Der Gesangverein

Mitten in einem Steinbruch lag ein Tümpel, der von großen Blättern beschattet war, und wo der Gesangverein »Froschenia« seine Übungen abhielt. Jeden Donnerstag Abend.

Es war ein feiner Gesangverein, und nur feine Leute sangen mit. Waren andere Elemente eingetreten, so wurden sie rechtzeitig hinausgeekelt. Sämtliche Mitglieder hatten Grün als ihre Farbe erwählt, und so erschienen bei den Übungen die Damen in grünen Roben, die Herren in ebensolchen Fracks, mit weißen oder gelben Piquéwesten*.

* Die Verpflichtung, nur grün gekleidet den Übungen beizuwohnen, hielt auch Unbemittelte fern. Sie waren nicht erwünscht.

Es war kurz vor acht Uhr. Man fand sich immer ein paar Minuten vor der Zeit ein, teils um des notwendigen, sehr beliebten Flirts willen, teils um die ebenso berechtigte Medisance zu Wort kommen zu lassen.

Nur die ganz jungen Fräuleins kamen naiv um des Singens willen, sie schwärmten aber für den Kapellmeister. Daß er verheiratet war, tat nichts zur Sache, da die Backfische gänzlich wunschlos schwärmten.

Der Meister kam und bestieg sein Pult.

»O Gott!« sagten die ganz jungen Fräuleins und sahen sich errötend an.

Die älteren Damen warfen sich bedeutungsvolle Blicke zu; denn der Musiker hatte mit einer unter ihnen einen kurzen Gruß getauscht. Man wußte, daß sie einander sehr genau kannten.

»Ekelhafter Patron,« näselte ein Student, »glaubt sich hier Hahn im Korb.« Die Studenten waren wütend, weil sie von den Backfischen nicht beachtet wurden; die hatten nur Augen für den verehrten Meister.

Der Kapellmeister gab das Zeichen zum Beginn. Man übte aus Carmen.

»Ich bitte die Bässe gefälligst beginnen zu wollen!« rief der Dirigent. Alle erhoben sich, und: Mut in der Brust, siegesbewußt! erscholl es unter den großen Blättern.

»Halt! Etwas mehr Feuer, muß ich bitten!« rief der Kapellmeister. Also noch einmal: Mut in der Brust, siegesbewußt! Diesmal wurde der Chor zu Ende gesungen.

»Meine Herren,« schrie der Musiker, »ich habe Sie singen lassen, um einmal den vollen Eindruck eines derartigen Singsangs zu bekommen! Meine Herren! Ist das gesungen? Das ist geleiert. Haben Sie denn keine Ahnung, was das ist: Mut in der Brust? Hat denn noch keiner von Ihnen Siegesbewußtsein empfunden! Mut ist – –«

Da patschte es im Wasser, ein roter Schnabel wurde sichtbar, und ein paar lange Beine traten mitten zwischen die grünen Herren und Damen.

Eine Sekunde lang war alles starr; dann sprangen,huschten, schwammen und quiekten sie durcheinander und waren im Nu verschwunden. Der Storch hatte das Nachsehen und schrie höhnisch: »Jawohl! Mut in der Brust! Ihr seid mir die Rechten!« Dann suchte er sich anderswo sein Nachtessen.

Es dauerte eine lange Weile, ehe sich einer der Herren Frösche hervorwagte, dann ein zweiter und dritter. Endlich war die ganze Gesellschaft wieder beisammen. Sie waren noch ganz aufgeregt von dem Abenteuer. Der Dirigent begab sich an sein Pult, bedeutend milder gestimmt, klopfte dreimal mit seinem Stab und rief: »Meine Herren und Damen! Ich bitte um das Lied: Ein Veilchen auf der Wiese stand!« Das Lied wurde mit Empfindung gesungen, und mußte nur ein einziges Mal wiederholt werden.

Da aber der Meister beim Schluß des Liedes die Augen jedesmal nach der vorerwähnten Dame verdrehte, begann ein Backfisch zu kichern, andere fielen ein, es lachten die älteren Fräuleins, es lachten die Damen, die Herren, zuletzt alle.

Wütend klopfte der Kapellmeister.

»Ich bitte die ungezogenen Backfische den Saal zu verlassen!« schrie er.

»Was! Ungezogenen Backfische!« brüllten die Studenten, »das lassen wir uns nicht gefallen!« Sie stürmten das Dirigentenpult, packten den armen Musiker an den Beinen, und in hohem Bogen flog er ins Wasser.

Die Übung war aus. Arm in Arm verließen die Studenten mit den Backfischen das Lokal. Diese schwärmten nun für ihre Verteidiger, die ihren Vorteil wahrnahmen. Hinter jedem Blatt saß ein Pärchen.

Die Damen waren vorsichtiger; sie trafen sich mit den betreffenden Herren erst weit draußen und benutzten die Schatten der Binsen.

Die älteren Herren aber zogen in den »Goldenen Frosch«, um den heutigen Abend durchzusprechen. Die Stimmung war sehr animiert, es wurde viel getrunken. Nach Mitternacht schwankte eine Reihe grünbefrackter Gestalten nach Hause und sang: Mut in der Brust, siegesbewußt! mit so viel Verve und Feuer, daß auch der Kapellmeister zufrieden gewesen wäre!

Im Hühnerhof war große Gesellschaft. Von überall her waren die Hühner und Enten eingeladen. Zu einem Gericht frischer Maikäfer hieß es, in Wahrheit aber um die neue Nachbarin in Augenschein zu nehmen. Es ging das Gerücht in der Gegend, daß sie eine Andalusierin sei. Und das mußte wahr sein, denn tief schwarz war das Gefieder, und blau die Bäcklein, wirklich blau. Andere Spanier, Minorka zum Beispiel, hatte man ja auch schon gesehen, aber Andalusier noch nie.

Die Fremde benahm sich wirklich nett. Sie begrüßte jede der Hennen einzeln, und nur ganz kurz den Hahn.

Sie beantwortete sämtliche Fragen mit »Ja« oder »Nein«. Selber fragte sie nichts.

Nur bei den Hennen, die Junge hatten, forschte sie eifrig, ob alle die Kleinen gesund seien, und fügte hinzu, daß sie selten so hübsche Jungen gesehen habe.

Diese weise Frage hatte sie von ihrer Großmutter.

»Kücken,« hatte die gesagt; »du gehst nun in die weite Welt. Klug bist du nicht. Also gibt es für dich nur zweierlei zu beobachten: Begegnet dir ein Hahn, so sei schweigsam, und begegnet dir ein Huhn, so lobe seine Jungen. Beide werden deine Klugheit preisen.«

Die einzige Klugheit des spanischen Kückens war aber die, daß es seiner Großmutter gehorchte. Und auch diese Klugheit verdankte es nur seiner Dummheit. Es fiel ihm leichter zu gehorchen, als selbst zu denken.

Der Rat des alten spanischen Huhnes bewährte sich.

»Es ist wirklich eine gescheite Henne,« sagten die mütterlichen Hühner.

»Das ist sie,« bestätigte der Hahn und fügte anzüglich hinzu: »Wenigstens gackelt sie nicht den ganzen Tag wie gewisse andre. Sie muß klug sein.«

Nun war die Parole ausgegeben. Die kluge Spanierin wurde sie überall genannt.

»Sie kann reizend zuhören,« sagten die guten, schwatzhaften Hühner und merkten nie, daß die Fremde bei ihren Erzählungen die Augen geschlossen hatte und träumte.

»Und so bescheiden ist sie,« sagte die alte Ente. Sie konnte es nicht leiden, wenn ihr jemand widersprach, ganzbesonders wenn es junge Leute waren. Die Jungen hatten »Ja« zu antworten, und damit basta.

Und »Ja« antwortete die Spanierin immer, warum hätte sie »Nein« sagen sollen? Es war ihr ja ganz gleichgültig, was die Alte da behauptete.

Der Hahn aber liebte seine schwarze Andalusierin sehr. Sie bewunderte ihn schweigend. Mit kindlichen, runden Augen sah sie zu ihm auf. Sie schwieg, wenn die anderen gackelten. Sie lief immer dicht hinter dem Hahn und ging nie eigene Wege. Auch hatte sie nie eine eigene Meinung.

Später hatte die Spanierin Junge. Reizende, schwarze, kleine Geschöpfe. Sie hütete und fütterte sie und lief nie von ihrer Seite. Das tut ein Huhn aus Instinkt, dazu braucht es keinen Verstand.

Als sie aufwuchsen, gab es freilich Hindernisse.

»Was muß ich tun, um in der Welt fortzukommen?« fragte einer der jungen Gockel.

»Du mußt »ja« und »nein« sagen und die Kücken der Hennen loben,« sagte das Huhn. »Das hat mich meine Großmutter gelehrt, und ich bin gut damit ausgekommen.«

Das Huhn sah nicht, daß hinter dem Zaun eine schöne, bunte Katze saß, mit feurigen, gelben Augen, die das Gockelchen unverwandt anstarrte. Es lief auf sie zu. Die Katze packte es und trug es im Maul davon.

»Was muß ich tun, um in der Welt fortzukommen?« fragte auch eines der jungen Hühnchen.

»Du mußt dem Gockel gefallen, das hat schon meine Großmutter mich gelehrt,« sagte das spanische Huhn und warnte das Hühnchen nicht vor dem Habicht, der mit gierigen Augen über dem Hühnerhof kreiste. Er schoß herab und packte das Hühnchen mit seinen scharfen Krallen.

Auch die andern Kücken kamen gelaufen.

»Was ist das Schönste in der Welt?« fragten sie.

»Das Schlafen,« sagte die Andalusierin und schloß ihre Augen. Die Kücken schlossen auch ihre Augen.

Sie sagten des ganze Leben »ja« und »nein«. Sie fraßen und schliefen.

Als das spanische Huhn starb, hielt der Hahn die Grabrede. Er nannte die Andalusierin die Klügste des Hühnerhofes.

»Des Hühnerhofes,« nickte klappernd der Storch und flog davon.

In der Schafherde lebte ein alter Bock. Er war nicht liebenswürdig gewesen, als er jung war, und er glaubte nun das Recht zu haben, noch viel weniger liebenswürdig zu sein, da er alt geworden. Um seines Alters willen mußte die ganze Herde sich ihm beugen. Einzig gegen die jungen Schäfchen war er freundlich, und die hätten es lieber gehabt, wenn er weniger artig gewesen wäre. Dies fanden auch die jungen Böcke. »Das Recht des Alters« nannte es der Schafbock, wenn er an den Lämmern herumschnüffelte.

Er hatte aber noch andre Eigenschaften.

Meistens erzählte er lange, langweilige Geschichten, und vergaß im Laufe der Erzählung das Ende. Er fing dann von vorne an und erzählte die Geschichte noch einmal. Aber dann passierte es ihm leicht, daß er die Pointe einer andern Erzählung dieser anfügte. Das merkten aber nur die andern, er selbst nie.

Man sah es ihm immer an, wenn er erzählen wollte, er hatte dann einen matten, in sich gekehrten Blick. Wer ihn bemerkte, nahm Reißaus. Nur die ganz Jungen nicht, die sahen nie, was ihnen drohte; noch nicht einmal merkten sie es, wenn der Alte sie zu sich rief.

»Laßt euch einmal erzählen, wie zu meiner Zeit die Alten behandelt wurden,« sagte er dann, und die Helden seiner Geschichten wurden jedesmal tugendhafter, und die Böcklein,die zuhörten, kamen sich jedesmal gemeiner vor, wenn sie sich mit den Altersgenossen des alten Schafbockes verglichen. Aber wieder nur die ganz Jungen.

Die andern kannten die Form, nach der die schönen, moralischen Lügen geprägt wurden.

Der alte Bock hatte aber nicht nur Belehrendes zu erzählen. Stand er unter den Schafen, so ging es nach einer andern Melodie, und hatte er sich gar an die Jungen herangeschlichen, so hörte er überhaupt mit Erzählen auf, und die Lämmlein mußten sich von ihm lecken lassen, so sehr ihnen vor seinen kahlen Stellen im Pelz und seinen roten Augen ekelte.

»Denkt, ich sei euer Großvater, meine Lämmchen,« sagte er. Aber das dachten sie nicht und sprangen bei der ersten Gelegenheit davon.

Der alte Schafbock hörte nicht mehr gut, deshalb mußte jedes Wort, das in seiner Gegenwart gesprochen wurde, wiederholt werden, auch das gleichgültigste.

»Das ist das Recht des Alters,« behauptete er auch da. Zudem nahm er alles übel, und die Jungen mußten um Verzeihung bitten, wenn sie es schon nicht böse gemeint hatten.

»Das ist die Pflicht der Jugend,« sagte er. Er hatte auch ein schlechtes Gedächtnis und wiederholte fortwährend dasselbe. Wenn den andern die Geduld ausging, und sie über ihn weg zusammen redeten, wurde er wütend.

»Nie wäre so etwas zu meiner Zeit möglich gewesen,«schrie er. »Die heutige Jugend ist entartet, der Respekt vor dem Alter ist tot!«

»Warum soll man eigentlich gerade vor dem Alter Respekt haben?« fragte ein kräftiges Böcklein.

»Warum? Warum?« Der Alte schnappte nach Luft. Er erstickte fast vor Zorn. Er schnaufte und nieste und schäumte und bespritzte die Umstehenden. Aber als er fertig war, fand er doch keine Antwort.

»Darum!« mähte er endlich heiser. »Ich verlange Respekt von euch, das ist mein Recht! Ihr habt zu schweigen, wenn ich rede, ihr habt zuzuhören, wenn ich erzähle, ihr habt stillzuhalten, wenn ich euch liebkose. Ihr habt mir nicht zu widersprechen, wenn ich etwas behaupte, und ihr habt mich zu ehren und zu lieben und zu achten.« Erschöpft schwieg er.

»Warum?« fragten sie wieder. »Wir wollen wissen warum!«

»Weil ich alt bin!« Der alte Schafbock ging seinem Stalle zu, um zu schlafen.

»Wenn er freundlich wäre,« sagten die Schafe, »wir wollten ihm gerne helfen und ihm dienen!«

»Wenn er würdevoll wäre,« sagten die jungen Böcklein, »wir wollten ihm gerne gehorchen.«

»Wenn er weise wäre,« sagten die alten Schafe, »wir hörten gerne seine Lehren. Aber er ist nur alt. Hat er darum ein Recht auf unser aller Wohlbehagen?«

»Nein,« schrien alle, »er hat keines! Wir wollen ausziehenund uns belehren über die Rechte des Alters.« Die ganze Schafherde ging über Land.

Sie fanden ein altes Pferd auf der Weide. Still und ruhig graste es. Sprangen unerfahrene, junge Pferde zu nahe an den Fluß, so hielt es sie auf. Den Füllen wehrte es die Fliegen. Wollten die Pferde in wildem Jagen ihre Glieder üben, so stand es beiseite, und freute sich der tollen Sprünge und gedachte dabei der eigenen Jugend. Und die jungen Pferde suchten die saftigsten Kräuter und führten das alte Pferd dorthin. Sie rieben sich schmeichelnd an ihm und scherzten mit ihm. Sie liebten es, denn es freute sich ihrer Jugend.

»Hat das alte Pferd von seinen Rechten gesprochen?« fragte der Leiter der Schafherde.

»Kein Wort!« riefen alle. Darauf fanden sie einen rissigen, uralten Baum. Hohl war sein Stamm, und dürre Äste ragten traurig zum Himmel auf. Aber fröhlicher Efeu war am Stamme in die Höhe geklettert und schmiegte sich schmeichelnd an die Eiche.

»Kann der Baum den Efeu zwingen, ihn zu schmücken, darum weil er alt ist?« fragte der Leitbock die Herde.

»Niemals,« antworteten die Tiere.

Am Bache lag ein alter, grauer Stein. Er lag mitten im Flußbett und störte den Lauf des Bächleins. Aber er hatte sich mit grünem Moos bedeckt, er hatte seine scharfen Kanten und Ecken vom lustigen Wässerlein abschleifen lassen undhörte freundlich auf sein Murmeln und Plätschern, und freute sich des munteren Gefährten, der sein Alter erheiterte.

»Warum kräuselt sich der Bach so gerne um den alten Stein?« fragte der Bock die Herde.

»Weil der Alte ihn nicht hemmt!« rief die Herde.

»So brauchen wir nicht weiter zu ziehen,« sagte der Bock. »Wir wissen nun, was wir wissen wollten.« Und sie zogen heimwärts bis zu ihrer Weide, wo der alte Bock mürrisch an der Sonne lag und schalt, daß man ihn so lange allein gelassen.

»Ich habe ein Recht, zu verlangen, daß man bei mir bleibe,« rief er und stieß die Nahestehenden mit den Hörnern.

»Fort mit dir,« schrie nun die ganze Herde. »Du hast kein Recht auf uns, nur weil du alt bist! Gehe zu Pferd, Baum und Stein und lerne von ihnen, wie man sich Liebe erwirbt.« Und sie ließen den Bock stehen und rannten leichtfüßig hinauf in die Berge, in die Sonne, zu duftendem Tymian und Vergißmeinnicht.

»Frau Mutter, wir möchten uns ein wenig in der Welt umsehen,« sagte das jüngste Hähnchen zu der Henne.

»Ja, das möchten wir,« sagte auch das älteste.

»Was heutzutage die Kinder nicht alles wollen!« Die Henne schüttelte den Kopf. »So geht! Ihr werdet bald genug wieder da sein. Und was ich sagen wollte: Seid ja recht bescheiden und drängt euch nirgends vor. Das können die Erwachsenen nicht leiden.«

Die Hähnchen machten sich eilends davon und krähten heiser und vergnügt in die Welt hinaus. Die Henne sah ihnen nach.

»Um den Ältesten ist mir nicht bange,« sagte sie zum Hahn, »aber der Jüngste.«

»Jugend hat keine Tugend,« bedeutete sie der Hahn.

Die Hähnchen zogen über das Feld, und das jüngste wurde hungrig.

»Hast du etwas zu essen?« fragte es seinen Bruder.

»Nein,« sagte der Älteste; »aber da kriecht eine fette Raupe.«

»Danke!« sagte das Jüngste, und fraß sie auf. Verblüfft sah der andere zu.

»Eigentlich hätte sie mir gehört. Ich habe sie zuerst gesehen.«

»Aber ich habe sie zuerst gefressen,« sagte ruhig das Hähnchen.

Sie liefen weiter und liefen manchen Tag, und die Welt hatte immer noch kein Ende. Es wurde ihnen fast unheimlich zumute.

»Ich wollte, ich wäre wieder daheim bei der Frau Mutter!« sagte das Älteste.

»Das glaube ich!« lachte der Fuchs, der plötzlich vor ihnen stand. »Welches von euch beiden möchte nun zuerst gefressen werden?«

»Bitte, Herr Fuchs, ich warte gerne,« sagte das jüngste Hähnchen bescheiden.

Da packte der Fuchs den Ältesten und zerriß ihn. Das Jüngste aber lief über das Feld heimwärts, so schnell es konnte. Es rannte und flog und krähte, bis es endlich bei seiner Mutter war.

»Frau Mutter,« schrie es schon von weitem, »oh, wie recht haben Sie gehabt. Bescheidenheit ist eine schöne Sache.«

»So,« sagte die Henne und sah ihren Jüngsten mißtrauisch an, »und wo hast du denn deinen Bruder?«

»Den hat der Fuchs gefressen, Frau Mutter. Und hätte ich nicht auf Sie gehört und mich unbescheiden vorgedrängt, so hätte die Sache schief ablaufen können.«

Es war einmal ein alter Uhu, der nicht mehr auf die Jagd gehen konnte, und sich von seinen Söhnen füttern lassen mußte. Da dachte er, daß er ein Buch schreiben wolle, und zwar ein Buch, in dem man sehen konnte, wie es in der Welt zugehe. Er wollte es drucken lassen für die Schulkinder.

Er ließ seine drei Freunde kommen: Den Maulwurf, den Hahn und die Schwalbe; die sollten ihm berichten, was sie von der Welt wüßten.

Es waren Leute, die viel erfahren hatten, zudem wichen sie nie von der Wahrheit ab, und dem Uhu lag besonders viel daran, daß in dem Buch nur die reine Wahrheit gesagt würde.

Sie begaben sich zusammen an den Rand des nächsten Waldes, um ungestört verhandeln zu können. Der Uhu saß im Stamm einer alten, hohlen Eiche, der Hahn ging gravitätisch davor auf und ab und der Maulwurf grub sich ein Loch, aus dem er nur den Kopf herausstreckte. Die Schwalbe aber flog auf den untersten Zweig des Baumes, unter dem sie beraten wollten.

Der Uhu nahm sein Notizbuch, spitzte seinen Bleistift, und bat den Maulwurf anzufangen. Der setzte sich in Positur und begann:

»Die Welt ist dunkel.«

»Dunkel?« fragte die Schwalbe verwundert.

»Ja, dunkel,« antwortete der Maulwurf bestimmt. »Dunkel und eng. Lange, schmale Gänge durchziehen sie, in denen man bequem gehen kann. Man macht die Gänge selbst, und hat viel Arbeit damit. Nahrung gibt es in Menge. Die Tiere besitzen alle einen schwarzen samtnen Pelz.«

»Einen schwarzen Pelz!« rief der Hahn. »Was für ein Unsinn!«

»Jawohl, einen schwarzen Pelz! Es gibt auch Maulwürfe, die einen weißen Pelz haben. Aber zum Glück sind sie sehr selten. Man verachtet sie, weil sie nicht sind wie alle andern.«

Der Uhu schrieb alles, was der Maulwurf gesagt, in sein Notizbuch. Zu einigen Mitteilungen machte er Bemerkungen. Er sagte aber nichts, sondern fragte höflich den Maulwurf, ob er noch etwas mitzuteilen habe.

»O ja,« sagte der Maulwurf, »die Hauptsache! In der Welt ist es sehr langweilig. Ein Tag ist wie der andere, und man hat nur zwei Zerstreuungen. Die eine ist das Essen. Die andere ist, daß man alle anderen Tiere über die Achsel ansieht, die nicht in der Welt wohnen und nicht leben wie die Maulwürfe. Und das ist die feinste Freude für einen Maulwurf.«

Der Uhu notierte alles. Darauf bat er den Hahn, nun auch seine Erfahrungen mitzuteilen.

»Die Welt,« begann der Hahn, »ist meistens eine lustige Sache. Genug zu essen, genug zu trinken und Hühner, soviel man will!«

»Soviel man will!« stöhnte entsetzt der Maulwurf.

»Jawohl! Soviel man will! Die Welt ist viereckig und hat einen Zaun aus Draht rings herum. Die Welt hat ein Licht am Himmel, dann ist es warm. Manchmal fallen aber weiße Fetzen vom Himmel und dann ist es kalt.«

»Weiße Fetzen?« fragte erstaunt die Schwalbe.

»Ja, und wenn die herabfallen, wird die ganze Welt weiß davon. Kein Tier legt dann Eier. Es gibt in der Welt jemand, der einem alle Tage Futter bringt. In der Welt haben die Tiere Federn und einen roten Kamm.«

»Einen Kamm?« riefen Maulwurf und Schwalbe. »Das ist nicht wahr.«

»So! Nicht wahr!« krähte heftig der Hahn. »Ich habe doch einen, und unsere Kücken haben einen, wenn sie zur Welt kommen, meine Hühner haben einen, und dann: nicht wahr! Jedes Wort ist wahr, das ich sage! Ich habe alles selbst beobachtet, ich lebe mitten in der Welt und betrachte sie von morgens bis abends.«

Der Uhu bat höflich den Hahn, sich nicht zu ärgern. Es zweifle niemand an der Wahrheit seiner Behauptungen, nur nehme eben nicht jedes denselben Standpunkt ein. Da gebe es dann leicht Differenzen.

»Das Schönste in der Welt,« fuhr der Hahn besänftigtfort, »ist der Misthaufen. Das ist eine wahre Fundgrube. Würmer, Käfer, Körner, kurz alles, was man sich wünschen kann, ist vorhanden. Das ist eine Lust, wenn alle da kratzen und scharren, picken und gackern, und nie fühlt man sich so als Mann, als wenn man auf seinem Mist steht inmitten seiner Hühner und stolz in die Welt hinauskräht.«

Ganz ergriffen hörte der Uhu zu. Zu der letzten Bemerkung des Hahns machte er ein Kreuz, damit er sie besonders sorgfältig ausarbeite.

Dann bat er die Schwalbe, nun auch ihre Beobachtungen und Erlebnisse zum besten zu geben.

»Die Welt,« fing die Schwalbe an, »ist unendlich groß. Sie besteht aus Meeren und Ländern, aus Bergen und Tälern. Das Schönste in der Welt ist, wie ein Pfeil die Luft zu durchmessen, von einem Land ins andere, Meere zu überfliegen und seine Brust dem Sturme preiszugeben.«

»Ein gräßliches Vergnügen!« wimmerte der Maulwurf, und der Hahn und der Uhu schüttelten ihre Köpfe. Der Uhu fragte nicht weiter. Es kam ihm gar zu phantastisch vor, was die Schwalbe erzählte, gar zu unwahrscheinlich und übertrieben. Jedenfalls würde er sich in seinem Buch mehr an die beiden andern halten.

Der Uhu dankte den Dreien sehr für die nützlichen Mitteilungen, und versprach jedem ein Exemplar des Buches, wenn es erscheinen würde. Er sagte, daß die Ansichten der drei Freunde weit auseinander gingen, daß aber, da alledrei ehrenwerte Leute seien, an ihrem Worte nicht zu zweifeln sei. Er werde alles sorgfältig prüfen und aus allen Darstellungen dasjenige nehmen, was ihm für die Kinder das Passendste scheine.

Nach einigen Monaten kam das Buch für die Schulkinder heraus. Lehrer Storch las in der Schule daraus vor. Es hieß da:

Die Welt ist dunkel. Oft ist eine Sonne da, doch scheint sie nicht immer. Wenn sie scheint, sehen sie nicht alle.

In der Welt haben die Tiere einen Kamm, manchmal aber einen schwarzen Pelz. Die Welt ist unendlich groß, und alles ist mit einem Zaun umgeben. Sie ist viereckig.

Das Schönste in der Welt ist der Misthaufen. Einige fliegen darüber weg und geben ihre Brust dem Sturme preis, die meisten aber krähen und suchen Würmer.

In der Welt sind enge, dunkle Gänge und darinnen verachtet man die andern Tiere. In der Welt ist es sehr langweilig, manchmal auch lustig, besonders wenn man Hühner hat, soviel man will und genug zu essen.

Viele Tiere sehen Flocken vom Himmel fallen, andere sehen sie nie.

In der Welt bringt jemand den Tieren Futter ... usw.

Als der Storch fertig vorgelesen hatte, mußten die Kinder es durchbuchstabieren, und dann mußten sie es auswendig lernen.

Der Uhu hatte es sich lange überlegt, welche der verschiedenenAnsichten der Tiere er bringen wolle, denn sie stimmten ja durchaus nicht überein. Er wollte keinen seiner Freunde ärgern, indem er etwas wegließ, auch war ihm alles gleich wertvoll und schien ihm unentbehrlich für sein Buch.

Zuletzt fand er einen Ausweg. Er machte Zettelchen, schrieb sämtliche Beobachtungen von Maulwurf, Hahn und Schwalbe einzeln darauf, warf sie dann in eine Schüssel, schüttelte sie tüchtig und fing an zu ziehen. Den ersten Zettel, den er zog, gebrauchte er für das Buch, den zweiten nicht, den dritten wieder für das Buch, den vierten nicht, und so weiter, bis er den letzten gezogen hatte.

Das war gerecht und einfach und konnte ihm keinerlei Unannehmlichkeiten zuziehen. Und so entstand das Buch.

Der Storch stattete dem Uhu einen Besuch ab und dankte ihm begeistert im Namen der heranwachsenden Jugend für das interessante Werk.

»Habt ihr es schon gehört, der Nachbar von nebenan will eine Stadtmaus heiraten!« sagte eine Feldmaus zu ihren Besucherinnen. Sie glättete ihr braunes Pelzlein und ringelte zierlich den Schwanz.

»Eine Stadtmaus? Doch nicht die Weiße mit den roten Augen, die neulich hier auf Besuch war?«

»Gerade die!«

»Jetzt hört aber doch alles auf!« jammerte eine der drei, eine fette braune Feldmaus. »Also die Weiße! Nun, der Nachbar kann sich gratulieren!«

»Warum? Was wissen Sie von der weißen Maus?« schrien aufgeregt die andern.

»Ich weiß nichts, und ich sage nichts; aber denken tue ich mein Teil.«

»Woher wissen Sie es, Frau Feldmausin?« fragten die drei und rückten näher zusammen.

»Das darf ich nicht sagen. Aber die Person, die es mir mitteilte, ist zuverlässig, durchaus zuverlässig. Wenn das unser Nachbar wüßte! Der würde sich schwer hüten, so eine zu heiraten.«

»Man sollte ihn warnen,« riefen alle; »das ist beinahe unsere Pflicht!«

»Jawohl, es ist eigentlich unsere Pflicht!« Alle nickten mit den Köpfen und sahen sich bedeutungsvoll an. Esglänzte unternehmungslustig in den beerenschwarzen Äuglein. Und die vier machten sich eilig auf, und gingen zum Nachbarn hinüber.

»Herr Nachbar, wir kommen in einer delikaten Angelegenheit.«

»Liebe Freundinnen, ihr kommt gewiß, um mir zu gratulieren. Es ist ja kein Geheimnis mehr, gar nicht.« Die vier lächelten sauersüß und wünschten Glück.

»Meine Braut ist reizend,« rief der Verliebte. Die vier nickten.

»Das ist sie, gewiß; dagegen ist nichts zu sagen.«

»Und tugendhaft,« betonte nochmals der Nachbar.

Die langen Schnurrbarthaare der Feldmäuse zitterten vor Erwartung.

»Jetzt!« sagte leise die eine, und stieß ihre Nachbarin an, damit sie reden solle.

»Herr Nachbar,« begann die Fette und räusperte sich, »es ist leider unsere Pflicht, Ihnen mitzuteilen, daß Ihre Braut ...«

»Daß meine Braut?«

»Das Lob, tugendhaft zu sein, nicht ganz verdient.«

»So,« sagte der Nachbar, »was wissen Sie denn von ihr?« Die fette Maus kam etwas aus der Fassung: Der Bräutigam blieb gar zu gelassen.

»Sie ist ... sie hatte ... kurz, man hat sie mit einer braunen Maus im Mondschein spazieren sehen!« Erleichtertsetzte sich die Feldmaus; es war eben keine Kleinigkeit, einem Bräutigam so etwas zu sagen.

»So!« sagte der Nachbar.

»So! So, sagen Sie, Herr Nachbar? Und mit diesen Grundsätzen wollen Sie in die Ehe treten? Bei so etwas bleiben Sie gelassen? Die beiden haben sich nämlich auch geküßt!« Triumphierend sah die Feldmaus im Kreise herum.

Der Nachbar lachte. Da erhoben sich alle vier würdevoll.

»Wir haben unsere Pflicht getan,« sagten sie. »Das Weitere ist Ihre Sache!« Steif wandten sie sich zum Gehen, ihre Schwänzchen fuhren aufgeregt hin und her. Sie waren schwer enttäuscht. »Wir bedauern gestört zu haben!«

»Gar nicht, aber gar nicht!« rief der Nachbar. »Die große, dunkelbraune Maus bin ich nämlich selber gewesen. Übrigens lade ich Sie alle zur Hochzeit ein.«

Und er öffnete die Türe und machte eine tiefe Verbeugung ...

In einem Wald, der noch wenig bekannt war, wurde ein Teich entdeckt. Er war viereckig, und seine Ufer waren mit Binsen bewachsen, deshalb wurde er von seinen Erforschern der »Binsenteich« genannt. Mehr wußte man noch nicht über den interessanten Ort. Bald beschloß der »Verein strebsamer Amphibien«, drei wissenschaftlich gebildete Mitglieder auszurüsten und hinzusenden in den unbekannten Wald.

Es meldeten sich eine Kröte, eine Ringelnatter und ein Enterich. Letzterer war zwar nicht Mitglied des Vereins, hatte aber doch schon öfters Vorträge gehalten, und da er Fachmann in allem, was Tiefteicherforschung hieß, war, so hatte man sein Anerbieten gern angenommen.

Die Expedition begann ihre Reise gemeinsam, beschloß aber bald, sich zu trennen, um ja recht verschiedene und subjektive Resultate zu gewinnen. Die Kröte sollte die Ufer und die Flora des Teiches als ihr zu erforschendes Gebiet betrachten, die Ringelnatter die Fauna, der Enterich aber die Tiefen, sowie die allgemeine Bodenbeschaffenheit usw.Sie trennten sich, nachdem sie den Zeitpunkt der Rückreise bestimmt hatten.

Die Kröte hüpfte langsam vorwärts, ruhte sich von Zeit zu Zeit aus, wartete, bis sich irgendein Insekt dicht vor ihre Nase setzte, und hüpfte, wenn sie gegessen und verdaut hatte, weiter. Sie brauchte lange Zeit, bis sie endlich beim Binsenteich ankam.

Am ersten Tag erholte sie sich von ihren Strapazen.

Am zweiten fragte sie eine Ameise, die vorüberlief, was es denn hier für Blumen gäbe?

»Blumen?« fragte diese verwundert, »Blumen gibt es keine hier! Ich wenigstens habe noch keine gefunden.«

»Schön, schön,« sagte die Kröte bedächtig, »da kann ich es mir ja bequem machen.« Sie setzte sich in den Schatten eines großen Klettenblattes und schlief ein. Am dritten Tage machte sie sich an die Erforschung des Teiches und seiner Ufer. Sie hockte auf einem Stein, ließ sich von der Sonne bescheinen und sah sich rings um. Aber sie sah nichts. Es schien ihr ein Teich zu sein wie ein anderer. Als sie dies alles in ihr Notizbuch eingetragen, schlief sie wieder ein und wachte nur des Abends auf, um etwas Nahrung zu sich zu nehmen.

Die Ringelnatter war indessen auch nicht müßig gewesen. Sie war bald beim Teich angekommen und schlüpfte nun eifrig, ihrer hehren Aufgabe eingedenk, durch die Binsen.

Sie begegnete einer Wildente, die sich eben auf die Jagd begeben wollte, und nahm diese sofort in ihre Dienste.

»Wie steht es hier mit der Fauna, meine liebe Ente?« fragte leutselig die Ringelnatter.

»Ausgezeichnet,« berichtete diese, »ganz ausgezeichnet. Die Frösche sind so zart wie nirgends sonst, auch Wasserschnecken gibt es in Menge, ebenso Fischlein, und der Sand, den man zum Verdauen braucht, ist weiß und fein. Vor Hunden und Menschen ist man durchaus sicher.«

Der Ringelnatter lief das Wasser im Maul zusammen.

»Wie wäre es, meine liebe Ente, wenn wir erst ein wenig jagen würden?«

»Um der größeren Wahrheit meines Berichtes willen wäre das sogar dringend notwendig.« Und die beiden begannen die Jagd. Lautlos glitt die Natter am Ufer hin, erhaschte da einen armen Frosch, der sich an dem schönen Sommermorgen seines Lebens freute, packte dort eine ahnungslose Schnecke, oder ein unerfahrenes Fischlein, und bereicherte ihr Wissen auf diese Weise rasch und angenehm.

Auch der Enterich war beim Teich angekommen. Als er sich von seinen Kollegen getrennt hatte, fiel ihm ein, er könne doch seine Braut, eine reizende schneeweiße Pekingente,mit auf die Reise nehmen, und kaum war der Gedanke in ihm wach geworden, als er sich auch schon auf dem Weg dorthin befand.

Die junge Ente war entzückt, daß sie an einer so interessanten und hochwichtigen Expedition teilnehmen sollte, packte rasch das Nötige – Öl zum Schmieren ihrer Federn und einen Lappen zum Reinigen – zusammen, und machte sich mit ihrem Enterich auf den Weg.

Als sie beim Teich angekommen waren, stürzten sie sich alle beide in das Wasser, tauchten, schwammen, bespritzten einander, und ruderten zuletzt friedlich Seite an Seite, sich mit den Schnäbeln zärtlich berührend und die schwarzen Augen verliebt verdrehend. Dann suchten sie sich ihre Mahlzeit, was nicht schwer war, da es von fetten Tieren aller Art wimmelte. Nachher schliefen sie, und dann gingen sie in den Wald spazieren.

So trieben sie es den ganzen Tag, und fingen am nächsten Morgen von vorne an. Daß der Enterich den Binsenteich erforschen sollte, hatten sie ganz vergessen. Endlich fiel es ihnen ein, gerade am letzten Tag. Aber der Enterich verließ sich auf alles, was er schon wußte und gelesen hatte, und auf seine Gabe, zu improvisieren.

Darum machte er sich fröhlich und guter Dinge auf die Heimreise, und traf an dem vereinbarten Ort mit der Kröte und der Ringelnatter zusammen. Letztere war dick und fett geworden, konnte sich nur langsam fortbewegen und litt an Verdauungsstörungen. Die Kröte aber sah ganz schlaftrunken aus. ... Sie hatte sich das Datum ihrer Abreise aufgeschrieben, das Papier an einen Baum geheftet, und eine junge Haselmaus gebeten, sie zu wecken, wenn sie etwa schlafen sollte. Dann hatte sie weitergeschlafen.

Die drei fingen nun an, sich zu unterhalten über alles, was ihnen am Teich aufgefallen war. Der Enterich sprach sehr geschickt, begeistert, erfüllt von seiner Mission, ließ auch merken, daß ihm viel Neues und Wunderbares aufgefallen und vorgekommen sei, und daß es manche Überraschungen geben werde.

Die Ringelnatter fühlte sich etwas bedrückt. Es wollte ihr nun doch scheinen, als ob die großen Hoffnungen, die der Verein strebsamer Amphibien auf sie gesetzt, nicht so recht erfüllt würden. Sie durchlas deshalb zu Hause sämtliche Bücher, die über Teichfauna handelten, notierte sich mancherlei, und ging nun ziemlich getrost dem Augenblick entgegen, wo sie in öffentlichem Vortrag dem Publikum ihre Entdeckungen mitteilen sollte. Die Kröte aber machte sich keinerlei Gedanken.

Der wichtige Tag war gekommen. Dicht zusammengedrängt saßen die Zuhörer. Erwartungsvoll wisperte undpiepste und summte und quakte es. Vorne saßen die Schnellschreiber mit gespitztem Stift. Auch ein ganzes Pensionat junger Entlein war da, um ihren verehrten Lehrer, den Enterich, sprechen zu hören. Die schwarzen Äuglein glänzten.

»Er wird himmlisch sprechen!« sagten sie.

Die Kröte betrat zuerst die Rednerbühne. Langsam und schwerfällig begann sie: »Der von mir erforschte Teich ist viereckig. Es ist ein Teich wie alle andern. Blumen wachsen keine dort.« Darauf sagte sie noch einiges über ein paar Wasserpflanzen, die zufällig in der Nähe ihres Klettenblattes gewachsen, dann verließ sie ihren Platz.

Der Beifall war sehr mäßig.

»Eigentlich ist das nichts Neues,« sagten die ganz gewöhnlichen Leute. Die von der Wissenschaft schüttelten die Köpfe, sagten aber nichts.

Der Präsident des Vereins strebsamer Amphibien dankte ziemlich kühl im Namen des Vereins.

Die Kröte setzte sich auf die erste Bank und schlief ein.

Darauf kam die Reihe des Sprechens an die Ringelnatter. Sie richtete sich gerade auf, züngelte nach rechts, und begann ihren Vortrag. Sie sprach sachlich und fachgemäß über alles, was sie in ihren Büchern gelesen, brachte Daten und Zahlen, nannte die Länge des Teiches in Metern, und konnte genaue Schilderungen machen über die Eßbarkeit sämtlicher im Teich sich aufhaltenden Tiere.

Als sie geendet, klatschten die Zuschauer, und riefen Bravo.

»Recht interessant,« meinten die ganz gewöhnlichen Tiere.

»Kommt uns bekannt vor,« kritisierten die akademisch gebildeten, aber dem Publikum sagten sie das natürlich nicht.

Nun erhob sich der Enterich. Er verneigte sich gegen das Publikum, glättete eine widerspenstige Feder und begann:

»Tief versteckt im unerforschten Wald liegt ein Teich. Wie schlafend liegt er da, Binsen flüstern an seinen Ufern, Ulmen rauschen darüber hin und Seerosen träumen an seinen Wassern!«

»O Gott wie schön!« flüsterten die jungen Entenfräulein.

»Seine Ufer sind bevölkert mit uns gänzlich unbekannten Tieren. Sie sind grün, weißbäuchig, hocken zum Teil auf Blättern und schwimmen zum Teil im Wasser. Abends singen sie mit lauter Stimme merkwürdige Lieder.«

»Höchst interessant,« nickten die ganz gewöhnlichen Leute zufrieden. Die Schnellschreiber schrieben mit Windeseile.

»Das Wasser selbst wimmelt von einer sonderbaren Art von Lebewesen. Sie jagen blitzschnell dahin, glitzern wie Silber, schnellen oft in die Höhe, um nach Insekten zu schnappen, und verstecken sich unter den Steinen.« Der Enterich schwieg einen Augenblick, und das Publikum benützte die Pause, um seinen Gefühlen Luft zu machen. Dann fuhr der Redner fort, die Ufer, die Blumen und den Boden des Teiches zu schildern. Eine interessante Mitteilungfolgte der anderen, das entzückte Publikum meinte im Walde zu sein und die neu entdeckten Tiere, die wunderbaren Blumen zu sehen, das Liebesgeflüster der Insekten zu hören, sie glaubten, hinunterzutauchen in die Tiefen und die seltsamen Gebilde zu bewundern, die auf dem Boden des Binsenteiches ruhten, und brachen, als der Redner geendet, in unermeßlichen Jubel aus.

Sämtliche jungen Enten weinten vor Freude. Das ganze Komitee des Vereins strebsamer Amphibien drängte sich um den Enterich und machte ihn zum Ehrenmitglied. Bescheiden dankte der also Gefeierte, verbeugte sich und verließ mit seiner Braut den Versammlungsort.

Kröte und Ringelnatter sahen ihm voll Neid nach.

»Merkwürdig, was der alles gesehen hat,« sagte die Kröte, »es muß auf der anderen Seite des Teiches gewesen sein, denn ich habe nichts bemerkt!«

»Ich auch nicht«, dachte die Ringelnatter, aber sie war klüger als die Kröte und sagte es nicht laut.

Eine sehr angesehene Maus war tot und sollte begraben werden. Um das Lager des Verstorbenen war die Familie versammelt, und wartete auf die Eingeladenen. Zwei Mäuse standen abseits, eine graue und eine weiße. Die Weiße hatte einst die tote Maus geliebt, und die graue war von dem Verstorbenen geliebt und verlassen worden.

»Er hat die Seinen genug gequält,« sagte sie; »ich habe jahrelang zugesehen, und seine Witwe wird ihm nicht manche Träne nachweinen.«

»Sie war auch darnach,« sagte giftig die Weiße; »ich habe sie in ihrer Jugend gekannt. Gefallsüchtig und faul und ... Guten Abend, lieber Freund! Es freut mich, Sie zu sehen, wenn auch der Anlaß ein trauriger ist.«

»Ein sehr trauriger, liebe Cousine. Wir alle verlieren viel an ihm. Die ganze Gesellschaft trauert mit der Familie.« Der Vetter der weißen Maus trat beiseite, und sprach mit einem Neueingetretenen.

»Sehen Sie dort die weiße Maus,« sagte der. »Sie hat in ihrer Jugend den Verstorbenen geliebt und trauert nun um ihn, als wäre sie seine Witwe.«

»Vielleicht mehr als die Witwe selbst,« meinte bedeutungsvoll der Angeredete; »ich könnte Ihnen Dinge erzählen, an denen der Tote keine Freude gehabt hätte!«

»Was Sie nicht sagen.«

»Ein ander Mal; hier könnte man uns hören.«

Eine kräftige braune Maus trat zu der Witwe. »Im Namen sämtlicher Mäuse unserer Gesellschaft spreche ich Ihnen mein tiefstes Beileid aus. Wir alle trauern mit Ihnen. Da ist keiner und keine, die nicht an Ihrem Schmerz Anteil nehme, und die nicht die Hochherzigkeit, die Freigebigkeit und die Güte des Verstorbenen priese.«

»Der und freigebig!« sagte verächtlich die graue Maus zur weißen. »Ja, wenn es alle wußten und ihn dafür lobten, da gab er; aber frag' die Maus, seine Frau, die könnte dir erzählen. Ein Geizhals war er, ein gemeiner.«

»Er wird auch nicht allein schuld sein,« sagte aufgeregt die Maus, die ihn unglücklich geliebt hatte. »Da hätte ich seine Frau sein sollen! Ich hätte anders sparen und zu seiner Sache sehen wollen! Die Äpfel ließ sie im Keller verfaulen und die Würmer fraßen den halben Weizen! Begreifst du überhaupt, daß er sie nahm? Aus einer solchen Familie? Arm! Und nicht einmal hübsch!«

»Nicht hübsch! Sie war doch sehr hübsch!«

»Der Geschmack ist verschieden,« sagte schnippisch die weiße Maus.

»Ja leider,« wisperte die Graue.

»Ich möchte eigentlich wissen, woher er die Mittel hatte, so großartig zu leben,« sagte der Vetter zu seinem Nachbarn; »er war doch nicht eigentlich reich.«

»Oho! Reich war er schon! Ganze Haufen Weizenlagen da und Kerzen und Speck. Wie er dazu kam, ist freilich eine andere Sache.«

»So, so! Aha! Ja, ich habe auch schon etwas munkeln hören.«

Mehr und immer mehr Trauernde waren gekommen. Arme Mäuse waren keine da. Aber viele Mäusevereinsvorsteher. Sie alle lobten den Verstorbenen, seinen wohlwollenden Sinn, seine Freigebigkeit. Die junge schöne Maus, die dort am Lager des Toten stand, hörte gar nicht mehr, was die vielen redeten. Alle hatten dasselbe gesagt, und allen hatten sie dasselbe geantwortet.

»Nun kann ich von unseren Vorräten nehmen, soviel ich will; es hat mir keiner mehr darein zu reden!« dachte sie. »Und geben kann ich davon, wem ich will!« Sie versank in Luftschlössern. Auch die kräftige braune Maus, die so schön an der Bahre gesprochen hatte, machte solche.

»Vielleicht wäre es ganz klug, wenn ich die Witwe heiratete. Dann ist all der Weizen mein.« Und die braune Maus drückte die Pfoten der verwitweten Maus und sah ihr mitleidig und bedeutungsvoll in die Augen.

»Verfügen Sie ganz über mich.«

»Mit dem hätte ich ein anderes Leben führen können,« dachte die Witwe und fragte sich, wann die braune Maus wohl kommen werde, um sie zu trösten.

»Vielleicht gleich nach dem Begräbnis. Ich wollte, es wäre schon vorbei.«

Die reiche Maus wurde begraben. Der Verstorbene lag nun still da und konnte alles das nicht mehr tun, was er bei Lebzeiten so gerne getan hatte: Seine Frau ärgern, seinen Freunden sagen, er könne ihnen – leider! – nicht helfen, vor seinem Weizenhaufen sitzen und sich freuen, daß er ihn gestohlen, die armen Mäuse anfahren, wenn sie bettelten, und den Reichen geben, wenn es nachher im Mäuse-Tagblatt stand. – Das alles konnte die tote Maus nicht mehr. – Der Mäuseverein-Vorsteher sprach aber sehr schön an des Verstorbenen Grab. Die weiße Maus, die ihn in ihrer Jugend geliebt hatte, weinte, aber freute sich, daß die Witwe, die sie ihr ganzes Leben lang beneidet, ihn nun auch nicht mehr habe.

Die braune kräftige Maus freute sich, daß der Verstorbene solche Haufen Weizen hinterlassen, und ihm nun durch seine Witwe Gelegenheit gebe, die Haufen zu genießen.

Die Witwe sogar trauerte dankbar. Dankbar dafür, daß er nun tot war. Und zierlich führte sie ihr Schwänzchen an die Augen – sie waren ihr wahrhaftig feucht geworden.

Trübselig saß eine Henne im Sand, und blinzelte müde mit den runden Augen. Sie fühlte sich krank, mochte nicht mehr Eier legen, auch nicht spazieren, und nahm die fette Kellerassel, die der Hahn ihr bot, nicht an.

Er stand vor ihr, schön und stolz, und schüttelte seinen blutroten Kamm.

»Du hast dich überfressen,« sagte er, »faste, und morgen bist du wieder gesund.« Er muß es wissen, dachte die Henne, denn er ist der Hahn.

»Wie du meinst,« sagte sie ergeben. Sie hatte keinen Appetit, daher ließ sie die Assel sich vor dem Schnabel vorüberspazieren. Der Hahn stolzierte der Wiese zu.

Die alte Pekingente, bei der sich jung und alt Rat und Weisheit holte, hörte von dem Hahn, daß seine Lieblingshenne krank sei, und kam eilig angewatschelt, den vom Alter braunen Schnabel in die Brustfedern gedrückt.

Sie sah das Huhn durchdringend an.

»Öffne den Schnabel.« Das Huhn riß ihn auf. »Wackle mit dem Schwanz.« Das Huhn wackelte. »Plustere dich.« Das Huhn plusterte sich. »Du hast den Pips,« sagte die Ente, deren Bauch bis auf die Erde hing, bestimmt. »Äußerlich reibst du den Hals mit frischen Schnecken ein, innerlich trinkst du angemachtes Ameisenwasser. Tue, was ich dir sage, und morgen bist du wieder gesund.«

»Wie du meinst, Entenmutter,« sagte das Huhn. Es war überzeugt, daß die Ente alles wußte, denn alle glaubten an sie. Es machte sich auf die Suche nach Ameisen und Schnecken, mußte aber oft in die Furchen sitzen, denn es war recht schwach. Die Alte wackelte schnatternd davon.

Die Pute des Nachbarn, die ebenso dumm als abergläubisch war, trippelte heran, gluckte und sprach dem Huhn von einem unfehlbaren Sympathiemittel, an das sie unverbrüchlich glaubte.

»Suche drei Federn des Hahns, die er an einem Sonntag verloren hat, nimm die Schale von einem Erstlingsei, auf das die Henne nicht stolz war, und einen Engerling, der noch nichts im Magen hat, verbrenne das alles und laß den Tau darauf fallen. Die Asche wird dich heilen, so wahr ich schön bin.« Sie schritt gespreizt, sich verneigend und immerfort glucksend, davon. Das Huhn hatte seine rotgeränderten Augen aufgerissen und sich bei der Pute bedankt. Es glaubte an ihre Kunst, und fing mühsam an, die Erde nach Engerlingen zu durchwühlen.

Da kam zufällig die Hauskatze daher, die mit dem Huhn auf gutem Fuße stand, und fragte, was es da mache.

»Dummes Zeug,« sagte sie, als die Henne sie über ihre Bestrebungen aufgeklärt, »das ist alles Narretei. Daran glaubt kein kluges Huhn. Nein, in Honig gekochter Mäusedreck ist gut für dich, der hilft über Nacht.« Die gutmütige Katze strich sich den Schnurrbart und schob das entkräfteteHuhn der Scheune zu. »Dort finden wir, was wir suchen,« sagte sie.

Aber an dem Scheunentor stand der Hund und lachte Huhn und Katze aus, als er hörte, was sie wollten.

»Was weiß die Katze! Die versteht nichts von Medizin,« sagte er verächtlich. »Ich hole dir den Doktor, der hilft dir sicher.« Böse lief die Katze davon, und der Hund geleitete die Kranke nach Hause.

»Wie du meinst,« sagte die Henne mit ihrer letzten Kraft. Im Hühnerhof streckte die Bedauernswerte beide Beine von sich und atmete mühsam und stoßweise.

»Sie muß besser genährt werden,« sagte eine gefräßige, grünschillernde Ente, »gebt ihr doch zu essen.« Sie stopfte so viele Regenwürmer, Käfer und Erde in den Schnabel des Huhnes, als hineingehen wollte. Das gute Tier behielt den Schnabel gleich offen, damit die Ente weniger Mühe habe. Die mußte es verstehen, einen Kranken zu nähren, denn sie fraß selber den ganzen Tag. Alle Hühner, Puten, Perlhühner und Truthähne standen im Kreis um das Huhn herum. Jedes tat sein Bestes mit guten Räten. »Wie du meinst,« sagte das Huhn zu einem jeden. Zuletzt konnte sie auch das nicht mehr sagen.

Da kollerte der Truthahn, blies sich auf, wurde rot und trommelte: »Fieber hat sie. Ihr Leib ist zu heiß, sie hat zu viel Federn,« und er und seine Henne ließen es sich angelegen sein, dem Huhn die Brustfedern auszurupfen. Eszitterte heftig, wehrte sich aber nicht und sagte nichts. Sie mußten ja wissen, was sie taten.

Da kam der Hund mit dem Doktor.

Er fühlte an der Kranken herum, sah ihr in den Schnabel, untersuchte ihr die Augen, sah nach, ob es ihr am Vermögen zum Legen fehle und wollte eben seine Verordnungen zum besten geben.

Da wurde das geduldige Huhn plötzlich wütend. Es hatte genug. Es schrie und gackerte gellend und heiser, rannte, als hätte es den Verstand verloren, im Kreise herum, sprang in die Höhe, schlug sich den Kopf an die Baumstämme,tobte und wütete, daß alle die Umstehenden entsetzt und in großer Angst zurückwichen.

»Sie ist verrückt geworden,« dachte der Hahn und ergab sich in das Schicksal, eine andere Henne zu seinem Lieblingshuhn ernennen zu müssen.

»Warum hat sie nicht getan, was ich ihr riet,« schnatterte die alte Ente erbost. Sie vertrug alles, nur nicht, daß man ihren Rat mißachtete.

»Geschieht ihr recht,« brummte der Hund, »warum holt sie den Doktor nicht und glaubt jeder dummen Katze.«

»Hätte sie Sympathie angewendet,« sagte die Pute leise zu einem Perlhuhn. »Sie wäre munter wie ein Fisch im Wasser.«

»Geschieht ihr recht, warum nahm sie alle die fetten Kellerasseln, die ihr der Hahn bot, und ließ uns keine übrig,« nickten zwei verrupfte Hühner, die keinem Hahn der Welt mehr gefallen konnten, aber doch gern Leckerbissen aßen.

»Jetzt gibt's Platz für mich,« dachte triumphierend das jüngste Huhn und machte sich in die Nähe des Hahns.

Alle sahen auf das Huhn, das noch immer wie rasend herumtobte, endlich zur Erde fiel und sich in den Stall schleppen ließ.

Dort verfiel es in einen tiefen Schlaf, schwitzte und wachte bis zum Morgen nicht auf, denn es wagte sich niemand mit Ratschlägen an das Verrückte heran. Am nächsten Tag war es wieder gesund und sagte guten Morgen.

Es war einmal einer, der ein künstliches Auge hatte. Das andere war ein gewöhnliches Auge, wie es jeder Mensch besitzt.

Niemand begriff, warum der Mann Dinge sah, die kein anderer sehen konnte, und warum er oft behauptete, es sei gar nichts da, wenn es alle anderen sahen.

Es kam daher, weil er einmal mit dem natürlichen Auge die Dinge betrachtete, und ein ander Mal mit dem künstlichen Auge. Öffnete er nur letzteres, so verzerrte sich ihm alles, was er sah, und wechselte Form und Farbe.

»Maulwürfe!« höhnte er die Leute, die kopfschüttelnd behaupteten, sie begriffen gar nicht, was er sehe. Oder er lachte sie aus.

»Sie bewundern wieder, was nicht da ist!« sagte er achselzuckend.

Der Mann ging über Land. Es war ein anderer bei ihm, ein Maler mit gewöhnlichen Augen. Der mit dem künstlichen Auge hatte eine mitleidige Verachtung für ihn, der Maler fühlte sie, und es war ihm unbehaglich.

»Ewig diese grünen Bäume,« murrte der Mann, dessen künstliches Auge noch schlief. »Es wird nachgerade langweilig! Grün! Solche altmodische Farbe!« Da erwachte sein Auge.

»Donnerwetter! Sie sind ja gar nicht grün! Da istja alles Farbe! Glut, Feuer! Fort mit den grünen Bäumen!«

Zögernd widersprach der Maler.

»Sie sind aber doch grün.«

»So, sind sie grün?« höhnte der andere, »weil ihr Blindschleichen sie grün seht, sind sie grün, nicht wahr?«

Dem Hohn gegenüber sind die Leute feig. Darum schämte sich der Maler und bekehrte sich rasch.

»Es ist wahr, sie sind rot!« sagte er zaghaft. Er sah sie zwar nicht eigentlich rot, aber es schien ihm doch, als ob sie einen rötlichen Schimmer hätten. Und bald kamen sie ihm rot vor, dunkelrot.

Darauf malte er ein Bild mit Bäumen, die wie in Blut getaucht aussahen, und den mächtigen Strom, der sein Bild quer durchschnitt, machte er ebenfalls rot. Auch das Gras, aber dieses mehr bläulich-rot!

Im Vordergrund krochen drei Schnecken, deren Fühlhörner sich berührten.

Der Maler wußte wohl, daß das Publikum sein himbeerfarbenes Bild nicht ohne weiteres annehmen würde. Er nannte es daher: Seelenharmonie. Das würde den Leuten zu denken geben.

Das Publikum stand vor des Malers Bild und lachte. Darauf schalt es. Dann versuchte es die Seelenharmonie zu begreifen. Zuletzt schämte es sich, daß es sie nicht begriff, und als es so weit war, hatte der Maler gewonnenesSpiel. Alle Welt bewunderte die »Seelenharmonie«, und das Museum der Stadt kaufte sie. Der Maler schrieb sich die Sache hinter die Ohren.

Wieder ging der Mann mit dem Maler spazieren. Sein natürliches Auge schlief, und nur das künstliche wachte. Er betrachtete den Wald.

»Hübsch, dieser Silberton,« sagte er daher. Diesmal versuchte es der Maler nicht einmal, seinen eigenen Augen zu glauben. Er sah den Wald sofort im Silberton, ging nach Hause und schuf ein Bild. Grau alles, einförmig, nebelhaft, verschwommen. Im Vordergrund ein schmutzig grüner Sumpf, auf dem eine gelbe Dahlie schwamm. »Toter Haß« hieß das Bild im Katalog.

Drei volle Tage brauchte das Publikum, bis es sich die rote Harmonie abgewöhnt hatte, dann aber hob es mit Begeisterung den »Toten Haß« auf den Schild. Und wieder nach drei Tagen sprach die Stadt von nichts anderem. Der Maler trug einen schweren Geldsack auf die Bank.

Zum dritten Mal gingen die zwei über Land. Der Mann schloß seine beiden Augen und spitzte dafür die Ohren.

»Hören muß man die Schönheit, nicht sehen!« rief er in Ekstase, »gar nichts soll auf der Leinwand sein, damit man voll genieße, empfinde, fühle!«

Der Maler malte ein Bild, und als er fertig war, sah die Leinwand aus, als wäre sie leer.

»Ah!« rief der Mann, »ausgezeichnet! Feuchtes Holz,Moos, faules Holz! Mord! Kühle Schauer zittern über meine Haut!« Er schloß die Augen.

Das Bild wurde zwischen zwei spitzen, schwarzen Bäumen aufgehängt, Klapperschlangen wandten sich um die Stämme. Graue Schleier fielen in geraden Falten über die Leinwand. »Mord« stand in langen verzerrten Buchstaben auf dem Rahmen. Er hatte die Form eines Galgens.

Das Publikum kam. Keiner wagte laut zu atmen oder gar sich zu schneuzen. Man empfand das Bild, fühlte es, nahm es auf.

»Ah!« seufzten alle. Ihre Seelen gingen auf den Fußspitzen. Ohne Gänsehaut ging keiner aus dem Saal.

Der Mann und der Maler saßen auf einer der Ruhebänke. Der Mann mit dem künstlichen Auge hielt sein natürliches Auge geschlossen, und der Maler alle beide.

»Wie schwer er an seinem Bilde trägt,« sagten die Leute und betrachteten sein blasses Gesicht.

Da kam ein Fremder zur Tür herein, mit blauen Augen und klarem Blick. Erstaunt betrachtete er den Maler, das Publikum und das Bild. Dann lachte er, laut und herzlich. Von dem Lachen zerrissen die Schleier vor dem Bild, und man sah plötzlich, daß die Leinwand leer war, leer und öde. Da fingen die Leute an sich zu räuspern, zu schneuzen, zu schwatzen und zu husten. Man konnte ordentlich hören, wie ihnen die Augen aufgingen.

Sie scharten sich um den Maler. »Hinaus!« schrie die Menge zornig.

Der Mann mit dem künstlichen Auge war schon fort. »Warte es ab,« sagte er zu ihm, »deine Zeit wird wieder kommen.« Da verkroch sich das Auge so, daß gar nichts mehr von ihm zu sehen war. –

»Nein,« sagte die Maus, deren Großmutter eine weiße Maus gewesen, »das glaube ich nicht. So schlecht ist niemand.«

»Ich will ja auch nichts gesagt haben. Ich glaube es selber nicht. Bestimmt kann es ja niemand behaupten ...« sagte der Maulwurf. »Aber wissen Sie ...« Die Maus, deren Großmutter eine weiße Maus gewesen, und die darum meinte, sie sei auch eine weiße Maus, zitterte mit den Schnurrbarthaaren, so begierig war sie zu erfahren, was denn eigentlich vorgefallen sei ...

»Ja wissen Sie.« Der Maulwurf strich sich über das behagliche Bäuchlein und glättete seinen schwarzen Pelz, »man hat mir gesagt ... man hat sie zusammen gesehen ...«

Aha. Eine Sie und ein Er. Die Maus mit der weißen Großmutter ringelte das Schwänzchen. Es stand ganz steif in die Höhe. Vorne strich sie sich sanft und bescheiden über das Schnäuzlein und schloß halb die glänzend schwarzen Augen. »Ich bin eigentlich keine Freundin von derartigem. Sie wissen, meine Großmutter ...« Der Maulwurf verbeugte sich.

»Ja, natürlich, ich weiß. Ich würde es auch gar nicht wagen, so etwas weiter zu sagen, aber ... man hat sie zusammen gesehen. Es läßt sich nicht leugnen. Sie warenin der Speisekammer.« Des Maulwurfs blinde Äuglein blinzelten.

»Pfui,« sagte die Maus im Tone der weißen Großmutter. »Man sah sie im Keller ...«

»Oh,« zirpte die Maus. Das Schwänzlein fiel erschöpft herunter. »Sie haben zusammen an einer Kerze geknabbert.«

»Ah,« piepste die Enkelin der Seligen. »Und das alles, trotzdem ...«

»Was, trotzdem?«

»Trotzdem er für eine Mausin und ... neun Kinderchen, nackt und bloß, ja, nackt und bloß, zu sorgen hat.«

»Es ist nicht möglich,« ächzte die Maus.

»Möglich und wahr.« Bestimmt sagte es der Maulwurf, und faltete seine rosigen Patschchen über dem Leib. »Man muß mit ihr reden. So etwas wollen wir nicht dulden. Ich will mich nicht heilig sprechen, aber so etwas ... so etwas ...« Er schwieg.

»Sie haben recht,« sagte die Maus, und es schien ihr plötzlich, als ob ihr Pelz heller würde und einen gewissen Glanz bekäme. »Man muß mit ihr reden.«

»Ausgezeichnet,« nickte der Maulwurf beifällig, »das muß man. Sie sollen wenigstens wissen, die Sünder, daß man weiß ...«

»Natürlich. Das wäre noch schöner, wenn sich zwei einfach lieben könnten, ohne daß ... wie soll ich sagen ...einfach so ... ohne weiteres ...« Der Maulwurf schwieg. Er war kein Redner.

Die Maus, deren ehrwürdige Großmutter noch weißer gewesen als je, entschloß sich rasch.

»Ich rede mit ihr,« quietschte sie. Und sie ging stracks und redete mit der Angeschuldigten.

»Es ist uns allen bekannt,« begann sie, »bekannt, daß ...«

»Bekannt, daß?« fragte die hübsche, braune Feldmaus. »Was?«

»Es fällt mir schwer zu sagen ... daß wir wissen ... daß Sie mit – Sie wissen, wen ich meine – zusammen in der Speisekammer gewesen sind, und im Keller gewesen sind, und zusammen an einer Kerze genascht haben ... Ich habe den Auftrag, Ihnen zu sagen, daß wir dieses sträfliche Verhältnis nicht dulden wollen. Nein, wir wollen nicht, daß zwei unerlaubterweise und so ohne weiters glücklich zusammen seien, und wir meinen ...«

»Was? Was wollen Sie eigentlich sagen? Was für ein Verhältnis? Der – und ich?« Die Maus, die die schwere Aufgabe übernommen, der hübschen Feldmaus mitzuteilen, daß sie sich nicht ungestraft einem sträflichen Glück hingeben könne, saß auf ihren Hinterpfötchen, ringelte zierlich das graue Schwänzchen, drehte den Schnurrbart und besah sich zufrieden. Sie war weiß geworden, so weiß, wie ihre selige Großmutter nie gewesen. Wahrhaftig.

Die braune Feldmaus aber hatte der Schlag getroffen vor Entrüstung über die ungerechte Anklage.

»Ein Gottesgericht,« sagte nachher die weiße Maus zum Maulwurf. Sie gingen und riefen den Totengräber, daß er seines Amtes walte.


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