9. Kapitel.
Mit der Peitsche geht der Zachenhesselhans am andern Morgen, weil diesmal kein Reif gefallen ist, frühzeitig hinter den drei roten Kühen aus der Hölle gegen die heraufrollende Sonne.
»Schaust, Helari, jeder Mensch kommt wieder auf das zurück, wovon er ausgegangen ist, wenn er's letzte Stück vom Wege durch's Leben trottet. Das heißt: ganz stimmt's nicht bei dem Zachenhesselhans; denn zuerst hat er die Ziegen gehütet. Zu einer Kuh konnten sie's fei nit bringen damals daheim. – Helari, weißt auch von dem Füchsl, das ums Hühnerhaus schleicht?«
»Hast eine Fährte gespürt, Hans?« fragt der Helari und wird drei Zoll länger.
»Wohl, wohl. 's tät nix schaden, der Helari paßt ein Eichtl, gelt?«
Jetzt tut der Zachenhesselhans einen Knall mit der Peitsche – sie hat einen armlangen Stiel und ist ein zweimal längerer Riemen daran und unten ein ellenlanger Schmitz. Einen Patscher tut der Zachenhesselhans, daß der Wald erschrickt und das Fanele mit dem Kopf aus dem offenen Fenster fährt. Auf eins, da ist auch schon der Wind da und wirbelt ihm die nußbraunen Ringeln um die Stirn.
»So macht derHansden Spektakel?«
»Er kommt bloß ein paar Stunden zu spät mit der Peitsche, Dirnl. Mit der da könnt einer langen bis aufs Dach von der Unruh.«
»Jetzt – was meinst denn damit, Zachenhesselhans?«
»Fei bloß für Kenner dieselbige Red,« sagt der Zachenhesselhans. »Willst, Scheck – das ist noch dem Helari sein Grasland, da kann sich einer kein Maulvoll mitnehmen auf den Weg.«
Schmitzt der Hans noch einmal mit der Peitsche durch die Luft – »diesmal ist's wegen der Roten gewesen, die erst hinüber soll über den Grenzgraben,« denkt das Fanele. »Aber der Zachenhesselhans meint, er hätt den Franzl unter der Peitsche. Warum tät er denn sonst so den Morgen schrecken?«
»Die Sonne jagst wieder den Berg hinein, Hans,« sagt das Fanele.
»Die Sonne? 's is manch einem die Lampe des Mondes lieber. Brennt nit so hell und den Weg find't einer doch dabei.«
Jetzt, ein Feuer leuchtet auf der Stirn vom Fanele. Wenn es aber auf diese Red' hin das Fenster zuschiebt – na, so dumm is doch ein Dirnl nit, Zachenhesselhans! –
Wie der Tau von der Sonne fortgetrunken ist, steht der Helari am Grenzgraben und macht ein Dächlein mit der Hand über den Augen. Dem Hans-Tonl sein Grasland ist grün wie eine Maiwiese; dem Helari seines sieht aus, als wär der Augustmonat in heißen Goldschuhenerst letztlich darübergeschritten. »Warten müssen wir noch,« meint der Helari, »zuschauen ein wenig.«
Der Helari sieht so scharf hinüber, weil der Zachenhesselhans auf den Sonnenwirbel zuschreitet und im Gehen sich ein Pfeiflein Tabak zurechtmacht – da kann einer nicht umherlugen dabei, versäet sonst das Rauchkraut, das teure.
»Was der Zachenhesselhans nur mit dem Fuchs gemeint hat? Er redet doch sonst nit so deutsam, der Hans.«
Die Resl denkt ein Weilchen, wie's ihr der Helari erzählt. Aber sie findet's auch nicht.
An der Sonnenwirbelstraße streuen die Vogelbeerbäume die roten Beeren in den Staub. Staub? Da ist keiner daheroben. Einen Straßenkehrer haben sie – besser ist keiner als der Wind. Liegt ein Häuflein, so dreht er sich einen Kreisel daraus und jagt ihn die Straße hinab oder herauf, bis er damit in den Wald springt.
Wie er so denkt, wickelt der Hans die Peitsche und klemmt sie unter den Arm.
Brr! Aus dem Vogelbeerbaum fliegt's auf und drüben auch.
»Jetzt – der Krammetsvogel ist schon hergeflogen und tut sich gütlich an den Korallenbeeren. Habt's Euch verrechnet, Freundln? 's is fei erst im September. Der Kalender meint sogar: derHerbstfängt an um Tag- und Nachtgleiche. Auf das Waldland hat der Kalendermacher sich aber fei nit besonnen: derWintergeht los. Der Krammetsvogel bringt ihn herein ins Land.«
Am Fenster des ersten Sonnenwirbelhauses bleibt der Hans stehen und lehnt die Stirn gegen die Scheibe.
»Habt's die Erdäpfel herein?«
»Der Wurzltonl ist hinaus noch einmal.«
»Zeit wär's! Sind fei so allerhand Deutsamkeiten ringsum: das Schneemannl, die Wachholderdrossel, das Füchsl, das den Eingang zum Hühnerstall beizeiten sich merken will, damit nicht Not ist, wenn's einen Schnee siebt.«
»Red'st fei bloß noch durchs Fenster, seitdem Du dem Hans-Tonl seine rechte Hand bist?«
»Fei nit neidisch, Harfenweibl! So viel lasterhaft ist der Neid. Wart, ich komm ein bißl.«
Das Wasser im Brunnentrog raucht noch immer in der Morgenkühle. Ein Feuer knackt im Ofen.
»Die Decken hab ich dem Vieh aufgetan diesen Morgen. Grüß Gott mitsammen!«
Der Zachenhesselhans hängt die Peitsche an den Türpfosten und tut einen Schlag auf den Tisch – »sel is der Handschlag für jeden.«
»Sind aber nur zwei da. Die Gabi ist mit in die Erdäpfel – dafür hat ihr der Wurzltonl bei den ihrigen geholfen.«
»Und die Musikleute hat einer seit der Hochzeit nit mehr zu sehen gekriegt. Ordentlich steif geworden sind einem die Hände! Geh, ruck ein Eichtl, Seppl. Nun – und die Harfe, Weibl?«
Das Harfenweibl schaut nicht vom Klöppelsack auf:
»In Pennsiohn is sie bis die Schneefahrer kommen aus dem Niederland.«
»So schlägst anstatt die Saiten die Fäden und anstatt die Wirbel drehst die Klöppel?«
»Fei eine grobe Bettspitze, Hans. Auf eine feinere mögen die Augen nit mehr.«
»Lohnt sich auch nit. Sollst Dich nit entschuldigen desweg, Harfenweibl. Wegen meiner – der Teufel könnt' alle Klöppelsäcke holen im Waldland in einer Nacht! Der Hans weinete keinem nach.«
»Mußt nit so gotteslästerlich reden, Mannl,« sagt das Harfenweibl und legt sich eine feierliche Falte quer über die Stirn. Die Klöppel klappern ihren Weg herüber und hinüber durch die alten Finger.
»Wenn wir im Waldland kein Klöppeln hätten, Zachenhesselhans, nachher möcht' einer sehen, wie's um das Volk bestellt wär.«
»Harfenweibl, jetzt paß auf –:besser wär's bestellt um das Volk, fei gar so viel besser!«
»Mannl, bist nit bei Trost? Mannl, jetzt, wo hast denn Deinen Verstand aufgebraucht in den paar Tagen?«
Das Harfenweibl lehnt sich im Holzstuhl zurück und faltet die Hände im Schoß.
»Jesses Maria,« denkt's, »jetzt is der Zachenhesselhans unweise worden!«
»Harfenweibl, noch einmal:besser wär's! Ein ganz andrer Schlag Menschen wüchs auf im Waldland.«
»Mei Herrgott, jetzt verflucht der Zachenhesselhans den Klöppelsack!«
»So laß ihn reden darüber, Weibl,« legt sich der Seppl in das Mittel, »vielleicht hat er nit unrecht und man muß ihn hören, den Hans.«
»Und er wird reden ein bißl,« sagt der Hans und mißt mit großen Schritten das Stüblein.
»Wo fangt einer denn da gleich an?«
Die Frage richtet der Zachenhesselhans an sich.
»Das is fei nit so leicht. Wenn einer durch ein Dutzend Jahre sich das zurechtgelegt und darüber nachgedacht hat als über eine Frage, die bedeutsam genug ist, daß der Pfarr in der Kirche tät reden darüber, so hat er Zeit genug gehabt dazu.
Wenn einer aber so im Umdrehen Euch das auseinanderdisputieren soll – nachher ist das keine leichte Sach.
Jetzt: wann fangts denn an zu klöppeln, Harfenweibl?«
»Na, sagen wir: wenn's Dirnl sechs Jahr alt is.«
»So sitzt es gebückt vor dem Klöppelsack von seinem sechsten Jahr an, verlernt den Rücken grad zu halten und in die Weite zu schauen, klein bleibt's, anstatt in die Höhe zu schießen wie ein Waldbaum.
Ja, das ist das richtige: wie die Waldbäume müßten wir sein im Waldland.
Aber – anstatt Harzhauch und Sonnenschein, atmen wir den Kienruch vom Stückl Stockholz, das im Ofen brennt, und anstatt Sonnenlicht, goldenes, segnendes,müssen wir vorliebnehmen mit der Wärme, die trocken aus den Kacheln spinnt.«
»Zachenhesselhans bist denn wahrhaftig kindisch geworden über Nacht? Wenn einer kein Stück rodet im Wald, so hat er kein Holz zum Brennen und läßt sich im Winter das Herz zerfrieren …«
»Jetzt paß acht, Harfenweibl: und wenn einer die Spitzen klöppelt, so zwirnt er sich einen Haufen Geld zusammen und laßt sich's wohl dabei gehen, gelt?«
»Na, so ist's nu nit.«
»Warum denn nit?«
»Weil niemand mehr etwas zahlen mag für die Spitzen.«
»Und noch anders ist es: erst, daß wir nicht mehr können aufkommen; denn die Maschine macht eine bessere Spitze, eine feinere und eine wohlfeilere. Will einer einmal trotzdem eine Handarbeit, wer verdient das Geld daran? Die Zwischenhändler. Ich weiß eine Geschichte. Die Anni vom Postkutscher in Gottesgab, wirst's eh kennen, Weibl, das Madl: einen Kragen sollt' sie klöppeln für eine Königin oder eine Herzogin. Sie sitzt, sitzt in die halbe Nacht, sitzt einen Monat und noch einen halben. Sie könnten sie brauchen im Heu, sie könnten sie brauchen in den Schwarzbeeren und in den Schwämmen – alles bringt Geld. Aber das Dirnl muß liefern auf den Tag: sie klöppelt. Und nachher? Fünfundzwanzig Kronen, Harfenweibl, zwölfeinhalb Gülden haben sie dem Dirnl dafür gezahlt! Sechs Wochen hat es gesessen. Kommen fünfundzwanzig Kreuzer auf den Tag. Harfenweibl,vernimmst es? Was die Königin hat zahlen müssen oder die Herzogin? Ui je, ein groß Bißl wird's gewesen sein! Das Dirnl hätt' davon leicht ein Jahr und länger vergnügt leben mögen auf dem Gebirg. Eh eine solche Arbeit aber zu der Madame kommt, die eine Klöppelspitze trägt, da will auf dem Wege jeder, an dem sie vorüberkommt, hundert Kronen an ihr verdienen. Hinausschreien muß man das, weil's die Steine erbarmen kunnt! Hören müssen sie's, hören! Aber eine Aenderung wird nicht und darum versitzt ihr Euer Leben und Eure Gesundheit? Und darum werdet Ihr im Winter nicht satt und nicht froh, im Winter, wo Ihr nicht aufschaut vom Klöppelkissen. Warum seid Ihr denn im Sommer satt? In den Wald lauft Ihr und sucht Euch zum Essen.
Deswegen, Harfenweibl: sie haben der Barbara Uttmann einen Stein gesetzt – in Ehren die Frau! Sie hat eine Wohltat getan, aber sie hat gewirkt in einer anderen Zeit. Die Zeit ist vergangen, die Maschinen sind gekommen mittlerweile und haben zu arbeiten angefangen, aber das Klöppeln ist geblieben. Bleich habt Ihr Euch gehungert, bleich und krank, und ein ärmlich Geschlecht wächst heran im Sonnen- und Waldsegen des Gebirgs.
Daran ist die Heimarbeit schuld. Und warum klöppelt Ihr? Weil Eure Großmütter auch geklöppelt haben!
Auf das Denken vergeßt Ihr hinter dem Klöppelsack, und das Wollen verlernt Ihr. Ihr mögt nichtsmehr. Eine Arbeit im Wald und auf dem Feld ist Euch eine »Plackerei und Schinderei«, weil Ihr Eure Kräfte habt versessen am Klöppelsack.
Anstatt ein Mark in den Arm, einen Mut in das Herz, eine Freud' und einen Glanz in die Augen zu kriegen, habt Ihr einen Harm im Herzen und einen Gram auf der Stirn.
Aber, daß ich nit darauf vergeß, Harfenweibl: eine Hoffnung habts auch – eine Hoffnung: der Geschmack der Reichen und Städter mög' sich je eher je lieber den Spitzen, die ihr mit der Hand klöppelt, wieder zuwenden.
Leutln, Harfenweibl, seid Ihr denn blind und taub allemiteinander? Die Geschichte vom Kragen der Königin – weckt sie Euch nicht auf?
Und wenn alles nach Euren Spitzen schrie, was nicht mehr sein kann und niemals mehr sein wird, weil die Maschinen da sind, so werden die Zwischenhändler doch fett dabei und Ihr? Die Finger klöppelt Ihr Euch ab, und die Augen schaut Ihr Euch aus dabei, und den Hunger werdet Ihr nicht los vor dem Klöppelsacke!
Deswegen: in den Ofen brauchts die Kissen nit zu schieben: Schwache und Elende sind, die fei nit anders ihr Kreuzerl verdienen können; die laßt klöppeln in Gottes Namen. Oder, weils ein Heimatrecht hat im Waldland: auf ein freies Stündl oder wenn der Winter einen Schnee wirft bis an den Fensterstein, nachher ist immer noch Zeit dazu. Und was Ihr braucht für Eure Schürzen und Betten und Kleider, das machts Euch.Die Frauen im Land sticken oder nähen auch oder treiben sonst etwas: Ihr daheroben klöppelt.
Wenn doch einer käm und Euch den Star stäch', Harfenweibl!
Das ganze Volk hat der Klöppelsack siech gemacht im Gebirg. Aber wir müssen wieder gesund werden, wir im Waldland! Auszusterben brauchts nit und solls auch nit, das Klöppeln – aber: da ist keiner, der hilft. So weit ist's gekommen, daß die Männer beim trüben Schein der Lampe sitzen des Abends,die Männer, Harfenweibl, die ein borstig Gras auf ihren Wiesen und Halden wachsen lassen, die Männer, nach denen der Wald und die Weide rufen, die sitzen und nähen Gorl (Posamenten)!
Nicht dieKranken, nicht dieSchwachen, nein: dieJungen. Warum? Weil sie Mütter hatten, die am Klöppelsack verkommen sind, weil sie selber als Knaben zu dieser Heimarbeit gezwungen worden sind und – nun fang ich das Liedl von vorn zu singen an: sie haben kein Mark im Arm, keinen Mut im Herzen und keine Freud' und keinen Glanz in den Augen!
Klöppelschulen richten sie ein und sind ihrer doch nit viele, die mögen hinein gehen. Das ist ein Zeichen: ein Besinnen kommt in das Volk, langsam, aber es kommt, eine Erkenntnis, und das ist schon der Anfang zur Besserung.
's wird keiner sein, der sagt: die Schulen sind ein Krebsschaden, fei nit, fei nit! Ich weiß wohl: sie sollen das Erlernte, das Frühergekonnte wahren helfen, undes wird immer ein Teil sein, je größer, je kranker wir sind, der ein Wirken hat am Klöppelsack.
Aber: wegen meiner und wenn's mir nachging: hinaus mit der entnervenden Heimarbeit! Ein Krankenhaus wird das Waldland dabei. Und wir Hintersassen im Wald sollten doch der Quell sein, aus dem eine frische Volkskraft hinausspringt ins Land. Omei, omei! –
Keine Kinder hat sie mir geschenkt, die Mali selig, denen ich das mit auf den Weg geben könnte. Jetzt: daß nur der Hans-Tonl da ist – so hat der Hans aus dem Zechenhaus doch auch seine Hoffnung; denn dieEureist nicht dieseine. Euer Hoffen ist seine Furcht. Aber zwei mal zwei is nit schwerer zum rechnen, als die Einsicht, daß Euer Hoffen eine Narrheit ist. Und wenn der Herrgott das Waldland noch ein Eichtl lieb hat, so wird er sorgen, daß Eure Hoffnung sich nie erfüllt, so wird er Euch zwingen, wieder einen Willen zu haben. O, wenn der so stark wäre, wie Eure Herzensgüte und Treue! Leutln, dann wär't ihr Kerle! Solche müßt sich einer suchen in der Welt. Aber Eure Tatkraft ist ein kümmerlich Pflänzlein, das im Schatten des Klöppelsacks gewachsen ist.«
Wie der Zachenhesselhans sich Feuer in die Augen geredet hat und wie er mit großen Schritten durch die Stube wandert und das Pfeifl in der Hand schwingt, wie ein Musikdirektor seinen Taktstock, da hat sich die Tür aufgetan und das Fanele ist hereingehuscht. Hinter den Ofen hat sich's gesetzt, still wie ein Mäuslein, und hat sich hinter den Seppl versteckt. Jetzt kicherts:
»Ich hab' fei immer auf einen Pfarrer gedacht, der herinnen sei und eine Predigt hält auf dem Sonnenwirbel. Der Hans hat das Reden in der letzten Zeit sich fei gar so viel angewöhnt.«
Der Hans denkt: Zwickst mich, Madl? Jetzt, wenn Du nit das Fanele wärst, hören sollt'st was denselbigen Augenblick! Denkst, ich weiß nit, um was Du gekommen bist?
Das Fanele wirft dem Zachenhesselhans einen Blick zu, der bittet so schön: er möcht um aller Heiligen Willen nur dies eine Mal still sein – still hier in der Stube, sonst: die Leute wüßten ja bald mehr als das Fanele selber.
Der Zachenhesselhans wartet, ob das Fanele am Ende doch etwas zu reden hat mit dem Harfenweibl. Nicht? Die Kuh hat's bloß heraufgetrieben auf die Halde und ist rasch nur einen Sprung herein?
»Jetzt – so können wir mitsammen heimgehen, Fanele. Magst?«
»Ich mag schon.«
»B'hüt Gott mitsammen! Und wir reden schon noch einmal, für den Fall, daß Ihr den Hans nicht recht habt verstanden. Zeit muß einer haben dazu – so was ist eine politische Sach', Leutln, und einer muß dabei so viel zaghaft gehen auf einem Pflaster, das er nit gewöhnt ist unter den Füßen. Aber – glaubt's eh: viel daneben hat der Hans nit gehauen.«
Das Fanele geht ein wenig rascher, als der Hans– im Frühling haben's die Wässerlein eiliger – und steuert links über die Halde gegen den Fichtenwald.
Aha, denkt der Alte, das Fanele will sich etwas vom Herzen reden. Sie sind schon früh aufs Feld, der Helari und die Resl. So kommt's nicht darauf an, wenn wir uns ein bißl ausruhen vom Gang den Berg herein; es erzählt sich auch besser im Sitzen, als wenn einer immer auf den Steilpfad achten und einen Sprung tun muß – die Gedanken werden dabei so durcheinander geschüttelt.
Wo am Waldrand das Güldenhaarmoos seine Käpplein aufgesetzt und einen Teppich aus grünem Sammet gewoben hat, setzt sich das Fanele auf den weichen Grund. Die Sonne langt mit einem goldenen Arm herein und hat den Tau abgestrichen.
»Zachenhesselhans, es ist wahrhaftig nit so, wie Du denkst mit dem Franzl.«
»Auf was hab ich denn gedacht, Dirnl?«
»Ich weiß schon! Du hast so viel spitze Wörtlein geredet, den Morgen. So wollt ich bloß bitten, der Hans soll sich nur noch einmal das Fensterl anschauen, dahinter ich schlaf'. So ein klein winzig Löchlein ist's, daß kaum die Sonne hineinschauenkann, geschweige denn der Franzl hineinsteigen.«
Oha, denkt der Alte, das ist mir ja gar nit im Schlaf eingefallen. Aber er ist still und schaut immer auf das Moos.
»Kaum mit der Hand kann der Franzl langen durchs Fensterle.«
»Hat aber eine Leiter gestanden in jener Nacht. Die Spur in dem Rasen ist gewesen.«
Da hängen sich dem Fanele zwei blitzende Perlen an die schwarzen Wimpern.
»Hans,« bittet sie, »jetzt – verrat mich nit! Kein Sterbenswörtl hat der Franzl gesagt, daß er fensterln kommen wird in jener Nacht und fei nit so viel Ahnung hab' ich gehabt.
Auf einmal, da ist ein Pochen draußen und ein heimlich Rufen, und weil der Mond so schön gescheint hat, hab' ich vom Bett aus gesehen: der Franzl ist draußen und will was. Schlimm kann das nit werden, hab' ich gedacht; daß der ganze Franzl hereinsteigt, das geht nit an, dazu ist das Fensterle viel zu winzig.«
»Und wie lang hat denn der Franzl so auf der Leiter gestanden?« fragt der Zachenhesselhans und schaut von der Seite scharf nach dem Fanele.
Ui je, denkt das Dirnl, der Zachenhesselhans schaut einem bis ins Herz – und sagen tuts:
»Nach der Uhr gucket einer dabei nit, Hans.«
»Aber zum Busseln ist auch ein ganzkleinesFensterle groß genug.«
»Wo hast denn gestanden, daß Du's hast kunnt sehen, Hans?«
»Frag nit, Dirnl. Zuerst: das Fanele kann busseln mit wem's will. Der Zachenhesselhans hat ihm fei nix hineinzureden. Und wenn die Mutter Resl wüßt von derselbigen Sach –, nachher – das Waldmannl säß gewiß nit hier mit dem Fanele.
Zum andern aber, Fanele: woher der Franzl gekommen ist, weißt Du, weißt, was es für ein Ende genommen hat mit seinem Vater und mit seiner Mutter.
Das hitzige Blut, Fanele, das Du auch hast, der hat's von der Winterkathl. Aber die Angst vor einer Arbeit und das Streifen mit dem Stutzen durch den Wald – das ist das Schlimmere und das hat er von seinem Vater.
Jetzt, Madl: Du kennst die Mannerleut nit. Wie der Franzl einer ist, das sind die Schlimmen. Gewachsen is er, wie eine Tanne im Bergwald, und Augen hat er – eine solche, wie Du eine bist, kunnt sich das Herz daran versengen.
Erst geht er, die Fährte suchen, so einer. Und dann weiß er, wann das Stückl Wild, auf das er paßt, wechselt – – und dann ist's auch schon aus und verloren.
Dirnl, wenn ich Dich nit gern hätt, wie ein Vatter sein Kind – – Jesses, unsereiner kann sich doch auch noch erinnern darauf und der Zachenhesselhans ist doch zu keiner Zeit einer gewesen, der kaum hätt' bis drei zählen können. Kein Sterbenswörtl hätt' ich über die Lippen gebracht Deinetwegen.
Aber jetzt: ein so großes Ungemach willst bringen über Deine Leut, Du, das Einzige, was sie haben? So ein Dirnl, wie das Fanele, hab' ich gedacht, wie ich Dich hab' heranwachsen sehen, so eins brauchten wir akkurat. Ordentlich stolz bin ich auf Dich, daß justamentDugewachsen bist im Wald zu dieser Zeit. Aber dasFanele weiß nit, was es gilt fürs Waldland, weil's fei so viel rar ist. Und jetzt: mit einem solchen, wie der Franzl einer ist, willst auf und davon?«
»Auf und davon? Ja, auf das hat justament noch gar keiner gedacht!«
»Mit dem Franzl sich einlassen, das kunnt fei nix anderes heißen, als: mit ihm auf und davon.«
»Jesses Maria, so viel bös ist das?«
»Gewiß und wahrhaftig. 's ist ein großes Kreuz mit derlei Mannerleuten, Dirnl. Und daß der nun justament aufDichkommen muß! Undich– ich bin mit schuldig daran, weil ich dem Franzl hab Einstand gegeben im Zechenhaus. Aufdashätt einer doch denken können.«
Das Fanele hat eine Handvoll vorjährige Nadeln vom Moos zusammengestrichen und läßt sie nun wieder durch die Finger rieseln. –
»Und den Franzl von dannen schicken?« hebt der Zachenhesselhans von neuem an. »Ja, wenn ihm einer hinterdrein wär', der mir sagete: wahr und wahrhaftig, ich hab den Pulverrauch verwehen sehen über dem Franzl seinem Stutzen! Aber so: was hat denn das Waldmannl, das vertrocknete, in einem Jungen seine Lieb hineinzureden?
Fanele, laß die Tränen stecken; mußt nit greinen um das. Ich sag keinem ein Sterbenswörtl davon, auch dem Helari nit und der Resl; denn: entweder, Du laßt ihn laufen, nachher is gut. Oder Du laßt ihn nit laufen, nachher ist das Ungemach da. Aber das Fanele wirdmeinen: laßt's mich in Ruh'. Wenn er ein schlechter Kerl ist, der Franzl, so drückt'smich, mich ganz allein, und wenn das graue Elend über mich kommt, so hab ichs zu tragen, ich ganz allein.
Der Zachenhesselhans kennt das. Und eine Reue, die kommt immer erst, wenn das Leid schon da ist. Ich bin kein Ankläger und ein Hetzer ganz gewiß nit; aber wenn das Fanele auf den Waldmann und seinen Rat ein Eichtl tut hören, nachher – das wär ihm eine große Freud'.
Jetzt muß einer aber schauen, daß er noch ein paar Tragen Waldstreu zusammenkratzt unter dem Stachelschwein und der Höll – b'hüt Gott, Fanele!«
Dem alten Manne klang das Herz hinein in den Gruß, den sie sonst so hinwerfen.
Dann ging er am Zechenhaus vorüber, ging durch die Waldspitze, die aus dem Tal heraufsticht, ging über das borstige Gras.
Drunten am Waldrand sieht er den Hans-Tonl, wie er mit dem eisernen Rechen die Nadeln zusammenzieht.
»Sei mir nit bös, Hans-Tonl, 's is ein bißl spät worden. So is gar schon um die neun? Potz Käs und Kuhglocken – wie sich einer versäumen kann!«
»Was hat's denn geben?« fragt der Hans-Tonl und recht.
»Justament um den Winterkathlfranz. Ein Sakra, ein höllischer, dem das graue Elend anfliegt, wenn er nicht die Nas' kann in Pulverdampf stecken oder wenner nicht kann auf ein Wilbert spüren. Das nimmt eh kein gutes End mit dem Burschen. Hans-Tonl, meinst, daß ihn einer hinaustun sollt' aus dem Zechenhaus?«
»Jetzt, warum fragt denn der Zachenhesselhans da mich? Er ist doch der Herr im Haus.«
»Ich mein fei nur: was Du von ihm haltst, vom Sakra?«
»Ein Windhund ist er, der Franz.«