer langsam geht, ist schneller oben. Das Schnaufen wird von dem Lachen sein, das gar so viel laut gewesen ist, überlegt sich das Fanele.

»Hat denn der Zachenhesselhans gar nichts zu reden heut? Er ist doch sonst nicht verlegen um ein Wörtl.«

»Wird gleich kommen, 's muß sich einer nur erst ein bißl verschnaufen und sein Pfeifl antun. So – hmp, hmp, hmp.«

Jetzt: der Zachenhesselhans drückt das Schwefelholz justament wie sonst mit dem Daumen und Zeigefinger aus, eh er das Stümplein ins Gras wirft. So wird sich das Fanele auch nicht vor ihm zu fürchten haben.

»Madl, da geh her – das müssen wir feiern mitsammen! Jetzt haben wir fei auch eine ›Höll‹ am Sonnenwirbel. Alle Schindeln hab ich gefragt, die ich auf die Sparren aufgedeckt hab, in den Wind hab ich gelauscht, in die Sonne und in den Wald, was sie miteinander reden, um den Namen für den Hans-Tonl sein Haus. Keins hat eine Antwort gewußt und zuletzt auch nicht der Hans-Tonl selber, der nie um einen guten Rat verlegen ist. Und jetzt – da fährt das wilde Fanele den Berg herein und meint: wenn's bei dem Hans-Tonl die ›Höll‹ heißt, so fahr ich justament hinab. Blitzmadl, komm her ein bißl, darüber müssen wir reden mitsammen, weil's gar so viel klug ist!«

Da steigt das Fanele wieder die Halde empor.

»Geh schau, gleich ist auch der Wind da, wenn er das Fanele merkt, und hilft ihm heraufsteigen. Er lehnt sich von rückwärts gegen das Dirnlein.«

Das sagt der Zachenhesselhans, weil er sieht, wie der Wind dem Mädl den blauen Rock so nach vorn weht. Und der Wind bringt auch den Schall herauf vom Waldrand, wo der Hans-Tonl den Dachkendel festnagelt.

»Die ›Höll‹ heißt's von heut an beim Hans-Tonl, die ›Höll‹. Justament nicht jene, Madl, von der sie sagen, daß der Teufel tät einheizen – bewahre mich Gott! Dieselbig Höll kennen wir nicht im Waldland, von der wollen wir nix wissen und die brauchen wir nicht daheroben; denn wir sind fei so nah beim Himmel am Sonnenwirbel, daß wir, haben wir eine Lust davonzugehen, den nahen Weg dahinauf nehmen, gelt, Madl? Aber weil sie nun einmal sagen, es tät ein dämisches Feuer lodern in dieser Höll, so – weil wir woltern lustig sind auf das Stündl – können wir justament damit anfangen: ein Feuer brennt den Sommer hindurch dort im Talgrund, in den kein Wind hinabsteigt, und die Luft flackert wie leibhaftiger Höllenbrand. Stellen sich dort auch die Fichten der Sonne entgegen und fassen sich an den Händen, um ihr den Eingang zu wehren in die Harzkühle des Waldes. Darum könnt' man's heißen: die Höll'.

Aber das Richtige kommt erst, Madl! Einen Kachelofen hat der Hans-Tonl in die Stube gesetzt – so gewaltig, wie nur mein Großvater einen gehabt hatund wie sie ihn fei gar nit mehr mögen im Waldland seit die ›Kultur‹ in der Welt ist. Und weil nun einmal der Kachelofen da ist, hat der Hans-Tonl auch um eine Höll Sorge getragen – Madl, das ist die richtige: groß wie dem Zachenhesselhans sei Stübl! Der Hans-Tonl meint, wenn er so auf das Denken aus ist und ihm ein neues Lied im Herzen und eine neue Weis' in den Ohren klingt, dort hinter dem Ofen in der Höll, dort werden derlei Sachen erst recht reif. Und weil er justament auf eine feine Höll genau so viel bedacht ist gewesen beim Bau wie auf einen feinen Kuhstall, so ist der Name, den das Fanele bei seiner Talfahrt hat ausgedacht, justament so viel schön für das ganze Häusl.

Seit das Fanele auf der Welt ist, wissen sie im Waldland schier nimmer was das is: eine richtige Höll. Das ist ein Platzl im Haus, wie's kein besseres gibt. Alle Gemütlichkeit ist in einer richtigen Höll – und alle Freude, die der Herrgott für die Waldleute aufgespart hat, dort packt er sie ihnen aus; und wenn sie in der Höll liegen oder sitzen, die vom Wald – der Herrgott und seine lieben Englein sind dann mitten unter ihnen. Darum ist der Hans-Tonl fei auch bedacht gewesen auf die Höll. Und »Die Höll« solls bei ihm heißen: es ist das allerschönste Häusl im Waldland. Das Wawrl singt darin, der Hans-Tonl denkt auf seine Waldlieder und der Zachenhesselhans tut auch sein Teil dabei. Madl, nun laß bloß einen Winter hergehen übers Gebirg, so einen, in dem der Schnee bis ans Dachrandl liegt und der die Fenster zusetzt von außen, weilsie drinnen ja doch ein Tranlämplein haben zum anstecken – Madl, das gibt ein Zusammensein in dem Hans-Tonl seiner Höll, bei dem einer sich fei nicht bloß die steifen Glieder, sondern auch das Herz wieder richtig warm machen kann. Jetzt geh und fahr in die Höll, Madl!«

Das Fanele tut einen Lacher.

»So denkt der Zachenhesselhans, ich rutsch ihm was vor da den Berg hinein? Nein, nein,« sagt das Mädl, »das gibt's nicht, Zachenhesselhans; ich hab mich vorhin schon so viel geschämt, weil ich dem Hans schier zwischen den Beinen durchgefluscht bin. So was macht das Fanele halt bloß, wenn's ganz allein ist mit sich und dem Bergwind. Die zwei, die verlustieren sich mitunter ein bißl, aber vor den Leuten auf dem Seil tanzen – so weit hat's das Fanele fei noch nit gebracht, Zachenhesselhans.«

»Tschapperl, das Du bist,« lacht der Alte.

Aber das Mädl bückt sich, nimmt die Pantinen in die Hand – hopp, hopp springt's den Berg hinein und der Wind immer mit und zaust ihm das nußbraune Haar und bläst ihm ins Röcklein.

»So sag auch dem Hans-Tonl, warum's bei ihm fortan ›die Höll‹ heißt,« ruft der Zachenhesselhans dem Dirnlein nach.

Da springt sie mit ihren siebzehn Jahren die Halde hinein. – »Der Wind mag fei Müh haben, mit dem fixen Dirnl zu wettrennen,« sagt der Zachenhesselhansund entdeckt gar nicht: der Wind läuft ja den Berg herauf.

Auf der Unruh nimmt der Zachenhesselhans auf eine halbe Pfeif Tobak Einstand.

»Jetzt – mein Häcklein hab ich daheim bei der Tür lehnen lassen,« sagt der Hans zum Fenster hinein.

»Willst auf das Wasser gehn, das sich der Helari will ausborgen aufs Vörjahr vom Tonl?« fragt die Resl zum Fenster heraus.

Sie sitzt auf der Ofenbank und schlürft aus dem Töpflein den Nachmittagskaffee, stippt auch ein Rindl schwarzes Brot hinein.

»Freilich freilich,« meint der Zachenhesselhans, »'s bläst uns sonst noch einen Septemberschnee in die Arbeit. Der Helari ist nicht daheim?«

»Is Korn hauen ein Restl bei dem ›Kalten Winter‹.«

»Jetzt im Septemberanfang hauen sie ein Korn auf dem Waldgebirg.«

»Ist eh früh genung, wenn ein Herbst ist, wie dasmal.«

»Die Resl hat recht. Weißt auch, wie sie's beim Hans-Tonl nennen?«

»Fei nit.«

»So laß Dir's von dem Fanele sagen. Und ich hol mir das Häckl. B'hüt Gott, Resl.«

Der Zachenhesselhans geht vor das Haus; da lehnt ja das Häcklein am Gartenstaket! Die Resl hat die Erdäpfel gehackt und da ist die Zeit zum Kaffee gekommen.Wenn aber die Zeit zum Kaffee ist, kann einer nicht mehr häckeln in den Erdäpfeln.

»So leihen wir uns das müßige Häcklein ein wenig aus und gehen damit auf die Grashalde über der Unruh und pochen mit dem Häcklein da und dort einmal an die Steile, ob ein Wasser heraus will.«

Der Wind ist eh früh schlafen gegangen; es ist kein Lüftlein mehr lebendig in diesem Tale. Solange sich der Zachenhesselhans besinnen kann, so ein Sommer ist fei noch gar nit gewesen auf dem Gebirg. Wenns Rosen hätt' im Waldland, die könnten in dem Jahre blühen daheroben, und wenn's Fruchtbäume hätt', etwa Aepfel und Birnen, so könnten die am End' einmal ein Obst zuweg bringen. Die Kirschen nit – auch nit in solchem Bergsonnenschein. Aber: einen Holzapfel – wenn einer jung wär: probieren müßt' man's schon einmal, denkt der Hans vom Zechenhaus.

Wie er über die Halde kommt, richten die bunten Kühe die Köpfe in die Höhe, neigen sie aber gleich wieder – »das ist der Zachenhesselhans, den kennen wir,« sagt der Alte zu den Kühen.

Und nun schwanken wieder die weichen Glockenklänge durch die sonnige Bergeinsamkeit – ganz träumerisch und ganz langsam: sind wohl die seidenen Septemberfäden, die so lautlos durch das Gold des Herbstes schwimmen und die Glockenklänge ganz leise einspinnen.

Jetzt – der Zachenhesselhans steht kerzengrad im Licht und stemmt sich aufs Häcklein.

»Da läuft der Abflußgraben vom Sonnenwirbel herein, der das Wetterwasser leitet. Das ist die Grenze vom Wurzltonl seinem und von dem Helari seinem Gras. Und dort ist's, wo die Berglehne die Steinnase hat. Ist ein wenig Strauchwerk darum und was denn noch?«

Der Zachenhesselhans geht mit Meterschritten hinüber zu dem Stein, der aus dem Gras springt.

»Wenn hier ein Wasser wär' – auf siebzehn Meter könnt einer einen Graben hinüberziehen bis zum Abfluß. Wo der in die Schleuse hineinrinnt, müßt ein Schützen stehen. Ist der herunter, so läuft das Bergwasser breit und dünn über die ganze Lehne.

Aber: was steht denn da? Heide? Die blüht dasmal bis an die Spitzen hinan, ganze Reihen roter Perlen hat sie angesetzt, die Heide. Das gibt fei einen kalten Winter, sagen die Leute. Und da is ja auch die Trunkelbeere heimisch worden.«

Der Zachenhesselhans legt den Finger an die Nase.

»Die nennen sie auch die Sumpfheidelbeere. Wenn der Name, den die Gelehrten gefunden, diesmal nicht dumm ist, so müßt' hier ein Wasser stecken im Stein.«

Der Zachenhesselhans räumt mit dem Häcklein das Trunkelbeergebüsch fort.

Ein Falke schießt quer über die Grashalde, tief, fluchteilig. Die Kühe schreiten, die kurzen Halme rupfend, an der Lehne hin.

Rechts von der Steinnase hat der Zachenhesselhans ein Häuflein aufgeworfen und links auch eins. Der Stein unter der flachen Grasnarbe ist verwittert; deshalb vermag ihn das Häcklein zu spalten. Wie der Alte wuchtet und einen kopfgroßen Block aus dem Grund hebt, drängt sich drunten ein Tropfen aus dem Spalt – und noch einer.

Der Zachenhesselhans wartet – da ist schon ein ganzes Näpflein voll zusammengeronnen. »Hans-Tonl, wir haben ein Wasser!

Jetzt – da muß einer mit der Spitzhacke in den Stein und einen Schacht schlagen für die Röhre, die hineinkommt.« – Mittlerweile hat das Wässerlein im Stein einen handtellergroßen Spiegel bekommen. »Das ist genug für das erste Mal. Morgen fragen wir noch einmal an.«

Nicht lange nachher hat der Zachenhesselhans auf dem Stachelschwein mit dem Tonl geredet. Und jetzt, wie der blaue Duft des Abends über dem Walde steht und die Nebelschwaden aus den Hauen lautlos und weiß sich herausspinnen, hat der Alte einen mannslangen Fichtenstamm zwischen Eisenklammern gelegt, die sich darein verbissen haben, daß der Stämmling sich gar nicht mehr rühren kann, und macht sich daran, die Röhre zu bohren.

Wie er schon fußtief hinein ist in den Stamm, kommt der Hans-Tonl vor das Zechenhaus, das Werk anschauen. Und der Abend setzt sich still neben die beiden.

Weil das heimliche Flüstern im Bergwald ist, und alles leiser wird, wenn die Sonne fort ist und der rote Schein nur noch hinter dem Plessen brennt, so sprechen auch die Männer gedämpft.

Von der Unruh herab kommt noch ein verlorener Klang einer Kuhglocke und sucht, wo er schlafen kann.


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