In der Höhle angegriffen, ist er sehr scheu und versucht stets sein Bestes, durch die Flucht einer sich nähernden Gefahr zu entgehen; im Freien dagegen ist er viel heldenmüthiger. Ich selbst habe eine Bärin in einer der tiefsten Höhlen der Ozarkgebirge angeschossen, und bin, von ihr gefolgt, zurück gewichen, bis sie einen anderen Zweig der Höhle annahm und ich im Stande war, mir meine Büchse, die ich hatte zurücklassen müssen, wieder zu holen und zu laden; die Bärin aber, als ich ihr nachher aufs Neue zu Pelze rückte, obgleich sie ihre Jungen in unserer Gewalt wußte, wagte nicht mich anzugreifen, sondern saß, in wilder Wuth den thonigen Boden vor ihr mit den scharfen Krallen zerhauend, auf ihrem Hintertheil und schnappte in ohnmächtiger Wuth mit dem Gefänge, bis sie die zweite, tödtliche Kugel erhielt.
Hat der Bär in einem Baum seine Zuflucht gekommen und wird er vom Jäger aufgefunden, was dieser aus den freilich nicht sehr deutlichen Zeichen in der Rinde erkennen muß, so ist sein Loos allerdings kein sehr beneidenswerthes. Entweder wird der Baum umgehauen und Petz auf diese Art in seiner besten Ruhe gestört und durch den Sturz betäubt, wenn er endlich schlaftrunken emportaumelt, von dem ihn Erwartenden mit einer Kugel und von einer Meute Hunde empfangen, von denen er sich gewöhnlich gar keine Idee machen kann, wie sie alle da so geschwind hingekommen sind; oder er wird mit Rauch von unten heraus getrieben, was ihm höchst fatal ist, so daß er gewöhnlich brummend seinen bisherigen Ruheort verlassen will, bis ihn auch hier, sobald er sich oben an der Öffnung zeigt, eine todtbringende Kugel empfängt. —
Am schnellsten und komischesten ist das Heraustreiben desselben mit einem Feuerbrand; denn wenn die Höhlung des Baumes nicht bis an die Wurzel geht, daß also der Rauch auch nicht zu dem Schlafenden hinauf dringen kann, so muß, im Fall die Jäger keine Axt mit haben und der Baum zu stark ist, um ihn mit den kleineren Tomahawks umzuhacken, Einer von diesen mit einem Feuerbrand hinauf klettern, den er dann oben in die Höhlung und dadurch gewöhnlich dem Bären auf den Pelz wirft; kaum spürt Petz aber die Glut, als er voller Entsetzen in die Höhe fährt und oft den Erdboden viel früher als der gewiß nicht zögernde Jäger erreicht.
Daß er sich von dem Baum herunter stürzt, ist eine Fabel; er behält diesen zwischen den Branten und gleitet gewissermaßen daran nieder, aber so schnell, daß er kaum den Stamm zu berühren scheint, und wie ein schwarzer Blitzstrahl zwischen die ihn unten erwartenden Hunde hineinfährt; thun diese dann aber nur im mindesten ihre Schuldigkeit, so darf er nicht entkommen, denn, noch halb im Schlafe, hat er weder sein volles Bewußtsein noch seine vollen Kräfte, und wird leicht von ihnen gestellt und dem herbeieilenden Jäger zur Beute.
Ist der Bär in jagdbarer Zeit, um Nutzen von ihm zu ziehen und nicht des Schadens wegen, den er thut, erlegt, so wird er gleich an Ort und Stelle abgestreift, abfließt und dann zerlegt. Das »Abfließen« nennt man das Ablösen des Fließes (der Speckseiten), die dann in das Innere des Felles eingeschlagen und auf eins der Pferde befestigt werden; das Wildpret wird nachher ebenfalls zusammen gebunden und, auf dem Rücken der Lastthiere hängend, mit fortgenommen. Sind aber die Jäger in einem größeren Lager und haben sie einen Kessel zum Fettauslassen mitgenommen, dann wird diese Arbeit gleich im Walde vorgenommen und das ausgeschmolzene Wildpret bekommen nachher die Hunde, die besseren Stücken behalten natürlich die Jäger zu ihren eigenen Mahlzeiten. Das Beste am Bären sind die Federn,4und eine recht fette Wand, auf zwei Hölzern am Feuer geröstet; das herunter träufelnde Fett nachher mit dem trockenen Bruststück des Truthahns aufgefangen und das Ganze mit einem heißen Becher starken Kaffees hinunter gespült — beim Schreiben läuft mir schon, bei der bloßen Erinnerung, das Wasser im Munde zusammen.
Das sind übrigens die Lichtseiten der Bärenjagd — die Schattenseiten aber schauen viel düsterer d'rein. — Wochenlang in Sturm und Regen den Wald durchzogen, Jäger und Hunde halb verhungert — (denn ist man einmal ausgegangen, um Bären zu schießen, so läßt man sich nicht gern mit geringerem Wild ein.) — Alle zu Tode erschöpft und immer noch keine warme Fährte — endlich werden die Hunde lebendig, sie wittern den Feind, sie wissen, daß ihrer, mit dessen Erlegung, Ruhe und Stärkung wartet; sie strengen ihre letzten Kräfte an und fort geht die Jagd, über Stock und Stein — sie überholen ihn, werfen sich in blinder Wuth auf ihn — aber der Jäger hat durch die Dickichte oder steilen Schluchten nicht so schnell mit seinem Pferde folgen können; der Bär, ein alter erfahrener Bursche, — nicht gerade mager, aber doch nur feist genug, um tüchtig laufen zu können, schlägt die Hunde zurück, tödtet drei oder vier, verkrüppelt andere und ist, wenn trübe Dämmerung den rasch nahenden Abend verkündet, fern von aller Gefahr und von der für ihn sorgsam aufgesparten Kugel unerreicht, — das sind Schatten-, das sind Nachtseiten, die leider nur zu oft vorkommen. Am Lagerfeuer herrscht dann sehr üble Laune, und den nächsten Tag ist der Jäger äußerst zufrieden, wenn er nur noch so glücklich ist, einen Hirsch zu erlegen, um mit seinen übrigen Hunden, wieder eine Mahlzeit halten zu können. —
Der Bär, obgleich zu den Raubthieren gehörig, nährt sich doch nur, ausgenommen im äußersten Nothfall, von Früchten und Insekten, und greift nur im Sommer, wo er seine Nahrung zu sparsam zusammen suchen muß, Schweine und fastnurSchweine an, zwischen denen er dann freilich oft recht arge Verwüstung anrichtet. Hauptsächlich lebt er von Eicheln, anderen Waldfrüchten und Beeren, und wird in fruchtbaren Jahren oft so feist, daß er fünf bis sechs Zoll Feist ansetzt. Ein ordentliches Bärenmesser darf daher auch eigentlich nicht weniger als 9 Zoll in der Klinge haben, wenn es in allen Fällen gerecht sein soll.
Zu dem jagdbaren Wilde Nordamerika's gehören auch einige Raubthiere, die eine zu wichtige Rolle im Walde spielen, um ganz unerwähnt zu bleiben.
DerPanthermuß mit Recht an die Spitze kommen, denn er ist der stärkste und gefährlichste Gegner des Menschen, und auch wohl das einzige Raubthier in dem weiten Urwald, das der Jäger zu fürchten hat, da es Nachts die Lager umschleicht und in manchen, aber doch sehr seltenen Fällen schon dem sorglos Schlummernden gefährlich geworden ist. Heerden und Schweine und Kälber, Fohlen, und selbst erwachsene Pferde fallen seinem Blutdurst. Hauptsächlich nährt er sich jedoch von Hirschen und kleinerem Wild, beschleicht Nachts die Salzlecken oder lauert, im Laub der Bäume versteckt, auf die ruhig darunter hin Äsenden. Von den Hunden gehetzt, bäumt er am Tage sehr leicht auf, Abends und Nachts aber verläßt er sich lieber auf seine Gewandheit und List, bringt die Hunde durch falsche Sprünge von der Fährte ab und entgeht ihnen meistens.
Er wird etwa so groß wie ein tüchtiger Fleischerhund, ist ziemlich von der Farbe des Rothwildes und färbt, wie dieses, im Winter; sein Fell hat keinen großen Werth und die Jagd auf ihn wird daher auch nicht, wenn er sich nur irgend entfernt von den Ansiedelungen hält, besonders lebhaft betrieben. Sonderbar ist es, wird aber allgemein behauptet, daß er, so scheu er auch am Tage den Menschen flieht, mit wilder Blutgier schwangere Frauen anfalle und zerreiße.
DerWolfsteht dem europäischen an Größe bedeutend nach, lebt aber wie dieser in Rudeln zusammen und geht gemeinschaftlich auf Raub aus; doch nur fürchterlicher Hunger könnte ihn dazu zwingen, einen Menschen anzugreifen, denn er ist feig und flieht bei dem leisesten Geräusch. Im Mai wirft die Wölfin 3-6 Junge, unter denen, wie die Sage geht, jedesmal ein Wolfshund sein soll, der später der grimmigste Feind der Wölfe wird. — Diesen nun aufzufinden, führt die Wölfin die Jungen, sobald sie laufen können, an ein Wasser, um sie zu tränken. Hier verräth sich der Wolfshund, der nach Hundeartleckt,während die wirklichen, ächten und treuen Wölfesaufen,und augenblicklich wird der junge, bis dato noch unschuldige Verräther, zu Tode gebissen.
Nicht so schlau als der unsere, fängt man ihn häufig in Fallen, die gemeiniglich aus einem, aus schweren rohen Baumstämmen zusammengefügten Kasten bestehen, in dem zuerst, ehe er ganz beendigt ist, das Gescheide eines Hirsches oder anbrüchiges Fleisch geworfen wird, das er sich gemeiniglich bald holt, dann auch später den aufgerichteten Deckel nicht scheut und sich plötzlich gefangen sieht. Da er, in Fuchsfallen oder Ottereisen erhascht, gewöhnlich den fest gehaltenen Lauf abbeißt, so läßt der amerikanische Jäger die Falle unbefestigt stehen, hat aber eine drei bis vier Fuß lange, schwache Kette daran, an der ein vierhakiges Eisen hängt; dieses faßt überall, wenn der Wolf mit der Falle zuentfliehensucht, hinter Büsche und Wurzeln, wird aber stets wieder von dem darin Sitzenden losgemacht, der sogar schon den Haken in's Gesänge genommen und zu entziehen versucht hat; aber nie greift er zum äußersten Mittel, sich den Lauf abzubeißen, so lange er noch eine Hoffnung auf Entkommen hat und wird nachher leicht mit dem Hunde ausgemacht.
In Canada hörte ich von sehr vielen Farmern, daß sein Biß, selbst bei einer leichten Verwundung, tödtlich sein solle; das ist aber wohl nur Fabel. Thatsache ist es übrigens, daß Jahre vergingen, ehe sich die Wölfe an die dortigen Landgüter hinanwagten, als zuerst auf ihnen — Schafe aus Europa eingeführt wurden. — Sie kannten die rauhen wolligen Thiere nicht und fürchteten sie ungemein — wie sie aber erst einmal, durch Zufall oder peinlichen Hunger getrieben, den Geschmack derselben weg bekamen und sie als harmlose, nicht gefährliche Geschöpfe kennen lernten, räumten sie fürchterlich zwischen ihnen auf. In seiner Naturgeschichte ähnelt er sonst den europäischen Wolfe in allen Stücken, nur ist er bedeutend kleiner und schwächer als dieser. —
Der graue oder Prairiewolf ist eine Abart, sieht hellgrau aus, ist noch kleiner und furchtsamer als der schwarze, und lebt meistentheils in den Steppen.
DerFuchs.Es wäre nicht halbrecht, Reinecken auszulassen, wo von Wild die Rede ist, obgleich er in Amerika eine ziemlich untergeordnete Rolle spielt. Erstlich ist er bedeutend kleiner als der unsere, giebt ihm aber wohl kaum an Schlauheit nach und weiß tausend Mittel und Wege, die Hunde von seiner Spur abzubringen. Eine Eigenthümlichkeit hat er übrigens vor dem europäischen voraus — er bäumt auf, was fast unglaublich klingt; ich selbst wollte aber auch meinen Augen nicht trauen, als ich zum ersten Male den Hunden zueilte, deren wildes Bellen und Klaffen zeigte, daß sie ihn gestellt oder, wie ich damals glaubte, in seinen Bau gejagt hatten; ich wußte jedoch wahrlich kaum, was ich sagen sollte, als ich den rothen Schelm ganz gemüthlich in einem jungen Baum, etwa 12 Fuß von der Erde, erblickte, wo er sich in die ersten auszweigenden Äste eingeklemmt hatte und, vor den Hunden wenigstens, geschützt war; er schnitt aber ein Gesicht wie eine Katze, die beim Milchnaschen ertappt wird, als er mich kommen sah, denn an Fliehen war nicht mehr zu denken, da zwölf rüstige Hunde den kleinen Baum umtobten.
In Amerika bäumt übrigens fast alles Wild auf, Büffel, Hirsche und Wölfe ausgenommen; selbst die Kaninchen kriechen wenigstens inwendig in hohlen Bäumen hinauf und die Rebhühner, vom Hunde verfolgt, fallen fast stets in die Bäume ein; es ist einmal die Natur des Wildes dort, in dem ungeheueren Wald auch die Bäume zum Zufluchtsort zu wählen. Der Fuchs lebt übrigens in hohlen Bäumen, kann aber nicht etwa klettern, sondern wirft sich nur, in äußerster Noth mit Springen und Anklammern, zwischen die niederen Äste eines jungen Stammes und bleibt da eingeklammert sitzen.
Den Schluß mögen zwei ächte Amerikaner machen, der Waschbär (racoon) und das Opossum oder die Beutelratze.
Der Waschbär, dessen Fell unter dem Namen »Schuppen« eine bedeutende Rolle auf den deutschen und russischen Märkten spielt, findet sich, besonders in den sumpfigen Thalländern des Mississippi und anderer großen Ströme, in ungeheuerer Menge, und wird dort an Ort und Stelle wenig oder gar nicht geachtet. Die Krämer bezahlen sein Fell in jener Gegend mit etwa vier guten Groschen. Der Waschbär ist übrigens an und für sich ein sehr liebes, possirliches Geschöpf, und ähnelt, obgleich er nie größer als ein starker Dachshund wird, in sehr vielen Stücken dem Bär, zu dem er auch, dem Geschlechte nach, gehört. Er lebt von Beeren, Waldfrüchten und Insekten, und liegt, wenn ruhend, in der nämlichen Stellung wie sein vierschrötigerer Vetter. Den NamenWaschbärhat er mehr von seiner Neigung zu nassen Nahrungsmitteln als wegen seiner Reinlichkeit, denn das, was die Leute bei ihmwaschennennen, ist doch nichts mehr als ein Anfeuchten seines Fraßes. Er kann leicht gezähmt und zu allen möglichen Kunststücken abgerichtet werden; sein Fleisch ist dabei delikat und hat sehr viel Ähnlichkeit mit dem Bärenwildpret, nur daß es nicht wie dieses, wenn es anbrüchig wird, leichenähnlich, sondern wie anderes Wildpret riecht.
Das Weibchen wirft 3-5 Junge und thut im Sommer den Maisfeldern ungeheueren Schaden, weshalb ihm auch die Landleute schon aus diesem Grunde sehr nachstellen. Sein Fell ist grau und sein buschiger Schwanz mit schwarz und gelben Ringen umzogen. Im Winter wird er mit Hunden gehetzt und zu Baume gejagt.
DasOpossum,oder die Beutelratze, steht an Größe dem Waschbären kaum nach, sieht aber ganz grau und ratzenartig aus und hat, wenn man es an einem regnerischen Tage durch den Wald trollen sieht, in der That die wirkliche Gestalt einer kolossalen Ratze, die über irgend etwas sehr erschrocken und blaß geworden ist. Besonders geben ihm der kahle, dicke Schwanz, wie die fingerartigen Krallen, ein außerordentlich widerliches Ansehen.
Äußerst komisch aber schaut es drein, wenn man ihm im Wald plötzlich begegnet und dicht zu ihm hinan geht. Zusammenfahrend legt es sich dann halb auf die Seite und ängstlich, mit weit aufgerissenem scharfen Gefänge, in die Höhe blickend, zieht es die Lefzen so weit zurück, daß es gerade so aussieht, als ob es den Störer seiner Ruhe angrinze und sich unendlich über seinen Besuch freue; es macht dann auch nicht den mindesten Versuch zu entgehen, und läßt sich nur mit einiger angewandten Vorsicht, wobei man sich besonders nicht so schnell nach ihm hinunter bücken darf, sogar hinter dem Gehör kratzen, was ich oft versucht habe, denn es hat keinesweges einen bissigen und bösartigen Charakter; schlägt man es aber mit einem Stocke, und sei es noch so leise, oder sieht es mehre Hunde (einem stellt es sich) kommen, so fällt es auf einmal um und ist anscheinend todt. Diese mögen es nachher beißen, daß ihm die Rippen krachen — der Jäger mag es in die Höhe nehmen und wieder hinwerfen — es ist todt und rührt sich nicht, und erst im wirklichen Todeszucken oder in tiefes Wasser geworfen, wo es seine Rolle vergißt und schnell zu schwimmen anfängt, zeigt es Bewegung.
Dieses kleine Thier beweist dabei, während der fürchterlichsten Qualen, die es doch nothwendiger Weise unter den wüthenden Bissen der Hunde ausstehen muß, selbst noch im Tode eine solch merkwürdige Geistesstärke, mit der es das Schlimmste erträgt und nicht zuckt, ja selbst keinen Laut von sich giebt — daß ich mich später, als ich seine Eigenthümlichkeiten recht kennen lernte, nie mehr entschließen konnte, einsumzubringen,denn unter diesen Verhältnissen erschien es mir ein wirklicher Mord. Äußerst komisch sieht es aber aus, wenn man es hinter einem Baume vor beobachtet, wie es aus seinem anscheinenden Tode wieder erwacht.
Zuerst, wenn Alles ruhig und still ist, und es sich fest überzeugt glaubt, daß sein Feind den Platz verlassen hat, öffnet es leise die kleinen Lichter und äugt — so wenig als möglich den Kopf dabei bewegend, überall umher; kann es nichts weiter erspähen, so streckt es behutsam die winzigen Lauscher vor und horcht — Alles ruhig; jetzt hebt es den Kopf, blinzt rings im Kreise umher, liegt noch ein Weilchen ganz ruhig, wo es beim geringsten Geräusch wieder in seine vorige Stellung und Leblosigkeit zurücksinkt, und richtet sich zuletzt, wenn es den Frieden völlig wieder hergestellt glaubt, auf und trollt ab.
Wird es verfolgt und kann in der Geschwindigkeit einen Baum erreichen, so bäumt es auch auf, wobei es mit ungemeiner Gewandtheit klettert, doch benutzt es, um an starken Bäumen emporzuklimmen, gewöhnlich die herunter hängenden, wilden Weinreben. Sein Fleisch, das zart und schön aussieht, wird von Vielen leidenschaftlich gegessen, die dann behaupten, es schmecke wie junge Ferkel; ich konnte aber nie meinen Ekel vor seiner häßlichen Gestalt so weit überwinden, davon zu kosten. Seine nackten Jungen trägt es, wie das Känguruh, nach der Geburt noch eine lange Zeit in einem sich unter dem Bauche befindenden Beutel umher; in den sie sich auch, wenn sie schon herumlaufen können, bei jeder nahenden Gefahr hineinflüchten.
Das ist etwa der Urwald mit seinen Bewohnern, der nun freilich noch durch unzählige kleinere Vögel belebt wird. Schaaren von Tauben und kleinen Papageien durchschwärmen die Luft, und im Herbst und Frühjahr füllen unzählige Völker von wilden Enten und Gänsen die fließenden Wasser und einsamen Waldseen des gewaltigen Reiches, deren Jagd besonders in den südlichen Staaten, in Louisiana, wo sie, aus dem hohen Norden kommend, überwintern, äußerst interessant ist.
Louisiana kann ich aber nicht erwähnen, ohne der Schnepfenjagd dabei zu gedenken, die ich dort von Anfang Februar bis Mitte März getrieben. Fast fürchte ich jedoch hier in Deutschland, wo die Schnepfe eigentlich zu den Seltenheiten gehört, keinen Glauben zu finden, wenn ich die Zahl angebe, die ich jede und jede Nacht erlegt habe; ich will aber die Sache erzählen, wie sie wirklich ist, und derjenige, welcher je die Ufer des Mississippi nach mir betritt und in dem flachen Lande, das an seinen Ufern, zwischen diesen und den weiter zurückliegenden Sümpfen liegt, jagt, wird finden, daß ich nicht übertrieben habe, denn jene Massen können nicht vernichtet werden.
Die ungeheueren Schilf- und Sumpfdickichte dienen der amerikanischen Waldschnepfe und Becassine den Tag über, zum Aufenthalt, und mit Dunkelwerden, wie bei uns, streichen sie in die offen liegenden nassen Wiesen und Baumwollenfelder. Nun könnte man sich zwar anstellen und sie auf dem Strich schießen, dennTausendeschwärmen aus den schützenden Büschen in's Freie; die Bäume sind aber dazu zu hoch und eine viel bequemere, Kraut und Blei sparende Jagd betreibt der Creole dort, zu dessen Lieblingsgerichten die Schnepfe gehört. Auf ähnliche Art habe auch ichjedeNacht — über sechs Wochen hinter einander, gejagt, wobei ich selten und nur dann, wenn das Wetter ungünstig war, nach zweistündigem Umherwandern weniger als zwölf bis achtzehn Schnepfen hatte.
Die Schnepfe wird aber hier, wie der Hirsch im Walde, bei Fackellicht geschossen. Mit eben solcher Pfanne versehen, wie ich sie für die Feuerjagd des Rothwildes beschrieben habe, betritt der Jäger Abends nach Dunkelwerden, wenn der Wind nicht zu stark bläst und der Mond nicht zu hell scheint, die feuchten Wiesen. Ein Sack mit feingespaltenem Kienholz hängt an seiner Seite oder wird besser von einem ihm dicht folgenden Begleiter nachgetragen, der dann auch das Wiederauflegen des herunter gebrannten Kiens besorgen muß, um stets eine recht helle, lebhafte Flamme zu unterhalten, und jetzt, in der rechten Hand die leichte Doppelflinte, in deren Rohren sich nur eine Viertelladung befindet, um die kleine Schnepfe (sie sind bedeutend kleiner als bei uns, den deutschen sonst aber ziemlich ähnlich) nicht zu sehr zu zerschießen, wandert der Jäger leise und höchst aufmerksam, das kurze Gras der Wiesen überschauend, an kleinen, feuchten Gräben und nassen sumpfigen Stellen entlang. Auf dreißig Schritt schon kann er, wenn er eine recht gute Flamme führt, die Schnepfe erkennen, die, entweder das Feuer gar nicht beachtend, sorglos weiter läuft und den langen Schnabel in den weichen Erdboden hineindrückt, oder mit auf den Rücken gelegtem Kopf, den Schnabel vor sich hinausstreckend, stehen bleibt und den Herankommenden ruhig erwartet.
Auf zehn bis zwölf Schritt habe ich gewöhnlich geschossen und natürlich nur selten gefehlt, was aber dennoch manchmal vorfällt, da das Feuer oft auf dem hellen Lauf, den man bei einer Schrotflinte übersehen muß, blendet, und man beim Abdrücken schon hinan zu sein glaubt, die Schnepfe aber dennoch unterschießt. Durch den Schuß oder auch durch den ihr zu nahe auf den Leib rückenden Jäger aufgescheucht, steigt sie mit schwirrendem Laute gerade in die Höhe, fällt aber auch augenblicklich in einem kleinen Bogen und fast stets noch im Bereich des Feuerscheins wieder ein, und kann schnell auf's Neue gefunden werden.
So wenig scheut sie die Flamme, daß viele Neger, deren Herr ihnen nicht erlaubt, eine Flinte zu führen, Nachts mit der Fackel und lang abgeschnittenen Zweigen hinausgehen und sie zu Boden schlagen. In der einen Ansiedelung,Pointe Coupéeam Mississippi, die sich etwa zwei englische Meilen in das Land erstreckt und zwei und zwanzig englische Meilen am Fluß hindehnt, werden doch in jedem Jahre, (d. h. in den sechs Wochen, denn im Herbst läßt sie sich nicht in den Wiesen sehen) wenigstens 10,000 Schnepfen und Becassinen erlegt und theils nach New-orleans und in die kleinen Städte auf den Markt gebracht, theils selbst verzehrt. Bei dieser Nachtjagd, zwischen den zahlreichen Lagunen der Niederung umher, schoß ich denn auch sehr häufig dort eingefallene Enten, ja einmal selbst eine wilde Gans, für die ich jedoch besonders laden mußte; auch Kaninchen und Rebhühner, die man in den Baumwollenfeldern auftreibt, halten, und ich glaube gewiß, daß man eben dieselbe Jagd hier in Deutschland, wenigstens auf Enten und Hühner, betreiben könnte; denn Schnepfen sind doch dazu zu selten; — es kommt natürlich nur einmal auf einen Versuch an.
Die Bewaffnung eines Bärenjägers in Arkansas, der sich nicht fortwährend in drei und vier Meilen um sein Haus herum treibt, sondern längere Züge in die Waldung unternimmt und oft wochenlang keine Wohnung, außer der, die er sich selber aus Rindenstücken aufbaut, zu sehen bekommt, ist etwa die folgende. Eine gute einläufige Büchse und ein Bärenmesser — etwa 9 Zoll lang in der Klinge und zwei und einen halben breit, mit der gehörigen Schwere, um nicht allein kleine Lagerstangen, sondern auch beim Zerlegen des Wildes das Schloß ohne Mühe durchschlagen zu können, dazu ein kleineres, kurzes Messer (Scalpirmesser) ausschließlich für das Zerwirken und Essen bestimmt und dann ein Tomahawk (indianisches Beil) im Gürtel, um im Nothfall stärkere Bäume umhauen, Kienholz spalten und ein tüchtiges Lager bauen zu können, ist Alles, was er als Vertheidigungs- und Angriffswaffen bei sich führt; zu seiner Bequemlichkeit trägt er aber noch eine wollene Decke zusammengerollt auf dem Rücken, und einen Blechbecher an einem Henkel im Gürtel, um in diesem Abends, wenn er seine Decke aufgespannt oder ein Rindendach erbaut hat, etwas von dem gebrannten Kaffee, den er in einem ledernen Säckchen in die Decke gewickelt mit sich führt, erst mit dem Stiel seines Tomahawks im Becher zu stoßen und dann in diesem zu kochen.
Die Bekleidung besteht fast ganz aus Leder, was die Unzahl von dornigen Schlingpflanzen, die überall den Wald durchziehen, nöthig machen. Ein ordentlicher Jäger muß aber nicht allein sein eigener Schneider und Schuster sein, sondern er gerbt auch die Häute, die er verwenden will, selber, und nur dann kann er sich in jenen gewaltigen Wäldern unabhängig fühlen, wenn er aus sich selbst sich zu erhalten, zu nähren und zu bekleiden vermag.
Doch ich bin weitläufiger geworden, als im Anfang meine Absicht war, und muß schließen, um nicht zu breit und dadurch langweilig zu werden, glaube aber in dieser kleinen Skizze einen ungefähren Umriß von der nordamerikanischen Jagd, wie ich sie durch sechsjährige Erfahrung und fast vierjährigen, ununterbrochenen, praktischen Betrieb kennen gelernt, gegeben zu haben. Die Jagd ist jedoch in den endlosen, wilden Wäldern des noch neuen Landes kein Vergnügen mehr, das man sich zur Erholung gestattet, sondern es ist eine Arbeit, die, weil man einmal darin ist und leben muß, vollzogen sein will, verliert daher vieles von ihrer Annehmlichkeit.
Dabei verringert sich, durch das rücksichtslose Jagen, das Wild mit jedem Jahre, die Mühe wird daher immer größer, der Erfolg immer weniger belohnend; dennoch aber ist's ein eigenes herrliches Gefühl, ganz so auf sich und seine eigene Kraft angewiesen zu sein und frei, ungehindert wie der Vogel in der Luft, den Wald durchziehen zu können. Hat dann der einsame Jäger Abends sein Feuer angezündet, sein schnell errichtetes Dach über sich ausgespannt, so ist er auch zu Hause, denn der Wald ist ja seine Heimath und jedes dichte Laubdach seine Schlafkammer.
Wer freilich mit der Idee nach Amerika geht, dort Geld zu verdienen, ja der soll um Gottes willen die Flinte an den Haken hängen, denn wenn er auch hören mag, daß die Gallone Bärenfett 1½ Dollar gilt und ein recht tüchtiger, feister Bursche oft funfzehn, ja zwanzig Gallonen mit sich trägt, so ist das Alles recht schön und gut — er trägt sie eben mit sich und der Jäger kann ihn vielleicht — wenn er rechtes Glück hat — nach Monate langer Jagd auffinden und erlegen, und dann ist er gewöhnlich immer in einer Gegend, wo er vor allen Dingen, wenn er das Fett wirklich auslassen kann, dieses in erst gemachte Hirschhautschläuche füllen und dann noch, wer weiß wie weit, zum Verkaufe transportiren muß; Hirschdecken gelten im Sommer kaum acht bis zwölf gute Groschen — das Wildpret hat fast gar keinen Werth.
Nein, zu verdienen ist nichts auf der Jagd; wer jedoch einmal ein Paar Jahre seines Lebens dran wenden will, nun dem bleibt in späteren Zeiten wenigstens die Erinnerung. Es ist aber auch recht so, denn wollte man das edle Waidwerk nur um schnöden Gewinnstes willen treiben, wie im Norden und Westen Amerika's die großen Pelzcompagnieen thun, so würde es zum schändlichsten Morden herabgewürdigt und verlöre all das Schöne und Männliche, das ihm jetzt solch unendlichen Reiz verleiht. —
Doch genug hiervon; ich habe aus meinem Leben, nicht wie ich es von Anderen erzählen gehört oder in Büchern gelesen, sondern wie ich es selbst erfahren und beobachtet, das beschrieben, was in den Urwäldern Nordamerika's innerhalb der vereinigten Staaten lebt und gejagt wird, und bin ich ein wenig weitläufiger dabei geworden, als es Manchem recht erscheint, so mag er bedenken, daß ein Jäger, der von seinen erlebten Jagden erzählt, selten das Ende finden kann.
An dem kleinen Flüßchen »Fourche la fave,« das sich dreißig Meilen überhalb Little Rock in den Arkansas ergießt, lebte im Jahre 1841 ein Mann Namens Jeremias Curtis.
Er war noch, wie er selber sagte, in den besten Jahren, etwa zwischen sechs und dreißig und vierzig, und hatte erst vor zwei Jahren seine Frau an einem hitzigen Fieber verloren, was Wunder also, wenn es ihn mit dem erwachenden Frühling ebenfalls trieb, die heiligen Bande der Ehe auf's Neue zu knüpfen, da noch überdies drei unerzogene Kinder von vier, sechs und sieben Jahren ihn mahnten, daß sie der Mutterpflege bedürfen.
Zur Wartung der Kleinen, wie zur Besorgung der Wirthschaft, lebte indessen eine entfernte Verwandte, ein armes, aber braves und auch wirklich recht hübsches Mädchen, Namens Nancy, in seinem Hause, und schon mehrmals war ihm der Gedanke durch den Kopf gefahren, dieses zu heirathen und dadurch jeder weiteren Sorge überhoben zu sein. Jeremias Curtius war aber ein Mann, der nicht blos für die Gegenwart lebte, sondern auch hinaus in die Zukunft schaute, und da glaubte er denn vernünftiger und zweckmäßiger zu handeln, wenn er sich eine Frau wähle, die ihm nicht allein sich selbst, sondern auch noch eine kleine Aussteuer zuführe, auf daß er seine irdischen Güter, wenn er auch keinen Reichthum begehrte, doch um ein Weniges vermehren könne.
»Zwar bedurfte er dessen nicht« (wie er sich selbst vor seiner Hausthür auf- und abgehend, herzählte), »er hatte, was er brauchte im Überfluß; hier stand ein recht wohnliches Blockhaus, 18 bis 20 Fuß, wasserdicht gedeckt (die nordwestliche Ecke ausgenommen, wo es hineinregnenwollte,er mochte auch thun was in seinen Kräften stand) mit einem guten Boden gelegt; daneben eine kleine Küche und ein Rauchhaus mit »Massen von Fleisch«; dabei neun Acker urbar gemachtes und eingefenztes Land, und dicht daneben noch ein kleines Eckchen für Rüben angefangen; zwei ausgezeichnet gute Pferde; sieben und dreißig Stück Rindvieh, groß und klein (und die viere eingerechnet, die ihm im vorigen Frühjahr in die Arkansas Rohrbrüche gegangen und noch nicht wieder gekommen waren); einige vierzig Schweine (oder nur neun und dreißig, wenn dasseineSau gewesen, die der Bär in letzter Nacht gefressen); eine vorzügliche Stahlmühle; vier Hemden, fünf paar Socken und drei paar Beinkleider (zwei für den Sonntag und noch ganz neu); einen Frack von Kenntucky Jeannet5, die beste Büchse im ganzen Revier, fünf Hunde, und — die Hauptsache, einen kleinen Negerjungen von circa neun Jahren, wie hundert und fünfzig Dollar in baarem, harten Gelde —harten Gelde!«
Curtius wiederholte besonders die letzten Worte verschiedene Male »hartem Gelde— keines von Euerem lumpigen Arkansas-Papier-Geld — Arkansas-Real-Estate — 72 pro Cent Discount — Puh!«
»Aber Mr. Curtis, was haben Sie denn nur heute vor? Sie wollen wohl bei der nächsten Wahl eine Rede halten?« frug Nancy, die schon seit mehreren Minuten in der Thür gestanden und ihm leise kichernd zugeschaut hatte, wie er mit gewaltigen Schritten am Ufer des kleinen, vor seinem Hause vorbeifließenden Baches auf und abging, und lebhaft dazu mit den Händen gestikulirte.
»Hat der Braune gefressen?« frug aber Mr. Curtis dagegen, indem er stehen blieb und sich nach seiner Haushälterin umsah, ohne die lächelnde Bemerkung weiter einer Antwort zu würdigen.
»Vierzehn Kolben Mais habe ich ihm gegeben,« erwiederte Nancy, »und Bob ist bei ihm stehn geblieben, die Hühner vom Troge zu scheuchen; ich kann übrigens noch einmal hingehn und zusehn, ob er fertig ist und mehr verlangt.«
Dabei sprang sie leicht über die dem Hause als Stufen dienenden Klötze hinweg, und hüpfte mit fröhlichen Schritten dem Futterkasten zu, wo das Pferd, ein schönes, braunes Thier, die schon abgenagten Kolben, die sogenanntenKobs,zerkaute, und ungeduldig mit dem Vorderfuße den Boden scharrte.
»Nun Bill, bist du noch hungrig?« frug das Mädchen, ihm dabei freundlich den Hals klopfend, während Bill, dem die schmeichelnde Hand der Pflegerin zu behagen schien, nur stärker scharrte und mit dem schönen Kopfe auf- und niederfuhr — »nun warte — ich hole dir noch ein paar Kolben« und damit wandte sie sich dem Hause wieder zu, wobei der Braune, ihre Absicht wahrscheinlich ahnend und als Zeichen freudiger Beistimmung, hellauf wieherte.
Curtis hatte der schlanken, behenden Gestalt des hübschen Kindes mit wohlgefälligem Blicke nachgeschaut, aber ein ernstes, bedeutsames Kopfschütteln verrieth doch, daß er seine ganz absonderliche Bedenken dabei haben mußte, und auf's Neue trat er seinen, kaum unterbrochenen Spaziergang an, wiederum vor sich hinmurmelnd »einen kleinen, neunjährigen Neger und hundert fünfzig harte Dollars — harte, silberne Dollars.«
»Gieb ihm nichts mehr zu fressen, Nancy,« rief er da plötzlich, als er zum Hause aufblickte und Nancy mit dem nachträglichen und dem Braunen extra versprochenen Mais aus der Thüre treten sah — »ich will fortreiten — hol' mir einmal die Decke aus dem Rauchhaus — und reich' mir den Zügel heraus — er liegt unter meinem Bett.«
Nancy that wie ihr befohlen, und bald darauf hatte Jeremias Curtis seinem keineswegs ganz damit einverstandenen Pferde den Zügel an und den Sattel aufgelegt, schnallte sich dann einen äußerst blank gescheuerten Sporn an den linken Fuß, fuhr einige Male mit dem Ellenbogen über den etwas abgetragenen Biber, und schien bei dieser Beschäftigung wieder in tiefes, tiefes Nachdenken zu versinken. Plötzlich aber mußte ein großer Entschluß in seiner Seele gereift sein, denn mit gewaltiger Energie drückte er sich den Hut — fast etwas zu tief — in die Stirn, schwang sich in den Sattel, trabte bis vor die Hausthür, und blieb hier halten, wo er Nancy, die ihn verwundert betrachtete, genau fixirte.
»Nancy«, sagte er endlich — »ich will ausreiten.«
»Und in Ihren »Geh-zur-Kirche-Kleidern«?«
»Ja Nancy, und — wenn ich vielleicht — es könnte sein, daß ich — ich setze den Fall ich käme — nun Nancy«, brach er kurz ab, »räume das Haus hübsch auf und kehre Alles fein sauber ab; — wir — wir bekommen vielleicht — Besuch!« und dem Thiere den linken Hacken einbohrend, setzte er über den Bach, und trabte schnell die am Fluß hinaufführende Straße, am Fuß der mit Kiefern bedeckten Hügel, fort.
Nancy schaute ihm, bis er hinter den Bäumen verschwunden war, lächelnd und kopfschüttelnd nach, dann aber drehte sie sich lachend auf dem Absatz herum, und schmunzelte, in das Haus zurücktretend:
»Nun wenndernicht Freiersgedanken im Kopfe hat, dann will ich nicht Nancy heißen. Viel Glück, Mr. Curtis, viel Glück! Neugierig bin ich aber doch, wo er hinreitet; dort oben wohnen zwar viele Mädchen, am Fluß hinauf — sollte er wohl nach Trumbells? die haben zwei Töchter — ih« — lachte sie kurz abbrechend und ihre Arbeit am Baumwollen-Spinnrad wieder beginnend — »ich werd's schon erfahren; morgen führt er ja wahrscheinlich seine Auserwählte heim.«
Jeremias Curtis ritt indessen mit leichtem, fröhlichem Herzen die Straße entlang, und stimmte endlich, in einem Ausbruch seiner nicht mehr zu bändigenden und zurückzuhaltenden Gefühle, eine weit hinausschallende Hymne an, so daß mehrere Hirsche, die friedlich an der Straße geäßt, entsetzt und mit mächtigen Sprüngen in's Dickicht flohen. Wenig aber kümmerte dies den Freiersmann; er war Einer von den Menschen, die sich Monate, Jahre lang mit einem Plan oder Entschluß herumquälen können, ohne ihn zur Reife oder Ausführung zu bringen, die aber, nur erst einmal mit sich selbst im Klaren, ruhig in die Zukunft hinaussehen und den lieben Gott für das weitere sorgen lassen.
Im besten Mannesalter, sah er — Nancy hatte ihm das selbst mehr als einmal versichert — gar nicht so übel aus; besonders wenn er Sonntags seine »reinen Sachen« angezogen. Nun wollte ihm zwar seine übergroße Bescheidenheit den Einwurf machen, daß ihn Nancy mit ein wenig zu partheiischen Augen betrachte, dann aber blickte er links am Pferd hinunter auf seine stattlichen, wohlproportionirten Gliedmassen, dann wieder rechts, nickte dazu lächelnd mit dem Kopf, murmelte »einen kleinen Neger und hundert und fünfzig Dollars in baarem, harten harten Geld,« und begann mit lauterer, stärkerer, ja recht herzfreudiger Stimme den geistlichen Gesang auf's Neue.
Mehrere Stunden mochte er also in der reinen, klaren Frühlingsluft fortgetrabt sein, als ihm aus der Ferne das helle Dach eines Blockhauses entgegenschimmerte, und er sich dem Ziele seiner Wanderung näherte; anstatt aber dem Pferde den Sporn einzudrücken, und im fröhlich kühnen Galopp vor die Thür der Auserwählten zu sprengen, ritt er langsam seitwärts vom Wege ab in das Gebüsch hinein; stieg ab und begann jetzt mit außerordentlicher Sorgfalt seine Toilette in Ordnung zu bringen.
Ein kleiner Spiegel wurde mit seinem spitzen Messer — das er in einer ledernen Scheide im Gürtel trug — an einem Baum befestigt, dann förderte er einen Kamm und eine kleine Bürste ebenfalls aus der Tiefe der fast unergründlichen Rocktasche zu Tage und striegelte und bügelte nun das widerspenstige Haupthaar sorg- und aufmerksam.
Mr. Trumbell, auf dessen Land und unfern von dessen Haus er sich jetzt befand, hatte zwei allerliebste Töchter, zwar noch ein wenig jung für einen Mann in seinem Alter, denn die älteste zählte erst achtzehn Jahr; leicht überredete er sich aber, daß sein noch so rüstiges, jugendliches Aussehen, und sein »kleiner neunjähriger Neger, wie die hundert und fünfzig Dollars« sehr zu seinen Gunsten sprechen würden, ja sprechen mußten, und mit wirklichem Wohlgefallen nahm er jetzt den Spiegel in die Hand und hielt ihn bald dicht vor die Augen, bald in etwa Armeslänge von sich entfernt, um ungefähr den Eindruck zu berechnen, den, wie er hoffte, sein erstes Erscheinen auf die Mädchen hervorbringen sollte.
Aber gar nicht mit seinen Plänen harmonirend, stahlen sich hie und da einzelne graue Haare sowohl aus dem Backenbart als auch aus den Schläfen hervor, und emsig war er eben bemüht, die unwillkommenen Boten eines ehrwürdigeren Zeitalters mit sicherer Hand und spitzen Fingern zu erfassen und herauszureißen, als plötzlich das helle Gelächter zweier silberreinen Mädchenstimmen an sein Ohr schlug, und er, entsetzt sich wendend, in die vor ausgelassener Freude funkelnden Augen eben dieser beiden Schönen blickte von denen er sich Eine zum ehelichen Gemahl ausersehen.
Hätte das ruhig neben ihm grasende Pferd ihn mit einem freundlichen »guten Morgen Mr. Curtis« angeredet, oder der Spiegel, der jetzt seiner zitternden Hand entfiel, ihm ein scheußliches Fratzengesicht gezeigt, als er hineinschaute und seine eigenen, wohlgebildeten Züge darin zu finden erwartete, oder die alte Eiche, unter der er stand, die Riesenarme über den Kopf zusammengeschlagen und sich die Wurzeln selber wie einen Zahn ausgezogen, er würde nicht so starr vor Schrecken, so völlig wie eine ungesalzene Madame Lot dagestanden haben. Nicht einmal die unbedeutendste Begrüßungsformel wollte über die Lippen, und mit weit aufgerissenen Augen und noch weiter geöffneten Lippen blieb er in der einmal eingenommenen Stellung, und blickte bald auf diese, bald auf jene Schwester.
»Aber Mr. Curtis,« begann jetzt die Älteste der Beiden, die sich zuerst wieder genug gesammelt hatte, um reden zu können, »läßt Ihnen denn Nancy zu Hause gar keine Ruhe, daß Sie soweit in den Wald hinein müssen, um Ihre Toilette zu machen?«
»Mr. Curtis will unter die Indianer gehen,« fiel die Schwester, immer noch mit vom Lachen unterbrochener Stimme ein — »er übte sich schon im Bartausraufen, und ich bin fest überzeugt, daß er in derselben Tasche, aus der er schon so viele andere Sachen hervorgeholt hat, auch noch die Kriegsfarben trägt.«
»Das ist möglich,« kicherte Lucy — »dort im Baum steckt sein Scalpirmesser.«
»Aber bester Mr. Curtis,« sagte Betsy mit scheinbarer Besorgniß, »dann müssen Sie ja auchtanzen,und da Sie doch jetzt erst zu den Methodisten — «
»Miß Lucy — Miß Betsy,« stammelte in höchster Verlegenheit der arme Curtis — »ich — ich habe einen kleinen Neger und hundert fünfzig Dollar — «
»Ah Sie werden ein Häuptling!« jubelte Betsy, »ich sehe Sie schon im Geist mit der Scalplocke und dem blutigen Tomahawk im Gürtel — buntbemalt, wehende Adlerfedern auf dem Haupte, die ausgefranzten Leggins von dem flatternden Haarschmuck der erlegten Feinde umweht — Brrrrr« fuhr sie schaudernd fort, »was Sie schon für wilde Blicke nach uns schießen;« und wiederum fingen die Mädchen an zu lachen, daß der Wald tönend das helle Echo zurückgab.
Der arme Curtis aber, die Zielscheibe dieses unerbittlichen Spottes, stand keineswegs mit wildem Blick, sondern mit höchst kläglicher, erbarmenswerther Miene da, und überlegte eben, mit welcher Wonne er in einen zwei hundert und fünfzig Fuß tiefen Brunnen oder in eine unergründliche Felsspalte hineinfahren könne, um nur hier, von dieser für ihn zum Marterpfahl gewordenen Stelle fortzukommen, denn aller Muth, auch nur eine Sylbe über die Absicht seines Besuches laut werden zu lassen, war ihm jetzt entfallen. Endlich aber faßte er sich ein Herz, hob mit einer schnellen und geschickten Bewegung den ihm vorhin entfallenen Spiegel wieder auf, ließ ihn in die Tasche gleiten, und frug jetzt, mit halb trotzigem, halb kläglichem Gesicht die Schwestern, was sie um des Himmels willen im Walde, hier an dieser einsamen Stelle allein zu thun hätten.
»Wenn wir nun grausam wären,« sagte Lucy, »könnten wir Ihnen das zu rathen aufgeben, so aber wollen wir Mitleiden mit Ihnen haben, und Sie in unser Geheimniß einweihen. Sehen Sie den Waschkessel da unten? sehen Sie das freundliche Gesicht Jessina's?«
Und Curtis sah das freundliche Gesicht Jessina's, denn nicht zwanzig Schritt von da entfernt, grinste ihm, zwischen ein paar blühenden Dogwoodbüschen hindurch, das breite, schwarze Antlitz eines kleinen, vierschrötigen Negermädchens entgegen, das seine Arbeit verlassen hatte und kichernd zwei Reihen der reinsten, weißesten Perlzähne zeigte, die je unter einer Negerin Lippe hervorschimmerten.
»How de do, Massa?« nickte ihm die Kleine freundlich zu, und der fromme Curtis hatte schon einen höchst gotteslästerlichen Fluch auf den Lippen, doch unterdrückte er ihn noch zur rechten Zeit, starrte einen Augenblick vor sich nieder, und war im Begriff, sein Pferd zu besteigen und den Ort zu fliehen, wo er unter für ihn so mißlichen Umständen empfangen worden. Da aber siegte der Verstand des ruhigen besonnenen Mannes.
Nein — Mr. Trumbell war sehr wohlhabend, und nicht allein hier, sondern auch im Oiltrovebottom, am Whiteriver, hatte er nicht unbeträchtliche Strecken Land, das am Fourche la fave jedoch, seiner gesünderen Lage wegen, zum Aufenthaltsort gewählt. Dabei viel Vieh — sehr viel Vieh und — was das bedeutendste war, eine ganze Colonie von Negern und besonders von sehr hübschen Negermädchen. Jeremias dachte an seinen eigenen jungen Sprößling aethiopischer Race — romantische Gebilde von fabelhaft großen Baumwollenplantagen mit unzähligen Negersclaven jagten an seiner inneren Seele vorüber — jedes der beiden vor ihm stehenden Mädchen war wenigstens zweitausend Dollar werth — er drückte sich den Hut etwas fester auf den Kopf. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen. Die Mädchen schienen ihr Betragen zu bereuen — sie flüsterten leise und ernst zusammen — sie wußten, daß sie ihm durch ihren Spott weh gethan haben mußten — Reue kam vielleicht dem, was er ihnen sonst noch bieten konnte, zu Hülfe; auf keinen Fall dürfte die kostbare Zeit versäumt werden, und Lucy sollte erfahren, daß es in ihrer Macht stehe, ihn zum Glücklichsten derSterblichenzu machen.
Er setzte den rechten Fuß vor und hob den linken Arm auf — der Augenblick der Entscheidung war da.
Lucy wandte sich gegen ihn und sagte bittend:
»Nicht wahr, Sie sind nicht böse, wenn — «
»Mein Fräulein,« unterbrach sie mit freudiger Stimme der neue Hoffnung schöpfende Freier, — wie können Sie nur glauben, daß ich — ich habe — «
»Wenn ich eine Frage an Sie richte — « fuhr Lucy, ohne die Unterbrechung zu beachten, fort — »Betsy und ich haben miteinander gestritten — Betsy meint, Sie hätten sich die einzelnen Haare aus Verzweiflung ausgerissen, ich behaupte aber, Sie wollten ihrer Geliebten eine Locke mitbringen. Nicht wahr, ich habe Recht?«
Das war zu viel für den armen Curtis! er verschluckte die schon halb begonnene Anrede, steckte das Messer in den Gürtel, faßte sein Pferd am Zügel, hielt aber noch einmal und warf einen letzten, fragenden Blick auf die Schönen. Diese aber waren indessen in ein lautes Kichern ausgebrochen, das in dem blühenden Dogwoodbusch ein schallendes Echo fand, und ein paar blaue Heher, die gerade über der kleinen Versammlung auf dem jungen Aste eines jungen Sassafras saßen, stimmten mit ihren schmetternden, plappernden Stimmen ein in den Lärm. Curtis saß mit einem Sprung im Sattel.
»Good bye Ladies!« rief er mit lauter, trotziger Stimme, und als ob er hinter einem alten Bären her auf flüchtiger Hetze den Wald durchrase, so flog er, über mehrere gestürzte Stämme hinweg, der mit so frohen Hoffnungen verlassenen Countystraße wieder zu.
Vergebens riefen ihm jetzt die Mädchen nach, zum Hause zu reiten und bei ihren Eltern zu übernachten, vergebens versprach Lucy ihn nicht zu necken und keine Sylbe des Vorgefallenen zu erwähnen, er hörte nichts von ihren versöhnenden Worten, und nur das spöttische (ihmteuflischvorgekommene) Lachen tönte und klingelte ihm noch in den Ohren, als er schon mehrere Meilen in scharfem Trabe zurückgelegt, und nun endlich anfing, die Sache ruhig zu überdenken.
»Verdammt!« rief er, und zügelte den Eifer des schäumenden Thieres ein wenig, indem er sich zugleich erschrocken umsah, ob Niemand den gotteslästerlichen Fluch gehört habe, »kann ein einzelner Mensch größeres Unglück auf der weiten Gotteswelt haben, als ich an diesem gesegneten Morgen genossen? Aber gut — gut — spottet nur, lacht nur, meine Miß Lucy und meine Miß Betsy, verhöhnt nur den aufrichtigen Freier, der sich Euch mit treuem Herzen naht, Ihr werdet's schon noch einmal bereuen und dann will ich triumphiren; dann ist mein kleiner Neger groß geworden, mein baares Geld, meine hundert und fünfzig harten Dollars haben sich vermehrt, und die Zeit möchte kommen, wo Ihr Euch lieber Mistres Curtis als Miß Lucy oder Miß Betsy nennen hörtet.«
Er hatte sich bei den letzten Worten im Sattel umgedreht, und hob drohend den rechten Zeigefinger nach der Richtung hin auf, aus der er eben gekommen war. Seine Selbstliebe trug aber endlich den Sieg über die gekränkte Eitelkeit davon, ein mitleidiges, fast höhnisches Lächeln umspielte für einen Augenblick seine Mundwinkel, und sich dann fester im Sattel setzend, preßten seine Schenkel auf's Neue die Flanken des edlen Thieres, das mit ihm in langen Sätzen über die felsige Straße dahinflog.
Das nächste Haus, das jetzt in seinen Augen einigen Werth hatte — denn diejenigen Farmen, auf denen keine jungen Mädchen lebten, existirten gegenwärtig gar nicht für ihn — gehörte einem Leidensgefährten, einem Wittwer, Namens Ewis; der Magnet aber, der ihn dorthin zog, war des alten Ewis einziges Töchterlein, ein liebes, holdes Mädchen, schlicht und einfach, doch brav und häuslich erzogen, und eine amerikanische Jungfrau im reinsten und vollsten Sinne des Wortes. Darum war übrigens Curtis nicht gleich von allem Anfang hierhergeritten, weil — die Neger fehlten. Ewis konnte mit zu den wohlhabenderen Farmern gerechnet werden, seine Heerden weideten in allen Theilen der weitverbreiteten Rohrbrüche, sein Land trug herrliche, reichliche Frucht, und es gab in einem nicht geringen Umkreis keinen gutmüthigeren und zugleich rechtlicheren alten Mann, als eben ihn; aber die Neger fehlten, und Curtis hatte deßhalb Lucy und Bet — aber nein, er wollte gar nicht mehr an die Mädchen denken — sie verdienten es nicht.
Jetzt hatte er die äußersten Fenzen erreicht; im Osten wurden schon an dem erdunkelnden Nachthimmel einzelne, blitzende Sterne sichtbar, und nur im Westen verrieth ein schmaler bleicher Streif die geschiedene, schlummernde Sonne; aber dort wirkte und schaffte noch reges Leben; die Hunde bellten, die Kühe blökten, eine feine Kindesstimme rief das lockende »Huph — huph« in den Wald hinaus, und dazwischendurch schallten die eintönigen Schläge der Axt, die noch Feuerholz für die kühle Nacht herbeischaffen mußte.
Gleich darauf betrat er den inneren, von den verschiedenen Feldern und Gebäuden eingeschlossenen Raum, der gewissermaßen als Hof gelten konnte, und fand sich bald darauf, von fünf bellenden heulenden Rüden umgeben, vor einem einstöckigen, aber ziemlich hochgiebligen Blockhaus, aus dessen Innerem ihm schon ein freundlich gemüthlicher Lichtglanz, Wärme und Geselligkeit versprechend, entgegenleuchtete.
»Hallo Curtis!« rief der alte Ewis, als er den, wenn auch etwas fernwohnenden »Nachbar« erkannte, während er im Holzhacken einhielt und dem Ankommenden entgegentrat, — »das macht Ihr gescheidt, daß Ihr Euch endlich einmal sehen lasset; habt mir's lange genug versprochen. Komm Bill — nimm das Pferd und führ' es in den Stall; jag' nur die anderen hinaus, die haben jetzt gefressen, und wir brauchen sie morgen doch nicht; tretet ein; laßt nur den Sattel sein, Bill wird schon auf Alles Acht geben.«
Curtis athmete hoch auf — in der Thür der Hütte stand Anna, das holde liebe Kind, und lächelte ihm so freundlich entgegen, daß er vor lauter seligen Gedanken des Vaters Hand gar nicht wieder losließ. Er stieg aber vom Pferd, schüttelte die dargebotene Rechte des Alten recht derb und herzlich, und trat mit klopfendem Herzen in's Haus, wo er der Jungfrau nach alter wackerer Sitte die Hand zum Gruß bot.
»Nun, Curtis, wie gehts?« fragte Ewis, als sie sich zusammen zum Feuer gesetzt hatten und der Freiersmann emsig beschäftigt war, mit seinem Genickfänger einen Span zu zerschneiden, — »wie steht Euer Mais? schon gepflanzt? habt wohl fruchtbares Wetter abwarten wollen? ja s'ist merkwürdig trocken dieses Jahr.«
»Nicht so ganz — wenigstens nicht bei mir,« erwiederte Curtis, dem es war, als ob ihm das Herz die Brust zersprengen müsse, denn Anna stand dicht neben ihm und holte die blankgescheuerte Kaffeekanne zum am Feuer brodelnden Abendessen vom Gesims herunter — »mein Feld liegt, wie Ihr wißt, ein wenig tief, im Thalland d'rin — neun Acker urbar gemachtes Land und daneben noch ein kleines Stückchen für Rüben — eine schöne Fenz, drum — «
»Ja, ja, s'ist gutes Land, kann's aber doch mit meinem hier nicht aufnehmen.«
»Mr. Ewis«, entgegnete Curtis etwas pikirt (denn das heißt einem Ansiedler der westlichen Staaten an's Herz gegriffen, wenn man behauptet: entweder besseres Land, ein schnelleres Pferd, eine sichere Büchse oder tüchtigere Hunde zu haben), »Mr. Ewis, mein Land wurde durch die Feldmesser ausgesucht, und für das fruchtbarste im ganzen County erklärt; überdies habe ich noch ein recht gutes Wohngebäude, ein Rauchhaus, eine kleine Küche — «
»Haben Euch denn die Eichhörnchen und Truthühner dies Frühjahr viel Saat weggefressen? ich mußte an den Fenzen herum schon wenigstens zwei Mal nachpflanzen.«
»Das war bei mir nicht so bedeutend«, entgegnete Curtis, auf's Neue die Gelegenheit ergreifend, all sein bewegliches und unbewegliches Eigenthum im besten Lichte erscheinen zu lassen; »Ihr wißt, ich habe einen kleinen Neger, und der muß gehörig aufpassen; es ist sehr angenehm, einen kleinen Neger« — er sah sich schnell um, denn er konnte fast darauf schwören, es hätte Jemand hinter ihm gekichert, Anna stand aber ganz ernsthaft am Tisch, und war emsig beschäftigt, die Messer und Gabeln zu ordnen, und weiter sah er Niemand im Zimmer — »kleinen Neger zu haben«, fuhr er nach kurzer Pause in der unterbrochenen Rede wieder fort; »dabei die hundert und funfzig — «
»Wie ist's denn mit dem Brunnen geworden, den Ihr wolltet graben lassen? oder trinkt Ihr noch immer aus dem Bach? wenn ich Nancy wäre, ließ ich mir das gar nicht gefallen; im Sommer ist's ein schauderhaftes Getränk.«
»Oh bewahre — ich nahm Mowers Jim auf vierzehn Tage in Arbeit, und da ich doch hundert und sechszig Dollars in baarem, hartem Gelde liegen hatte, so wendete ich gleich zehn daran, diese wirklich nothwendige Arbeit gethan zu bekommen.«
»Hm«, sagte Mr. Ewis, und schaute den redseligen Curtis, während er mit dem Daumen und Zeigefinger der linken Hand die Unterlippe beobachtend zusammenkniff, forschend an. Zum ersten mal schien die Ahnung der Absicht seines Besuchs in ihm aufzudämmern. Zu jetziger Zeit war Alles eifrig in den Feldern beschäftigt, und Curtis hatte mitten in der Woche seine Sonntagskleider angezogen und sich zu ihm verfügt, blos um bei ihm zu übernachten. —
»Hm« — sagte er dann noch einmal, und sah forschend bald seine Tochter, bald Curtis an, der, als er dies bemerkte, feuerroth wurde und mit eisernem Fleiße an seinem Spahn fortschnitzte.
Einige Minuten lang überlegte sich der Alte die Sache, und schien dasproundcontrabedeutend in Betracht zu ziehen; endlich mußte aber doch wohl dasproden Sieg davon getragen haben, denn er stand auf, und verließ, unter dem Vorwand, nach den Pferden zu sehen, das Haus. Curtis war auch wirklich gar keine so üble Parthie! er hatte was er brauchte, ja von diesem wohl mehr als sieben Zehntel der übrigen Ansiedler, und die kleine, am Fourche la fave freilich ziemlich bekannte Eigenheit, daß er immer von seinem kleinen Neger erzählte, durfte, wie der Alte meinte, bei einem Mädchen auch weiter keinen Unterschied machen, wenn der Mann nur sonst brav und gut wäre.
Curtis, der nicht einmal diese Eigenschaftgegensich, wohl aber alle die andernfürsich kannte, merkte gar bald, wenn er auch sonst gerade keine übermäßigen Verstandeskräfte besaß, daß er den Alten auf seiner Seite habe, und beschloß nun mit der Tochter die Sache ebenfalls schnell in's Reine zu bringen. Wie er aber allein mit ihr war, verließ ihn auf ein Mal aller Muth; es war ihm, als ob ihm Jemand mit zwei Fingern die Nase, und mit der ganzen Hand die Kehle zuhielte, und er nun mit jedem Augenblick ersticken müsse. Anna brach auch endlich zuerst das ihm wenigstens peinlich werdende Schweigen und frug ganz unbefangen:
»Wie befindet sich Nancy, Mr. Curtis? warum kommt sie nicht einmal herauf zu uns; sie hat es mir doch schon so oft versprochen.«
Curtis rückte eine Weile auf dem Stuhl umher, faßte sich aber endlich ein Herz und frug das junge Mädchen mit einem seiner zärtlichsten Blicke:
»Wie wär's, Miß Ewis, wenn Sie dafür einmal Nancy besuchten, vielleicht gefiel Ihnen der Ort?«
»Nancy muß erst zu mir kommen,« sagte Anna, »sie hat es versprochen.«
Eine lange Pause entstand jetzt, bis endlich der zaghafte Werber auf's Neue das Wort nahm und die Unterredung mit einem leisen:
»Es ist heute schönes Wetter« wieder anzuknüpfen suchte.
»Ja!« sagte Anna.
Curtis sah sich im ganzen Hause um, und seine Augen flogen bald über die an der Wand hängenden Kleider, bald über die im Schornstein angebrachten Speckseiten, und haftete endlich wieder auf Anna's schlanker Gestalt, die an das Feuer getreten war, um nach dem beigestellten Maisbrod zu sehen.
»Miß Anna!« sagte Curtis.
»Mr. Curtis?« frug Anna, sich nach ihm umdrehend.
»Ich muß Ihnen nur gestehen«, stotterte der Freier, »daß ich einzig und allein darum hierher gekommen bin, um — um Sie — um mich bei Ihnen — bei Ihnen zu erkundigen, — ob Sie — «
»Ob ich?« — fragte das Mädchen, den neugierig lächelnden Blick fest auf ihn gerichtet.
Er war so schön im Zuge gewesen, wie er ihr aber wieder in das dunkle Auge sah, das ihn so schelmisch, und doch auch so — er wußte selbst nicht wie, so — so trotzig anblickte, da verließ ihn auf's Neue sein Selbstvertrauen, und er stammelte, nach einigen vergeblichen Versuchen, die Fassung wieder zu gewinnen, auf das Fleisch deutend —
»Haben Sie das selber geräuchert?«
Wohl zwei Minuten mußte er aber auf die Antwort warten, denn so lange dauerte es, ehe sich Anna erholen konnte, die bei den letzten Worten in ein fast nicht zu beschwichtigendes Lachen ausgebrochen war.
»Und deßhalb also sind Sie die zwölf Meilen geritten?« frug sie endlich mit noch thränenden Augen, »blos um sich zu erkundigen, ob ich das Fleisch geräuchert hätte? o bester Mr. Curtis, das hätten Sie bequemer haben können, Nancy war dabei, wir haben es zusammen eingesalzen.«
Curtis wurde leichenblaß — er wußte, sein böses Geschick arbeitete jetzt an seinem Verderben; dieselbe Sehnsucht nach irgend einer noch unentdeckten Felsspalte oder nach einem bodenlosen Abgrund erfaßte ihn —
»Ich habe einen kleinen Neger — «
»Und hundert und fünfzig Dollar in baarem, hartem Gelde,« kicherte Anna. »Nancy hat mir das mehr als zwanzig Mal erzählt.«
»Kinder, was habt Ihr denn?« sagte der alte Ewis, der durch das Gelächter angelockt, in die Thüre trat. »Ihr seid ja ungemein lustig — ich glaubte — «
»O Vater, denke Dir nur — « lächelte Anna — aber ein flehender Blick des Unglücklichen traf sie, und dem konnte sie nicht widerstehen. Sie hatte Curtis Absicht bei seinem ersten Eintritt gemerkt, denn wenn ein lediger Mann an einem Wochentage, noch dazu in so nöthiger Arbeitszeit, und in seinen besten Kleidern, mit dem besten Sattel auf dem Pferd, auf einer Farm übernachtet, wo junge, heirathsfähige Mädchen sind, da wird und kann fast stets ein Heirathsantrag vorausgesetzt werden. Curtis war aber überdies noch in der ganzen Ansiedlung schon gewissermaßenprophezeitworden, da er einige dunkle Worte hatte fallen lassen, was wie ein Lauffeuer von Farm zu Farm geflogen. Bei Steppdecken- und Klötzerollfesten hatten die jungen Mädchen auch schon zusammengekichert und gelacht, welche von ihnen die Glückliche sein werde, der »der kleine Neger und die hundert fünfzig Dollar« zuerst angeboten würden. Auf diese Art war gewissermaßen ein Complott gegen den armen Mann entstanden, und er glich jetzt einem Menschen, der wohlvermummt und verlarvt auf einem Maskenball umherwandert, fest überzeugt ist, daß ihn Niemand erkennen kann, und hinten auf dem Rücken, durch irgend eine boshafte Hand angeheftet, seine eigene Visitenkarte trägt.
Anna fürchtete aber fast, den Scherz zu weit getrieben zu haben, lenkte also ein, speiste den Vater mit einer ausweichenden Antwort ab, und war dann sehr beschäftigt, das Abendessen herzurichten und aufzutragen, wich aber sorgfältig jeder Erklärung von Curtis Seite aus, ja ging sogar ebenfalls hinaus, als sie merkte, daß sie der Vater nach Tische auf's Neue mit dem jungen Manne allein lassen wollte, und überzeugte die beiden Herren der Schöpfung gar bald, daß sie auf die Pläne, die sie zu brüten beliebten, nicht einzugehen gesonnen sei.
Curtis verzehrte sein Abendbrot sehr traurig — es war ihm, als ob ihm die Bissen im Munde stecken blieben, er verbrannte sich zweimal den Mund und nahm einen Löffel voll Senf statt braunem Zucker in den Kaffee; die Mahlzeit wurde auch sehr abgekürzt — der alte Ewis führte allein das Wort, erzählte ein paar lange Geschichten von einer Kuh, die ein Panther gefressen haben sollte und die nachher wieder plötzlich zum Vorschein gekommen war, und endlich konnte sich Curtis zurückziehn und sein stilles, einsames Lager suchen.
Sinnend verträumte er einen Theil der Nacht, aber auch frischen, neuen Lebensmuth sog er aus diesen Träumen. Weshalb sollte er sich bei dem zweiten, eigentlich nurerstenVersuche abschrecken lassen, denn bei Trumbells war er ja nicht einmal an's Haus geritten. Nein — noch gab es mehr und recht hübsche Mädchen in der Ansiedlung, und solche auch wahrscheinlich, die seinen eigenen Werth, wie den seines kleinen Negers und seiner hundert und fünfzig Dollar zu schätzen wußten, ohne des anderen Eigenthumes zu gedenken.
Fest entschlossen also, den Muth nicht sinken zu lassen, hüllte er sich dicht in die weiche Steppdecke ein und Gott Morpheus nahm ihn sanft in seine Arme.
Am nächsten Morgen war er schon vor Tagesanbruch auf und besorgte sein Pferd; dringende Geschäfte riefen ihn, wie er dem alten Ewis sagte, noch weiter am Fourche la fave hinauf, und Miß Anna nur einen guten Morgen durch die Thüre zurufend; als er, schon im Sattel, am Hause vorbeiritt, drückte er dem alten Manne herzlich die Hand und sprengte auf der Countystraße weiter.
»Nein Curtis,« sprach er aber dabei mit sich selber, »wegwerfen thust Du Dich auch nicht; bitten und betteln ist Deiner unwerth, Du bist ein ordentlicher Kerl und hast« — er griff plötzlich dem Pferd in den Zügel und hielt in seinem Selbstgespräch und im Reiten an. Ein Gedanke durchzuckte ihn — »ich glaube, Miß Anna hat sich über meinen kleinen Neger lustig gemacht — sie lachte auf eine höchst unanständige Art, als ich ihn erwähnte — nun gut,« fuhr er, dem Braunen den linken Sporn wieder eindrückend, fort, indem dieser einen, der Anreizung entsprechenden Seitensatz that, und dann pfeilschnell mit ihm unter den thauträufelnden, duftigen Zweigen davonflog, »nun gut — wir werden ja sehn. Doch Miß Anna — dieEinzigesind Sienichtin der Ansiedlung — Sie wahrhaftig nicht.«
Aber armer Curtis! — wieder und immer wieder solltest Du Deine Hoffnung, Dein felsenfestes Vertrauen getäuscht und betrogen sehen; wieder und immer wieder fandest Du Dich verschmäht, zurückgewiesen und ach, an vielen Orten gar verspottet.
Am rechten Ufer des Fourche la fave, kam ihm ein Ansiedler, den er noch gar nicht kannte, sogleich mit der Frage entgegen: »Ach, Sie sind der, der den kleinen Neger und die hundert und fünfzig Dollar hat, nicht wahr?« An anderen Orten liefen die Mädchen hinaus, wenn er kam, ließen sich von dem Ersten Besten ihr Pferd satteln, und galoppirten zur nächsten Ansiedlung, dahin schon die Kunde von dem wandernden Freier tragend, und Curtis hielt endlich, am dritten Tag spät Abends an der Farm eines Freundes, der, ziemlich abgelegen von den übrigen Ansiedlungen, auch wenig, selbst mit seinen nächsten Nachbarn zusammenkam und verkehrte.
Peterson hatte zwei hübsche Töchter, recht liebe und brave Mädchen, neben diesen aber noch die Tochter eines Bruders, der in Texas gestorben. Fanny, so hieß die Jungfrau, stammte aus Georgien, wo ihr Vater damals eine kleine Banmwollenplantage besaß, und war ein sehr schönes, dunkeläugiges und heißblütiges Kind, aber auch toll, wild und ausgelassen, und ihr Onkel hatte sich schon früher einmal bei Curtis darüber beklagt, daß sie es sich in den Kopf gesetzt hätte, einen jungen Bengel zu heirathen, der —Advokatwäre. »Ein Mensch, der erstlich einmal schon Advokat sei,« hatte er dabei geäußert, »solle nie, so lange er lebe und athme, eines von seinen eigenen, noch seines Bruders Kindern zur Frau bekommen, wenneres verhindern könne — ein Advokat, der den Leuten weißmache, roth sei blau und grün schwarz! nein wahrhaftig nicht.« Hatte nicht noch überdies im vorigen Herbst derselbe Lasse seinem Nachbar durchgeholfen, der angeschuldigt war, eine von Peterson's Kühen geschlachtet zu haben? und hatte nicht er — Peterson selbst, die Haut von der Kuh, »auf die er das Sakrament nehmen wollte,« über dessen Fenz hängen sehen? nein — ein Mensch, der so etwas zu thun im Stande sei, der sei zuAllemfähig. Überdies konnte er nicht einmal einen Maiskolben von einer Waizenähre unterscheiden, und hatte ihn selbst — er konnte das beschwören — gefragt, ob die Baumwolle auf solchen Bäumen wüchse, wie sie hier im Bottom ständen und die Baumwollenbäume hießen.
Und so ein Mensch sollte einmal Besitzer von einer Baumwollenplantage werden? nein — Fanny war erst achtzehn Jahr alt, und bis zum ein und zwanzigstenmüßtesie bei ihrem Onkel bleiben; nachher würde sie schon Vernunft angenommen und eingesehen haben, daß ihr alter Onkel ehrlich und trefflich für sie gesorgt, indem er sie vor einem solchen Schritte bewahrte.
Dies Haus betrat jetzt Curtis und wurde herzlich von Allen empfangen; ja so herzlich, daß er schon hoffte, jenes unglückselige Gerücht über seinen kleinen Neger sei nicht bis hierher gedrungen, und sich heimlich zuschwor, auch keine Sylbe davon zu erwähnen; aber leider schienen die beiden Misses Peterson recht gut zu wissen, was den armen Mann zu ihnen geführt hatte, und wenn sie auch, emsig mit ihrer Arbeit beschäftigt, kein Wort, keine Sylbe äußerten, so verriethen doch dem jetzt schon mißtrauisch Gewordenen einzelne verstohlene Blicke den kleinen lachenden Teufel, der in den Herzen der Waldschönen lauerte.
Ganz anders benahm sich dagegen Fanny; sie setzte sich zu ihm — plauderte mit ihm, war ernst und gesetzt und sah ihn dabei ein paar Mal, wenn sie sich unbeobachtet glaubte — Curtis hatte es deutlich gemerkt — so forschend, so theilnehmend an, daß ihn einmal, als er diesem dunklen, fest auf ihn haftenden Auge begegnete, ein eiskalter, aber unendlich wohlthuender Schauer durchrieselte, und er sich schon in's Geheim drei oder vier keineswegs schmeichelhafte Ehrentitel beilegte, nicht gleich von allem Anfang an hierhergeritten zu sein. Er ließ sich diese kleinen Zeichen denn auch nicht zweimal gesagt sein lassen — rückte näher zu ihr, und fing nun an, um gleich mit etwas Schmeichelhaftem zu beginnen, das selbstgewebte Zeug zu loben, was sie trage, und meinte dabei:
»Ja Miß Fanny, es steht einem jungen Mädchen Nichts auf der weiten Welt besser, als der Stoff, den es selbst gesponnen und gewebt — das, ist der Grundstein der Häuslichkeit, und ein Mann — «
»Das Zeug hab' ich gewebt, Mr. Curtis,« sagte Kitty, die jüngste, mit einer etwas malitiösen Betonung auf dem Pronomen.
Curtis saß da wie vom Schlag getroffen, Fanny riß ihn aber schnell aus der Verlegenheit, indem sie versicherte, sie habe sich zu Hause all ihr Zeug selbst gewoben und hielte es auch für passend, daß eine Hausfrau das thun solle.
Curtis lebte wieder auf, die ganze alte Scheu verlor sich, er wurde gesprächig und hatte wirklich mehrere ausgezeichnete Einfälle, über die Fanny ganz besonders lachte, der alte Peterson sich aber ausschütten wollte. Diesen schien übrigens die Zuneigung, die seine Nichte zu dem einfachen Farmer gefaßt, herzlich zu freuen (denn daß Curtis blos darum gekommen sei, um eins der Mädchen anzuhalten, darüber war Niemand in der ganzen kleinen Gesellschaft mehr zweifelhaft). »Gott sei Dank,« dachte er bei sich selber, »hat sie doch endlich den verwünschten Advokaten vergessen; ich wußte es aber wohl, derRechtemußte nur kommen; das ist mit allen Mädchen so.«
Das Abendessen war verzehrt — der alte Peterson hatte sich, sehr vernünftiger Weise, zu Bett begeben; dem Gast war, »wenn er sich niederlegen wolle, sein Bett gezeigt« und Kitty und Rosy beendeten ebenfalls mit manchen einander heimlich zugeflüsterten Bemerkungen ihre Arbeit, verschwanden dann urplötzlich hinter einer breiten, an den oberen Querbalken des Hauses aufgehangenen Matte, und Curtis fand sich mit klopfendem Herzen allein neben Fanny am Feuer sitzen.
Er gedachte der Zeit, wo er, ganz auf ähnliche Art, seiner ersten Frau die Leidenschaft gestanden, die er fühlte, und wieder drohte ihm ein unbeschreiblich ängstliches Gefühl die Kehle zuzuschnüren, denn wenn er auch in den letzten Tagen für solche Erklärungen etwas abgestumpft geworden war, da er die Gelegenheit gehabt mehrere zu geben, so fühlte er doch, daß hier Alles — Alles für ihn spreche, denn Fanny wäre sonst nicht allein zurückgeblieben, und die Liebenswürdigkeit selbst gewesen.
So sehr er aber auch den Augenblick herbeigesehnt, wo er mit ihr allein sein würde, so schien es doch, als ob er, der noch vor so kurzer Zeit der Redseligste gewesen, plötzlich die Sprache verloren hätte, und er nahm wieder, aus lauter Verlegenheit, sein Messer aus der Scheide und fing an zu schnitzeln.
Fanny saß ihm gegenüber, an der andern Seite des Kamins, also so weit wie nur irgend möglich von ihm entfernt. Curtis hätte zwar um's Leben gern ihr seinen Stuhl näher gerückt, aber er wagte es nicht, er wußte keine Ausrede, die das auch nur im Mindesten entschuldigen konnte, und doch fühlte er wie die Zeit verrann, und er sich lächerlich machen würde, wenn er noch länger so still und stumm wie der Klotz, der neben ihm zum Nachlegen lehnte, da saß.
Mit einem tiefen Seufzer sprengte er endlich die Fesseln, die seine Zunge in Banden hielten und sagte zögernd:
»Miß Fanny — sind Sie noch nicht müde?« — er fühlte, sobald ihm die Worte über die Lippen waren, daß er auf der weiten Gotteswelt Nichts Dümmeres hätte sagen können, aber es waren doch wenigstensWortegewesen, die vielleicht den Zauber gebrochen hatten.
Um Fanny's Lippen spielte bei dieser endlichen Frage ein leises, leises Lächeln; es zuckte ihr nur so durch die Korallenlippen, und für einen Augenblick stiegen, wie Bläschen aus einem Crystallbecher, zwei leichte, wunderliebliche Grübchen empor auf den rosigen Wangen; sie verschwammen aber fast eben so schnell, wie sie entstanden in der Sammethaut und nur mit leiser Stimme sagte sie:
»Freilich würde es eigentlich Zeit sein schlafen zu gehen, und ich weiß nicht — « »Miß Fanny,« stotterte Curtis.
»Onkel schläft schon,« meinte Fanny — »wir werden ihn wieder aufwecken durch unser lautes Reden.«
Curtis ließ sich das nicht zweimal sagen; blitzesschnell war er von seinem Stuhle auf und rückte diesen neben das schöne, leichterröthende Mädchen.
»Dann brauchen wir doch wenigstens nicht so laut zu sprechen,« meinte er.
»Aber Mr. Curtis.«
»Ach Miß Fanny,« seufzte Curtis, der jetzt einmal im Gang, auch alle Furcht und Scheu überwunden hatte, »Sie müssen es lange gemerkt haben, daß ich Sie liebe; wissen Sie wohl noch das letzte Klötzeroll-Fest?« Fanny nahm die kirschrothe Unterlippe zwischen die Perlzähne und blickte still vor sich nieder. »Ich bin allein,« fuhr Curtis jetzt selbst mit niedergeschlagenem Blicke fort — »ich habe Niemanden zu Hause, der — der Theil an mir nimmt — oder der — der mich lieb hätte; ich — ich habe lange gewünscht, — lange gewünscht ein Herz zu finden, das — das gern in meiner Nähe wäre. Da bin ich denn hierher gekommen — Miß — Miß Fanny.«
Fanny spielte verlegen mit der Schnur der Kugeltasche, die an der Seite des Kamins neben ihr herunter hing. —
»Und wollte Sie fragen, Miß« — fuhr Curtis mit angehaltenem Athem fort — »ob Sie — ob Sie Ihr Schicksal mit einem Manne theilen wollten, der — der es brav und ehrlich meint, und Alles thun wird, was in seinen Kräften steht, Sie glücklich zu machen.«
Ein tiefgeholter Seufzer kündete jubelnd die vollendete Erklärung, das Abrollen des Felsengewichts, das bis zu dem Augenblick seine Brust beängstigt hatte.
Fanny sprach kein Wort, nur manchmal warf sie einen ängstlichen Blick nach der Thür und nach dem kleinen Fenster, das, mit einer dünnen weißen Gardine verhangen, dem Kamin gegenüber angebracht war.
»Miß Fanny,« flüsterte jetzt, durch dies bedeutungsvolle Schweigen kühn gemacht, der Glückliche — »Miß Fanny, ich bin auch kein hergelaufener Squatter, der Nichts hat, als seine Axt und Büchse, und mit jedem neuen Frühjahr auch wieder eine neue unbewohnte Gegend aufsucht — ich habe ein recht wohnliches Haus mit einer kleinen Küche und dem Rauchhaus — neun Acker urbar gemachtes und gut eingefenztes Land, auch ein kleines Rübenstück — zwei ausgezeichnet gute Pferde — sieben und dreißig Stück Rindvieh, einige vierzig Schweine, eine vorzügliche Stahlmühle, vier Hem — die beste Büchse im ganzen Revier und einen kleinen Neger von — «
Curtis hielt plötzlich inne; der Neger war ihm wider Willen herausgefahren, und Fanny barg plötzlich ihr Gesicht im Taschentuch und wandte sich ab — Hals und Nacken färbten sich ihr hochroth; — lachte sie ihn aus?
Eine peinliche Pause entstand — um Gotteswillen — sie schluchzte.
»Ach Gott! — Miß Fanny — was fehlt Ihnen? habe ich Sie durch irgend etwas gekränkt oder beleidigt? o mein Himmel, so reden Sie doch — Sie bringen mich zur Verzweiflung.«
»Mr. Curtis,« flüsterte endlich das schöne Mädchen noch immer hinter dem Tuche vor —
»Miß Fanny,« bat Curtis.
»Für wie eigennützig — niedrig denkend müssen Sie mich halten, daß Sie mir Ihre Reichthümer aufzählen, als ob Sie glaubten, dadurch mein Herz bestechen zu wollen.«
»Miß Fanny!« sagte Curtis, und war wie vom Schlag gerührt; Scham und Freude rangen in seiner Brust um die Oberherrschaft. Scham, da er fühlte, wie Recht sie hatte; — Freude aber, da dieser Ausbruch des Gefühls ein sicheres Geständniß ihrer Zuneigung zu ihm war. Die Freude trug aber nach kurzem Ringen den Sieg davon.
»Fanny,« flüsterte er und faltete bittend die Hände — »Fanny — wollen Sie die Meine sein?«
Fanny, mit noch immer abgewandtem, verhülltem Gesicht reichte ihm ihre Hand, die er glühend an seine Lippen preßte.