14.

„Ich muß meinen Entschluß mitteilen, dahingehend, daß ich alle anderen Auswege, nachdem ich die schwierige Lage überdacht habe, in welche sie die Familie versetzt hat, für beide Teile als schlimmer befinde, wie einen äußerlich festgehaltenen status quo, und daß ich einen solchen zu beobachten einverstanden bin, aber nur unter der strengen Voraussetzung, daß sie ihrerseits sich meinem Willen fügt, das heißt dem Abbruch ihrer Beziehungen zu dem Liebhaber.

Zur weiteren Befestigung dieses Entschlusses, auch nachdem derselbe schon endgültig geworden war, trat für Aleksey Aleksandrowitsch noch eine weitere wichtige Erwägung.

„Nur mit einem solchen Entschluß handle ich auch im Einverständnis mit der Religion,“ sagte er sich, „nur mit ihmstoße ich das verbrecherische Weib nicht von mir, sondern gebe ihr die Möglichkeit, sich zu bessern; ja, so schwer es mir auch werden würde, sogar einen Teil meiner Kräfte will ich opfern zu ihrer Besserung und Rettung.“

Obwohl Aleksey Aleksandrowitsch nun wußte, daß er auf sein Weib keinen sittlichen Einfluß zu üben vermöge, daß aus diesem ganzen Besserungsversuch nichts hervorgehen werde als Lüge, — obwohl er in diesen schweren Augenblicken nicht ein einziges Mal daran gedacht hatte, ein Hilfsmittel in der Religion selbst zu suchen, so verlieh ihm jetzt, da sein Entschluß mit den Forderungen derselben sogar zusammenfiel, wie ihm schien, diese religiöse Sanktionierung seines Entschlusses eine vollständige Befriedigung und teilweise Beruhigung. Es machte ihm Freude zu denken, daß auch bei einer so wichtigen Handlung im Leben nunmehr niemand imstande sei, ihm zu sagen, daß er nicht im Einklang mit den Vorschriften der Religion gehandelt hätte, deren Banner er stets hoch gehalten inmitten der allgemeinen Kälte und Gleichgültigkeit vor ihr, und als er die weiteren Einzelheiten erwog, wollte er nicht einmal mehr einsehen, warum seine Beziehungen zu seiner Gattin nicht fast die nämlichen mehr bleiben könnten, wie früher.

Zweifellos freilich würde er ja niemals imstande sein, ihr seine Achtung wieder zu schenken, aber es gab doch keinerlei Grund, und es konnte auch keinen geben, weshalb er sich sein Dasein zu nichte machen und deswegen leiden sollte, weil sie ein schlechtes und treuloses Weib gewesen war.

„Nun; die Zeit vergeht ja; die Zeit die alles heilt, und die alten Verhältnisse werden sich wieder einstellen,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch zu sich, das heißt nur so weit wieder einstellen, daß ich wenigstens keine Störung im Lauf meines Lebens mehr empfinde. Sie muß unglücklich bleiben, während ich keine Schuld trage und daher nicht unglücklich werden kann.“

Als Aleksey Aleksandrowitsch nach Petersburg kam, stand er nicht nur vollständig bei dem gefaßten Entschluß fest, er hatte im Kopfe sogar einen Brief entworfen, welchen er an sein Weib schreiben wollte.

Bei seinem Eintritt in die Portierloge, warf er einen Blickauf die Briefe und Aktenstücke, die aus dem Ministerium gebracht worden waren und befahl, ihm dieselben in sein Kabinett nachzutragen.

„Niemand vorzulassen,“ antwortete er auf die Frage seines Portiers, mit einer gewissen Selbstzufriedenheit, die als Zeichen seiner guten Laune galt, indem er das Wort „niemand“ betonte.

In seinem Kabinett ging Aleksey Aleksandrowitsch zweimal auf und ab; dann blieb er bei dem mächtigen Schreibtisch stehen, auf dem von dem Kammerdiener, welcher vorher schon hereingekommen war, sechs Kerzen angezündet worden waren, knackte mit den Fingern und setzte sich dann, seine schriftlichen Obliegenheiten überdenkend. Er stemmte die Ellbogen auf den Tisch, neigte den Kopf seitwärts, sann eine Minute nach und begann dann zu schreiben, ohne eine Sekunde innezuhalten. Er schrieb an sie ohne Anrede und auf Französisch, das Fürwort „vous“ anwendend, welches nicht den kalten Charakter besitzt, wie das „Ihr“, der russischen Sprache.

„Bei unserem letzten Gespräch drückte ich Euch die Absicht aus, Euch meinen Entschluß bezüglich des Gegenstandes unserer Unterredung mitzuteilen. Nachdem ich alles sorglich erwogen habe, schreibe ich jetzt mit der Absicht, meinem Versprechen nachzukommen.

Mein Entschluß ist folgender: Mögen Eure Handlungen sein wie sie wollen, so messe ich mir doch nicht das Recht bei, die Bande zu zerreißen, mit welchen wir vereint worden sind durch eine höhere Macht. Eine Familie kann nicht allein infolge einer Laune vernichtet werden, nach freiem Willen, oder gar durch Verbrechen des einen der beiden Gatten und unser Leben muß seinen Fortgang nehmen, wie dies bisher der Fall gewesen ist. Dies ist unerläßlich notwendig für mich, für Euch, wie für unseren Sohn.

Ich bin vollständig überzeugt, daß Ihr schon bereut habt, daß Ihr bereut, was den Anlaß zu vorliegendem Schreiben gegeben hat, überzeugt, daß Ihr ferner mit mir zusammen wirken werdet in der Aufgabe, mit der Wurzel die Ursache unserer Entzweiung auszurotten und die Vergangenheit zu vergessen. Im Falle des Gegenteils werdet Ihr Euch selbst vorstellen können, was Eurer und Eures Sohnes harrt.Über all das hoffe ich indessen eingehender bei dem persönlichen Wiedersehen sprechen zu können. Da die Saison des Landaufenthalts zu Ende geht, möchte ich Euch ersuchen, so bald als möglich nach Petersburg zu kommen, und zwar nicht später, als bis Dienstag. Alle Verfügungen, die zu Eurer Übersiedelung nötig sind, werden getroffen werden.

Ich bitte Euch, im Auge zu behalten, daß ich der Erfüllung dieser meiner Bitte eine ganz besondere Bedeutung beilegen muß.A. Karenin.

P. S.Beifolgend noch Geld, das für Eure Ausgaben erforderlich sein könnte.“ —

Er durchlas den Brief nochmals und war zufrieden mit ihm, namentlich damit, daß er daran gedacht hatte, Geld beizulegen. Kein hartes Wort, kein Vorwurf, aber auch nichts von Nachsicht seinerseits stand darin. Es hatte sich ihm um die Hauptsache gehandelt — um die goldene Brücke des Rückzuges. —

Nachdem er den Brief zusammengefaltet, mit seinem großen massiven Elfenbeinmesser geglättet und ihn mit dem Gelde in ein Couvert gesteckt hatte, schellte er, in jener selbstzufriedenen Stimmung, die stets bei ihm zu erscheinen pflegte, wenn er sich mit seinen gutgeordneten Korrespondenzangelegenheiten beschäftigte.

„Dem Kurier geben, damit es morgen auf die Villa zu Anna Arkadjewna gelangt,“ sprach er und stand auf.

„Zu Diensten, Excellenz — befehlen den Thee in das Kabinett?“ —

Aleksey Aleksandrowitsch ließ den Thee ins Kabinett bringen und trat, mit seinem Elfenbeinmesser spielend, an den Lehnstuhl, vor welchem die Lampe bereit stand und ein angefangenes französisches Buch über die eugubinischen Inschriften. Über dem Lehnstuhl hing das ovale, von einem namhaften Künstler schön ausgeführte Bild Annas in Goldrahmen. Aleksey Aleksandrowitsch schaute es an; die unergründlichen Augen blickten frivol und frei auf ihn herab, gerade wie an jenem letzten Abend ihrer Auseinandersetzung. Unerträglich frivol und herausfordernd wirkte der Andruck der von dem Künstler vorzüglich ausgeführten schwarzen Spitzen auf dem Haupte auf ihn, der dunklen Haare und der schönen weißen Hand mitden kaum hervortretenden Fingern die von Ringen bedeckt waren.

Nachdem er eine Weile auf das Porträt geblickt hatte, erschrak er plötzlich so, daß seine Lippen bebten und sich der Ausdruck „brr“ denselben entrang, worauf er sich abwandte. Dann setzte er sich hastig in seinen Lehnstuhl und nahm sein Buch auf. Er versuchte zu lesen, vermochte aber nicht das hohe Interesse, welches ihn vorher an die eugubinischen Tafeln gefesselt hatte, wach zu erhalten. Er starrte auf das Buch und dachte über etwas ganz Anderes nach. Er dachte nicht an sein Weib, sondern an eine in jüngster Zeit in seiner Amtsthätigkeit entstandene Verwickelung, die gegenwärtig vornehmlich sein dienstliches Interesse in Anspruch nahm.

Er fühlte, daß er jetzt tiefer, als je in diese Verwickelung eingedrungen und in seinem Kopfe — er konnte dies ohne Selbstüberhebung sagen — ein kapitaler Gedanke erstanden sei, der die ganze Frage lösen, und ihn in seiner dienstlichen Carriere weiter erhöhen, seine Feinde aber fallen lassen und der Regierung infolge dessen den größten Nutzen gewähren werde.

Kaum hatte der Diener, welcher ihm den Thee servierte, das Zimmer wieder verlassen, als Aleksey Aleksandrowitsch aufstand und an seinen Schreibtisch trat. Er zog das Portefeuille mit den laufenden Geschäften halb zu sich heran und nahm mit einem kaum merklichen Lächeln der Zufriedenheit einen Bleistift zur Hand, worauf er sich in das Studium der von ihm geforderten schwierigen Aufgabe vertiefte, die ihm in der vorliegenden Verwickelung oblag.

Diese Verwickelung war folgende: Die Eigenheit Aleksey Aleksandrowitschs als Regierungsbeamten, jener charakteristische Zug, den ein jeder strebende Beamte besitzt, derselbe, welcher vereint mit seinem Ehrgeiz, seiner strengen Haltung, Ehrenhaftigkeit und seinem Selbstvertrauen ihm seine Carriere begründet hatte, bestand in der Verachtung aller offiziellen Briefschreiberei, in der möglichsten Abkürzung der Vielschreiberei, und, soweit dies möglich war, in der direkten Anpassung der Sache selbst sowie sie lag, dann aber auch in der Sparsamkeit. Nun hatte es sich ereignet, daß in einer wichtigen Kommissionssitzung vom zweiten Juni, die Frage der Bewässerungvon Feldern im Gouvernement Zaraisk aufgeworfen wurde; die Sache befand sich in dem Ministerium Aleksey Aleksandrowitschs und enthielt ein schlagendes Beispiel für die Zwecklosigkeit mancher großer Ausgaben und des Briefwechsels der in derselben gepflogen worden war.

Aleksey Aleksandrowitsch wußte, daß dies richtig war; die Ausführung der Bewässerung der fraglichen Felder in dem Gouvernement Zaraisk war von dem Vorgänger des Vorgängers Aleksey Aleksandrowitschs unternommen worden, und thatsächlich war auf dieselbe bis jetzt sehr viel Kapital völlig unnütz verwendet worden, während die Unternehmung offenbar zu nichts führen konnte.

Aleksey Aleksandrowitsch hatte dies bei seinem Antritt im Amte sogleich erkannt, und wollte schon selbst Hand an die Sache legen, allein in der ersten Zeit, als er sich noch nicht sicher genug in den Geschäften fühlte, erkannte er, daß sie allzuviele Interessen berühre und auch eine undankbare sei; später jedoch, hatte er sie unter der Beschäftigung mit anderem völlig vergessen, und sie war, wie alles, einfach für sich dem Gesetz der Trägheit weiter gefolgt. Viele bezogen aus diesem Unternehmen ihren Unterhalt, insonderheit eine sehr anständige und sehr musikalische Familie — die Töchter spielten sämtlich Saiteninstrumente.

Aleksey Aleksandrowitsch kannte diese Familie, er war vom Vater derselben als Vormund einer der älteren Töchter bestellt worden. Die Aufnahme der Angelegenheit nun seitens eines gegnerisch gesinnten Ministeriums war nach seiner Meinung nicht ehrlich, da in jedem Ministerium ja sich derartige Angelegenheiten befanden, welche niemand, dem üblichen Beamtentakt folgend, aufstach. Jetzt, wenn man ihm schon diesen Handschuh hingeworfen hatte, nahm er ihn mutig auf und forderte die Einsetzung einer besonderen Kommission zur Untersuchung und Begutachtung der Arbeiten derjenigen Kommission, welcher die Bewässerung der Fluren im Gouvernement Zaraisk anvertraut worden war; aber ohne daß er jenen Herren dafür eine Frist gelassen hätte. Er forderte auch die Einsetzung noch einer besonderen Kommission für die Frage bezüglich der Verhältnisse der Ausländer. Diese letztere Angelegenheit war zufällig in der Komiteesitzung vom zweitenJuni aufgeworfen und von Aleksey Aleksandrowitsch energisch vertreten worden, als eine solche die angesichts der bedauernswerten Lage der Fremden keinerlei Aufschub dulde. In dem Komitee hatte dies zum Anlaß für die Erhebung von Widersprüchen seitens mehrerer Ministerien gedient. Dasjenige, welches Aleksey Aleksandrowitsch gegnerisch gesinnt war, legte dar, daß die Lage der Ausländer eine sehr günstige sei, und daß die vorgeschlagene Reorganisation den blühenden Wohlstand nur vernichten könne; sei aber etwas Übles gleichwohl vorhanden, so rühre dies nur von der Nichtausführung der vom Gesetz vorgeschriebenen Maßregeln her, welche seitens des Ministeriums Aleksey Aleksandrowitsch zu treffen gewesen wären.

Nun entschloß sich Aleksey Aleksandrowitsch, zu fordern: Erstens: Es solle eine neue Kommission gewählt werden, die an Ort und Stelle die Lage der Fremden zu prüfen hätte. Zweitens: Wenn sich zeige, daß die Lage der Fremden thatsächlich eine derartige sei, wie sie sich aus den offiziellen Fakten, welche das Komitee in Händen habe, ergäbe, sollte eine zweite, wissenschaftliche Kommission eingesetzt werden, zum Zweck der Erforschung der Ursachen jener unerfreulichen Lage der Fremden von folgenden Gesichtspunkten aus:a) vom politischen,b) vom administrativen,c) vom ökonomischen,d) vom ethnographischen,e) vom materiellen undf) vom religiösen.

Drittens: Es müssten von dem gegnerischen Ministerium Erklärungen über diejenigen Maßregeln verlangt werden, welche innerhalb der letzten zehn Jahre von demselben angebahnt seien zur Verhütung jener unerquicklichen Verhältnisse, in denen sich gegenwärtig die Fremden befänden; und viertens endlich, es müsse von dem Ministerium eine Erklärung darüber eingefordert werden, weshalb es, wie aus den dem Komitee unter No. 17,015 und 18,308 eingelieferten Mitteilungen vom 5. Dezember 1863 und vom 7. Juni 1864 hervorgehe, geradezu im Widerspruch mit dem Sinne des Gesetzes gehandelt habe.

Die Röte der Erregung bedeckte das Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs, als er den Wortlaut dieser Ideen schnell in das Konzept schrieb. Nachdem er das Blatt vollgeschrieben hatte,erhob er sich, schellte und gab das Schreiben für den Kanzleidirektor ab zur Ausführung der erforderlichen Korrekturen. Hierauf schritt er in dem Zimmer auf und ab, wiederum nach dem Bildnis seiner Gattin schauend und bald sich verfinsternd, bald verächtlich lächelnd. Nachdem er noch das Buch von den eugubinischen Tafeln gelesen hatte und sein Interesse für dasselbe wieder belebt worden war, begab er sich um elf Uhr nachts zur Ruhe. Ihm erschien, als er dann im Bett lag und sich des Auftritts mit seinem Weibe erinnerte, letzterer schon nicht mehr in dem nämlichen finsteren Lichte.

Obwohl Anna beharrlich und erbittert Wronskiy widersprochen hatte, als dieser ihr sagte, daß ihre Situation eine unmögliche sei, hielt sie diese doch selbst auf dem Grunde ihrer Seele für ehrlos, und wünschte, aus vollem Herzen, sie verändern zu können.

Als sie mit ihrem Gatten von den Rennen zurückkam, hatte sie diesem in der Erregung des Augenblicks alles enthüllt und sie war froh hierüber, ungeachtet des Schmerzes, den sie dabei empfand.

Nachdem ihr Gatte sie verlassen hatte, sagte sie sich selbst, sie freue sich, daß jetzt alles seine Bestimmung erfahren habe, und nun wenigstens keine Lüge und kein Betrug mehr notwendig sei. Es erschien ihr zweifellos, daß nunmehr ihre Lage ein für allemal bestimmt sei. Sie konnte übel werden, diese neue Lage, aber sie mußte doch eine abgeklärte sein, in welcher es keine Unklarheit, keine Lüge mehr gab. Der Schmerz, den sie sich und ihrem Manne zugefügt hatte, indem sie jene Worte zu ihm sprach, war jetzt aufgewogen dadurch, daß nun alles klar war, wie sie dachte.

An diesem Abend traf sie sich mit Wronskiy, erzählte ihm aber nichts von dem, was zwischen ihr und ihrem Manne vorgefallen war, obwohl dies doch zum Zweck, daß ihre Situation ins klare komme, notwendig gewesen wäre.

Als sie am anderen Morgen erwachte, war das Erste, was vor ihr auftauchte, die Erklärung, die sie ihrem Gatten gegeben hatte, und dieselbe erschien ihr so furchtbar, daß sie jetzt nicht mehr begreifen konnte, wie sie sich hatte entschließenkönnen, diese seltsam herben Worte auszusprechen; sie vermochte sich auch nicht vorzustellen, was daraus erfolgen werde.

Aber die Worte waren gesprochen, und Aleksey Aleksandrowitsch war fortgefahren, ohne ein Wort gesprochen zu haben.

„Ich habe Wronskiy gesehen und ihm nichts davon gesagt. Noch in dem Augenblick, als er ging, wollte ich ihn zurückrufen und ihm erzählen, allein ich sah davon ab, weil es seltsam erschien, daß ich es ihm nicht gleich im ersten Augenblick gesagt hatte. Weshalb habe ich es ihm aber sagen wollen und doch nicht gesagt?“

Als Antwort auf diese Frage ergoß sich eine glühende Röte der Scham über ihr Antlitz. Sie erkannte, was sie daran gehindert hatte; sie begriff, daß es die Scham gewesen. Ihre Lage, die ihr gestern Abend so abgeklärt erschienen war, zeigte sich ihr jetzt plötzlich nicht nur nicht abgeklärt, sondern vielmehr unentwirrbar.

Jetzt empfand sie ein Entsetzen vor der Schande, an welche sie vorher gar nicht gedacht hatte. Sobald sie nur daran dachte, was ihr Gatte nun thun werde, kamen ihr die furchtbarsten Ideen. Ihr kam in den Kopf, es könne jeden Augenblick ein Beamter erscheinen, der sie aus dem Hause hinwegzutreiben hätte, so daß ihre Schmach vor der ganzen Welt offenkundig würde. Sie frug sich selbst, wohin sie sich begeben solle, wenn man sie aus dem Hause treibe, und sie fand keine Antwort darauf.

Als sie an Wronskiy dachte, schien es ihr, als ob er sie nicht liebe, als ob er ihrer bereits überdrüssig würde, als ob sie sich ihm nicht anvertrauen dürfe, und sie empfand Erbitterung gegen ihn deshalb.

Ihr schien, als ob sie jene Worte, die sie zu ihrem Gatten gesagt, und welche sie unaufhörlich in ihrer Phantasie wiederholte, zu jedermann gesagt, und als ob jedermann sie gehört hätte. Sie gewann es nicht über sich, denen ins Auge zu blicken, mit denen sie zusammen lebte. Sie wagte es nicht mehr, ihre Zofe zu rufen, und noch weniger, hinabzugehen, und ihren Sohn und die Erzieherin zu sehen.

Die Zofe, welche schon geraume Zeit an ihrer Thür gelauscht hatte, trat endlich selbst bei ihr ein. Anna blickte ihr fragend ins Auge und errötete erschreckt. Die Zofe entschuldigtesich, daß sie eingetreten sei, und sagte, ihr hätte es geschienen, als habe man geschellt. Sie brachte das Morgenkleid und einen Brief von Bezzy, welche sie daran erinnerte, daß am heutigen Morgen Lisa Merkalowa und die Baronesse Stolz, beide mit ihren Verehrern, Kaluschskiy und dem alten Stremoff, zu einer Partie Croquet kämen.

„Kommt, wenigstens um zu sehen, wie es mit dem Studium der Moral steht, ich erwarte Euch,“ endete Bezzy.

Anna las das Billet und seufzte schwer.

„Nichts; ich brauche nichts,“ sprach sie zu Annuschka, die ihr die Flacons und Bürsten auf dem Toilettetisch ordnete; „geh, ich will mich sogleich ankleiden und ausgehen. Ich brauche nichts, gar nichts.“

Annuschka ging, Anna aber begann nicht, sich anzukleiden, sondern verharrte in der nämlichen Stellung, gesenkten Hauptes, mit herabhängenden Armen; erbebte bisweilen am ganzen Körper, wie im Wunsche, eine Bewegung zu machen, etwas zu sagen, dann aber wieder in sich zusammensinkend.

Sie wiederholte unaufhörlich: „Mein Gott, mein Gott,“ aber weder das erste noch das zweite dieser Worte hatte für sie irgend eine Bedeutung.

Der Gedanke, in der Religion für ihre Lage Hilfe zu suchen, war für sie, obwohl sie nie an der Religion gezweifelt hatte, in welcher sie auferzogen worden war, so befremdlich, als wenn sie bei Aleksey Aleksandrowitsch selbst hätte Hilfe suchen sollen.

Sie wußte im voraus, daß die Hilfe der Religion nur unter der Bedingung, daß sie dem entsagte, was für sie den ganzen Begriff Leben bildete, möglich sei.

Es war ihr nicht nur schwer ums Herz, sondern sie begann auch, Bangnis vor einem ihr noch neuen nie empfundenen Seelenzustand zu empfinden. Sie fühlte, daß in ihrer Seele sich alles spalte, wie bisweilen vor müden Augen die Gegenstände sich verdoppeln.

Bisweilen wußte sie nicht, was sie eigentlich fürchte, und was sie eigentlich wünsche. Fürchtete oder wünschte sie das, was jetzt bestand, oder das, was kommen würde und was sie eigentlich wünschte — sie wußte es nicht.

„O, was thue ich!“ sagte sie zu sich selbst, plötzlich einen Schmerz in beiden Seiten des Kopfes empfindend. Nachdemsie zu ruhiger Überlegung gekommen war, gewahrte sie, daß sie mit beiden Händen ihre Locken an den Schläfen gepackt hielt und preßte. Sie sprang auf und begann umherzuwandeln.

„Der Kaffee ist fertig und Mamsell wartet mit dem kleinen Sergey,“ sprach Annuschka, die jetzt wieder zurückkam und Anna noch in der nämlichen Lage antraf.

„Sergey? Was ist mit Sergey?“ frug Anna, plötzlich Leben erhaltend. Zum erstenmal an diesem ganzen Morgen erinnerte sie sich der Existenz ihres Sohnes.

„Er hat etwas verbrochen, glaube ich,“ fuhr Annuschka lächelnd fort.

„Was hat er denn verbrochen?“

„Es lagen Pfirsiche bei Euch im Eckzimmer und da hat der junge Herr wohl eine derselben heimlich verspeist.“

Die Gemahnung an ihr Kind hatte Anna plötzlich aus jener ratlosen Stimmung gerissen, in der sie sich befunden. Sie erinnerte sie wieder an ihre zeitweilig mit so viel Aufrichtigkeit, wenn auch übertrieben gespielte Rolle als Mutter, die nur für ihr Kind lebt, wie sie sie in den letzten Jahren angenommen hatte, und mit Freuden empfand sie, daß ihr in dem Zustande, in welchem sie sich befand, noch eine Stütze, unabhängig von dem Verhältnis, in das sie zu ihrem Gatten und zu Wronskiy treten würde, geblieben sei.

Diese Stütze — war ihr Söhnchen. —

Mochte die Lage sein, wie sie wollte, in die sie geriet, ihren Sohn konnte sie nicht verlassen. Mochte ihr Gatte sie mit Schmach überhäufen und von sich treiben, mochte Wronskiy kalt gegen sie werden und sein unabhängiges Leben fortsetzen — wiederum dachte sie voll Erbitterung und mit Selbstvorwürfen an ihn — sie konnte den Sohn nicht verlassen. Sie besaß so eine Lebensaufgabe und mußte handeln, wirken, um dieses Verhältnis zu ihrem Sohne zu wahren, damit man ihr diesen nicht raubte. Und schnell sogar war zu handeln, so schnell als möglich, bevor man ihn ihr wegnahm; man mußte das Kind nehmen und entfliehen. Dies war das Einzige, was sie jetzt zu thun hatte. Doch sie mußte ruhiger werden, und diese qualvolle Stimmung verscheuchen. Der Gedanke an dieAufgabe, die ihr Kind betraf, daß sie sogleich mit diesem abreisen müsse, verlieh ihr auch diese Ruhe.

Hastig kleidete sie sich an, begab sich hinunter und trat mit energischen Schritten in den Salon, wo sie, wie gewöhnlich, der Kaffee nebst Sergey mit der Gouvernante erwartete.

Der kleine Sergey, ganz in weiß gekleidet, stand am Tische unter dem Spiegel und machte sich, Rücken und Köpfchen gebeugt, mit dem Ausdruck gespannter Aufmerksamkeit, den sie an ihm kannte und durch welchen er seinem Vater ähnlich wurde, an den Blumen zu schaffen, die er mitgebracht hatte.

Die Gouvernante zeigte ein ausnehmend strenges Aussehen. Sergey rief durchdringend, wie dies öfter bei ihm der Fall war „A Mama!“ und verharrte dann in Unentschiedenheit, ob er gehen und die Mutter begrüßen müsse, die Blumen beiseite lassend, oder ob er den Kranz fertig winden und mit den Blumen zu ihr gehen sollte.

Die Erzieherin begann nach der Begrüßung lang und ausführlich das Verbrechen zu berichten, welches der kleine Sergey begangen hatte, aber Anna hörte nicht auf sie. Sie dachte nur daran, ob sie die Erzieherin mit sich nehmen sollte; „nein, ich nehme sie nicht mit,“ beschloß sie, „ich werde allein fahren mit meinem Kinde.“

„Aber das ist ja sehr häßlich,“ sagte sie hierauf laut, und ergriff Sergey an der Schulter, ihn nicht mit strengem, sondern mit sanftem Blick, der den Knaben mit Verwirrung und Freude erfüllte, anschauend und küssend. „Laßt ihn mit mir allein,“ sprach sie hierauf zu der verwunderten Erzieherin und ließ sich dann, ohne die Hand ihres Söhnchens freizugeben, an dem bereitstehenden Kaffeetisch nieder.

„Mama — ich — ich — ich — will nicht,“ — begann das Kind, sich bemühend, an dem Gesichtsausdruck der Mutter zu erkennen, was seiner harre wegen des Pfirsichs.

„Mein Sergey,“ sagte Anna, sobald die Gouvernante das Zimmer verlassen hatte, „das war nicht schön von dir, aber du wirst es nicht wieder thun? Hast du mich lieb?“ Sie fühlte, daß ihr die Thränen in die Augen traten. „Kann ich ihn denn nicht lieben?“ sprach sie zu sich selbst, sich in seinen erschreckten und zugleich frohen Blick versenkend. „Sollte ermit seinem Vater übereinstimmen, mich zu verurteilen? Sollte er mich nicht vielmehr bemitleiden?“

Die Thränen rannen ihr schon über das Gesicht, und um sie zu verbergen, erhob sie sich hastig und lief mehr als sie ging nach der Terrasse hinaus.

Nach den Gewitterregen der letzten Tage war kaltes, helles Wetter eingetreten. Trotz der hellscheinenden Sonne, welche durch das frischgewaschene Laub drang, war es kalt an der Luft.

Sie schauerte zusammen, sowohl vor Kälte, wie vor einem inneren Entsetzen, welches sie in der frischen Luft mit neuer Macht ergriff.

„Geh hinein, geh zu Mariette,“ sagte Anna zu ihrem Söhnchen, welches ihr gefolgt war, und schritt auf dem Strohteppich der Terrasse auf und ab. „Sollte man mir wirklich nicht verzeihen können, nicht begreifen, daß dies alles gar nicht anders kommen konnte?“ sprach sie zu sich selbst. Sie blieb stehen und blickte nach den im Winde schwankenden Gipfeln der Espen mit dem frischen, hell in der kalten Sonne schimmernden Laube und sah ein, daß man ihr nicht verzeihen werde, daß alles und jedermann ohne Mitleid gegen sie sein werde, wie dieser Himmel da, wie dieses Grün. Und wiederum fühlte sie, daß sich in ihrer Seele eine Spaltung vollzog, „ich brauche nicht zu grübeln, brauche es nicht,“ sagte sie zu sich selbst. „Aber ich muß mich fertig machen; wohin? Wann reise ich? Wen soll ich mitnehmen? Nach Moskau mit dem Abendzug. Annuschka und Sergey und nur die allernötigsten Sachen! Doch vorher gilt es noch, an sie beide zu schreiben!“

Schnell trat sie wieder in das Haus, ging in ihr Kabinett, setzte sich an den Schreibtisch und schrieb an ihren Gatten:

„Nach dem Vorgefallenen vermag ich nicht mehr in Eurem Hause zu bleiben. Ich reise ab und nehme meinen Sohn mit mir. Ich kenne die Gesetze nicht und weiß infolge dessen auch nicht, wem von den Eltern das Kind gehört, aber ich nehme es mit mir, weil ich ohne dasselbe nicht leben kann. Seid großmütig und laßt es mir.“ —

Bis hierher hatte Anna Karenina flüchtig und natürlich geschrieben, dieser Appell an seine Großmut aber, die sie in ihm nicht anerkannte, sowie die Notwendigkeit, den Brief mit einer rührenden Phrase zu schließen, ließen sie innehalten.

„Von meiner Schuld und meiner Reue sprechen kann ich nicht, weil“ — Wiederum hielt sie inne, weil sie keine Verbindung ihrer Gedanken fand; „nein,“ sprach sie zu sich, „gar nicht nötig,“ und das Schreiben zerreißend, schrieb sie ein anderes, welches den Appell an seine Großmut ausschloß, und siegelte es zu.

Ein zweites Schreiben war an Wronskiy zu richten.

„Ich habe meinem Gatten eine Erklärung gegeben,“ schrieb sie, lange sitzend, ohne die Kräfte zu haben, weiter zu schreiben; ihr Beginnen erschien ihr so unzart, so unweiblich. Was soll ich ihm denn nun noch schreiben? frug sie sich selbst. Wiederum bedeckte die Röte der Scham ihr Gesicht; sie vergegenwärtigte sich seine Ruhe und ein Gefühl des Verdrusses über ihn ließ sie das Blatt mit dem geschriebenen Satz in kleine Stücke zerreißen.

„Nicht nötig,“ sprach sie, schloß die Briefmappe und ging hinauf; sie teilte der Erzieherin und den Leuten mit, daß sie heute nach Moskau reisen werde und begann sogleich mit dem Packen der Sachen.

In allen Zimmern der Villa liefen nun die Hausleute, die Gärtner und Lakaien, Sachen schleppend hin und wieder. Schränke und Kommoden wurden geöffnet, zweimal wurde in die Kaufläden geschickt; auf dem Boden türmte sich Zeitungspapier.

Zwei Koffer, Reisesäcke und zusammengeschnürte Plaids wurden ins Vorzimmer gebracht. Die Equipage und zwei Mietkutscher hielten vor der Treppe.

Anna, welche bei der Arbeit des Einpackens ihre innere Unruhe vergessen hatte, packte, in ihrem Kabinett am Tische stehend, ihren Reisesack, als Annuschka ihre Aufmerksamkeit auf das Geräusch einer heranrollenden Equipage lenkte.

Anna blickte durchs Fenster und sah an der Freitreppe den Kurier Aleksey Aleksandrowitschs, welcher an dem Eingangsthor läutete.

„Geh und erkundige dich, was es giebt,“ sagte sie und legte, ruhig und auf alles gefaßt, die Hände gefaltet, auf die Kniee, nachdem sie sich in einen Sessel niedergelassen hatte.

Der Diener brachte ihr ein starkes Couvert, welches von der Hand ihres Gatten adressiert war.

„Der Kurier ist beordert, Antwort zu bringen,“ meldete er.

„Gut,“ versetzte Anna, und riß mit bebenden Fingern, sobald der Diener das Zimmer verlassen hatte, das Schreiben auf. Ein Paket in Bänder eingeklebten glattliegenden Papiergeldes fiel heraus. Sie machte das Schreiben frei und begann es vom Ende her zu lesen.

„Ich habe die Vorbereitungen zur Übersiedelung getroffen und messe der Erfüllung meiner Bitte alles Gewicht bei,“ las sie. Sie las weiter, rückwärts, las alles, und dann den ganzen Brief nochmals von Anfang an. Nachdem sie geendet hatte, fühlte sie, daß es ihr kalt war und daß über ihr ein Unglück hereingebrochen sei, so furchtbar, wie sie es nimmermehr erwartet hatte.

Sie hatte am Morgen Reue darüber empfunden, daß sie ihrem Manne alles gestanden hatte und nur das Eine gewünscht, diese Worte möchten nie gesprochen worden sein. Das Schreiben da erkannte nun ihre Worte als nicht gesprochen an und gab ihr, was sie wünschte. Jetzt aber erschien ihr dasselbe furchtbarer, als alles, was sie sich nur denken konnte.

„Er hat recht, hat recht,“ sprach sie, „natürlich, er hat stets recht, er ist ein Christ, er ist großmütig. Ha, ein niedriger, abscheulicher Mensch ist er! Und dies kennt niemand weiter, als ich, niemand erkennt das und wird es je erkennen! Ich selbst vermag das nicht ganz zu erklären. Man sagt, er sei religiös, moralisch, ein ehrenhafter und kluger Mensch, aber man sieht dabei nicht, was ich gesehen habe. Man weiß nicht, wie er acht Jahre hindurch mein Leben erstickt hat, alles erstickt hat, was in mir lebendig gewesen ist, — daß er auch nicht ein einziges Mal daran gedacht hat, daß ich ein lebendiges Weib bin, das Liebe braucht. Man weiß nicht, daß er mich auf jedem Schritte gekränkt hat und mit sich selbst zufrieden dabei war. Habe ich mich nicht bemüht, mit allen Kräften bemüht, eine Rechtfertigung für mein Dasein zu finden? Habe ich es nicht versucht, ihn zu lieben, seinen Sohn zu lieben, als er selbst schon der Liebe nicht mehr teilhaft werden konnte? Aber die Zeit ist gekommen und ich habe erkannt, daß ich mich nicht länger täuschen kann, daß ich lebe,daß ich nicht schuldig bin, weil Gott mich so geschaffen hat, daß ich lieben und leben muß. Und was ist jetzt? Hätte er mich — und ihn getötet — alles würde ich ertragen, alles verziehen haben, aber mit nichten — er! — Wie konnte ich nur nicht im voraus erraten, was er thun würde? Er thut doch nur, was seinem niederen Charakter eigen ist! Er wird recht behalten, und mich, die Verlorene, mich wird er in noch verhängnisvollerer Weise, noch tiefer stürzen — — „Ihr selbst könnt Euch vorstellen, was Eurer und Eures Sohnes harrt,“ rief sie sich aus dem Briefe ins Gedächtnis zurück. „Dies ist die Drohung, daß er mir den Sohn nehmen will — und nach ihren thörichten Gesetzen wird das wohl auch möglich sein! Aber weiß ich etwa nicht, weshalb er das sagt? Er glaubt einfach nicht an meine Liebe zu meinem Kinde; oder er verachtet dieses Gefühl in mir — wie er ja stets nur gehöhnt hat, — und dennoch weiß er, daß ich mein Kind nicht aufgebe, nicht aufgeben kann, daß es ohne mein Kind für mich kein Leben giebt, selbst nicht mit demjenigen, den ich liebe, daß ich, sollte ich den Sohn verlassen und von ihm gehen, handeln würde wie das niedrigste abscheulichste Weib. Dies weiß er, aber er weiß auch, daß ich nicht die Kraft habe, das zu vollbringen. „Unser Leben soll sein wie es früher war,“ rief sie sich weiter aus seinem Briefe ins Gedächtnis zurück. „Dieses Leben war ein peinvolles schon früher, es war ein entsetzliches in letzter Zeit. Was soll es da jetzt erst werden? Und er weiß doch das alles, weiß, daß ich nicht Reue darüber empfinden kann, zu atmen und zu lieben; er weiß, daß außer Lüge und Trug nichts aus diesem Leben hervorgehen wird, und dennoch muß er mich weiter foltern. Ich kenne ihn und weiß, daß er sich, so wie der Fisch im Wasser umherschwimmt, an der Lüge ergötzt. Aber nein, ich werde ihm diesen Genuß nicht gewähren, und werde dieses sein Spinnennetz von Heuchelei zerreißen, in welches er mich verstricken will; mag kommen, was da kommen will; alles ist besser, als Lüge und Trug! Aber wie, mein Gott, mein Gott, ist denn je auf Erden ein Weib so unglücklich gewesen, wie ich? Nein; ich werde es zerreißen!“ schrie sie auf, emporspringend und ihre Thränen zurückdrängend.

Sie trat an ihren Schreibtisch, um ihm einen anderenBrief zu schreiben, aber auf dem Grunde ihres Herzens fühlte sie schon, daß sie nicht die Kraft haben würde, etwas zu zerreißen, nicht die Kraft habe, aus den alten Verhältnissen sich loszuwinden, so erheuchelt und entehrend sie auch waren.

Sie ließ sich an dem Schreibtisch nieder, aber anstatt zu schreiben, faltete sie die Hände auf demselben, legte das Haupt auf sie und brach in Thränen aus, und ihre Brust zuckte und bebte; sie weinte, wie Kinder weinen.

Sie weinte darüber, daß ihr Wahn von einer Abklärung und Bestimmung ihrer Lage auf immer vernichtet war. Sie wußte im voraus, daß nun alles beim alten bleiben würde und noch bei weitem schlimmer werden müsse, als früher. Sie fühlte, daß die Stellung in der Welt, welche sie einnahm, und die ihr heute morgen so nichtig erschienen war, daß ihr diese Stellung wertvoll sei, daß sie nicht die Macht besitze, sie zu verwandeln in die schmachvolle Stellung eines Weibes, welches Mann und Kind verlassen, und sich mit dem Liebhaber verbunden hat, daß sie, soviel sie sich auch anstrengen mochte, nicht mehr Kräfte besaß, als sie eben hatte.

Nie sollte sie die Freiheit der Liebe kennen lernen, sondern für immer ein verbrecherisches Weib bleiben, einer jeden Augenblick drohenden Überführung unterworfen, da sie ihren Gatten hinterging, um ein sündhaftes Verhältnis mit einem unabhängigen Fremden zu unterhalten, mit welchem sie nicht ein geeintes Leben führen darf.

Sie wußte, daß es so kommen würde und dabei wurde es ihr furchtbar zu Mut, daß sie sich nicht vorzustellen vermochte, wie das alles enden sollte. Sie weinte, ohne sich halten zu können; sie weinte, wie gestrafte Kinder weinen.

Schritte des Dieners, welche hörbar wurden, ließen sie zur Besinnung kommen. Indem sie ihr Gesicht bergend zur Seite vor ihm wandte, stellte sie sich als ob sie schriebe.

„Der Kurier bittet um Antwort,“ meldete der Diener.

„Antwort? Ja“ — sagte Anna Karenina, „er soll warten, ich werde schellen.“ —

„Was kann ich schreiben?“ sann sie, „was soll ich ganz allein entscheiden? Was weiß ich? Was möchte ich? Was liebe ich?“

Wiederum empfand sie, wie ihre Seele sich zu spalten begann.Sie erschrak von neuem über dieses Gefühl und klammerte sich an den ersten besten Vorwand, nur etwas zu thun, welcher sie von den Gedanken über sie selbst abziehen könnte.

„Ich muß Aleksey sehen,“ — so nannte sie Wronskiy in Gedanken, — „er allein kann mir sagen, was ich zu thun habe. Ich will zu Bezzy fahren, vielleicht sehe ich ihn dort,“ sagte sie zu sich selbst, vollständig übersehend, daß ihr Wronskiy erst gestern, als sie ihm sagte, sie würde nicht zur Fürstin Twerskaja fahren, geantwortet hatte, dann würde er auch nicht hinkommen.

Sie trat an den Tisch und schrieb an ihren Mann: „Ich habe Euer Schreiben erhalten. A.“ — Hierauf schellte sie und übergab den Brief dem Diener.

„Wir werden nicht reisen,“ sagte sie der eintretenden Annuschka.

„Gar nicht?“

„Nein, doch packt bis morgen nicht aus und auch der Wagen bleibt. Ich will zur Fürstin!“ —

„Welches Kleid befehlen Sie?“ —

Die Croquetgesellschaft, zu welcher die Fürstin Twerskaja Anna geladen hatte, konnte nur aus zwei Damen und deren Rittern bestehen. Die beiden Damen waren die hervorragendsten Repräsentantinnen eines auserwählten neuen Petersburger Cirkels, der sich in der Nachahmung einer gewissen Nachahmung „Les sept merveilles du monde“ nannte.

Diese Damen gehörten allerdings zu dem höchsten Cirkel, aber auch zugleich zu einem, welcher dem von Anna besuchten durchaus feindlich gegenüberstand. Überdies hatte der alte Stremoff, einer der einflußreichsten Männer Petersburgs und gleichzeitiger Verehrer von Lisa Merkalowa, amtlich den Aleksey Aleksandrowitsch zu seinem Gegner. In Erwägung alles dessen, hatte Anna nicht kommen wollen und auf ihre Absage bezogen sich Winke in dem Billet der Fürstin Twerskaja. Nun wünschte Anna, in der Hoffnung, Wronskiy zu treffen, hinzufahren.

Sie kam bei derselben früher an, als die übrigen Gäste. Zur nämlichen Zeit, als sie eintrat, kam auch der Diener Wronskiys, mit frisiertem Backenbart, wie ein Kammerjunkeraussehend. Er blieb an der Thür stehen und ließ sie, die Mütze ziehend, vorüberschreiten. Anna erkannte ihn und entsann sich nun erst, daß Wronskiy gestern gesagt hatte, er werde nicht kommen. Wahrscheinlich sandte er daraufhin das Billet.

Sie hörte, indem sie das Oberkleid im Vorzimmer ablegte, wie der Lakai, selbst das r wie ein Kammerjunker aussprechend, sagte: „Vom Grafen an die Fürstin,“ und den Brief übergab.

Sie wollte fragen, wo sein Herr sei; sie wollte wieder umkehren und ihm eine Zuschrift senden, zu ihr zu kommen, oder daß sie zu ihm kommen wolle, that aber weder dies noch jenes, noch ließ sich das Dritte thun. Schon vorher hatte sie die Glocke, welche ihre Ankunft meldete, gehört, und der Diener der Fürstin Twerskaja war bereits in die Zwischenthür hinter dem geöffneten Thor getreten, ihr Eintreten in die inneren Räume erwartend.

„Die Fürstin befindet sich im Garten, sofort wird gemeldet werden. Ist es nicht genehm, nach dem Garten?“ meldete ein anderer Diener im Nebenzimmer.

Ihre Lage der Unentschiedenheit und Unklarheit war hier noch ganz die nämliche, wie daheim, ja noch schlimmer geworden, weil sich hier gar nichts unternehmen ließ, weil sie Wronskiy hier nicht sehen konnte. Und doch mußte sie jetzt hier bleiben, in einer fremden, ihrer Stimmung so unsympathischen Gesellschaft. Aber sie befand sich in einer Toilette, welche, wie sie wußte, ihr zu Gesicht stand, sie war daher nicht vereinsamt, rings um sie her hatte sie die gewohnte Umgebung des feiernden Müßiggangs und es wurde ihr nun leichter ums Herz als zu Haus. Sie brauchte nur nicht darüber nachzudenken, was sie zu thun habe, alles machte sich schon von selbst.

Als Anna Bezzy in einer weißen, sie durch ihre Eleganz frappierenden Toilette sich entgegenkommen sah, lächelte sie derselben zu wie stets.

Die Fürstin Twerskaja kam mit Tuschkewitsch und einer jungen Verwandten, die zur hohen Freude ihrer provinzialen Eltern einen Sommer bei der gerühmten Fürstin verleben durfte.

Es mochte wohl etwas Besonderes an Anna auffallen, denn die Fürstin bemerkte es sogleich.

„Ich habe schlecht geschlafen,“ antwortete Anna, nach dem Diener blickend, welcher ihnen entgegentrat und nach ihrer Ansicht ein Billet Wronskiys brachte.

„Wie freue ich mich, daß Ihr gekommen seid,“ sprach Bezzy, „ich bin etwas ermüdet und wollte soeben eine Schale Thee zu mir nehmen, bis man kommen würde. Ihr möchtet vielleicht gehen,“ wandte sie sich an Tuschkewitsch, „um mit Mascha den ‚Croquet-ground‘ zu probieren, dort, wo man rasiert hat. Wir aber wollen uns gleich einmal beim Thee nach Herzenslust ausplaudern, ‚we'll have a cosy chat‘, nicht wahr so?“ wandte sie sich hierauf an Anna, mit einem Lächeln ihr die Hand drückend, welche den Sonnenschirm hielt.

„Um so angenehmer, als ich mich nicht lange bei Euch aufhalten kann, ich muß unbedingt noch zur alten Wrede, der ich bereits seit Menschengedenken versprochen habe zu kommen,“ versetzte Anna, welcher die Lüge, die ihrer Natur sonst so fremd war, in der Gesellschaft nicht nur als etwas ganz Einfaches und Natürliches erschien, sondern sogar Vergnügen machte. Weshalb sie dies sagte, woran sie vor einem Augenblick noch nicht gedacht hatte, würde sie sich selbst nie haben erklären können. Sie hatte es nur in der Erwägung geäußert, daß sie, weil Wronskiy nicht zugegen war, auf ihre Freiheit Bedacht nehmen und versuchen müsse, ihn auf alle Fälle zu sehen.

Weshalb sie aber gerade von dem alten Fräulein Wrede sprach, welcher sie einen Besuch abstatten müsse, wie so vielen anderen, hätte sie gleichfalls nicht zu erklären vermocht. Und doch hätte sie dabei, wie sich später erwies, bei dem Ausfindigmachen der schlauesten Mittel und Wege zur Ermöglichung eines Rendezvous mit Wronskiy auf nichts Besseres verfallen können.

„O, ich werde Euch um keinen Preis fortlassen,“ antwortete Bezzy, aufmerksam die Züge Annas musternd. „Ich würde mich gekränkt fühlen, wenn ich Euch nicht so lieb hätte. Ihr scheint ja geradezu zu fürchten, daß meine Gesellschaft Euch kompromittieren könnte. — Den Thee für uns in den kleinen Salon!“ sprach sie, wie gewöhnlich im Verkehr mit den Dienern, mit den Augen zwinkernd. Sie nahm das Billet aus den Händen des Dieners und las es. „Aleksey hat unseinen falschen Coup ausgeführt,“ fuhr sie französisch fort, „er schreibt, daß er nicht kommen kann,“ sagte sie mit so natürlichem, einfachem Tone, als käme es ihr gar nicht in den Kopf, daß Wronskiy eine andere Bedeutung für Anna habe, als die für eine Partie Croquet.

Anna wußte, daß Bezzy alles bekannt sei, aber wenn sie so hörte, wie diese in ihrer Gegenwart von Wronskiy sprach, überzeugte sie sich stets für eine Minute, daß Bezzy nichts wisse.

„Ah,“ antwortete sie daher gleichmütig, als ob sie wenig davon interessiert wäre und fuhr dann lächelnd fort: „Wie könnte Eure Gesellschaft jemand kompromittieren?“ Dieses Spiel mit Worten, dieses Verbergen der Gedanken, hatte für Anna, — wie überhaupt für alle Frauen, — einen großen Reiz. Nicht aber der Zwang zu verhehlen, nicht die Absicht, wegen der etwas bemäntelt wird, zog sie an, sondern nur die Art und Weise des Verbergens selbst. „Ich kann nicht katholischer sein als der Papst,“ sagte sie; „Stremoff und Lisa Merkalowa sind die Creme der Creme der Gesellschaft. Da sie infolge dessen überall eingeführt sind, so kann auch ich“ — sie hob das „ich“ besonders hervor, — „nimmermehr streng und intolerant sein. Ich muß aber nur noch eine Besuchspflicht erfüllen“ —

„Nein, nein, Ihr wollt wohl nur nicht Stremoff begegnen? Mögen er und Aleksey Aleksandrowitsch im Komitee Lanzen miteinander brechen — das geht uns nichts an. In der Welt ist er der liebenswürdigste Mensch, den ich überhaupt kenne und ein leidenschaftlicher Croquetspieler. Ihr werdet ja sehen. Ungeachtet seiner komischen Rolle eines alten Verliebten, Lisa gegenüber, muß man aber doch sehen, wie er sich aus einer so lächerlichen Situation zu ziehen weiß. Er ist sehr angenehm. Kennt Ihr Sappho Stolz? Das ist ein neuer, ein vollständig neuer Ton.“

Bezzy sprach in einem fort, aber an ihrem heiteren klugen Blicke merkte Anna doch, daß sie zum Teil ihre Lage erkenne und etwas im Schilde führe. Beide saßen in dem kleinen Kabinett bei einander.

„Ich muß aber doch an Aleksey schreiben.“ Bezzy ließ sich an dem Schreibtisch nieder, warf einige Zeilen hin und steckte sie in ein Couvert. „Ich schreibe ihm, daß er kommenmöge, mit uns zu essen. Es sei bei mir nur eine einzelne Dame ohne Mann zur Tafel. Seht, ist das nicht zwingend? Doch entschuldigt, ich muß Euch für eine Sekunde verlassen. Siegelt das gefälligst und schickt es fort!“ rief sie, schon von der Thür herüber, „ich muß noch eine Anordnung treffen!“ —

Ohne sich einen Augenblick zu bedenken, setzte sich Anna mit dem Billet Bezzys an den Tisch und schrieb, ohne es zu lesen, darunter: „Ich muß Euch sehen; kommt an den Garten der Wrede, ich werde um sechs Uhr dort sein.“ Sie verschloß das Billet und Bezzy, welche soeben zurückkehrte, gab es in ihrer Gegenwart hinaus.

In der That entwickelte sich zwischen den beiden Frauen beim Thee, der ihnen auf dem Präsentierbrett in den kleinen Salon gebracht wurde, eincosy chat, wie es die Fürstin Twerskaja bis zur Ankunft ihrer Gäste in Aussicht gestellt hatte. Sie nahmen diejenigen durch, welche sie zum Besuch erwarteten und das Gespräch blieb schließlich bei der Lisa Merkalowa stehen.

„Sie ist sehr angenehm und mir stets sympathisch gewesen,“ sagte Anna.

„Ihr müßt sie lieben; sie schwärmt für Euch. Gestern kam sie zu mir nach den Rennen und befand sich in Verzweiflung, daß sie Euch dort nicht angetroffen hatte. Sie sagt, Ihr wäret die echte Heldin für einen Roman und sie würde für Euch, falls sie ein Mann wäre, wohl tausend Dummheiten begehen. Stremoff hat ihr darauf geantwortet, daß sie ja auch so schon welche machte.“

„Aber sagt mir doch bitte, ich habe nie begreifen können,“ begann Anna, nachdem sie einige Zeit geschwiegen hatte, in einem Tone der deutlich zeigte, daß sie keine müßige Frage stellte, sondern das, wonach sie frug, für sie bedeutungsvoller war als vielleicht nötig, „sagt mir doch nur, was sie eigentlich für eine Beziehung zum Fürsten Kaluschskiy, dem sogenannten Mischka hat? Ich habe beide zu selten gesehen, wie steht es damit?“

Bezzy lächelte nur mit den Augen und blickte Anna aufmerksam an.

„Eine neue Mode,“ sagte sie. „Man hat sie allgemein angenommen, und sieht eben den Wald vor Bäumen nicht.“

„Aber welche sind also ihre Beziehungen zu Kaluschskiy?“

Bezzy brach plötzlich in ein lustiges nicht zu bezwingendes Gelächter aus, was bei ihr selten der Fall war.

„Da betretet ihr ja die Domäne der Fürstin Mjachkaja. Dies ist die Frage eines ‚enfant terrible!‘“ Bezzy schien offenbar an sich halten zu wollen es aber nicht zu können und brach abermals in das nämliche hinreißende Gelächter aus, mit welchem lachlustige Leute bisweilen lachen. „Man wird sie wohl fragen müssen,“ antwortete sie endlich unter Lachthränen.

„Nein; Ihr lacht,“ antwortete Anna, gleichfalls und unwillkürlich von diesem Lachen mit angesteckt, „aber ich habe das nie verstehen können. Ich begreife hier die Rolle des Ehegatten nicht.“

„Ehegatten? Der Mann der Lisa Merkalowa trägt seiner Frau das Plaid nach und steht stets zu ihren Diensten bereit. Aber was es dann noch weiter zwischen ihnen giebt, das will gar niemand wissen. Ihr wißt ja selbst, daß man in der guten Gesellschaft über gewisse Details der Toilette weder spricht, noch Betrachtungen anstellt. So ist es auch hier.“

„Werdet Ihr zu der Fete der Rolandak kommen?“ frug Anna, in der Absicht das Thema zu wechseln.

„Ich glaube nicht,“ versetzte Bezzy und befaßte sich, ohne ihre Freundin anzublicken, aufmerksam damit, die kleinen durchsichtig schimmernden Schalen mit dem duftenden Thee zu füllen. Nachdem sie hierauf Anna eine Tasse zugeschoben hatte, nahm sie eine Cigarette hervor, steckte sie in ein silbernes Spitzchen und entzündete sie.

„Seht, ich befinde mich in einer glücklichen Lage,“ fuhr sie fort, jetzt nicht mehr lachend und die Tasse in die Hand nehmend; „ich verstehe Euch, und ich verstehe Lisa. Lisa ist eine jener naiven Naturen, die, wie die Kinder, nicht wissen, was gut und was schlecht ist. Mindestens hat sie dies nicht gewußt, als sie noch sehr jung war. Jetzt aber wird sie wohl wissen, daß ihr diese Unkenntnis gut steht. Sie mag es jetzt vielleicht auch absichtlich noch nicht wissen wollen,“ sprach Bezzy mit feinem Lächeln, „aber es steht ihr doch. Seht Ihr, man kann ein und dieselbe Sache tragisch anschauen, sich eine Pein daraus machen, aber auch nüchtern und selbst von derheiteren Seite. Ihr seid vielleicht geneigt, die Dinge zu tragisch zu nehmen.

„Wie sehr wünschte ich, andere ebenso zu kennen, wie ich mich selbst kenne,“ versetzte Anna ernst und gedankenvoll. „Bin ich schlechter als die anderen oder besser? Ich denke, schlechter.“ —

„Enfant terrible, enfant terrible,“ wiederholte Bezzy, „so sind sie eben.“ —

Es wurden Schritte hörbar und eine männliche Stimme; hierauf eine weibliche und Lachen; gleich darauf erschienen die erwarteten Gäste.

Sappho Stolz und ein junger Mann der vom Übermaß an Gesundheit strotzte, er hieß Waska, traten ein. Es war augenscheinlich, daß bei Waska die Ernährung mit rohem Rindfleisch, Trüffeln und Burgunder gut angelegt hatte. Waska verneigte sich vor den Damen und schaute sie an, doch nur für eine Sekunde. Sogleich folgte er Sappho nach in den Salon, durchschritt denselben hinter ihr, als sei er an sie gefesselt und ließ sie nicht aus den blitzenden Augen, als wollte er sie verschlingen.

Sappho Stolz war eine Blondine mit schwarzen Augen. Sie erschien in kleinen, kecken Halbschuhen mit hohen Absätzen und drückte den Damen derb nach Männerart die Hand.

Anna war dieser neuen Berühmtheit noch nie begegnet; sie fühlte sich überrascht von ihrer Schönheit, sowie der Überspanntheit, bis zu welcher ihre Toilette ging, und von der Freiheit ihrer Manieren.

Auf ihrem Haupte war, von ihrem eigenen und falschen Haar in zartem Goldblond, eine Art Schaffot von Frisur aufgebaut, so daß der Kopf in seiner Größe der schönen hohen und vorn sehr dekolletierten Büste nahe kam. Die Knappheit nach vorn war so stark, daß sich in jeder Bewegung unter der Robe die Formen der Kniee und Oberschenkel abzeichneten und unwillkürlich drängte sich die Frage auf, wo eigentlich von hinten in diesem schwankenden Berge der wirkliche, ziemlich kleine, aber wohlgebaute Leib, der oben ebenso entblößt war, wie er sich hinten und unten versteckte, aufhöre.

Bezzy beeilte sich, sie mit Anna bekannt zu machen.

„Könnt Ihr Euch vorstellen, soeben hätten wir zwei Soldaten fast überfahren,“ begann sie sogleich zu erzählen, mit den Augen zwinkernd und lächelnd und ihren hinteren Aufbau, der sich plötzlich zu sehr auf die eine Seite geneigt hatte, in Ordnung rückend. „Ich fuhr mit Waska — ach so, Ihr seid ja noch gar nicht miteinander bekannt.“ Und seinen Familiennamen nennend, stellte sie den jungen Mann vor, errötend, und laut über ihren Fehler lachend, oder vielmehr darüber, daß sie ihn als Unbekannten so familiär Waska genannt hatte.

Waska machte nochmals eine Verbeugung vor Anna, ohne indessen ein Wort zu ihr zu sprechen. Er wandte sich an Sappho:

„Die Wette ist verloren, wir sind früher angekommen; nun zahlt gefälligst,“ lächelte er. Sappho begann noch lustiger zu lachen.

„Nicht jetzt,“ sagte sie.

„Gleichviel, ich werde es auch nachher bekommen.“

„Gut, gut; ah,“ wandte sie sich plötzlich zur Dame des Hauses, „ich bin doch recht zu tadeln; bald hätte ich doch vergessen — ich habe Euch einen Gast mitgebracht; hier ist er“ —

Der unerwartete junge Gast, welchen Sappho mitgebracht und den sie vergessen hatte, war gleichwohl ein so gewichtiger, so daß ungeachtet seiner Jugend beide Damen sich erhoben, um ihm entgegenzueilen. Es war ein neuer Verehrer Sapphos, welcher dieser gerade wie Waska, auf den Fersen folgte.

Bald kam auch der Fürst Kaluschskiy und Lisa Merkalowa mit Stremoff an. Lisa Merkalowa war eine magere Brünette mit orientalischem, trägen Gesichtstypus und wie alle sagten, reizenden, verschleierten Augen.

Der Charakter ihrer dunklen Toilette entsprach, wie Anna sofort bemerkte und zu würdigen verstand, vollkommen ihrer Schönheit; doch um wieviel Sappho zu klein und zu gedrungen war, um soviel zeigte sich Lisa zu schmächtig und zu aufgeschossen.

Lisa war indessen für Annas Geschmack bei weitem anziehender. Bezzy hatte Anna von ihr erzählt, daß sie denTon eines unwissenden Kindes festzuhalten pflegte, aber als Anna sie erblickt hatte, fühlte sie, daß dies nicht wahr sei. Sie war allerdings unwissend und verdorben, aber ein gutes und sanftes Weib. Allerdings war ihr Ton der nämliche, wie der Sapphos und ihr folgten die beiden Verehrer ganz so wie Sappho, indem sie sie mit den Augen verschlangen, der eine jung, der andere alt — aber sie besaß etwas, was höher war als ihre Umgebung; etwas von dem Feuer des echten Diamanten unter dem Scheine der Gläser.

Dieser Glanz leuchtete aus ihren wunderschönen, in der That rätselhaften Augen. Der ermüdete und doch zugleich leidenschaftliche Blick derselben, die von einem mattdunkeln Ring umgeben waren, frappierte durch seine ungeheuchelte Natürlichkeit. Blickte man in diese Augen, so schien es jedem, als erkenne er das Weib ganz und gar, und als müsse man sie, nach dieser Erkenntnis lieben. Bei dem Erblicken Annas erhellte sich ihr Antlitz plötzlich in freudigem Lächeln.

„Ah, wie freue ich mich, Euch zu sehen!“ begann sie, auf Anna zutretend. „Ich wollte gestern nach den Rennen gerade zu Euch kommen, aber Ihr waret schon abgefahren, und doch hätte ich Euch gestern besonders so gern gesehen. Nichtwahr das war schrecklich?“ sagte sie, das Auge mit ihrem die ganze Seele offenbarenden Blicke auf Anna richtend.

„Ich hätte durchaus nicht erwartet, daß dies so sehr erregen kann,“ versetzte Anna errötend.

Die Gesellschaft erhob sich währenddem, um nach dem Garten zu gehen.

„Ich werde nicht mitkommen,“ sagte Lisa lächelnd, sich zu Anna setzend. „Ihr geht wohl auch nicht? Was ist das doch für ein Vergnügen, das Croquetspielen.“ —

„Ach, ich liebe es schon,“ antwortete Anna.

„Nun, wie fangt Ihr es denn an, daß es Euch nicht langweilt? Wenn man Euch anschaut — Ihr seid wohlauf! Ihr lebt, ich aber langweile mich.“

„Inwiefern langweilt Ihr Euch? Ihr seid selbst doch die lebenslustigste Gesellschaft Petersburgs?“ frug Anna.

„Mag sein, daß es denen, die nicht zu unsrem Cirkel gehören, noch langweiliger wird, mir aber, auf Treu undGlauben, ist es durchaus nicht froh zu Mut, sondern entsetzlich — entsetzlich langweilig.“ —

Sappho, welche eine Cigarette angezündet hatte, begab sich nach dem Garten in Begleitung der beiden jungen Herren; Bezzy und Stremoff blieben beim Thee zurück.

„Wie langweilig ist doch das Leben,“ sagte Bezzy; „Sappho sagt, daß man sich gestern sehr gut bei Euch unterhalten hätte.“

„O, es war doch sehr öde!“ sagte Lisa Merkalowa, „wir begaben uns alle nach meinem Hause, als die Rennen zu Ende waren, — immer die Alten, immer die Alten; — immer ein und dasselbe! — Den ganzen Abend wälzte man sich auf den Diwans; — was ist dabei Unterhaltendes? Wie fangt Ihr es nur an, Euch nicht zu langweilen?“ wandte sie sich plötzlich an Anna. „Es ist der Mühe wert sich nach Euch zu richten; man sieht da eine Frau, die vielleicht glücklich ist, vielleicht auch unglücklich, — aber jedenfalls doch eine, welche sich nicht langweilt. Lehrt uns, wie Ihr das anfangt!“

„Ich thue nichts Besonderes,“ antwortete Anna, über diese herausfordernden Fragen errötend.

„Dies ist die beste Art und Weise,“ mischte sich Stremoff ins Gespräch. Stremoff war ein Mann von einigen fünfzig Jahren, halb ergraut, noch frisch aber ziemlich unschön, jedoch mit charakteristischem und klugem Gesicht.

Lisa Merkalowa war die Nichte seiner Frau und alle seine freien Stunden brachte er bei ihr zu. Indem er mit Anna Karenina zusammentraf, er als der Feind Aleksey Aleksandrowitschs im Amtsverkehr, bemühte er sich als kluger Weltmann, mit der Gattin seines Gegners ganz besonders liebenswürdig zu sein.

„Nichts Besonderes?“ ergriff er mit feinem Lächeln den Faden des Gesprächs, „dies ist allerdings das beste Mittel. — Ich habe Euch schon lange gesagt,“ wandte er sich an Lisa Merkalowa, „daß es zu dem Zwecke, sich nicht zu langweilen, nötig ist, nicht daran zu denken, es werde langweilig. Es ist damit ganz ebenso, wie man nicht zu fürchten braucht, einzuschlafen, wenn man fürchtet schlaflos zu bleiben. Das Nämliche hat soeben Anna Arkadjewna gesagt.“

„Ich würde mich sehr freuen, wenn ich das gesagt hätte,weil es nicht nur klug, sondern wahr gesprochen gewesen wäre,“ sagte Anna lächelnd.

„O nein, sagt doch, warum man es nicht fertig bringt zu schlafen, oder wie man es vermeidet, sich nicht zu langweilen!“

„Nun, um schlafen zu können, muß man arbeiten, und um sich erheitern zu können, muß man gleichfalls arbeiten.“

„Aber zu welchem Zwecke soll ich arbeiten, wenn meine Arbeit niemand etwas nützt? Absichtlich mich zu verstellen, verstehe ich nicht, und das will ich auch nicht.“

„Ihr seid doch unverbesserlich,“ fuhr Stremoff fort, sich, ohne Lisa anzublicken, wiederum an Anna wendend.

Da er Anna nur selten begegnet war, hatte er nur in Gemeinplätzen mit ihr sprechen können, und zwar nur bezüglich der Zeit, in welcher sie nach Petersburg gekommen war, und davon, wie sehr sie von der Gräfin Lydia Iwanowna geliebt werde. Er that das indessen mit einem Gesichtsausdruck, welcher bewies, daß er von ganzer Seele wünsche, ihr angenehm zu sein, ihr seine Hochachtung und vielleicht auch noch mehr zu beweisen.

Tuschkewitsch trat jetzt ein, um mitzuteilen, daß die gesamte Gesellschaft auf die Croquetspieler warte.

„Ach, geht doch nicht,“ bat Lisa Merkalowa, als sie gehört hatte, daß Anna wegfahre. Stremoff vereinte seine Bitten mit den ihren.

„Es ist ein allzugroßer Kontrast,“ sagte er, „nach dem Besuch dieser Gesellschaft zur alten Wrede fahren zu wollen. Für diese werdet Ihr doch noch Gelegenheit genug zu späterer Aussprache haben, während Ihr hier andere, bessere und der üblichen Klatschsucht völlig konträre Ideen anregt,“ sagte er zu ihr.

Anna verharrte eine Weile in Unentschlossenheit. Die schmeichelhaften Worte dieses geistreichen Mannes, die naive, kindliche Sympathie, die Lisa Merkalowa für sie an den Tag legte, und all der gewohnte Luxus der großen Welt ringsum — alles das erschien ihr so frei und angenehm, während andererseits eine so schwere Minute sie erwartete, daß sie nur für einige Zeit in Ungewißheit schwebte, ob sie nicht noch bleiben, den schweren Augenblick der Erklärung nicht noch weiter hinausschieben solle.

Allein als sie sich vergegenwärtigte, was sie in ihrem Hause erwarte, wenn sie keinen Entschluß faßte, als sie an jene entsetzliche Bewegung, die ihr noch in der Erinnerung furchtbar war, dachte, mit welcher sie mit beiden Händen ihr Haar gepackt hatte — da verabschiedete sie sich und fuhr davon.

Wronskiy war ungeachtet seines, dem Anschein nach leichtfertigen weltlichen Lebens ein Mann, der die Unordnung haßte.

Schon von Kindheit an, im Kadettenhaus, hatte er einmal die Empfindung der Erniedrigung einer Verweigerung kennen gelernt, als er in Geldverlegenheit, um eine Anleihe nachgesucht hatte, und von da an setzte er sich nie wieder einer solchen Lage aus.

Zu dem Zwecke, seine geschäftlichen Angelegenheiten stets in Ordnung zu haben, zog er sich, je nach den Umständen, häufiger oder seltener, fünfmal im Jahre, in die Einsamkeit zurück und ordnete den Stand aller seiner Angelegenheiten. Er nannte dies, „sich seine Fehler vorwerfen“, oder auch „faire la lessive“.

Am Tage nach den Rennen spät erwachend, kleidete sich Wronskiy unrasiert und nicht gebadet, in seinen Hausrock, breitete auf seinem Tische Gelder, Rechnungen und Briefe aus und ging an seine Arbeit.

Petrizkiy, welcher wußte, daß er in diesen Stimmungen reizbar war, kleidete sich, als er beim Erwachen seinen Kameraden am Schreibtisch gewahrte, leise an und ging hinaus, ohne denselben zu stören.

Jeder, der die Verwickelung seiner materiellen Verhältnisse bis in die kleinsten Einzelheiten die ihn betreffen, kennt, glaubt unwillkürlich, daß die Verwickelung derselben und die Schwierigkeit die in ihrer Abklärung liegt, nur eine rein persönliche zufällige Besonderheit sei, und vermag sich durchaus nicht zu denken, daß auch andere ganz von den nämlichen Verwickelungen ihrer persönlichen Angelegenheiten heimgesucht sein könnten, als man selbst.

So schien es auch Wronskiy, aber nicht ohne inneren Stolz, nicht ohne Grund dachte er, daß jeder andere sich schonlängst verwickelt haben würde und genötigt gewesen wäre, fehlerhaft zu handeln, wenn er sich in ebenso schwierigen materiellen Verhältnissen befunden hätte. Gerade jetzt aber fühlte Wronskiy die Notwendigkeit, zu rechnen und Klarheit zu schaffen für seine Lage, damit er nicht in Verwickelungen geriete.

Das Erste, womit sich Wronskiy, als mit dem Leichtesten befaßte, waren die Geldgeschäfte.

Indem er in seiner kleinen Handschrift alles auf einen Briefbogen schrieb, was er schuldig war, zog er das Facit und fand, daß er siebzehntausend und einige hundert Rubel Schulden hatte, die er der Klarheit halber zurücklegte. Nachdem er sein Geld und die Bankpapiere nachgezählt hatte, fand er, daß ihm achtzehnhundert Rubel verblieben, während Eingänge bis Neujahr nicht vorauszusehen waren. Nach Durchsicht der Schuldrechnungen, schrieb Wronskiy diese auf und machte drei Abteilungen. In der ersten wurden die Schulden eingetragen, welche sofort getilgt werden mußten, oder zu deren Bezahlung er jedenfalls Geld bereit haben mußte, damit bei der Geltendmachung der Forderung keine Minute Zahlungsverzögerung eintrat. Solcher Schulden hatte er etwa viertausend, nämlich fünfzehnhundert Rubel für ein Pferd und zweitausendfünfhundert Rubel Bürgschaft für seinen jungen Kameraden Wenjewskiy, der dieses Geld in Wronskiys Gegenwart verspielt hatte. Wronskiy hatte sogleich das Geld für diesen erlegen wollen, denn er trug es gerade bei sich, aber Wenjewskiy und Jaschwin hatten darauf bestanden, selbst zu bezahlen, Wronskiy dürfe dies nicht, da er gar nicht mitgespielt habe. Dies alles war ganz gut, aber Wronskiy wußte, daß er für die ganze schmutzige Affaire, an welcher er freilich nur in der Absicht teilgenommen hatte, um die Bürgschaft für Wenjewskiy übernehmen zu können, unbedingt jene zweitausendfünfhundert Rubel haben müsse, damit sie ein Gauner erhalte, mit dem er keine weiteren Auseinandersetzungen haben wollte.

Nach dieser ersten und wichtigsten Abteilung, mußte er also viertausend Rubel haben. In der zweiten befanden sich achttausend Rubel weniger wichtige Schulden. Diese bezogen sich hauptsächlich auf den Rennstall, den Lieferanten vonHafer und Heu, seinen Engländer, den Sattler und dergleichen. Außerdem waren auch zweitausend Rubel für den Fall der völligen Sicherung noch anzusetzen. Die letzte Abteilung der Schulden, für die Kaufmagazine, Hotels, den Schneider, war so wenig wichtig, daß er nicht viel darüber zu kalkulieren hatte. Obwohl er mindestens sechstausend Rubel für die laufenden Ausgaben brauchte, waren nur achtzehnhundert vorhanden. Für einen Mann von hunderttausend Rubel Einkünften, wie alle das Vermögen Wronskiys schätzten, konnten solche Schulden, hätte es scheinen können, nicht drückend sein — aber der Haken lag darin, daß Wronskiy bei weitem nicht diese hunderttausend Rubel Einkommen hatte. Das ungeheure Vermögen seines Vaters, welches allein gegen zweihunderttausend Rubel jährlich an Ertrag einbrachte, war den Brüdern gemeinschaftlich zu eigen. Als der älteste Bruder, mit einer Last von Schulden, die vermögenslose Fürstin Warja Tschirkowaja heiratete, trat Aleksey ihm damals die gesamten Einkünfte aus den väterlichen Gütern ab und bedung sich selbst nur fünfundzwanzigtausend Rubel jährlich aus. Aleksey hatte damals dem Bruder gesagt, daß dieses Geld für ihn hinreiche, solange er nicht heirate, was doch aller Wahrscheinlichkeit nach niemals eintreten würde.

Sein Bruder, der eines der teuersten Regimenter befehligte und eben erst verheiratet war, konnte nicht umhin, die Schenkung anzunehmen. Die Mutter, welche ihr besonderes Vermögen besaß, gab Aleksey außer den ausbedungenen fünfundzwanzigtausend Rubel alljährlich noch zwanzigtausend und Aleksey verbrauchte auch diese. In der letzten Zeit aber hatte die Mutter, ungehalten über ihn wegen seines Verhältnisses und seiner Abreise von Moskau, aufgehört, dem Sohne die Gelder zu senden, und so kam es, daß Wronskiy, dessen Lebensgewohnheiten auf ein Einkommen von fünfundvierzigtausend Rubel eingerichtet waren, in diesem Jahre nur fünfundzwanzigtausend Rubel gehabt hatte und sich jetzt in einer schwierigen Lage befand.

Um aus dieser herauszukommen, konnte er gleichwohl die Mutter nicht um Geld bitten. Das letzte Schreiben derselben, welches er am Abend vorher erhalten hatte, hatte ihn dadurch besonders erbittert, daß darin Andeutungen enthaltenwaren, sie sei wohl bereit gewesen, ihm zu Erfolg in der hohen Welt zu verhelfen und im Dienste, aber nicht zu einem Leben, welches die ganze gute Gesellschaft bloßstelle. Der Wunsch der Mutter, ihn wieder erkaufen zu können, kränkte ihn bis auf den Grund seiner Seele, und stimmte ihn noch kühler gegen sie. Er konnte sich ferner aber auch nicht von seiner früher gegebenen, großmütigen Zusage losmachen, obwohl er jetzt fühlte, im dunkeln Vorgefühl gewisser Möglichkeiten die sein Verhältnis zur Karenina mit sich bringen könne, daß jenes großmütige Wort leichtsinnig gesprochen worden sei, und er, wenn auch nicht verheiratet, recht wohl alle hunderttausend Rubel gebrauchen könne. Aber das Wort zurückzunehmen, war nicht mehr angängig.

Er brauchte sich hierfür nur des Weibes seines Bruders zu erinnern und daran zu denken, wie die liebenswürdige, herrliche Warja bei jeder passenden Gelegenheit ihm selbst ins Gedächtnis rief, daß sie seiner Hochherzigkeit stets eingedenk sei und sie hochschätze, — und er begriff, daß es unmöglich war, sein gegebenes Wort zurückzunehmen. Dies wäre ebenso unmöglich gewesen, wie etwa eine Frau zu schlagen, zu bestehlen oder zu belügen. Nur Eins war möglich, und dies mußte sein, und Wronskiy entschloß sich auch ohne einen Moment zu zaudern dazu: Er mußte Geld bei einem Wucherer leihen, zehntausend Rubel, was nicht schwer sein konnte; seine Ausgaben im allgemeinen mehr einschränken, und seine Rennpferde verkaufen.

Zu diesem Entschluß gelangt, schrieb er sofort an Rolandaki, der mehr als einmal schon zu ihm gesandt hatte mit der Anfrage, ob er nicht Pferde verkaufen wolle. Dann sandte er nach dem Engländer und einem Geldverleiher und verteilte das Geld, welches er noch besaß auf die Rechnungen.

Nachdem er mit alledem fertig war, schrieb er einen kühlen und bitteren Brief an seine Mutter und hierauf zog er drei Briefe Annas aus seiner Brieftasche hervor, las sie, verbrannte sie dann und versank in Nachdenken in der Erinnerung an das gestrige Gespräch mit ihr.


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