The Project Gutenberg eBook ofAmoralische Fabeln

The Project Gutenberg eBook ofAmoralische FabelnThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Amoralische FabelnAuthor: Lisa WengerIllustrator: Carl Olof PetersenRelease date: February 13, 2021 [eBook #64541]Most recently updated: October 18, 2024Language: GermanCredits: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library.)*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AMORALISCHE FABELN ***

This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: Amoralische FabelnAuthor: Lisa WengerIllustrator: Carl Olof PetersenRelease date: February 13, 2021 [eBook #64541]Most recently updated: October 18, 2024Language: GermanCredits: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library.)

Title: Amoralische Fabeln

Author: Lisa WengerIllustrator: Carl Olof Petersen

Author: Lisa Wenger

Illustrator: Carl Olof Petersen

Release date: February 13, 2021 [eBook #64541]Most recently updated: October 18, 2024

Language: German

Credits: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library.)

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AMORALISCHE FABELN ***

Lisa Wenger

Mit Zeichnungen von Carl O. PetersenGrethlein & Co. / Zürich und Leipzig

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen,vorbehalten. Copyright 1920 by Grethlein & Co., Zürich

Ein junges Schaf lief an der Seite des Böckleins glücklich über die Wiese. Es schmiegte seine feuchte Schnauze dicht an die Nase seines Gefährten, und die Löcklein ihrer weichen, wolligen Felle kräuselten sich ineinander. Das gefiel dem Schäflein, das neben seiner Mutter graste.

»Frau Mutter, ich will auch heiraten,« sagte es, »heiraten ist ein schönes Ding!« Bedächtig sah das Schaf auf sein Junges.

»Wie man's nimmt,« sagte es, »aber schön, oder nicht schön, ein wohlerzogenes Schäfchen sagt nie, daß es gerne heiraten möchte.«

»Frau Mutter, ich denke es aber!«

»Denke es so viel du willst, Schäfchen, aber sag es nicht. Als ich jung war, wäre es keinem von uns eingefallen, vom Heiraten zu reden.«

»Aber geheiratet habt ihr doch alle.«

»Natürlich! Selbstverständlich! Aber das ist etwas anderes als davon reden.« Eine alte Ziege hatte zugehört.

»Die Jugend von heute ist überhaupt schamlos,« sagte sie. »Da habe ich neulich erleben müssen, daß zwei halbwüchsige Ziegen von ihren zukünftigen Jungen sprachen!«

»Ja, darf man das auch nicht?« fragte das Schäflein, »darum heiratet man ja eben, um Junge zu kriegen.«

»Schweig,« rief das Schaf erschrocken.

»Pst, pst, pst,« mahnte die Ziege.

»Ich kann nur etwas nicht begreifen,« fing das Schäfchen wieder an. »Neulich sagte ich, ich wollte nicht heiraten, es sei lustiger so, als wenn man sich ewig um seine Jungen kümmern müsse und nie springen könne, wohin man wolle. Da haben mich alle gescholten, und haben gesagt, das sei die Bestimmung eines Schafes, Mutter zu werden, und die Natur habe es so gewollt. Und der Herr Vater hat mir gesagt, ich sei ein ganz entartetes Lamm, und kein Böcklein werde mich je heiraten wollen, wenn ich eine solche Gesinnung hätte. Und jetzt werde ich wieder gescholten und habe nun doch die richtige Gesinnung.« Das Schäfchen mähte kläglich.

»Kind,« sagte die Alte, »es ist da ein Unterschied. Sagst du, du habest keine Lust zum Heiraten, es sei dir unbequem und du wollest deine Freiheit wahren, so fallen alle männlichen Schafe über dich her. Und sagst du, du möchtest gerne heiraten, die weiblichen. Sagst du aber, du freuest dich auf deine Jungen, so nennen dich die Mutterschafe schamlos, und sagst du, du hättest lieber keine, so schütteln alle die Köpfe, die männlichen und die weiblichen, die alten und die jungen. Darum, Schäfchen, sei klug! Schweig! Denken kannst du, was du willst!« Die alte Ziege nickte.

»Du hast eine kluge Mutter,« sagte sie. – Das Schäfchen beherzigte der Mutter Lehren.

»Dein Junges entwickelt sich prächtig,« sagten die Verwandtenzu dem alten Schaf. »Es kann nicht fehlen, es wird sich bald verheiraten.« Bescheiden schwieg die Alte, und kaute an einem Gräslein.

Bald darauf verliebte sich das Schäflein. Und tüchtig. Da hatte es plötzlich alle Lehren seiner Mutter vergessen. Es sagte jedem offen, daß es sich entsetzlich auf das Heiraten freue, daß es mindestens ein Dutzend Junge haben möchte, und daß es nicht gewußt habe, wie lieb ein Böcklein sei. Es sagte das alles keck heraus und erwartete ungeheure Schelte. Aber es kamen keine. Böcke und Schafe freuten sich über das naive Schäflein.

»Frau Mutter,« fragte es erstaunt, »wie kommt es, daß das, was ich sage, nun auf einmal nicht mehr unpassend ist?«

»Schäfchen,« sagte das alte Schaf, »das will ich dir sagen. Ehe man weiß, ob dich einer will, mußt du schweigen zu allen Dingen. Will dich aber einer, so darfst du von dem Augenblick an sagen, was du willst. Auch denken. Auch tun.«

»Ich will es mir merken, Frau Mutter,« sagte das junge Schaf und sprang lustig mit seinem Böcklein davon.

Es war einmal eine entzückende kleine Maus. Ein Fellchen hatte sie, so weiß wie Schnee, durchsichtige, rosafarbene Ohren, ein zartrosa Schwänzchen, und ein spitzes und schmales Schnäuzlein mit langen, feinen Haaren. Das Schönste aber waren ihre roten Augen.

Die weiße Maus hatte einen Vater – die Mutter war in einer Falle verunglückt – Brüder, und zwei Schwestern. Sie hatte auch viele Freundinnen und natürlich sehr viele Freunde.

Aber sie durfte sie selten sehen. Der Vater hatte ihr genau vorgeschrieben, wo sie spazieren durfte: Dem Getäfel entlang, unten über den Fußboden, in den kleinen Schrank und unter das Sofa. Andere Wege sollte sie keine machen. Und bei Leibe nicht auf den Schreibtisch klettern, denn dort war das große Tintenfaß, und dem durfte keine weiße Maus zu nahe kommen.

Das Mäuschen gehorchte so lange es ihm möglich war. Dabei langweilte es sich aber unaussprechlich, immer mehr und mehr, und zuletzt konnte es die ungeheure Langeweile gar nicht mehr aushalten. Es mochte überhaupt nicht mehr ausgehen, blieb daheim und knusperte Zucker, weil es nichts Besseres zu tun wußte.

»Pst! Pst!« machte es eines Tages vor seinem Loch. Die weiße Maus hob ihren Kopf.

»Mäuschen, komm mit,« bat eine junge Ratte mit prachtvollem Schnurrbart. »Wir wollen ein wenig auf dem Schreibtisch spazieren gehen!«

»Ich darf nicht!« sagte das Mäuschen.

»Man darf manches nicht und tut es doch!«

»Aber der Vater!« sagte das Mäuschen.

»Weiß es nicht.«

»Die Brüder?«

»Sehen es nicht.«

»Die Schwestern?«

»Erfahren es nicht.«

»So will ich kommen!« und sie gingen zusammen.

Und richtig! Das schneeweiße Mäuschen kam zu nahe an das Tintenfaß und machte sich an der Seite einen häßlichen, schwarzen Fleck.

Es schüttelte sich, bürstete und wischte an sich herum, aber der Fleck wollte nicht weichen.

»Was wird der Vater sagen!« jammerte es. Die Ratte strich sich den Schnurrbart.

»Und die Brüder! Die beißen mich tot, sie haben noch nie jemand in der Familie gehabt, der einen Fleck hatte!« Die Ratte strich sich den Schnurrbart.

»Und meine Schwestern! Es wird keine mehr sich mit mir zeigen wollen!« Die Ratte strich sich den Schnurrbart und verschwand in einem Loch unter dem Schreibtisch. Da ging das weiße Mäuschen allein nach Hause.

Es ist nicht zu sagen, was es nun alles auszuhalten hatte. Man höhnte, schalt, verlästerte, verachtete, verdammte und verfluchte das weiße Mäuschen! Man trat es, rupfte ihm die Barthaare aus, beschmutzte sein reines Fellchen, man zog sich von ihm zurück und kündigte ihm die Freundschaft.

Zuletzt hing die Familie ein Mäntelchen über den schwarzen Fleck, aber man wußte doch, daß er da sei. Das arme Mäuschen schämte sich so sehr, daß es beständig den Kopf gesenkt hielt, und das feine Schwänzlein eingezogen.

Freundinnen hatte es nun natürlich keine mehr. Aber auch Freunde nicht. Sie sagten, daß es ihnen unmöglich sei, mit Mäusen zu verkehren, die nicht tadellose Fellchen hätten.

Da sagte sich das Mäuschen ruhig: Nun gehe ich zu den grauen Mäusen. Verachtet bin ich so wie so! Dort kann ich mich wenigstens amüsieren. Es ging. Die Familie sagte: Unser Mäuschen ist tot! Und dann seufzte sie. Wenn jemand von ihm reden wollte, winkten sie mit den Pfoten und sagten: Ach ja!

Das Mäuslein aber hatte nun ein lustiges Leben. Es sprang herum, wo es wollte, es tanzte, wenn es lustig war, über Stock und Stein, und ließ seinen schwarzen Fleck Fleck sein.

Es hatte Freunde und Freundinnen die Menge, und unterhielt sich vergnügt mit den grauen Mäusen.

Und wer begrüßte plötzlich das weiße Mäuslein wieder freudig und liebenswürdig? Alle seine früheren Freunde.

Und eines schönen Abends erschienen auch seine Brüder unter ihnen. Das Mäuslein sperrte seine roten Augen weit auf.

»Was! Ihr kennt die grauen Mäuse! Ihr habt mir doch gesagt – –«

Aber die Brüder zwinkerten nur mit den Augen und taten, als kennten sie die Maus nicht.

Da geschah es, daß eine Ratte sich in sie verliebte. So fürchterlich verliebte, daß sie zur Maus sagte: »Ich will dich heiraten!«

»Du!« warnte die weiße Maus, »vergiß meinen schwarzen Fleck nicht.«

»Wenn ich dich heirate, so hast du keinen schwarzen Fleck mehr!« Die Ratte war die reichste Ratte weit und breit. Sie besaß riesige Kellereien, ungeheure Vorräte an Weizen und Obst und Fett und Nüssen und Zucker, kurz, ihr Reichtum war unermeßlich.

Und als die Ratte die weiße Maus geheiratet hatte, gingen sie zu der Maus Vater. Der machte große Augen.

»Herr Schwiegervater, ist es nicht merkwürdig, wie der schwarze Fleck auf dem Pelz meiner Frau schon verblaßt ist?« Der Vater der weißen Maus nahm ein Vergrößerungsglas, sah hindurch und sagte mit einer Stimme, die ganz ölig war vor Freundlichkeit:

»Ich sehe den Fleck überhaupt nicht mehr!«

Dann ging die Ratte zu den Brüdern, führte sie inihre Keller ein, und vor ihre Vorräte und fragte: »Was sagt ihr zu dem Fleck meiner Frau?«

»Er ist verschwunden,« erklärten die Brüder bestimmt.

Und die Schwestern sagten, man hätte den Fleck überhaupt kaum je bemerkt. Sie aßen und tranken alle auf der Ratte Kosten und holten sich aus ihren Vorräten, was sie brauchten. Auch erzählten sie jedem, der es hören wollte, von der reichen Heirat ihrer Jüngsten.

Da strich sich die Ratte zufrieden den Schnurrbart und gab eine große Gesellschaft, mit allen Herrlichkeiten, die sich Mäuse nur wünschen können.

Sie fragte jeden Eingeladenen im geheimen: »Was sagen Sie zu dem Fleck meiner Frau?« und jeder einzelne antwortete: »Was für einen Fleck meinen Sie? Ihre Gemahlin besitzt den entzückendsten weißen Pelz, den man sehen kann!«

Da ging die weiße Maus wieder fröhlich herum unter den andern weißen Mäusen und vergaß zuletzt selbst, daß sie einmal einen schwarzen Fleck auf ihrem feinen Pelz gehabt hatte.

Das Hühnchen war sechs Monate alt geworden und sollte zur Schule. Es wurde deshalb Familienrat abgehalten.

»So jung und muß schon zur Schule,« sagte die gelbe Tante mit den Federn an den Beinen. »Eier legen lernt es ja von selber!«

»Setz dem Kücken doch nichts in den Kopf,« mahnte die Großmutter des Hühnchens. »Ich bin in die Schule gegangen, du bist in die Schule gegangen, wir alle sind in die Schule gegangen, da muß es eben auch in die Schule gehen.«

»Warum, weiß ich freilich nicht,« sagte der Maulwurf, der seine Gänge im Hühnerhof angelegt hatte und nun auf Besuch gekommen war; »ich habe nie etwas gelernt und bin doch durch die Welt gekommen.«

»Aber wie,« rief die Amsel, die auf dem Baum im Hof wohnte. »Wie! Im Dunkeln ist er gekrochen sein Leben lang, und Freuden hat er keine gehabt außer dem Fressen.«

»Schweig du dort oben,« krähte ärgerlich der Hahn; »du gehörst nicht zur Familie und hast hier nicht mitzureden. Kinder aus unserer Sippe gehen zur Schule, natürlich, aber nicht wegen dem Lernen; das haben wir nicht nötig.«

»Warum denn?« fragte die Amsel erstaunt.

»Weil es sich schickt,« sagte der Hahn würdevoll, und die Henne, die Mutter der Kücken, sagte: »Und weil die andern es so machen.«

»Natürlich!« rief der ganze Hühnerhof, und die Großmutter – es war eine mächtige Langshanhenne, die viel Ansehen genoß – gluckste und sagte: »Natürlich!«

Also sollte das Kücken zur Schule ...

»Was meint ihr, zu welchem Lehrer wir unser Hühnchen schicken wollen?« fragte der Hahn.

»Zum Grünspecht,« rief die Amsel vom Baum herunter; »Er weiß viel und hat viel gesehen.«

»Zu dem!« rief empört Mutter Henne. »Wißt ihr, was das für einer ist? Der hat zu einer unserer Nachbarinnen gesagt, es wäre Zeit, daß die Hühner endlich etwas anderes lernten als nur Eier legen und gackeln. Das hat er gesagt.« Die Henne kratzte sich mit dem Fuß unter dem Flügel; es war eine Gewohnheit, die sie hatte.

»Schwiegersohn,« rief majestätisch die Großmutter Langshan, »da verlieren wir wohl weiter keine Worte. Was soll ein Huhn überhaupt anderes lernen als Eier legen und gackeln? Doch nicht singen wie eine Nachtigall?«

»Warum nicht,« rief wieder die Amsel. »Es wäre eine angenehme Abwechslung.«

»Ich habe gegackelt,« rief das alte Huhn, »meine Tochter hat gegackelt, wir alle haben gegackelt, warum sollte unser Hühnchen nicht auch gackeln?«

Zum Grünspecht sollte das Hühnchen also nicht in die Schule, beschloß der Familienrat ...

Nach langem Nachdenken und Disputieren war man endlich einig geworden, daß das Kücken zu der Pute sollte – zu der mit den Bronzefedern natürlich, nicht zu der grauen – und daß die Familie es sogleich der Lehrerin vorstellen wolle.

Hahn, Henne, Großmutter Langshan und die gelbe Tante mit den Federn an den Beinen begleiteten das Hühnchen.

»Es soll vor allem richtig gackeln lernen,« begann die Großmutter und betrachtete die Pute mit ihrem rechten Auge. Über das linke hing der Kamm; sie gebrauchte es selten und sparte es für Notfälle auf. »Dann soll es in allen Pflichten unterrichtet werden, die ein Huhn von Familie kennen und ausüben muß: im Eierlegen, im Brüten, im treuen Führen der Jungen.«

»Versteht sich,« sagte die bronzene Pute; »das lernt es alles am besten bei mir.«

»Es soll Untertänigkeit gegen seinen künftigen Gebieter lernen,« befahl der Hahn.

»Natürlich, das lernt es alles am besten bei mir,« sagte die Pute mit den Bronzefedern.

»Es soll lernen, sich mit den anderen Hennen vertragen; denn das ist sehr wichtig,« empfahl Mutter Henne und kratzte sich unter dem rechten Flügel.

»Versteht sich, das lernt es am besten bei mir,« antwortete das Bronzehuhn.

»Ich glaube, Sie sind dumm,« sagte die gelbe Tante mit den Federn an den Beinen.

»Das bin ich,« sagte das große Geschöpf und gluckste; »aber gerade darum kann ich die Kücken so gut in ihre Pflichten einführen: sie werden nicht abgelenkt.«

»Da hat sie recht,« nickte zufrieden Großmutter Langshan. »Und bitte, bringen Sie dem Hühnchen Respekt vor dem Alter bei.«

»Und lehren Sie es seine Eltern ehren,« sagte der Hahn.

»Und prägen Sie ihm ein, daß ein Huhn auf der Welt sei, um zu nützen,« bat Mutter Henne und kratzte sich.

»Und sagen Sie ihm gleich von Anfang an, Eierlegen sei ein Vergnügen; sonst glaubt es das Kücken später nicht mehr!« mahnte die gelbe Tante mit den Federn.

»Das tue ich alles,« versprach das Bronzehuhn; »es haben noch nie Eltern ihre Hühnchen gebracht, denen ich das nicht versprechen mußte.«

»Und so soll es sein,« sagte die Großmutter und warf ihren Kamm ausnahmsweise auf die rechte Seite, »und so ist es von jeher gewesen! Aber wo ist unser Kücken?«

Es spazierte vergnügt mit einem jungen Hähnchen aus der Nachbarschaft herum.

»Du, höre einmal,« sagte das zum Hühnchen, »von acht bis zehn legt die Pute, und von zehn bis zwölf schläft sie; da können wir den ganzen Morgen spazieren gehen.«

»Aber dann lerne ich ja nichts,« antwortete das Hühnchen.

»Gerade dann lernst du, was du brauchst; das andere kommt nachher von selber,« beruhigte es das Hähnchen.

Da kam aber die Familie und nahm das Hühnchen in ihre Mitte und zog mit ihm heimwärts.

»Man tut für seine Kinder, was man kann, nicht wahr, Schwiegersohn?« sagte Großmutter Langshan.

»Und so gut man es versteht!« pfiff die Amsel vom Baum herunter; aber niemand achtete auf sie.

Sie gehörte ja nicht in den Hühnerhof.

Große Aufregung herrschte unter den Maulwürfen. Sie standen in Scharen beisammen und wisperten.

»Wer hat ihn gesehen?« fragte der Älteste der Maulwürfe.

»Ich, ich, ich,« schrien viele durcheinander.

»Ist er wirklich weiß?« fragte der Älteste.

»Schneeweiß! Auch nicht ein schwarzes Härchen ist an ihm,« rief eine junge Maulwurfsfrau. Der Haufe schwieg bestürzt.

»Wohin wird es noch kommen?« sagte der Älteste mit hohler Stimme, »wenn sogar die Maulwürfe es wagen, allem Hergebrachten ins Gesicht zu schlagen?«

»Vielleicht ist er nur gefärbt,« rief einer entschuldigend.

»Nein,« sagte die junge Maulwurfsfrau, »er ist echt! Die Haut unter dem Fell ist ganz rosenrot.«

»Du hast dir den Weißen genau angesehen,« sagte höhnisch einer der Maulwürfe.

»Das habe ich, so gut ich mit meinen Schlitzäuglein sehen konnte.« Die andern stutzten.

»Ich wäre dafür, den Weißen aus unseren Feldern zu verjagen,« schlug einer vor. Es war ein gewöhnlicher Maulwurf mit kurzem grauem Schwanz. »Wie leicht könnte er unserer Jugend solche Unsitten beibringen. Ich habe auch gehört, daß er aufrührerische Reden hält.«

»Aufrührerische Reden?« rief der Älteste, »das ist das Schlimmste! Nur nichts Neues! Nur keine Veränderungen! Nur keine Versuche, die doch fehlschlagen! Ich kenne die Welt. Ich habe lange genug in ihr gelebt. Wer sind die wahrhaft Glücklichen und Weisen?« Der Älteste neigte die spitze Schnauze und kniff die winzigen Äuglein zusammen. »Die die Erfahrungen von Generationen benützen und die leichtsinnigen Neuerungen verabscheuen. Fort mit dem weißen Maulwurf!«

»Fort mit dem weißen Maulwurf!« schrien alle. Nur die Maulwurfsfrau schrie nicht mit.

»Er hat größere Augen als alle unsere Maulwürfe,« sagte sie zu ihrer Nachbarin, »er kann einen wirklich damit ansehen, und dann glänzen sie.«

»Das kann ich mir gar nicht vorstellen,« sagte die Maulwürfin.

Da kam hastig ein junger Maulwurf daher.

»Wißt ihr, was der weiße Maulwurf sagt?« rief er schon von weitem.

»Nein!« schrien die andern und umringten ihn.

»Er sagt, wir sollten größere Augen haben, ich habe es selbst gehört!«

»Größere Augen?« fragten empört die Zuhörer. »Wozu?«

»Er sagt, wir sollten besser sehen können!«

»Besser sehen! Was denn?« riefen wieder die Umstehenden. »Was will denn der Kerl?«

»Er sagt, wir sollten lernen das Schöne sehen, auch außerhalb unserer Gänge.«

»Außerhalb unsern Gängen,« schrie die Menge, »was gibt es denn da zu sehen?«

»Er ist verrückt,« sagte der Grauschwänzige.

»Er ist ein Aufrührer, ein Revolutionär,« schrien viele.

»Er ist einfach ein Esel!« erklärte der Älteste. »Besser sehen lernen! Haben Maulwürfe je gut sehen können? Und dann: Gibt es außerhalb unserer Gänge überhaupt Schönes? Ein Esel ist er, oder ein Idealist, das kommt auf eins heraus.«

Da wurde es hell hinten im Gang. Der weiße Maulwurf kam.

»Da ist er, da kommt er,« wisperte es. Die Schlitzäuglein öffneten sich, die kurzen Hälse streckten sich, die grauen und bräunlichen Schwanzstummel fuhren aufgeregt hin und her. Aber alle schwiegen, auch der Älteste. Da fragte der weiße Maulwurf:

»Warum soll ich fort? Habe ich euch etwas zuleide getan?«

»Nein,« sagte der Grauschwänzige, »aber du bist weiß und wir sind schwarz!«

»Du willst neue Bräuche einführen!« rief der Älteste.

»Du sagst, wir verstünden nicht zu sehen,« schrie die Menge.

»Und das ist wahr,« bestätigte ruhig der weiße Maulwurf. »Ihr seht nur, was ihr sehen wollt, und es gibt so vieles, das ihr sehen könntet!«

»Wir brauchen nichts zu sehen,« schrien die Maulwürfe.

»Wir wissen alles auswendig,« rief einer.

»Uns gefällt das Schöne gar nicht,« piepste ein anderer.

»Versucht es doch einmal,« bat der Weiße. »Ihr werdet sehen, es gefällt euch dann!« Und feurig fuhr er fort: »Wenn es für euch zu spät ist, so laßt mich wenigstens eure Kinder hinausführen! Laßt sie einmal hinauf auf die Erde und zeigt ihnen den Glanz des Mondes und das flimmernde Licht der Sterne.«

»Verführer! Jugendverderber!« schrie wütend der Älteste. »Nun erkenne ich dich! Zwietracht willst du säen zwischen uns und der Jugend! Unzufriedenheit willst du pflanzen! Hochmut willst du züchten! Wir, die Alten, sollen uns schämen müssen vor der Jugend mit unseren kleinen Äuglein! Ich kenne dich und deinesgleichen! Jawohl! Mond und Sterne! Die hätten wir längst gesehen, wäre es gutfür Maulwürfe! Fort! Hinaus! Hinaus mit dir aus unseren Gängen!«

»Fort mit dir,« schrien die Schwarzen. »Fort mit dir! Fort!« Die Maulwürfe drängten den Fremdling durch den engen Gang. Sie kamen an der Maulwurfsfrau vorbei, die dort mit ihrer Nachbarin stand.

»Den Besten unter euch verjagt ihr!« rief sie spöttisch.

»Den Besten!« schrie der Graugeschwänzte. »Nennst du einen weißen Maulwurf den Besten?« Dann wandte er sich zu dem Verhaßten und schrie:

»So hast du unser Volk schon verhetzt!« und warf sich auf ihn und versetzte ihm wütende Bisse.

Als die andern das sahen, wagten sie es ebenfalls, und fielen über den weißen Maulwurf her. Bald hatten sie ihn totgebissen. Der weiße Pelz färbte sich rot vom Blute des Gemordeten und ärgerte niemand mehr.

Zufrieden tappten alle im Dunkeln nach ihren Wohnungen. Zu sehen brauchten sie ja nichts, denn schon ihre Eltern, Großeltern und Urgroßeltern waren diesen Weg gegangen! –

»Wie das Lämmchen groß wird,« sagte seine Tante, das Schaf, »da wird man bald ans Heiraten denken müssen.«

»Das tue ich auch,« sagte das Lämmchen.

»Glaub es nicht,« jammerte des Lämmchens Mutter, »es denkt noch nicht an derartige Sachen. Es ist ja noch so unschuldig.«

»Was hat das Heiraten mit der Unschuld zu tun?« fragte das Lämmchen.

»Nichts!« rief das Tanten-Schaf.

»Das verstehst du nicht,« sagte die Alte.

»Das verstehst du nicht! Das antwortet man mir immer, wenn ich etwas wissen möchte,« sagte das Lämmchen ärgerlich.

Mutter und Tante sahen einander an.

»Wenn du einmal ein großes Schaf bist, so weißt du alles ganz von selber.« Da kam der Bock, Lämmchens Onkel.

»Onkel, was heißt unschuldig?« fragte es. Der Onkel kratzte sich mit dem linken Hinterfuß am Kopf.

»Unschuldig? Das bedeutet halt, daß man nichts weiß.«

»Aber Onkel!« rief das Lämmchen, »ich weiß so viel! Da bin ich doch nicht unschuldig?«

»Die Sachen, die man nicht weiß, wenn man unschuldig ist,« sagte der arme verlegene Bock, »sind nicht dieselbenSachen, die man weiß, wenn man unschuldig ist!« Er schnaufte laut. »Aha,« sagte das Lämmchen. »Sind Sie auch unschuldig, Onkel Bock?«

»Ach, Lämmchen, weißt du« – sagte der Bock und sah sich hilflos um, »es ist so lange her, daß ich gar nicht mehr weiß, ob ich es immer noch bin!« Mutter Schaf und Tante stießen sich mit den Köpfen.

»Sind Sie unschuldig, Frau Mutter?« fragte das Lämmlein.

»Verheiratete Leute nennt man nicht mehr unschuldig,« sagte ärgerlich das Schaf.

»Du bist einfältig,« rief das Tanten-Schaf, »heirate, dann weißt du es!«

»Ich bin dumm und ich bin unschuldig, das ist viel auf einmal,« sagte kläglich das Lämmchen, »da will ich mich mit dem Heiraten beeilen so viel ich kann, denn unschuldig und einfältig ist niemand gern.«

»Aber Lämmchen,« riefen Bock, Mutter-Schaf und Schaf-Tante, »das sagt man doch nicht!«

»Warum denn nicht?«

»Weil, wenn du das sagst, die anderen Leute denken könnten, du seist nicht mehr unschuldig!«

»Ja aber,« sagte das Lämmlein, »ich will ja gerade heiraten, damit ich nicht mehr unschuldig sein muß.«

Da rannten die drei Alten in großen Sprüngen davon.

»Es muß arg sein mit meiner Unschuld,« dachte betrübtdas Lämmchen, »daß die so davonrennen. Dort oben auf der Weide grast mein Vetter, das Böcklein. Der ist klug, der kann mir gewiß sagen, was die anderen nicht wissen.« Und das gute Lämmchen ging zum Böcklein. –

Am Abend sagte es zum alten Schaf: »Frau Mutter, ich weiß es jetzt. Unschuldig ist beides, angenehm und unangenehm. Eine Weile freut man sich, daß man es ist, und nach einer Weile freut man sich, daß man es nicht mehr ist. Selber weiß man es nie, wenn man unschuldig ist, aber man weiß es sicher, wenn man es nicht mehr ist. So lange man unschuldig ist, spricht man nie davon, und wenn man nicht mehr unschuldig ist, spricht man immer davon. Von der Unschuld der anderen, meine ich!«

Argwöhnisch drehte das Schaf den Kopf. »Woher hast du diese Weisheit?« fragte es.

»Von meinem Vetter, dem Böcklein,« sagte vergnügt das Lämmchen, »und er hat mir sie ganz umsonst beigebracht!« – –

Elf oder zwölf Hühner saßen auf dem Mist, blinzelten in der Sonne und kratzten sich. Es war heiß, und keines hatte Lust nach Würmern zu suchen oder Eier zu legen.

Sie gackelten aber zusammen.

»Wißt ihr, daß wir Hühner von heute an öffentlich dasselbe Recht haben sollen wie die Hähne?« fragte eine schöne, stolze Henne und reckte sich dabei, daß sie gleich um eine Handbreite höher schien. Die Hühner öffneten die rotgeränderten, verblüfften Augen.

»So,« sagte eines. Dann lauste es sich behaglicher als vorher.

»Mir ist das einerlei,« gackelte ein anderes, das elfKücken um sich versammelt hatte, und jetzt noch spektakelte zur Erinnerung an die 15 Eier, welche es nacheinander gelegt. »Was geht mich die Politik an? Ich verstehe nichts davon.«

»Es ist nicht nur wegen der Politik,« sagte die schöne Henne. »Wir sollen auch sonst mitreden dürfen, zum Beispiel, wenn eine neue Pute für die Schule gewählt wird.« Das interessierte nun die Hühner alle, denn die meisten hatten Kücken.

»Das ist sicher, daß ich die Bronzepute nicht wieder wähle,« kreischte ein dickes Huhn mit einem Federbusch zwischen jeder Zehe. »Sie hat allen meinen Kücken schlechte Zeugnisse gegeben.«

»Ich wähle sie auch nicht,« piepste das Perlhuhn. Es sah aus wie ein uraltes Jüngferchen mit einem weißpunktierten Schal, aus dem das kleine, nackte, neugierige Köpfchen hervorschaute.

»Ich wähle sie auch nicht.«

»Warum nicht,« fragte die schöne Henne.

»Weil sie in der Schule den Kücken gesagt hat, alle Hühner hätten ein Herz und eine Lunge und eine Leber, und andere unappetitliche Sachen. Dafür schicke ich meine Jungen nicht zur Schule, daß sie solche Dinge lernen.«

»Da hast du recht,« stimmte auch eine Rouen-Ente bei, die so stark war, daß sie ihren Leib auf der Erde nachschleifen mußte. »Traurig ist das. Wir sind auf einenPunkt der sogenannten Aufklärung gekommen, den man schon, den man schon –«

»Unmoral nennen könnte,« half das Perlhuhn nach, und drehte sein unbedeutendes Köpfchen beifallheischend nach allen Seiten.

»Und die Poesie? Wo bleibt die, wenn unmündige Kücken schon wissen, was Hahn und Hühner inwendig haben? Nein, die Bronzepute wähle ich nicht,« schnatterte die Rouen-Ente.

»Ich auch nicht,« meinte eine bräunliche Laufente, die eilig und aufrecht angewatschelt kam, »was kann sie unsere Jungen lehren? Sie weiß selber nicht, was sich für Puten gehört. Sie legt sich ja nicht einmal platt auf die Erde, wenn der Truthahn vorüberrauscht, wie es sich für Puten schickt, sie sieht ihn herausfordernd an und bleibt stehen.«

»Usch,« riefen alle Hühner entsetzt und pluderten sich. Eine Weile schwiegen sie, drehten sich nach allen Seiten nachdenklich im Sand und schüttelten die Federn.

»Also, wen wählen wir?« begann darauf wieder eine. Es war eine weiße Henne, der Liebling des Hahns.

»Ich wähle die graue Pute,« sagte die Dicke mit den Federbüschen entschlossen, »wenn ich der Haber schicke, so macht sie allen meinen Hühnchen und Hähnchen gute Zeugnisse.«

»Sie ist häßlich, sie wird nie jemandem gefallen,« gackerte zufrieden die weiße Henne. »Ich wähle sie.«

»Sie weiß selber nicht, ob die Hühner Milz und Leber im Leib haben,« piepste das Perlhuhn, »also kann sie die Kücken nichts Unanständiges lehren, wie es jetzt Mode ist. Ich wähle sie.« Es trippelte davon.

»Sie kann sich im Eierlegen bei weitem nicht mit mir messen, man wird sie mir nie vorziehen,« dachte die Laufente. »Ich wähle sie auch, warum nicht?«

»Schwimmen kann sie nicht wie ich,« prahlte die Rouen-Ente, »mir ist sie also recht.«

»Das alles geht die Schule gar nichts an,« rief unwillig das schöne Huhn.

»Aber uns,« kreischte die Dicke, »uns, meine Liebe, uns! Übrigens kann ich morgen nicht zur Wahl kommen. Ich lege von 11-1 Uhr.«

»Und ich fange morgen mit Brüten an,« gackerte eines.

»Und ich führe meine Jungen zum ersten Mal aus,« rief ein anderes.

»Ich gehe mit dem Gockel spazieren,« brüstete sich die Weiße, und riß einen Regenwurm, der sich verzweifelt wehrte, aus der Erde.

»Du kannst morgen nicht mit dem Gockel spazieren,« verwies sie das schöne Huhn. »Der Gockel geht morgen zur Wahl.«

»Ich kann auch nicht kommen,« rief die Rouen-Ente mit dem dicken Leib wichtig. »Ich werde morgen gebraten.« Sie wußte nicht recht, war das ein angenehmes oder einunangenehmes Ding, aber jedenfalls war es interessanter als das Wählen einer Schulpute.

»Und ich gehe und wähle,« rief das schöne Huhn, »und wenn ich ganz allein gehen muß.«

Und richtig, am nächsten Morgen war sie die einzige, die sich aufmachte, um die neue Pute für die Kückenschule zu wählen. Der Hahn war wahrhaftig mit dem weißen Huhn spazieren gegangen.

Da niemand da war, der der grauen Pute die Stimme hätte geben können, so wurde die Bronzene einstimmig gewählt.

»Es ist ein unerhörtes Unrecht,« sagten die Hühner des Hühnerhofes nachher zornig. »Was haben wir davon, daß wir wählen dürfen, wenn doch nicht die gewählt werden, die wir wollen?«

Sie steckten die Köpfe unter die Flügel, plusterten sich auf, und hielten ihr Mittagsschläfchen ab.

»Und ich sage dir, Gelbes: Wenn du überhaupt willst, daß ein Enterich dich heiratet, so lerne das Gehorchen,« rief eine dicke weiße Peking-Ente und wippte aufgeregt mit dem Schwänzlein.

»Warum, Frau Mutter?«

»Weil dich sonst keiner nimmt!«

»Es braucht mich keiner zu nehmen, dem ich gehorchen muß,« sagte das Gelbe. Es war eigentlich schon weiß geworden und hatte nur einen gelben Schnabel.

»Was für einen willst du denn?« fragte entsetzt die Alte.

»Einem der mich tun läßt, was ich will,« sagte sehr bestimmt das junge weiße Entlein mit dem gelben Schnabel.

»Und was willst du?« forschte die Ente angstvoll.

»Gleiche Rechte wie der Enterich.«

»Was sind das für Rechte, du schreckliches Geschöpf?« schrie die Entenmutter, die noch nie solche Ansichten gehört hatte.

»Ich will baden, wo ich will, ich will fressen, was ich will, ich will auf die Wiese gehen, wann ich will, und ich will meine Jungen aufziehen, wie ich will: da hat mir keiner etwas dreinzureden, denn es sind meine Jungen!« Das Gelbschnäbelchen mußte Atem schöpfen. Die Alte steckte einen Augenblick den Kopf unter den Flügel, sie mußte sich sammeln.

Da mischte sich eine bunte Rouen-Ente ins Gespräch.

»Entchen,« sagte sie zu dem weißen Entlein, »sieh' dich vor! Es könnte schief gehen mit solchen Grundsätzen. Da, sieh' mein eigenes Junges. Dem habe ich meine Ansichten beigebracht und bin glücklich und gut durchs Leben gekommen. Kleines Buntes, wer wird dein Herr sein?«

»Der Enterich,« sagte die kleine Rouen-Ente.

»Was ist deine Pflicht?«

»Gehorsam ist meine Pflicht!«

»Was wird dein Glück sein?«

»Meine Jungen aufzuziehen, wird mein Glück sein!«

»Und dein Stolz!« mahnte die Alte.

»Und mein Stolz,« fügte die Junge hastig hinzu.

»Lächerlich!« schüttelte sich der Gelbschnabel.

Da kam ein Enterich gewatschelt. Groß, schneeweiß, krausen Flaum im Nacken und die Schwanzfedern gelockt, wie es sich für einen Enterich aus guter Familie schickt. Er verbeugte sich vor dem weißen Entlein.

»Es ist Zeit, daß ich mir eine Familie gründe,« sagte er. »Können Sie sich entschließen, meine Gefährtin zu werden?« Die Art seiner Rede gefiel dem Entlein.

»Werde ich volle Freiheit haben, zu tun, was ich will?« fragte das kecke Ding.

»Das werden Sie!« versprach der Enterich.

»So will ich mit Ihnen ziehen,« entschied das Entlein,und sah mit seinen beerenschwarzen kugelrunden Augen zu seiner Mutter hinüber.

»Frau Mutter, nun werden Sie etwas erleben,« rief es. Aber die alte Peking-Ente antwortete nicht. Sie schlürfte eben eine dicke Raupe in sich hinein.

Der Enterich trat nun auch vor das junge Rouen-Entchen.

»Wollen auch Sie mit mir kommen?« fragte er etwas von oben herab.

»Es ist mir eine große Ehre,« sagte bescheiden das Bunte und verneigte sich, »und ich werde Ihnen eine gehorsame Gefährtin sein.«

»Freut mich,« sagte der Enterich. Die beiden jungen Enten nahmen nun Abschied von ihren Müttern und zogen mit dem Enterich auf seinen Hof.

Dort lebten sie vergnügt zusammen. Das weiße Entlein nach neuen Grundsätzen, und das Bunte nach alten. Da der Enterich ein guter Kerl war, kam es mit den Grundsätzen ganz aufs selbe heraus.

Sie fraßen alle drei aus einer Schüssel: die Weiße, weil sie fressen wollte, und die Bunte, weil sie fressen durfte.

Sie zogen beide hinter dem Enterich her auf die grüne Wiese, die Weiße, weil es ihr so paßte, und die Bunte, weil sie nichts Besseres zu tun wußte.

Sie legten jeden Morgen ihr Ei, die Gelbschnäbelige, weil sie wußte, daß es ihr von der Natur so bestimmt war, und die andere, weil das Ei ja von selber kam.

Und beide bekamen Junge, niedliche gelbe Dinger. Und beide führten sie gut und gewissenhaft: Die Weiße, weil sie die herzigen Geschöpfe liebte, ob sie wollte oder nicht, und die Bunte, weil sie sie auch liebte und es noch dazu ihre Pflicht und ihr Stolz war.

Die mit den neuen Grundsätzen führte und erzog ihre Jungen, wie sie es für gut fand, denn der Enterich redete ihr nie darein, er hatte anderes zu tun. Und die mit den alten Grundsätzen führte sie auch allein, denn auch um ihre Kleinen kümmerte sich der Enterich nicht.

Und als die beiden Enten älter geworden und die Eier nur mehr spärlich kamen, da stieg die Köchin hinunter zum Ententeich, packte die Weiße und die Bunte, drehte ihnen den Kragen um und kochte sie an einer braunen Tunke.

»Es waren gute Enten, alle beide!« sagte betrübt der Enterich und nahm sich schweren Herzens zwei andere.

»Frau Mutter,« fragte das Lämmlein, »warum haben Sie eigentlich geheiratet?«

»Das ist eine dumme Frage,« sagte des Lämmleins Cousine. »Warum heiratet man? Darum!«

»Darum! Das möchte ich gerade wissen, was ›darum‹ bedeutet.«

»Lämmlein, zum Heiraten gibt es mancherlei Gründe,« erklärte nun das alte Schaf, »zum Beispiel die Liebe.«

»Aha!« sagte das Lämmlein. »Frau Mutter, da haben Sie aus Liebe geheiratet?«

»Bewahre! Dazu war ich viel zu vernünftig.«

»Hat die Schafs-Cousine aus Liebe geheiratet?«

»Auch nicht,« sagte diese, »dazu war ich zu alt.«

»Aber meine älteste Schwester?«

»Ach nein, die war zu häßlich dazu.«

»Der Bruder?«

»Der war zu arm dazu.«

»Ja, aber,« fragte das Lämmchen verwundert, »wer heiratet denn aus Liebe?«

Das alte Schaf dachte lange darüber nach, kratzte sich energisch mit dem Hinterfuß die Seite, scharrte ein wenig mit dem Vorderfuß auf der Erde, aber es fiel ihr doch niemand ein, der aus Liebe geheiratet hatte. Es riß ein Kräutlein aus und sagte: »Ich weiß es wahrhaftig nicht!«

»Und warum kann man noch heiraten, Frau Mutter?«

»Um einen warmen Stall zu haben, gutes Futter, und – nun, um eben ein würdiges, verheiratetes, gediegenes Schaf zu sein.«

»Und warum noch, Frau Mutter?«

»Lämmchen, du fragst zuviel!«

»Frau Mutter, wenn ich nicht frage, so weiß ich es nicht.«

»Warum man heiratet, brauchst du nicht zu wissen, du wirst es schon noch erfahren,« sagte die Schafs-Cousine.

»Ich will aber aus Liebe heiraten,« erklärte bestimmt das Lämmchen, »das gefällt mir am besten.«

»Mir auch,« brummte das alte Schaf, und die Schafs-Cousine sagte: »Heirate du nur, Lämmchen! Ganz gleich aus welchem Grunde. Die Liebe kommt nach.«

»Ganz gleich zu wem,« spottete der Schafs-Cousine alter Bock.

»Setzt meinem Schäflein keine Dummheiten in den Kopf,« schalt der Schafsbock, des Lämmchens Vater.

»Herr Vater, so sagen Sie mir, warum Sie geheiratet haben? Aus Liebe? Oder um einen warmen Stall zu haben? Oder um verheiratet zu sein? Ich möchte es so gerne wissen.«

»Lämmchen, Lämmchen,« seufzte der Bock, »mußt du denn alles erfahren?«

»Heraus damit!« schrie der Schafs-Cousine Alter.

»Ein rechter Bock von altem Schrot und Korn hat nur einen einzigen Grund, warum er heiratet: Um dem Staate zu dienen und eine Familie zu gründen.«

»Mäh! Bäh!« machte das Cousinen-Schaf.

»Das war aber schön von Ihnen, Herr Vater!« sagte bewundernd das Lämmchen und stellte seine Fragen ein.

Der Laubfrosch wollte heiraten, und alle Verwandten und Nachbarn sollten an der Hochzeit teilnehmen. Er hatte eben die Liste der Eingeladenen beendet, und überlegte nun mit einem seiner Verwandten das Festessen.

»Zuerst geben wir gebratene Mücken als Voressen,« sagte der Laubfrosch.

»Lieber Freund, dann muß ich auf die Freude verzichten, deiner Hochzeit beizuwohnen,« rief ein Eichhorn, das oben im Baume wohnte und nie zugeben wollte, daß es junge Vögel und Vogeleier fraß, »Fleisch von Tieren esse ich nie!«

»Nicht?« fragte verwundert die Eidechse, eine Freundin des Laubfrosches. »Warum nicht?«

»Ich bitte Sie! Tiere töten! Sie sind doch unsersgleichen!«

»Ja, du liebe Zeit,« rief die Eidechse, »das tun wir doch fast alle.«

»So! Da haben wir es wieder! Weil es alle tun, ist es recht! Meinetwegen, geben Sie gebratene Mücken, ich esse eben daheim meine Nüsse.«

»Bewahre!« begütigte der Laubfrosch, »ich werde mit Freuden für Sie Nüsse besorgen. Also: erster Gang: gebratene Mücken und Nüsse. Zweiter Gang vielleicht Ameiseneier?«

»Es tut mir leid,« rief der Regenwurm, »die esse ich grundsätzlich nie.« Der Regenwurm hatte so viele Grundsätze, daß er an nichts anderes denken konnte als daran, keinen zu vergessen. Sonst sah und hörte er nichts, und nur wenn einer von Grundsätzen sprach, hob er den Kopf.

»Mit was darf ich Ihnen denn aufwarten?« fragte freundlich der Laubfrosch.

»Mit feiner Erde, wenn ich bitten darf,« sagte der Regenwurm, »ein Drittel Walderde, ein Drittel Sand und ein Drittel Roßmist.«

»Ich werde alles sehr gerne für Sie besorgen lassen,« sagte der Laubfrosch. »Zweiter Gang: Ameiseneier und Walderde. Weiter!«

»Ich möchte geröstetes Mehl vorschlagen,« rief die Feldmaus.

»Pfui!« schrie die Biene aus dem Garten von nebenan, »Mehl! Einen solchen Teig wollen Sie sich in den Magenschmieren? Davon erholen Sie sich in vierzehn Tagen nicht! Nein! Blütenstaub, das ist das Richtige! Das ist die Speise, wie die Natur sie bietet!« Sie schwirrte mit den Flügeln im Gedanken an die beliebte Speise.

»Für Blütenstaub danke ich,« schrie die Eidechse. »Es ist lächerlich. Und damit wollen Sie genährt sein? Enthält Blütenstaub Eiweiß? Oder Fett? Also! Eine Fliege, womöglich einen zarten Mehlwurm, das lasse ich mir gefallen.«

»Ich werde mir das Vergnügen machen, sowohl Blütenstaub als Mehlwürmer auftragen zu lassen,« versicherte höflich der Laubfrosch.

»Wenn ich eingeladen werden sollte,« rief ein Maulwurf, der seinen Kopf eben aus dem frischgeworfenen Hügel herausstreckte, »so muß ich sehr um frische Regenwürmer bitten!« Der Regenwurm, der dicht neben dem Hügel lag, machte sich eilig davon.

»Pfui!« schrien Eichhorn und Biene, »was für ein roher Patron!«

»Halt du den Schnabel,« sagte die Eidechse höflich zum Eichhorn. Sie aß selber gerne lebende Tiere. »Du issest auch was dich gelüstet!«

»Nein!« rief das Eichhorn. »Nicht was mich gelüstet, sondern was ich kriegen kann.«

»Wo bleiben da die Grundsätze?« jammerte der Regenwurm hinter dem Stein hervor, der ihm als Schutzwehrdiente. »Keine Macht der Erde brächte mich dazu zu essen was ich für unrichtig halte.«

»Zum Glück lebe ich nicht nach Grundsätzen,« brummte die Schmeißfliege, »ich halte es mit der Abwechslung: Zucker, Fleisch, Aas –«

»Aas!« schrien alle Tiere, »Aas! Sie ekelhaftes Vieh!«

»Tut nur nicht so,« wehrte sich die Fliege, »ihr wißt nicht, was ihr verschmäht. Versucht es erst, ehe ihr verdammt.«

»Pfui!« schrien wieder im Chor die Tiere.

»Übrigens begehre ich gar nicht an eurem faden Essen teilzunehmen,« sagte ärgerlich die Schmeißfliege.

»Bitte, bitte, Frau Fliege, ich werde gerne für ein Stücklein Aas sorgen,« beruhigte sie der Laubfrosch. »Und wie wäre es mit Wasserschnecken?« wandte er sich wieder an seinen Verwandten.

»Herrlich!« rief der Frosch, der Onkel des Bräutigams, und:

»Gräßlich!« schüttelte sich die Raupe. »Wenn ich um Kohl bitten dürfte? Ich esse nur Gemüse.«

»Sehr gern!« Der Laubfrosch notierte: Wasserschnecken und Kohl.

»Werde ich auch eingeladen?« fragte plötzlich eine Stimme. Eine Ringelnatter kroch unter dem Busch hervor und lag nun dicht vor dem grünen, entsetzten Bräutigam.

»Gewiß, gewiß, selbstverständlich,« sagte er zitternd,»es wird mir eine große Ehre sein! Und was darf ich der verehrten Natter anbieten?«

»Ich esse grundsätzlich immer, was da ist,« sagte die Schlange. Damit packte sie den Laubfrosch und verschluckte ihn langsam.

Sämtliche Nachbarn und Freunde des Dahingegangenen stoben eiligst auseinander.

»Nun ist es aus mit Hochzeit und Festessen,« jammerte die Schmeißfliege.

»Leider!« seufzte der Regenwurm, »aber sie hat ihn doch aus Grundsatz aufgefressen.«

»Sie hätte dich verschlucken sollen mit samt deinen Grundsätzen,« brummte die Schmeißfliege, und tat sich an einer toten Schwalbe gütlich, die am Wege lag.

Eine schneeweiße Pfauentaube saß mit dem Tauber auf dem Dach. Sie glänzten in der Sonne und schnäbelten sich zärtlich.

»Das ist stark,« sagte das Truthuhn, das seinen Kopf ganz schief halten mußte und dazu blinzeln um hinaufzusehen. Es wollte weiter reden; aber da ging der Truthahn vorbei, kollerte und blähte sich, und das Truthuhn warf sich platt auf die Erde, verliebt und demütig. Es sah mit seinen blöden Augen zu dem stattlichen Tier empor, das mit Rasseln und Trommeln dafür dankte und sich aufblies wie ein Luftballon.

»Daß man einen Tauber anbeten kann!« kreischte das Truthuhn.

»Einen kleinen, unbedeutenden, farblosen Vogel, der keinem Geschöpf Respekt einzuflößen imstande ist.« Es lag nun flach da, wie ein breiter, bräunlicher Eierkuchen. Dem Truthahn schwoll der rote Zierat an Kopf und Hals. Er wurde purpurrot.

»Daß er die Zärtlichkeit der Taube überhaupt für voll nimmt,« kollerte er. »Daß er so wenig Einsicht hat und glaubt, was die Kleine da oben girrt.« Er schüttelte sich. Das Truthuhn vor ihm wurde noch flacher.

»Er ist ein Tauber,« sagte es verächtlich. »Kein Herrscher, kein König unter seinesgleichen, kein ...« Es konntenicht weiter, und schnappte nach Luft. Sein bläuliches Köpflein bewegte sich vorwärts und rückwärts. Es schloß die Augen und wartete, ob der Truthahn seine Ergebenheit belohnen werde. Aber er rauschte weiter. Wie dunkles Gold glänzte sein Gefieder. Er wußte, daß er der Stolz des Hühnerhofes war.

Der große, weiße Hahn hatte dem Zwiegespräch zugehört. Er schwieg. Stolz drehte er den gebogenen Hals, und gravitätisch ging er seinen Hühnern voran durch den großen Hof. Eine der Hennen sagte, daß sie sich wundere, daß der Truthahn sich mit der dummen Dinde abgeben möge, die Verehrung und Zärtlichkeit heuchle. »Und er glaubt das alles,« sagte ein braungesprenkeltes Huhn, und trippelte zum Hahn. Der hob sich, schüttelte sich und krähte. Alle Hühner sahen sich an.

»So wie du, kräht keiner,« sagte eines.

»Wer hat dein stolzes Auge?« fragte ein anderes, und gab der Nachbarin einen Hieb, denn sie hatte ihm eine Mücke vor dem Schnabel weggeschnappt.

»Wessen Schwanzfedern wölben sich wie die deinen?«

»Wer ist so weiß wie du?«

»Wer könnte uns beschützen, wie du es tust?« Der Hahn schwieg. Er war klug. Aber er stolzierte durch den Hof, schlug mit den Flügeln und krähte, daß alle Hähne der Nachbarschaft antworteten.

Der Enterich, der am Zaun in der Sonne lag, hattemit seinen beerenschwarzen Augen dem allem zugesehen. Er war aber zu faul, um zu sagen, was er dachte. Er wippte nur mit dem Schwänzlein und schnatterte ganz leise. Seine beiden Enten konnten sich nicht genug wundern, daß der Hahn solche grobe Schmeicheleien glaube. Sie sahen hinüber zum Hahn und schnatterten empört und verächtlich. Dann begannen sie gleichzeitig den Enterich zärtlich zu lausen. Er ließ es sich gefallen.

Warum auch nicht?

Ein paar leichtbeschwingte Fliegen summten um den schön gezopften Misthaufen im Hühnerhof herum.

Eine von ihnen, eine behäbige, wie blaues Metall glänzende Roßfliege setzte sich auf den hölzernen Zaun, der den Hof umschloß, denn es war unter ihrer Würde, sich tiefer unten niederzulassen. Sie hatte der Welt Großes geschenkt. Eine Entdeckung von Ewigkeitswert war ihr gelungen: Sie hatte die Grenze der Erde erreicht. Triumphierend sah sie sich um.

»Die ganze Welt ist nun unser,« sagte sie, und ein Schauer der Ehrfurcht machte die zarten Flügel der andern erzittern.

»Unser, im wahren Sinn des Wortes,« sagte bewundernd eine kleine, muntere Fliege. »Nach allen Richtungen haben wir sie erforscht. Sie birgt kein Geheimnis mehr für uns.« Die tausend Augen der Zuhörer richteten sich wieder auf die Roßfliege, die aber unwillig surrte, denn sie liebte es nicht, wenn andere in der Mehrzahl von ihrer Entdeckung redeten.

Die muntere Fliege kratzte sich etwas verlegen mit dem dünnen Beinchen den Kopf.

»Ich sage wir, weil ich dadurch andeuten möchte, daß das Universum teilnimmt an dem Großen, das in diesen Tagen geschah. Und auch, weil wir andern es uns nicht nehmen lassen wollen, uns als einen Teil des Ganzen zufühlen, als einen Stein am Bauwerk der Wissenschaft, als eine Staffel an der Leiter des Ruhms, deren höchste Stufe unsere glorreiche Roßfliege – es verneigten sich alle zum Zeichen des Respekts und schwirrten mit den Flügeln – erreicht hat.«

Die Gefeierte sah bescheiden mit den tausend Facetten ihrer Augen zum Himmel auf, mit der anderen Hälfte spiegelte sie im Kreis herum, ob man ihr auch allseitig die gebührende Hochachtung erweise.

Plötzlich flogen alle Anwesenden erschrocken auf, denn es nahte sich ein großer, unbekannter Fliegenschwarm. Sie setzten sich aber sogleich wieder, da die Herannahenden kamen, um dem blauglänzenden Forscher Ehre zu erweisen.

Ein gegenseitiges, höfliches Flügelrauschen, Summen und Surren erhob sich. Ein bewunderndes Auf- und Abwogen, ein Gratulieren, bescheidenes Abwehren, interessiertes Fragen, bestimmtes, sicheres Antworten. Eine grünschillernde Fliege sprach für die andern. Sie wandte sich an die Roßfliege.

»Du hast es erreicht,« begann sie. »Ohnegleichen ist dein Ruhm. Himmel und Erde sind dir kein Geheimnis mehr. Die Grenze der Welt hast du erforscht. Unter die Unsterblichen bist du aufgenommen worden.« Sie funkelte mit ihren geschliffenen Augen die Roßfliege an, die zusehends dicker, größer, blauer und haariger wurde. Alles an ihr wuchs und gleißte.

Sie surrte auf das korrekteste ihren Dank, nahm den Orden der erlösten Paradiesfliegen entgegen, und geleitete darauf die Deputation über den Misthaufen, durch den Hof, weit in den Garten hinaus. –

»Die Blaue platzt noch vor Hochmut,« sagte eine Biene, die an ihr vorüberflog. Sie kroch in eine rosafarbene Primel, blieb dort eine Weile, und kam heraus, die Füßchen voll Blütenstaub. »Was hat man davon, wenn man weiß, daß am Ende der Welt ein Berg ist, den keiner überfliegen kann?« fragte sie.

»Nichts,« sagte verächtlich ein Schmetterling, der auf der Primel saß. »Aber was hast du von deiner Arbeit?«

Verblüfft sah die Biene ihn an.

»Genug, meine ich. Die Welt bewundert uns und braucht uns. Ohne uns schritte der dürrbeinige Hunger durch das Land. Ohne uns stürbe, was Odem hat. Was ich davon habe? Dumme Frage: Wir sind die Ernährer der Welt.« Zornig schnellte sie ihren Stachel gegen den samtnen Schmetterling.

Er wiegte sich jetzt auf einer frühen Narzisse, die weiß wie er, ihr goldenes Krönchen auf der Stirne, ihren zarten Duft verbreitete.

»Arbeitstiere ihr,« sagte er verächtlich. »Ihr braucht auf euren Stand auch noch stolz zu sein. Grobes Volk, aller Schönheit bar. Wir Schmetterlinge sind der Zweck der Schöpfung. Wir sind das Schöne. Wir tragen denblauen Himmel, die bunten Blumen, die durchsichtigen Steine und den Schimmer des Goldes auf unsern Flügeln. Wir baden uns im flirrenden Sonnenstrahl und nähren uns von glitzerndem Tau. Wir leben um zu genießen. Ohne uns wäre die Welt öde, glanzlos, traurig.«

Er berührte den silberschimmernden Atlas der Narzisse mit den zarten Flügeln. Die Biene flog mürrisch summend davon, dem Garten zu, wo ihr Korb stand. Sie flog mit ihren beschwerten Füßen langsam an der blauen Roßfliege vorüber, die eben heimkehrte in der Mitte ihrer Anbeter.

»Faulenzer,« brummte die Biene.

In der Nacht kam ein Frost. Am Morgen lagen sie alle starr und steif am Boden, die Fliegen, die Biene und der Schmetterling. Auf dem Rücken lagen sie und streckten die Beine gen Himmel. – Über ihnen lächelten die Sterne.


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