„Sie muß alles aufs Ausführlichste wissen. Fahre hin, wenn du nicht allzu angegriffen bist, Liebe. Konrad wird dir einen Wagen geben; ich muß jetzt ins Komitee. Nun werde ich doch nicht mehr allein zu Mittag speisen,“ fuhr Aleksey Aleksandrowitsch, jetzt nicht mehr in scherzhaftem Tone, fort, „du glaubst nicht, wie sehr ich gewohnt bin“ —
Er drückte ihr lange Zeit die Hand mit einem eigentümlichen Lächeln auf den Zügen und war ihr beim Einsteigen behilflich.
Der Erste, welcher Anna daheim entgegenkam, war ihr Sohn. Er sprang ihr die Treppe herunter entgegen, ungeachtet des Schreiens der Gouvernante und rief in maßlosem Entzücken: „Mama, Mama!“ Als er sie erreicht hatte, hängte er sich an ihren Hals.
„Ich habe Euch gesagt, daß meine Mama kommt!“ rief er der Gouvernante zu, „ich habe es ja gewußt!“ —
Der Sohn sowohl, wie der Vater, erweckte in Anna ein Gefühl, ähnlich dem der Ernüchterung. Sie hatte ihn für hübscher gehalten, als er wirklich war, und sie mußte sich dieser Wirklichkeit fügen, wenn sie an ihm, so wie er war, ihre Freude haben sollte.
Aber auch so wie er war, war er reizend mit seinen blonden Locken, blauen Augen und vollen wohlgebauten Beinchen in den straffgezogenen Strümpfen. Anna empfand eine fast physische Befriedigung in der Empfindung seiner Gegenwart und seiner Liebkosungen, und eine sittliche Beruhigung, wenn sein naiver, treuherziger und liebevoller Blick sie traf, seine kindlichen Fragen in ihr Ohr drangen.
Sie spendete ihm die Geschenke, die die Kinder Dollys sandten und erzählte ihrem Söhnchen, was für ein hübsches Mädchen die Tanja in Moskau sei und wie diese Tanja schon zu lesen verstehe, ja, ihre anderen Geschwister darin bereits unterrichte.
„Wie, also bin ich schlechter als sie?“ frug der kleine Sergey.
„Für mich bist du besser als alles in der Welt.“
„Ich weiß schon, Mama,“ lächelte Sergey.
Anna hatte ihren Kaffee noch nicht ganz genommen, als man ihr die Gräfin Lydia Iwanowna meldete.
Die Gräfin Lydia Iwanowna war eine hochgewachsene volle Dame mit gelblicher, ungesunder Gesichtsfarbe und schönen sinnigen, schwarzen Augen.
Anna liebte sie, aber heute war es ihr, als erblicke sie die Freundin zum erstenmale mit allen ihren Mängeln.
„Nun, liebste Freundin, habt Ihr den Ölzweig nach Moskau getragen?“ frug die Gräfin, kaum nachdem sie das Zimmer betreten hatte.
„Ei gewiß; es ist alles geschehen, aber die ganze Sache war doch nicht von solcher Bedeutung, wie wir glaubten,“ antwortete Anna. „Im allgemeinen fand ich meinebelle soeurnur zu sehr gefaßt.“
Die Gräfin Lydia Iwanowna, welche sich für alles das am meisten interessierte, was sie nichts anging, hatte indessen nichtsdestoweniger die Gewohnheit, niemals das zu Ende zu hören, was sie eben interessierte; sie unterbrach daher Anna:
„Ja, es giebt viel Herzeleid und Sünde in der Welt; auch ich bin heute ganz angegriffen.“
„Was ist Euch?“ frug Anna, mit Mühe ein Lächeln unterdrückend.
„Ich fange jetzt an, es zum Überdruß zu bekommen, so vergeblich Lanzen für die Wahrheit zu brechen, und manchmal bin ich ganz aufgerieben. Jene Schwesterfrage,“ dieselbe betraf einen philanthropischen, religiös-patriotischen Bund, „wäre so ersprießlich zur Entwickelung gelangt, aber mit diesen Herren ist nichts anzufangen,“ fügte die Gräfin mit ironischer Ergebung in ihr Geschick hinzu. „Sie bemächtigten sich der Idee, aber sie verunstalteten dieselbe nur und verurteilen sie jetzt in der oberflächlichsten und geringschätzigsten Weise. Zweioder drei Herren an der Zahl, darunter Euer Gatte, verstehen ja wohl die ganze Bedeutung der Idee, die anderen aber vernachlässigen sie nur. Gestern schrieb mir Prawdin“ —
Prawdin war ein bekannter Panslawist im Auslande, und die Gräfin erzählte jetzt den Inhalt seines Schreibens.
Die Gräfin Lydia Iwanowna berichtete hierauf noch von den Unannehmlichkeiten und Intriguen gegen den Plan der Vereinigung der Kirchen, und fuhr dann wieder hinweg, in voller Geschäftigkeit, da sie noch heute der Sitzung einer anderen Gesellschaft und dem Slawischen Komitee beiwohnen müsse.
„Sie hatte alle diese Eigenschaften doch schon früher, warum habe ich sie früher nicht bemerkt?“ sagte sich Anna.
Es war in der That lächerlich mit jener Gräfin. Ihr Streben war Tugendpflege, sie war christlich gesinnt, und doch lag sie stets in Hader, stets hatte sie ihre Feinde und stets waren diese ihre Feinde wegen des Christentums und der Tugend.
Nach der Gräfin Lydia Iwanowna kam Annas Freundin, die Gattin eines Direktors, und erzählte ihr alle Neuigkeiten aus der Stadt. Um drei Uhr fuhr dieselbe weg unter dem Versprechen, zum Souper wieder da sein zu wollen. Aleksey Aleksandrowitsch befand sich im Ministerium.
Allein geblieben, verwendete Anna die Zeit bis zum Abend darauf, dem Abendessen des Söhnchens — welches gesondert zu essen pflegte — beizuwohnen, ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, und Briefe zu lesen und zu beantworten die sich auf dem Tische gehäuft hatten.
Die Empfindung einer unerklärlichen Schmach, die sie auf der Heimreise gehabt hatte und ihre innere Erregtheit, waren vollständig geschwunden. In ihren gewohnten Lebensverhältnissen hatte sie sich bald wieder gefaßt und gerechtfertigt gefunden, und mit Verwunderung gedachte sie jetzt ihres gestrigen Zustandes.
„Was war geschehen? Nichts! Wronskiy hatte Dummheiten geschwatzt, welchen man leicht ein Ziel setzen konnte und ich habe ihm so geantwortet, wie es am Platze war. Meinem Gatten brauche ich davon nichts zu sagen — ich kann es nicht einmal: denn davon sprechen hieße der Sache eine Wichtigkeit beimessen, welche sie gar nicht besitzt.“
Sie dachte daran, wie sie einst ihrem Manne erzählt hattevon dem Liebesgeständnis, welches ihr von einem jungen Untergebenen desselben beinahe gemacht worden war, und wie ihr Gatte Aleksey Aleksandrowitsch ihr darauf geantwortet hatte, daß jede Frau, die in der großen Welt lebe, dem ausgesetzt sei, er aber ihrem Takte vollständig vertraue und sich selbst nie gestatten würde, sie oder sich selbst bis zur Eifersucht zu erniedrigen.
„Also würde einfach nichts darüber zu sprechen sein? Nein, Gott sei gedankt, ich werde ihm nichts erzählen,“ sagte sie zu sich selbst.
Aleksey Aleksandrowitsch kehrte aus dem Ministerium um vier Uhr zurück, ging aber — wie dies häufig geschah — nicht sogleich zu seinem Weibe. Er trat in sein Kabinett, um wartende Petenten zu hören, und einige Akten zu unterschreiben die ihm vom Sekretär übergeben worden waren.
Zu der Mittagstafel, zu welcher bei den Karenin stets drei Gäste eingeladen wurden, erschienen heute eine alte Cousine Aleksey Aleksandrowitschs, der Departementsdirektor mit seinem Weibe und ein junger Mann, welcher Aleksey Aleksandrowitsch im Dienste empfohlen worden war.
Anna erschien im Salon, um die Gäste zu empfangen. Punkt fünf Uhr — die Bronceuhr, welche Peter I. vorstellte, hatte noch nicht den fünften Schlag gethan — erschien Aleksey Aleksandrowitsch in weißer Krawatte und Frack und zwei Ordenssterne auf der Brust; er mußte sogleich nach dem Essen hinwegfahren.
Jede Minute im Leben Aleksey Aleksandrowitschs war in Anspruch genommen und von vornherein zu einem Zwecke bestimmt, und um stets das, was ihm tägliche Obliegenheit war, gehörig erfüllen zu können, befleißigte er sich der strengsten Accuratesse.
„Ohne Hast aber auch ohne Ruhe,“ war seine Devise.
Er trat in den Salon, grüßte alle und setzte sich schnell, seiner Frau zulächelnd.
„So hätte sich denn meine Einsamkeit beendet; du glaubst nicht, wie peinlich,“ er betonte dieses Wort, „es ist, allein speisen zu müssen.“
Bei dem Essen unterhielt er sich mit seiner Gattin über die Moskauer Angelegenheiten und frug mit ironischem Lächeln nach Stefan Arkadjewitsch, doch bewegte sich das Gespräch vorzugsweise auf Gemeinplätzen, über Petersburger Amtsverhältnisse und allgemeine Angelegenheiten.
Nach dem Essen widmete er eine halbe Stunde seinen Gästen und ging dann, wiederum seiner Gattin mit einem Lächeln die Hand drückend, um zur Ratssitzung zu fahren.
Anna fuhr heute nicht zur Fürstin Bezzy Twerskaja, die sie, von ihrer Rückkunft unterrichtet, für den Abend zu sich eingeladen hatte; auch in das Theater begab sie sich nicht, in dem für sie heute eine Loge reserviert war.
Sie fuhr in erster Linie deswegen nicht, weil eine Robe, auf die sie gerechnet hatte, nicht fertig geworden war; dann aber befand sie sich heute, als sie nach dem Weggang der Gäste Toilette machte, überhaupt nicht bei guter Laune.
Vor ihrer Abreise nach Moskau hatte sie, eine Meisterin darin, sich möglichst einfach zu kleiden, ihrer Modistin drei Roben zur Umänderung übergeben. Die Umänderung sollte in einer Weise zur Ausführung kommen, daß man die Kleider nicht wiedererkenne, und diese hatten schon vor drei Tagen fertig sein sollen. Nun aber stellte sich heraus, daß zwei Roben überhaupt nicht fertig waren, und die dritte nicht in der Weise geändert war, wie es Anna gewünscht hatte.
Die Modistin erschien, um Erklärungen abzugeben; sie versicherte, die Robe werde so am besten aussehen, aber Anna geriet darüber so in Zorn, daß sie in der Folge Reue empfand, wenn sie daran dachte.
Um sich ganz zu beruhigen, ging sie nach dem Kinderzimmer und verbrachte hier den ganzen Abend mit ihrem Söhnchen; sie legte es persönlich schlafen, bekreuzte es und deckte es mit der Bettdecke zu.
Jetzt war sie erfreut darüber, nicht ausgefahren zu sein und den Abend so gut angewendet zu haben. Ihr war so leicht und ruhig zu Mut, sie erschaute jetzt so klar, daß alles, was sich ihr während der Eisenbahnfahrt so wuchtig vor die Seele gedrängt hatte, nur eines jener geringfügigen Vorkommnisse des weltlichen Lebens gewesen war, und sievor niemand, nicht einmal vor sich selbst noch Scham zu empfinden brauchte.
Sie ließ sich, einen englischen Roman in der Hand, am Kamin nieder und harrte ihres Gatten; um halb zehn Uhr vernahm sie seine Schelle und er trat ins Gemach.
„Endlich kommst du!“ sagte sie, ihm die Hand entgegenstreckend. Er küßte dieselbe und setzte sich neben sie.
„Ich sehe wohl, daß deine Reise von Erfolg begleitet war,“ begann er zu ihr.
„O ja, vollkommen,“ versetzte sie, und begann ihm alles von Anfang an zu erzählen; ihre Hinreise mit der Wronskaja, ihre Ankunft, den Unfall auf der Eisenbahn. Dann sprach sie von ihrem Mitleid erst für ihren Bruder und dann für Dolly.
„Ich glaube nicht, daß es möglich ist, einen solchen Menschen zu entschuldigen, wenn er auch dein Bruder ist,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch in strengem Tone.
Anna lächelte. Sie begriff, daß er dies namentlich sagte, um zu zeigen, daß Rücksichten auf Verwandtschaft ihn nicht abhalten könnten, seine aufrichtige Meinung auszusprechen. Sie kannte diesen Zug an ihrem Manne und liebte ihn.
„Es ist mir aber lieb, daß alles noch glücklich abgelaufen ist und du wieder hier bist,“ fügte er hinzu; „übrigens was spricht man denn von dem neuen Reglement, welches ich im Rat zur Durchführung gebracht habe?“
Anna wußte nichts von diesem Reglement und sie machte sich Vorwürfe, daß sie so leicht hatte vergessen können, was für ihn von so hoher Wichtigkeit war.
„Hier hat dasselbe freilich viel Staub aufwirbelt,“ sagte er mit selbstzufriedenem Lächeln.
Sie sah, daß Aleksey Aleksandrowitsch ihr etwas Angenehmes mitteilen wollte über die Angelegenheit und bestürmte ihn nun mit Bitten, zu erzählen; und so begann er denn mit seinem selbstzufriedenen Lächeln von den Ovationen zu berichten, die ihm infolge der Durchführung jenes Reglements dargebracht worden waren.
„Ich bin sehr, sehr glücklich,“ sagte er, „dies beweist, daß man bei uns nun endlich beginnt, die Sache mit einem verständigen und sicheren Blick zu betrachten.“
Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch ein zweites Glas Thee mit Sahne und Brot zu sich genommen hatte, stand er auf und begab sich in sein Kabinett.
„Du bist gar nicht ausgefahren? Gewiß wirst du dich gelangweilt haben,“ frug er.
„O nein!“ versetzte sie, hinter ihm aufstehend und ihn durch den Salon in das Kabinett begleitend.
„Was liesest du denn jetzt?“ frug sie ihn.
„Jetzt lese ichDuc de Lille, ‚Poésies des enfers‘,“ antwortete er, „ein sehr interessantes Buch.“
Anna lächelte, wie man über die Schwächen geliebter Menschen lächelt und führte ihn, ihren Arm in den seinen legend, bis an die Thür seines Kabinetts.
Sie kannte seine Gewohnheit, die ihm zum Bedürfnis geworden war, abends zu lesen. Sie wußte, daß er es, trotz der fast seine ganze Zeit in Anspruch nehmenden Amtspflichten, als seine Aufgabe erachtete, allem Interessanten, was in der Sphäre der geistigen Welt erschien, zu folgen. Sie wußte auch, daß ihn namentlich politische, philosophische und theologische Werke interessierten, daß die Kunst aber seiner Natur völlig fern lag. Gleichwohl jedoch, oder besser gerade deswegen, ließ Aleksey Aleksandrowitsch nichts von dem unbeachtet vorüber, was auch auf diesem Gebiete von sich reden machte, und hielt es für seine Pflicht, alles zu lesen.
Sie wußte, daß er auf dem Gebiete der Politik, Philosophie und Theologie entweder zweifelte oder forschte, aber in den Fragen der Poesie und Kunst, besonders der Musik, für die ihm ein Verständnis vollständig abging, besaß er die entschiedensten Meinungen. Er liebte es, von Shakespeare, Rafael, Beethoven zu sprechen, von der Bedeutung der neuen Schulen in Dichtung und Musik, die ihm alle in sehr klarer Reihenfolge geläufig waren.
„Nun, Gott mit dir,“ sagte sie an der Thür des Kabinetts, in welchem ihm schon die Lampe mit dem Schirm und eine Flasche Wasser neben dem Lehnstuhl bereit gestellt worden war. „Ich will noch nach Moskau schreiben.“
Er drückte ihr die Hand und küßte dieselbe.
„Unter allen Umständen ist er ein guter Mensch, bieder, gut und bedeutend in seinem Wirkungskreis,“ sagte Anna zusich selbst, nachdem sie zurückgekehrt, als wolle sie ihn vor jemand schützen, der ihn anklage und sage man könnte diesen Mann nicht lieben. „Stehen denn seine Ohren wirklich so seltsam von ihm ab? Oder hat er sich nur scheren lassen?“
Noch um die zwölfte Stunde saß Anna vor ihrem Schreibtisch, ihren Brief an Dolly vollendend; da vernahm sie die gleichmäßigen Schritte Aleksey Aleksandrowitschs, welcher in Pantoffeln, das Buch unter dem Arme, bei ihr eintrat.
„Es ist nun Zeit,“ sagte er mit besonderem Lächeln und schritt, frisch gewaschen und frisiert, nach dem Schlafgemach.
„Welches Recht besaß er doch eigentlich, in so seltsamer Weise auf ihn zu blicken?“ dachte Anna, indem sie sich den Blick Wronskiys auf Aleksey Aleksandrowitsch vergegenwärtigte.
Nachdem sie sich ausgekleidet hatte, begab sie sich ins Schlafgemach; aber auf ihrem Antlitz war nicht nur nichts mehr von jenem Leben zu sehen, wie zur Zeit ihres Aufenthalts in Moskau, das aus ihren Augen, ihrem Lächeln glänzte, im Gegenteil; das Feuer schien jetzt erloschen zu sein in ihr — oder es hatte sich an einem entlegenen Orte verborgen.
Als Wronskiy Petersburg verließ, hatte er sein großes Quartier an der Morskaja seinem Freunde und Lieblingskameraden Petrizkiy überlassen.
Petrizkiy war ein junger Lieutenant von nicht glänzendem Herkommen und nicht nur unbemittelt, sondern vielmehr überschuldet, der des Abends stets berauscht, gar häufig infolge zahlreicher alberner und selbst schmutziger Affairen auf die Hauptwache gebracht wurde, nichtsdestoweniger aber bei seinen Kameraden und Vorgesetzten beliebt war.
Um zwölf Uhr von der Eisenbahn nach seinem Quartier kommend, sah Wronskiy in der Einfahrt das ihm wohlbekannte Mietgeschirr stehen. Hinter der Thür hörte er nachdem er geläutet hatte, das Lachen von Männerstimmen, das Geschwätz einer Frauenstimme und den Ruf Petrizkiys: „Sollte es einer der Bösewichter sein, so wird er nicht eingelassen!“
Wronskiy befahl, man solle von seiner Ankunft nicht Meldung machen und begab sich leise in das nächste Gemach.
Baronesse Gilleton, die Freundin Petrizkiys, in einem lilafarbenenAtlaskleid prunkend und mit geschminktem blonden Gesicht, wie ein Kanarienvogel das ganze Zimmer mit ihrem Pariser Französisch erfüllend, saß vor einem großen, runden Tische und kochte Kaffee. Petrizkiy im Paletot und der Rottmeister Kamerowskiy in voller Uniform, wahrscheinlich vom Dienst gekommen, saßen um sie herum.
„Bravo, Wronskiy!“ schrie Petrizkiy, aufspringend und mit dem Stuhle aufdonnernd. „Der Herr selbst! Baronesse, Kaffee aus einem frischen Kessel! Den hatten wir nicht erwartet! Ich hoffe du bist zufrieden mit der Verschönerung deines Kabinetts!“ sagte er dann, auf die Baronesse zeigend. „Ihr kennt euch ja wohl?“
„Warum nicht?“ antwortete Wronskiy, heiter lächelnd und die kleine Hand der Baronesse drückend; „nicht so, ich bin ein alter Freund?“
„Sobald Ihr im Hause seid, von der Reise gekommen, muß ich weichen. In dieser Minute will ich mich entfernen, wenn ich störe!“
„Ihr seid zu Hause dort, wo Ihr Euch besinnet, Baronesse,“ versetzte Wronskiy. „Sei gegrüßt, Kamerowskiy,“ fügte er hinzu, diesem kalt die Hand reichend.
„Ihr würdet wohl nie verstehen, Euch so angenehm auszudrücken,“ wandte sich die Baronesse an Petrizkiy.
„Bitte! Weshalb? Nach einem Essen spreche ich auch nicht schlechter!“
„Ja; nach einem Essen ist es keine Kunst! Nun, ich will Euch aber Kaffee geben, kommt, wascht Euch und kleidet Euch um,“ sagte die Baronesse, sich wieder setzend und sorglich den Hahn am neuen Kaffeekessel drehend.
„Peter, gebt den Kaffee!“ wandte sie sich an Petrizkiy, den sie kurzweg Pjor nannte nach seinen Familiennamen und ohne ihre familiären Beziehungen zu ihm zu verbergen. „Ich will das übrige hinzuthun!“
„Ihr werdet die Sache nur verderben.“
„Nein, ich werde nichts verderben! Aber was macht denn Eure Frau?“ fragte die Baronesse, plötzlich, mitten in das Gespräch hinein, welches Wronskiy mit seinen Kameraden pflog. „Wir hielten Euch hier schon für verheiratet, habt Ihr Eure Frau mitgebracht?“
„Nein, Baronesse; ich bin als Zigeuner geboren und will als Zigeuner sterben.“
„Um so besser, um so besser. Reicht mir Eure Hand!“
Die Baronesse begann nun, ohne Wronskiy von sich zu lassen, diesem zu erzählen, Scherze dabei einflechtend; sie entwickelte ihm ihre Lebenspläne und frug ihn um seinen Rat.
„Er will in die Ehescheidung noch nicht einwilligen! Also was soll ich thun?“ Der Er war ihr eigentlicher Mann. „Ich will jetzt einen Prozeß gegen ihn beginnen, wie ratet Ihr mir dazu? Kamerowskiy, sieh doch einmal nach dem Kaffee — o, er ist hinausgegangen. Ihr seht, ich bin vollauf beschäftigt! Ich will den Prozeß beginnen, weil ich mein Vermögen brauche. Versteht Ihr die Thorheit; ich soll ihm untreu gewesen sein, und deswegen will er mein Vermögen für sich behalten,“ sagte sie voll Verachtung.
Wronskiy hörte mit Vergnügen dem lustigen Geschwätz des braven Weibes zu, pflichtete ihr in allen Stücken bei, gab ihr halb scherzhaft gemeinte Ratschläge, nahm aber im Grunde doch sofort den ihm im Verkehr mit Weibern dieser Art eigenen Ton an.
In seinem Petersburger Leben teilten sich für ihn alle Menschen in zwei Klassen, die vollständig entgegengesetzt waren.
Die eine derselben war die niedere Klasse, das waren die Gemeinen, die Dummen, und was die Hauptsache bildete, die für ihn komischen Menschen, die da glaubten, es müsse jeder Mann mit nur einem Weibe leben, mit dem, welchem er sich fürs Leben versprochen hatte, die da glaubten, ein Mädchen müsse unschuldig sein, ein Weib schamhaft, ein Mann männlich, standhaft und fest; daß man Kinder wohl erziehen müsse, für sein tägliches Brot arbeiten solle, seine Schulden zu bezahlen hätte und andere, verschiedene, dem ähnliche Dummheiten zu begehen die Pflicht habe.
Dies war die Klasse der ihm altmodisch und komisch erscheinenden Menschen.
Aber es gab dann noch eine zweite Klasse von Menschen; dies waren die eigentlichen Menschen, zu welcher sie alle gehörten, die Menschen, die sich mit Eleganz, Hochmut, Kühnheit und Lust jeder Leidenschaft ohne zu erröten hingaben und welche über alles andere nur lachten.
Wronskiy war nur für den ersten Augenblick verwirrt gewesen unter den Eindrücken einer völlig anderen Welt, die er aus Moskau mitbrachte; aber sogleich, nachdem er die Füße wieder in die alten Pantoffeln gesteckt hatte, war er wieder in der früheren, heiteren und angenehmen Welt.
Der Kaffee kam soeben ins Kochen, er brauste auf, und lief über und vollbrachte nun, was er vollbringen mußte, das heißt, er wurde die Ursache zu allgemeinem Lärmen und Gelächter, indem er den kostbaren Teppich und die Robe der Baronesse übergoß.
„Ah, jetzt entschuldigt mich, Ihr waschet Euch freilich wohl nie rein, in meinem Gewissen aber wird das vornehmste Vergehen eines ordnungsliebenden Menschen sein — die Unreinlichkeit. Indessen Ihr ratet mir also, ich soll ihm das Messer an die Kehle setzen?“
„Unfehlbar; und zwar derart, daß Eure schöne Hand seinen Lippen möglichst nahe kommt. Er wird sie dann küssen und alles wird noch gut,“ versetzte Wronskiy.
„So wie jetzt in Frankreich,“ sagte die Baronesse und verschwand mit rauschendem Kleide.
Kamerowskiy erhob sich ebenfalls, doch Wronskiy gab ihm, ohne seinen Hinausgang abzuwarten, die Hand und begab sich nach seinem Ankleidezimmer. Während er sich wusch, beschrieb ihm Petrizkiy in kurzen Zügen seine Lage und deren Veränderung seit Wronskiys Abreise.
Geld hatte er gar nicht mehr. Sein Vater hatte ihm erklärt, er werde ihm weder welches geben, noch seine Schulden zahlen. Der Schneider hatte gedroht, ihn in Schuldarrest setzen zu lassen und auch von anderer Seite drohte ihm mit unfehlbarer Sicherheit das Nämliche.
Der Regimentskommandeur hatte ihm mitgeteilt, daß er, wenn diese skandalösen Angelegenheiten nicht ein Ende fänden, seinen Abschied nehmen müsse. Die Baronesse aber plage ihn wie ein bitterer Rettig, namentlich damit, daß er stets Geld geben solle; sie sei indessen einzig in ihrer Art, er würde sie Wronskiy zeigen, sie sei ein Wunder an Reizen, nach streng orientalischem Typus, „genre Rebekka“ deutete er verheißungsvoll an. Er hatte sich ferner auch mit Berkoschowyüberworfen und diesem Sekundanten schicken wollen, aber natürlich werde nichts dabei herauskommen.
Im allgemeinen aber war alles vorzüglich und außerordentlich lustig gegangen.
Ohne dem Freunde Zeit zu gönnen, sich in die Einzelheiten seiner eigenen Lage zu vertiefen, erzählte Petrizkiy weiter von allen möglichen und interessanten Neuigkeiten und als Wronskiy die ihm so bekannten Geschichten Petrizkiys, in der ihm so vertrauen Umgebung seines schon seit drei Jahren bewohnten Quartiers anhörte, da empfand er wieder das angenehme Gefühl der Lust zur Rückkehr zu dem gewohnten, sorglosen Petersburger Leben.
„Unmöglich!“ rief er aus, den Pedal des Waschbeckens loslassend, mit welchem er seinen rosigen, gesunden Nacken durch eine Douche übergossen hatte. „Unmöglich!“ rief er bei der Nachricht, daß die Lora jetzt dem Milejewy zugethan sei und Fertingoff aufgegeben habe. „Und der ist so dumm und ist damit zufrieden? Was macht denn Buzulukoff?“
„O, mit dem ist eine köstliche Geschichte passiert — reizend!“ rief Petrizkiy. „Du kennst ja seine Leidenschaft für Bälle; er läßt nie auch nur einen Hofball vorüber. Buzulukoff also geht zu einem großen Ball, einen funkelnagelneuen Helm auf dem Kopfe. Hast du die neuen Helme schon gesehen? Sie sind sehr hübsch, bedeutend leichter. — Steht der also — aber hörst du auch?“ —
„Natürlich, ich höre,“ antwortete Wronskiy, sich mit dem feuchten Handtuch abreibend.
„Kommt da die Großfürstin mit einem Gesandten vorüber und sein Unglück will, daß sich das Gespräch der beiden gerade um die neuen Helme dreht. Die Großfürstin wünscht dem Gesandten einen solchen zu zeigen, man schaut umher — da steht gerade unser Freund.“ Petrizkiy zeigte jetzt, wie Buzulukoff im neuen Helm gestanden hatte. „Die Großfürstin bat, ihr doch den neuen Helm zu reichen — er aber gab ihn nicht. Was sollte das heißen? Man blinzelt ihm zu, man nickt ihm zu, man verzieht das Gesicht — er sollte den Helm reichen — er giebt ihn nicht. Stand wie eine Salzsäule. Stelle dir das vor! Man ist außer sich, weiß nicht wie man ihn bewegen soll — will ihm schon den Helm vom Kopfenehmen — umsonst — er giebt ihn nicht her. Endlich aber nimmt er den Helm ab und reicht ihn der Großfürstin.
„Dies ist der neue Helm,“ sagt diese, und wendet dabei den Helm um — da denke dir: Bauz! kollern Birnen, Konfekt, an zwei Pfund wohl zur Erde! Und unser Held las alles auf!“
Wronskiy schüttelte sich vor Lachen; und noch lange darnach, schon zu einem anderen Thema übergegangen, brach er wieder in sein kerngesundes Lachen aus, und zeigte dabei die festen weißen Zähne, wenn er an die Geschichte mit dem Helm dachte.
Nachdem Wronskiy alle Neuigkeiten vernommen hatte, warf er sich mit Hilfe seines Dieners in die Uniform und fuhr ab, um sich wieder zu zeigen.
Nachdem dies geschehen, beabsichtigte er zunächst, zu seinem Bruder zu fahren und dann zu Bezzy, sowie einige Visiten zu machen, in der Absicht sich in denjenigen Kreis Eintritt zu verschaffen, in welchem er hoffen konnte, der Karenina zu begegnen.
Wie er gewöhnlich in Petersburg that, fuhr er nicht anders von Hause weg, als erst in später Nacht wieder heimzukehren.
Zu Ende des Winters fand im Hause der Schtscherbazkiy ein Familienrat statt, welcher darüber zu entscheiden hatte, wie es mit der Gesundheit Kitys stehe und welche Schritte zu thun seien, deren geschwächte Kräfte wieder zu heben.
Sie war krank und mit der Annäherung des Frühjahrs verschlimmerte sich ihr Zustand noch mehr.
Der Hausarzt hatte ihr Fischthran verordnet, dann Eisen und andere Mittel, da aber weder das eine noch das andere oder sonst etwas half, und er geraten hatte, mit dem Frühling ins Ausland zu reisen, so war ein namhafter Arzt noch mit hinzugezogen worden.
Dieser Arzt, ein noch junger Mann, war eine sehr schöne Erscheinung; er erklärte, die Kranke untersuchen zu müssen. Mit besonderem Vergnügen, wie es schien, bestand er auf der Erfüllung dieser Aufgabe, als ob die jungfräuliche Schamhaftigkeit nur ein Überbleibsel barbarischer Sitten sei und es nichts Natürlicheres gäbe, als wenn ein junger Mann ein entblößtes junges Mädchen betaste.
Er fand dies natürlich, weil er es täglich that und nichts Übles dabei empfand, oder dachte, wie ihm selbst dünkte, und so hielt er die jungfräuliche Scham nicht nur für einen Überrest barbarischer Sitte, sondern sogar für eine Kränkung die ihm selbst zugefügt wurde.
Kity mußte sich fügen, da man, ungeachtet dessen, daß ja sämtliche Ärzte nach einer Schule gelernt hatten und nach den nämlichen Büchern und somit alle nur das nämliche wußten, und obwohl manche sagten, dieser berühmte Arzt sei kein guter Arzt — im Hause der Fürstin und in deren Kreisen aus unbekannten Gründen anerkannt hatte, dieser berühmte Medizinerbesitze ein ganz besonderes Wissen und er allein habe es in der Macht, Kity zu retten.
Nach einer sorgfältigen Untersuchung und Beklopfung der vor Scham halb verstörten und völlig verwirrten jungen Kranken, erklärte sich der namhafte Arzt, nachdem er sich sorgfältig die Hände gewaschen, im Salon dem Fürsten gegenüber.
Dieser sah finster aus, räusperte sich und horchte auf die Worte des Arztes.
Er als erfahrener, nicht beschränkter und nicht kranker Mensch, glaubte nicht an die medizinische Kunst, und in seinem Innern regte sich über diese ganze Komödie eine Erbitterung, welche um so größer war, als er allein wenigstens vollständig die Ursache von Kitys Krankheit erkannt hatte.
„Falsches Gebell,“ dachte der Fürst bei sich, dieses Wort innerlich aus dem Jagdwörterbuch auf den Arzt anwendend, der ihm langatmig alle die Kennzeichen der Krankheit des jungen Mädchens auseinandersetzte.
Der Arzt seinerseits unterdrückte nur mit Mühe diesem alten Edelmann gegenüber einen Ausdruck von geistiger Überlegenheit und schien sich nur schwer bis zu der für ihn so tiefstehenden medizinischen Fassungskraft des Fürsten herablassen zu können.
Er erkannte, daß mit dem alten Herrn nicht zu reden sei und daß die Seele dieses Hauses nur in der Mutter liege.
Vor dieser also beabsichtigte er, seine Perlen auszukramen. Die Fürstin trat auch soeben in den Salon, begleitet von dem Hausarzt. Der Fürst ging, sich stellend als wolle er nicht merken lassen, wie lächerlich ihm diese ganze Komödie erschien.
Die Fürstin war ratlos; sie wußte nicht was zu thun sei und fühlte sich schuldig vor Kity.
„Nun, Herr Doktor, entscheidet über unser Geschick,“ sagte die Fürstin. „Sagt mir alles; giebt es noch Hoffnung?“ wollte sie hinzufügen, allein ihre Lippen zitterten und sie war nicht imstande, diese Frage auszusprechen.
„Also wie steht es?“
„Sogleich, Fürstin, werde ich mit meinem Kollegen reden und alsdann die Ehre haben, Euch meine Meinung darzulegen.“
„Muß ich Euch also jetzt verlassen?“
„Wie Euch beliebt.“
Die Fürstin ging aufseufzend wieder hinaus.
Als die beiden Mediziner allein miteinander waren, begann der Hausarzt schüchtern seine Ansicht auseinanderzusetzen, welche dahin ging, daß der Beginn zur Lungentuberkulose vorliege, aber &c. &c.
Der berühmte Arzt hörte ihm zu und schaute während des Vortrags nach seiner dicken goldenen Uhr.
„So ist es,“ antwortete er, „aber“ —
Der Hausarzt verstummte respektvoll inmitten seiner Rede.
„Genau zu bestimmen, wie Ihr wißt, ist ja der Anfang der Tuberkulose nicht; bis zur Erscheinung der Cavernen ist nichts Bestimmtes zu sagen. Aber vermuten können wir. Und Anzeichen sind ja vorhanden. Schlechte Ernährung, nervöse Aufgeregtheit und dergleichen. Die Frage steht jetzt so, was ist zu thun bei vorhandenem Verdacht des Tuberkelprozesses, um die Ernährung zu unterstützen?“
„Aber Ihr wißt doch, daß stets geistige, seelische Ursachen noch dahinterstecken,“ erlaubte sich der Hausarzt mit schüchternem Lächeln einzuwerfen.
„Allerdings, das versteht sich ja von selbst,“ versetzte der Ruhm der Wissenschaft, wiederum nach seiner Uhr schauend. „Ist denn die Jauskiybrücke bereits fertig, oder muß man noch immer im Kreis herum fahren?“ frug er.
„Sie ist fertig.“
„Aha; nun, dann kann ich in zwanzig Minuten da sein. Wir haben uns also dahin ausgesprochen, daß die Frage jetzt so steht: Unterstützung der Ernährung und Kräftigung der Nerven; eines in Verbindung mit dem andern muß nach beiden Richtungen hin seine Wirkung ergänzen.“
„Und die Reise nach dem Ausland?“ frug der Hausarzt.
„Ich bin ein Feind der Reisen nach dem Ausland. Seht doch selbst: wenn wirklich der Beginn der Tuberkulose vorliegt, was wir gar nicht wissen können, so wird die Reise überhaupt nicht helfen. Es ist nur ein solches Mittel unumgänglich notwendig, welches die Ernährung fördert, ohne zu schädigen.“
Der berühmte Arzt setzte nun seinen Plan der Behandlung mit Sodener Wasser auseinander, bei dessen näherer Erläuterungder Hauptpunkt offenbar nur zu sein schien, daß dieses Wasser nicht schaden könne.
Der Hausarzt hatte aufmerksam und respektvoll zugehört.
„Aber zum Zweck der Hervorhebung des Nutzens einer Reise ins Ausland möchte ich betonen, daß eine Veränderung der Lebensgewohnheiten eine Enthebung aus den Verhältnissen, welche die Erinnerung wachrufen, nötig erscheint. Übrigens wünscht ja die Mutter diese Reise,“ fügte er hinzu.
„Aha! Nun, in diesem Falle möge sie reisen, aber diese deutschen Charlatane werden ihr nur Schaden bringen. Es wäre nötig, daß man sich belehren ließe — aber — mögen sie reisen.“
Er blickte wiederum nach seiner Uhr.
„Ah, es ist jetzt Zeit!“ — Er ging mit diesen Worten zur Thür. Der berühmte Arzt erklärte nun der Fürstin — das Gefühl des Anstandes erforderte dies — daß er die Kranke nochmals sehen müsse.
„Wie? Nochmals untersuchen?“ rief die Mutter entsetzt aus.
„O nein; ich möchte ihr nur einige Kleinigkeiten sagen, Fürstin.“
„Bitte sehr.“
Die Mutter, von dem Arzte begleitet, trat in den Salon zu Kity. Abgezehrt und gerötet im Gesicht, mit einem eigenartigen Glanz in den Augen, — eine Folge der ausgestandenen Scham — stand Kity inmitten des Zimmers.
Als der Arzt eintrat, fuhr sie entsetzt auf und ihre Augen füllten sich mit Thränen. Ihre ganze Krankheit und die versuchte Heilung derselben erschien ihr als etwas so Thörichtes, ja Lächerliches.
Ihre Heilung erschien ihr ebenso fruchtlos versucht, als etwa die Zusammenfügung von Stücken einer zerschlagenen Vase.
Ihr Herz war zerschlagen; was wollte man an ihm heilen mit Pillen und Pulvern?
Und doch konnte man die Mutter nicht kränken, umsoweniger, als diese selbst sich schuldbewußt fühlte.
„Wollt doch ein wenig hier noch Platz nehmen, Fürstin,“ sagte die medizinische Autorität.
Er ließ sich lächelnd ihr gegenüber nieder, ergriff ihren Puls und begann von neuem, langweilige Fragen an sie zu richten. Sie antwortete ihm, plötzlich aber erhob sie sich entrüstet.
„Entschuldigt mich,“ sagte sie, „aber dies kann doch sicherlich zu nichts führen. Ihr fragt mich nun zum drittenmale nach demselben.“ Der berühmte Arzt fühlte sich nicht beleidigt.
„Eine krankhafte Gereiztheit,“ sagte er zu der Fürstin, als Kity hinausgegangen war. „Übrigens bin ich fertig.“
Der Arzt beschrieb nun der Fürstin, als einer ausnehmend klugen Frau, wissenschaftlich den Zustand der jungen Fürstin und schloß mit der Anweisung dazu, wie man die mineralischen Wässer trinken müsse, die doch gar nicht nötig waren.
Auf die Frage, ob man ins Ausland reisen solle oder nicht, versank der große Arzt in tiefes Nachdenken, gleich als ob er über einer schwierigen Aufgabe sänne.
Die Entscheidung ward endlich gefällt; man dürfe reisen, solle sich aber vor den Charlatanen hüten und sich in allem nur an ihn wenden.
Es schien sich förmlich eine gewisse Aufheiterung zu verbreiten, als der große Arzt von dannen gegangen war. Die Mutter atmete auf, sich zu ihrem Kinde wendend, und Kity stellte sich, als ob sie zu guter Laune käme.
Sie hatte sich in der letzten Zeit nur allzu häufig, ja fast stets, verstellen müssen.
„Es ist wirklich wahr,maman, ich fühle mich gesund. Aber wenn Ihr reisen wollt, so wollen wir reisen!“ sagte sie, und gab sich den Anschein, als interessiere sie sich für die bevorstehende Abreise, indem sie von den Vorbereitungen zu derselben zu sprechen begann.
Bald nach der Abfahrt des Arztes kam Dolly an. Sie wußte, daß heute der Familienrat sein sollte, und trotzdem daß sie noch nicht lange aus dem Wochenbett war — sie hatte zu Ende des Winters einem Mädchen das Leben geschenkt — trotzdem, daß sie selbst schon genug Kummer und Sorgen zu tragen hatte, war sie, ihren Säugling und ein erkranktes Töchterchen daheim zurücklassend, hergekommen, um zu hörenwelches das Schicksal Kitys, das sich heute entschieden hatte, sein werde.
„Nun, wie steht es?“ frug sie, in den Salon tretend, ohne den Hut vom Kopfe zu nehmen. „Ihr seid alle so fröhlich. Es steht wohl gut?“
Man versuchte nur, ihr zu erzählen, was der Arzt gesagt hatte, aber es zeigte sich, daß, obwohl dieser sehr klar und lange gesprochen hatte, niemand richtig das wiederzugeben wußte, was er eigentlich gesagt hatte.
Bemerkenswert war nur das Eine dabei, daß die Reise nach dem Ausland beschlossen worden war.
Dolly seufzte unwillkürlich. Ihr bester Freund, die Schwester, reiste fort; auch ihr eigenes Leben war ja kein heiteres. Ihr Verhältnis zu Stefan Arkadjewitsch war nach jener Aussöhnung für sie ein erniedrigendes geworden. Die Neulötung des Bundes, die von Anna zustande gebracht worden war, erwies sich als nicht auf die Dauer haltbar und das eheliche Einvernehmen war an der nämlichen Stelle wieder in die Brüche gegangen.
Es lag hierfür keine bestimmt ausgesprochene Ursache vor, aber Stefan Arkadjewitsch war fast nie daheim, Geld gab es gleichfalls fast nie im Hause und der Verdacht seiner Untreue folterte Dolly beständig. Schon mehrfach hatte sie diesen Verdacht von sich gescheucht, in der Furcht vor jenem Schmerz der Eifersucht, den sie ja schon an sich erfahren hatte.
Jener erste Ausbruch von Eifersucht, den sie schon einmal durchlebt, konnte freilich nicht so wiederkehren, und selbst eine Entdeckung seiner Untreue würde jetzt nicht mehr in demselben Maße auf sie haben wirken können, als es zum erstenmale der Fall gewesen war.
Eine solche Entdeckung würde sie jetzt nur noch ihres ehelichen Umgangs beraubt haben, und sie hätte sich dann gestattet, ihn und vor allem sich verachtend, sich selbst hinwegzutäuschen über diese Schwäche.
Außerdem aber quälte sie beständig die Sorge um die große Familie. Bald stand es schlecht um die Ernährung des neuangekommenen kleinen Weltbürgers, bald war die Amme fortgegangen, bald lag, wie jetzt, eines der Kinder erkrankt.
„Wie steht es denn mit deinen Verhältnissen?“ frug die Mutter.
„Ach,maman, wir haben ja des Unglücks selbst genug zu tragen. Lily ist krank geworden und ich fürchte, es ist Scharlach. Ich bin jetzt aber doch wie Ihr seht, gekommen, um zu erfahren wie es hier steht, und muß sonst sitzen und wachen, ohne an ein Verlassen des Hauses denken zu können; wenn, möge Gott uns beschützen, es Scharlach ist.“
Der alte Fürst war nach der Verabschiedung des Arztes wieder aus seinem Kabinett gekommen; Dolly die Wange zum Kuß bietend und einige Worte mit ihr wechselnd, wandte er sich an seine Gattin:
„Was habt Ihr beschlossen; reist Ihr? Und wenn dem so ist, was wird alsdann aus mir?“
„Ich denke, du solltest hier zurückbleiben, Aleksander,“ antwortete die Gattin.
„Wie Ihr wollt.“
„Maman, warum soll Papa nicht mit uns reisen?“ sagte Kity, „ihm und uns ist dann wohler zu Mut.“
Der alte Fürst erhob sich und glättete mit der Hand das Haar seines Kindes. Kity erhob ihr Gesicht und blickte ihn mit gekünsteltem Lächeln an. Es wollte ihr stets scheinen, als ob er am besten in der Familie sie verstünde, obwohl er wenig von ihr sprach. Sie war, als die jüngste, das Lieblingskind des Vaters und es schien, als ob ihm seine Liebe zu ihr den Blick geschärft. Als ihr Blick jetzt seinen guten blauen Augen begegnete, die sie aufmerksam betrachteten, dünkte es sie, als schaue er durch sie hindurch und verstehe all das Traurige, was in ihr vorging.
Errötend neigte sie sich ihm entgegen, erwartend, daß er sie küssen solle, aber er strich nur über ihr Haar und sprach:
„Diese dummen Chignons! Bis zu unseren eigenen Töchtern dringen wir gar nicht durch, sondern man liebkost nur die Haare gestorbener Weiber. Nun, Dollinka,“ wandte er sich hierauf an seine älteste Tochter, „was macht denn dein Trumpfaß?“
„Nichts, Papa,“ antwortete Dolly, recht wohl verstehend, daß sich die Worte des Vaters auf ihren Gatten bezogen. „Er ist meist fern von Hause, und ich sehe ihn fast nie,“konnte sie nicht umhin, mit sarkastischem Lächeln hinzuzufügen.
„Nun; ist er denn noch nicht auf das Land gefahren, um seinen Wald zu verkaufen?“
„Nein; er ist immer noch erst im Begriff dazu.“
„So, so,“ antwortete der Fürst, „dann werde ich mich wohl auch noch einmal vorbereiten müssen?“ Er nahm neben seinem Weibe Platz. „Und du Kity,“ fügte er hinzu, sich an seine jüngste Tochter wendend, „du wirst hoffentlich eines schönen Tages erwachen und dann lachend zu dir selber sagen, „ah, ich bin doch völlig gesund und heiter, jetzt wollen wir wieder mit Papa gehen und die Frühpromenade mit ihm in der Morgenkälte machen? Nicht so?“
Es schien das, was der Vater sagte, so einfach zu sein, aber Kity geriet dabei in Verwirrung, wie ein überführter Sünder.
„Ja, er weiß alles, er versteht alles und sagt mir mit diesen Worten, daß man, auch wenn dies schimpflich ist, seine Schmach überleben solle.“
Sie vermochte nicht, sich ein Herz zu fassen und eine Erwiderung zu finden. Sie wollte etwas sagen, brach aber in Thränen aus und verließ schnell das Gemach.
„Da hast du deine Scherze!“ rief die Fürstin ihrem Gatten zu; „du bist stets die Ursache zu derartigen Scenen;“ begann sie vorwurfsvoll.
Der Fürst hörte geraume Zeit ihre Vorwürfe schweigend an, aber sein Gesicht verfinsterte sich mehr und mehr.
„Sie ist so beklagenswert, die Arme, so beklagenswert; und du fühlst nicht, daß sie Schmerz empfindet bei jeder Andeutung dessen, was die Ursache davon ist. O, daß man sich so sehr in den Menschen irrt!“ rief die Fürstin aus und an der Veränderung des Tones ihrer Stimme erkannte Dolly und der Fürst, daß sie Wronskiy meinte. „Ich begreife nicht, daß es keine Gesetze giebt gegen solche Abscheuliche, Unedle!“
„Du dürftest wohl nur nicht gehört haben,“ versetzte der Fürst finster sich aus dem Lehnstuhl erhebend, und gleichsam im Wunsche, das Zimmer zu verlassen, noch an der Thür stehen bleibend.
„Es giebt recht wohl Gesetze, meine Liebe, und wenn du mich schon dazu herausforderst, so will ich dir sagen, weran allem schuld ist. Du, du und nur du! Ja, wenn das nicht wäre, was eben nicht sein dürfte — ich bin leider ein Greis — so würde ich ihn vor die Barriere fordern, diesen Gecken. Nun aber kuriert nur und führt diese Charlatane bei Euch ein.“
Der Fürst schien noch viel sagen zu wollen, aber kaum hatte die Fürstin seinen Ton wahrgenommen, so beruhigte sie sich und ging in sich, wie sie dies gewöhnlich bei ernsten Fragen zu thun pflegte.
„Alexandre, Alexandre,“ flüsterte sie, sich auf ihn zu bewegend und in Thränen ausbrechend.
Sie hatte kaum zu weinen begonnen, als der Fürst verstummte. Er trat zu ihr hin.
„Nun, laß sein, laß sein! Es ist dir schwer genug zu Mute, ich weiß es wohl, aber was ist hier zu thun? Das Unglück ist noch nicht zu groß und Gott ist barmherzig,“ sagte er, ohne selbst recht zu wissen, was er sagen sollte, und auf den feuchten Kuß der Fürstin antwortend, den er auf seiner Hand fühlte.
Auch der Fürst verließ den Salon.
Kaum war Kity in Thränenströmen hinausgegangen als Dolly in ihrer Art als Familienmutter sogleich erkannte, daß hier eine Weiberthat zur Ausführung gelangen müsse und sie bereitete sich vor sie auszuführen.
Sie nahm ihren Hut ab, streifte die Rockärmel zurück und rüstete sich. Als die Fürstin ihren Gatten angegriffen hatte, hatte sie versucht, die Mutter zurückzuhalten, soweit dies die kindliche Ehrerbietung zuließ. Als der Fürst darauf erwidert hatte, war sie still verblieben; sie empfand Scham über ihre Mutter und Zuneigung für ihren Vater wegen dessen sich sogleich wieder herauskehrender Güte. Doch als der Vater hinausgegangen war, bereitete sie sich vor, den Hauptcoup auszuführen, der nötig war — zu Kity zu gehen und sie zu beruhigen.
„Ich habe Euch wohl schon vor Langem sagen wollen,maman, Ihr wißt wohl, daß Lewin Kity einen Antrag zu machen beabsichtigt hat, als er zum letztenmal hier war. Er hatte mit Stefan darüber gesprochen.“
„Was soll das? Ich verstehe nicht“ —
„So hat ihn also Kity vielleicht zurückgewiesen? Hat sie Euch nicht davon gesprochen?“
„Nein, sie hat nichts gesagt, weder etwas von diesem noch von jenem, sie ist zu stolz dazu. Aber ich weiß, daß alles davon kommt“ —
„Denkt Euch, wenn sie Lewin absagte — sie würde ihm nicht abgesagt haben, wenn nicht der andere dazwischen gekommen wäre, ich weiß es — dieser andere aber hat sie grausam getäuscht.“
Der Fürstin war es unerträglich, daran zu denken, wie viel Schuld sie an dem Unglück ihrer Tochter trug, und sie geriet in Wut.
„Ach, ich kann nichts mehr begreifen! Jetzt will die ganze Welt nur nach ihrem Sinne leben, der Mutter nichts mehr anvertrauen, und dann, da“ —
„Maman, ich gehe zu ihr.“
„Geh! Sollte ich es dir etwa verbieten?“ sagte die Mutter.
Als Dolly in das kleine Boudoir Kitys eintrat, ein freundliches mit Rosen geschmücktes Zimmerchen, noch ebenso jugendduftig, rosig und freundlich, wie Kity es zwei Monate vorher noch selbst gewesen war, erinnerte sie sich, wie sie beide zusammen im vergangenen Jahre diesen Raum geschmückt hatten, mit welcher Lust und Liebe.
Ihr Herz erstarrte, als sie Kitys ansichtig wurde, die auf einem niedrigen Stuhle dicht an der Thür saß und den Blick unbeweglich auf die eine Ecke des Teppichs geheftet hielt.
Kity blickte die Schwester an; der kalte ziemlich mürrische Ausdruck ihres Gesichts veränderte sich nicht.
„Ich will jetzt wieder nach Hause fahren und daselbst sitzen bleiben, du aber wirst nun wohl nicht mehr zu mir kommen,“ sagte Darja Alexandrowna, sich neben Kity niederlassend. „Ich möchte mit dir einiges sprechen.“
„Worüber?“ frug Kity schnell, erschreckt den Kopf hebend.
„Worüber? Nun doch jedenfalls von deinem Herzeleid.“
„Ich habe kein Herzeleid.“
„Halt ein, Kity. Denkst du etwa, ich könnte nichts davon wissen? Ich weiß alles. Glaube mir; es ist eine so nichtswürdige Affaire — nun, wir haben das ja alle durchgemacht.“
Kity blieb stumm; ihr Gesicht hatte einen Ausdruck von Strenge.
„Er ist nicht so viel wert, daß du um ihn trauern dürftest“ — fuhr Dolly fort, geradenwegs auf ihren Zweck zusteuernd.
„Ja, weil er mich verschmäht hat,“ sprach Kity mit bebender Stimme. „Sprich mir nicht mehr davon, ich bitte dich, sprich nicht mehr davon.“
„Aber wer hat dir das gesagt? Kein Mensch hat davon gesprochen. Ich bin überzeugt, daß er in dich verliebt gewesen ist und noch verliebt ist, aber“ —
„Ach; am Entsetzlichsten von allem ist mir dieses Mitleid,“ rief Kity, plötzlich in Zorn geratend. Sie wandte sich seitwärts auf dem Stuhle, errötete und bewegte nervös die Finger, bald mit der einen, bald mit der anderen Hand die Schnalle des Gürtels pressend, den sie trug.
Dolly kannte diese Eigenschaft ihrer Schwester, mit den Händen in den Gürtel zu greifen, wenn der Zorn in ihr aufwallte, sie wußte, daß Kity imstande war, während einer augenblicklichen Wallung sich zu vergessen und vieles Überflüssige und Unangenehme herauszupoltern, und Dolly wollte sie doch beruhigen. Allein es war dazu schon zu spät.
„Was; was willst du mir zu fühlen geben, was?“ rief Kity heftig. „Etwa dies, daß ich einen Menschen geliebt habe, der mich nicht kennen wollte, und das, daß ich vor Liebe zu ihm sterbe? Und dies kann mir eine Schwester sagen, welche glaubt daß sie — daß sie — mich bemitleiden soll? Ich will nichts wissen von diesem Beileid, diesen Heucheleien!“
„Kity, du bist ungerecht!“
„Weshalb quälst du mich!“
„Aber, im Gegenteil — ich sehe, du bist gereizt!“ —
Kity hörte sie nicht mehr in ihrer Erregung.
„Ich habe mich um nichts zu sorgen oder zu trösten! und habe Stolz genug, mir nie zu gestatten, einen Menschen zu lieben, der mich nicht liebt!“
„Aber das sage ich ja gar nicht! Nur Eins — sage mir die Wahrheit,“ fuhr Darja Alexandrowna fort, ihre Hand ergreifend, „sage mir, hat Lewin mit dir gesprochen?“
Die Erinnerung an Lewin schien Kity des letzten Restesvon Selbstbeherrschung zu berauben; sie sprang von ihrem Stuhle empor, warf die Gürtelschnalle zu Boden und machte schnelle Bewegungen mit den Armen in der Luft; dann rief sie:
„Was thut hier Lewin noch zur Sache? Ich begreife nicht, weshalb du mich foltern mußt! Ich habe es dir gesagt und wiederhole es, daß ich Stolz besitze, und nie — nie und nimmermehr — das thäte, was du thust, um hier auf denjenigen zu kommen, der dich verraten hat, der ein anderes Weib geliebt hat. Das verstehe ich nicht! Magst du es verstehen, ich kann es nicht!“
Nachdem Kity diese Worte gesprochen hatte, schaute sie die Schwester an, und als sie wahrnahm, daß Dolly schwieg und traurig den Kopf gesenkt hatte, setzte sie sich, anstatt das Boudoir zu verlassen, wie sie anfangs gewollt, wieder an der Thüre nieder und senkte gleichfalls den Kopf, ihr Gesicht in dem Taschentuch bergend.
Dieses Schweigen währte mehrere Minuten. Dolly dachte über sich selbst nach. Das nämliche Gefühl der Erniedrigung, welches sie stets empfunden hatte, erwachte besonders schmerzend in ihr, als die Schwester vor ihr desselben Erwähnung gethan hatte. Eine solche Härte hatte sie von der Schwester nicht erwartet, und sie zürnte dieser nun.
Plötzlich aber vernahm sie das Rauschen eines Gewandes und indem sie die Töne verhaltenen Schluchzens vernahm, legten sich zwei Arme von unten um ihren Hals.
Kity lag vor ihr auf den Knieen.
„Liebste Dolly; ich bin so tief, so tief unglücklich!“ stammelte Kity schuldbewußt.
Sie verbarg das liebliche, von Thränen überthaute Antlitz in den Falten des Kleides der Schwester.
Gleich als ob die Thränen der unumgänglich nötige Kitt wären, ohne welchen das Getriebe eines Wechselverkehrs unter den zwei Schwestern nicht mit Erfolg ging, so sprachen sich die beiden Schwestern nun nach Thränenströmen, die sie vergossen, zwar nicht über das aus, was sie eigentlich beschäftigte; aber indem sie von Nebendingen sprachen, verstanden sie einander auch darin ganz gut.
Kity erkannte, daß ihr im Zorn geäußertes Wort überdie Treulosigkeit von Dollys Gatten und deren Entwürdigung die arme Schwester bis auf den Grund des Herzens erschüttert hatte und diese ihr nichtsdestoweniger verzieh.
Dolly ihrerseits aber hatte alles erfaßt, was sie hatte wissen wollen und die Überzeugung gewonnen, daß ihre Vermutungen richtig gewesen waren, daß das unheilbare Weh Kitys in erster Linie darin bestand, daß Lewin ihr seine Hand angetragen hatte und zurückgewiesen worden war, daß Wronskiy sie getäuscht und sie selbst jetzt imstande war, Lewin zu lieben und Wronskiy zu hassen.
Kity hatte freilich kein Wort hierüber fallen lassen; sie sprach nur von ihrem Gemütszustand.
„Ich habe kein Herzeleid,“ hatte sie, ruhiger werdend, gesagt, aber du wirst dir wohl denken können, daß mir jetzt alles abstoßend, zuwider, rauh erscheint, und vor allem ich mir selbst. Du kannst dir nicht vorstellen, was für böse Gedanken mir über dies alles kommen.“
„Aber wie kannst du böse Gedanken haben?“ frug Dolly lächelnd.
„Die häßlichsten, die du dir denken kannst; ich vermag sie dir nicht zu sagen. Sie kommen nicht von Lebensüberdruß oder Langeweile, sie sind weit schlimmerer Art und mir ist, als hätte sich gleichsam alles, was Gutes in mir war, ganz verborgen und es wäre nur das Schlechte in mir zurückgeblieben. Was soll ich dir sagen?“ fuhr sie fort, den zweifelnden Ausdruck im Auge der Schwester gewahrend. „Papa hat soeben davon gesprochen; mir scheint, als glaube er nur, ich müsse eben heiraten. Mama führt mich zu Balle; mir scheint, sie thut es nur deshalb, um mich möglichst bald zu verehelichen und mich loszuwerden. Ich weiß, daß diese Gedanken unrecht sind, aber ich gewinne es nicht über mich, sie von mir zu scheuchen; sogenannte Bräutigams kann ich nicht sehen. Mir scheint, daß sie stets sich ein Maß von mir abnehmen. Früher war es mir ein Vergnügen, im Ballkleid auszufahren, ich freute mich über mich selbst; jetzt empfinde ich Scham darüber und fühle mich unsicher. Und was willst du auch anderes erwarten? Der Arzt — ha“ —
Kity brach ab. Sie wollte fortfahren und sagen daß von jener Zeit, da diese Veränderung mit ihr vorgegangen war,Stefan Arkadjewitsch ihr unausstehlich unangenehm geworden war, und daß sie ihn nicht sehen könne ohne Vorstellungen der niedrigsten und ungereimtesten Art dabei zu haben.
„Alles erscheint mir im rohesten, abstoßendsten Lichte,“ fuhr sie fort, „und dies ist meine Krankheit; vielleicht, daß sie vorübergeht“ —
„Aber denke nicht“ —
„Ich kann nicht. Nur in der Gesellschaft von Kindern ist mir wohl; nur bei dir.“
„Schade, daß du nicht bei mir sein kannst.“
„Nein; aber ich werde einmal zu dir kommen. Das Scharlachfieber habe ich ja gehabt, und ich werdemamanschon bitten.“ —
Kity bestand auf ihrer Absicht und kam zur Schwester; sie pflegte die Kinder Dollys während der ganzen Dauer des Scharlachfiebers welches thatsächlich zum Ausbruch gekommen war.
Alle sechs Kinder brachten die beiden Schwestern glücklich durch die Krankheit, aber die Gesundheit Kitys besserte sich dadurch nicht und zur Zeit der großen Fasten reiste die Familie Schtscherbazkiy ins Ausland.
Die höchste gesellschaftliche Sphäre in Petersburg steht ganz allein. Alles kennt sich wohl und besucht einander, aber es giebt hier in diesem großen Kreise auch wieder Unterabteilungen.
Anna Arkadjewna Karenina besaß Freunde und pflog Verbindungen in drei verschiedenen Gesellschaftskreisen.
Der eine derselben war der der Beamten, welchem offiziell ihr Gatte angehörte; derselbe setzte sich zusammen aus dessen Kollegen und Untergebenen, welche alle unter sich auf die mannigfaltigste und willkürlichste Weise durch gemeinsame Interessen verbunden und getrennt waren.
Anna vermochte sich jetzt nur schwer noch des Gefühls der fast abgöttischen Verehrung zu erinnern, welches sie in der ersten Zeit diesen Leuten gegenüber empfunden hatte.
Jetzt kannte sie sie alle, wie man sich etwa in einem Landstädtchen gegenseitig kennt; sie kannte die Gewohnheiten undSchwächen eines jeden und wußte, wo einen jeden der Schuh drückte; sie kannte ihre gegenseitigen Beziehungen und diejenigen aller zur höchsten Stelle und wußte, wie alle untereinander standen, wie und wovon sie lebten und worin sich die einzelnen ähnlich oder unähnlich waren.
Aber dieser Kreis von Interessen für Männer der Regierung vermochte sie nicht im geringsten — ungeachtet der Belehrungen der Gräfin Lydia Iwanowna — zu erwärmen, und sie mied daher denselben.
Der zweite, Anna näher stehende Kreis war derjenige, durch welchen Aleksey Aleksandrowitsch seine Carriere gemacht hatte.
Der Mittelpunkt desselben war die Gräfin Lydia Iwanowna. Es war ein Kreis alter, häßlicher, wohlthätiger und bigotter Weiber und kluger, gelehrter ehrgeiziger Männer.
Einer von diesen klugen Männern, die zu jenem Kreise gehörten, nannte denselben „das Gewissen der Petersburger Gesellschaft“.
Aleksey Aleksandrowitsch schätzte diesen Kreis sehr hoch, und Anna, die es so gut verstand, sich mit jedermann zu vertragen, fand in der ersten Zeit ihres Petersburger Aufenthalts auch in diesem Kreise Freunde für sich. Jetzt aber, nach ihrer Rückkunft aus Moskau, war ihr diese Gesellschaft unerträglich geworden.
Ihr schien, als ob sie selbst, wie auch alle jene Menschen, sich nur verstelle, und es wurde ihr nun so langweilig und fad in dieser Gesellschaft, daß sie so selten, als es nur anging, zur Gräfin Lydia kam.
Der dritte Kreis endlich, in welchem Anna Verbindungen besaß, war die eigentliche Welt — die Welt der Bälle und Essen, der glänzenden Toiletten, jene Welt, die sich mit der einen Hand am Hofe anhält, um nicht der Halbwelt zu verfallen und welche die Angehörigen der letzteren zu verachten glaubt, während sie mit ihr in den Geschmacksrichtungen nicht etwa nur verwandt ist, nein, sogar übereinstimmt.
Ihre Verbindung mit diesem Kreise wurde durch die Fürstin Bezzy Twerskaja gestützt, die Gattin ihres Vetters, welche einige hundertzwanzigtausend Rubel jährlicher Einkünfte besaß und Anna von deren erstem Erscheinen in der Welt an ausnehmend liebgewonnen hatte. Sie wußte sich ihr zu nähern, sie inihre Kreise zu ziehen und verspottete dabei die Gesellschaft der Gräfin Lydia Iwanowna.
„Wenn ich einmal alt und häßlich bin, werde ich auch eine solche,“ sagte sie, „aber für Euch, für ein junges, hübsches Weib ist es noch zu früh zur Gottgefälligkeit.“
Anna hatte anfänglich diese Sphäre der Fürstin Twerskaja gemieden soviel sie gekonnt, da dieselbe erstens einen Aufwand erforderte, welcher weit über ihre Mittel ging und sie selbst sich auch den erstgenannten ihrer Kreise vorzog; indessen nach ihrer Rückkunft von Moskau war ein Umschwung hierin eingetreten.
Sie mied den mehr moralischen Teil ihrer Bekannten und begab sich in die große Welt. Hier begegnete sie Wronskiy und empfand eine stürmische innere Freude bei diesen Begegnungen.
Besonders häufig sah sie Wronskiy bei der Fürstin Twerskaja, die selbst eine geborene Wronskaja und eine Base von jenem war. Wronskiy selbst kam nun überall hin, wo er nur Anna treffen konnte und er sprach zu ihr, wenn er nur konnte, von seiner Liebe.
Sie hatte ihm keinen Anlaß hierzu gegeben, aber stets, wenn sie mit ihm zusammentraf, flammte in ihrer Seele von neuem das nämliche Gefühl der Aufregung empor, welches sie an jenem Tage im Waggon überkam, da sie ihn zum erstenmale wieder erblickte.
Sie fühlte, wie bei seinem Anblick das Entzücken aus ihren Augen leuchtete und ihre Lippen sich zu einem Lächeln kräuselten, und vermochte den Ausdruck dieser Freude nicht zu ersticken.
Anfänglich war Anna in Wahrheit des Glaubens, daß sie über ihn ungehalten sei, weil er sich erlaube, sie zu verfolgen; aber als sie nach ihrer Rückkehr aus Moskau zu einer Soiree gefahren war, in der sie Wronskiy zu treffen dachte, erkannte sie deutlich an der trüben Laune die sich ihrer bemächtigte, als er nicht anwesend war, daß sie sich in einer Selbsttäuschung befinde und daß diese Verfolgung ihr nicht nur nicht unangenehm war, sondern vielmehr das gesamte Interesse ihres Lebens bilde.
Eine berühmte Diva sang zum zweitenmale und die gesamte große Welt war im Theater.
Als Wronskiy aus seinem Sessel in der ersten Reihe die Base wahrgenommen hatte, begab er sich zu dieser — ohne den Zwischenakt abzuwarten — nach ihrer Loge.
„Weshalb waret Ihr nicht beim Souper?“ frug ihn die Gräfin. „Ich bin doch verwundert über diesen Scharfblick der Liebenden,“ fügte sie mit einem Lächeln hinzu, so daß nur er es hören konnte, „sie war auch nicht da. — Aber Ihr kommt doch nach der Oper?“
Wronskiy blickte sie fragend an; sie senkte den Kopf und er dankte ihr mit einem Lächeln und ließ sich neben ihr nieder.
„Ah, ich entsinne mich wohl noch Eurer Galanterieen,“ fuhr die Fürstin Bezzy fort, welche ein besonderes Vergnügen in der Beobachtung der Fortschritte dieser sich entspinnenden Leidenschaft fand.
„Wohin soll das alles führen; Ihr seid in Banden, mein Lieber!“
„Ich wünschte nur das Eine, in Banden sein zu können,“ antwortete Wronskiy mit seinem ruhigen, gleichmütigen Lächeln. „Wenn ich Etwas beklage, so ist es nur dies, daß ich allzuwenig gefesselt bin. Um die Wahrheit zu gestehen, ich fange an, die Hoffnung zu verlieren.“
„Welche Hoffnung könnt Ihr denn hegen?“ sagte Bezzy, etwas pikiert von ihres Freundes Vertraulichkeit. In ihren Augen indessen spielten Reflexe, welche deutlich genug davon sprachen, daß sie recht wohl wisse — genau ebenso gut wie er selbst — welche Hoffnung er haben könne.
„Keine,“ sagte Wronskiy lachend und seine dichten Zähne zeigend. „Ich habe es mir selbst zuzuschreiben,“ fügte er hinzu, aus ihren Händen ein Opernglas nehmend und sich damit beschäftigend, über ihre entblößte Schulter hinweg die Reihe der gegenüberliegenden Logen zu mustern. „Ich fürchte, ich mache mich lächerlich.“
Er wußte recht wohl, daß er in den Augen Bezzys und aller Lebemänner nicht in Gefahr kam, lächerlich zu werden. Er wußte, daß in den Augen dieser Leute nur die Rolle eines Menschen der ein junges Mädchen oder überhaupt ein lediges Weib unglücklich liebte, lächerlich werden konnte. Die Rolleeines Mannes aber, welcher sich einer verheirateten Frau näherte und um jeden Preis sein Leben dafür einsetzte, sie zum Ehebruch zu verleiten, eine solche Rolle hat nur etwas Edles, Erhabenes und kann niemals lächerlich werden und mit stolzem und heiterem Lächeln unter den Spitzen seines Schnurrbartes ließ er das Opernglas sinken und blickte seine Base an.
„Weshalb seid Ihr denn nicht zu dem Essen gekommen?“ frug sie mit liebenswürdigem Lächeln.
„Das muß ich Euch freilich erzählen. Ich war beschäftigt und wollt Ihr wissen womit? Ich würde hundert, ja tausend Rubel wetten und Ihr ratet es nicht. Ich habe einen Mann mit dem Beleidiger seiner Frau versöhnt. Es ist wirklich so!“
„Wie; Ihr habt versöhnt?“
„Beinahe.“
„Ah, das müßt Ihr mir erzählen,“ sagte sie, sich erhebend. „Kommt im Zwischenakt zu mir!“
„Kann nicht; ich muß jetzt in das französische Theater.“
„Der Nilson halber?“ frug mit Schrecken Bezzy, die um keinen Preis der Welt die Nilson von jeder beliebigen Choristin unterschied.
„Was soll ich anders? Ich habe dort ein Rendezvous; alles infolge meines Versöhnungsversuchs.“
„O über diese frommen Friedensapostel, sie kommen stets gut weg,“ sagte Bezzy, sich einer ähnlichen Geschichte erinnernd, die sie einmal gehört hatte. „Aber so nehmt doch Platz und erzählt mir, was hat es gegeben?“