Während Stefan Arkadjewitsch nach Petersburg fuhr, um der Erfüllung jener, allen Beamten naturgemäßesten und vertrautesten — wenn auch den Laien unverständlichen — Hauptpflichten zu genügen, ohne welche es nicht möglich ist, Beamter zu sein, der nämlich, seine werte Persönlichkeit dem Ministerium in Erinnerung zu bringen, und hierbei, in der Erfüllung dieser Obliegenheit, fast alles Barvermögen des Hauses bei sich führend, die Zeit heiter und vergnügt auf der Schlittschuhbahn oder auf den Villen verbrachte — war Dolly mit den Kindern auf das Land übergesiedelt, um die Ausgaben soviel wie möglich zu beschränken. Sie hatte sich nach ihrem Mitgiftgute Jerguschowo begeben, demselben, von welchem der Wald im Frühling veräußert worden war, und welches einige fünfzig Werst von Lewins Dorfe Pokrowskoje lag.
In Jerguschowo war das große alte Herrenhaus schon lange abgebrochen; doch war vom Fürsten her noch ein Flügel davon abgeteilt und erhöht worden — vor zwanzig Jahren zur Zeit, als Dolly noch ein Kind war, — geräumig und bequem zwar, stand er freilich, wie alle Flügel, seitwärts von der Ausfahrtallee und nach Süden. Jetzt aber war dieser Flügel alt und baufällig geworden.
Als Stefan Arkadjewitsch im Frühjahr zum Waldverkauf gefahren war, hatte Dolly ihn gebeten, das Haus zu besichtigen und die Renovierung anzuordnen, soweit sie nötig sein würde.
Stefan Arkadjewitsch, wie alle schuldbewußten Ehemänner, höchst besorgt um die Bequemlichkeit seiner Frau, besichtigte persönlich das Haus und traf bezüglich alles dessen, was nach seiner Auffassung erforderlich war, Verfügungen.
Nach seiner Auffassung war es nötig, das gesamte Meublement mit Cretonüberzügen neu zu überziehen, Gardinen aufzustecken, den Garten zu säubern, eine kleine Brücke am Teich zu bauen und Blumen zu pflanzen, dabei aber hatte er viele andere notwendige Dinge vergessen, deren Mangel später für Darja Alexandrowna peinlich wurde.
So sehr sich Stefan Arkadjewitsch auch bemühte, ein sorglicher Vater und Ehemann zu sein, konnte er sich doch inkeiner Weise vergegenwärtigen, daß er Weib und Kinder besitze.
Er hatte noch völlig den Hagestolzengeschmack und nach diesem allein erwog er sich alles. Nach Moskau zurückgekehrt, erklärte er seiner Frau voll Selbstgefühl, daß alles vorbereitet wäre, daß das Haus wie ein Kinderspielzeug sein werde und er ihr nunmehr sehr empfehle, zu fahren.
Für Stefan Arkadjewitsch war die Abreise der Gattin in jeder Hinsicht sehr willkommen; für die Kinder war sie der Gesundheit zuträglich, die Ausgaben wurden vermindert und er selbst erhielt mehr Freiheit. Darja Alexandrowna aber hielt ihre Übersiedelung nach dem Dorfe für den Sommer ebenfalls für unumgänglich, wegen der Kinder, besonders ihres Töchterchens, welches nach dem Scharlachfieber noch nicht wieder recht zu Kräften kommen konnte, und dann endlich, weil sie sich damit von den vielen kleinen Erniedrigungen, den kleinen Schulden, die sie an die Holzlieferanten, Fischer und Schuhmacher hatte, und welche sie quälten, befreien konnte.
Außerdem war ihr aber die Übersiedelung auch noch wünschenswert, weil sie glaubte, auch ihre Schwester Kity mit auf das Dorf nehmen zu können, welche in der Mitte des Sommers aus dem Auslande heimkehren mußte, und der Bäder verschrieben worden waren.
Kity hatte ihr aus dem Badeort geschrieben, daß ihr nichts so angenehm dünke, als den Sommer mit Dolly in Jerguschowo zubringen zu können, welches ja so reich an Jugenderinnerungen für sie beide sei.
Die erste Zeit des Aufenthaltes auf dem Lande war für Dolly sehr beschwerlich. Sie hatte in ihrer Kindheit auf dem Lande gelebt und es war der Eindruck in ihr zurückgeblieben, daß das Dorf ein Zufluchtsort vor all den Unannehmlichkeiten der Stadt sei, daß das Leben hier, wenngleich nicht schön — hierin hätte sich Dolly leicht zufrieden gegeben — doch billig und bequem sei; man konnte hier alles haben und billig haben, was zu bekommen war, und die Kinder befanden sich wohl dabei. Als sie jetzt aber in ihrer Eigenschaft als Hausherrin auf das Dorf gekommen war, wurde sie inne, daß die Sache doch gar nicht so war, als sie gedacht hatte.
Am Tage nach ihrer Ankunft kam ein Platzregen und abends floß der Korridor und die Kinderstube von Wasser, so daß man die Kinderbetten in das Gastzimmer bringen mußte. Eine Köchin für das Gesinde war nicht vorhanden, und von den neun Kühen kalbten nach den Worten der Viehmagd einige, andere hatten das erste Kalb, oder waren schon zu alt und gaben keine Milch; weder Butter noch Milch war ausreichend selbst für die Kinder vorhanden; Eier gab es gar nicht und eine Henne war nicht zu erlangen. Man briet oder kochte nur alte, sehnige Hähne. Selbst Weiber, die die Zimmer scheuerten, konnte man nicht haben, sie waren alle auf dem Kartoffelfeld. Auszufahren erwies sich als unmöglich, weil das einzige Pferd störrig war und in die Deichsel riß, auch baden konnte man nicht, denn das ganze Flußufer war vom Vieh ausgetreten und lag vom Wege aus frei sichtbar da, ja selbst ein Spaziergang ließ sich nicht unternehmen, da das Vieh durch den zerbrochenen Gartenzaun in den Garten kam, und es einen bösartigen Stier hier gab, welcher brüllte und daher wohl mit den Hörnern stoßen konnte. Schränke für die Garderobe mangelten auch, und die, welche vorhanden waren, ließen sich nicht verschließen, sondern gingen von selbst auf, sobald man an ihnen vorüberschritt. Küchengerät und Äsche fehlten gleichfalls, ein Waschkessel, selbst ein Plättbrett war nicht da.
Anfangs war daher Darja Aleksandrowna, anstatt Ruhe und Erholung zu finden, in Verzweiflung, als sie in diesen von ihrem Gesichtspunkt aus furchtbaren Notstand geraten war; sie sorgte mit allen Kräften, sie empfand den Zwang ihrer Lage und mußte alle Augenblicke die Thränen zurückdrängen, die ihr in die Augen traten. Der Hausverwalter, ein früherer Wachtmeister, der bei Stefan Arkadjewitsch in Gunst stand, und von diesem seiner einnehmenden und respektablen Erscheinung halber zum Portier erhoben worden war, widmete der bedrängten Lage seiner Herrin nicht die geringste Teilnahme; er äußerte nur ehrerbietig: „Es ist unmöglich etwas zu thun; das Volk hier ist zu elend,“ und leistete sonst keinerlei Beistand.
Die Lage erschien trostlos. Aber im Hause der Oblonskiy gab es, wie das in allen guten Häusern ist — eine zwarnicht hervortretende, dafür aber äußerst wichtige und nützliche Person — das war Marja Philimonowna.
Diese beruhigte die Herrin, versicherte derselben, daß sich „schon alles machen werde“ — ihr gewöhnliches Wort, welches von ihr erst Matwey angenommen hatte, — und wirkte nun ohne Hast und Unruhe.
Sie war sogleich mit der Wirtschafterin in Verbindung getreten, hatte schon am ersten Tage nach der Ankunft mit dieser und dem Verwalter Thee zusammen unter den Akazien getrunken, und dabei alle Angelegenheiten beraten. Schnell hatte sich unter den Akazien ein Klub Marja Philimonownas gebildet, und durch diesen Klub, welcher aus der Wirtschafterin, dem Starosten und dem Kontorschreiber bestand, begannen sich die Übelstände des Lebens einigermaßen zu bessern, so daß nach Verlauf einer Woche sich in der That „alles schon machte“. Man hatte das Dach ausgebessert, eine Köchin gefunden — eine Base des Starosten, — Hühner angekauft; die Kühe begannen Milch zu geben, der Garten wurde mit dünnen, langen Stangen umzäunt, der Zimmermann hatte eine Wäschmangel gebaut und zu den Schränken waren Schlüssel geschafft worden, so daß sie sich nicht mehr von selbst öffneten; ein Plättbrett, mit Uniformtuch überzogen, lag von der Armsessellehne bis zur Kommode und in der Mädchenstube roch es nach dem heißen Plättstahl.
„Da haben wirs ja und doch war man schon in Verzweiflung,“ sagte Marja Philimonowna, auf das Brett weisend.
Selbst ein Badehäuschen war aus Strohschirmen gebaut. Lily begann zu baden und für Darja Aleksandrowna gingen so wenigstens die Erwartungen, die sie sich von einem wenn auch nicht ruhigen, so doch bequemen Landleben gemacht hatte, in Erfüllung. Mit sechs Kindern konnte Darja Aleksandrowna nicht ruhig leben; das eine war krank, das andere konnte krank werden, dem dritten fehlte etwas, das vierte zeigte Anlagen zu schlechtem Charakter — und so ging es fort. Selten, höchst selten gab es kurze Ruhepausen, und doch waren diese Sorgen und Unruhen für Darja Aleksandrowna das einzig mögliche Glück. Wäre es nicht vorhanden gewesen, so war sie sich selbst überlassen mit ihren Gedanken über ihren Mann, der sie nicht liebte.
Aber so drückend auch der Mutter die Angst vor der Krankheit, und die Krankheit der Kinder selbst sein mochte, und der Schmerz, welchen sie angesichts der Anzeichen zu schlechten Neigungen bei ihren Kindern empfand — die Kinder selbst vergalten ihr schon jetzt mit kleinen Freuden ihren Schmerz. Diese Freuden waren freilich so klein, daß sie unbemerkbar erschienen, wie Gold im Sande, und in trüben Augenblicken sah sie auch nur den Kummer, — nur den Sand; — allein es gab doch auch schöne Augenblicke, in denen sie nur Freude fand — nur Gold. —
Jetzt in der Einsamkeit des Landlebens begann sie dieser Freuden mehr und mehr inne zu werden. Oft bemühte sie sich im Hinblicke auf sie in jeder Weise die Überzeugung zu gewinnen, sie irre sich, sie sei als Mutter nur eingenommen für ihre Kinder, aber dennoch mußte sie sich selbst sagen, daß sie reizende Kinder habe, alle sechs, alle in verschiedener Art, und doch so, wie man selten welche findet — und sie fühlte sich glücklich in ihnen und war stolz auf dieselben.
Zu Ende des Mai, nachdem alles schon mehr oder weniger in Ordnung gebracht war, erhielt sie eine Antwort ihres Mannes auf ihre Klagen über die Unordnung auf dem Dorfe. Er schrieb ihr, und bat um Verzeihung, daß er nicht an alles gedacht hätte, und versprach, sobald, als es möglich sein würde, zu kommen.
Diese Möglichkeit aber hatte sich nicht gezeigt und bis Anfang Juni lebte Darja Aleksandrowna allein auf ihrem Dorfe. Während den Petersfasten, eines Sonntags, fuhr Darja Aleksandrowna mit allen ihren Kindern zur Messe, um ihnen das Abendmahl reichen zu lassen.
In ihren religiösen, philosophierenden Gesprächen mit Schwester und Mutter und mit den Bekannten hatte sie diese sehr oft durch ihre Gedankenfülle bezüglich der Religion in Erstaunen gesetzt. Sie hatte ihre eigene seltsame Anschauung der Metamorphose, an die sie fest glaubte, ohne sich viel um die Dogmen der Kirche zu kümmern. In der Familie aber erfüllte sie — nicht nur zum Zwecke, ein Beispiel zu geben, sondern mit ganzer Seele — streng alle Anforderungen derKirche, und der Umstand, daß ihre Kinder schon seit etwa einem Jahre nicht zum Abendmahl gegangen waren, beunruhigte sie sehr, so daß sie sich mit der vollen Billigung und Beistimmung Marja Philimonownas entschloß, dies jetzt, im Sommer, zur Ausführung zu bringen.
Darja Aleksandrowna hatte schon einige Tage zuvor überlegt, wie sie alle ihre Kinder dazu kleiden sollte, und da wurden nun Kleider genäht, umgeändert und gewaschen, Umschläge und Borten angebracht, Knöpfe aufgesetzt und Bandschleifen zurechtgemacht. Nur das Kleid Tanjas, mit dessen Herstellung sich die Engländerin befaßt hatte, machte bei Darja Aleksandrowna viel böses Blut. Die Engländerin hatte bei der Änderung die Besätze nicht an der richtigen Stelle angebracht, die Ärmel zu weit ausgeschnitten und das Kleid war ganz verdorben. Tanja mußte darin die Schultern so hoch ziehen, daß der Anblick Bedauern erregte. Doch Darja Aleksandrowna meinte, man müsse einsetzen, und eine Pelerine anbringen. So ging die Sache, doch gab es beinahe mit der Engländerin dabei einen Streit. Am Morgen indessen war alles in Ordnung, und um zehn Uhr, der Zeit, bis zu welcher man den Geistlichen gebeten hatte, mit der Messe zu warten, standen die Kinder freudestrahlend, angeputzt auf der Freitreppe vor dem Wagen und harrten der Mutter.
In den Wagen war anstatt der alten störrischen Mähre infolge der Fürsprache Marja Philimonownas der Braune des Verwalters eingespannt worden, und Darja Aleksandrowna, die von der Sorge um die eigene Toilette noch zurückgehalten worden war, erschien endlich, in einem weißen Kleide von Nesseltuch, um sich mit in den Wagen zu setzen.
Darja Aleksandrowna hatte sich voll Sorge und Unruhe frisiert und angekleidet. Früher that sie dies für sich selbst, um schön zu sein und zu gefallen, später aber war ihr das Ankleiden um so unerfreulicher geworden, je älter sie wurde; sah sie doch, wie sehr sie verloren hatte.
Heute jedoch hatte sie mit Vergnügen und Aufregung Toilette gemacht, sie that es ja nicht der eigenen Schönheit halber, sondern um als Mutter ihrer herrlichen Kinder den Gesamteindruck nicht zu beeinträchtigen.
Nachdem sie noch ein letztes Mal in den Spiegel geblickt,war sie von sich selbst befriedigt; sie sah gut aus; nicht ebensogut, wie sie dermaleinst wohl für den Ball hatte auszusehen gewünscht, aber gut genug für den Zweck, den sie jetzt im Auge hatte.
In der Kirche war niemand außer den Bauern und den Hausleuten mit ihren Weibern, aber Darja Aleksandrowna sah das Entzücken oder glaubte es zu sehen, welches durch ihre Kinder und wohl auch über sie selbst hervorgerufen wurde. Ihre Kinder waren nicht nur an sich hübsch in ihren sauberen Kleidchen, sie waren auch artig, so wie sie sich aufführten. Aljoscha stand allerdings heute nicht besonders gut; er drehte sich fortwährend um, und wollte seine Kutte durchaus von hinten besehen; aber dennoch war auch er außergewöhnlich artig. Tanja stand wie eine Alte und überwachte die kleinen Geschwister, und die kleine Lily war reizend mit ihrer naiven Verwunderung über alles, so daß es schwer war, nicht zu lächeln, als sie bei der Erteilung des Abendmahls sagte, „please, some more.“
Nach Hause zurückgekehrt, hatten die Kinder das Gefühl, als ob sich etwas Feierliches vollzogen habe, und sie verhielten sich sehr ruhig.
Alles ging gut daheim, aber beim Frühstück fing Grischa an zu pfeifen, und was das Schlimmste war, er wollte nicht auf die englische Erzieherin hören, so daß er keine süße Pastete erhielt. Darja Aleksandrowna würde an diesem Tage keine Bestrafung geduldet haben, wäre sie selbst zugegen gewesen, aber so mußte der Strafverfügung der Engländerin Folge geleistet werden und dieselbe hielt fest an der Bestimmung, daß Grischa keine süße Pastete erhalte, was freilich die allgemeine Freude einigermaßen verdarb.
Grischa weinte und sagte, Nikolay habe auch gepfiffen und den bestrafe man nicht; er weine auch gar nicht etwa wegen der Pastete — die sei ihm ganz egal — sondern, weil man ungerecht gegen ihn sei. Das war doch allzu schmerzlich, und so entschied Darja Aleksandrowna, daß man, nach Rücksprache mit der Erzieherin, Grischa verzeihen könnte, und ging zu dieser. Als sie indessen den Saal durchschritt, gewahrte sie eine Scene, die ihr Herz mit so hoher Freude erfüllte, daß ihr die Thränen in die Augen traten und sie selbst sogleich dem Sünder verzieh.
Dieser saß im Salon an dem Eckfenster und neben ihm stand Tanja mit einem Teller. Unter dem Vorgeben des Wunsches, ihren Puppen ein Mittagsmahl zu verabreichen, hatte sie die Engländerin um die Erlaubnis gebeten, ihre Portion Pastete in die Kinderstube tragen zu dürfen, anstatt dessen aber sie dem Bruder gebracht; der Kleine verspeiste nun unter fließenden Thränen über die Ungerechtigkeit seiner Bestrafung die ihm überbrachte Pastete, dabei immer durch sein Schluchzen hindurch sprechend: „Iß du nur auch mit, laß uns zusammen essen, zusammen“ —
Auf Tanja hatte anfangs nur das Mitleid mit Grischa gewirkt, dann aber auch die Erkenntnis der Güte ihrer Handlung, und nun standen ihr die Thränen ebenfalls in den Augen; doch verspeiste sie ganz gern auch ihren Anteil mit.
Als die Kinder der Mutter ansichtig wurden, erschraken sie, nachdem sie aber einen Blick in deren Gesicht geworfen und erkannt hatten, daß sie ja nichts Übles thäten, begannen sie zu lächeln und mit den Händen die lachenden Lippen, mit vollen Mündern kauend, abzuwischen, wobei sie die strahlenden Gesichterchen ganz mit Thränen und Backwerk beschmierten.
„Alle Heiligen, das neue weiße Kleid! Tanja, Grischa!“ sprach die Mutter und bemühte sich, das Kleid zu retten, aber mit Thränen in den Augen, lächelnd voll Seligkeit und Entzücken.
Man zog den Kindern die neuen Kleider aus und ließ die Mädchen Blusen, die Knaben ihre alten Kutten anziehen. Hierauf sollte zum Ärger des Verwalters, der Braune wiederum mit eingespannt werden, da es zum Pilze suchen und nach dem Bade gehen sollte. Ein Sturm von Freudenschreien erhob sich in dem Kinderzimmer und verstummte erst bei der Abfahrt nach dem Bade.
Die Kinder sammelten einen ganzen Korb voll Pilze, selbst die kleine Lily fand einen Birkenpilz. Früher war es so, daß Miß Goul sie fand und ihr zeigte, jetzt aber fand sie schon selbst einen großen Pilz und ein allgemeiner Freudenschrei ertönte „Lily hat einen Pilz gefunden!“
Hierauf fuhren sie an den Fluß. Die Pferde wurden unter die Birken gestellt und die Kinder begaben sich ins Bad.Der Kutscher Terentij band die Pferde, welche die Bremsen von sich abwedelten, an einem Baume fest, und legte sich alsdann auf das Gras, im Schatten der Birken seine Pfeife schmauchend, während aus dem Bade das lustige Geschrei der Kinder zu ihm herüberdrang.
Obwohl es eine schwierige Aufgabe war, alle die Kinder zu beaufsichtigen und ihren Mutwillen zu dämpfen, obwohl es eine Aufgabe war, die sämtlichen kleinen Strümpfchen zu merken und nicht durcheinander zu wirren, die Höschen und Schuhe von verschiedenen Größen, sie auszuziehen, die Schlingen und die Knöpfe aufzuknöpfen, so hatte doch Darja Aleksandrowna, die selbst das Baden stets geliebt hatte, es als zuträglich für die Kinder haltend, an nichts soviel Vergnügen, als an diesem Baden mit allen ihren Kindern. Alle diese kleinen runden Beinchen durchzumustern, ihnen die Strümpfe anzuziehen, die nackten kleinen Leiber auf die Arme zu nehmen und zu waschen und die lustigen Aufschreie oder das erschreckte Wimmern der Kinder zu hören und die halb atemlosen Gesichterchen ihrer plätschernden Cherubim mit den weitgeöffneten erschreckten oder lachenden Augen zu sehen — das war ihr ein hoher Genuß.
Nachdem schon die Hälfte der Kinder ausgekleidet war, kamen einige Weiber heran ans Bad. Marja Philimonowna rief eines derselben, um ihr ein in das Wasser gefallenes Badetuch und ein Hemd zum trocknen zu geben, und Darja Aleksandrowna sprach die anderen Weiber an. Diese lachten sich anfangs verlegen ins Fäustchen und verstanden nicht, wonach sie gefragt wurden, doch bald wurden sie kühner und begannen zu reden, und nahmen nun Darja Aleksandrowna durch ihre aufrichtige Verwunderung, die sie über die Kinderchen zeigten, für sich ein.
„Ach, welche Schönheit, weiß wie Zucker,“ sagte das eine der Weiber, Tanja wohlgefällig beschauend und den Kopf schüttelnd, „aber ein wenig mager“ —
„Ja, sie ist krank gewesen.“
„Wird denn das da auch gebadet?“ sagte ein anderes Weib, auf das kleine Brustkind weisend.
„Nein; das ist erst drei Monate alt,“ versetzte Darja Aleksandrowna mit Stolz.
„Seht einmal an.“
„Hast du denn auch Kinder?“
„Ich hatte vier; zwei sind mir geblieben, ein Knabe und ein Mädchen. Erst in den letzten Fasten habe ich abgestillt.“
„Wie alt ist denn das Mädchen?
„Es geht ins zweite Jahr.“
„So lange hast du es genährt?“
„Das ist gewöhnlich so bei unsersgleichen, die Fasten lang“ —
Die Unterhaltung wurde jetzt erst wirklich interessant für Darja Aleksandrowna, und diese frug nun, wie es mit der Geburt gewesen, was für Krankheiten das Kind gehabt, wo ihr Mann sei und anderes.
Darja Aleksandrowna wollte die Weiber gar nicht wieder verlassen, so interessant war ihr Gespräch mit denselben, so eng deckten sich deren Interessen mit den ihren. Am angenehmsten von allem aber war Darja Aleksandrowna, daß sie klar erkannte, wie alle diese Weiber am meisten davon interessiert waren, wie viele Kinder sie hatte und wie diese so hübsch seien. Die Weiber belustigten Darja und beleidigten die Engländerin, weil diese die Ursache des ihr unerklärlichen Lächelns bildete. Eines der jüngeren Weiber hatte nach der Erzieherin geblickt, die sich später als die übrigen ankleidete, und, als jene die dritte Unterjacke angelegt hatte, sich der Bemerkung nicht enthalten können, wie sich die da drall einschnüre, worauf alles in Lachen ausbrach.
Umgeben von allen ihren Kindern, die gebadet waren, und nasse Köpfe hatten, fuhr Darja Aleksandrowna, ein Tuch um den Kopf, am Hause vor, als der Kutscher meldete, es komme soeben ein Herr daher, wie es scheine, von Pokrowskoje.
Darja Aleksandrowna blickte auf und geriet in freudige Erregung, als sie unter dem grauen Hut und dem grauen Paletot die wohlbekannte Gestalt Lewins erblickte, der ihnen entgegenkam.
Sie war stets erfreut, wenn sie ihn sah, jetzt aber empfand sie dies besonders, weil er sie nun in all ihrem mütterlichenGlanze sehen konnte. Niemand als Lewin verstand besser, den Stolz Darjas Aleksandrownas zu würdigen.
Als derselbe sie erblickte, befand er sich vor einem jener Bilder, wie er sie sich selbst schon von einem künftigen Familienleben entworfen hatte.
„Gleich einer Bruthenne, Darja Aleksandrowna!“
„O, wie ich mich freue,“ sagte sie, ihm die Hand reichend.
„Ihr freut Euch und doch ließt Ihr mir keine Nachricht zugehen. Mein Bruder ist jetzt bei mir und ich habe erst von Stefan eine Mitteilung empfangen, daß Ihr hier wäret.“
„Von Stefan?“ frug Darja Aleksandrowna voll Verwunderung.
„Ja; er schreibt, daß Ihr nach hier übergesiedelt wäret und denkt, Ihr würdet mir erlauben, Euch irgendwie behilflich zu sein,“ sagte Lewin, plötzlich in Verwirrung geratend bei diesen Worten und stecken bleibend. Schweigend schritt er neben dem Wagen dahin, junge Lindenzweige abbrechend und anbeißend.
Er war in Verwirrung geraten, weil er vermutete, daß Darja Aleksandrowna die Hilfsbereitschaft, die ihr seitens eines Fremden angeboten worden war, unangenehm sein könnte, in einer Angelegenheit, die doch von ihrem Gatten zu erledigen gewesen wäre.
In der That hatte auch das Verfahren Stefan Arkadjewitschs, die eigenen Familienangelegenheiten zum Gegenstand des Interesses anderer zu machen, Darja Aleksandrowna nicht gefallen. Sie empfand indessen sogleich, daß Lewin dies alles verstehe und eben dieser Zartheit im Verständnis halber, dieser Feinfühligkeit wegen schätzte sie Lewin hoch.
„Ich habe verstanden,“ sagte Lewin, „daß dies nur soviel bedeutet, als ob Ihr mich zu sehen wünschtet, und ich freue mich hierüber sehr. Natürlich kann ich mir denken, daß es Euch, der Dame aus der Stadt, hier seltsam vorkommen wird; aber wenn Euch irgend etwas nötig sein sollte, so werde ich ganz zu Euren Diensten sein.“
„O nein!“ sagte Dolly. „In der ersten Zeit wohl war es mir unbequem, jetzt aber ist alles ganz hübsch eingerichtet. Dank meiner alten Amme,“ fuhr sie fort, auf Marja Philimonowna weisend, welche verstand, daß man von ihr sprecheund daher heiter und freundlich auf Lewin blickte. Sie kannte diesen, und wußte, daß er ein guter Bräutigam für die junge Herrin gewesen wäre und hatte gewünscht, die Sache möchte in Erfüllung gegangen sein.
„Nehmt doch gefälligst Platz, wir wollen ein wenig zusammenrücken,“ sagte sie zu ihm.
„Nein; ich werde weiter gehen. Kinder, wer will von euch mit mir und den Pferden um die Wette laufen?“
Die Kinder kannten Lewin sehr wenig. Sie wußten nicht mehr, wann sie ihn gesehen hatten, zeigten aber ihm gegenüber nicht jenes seltsame Gefühl der Befangenheit und des Widerwillens, wie es Kinder so häufig vor Erwachsenen, die sich verstellen, empfinden, und das ihnen häufig so übel bekommt.
Die Heuchelei kann in irgend etwas wohl auch den klügsten, scharfsinnigsten Menschen täuschen; aber selbst das allerbeschränkteste Kind wird sie erkennen und sich von ihr abwenden, mag sie auch noch so geschickt verborgen sein. Was für Mängel Lewin auch immer haben mochte, von Heuchelei war in ihm nichts zu entdecken, und daher bewiesen ihm die Kinder ihre freundschaftliche Zuneigung im nämlichen Maße, wie sie sie auf den Zügen der Mutter zu ihm entdeckten.
Auf seine Einladung sprangen die beiden Ältesten sogleich herab und liefen mit ihm, wie sie mit ihrer Amme, mit Miß Goul oder der Mutter gelaufen wären. Selbst Lily bat, zu ihm zu dürfen und die Mutter übergab sie ihm. Er setzte sie auf seine Schulter und lief mit ihr davon.
„Habt keine Angst, keine Angst, Darja Aleksandrowna!“ sagte er mit heiterem Lächeln zu der Mutter, „es ist unmöglich, daß ich mich versehe oder sie fallen lasse.“
Die Mutter beruhigte sich auch mit einem Blick auf die leichten, kräftigen, aber vorsorglichen und nur zu umsichtigen Bewegungen Lewins, und lächelte, heiter und zustimmend ihn anschauend.
Hier auf dem Lande, im Verkehr mit den Kindern und der ihm so sympathischen Darja Aleksandrowna, geriet Lewin in jene, ihn so häufig überkommende Stimmung kindlich heiteren Frohsinns, den Darja besonders an ihm liebte. Indem er mit den Kindern lief, und ihnen Turnkünste wies, machte er Miß Goul mit seiner schlechten englischen Aussprachelachen und erzählte Darja Aleksandrowna von seinen Arbeiten auf dem Dorfe.
Nach Tische kam diese, im Salon allein mit ihm zusammensitzend, auch auf Kity zu sprechen.
„Wißt Ihr schon? Kity wird hierher kommen, und den Sommer bei mir zubringen.“
„In der That?“ sagte er, in Aufregung geratend, fuhr aber dann, um das Thema zu wechseln sogleich fort: „Soll ich Euch also die beiden Kühe senden? Wenn Ihr rechnen wollt, so zahlt Ihr mir sie mit fünf Rubel monatlich ab, sofern Euch das nicht unangenehm ist.“
„Ach nein, ich danke Euch bestens, es befindet sich jetzt alles bei uns in Ordnung.“
„Dann muß ich schon einmal Eure Kühe besichtigen und wenn Ihr gestattet, anordnen, wie sie gefüttert werden sollen. Die Hauptsache liegt in der Fütterung.“
Um nur das angeregte Thema wechseln zu können, setzte er nun Darja Aleksandrowna die Theorie der Milchwirtschaft auseinander, welche darin bestand, daß die Kuh nur die Maschine sei, welche die Fütterung in Milch umzusetzen habe.
Er setzte dies auseinander und wünschte dabei sehnlichst, noch Näheres über Kity zu vernehmen; gleichwohl aber fürchtete er dies auch wieder. Es war ihm bange darum, daß seine so mühsam von ihm errungene Ruhe wiederum zu nichte gemacht werde.
„Aber wenn nach alledem, was Ihr mir da ausführt, verfahren werden soll? Wer wird denn das thun?“ antwortete Darja Aleksandrowna mit Widerstreben.
Sie hatte ihr Wirtschaftswesen jetzt mit Hilfe Marja Philimonownas so verbessert, daß sie gar keine Lust hatte, noch etwas an demselben zu verändern, und dann glaubte sie auch gar nicht an Lewins Kenntnisse im Ökonomiewesen. So erschienen ihr seine Urteile, daß die Kuh eine Maschine für die Milchfabrikation sei, bedenkenerregend, und sie meinte, daß solche Auffassungen der Ökonomie nur im Wege stehen könnten. Ihr dünkte dies alles bei weitem einfacher; es war eben nur erforderlich, wie schon Marja Philimonowna auseinandergesetzt hatte, der Bunten und der Weißen mehr Futter zu geben und zu vermeiden, daß der Koch aus der Küche das Spülichtwasserin den Kuhstall trug. Das lag offen zu Tage, auch die Ausführungen über Kraft- und Grünfütterung waren bedenklich und unklar. Ihr selbst hatte vorzugsweise überhaupt daran gelegen, von Kity zu sprechen.
„Kity schreibt mir, daß sie nichts so sehr ersehne, als Einsamkeit und Ruhe,“ sagte Dolly, nach einer eingetretenen Pause.
„Wie steht es denn mit ihrer Gesundheit, ist sie besser?“ frug Lewin in Erregung.
„Gott sei Dank, sie ist vollkommen wiederhergestellt; ich habe überhaupt nie geglaubt, daß sie ein Brustleiden gehabt hätte.“
„Ach, das freut mich außerordentlich,“ antwortete Lewin, und Dolly schien etwas Rührung Erweckendes, Hilfloses in seinen Zügen hervortreten zu sehen, als er dies gesagt hatte und sie nun schweigend anblickte.
„Hört doch einmal, Konstantin Dmitritsch,“ begann Darja Aleksandrowna mit ihrem gutmütigen, ein wenig schelmischen Lächeln, „weshalb seid Ihr denn eigentlich auf Kity bös!“
„Ich? Ich zürne ihr nicht,“ antwortete Lewin.
„Nein, Ihr zürnt ihr nicht? Weshalb seid Ihr denn dann weder zu uns, noch zu Kitys Eltern gekommen, als Ihr in Petersburg waret?“
„Darja Aleksandrowna,“ begann Lewin, bis in die Haarwurzeln errötend, „ich bin eigentlich in Verwunderung darüber, daß Ihr, mit Eurer Herzensgüte, dies nicht fühlt. Wie kommt es, daß Ihr nicht geradezu Mitleid mit mir empfindet, da Ihr doch wißt“ —
„Was soll ich wissen?“
„Nun, daß ich ihr einen Antrag gemacht habe und eine Absage erhielt,“ fuhr Lewin fort, und all die zarte Neigung, die er noch eine Minute zuvor für Kity empfunden hatte, verwandelte sich in seiner Seele zu einem Gefühl von Zorn über jene Kränkung.
„Woraus schließt Ihr, daß ich dies wissen müsse?“
„Daraus, weil es alle wissen.“
„Aber darin irrt Ihr; ich habe es nicht gewußt, wenngleich ich es vermutete.“
„Nun, so wißt Ihr es doch jetzt.“
„Ich wußte bisher nur das Eine, daß Etwas vorhanden war, was Kity entsetzlich quälte und daß diese mich bat, niemals hiervon zu sprechen. Wenn sie aber mit mir über die Sache selbst nicht gesprochen hat, so hat sie noch mit niemand darüber gesprochen. Doch was hattet Ihr? sagt mir's doch!“
„Ich habe Euch gesagt, was geschehen ist.“
„Wann geschah denn das Unglück?“
„Als ich das letzte Mal bei Euch war.“
„Wisset, ich muß Euch etwas sagen,“ fuhr Darja Aleksandrowna fort, „Kity thut mir ganz außerordentlich leid! Ihr leidet nur aus Stolz“ —
„Mag sein,“ sagte Lewin, „doch“ —
Sie schnitt ihm das Wort ab.
— „Doch die Arme thut mir ganz ungeheuer leid. Jetzt weiß ich alles.“
„Nun, Darja Aleksandrowna, Ihr entschuldigt mich wohl,“ sagte Lewin, sich erhebend, „verzeiht, und — auf Wiedersehen.“
„Nein, nein, bleibt noch,“ antwortete sie, ihn am Rockärmel fassend. „Bleibet und setzt Euch!“
„Aber ich bitte tausendmal, daß wir dann nicht mehr von jenem Thema sprechen,“ bat er, sich setzend mit einer Empfindung, als rege sich und lebe in seinem Herzen eine Hoffnung wieder auf, die ihm längst begraben geschienen.
„Wenn ich Euch nicht lieb hätte,“ fuhr Darja Aleksandrowna fort und die Thränen traten ihr dabei in die Augen, „und wenn ich Euch nicht kennte, wie ich Euch kenne,“ —
Das scheinbar erstorben gewesene Gefühl regte sich mehr und mehr wieder in ihm, es wallte empor und nahm von dem Herzen Lewins Besitz.
„Ja, jetzt verstehe ich alles,“ fuhr Darja Aleksandrowna fort, „Ihr freilich könnt es nicht begreifen; ihr Männer, die ihr frei seid und wählt, seid stets im klaren, wen ihr liebt. Aber das Mädchen in seiner Stellung als Erwartende, mit seinem weiblichen, mädchenhaften Schamgefühl, das Mädchen, welches euch, die Männerwelt nur aus der Ferne sieht, nimmtalles auf Treu und Glauben hin. Das Mädchen besitzt vielleicht sogar das Gefühl, daß sie nicht weiß was sie sagen soll.“
„Wenn das Herz nicht spricht, allerdings“ —
„O, das Herz spricht wohl, aber bedenkt doch: Ihr Männer habt das Anschauen der Mädchen, ihr kommt in deren Familien, ihr nähert euch ihnen, durchschaut sie, und prüft sie, ob ihr in ihnen das findet, was ihr liebt und dann, nachdem ihr euch überzeugt habt, daß ihr liebt, macht ihr eine Erklärung“ —
„Nun; ganz so ist es denn doch nicht.“
„Gleichviel; ihr kommt mit eurem Antrag, sobald eure Liebe reif geworden ist, oder wenn sich zwischen zwei Auserwählten ein Übergewicht eingestellt hat. Das Mädchen aber frägt man nicht. Man verlangt, daß es selbst wähle, aber es kann gar nicht wählen, sondern nur antworten, — ja oder nein.“
„So war es mit der Wahl zwischen mir und Wronskiy,“ dachte Lewin und jener totgeglaubte Gedanke in ihm, der wieder aufgelebt war, erstarb von neuem und preßte ihm nur noch qualvoll das Herz.
„Darja Aleksandrowna,“ begann er, „so wählt man wohl ein Kleid, oder ich weiß nicht was sonst für ein Kaufstück, aber nicht unsere Liebe. Ist hier die Wahl einmal geschehen, so ist es um so besser, eine Wiederholung giebt es nicht.“
„O, Stolz über Stolz,“ sagte Darja Aleksandrowna, Lewin fast geringschätzend ob der Niedrigkeit seines Gefühls, im Vergleich mit demjenigen wie es nur die Frauen kennen. „Zur nämlichen Zeit, als Ihr Kity Eure Erklärung machtet, befand sie sich in jener Lage, in welcher sie keine Antwort erteilen konnte. Sie befand sich im Zustande der Unentschiedenheit, sollte sie sich für Euch oder für Wronskiy entscheiden. Ihn hatte sie täglich gesehen, Euch lange Zeit nicht. Gesetzt nun, sie wäre älter gewesen, hätte für mich an ihrer Stelle zum Beispiel kein Zweifel obwalten können. Jener Wronskiy ist mir stets zuwider gewesen, und demgemäß ist es auch gekommen.“
Lewin vergegenwärtigte sich die Antwort Kitys. Sie hatte gesagt: „nein, es kann nicht sein.“
„Darja Aleksandrowna,“ begann er trockenen Tones, „ichschätze Euer Vertrauen zu mir, aber ich glaube, Ihr irrt. Mag ich indessen recht oder unrecht haben, dieser Stolz, den Ihr so an mir verachtet, bringt es mit sich, daß in mir jeder Gedanke an Katharina Aleksandrowna unmöglich geworden ist, Ihr versteht gewiß, vollständig unmöglich.“
„Ich will hierauf nur das Eine noch bemerken. Ihr versteht wohl, daß ich von meiner Schwester spreche die ich liebe, wie meine eigenen Kinder. Ich sage nicht, daß sie Euch geliebt hätte, ich wollte nur andeuten, daß ihre Abweisung damals gar nichts beweist.“
„Ich weiß das nicht,“ antwortete Lewin aufspringend, „aber wüßtet Ihr nur, wie weh Ihr mir thut! Die Sache ist ebenso, wie wenn Euch ein Kind gestorben wäre, und man zu Euch spräche, so ist es nun dahin, es war so schön, und hätte leben können und Ihr hättet Freude an ihm gehabt — aber es ist tot — tot — tot“ —
„Wie seid Ihr doch seltsam,“ antwortete Darja Aleksandrowna, mit trübem Spott auf Lewins Bewegung blickend. „Ich verstehe jetzt immer mehr und mehr,“ fuhr sie in Gedanken versunken fort. „Ihr kommt also wohl nicht zu uns, wenn Kity hier sein wird?“
„Nein. Ich werde nicht kommen. Natürlich kann ich Katharina Aleksandrowna nicht aus dem Wege gehen, aber, wo ich kann, werde ich mich bemühen, sie von dem Unangenehmen meiner Gegenwart zu entheben.“
„Ihr seid sehr, sehr seltsam,“ wiederholte Darja Aleksandrowna, ihm voll Herzlichkeit ins Gesicht schauend. „Nun gut; thun wir also, als hätten wir nicht hiervon gesprochen. — Weshalb kommst du denn zu mir, Tanja?“ frug Darja Aleksandrowna auf französisch ihr eintretendes Töchterchen.
„Wo ist meine Schaufel, Mama?“ frug dasselbe russisch.
„Ich spreche französisch, also sprich du auch so!“
Das Kind hatte wohl französisch sprechen wollen, aber vergessen, wie Schaufel französisch heiße. Die Mutter half ihr ein und sagte ihr dann in französischer Sprache, wo sie die Schaufel suchen könne.
Auch dies erschien Lewin unangenehm. Alles überhaupt erschien ihm jetzt im Hause Darja Aleksandrownas nicht mehr so freundlich, als vorher.
„Zu welchem Zwecke spricht sie mit den Kindern französisch?“ dachte er bei sich, „wie unnatürlich und falsch ist das.“ Sogar die Kinder fühlen es; sie erlernen das Französische und verlernen die Wahrheit,“ so dachte er bei sich, ohne zu ahnen, daß Darja Aleksandrowna ganz das Nämliche wohl schon zwanzigmal gedacht, aber es gleichwohl, wenn auch der Wahrheit zum Schaden, für unbedingt nötig befunden hatte, ihre Kinder auf diese Weise zu erziehen.
„Aber wo wollt Ihr schon hin? Bleibt doch noch ein wenig.“
Lewin blieb noch bis zum Thee, aber seine heitere Stimmung war ganz dahin und es wurde ihm unbehaglich. Nach dem Thee begab er sich in das Vorzimmer, um Befehl zum Vorfahren zu geben; als er zurückkehrte, fand er Darja Aleksandrowna in hoher Erregung, mit verzweifelten Mienen, und Thränen in den Augen. Während er aus dem Salon gegangen war, hatte sich etwas ereignet, was plötzlich all ihre Glückseligkeit vom heutigen Tage, all ihren Stolz über ihre Kinder zu nichte machte — Grischa und Tanja hatten eine Rauferei miteinander gehabt.
Darja Aleksandrowna, das Geschrei in der Kinderstube vernehmend, lief hinaus und traf beide in einer entsetzlichen Verfassung.
Tanja hatte Grischa an den Haaren gepackt, während dieser mit wutverzerrtem Gesichte jene mit den Fäusten schlug, wohin er traf. Es schnitt Darja Aleksandrowna durchs Herz, als sie diese Scene gewahrte, gleichsam eine finstere Macht schien sich über ihr Leben zu bewegen. Sie erkannte, daß dieselben Kinder, auf die sie so stolz gewesen, nicht nur die allergewöhnlichsten waren, sondern sogar schlechte, übelerzogene Kinder mit rohen, brutalen Anlagen — ungezogene Rangen. —
Sie vermochte jetzt von nichts weiter mehr zu reden, an nichts mehr zu denken, konnte auch Lewin nicht ihr Unglück erzählen.
Lewin gewahrte, daß sie unglücklich war und bemühte sich, sie zu trösten, indem er sagte, daß ein solcher Vorfall noch nichts Schlechtes bedeute und alle Kinder doch miteinander rauften. Bei sich selbst aber dachte er, „ich würde niemals mit meinen Kindern französisch sprechen und dürfte auch derartigeKinder gar nicht haben. Die Kinder dürfen nur nicht mit Geflissentlichkeit verdorben und verbildet werden, dann bleiben sie vorzüglich. Und ich werde solche verbildete Kinder nie haben.“
Er verabschiedete sich und fuhr davon; sie hielt ihn jetzt nicht mehr zurück.
In der Mitte des Juli erschien bei Lewin der Starost eines Gutes seiner Schwester, welches einige zwanzig Werst von Pokrowskoje entfernt lag, mit einem Geschäftsbericht und Erntebericht. Der Hauptteil der Einkünfte aus diesem Gute floß aus den trainierten Wiesen. In den früheren Jahren waren diese den Bauern um zwanzig Rubel die Desjatine abgegeben worden, als aber Lewin die Ökonomie in seine Verwaltung genommen hatte, fand er nach der Besichtigung der Wiesen, daß diese mehr wert seien und setzte ihren Preis jetzt auf fünfundzwanzig Rubel die Desjatine fest.
Die Bauern zahlten indessen diesen Preis nicht, und vertrieben sogar, wie Lewin schon geargwohnt hatte, andere Aufkäufer. Nun fuhr Lewin selbst nach dem Orte und traf hier die Bestimmung, daß die Wiesen zu einem Teil in Pacht, zum andern Teil im Einzelnen vergeben werden sollten.
Seine Bauern suchten diese Neuerung mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln zu verhindern, aber sie wurde durchgeführt und im ersten Jahre schon ergab sich ein Ertrag von fast doppelter Höhe. Im vorletzten und dem vergangenen Jahre hatte sich der nämliche Widerstand der Bauern gezeigt und die Abernte ging in derselben Weise vor sich. Im laufenden Jahre hatten die Bauern nur den dritten Teil der Wiesen erhalten und der Starost war nun erschienen um zu berichten, daß die Wiesen gemäht seien und er, Regen fürchtend, den Kontoristen gebeten habe, zu ihm zu kommen. In dessen Gegenwart hätte er hierauf schon elf herrschaftliche Heufeime abgeteilt und aufgebaut.
An den unbestimmten Antworten, welche Lewin auf seine Fragen, wie viel Heu auf der größten Wiese gewesen sei, erhielt, und der Hast, mit welcher der Starost das Heu geteilt hatte, ohne vorher anzufragen, sowie an dem Tone des Bauernmerkte er, daß hier etwas nicht richtig sei, und beschloß, sich selbst in der Angelegenheit Gewißheit zu holen.
Als Lewin zu Mittag im Dorfe angekommen war, stellte er sein Pferd bei einen ihm bekannten alten Bauern ein, dem Manne der Amme seines Bruders und begab sich zu dem Alten in den Bienengarten, um von ihm genauere Einzelheiten über die Heuernte zu erfahren.
Der redselige und wohlgebildete Alte Parmenitsch empfing Lewin erfreut, er zeigte ihm seine ganze Wirtschaft, erzählte ihm ausführlich von seinen Bienen und dem Schwärmen im laufenden Jahre, doch zu den Fragen betreffs der Heuernte äußerte er sich unbestimmt und ungern.
Dies bestärkte Lewin nun noch mehr in seinen Vermutungen: er begab sich zu den Wiesen hinaus und besichtigte die Schober. Dieselben konnten durchaus nicht je fünfzig Lasten Heu enthalten, und Lewin ließ daher, um die Bauern zu überführen, sogleich die Gespanne, welche das Heu gefahren hatten, aufbieten, einen Schober aufladen und ihn nach der Scheune bringen. Der Schober ergab nur zweiunddreißig Lasten.
Ungeachtet der Versicherungen des Starosten nun, daß das Heu gequollen gewesen und es nun in den Schobern eingefallen sei, ungeachtet seines Schwures, daß alles mit rechten Dingen zugegangen sei, bestand Lewin auf seiner Überzeugung, daß man das Heu ohne seine Anweisung geteilt habe, und er es daher nicht für fünfzig Lasten den Schober annehmen könne. Nach langem Streiten wurde die Sache dahin entschieden, daß die Bauern selbst die elf Schober zu je fünfzig Lasten berechnet annehmen mußten. Die Verhandlungen und die Verteilung hatten sich bis zur Vesperzeit hingezogen, und als das letzte Heu verteilt war, setzte sich Lewin, die weitere Beaufsichtigung dem Kontoristen überlassend, auf einem Heuhaufen, der durch eine Rute gezeichnet war, nieder und blickte in zufriedener Stimmung auf die von dem Volke belebte Wiese.
Vor ihm, in der Niederung des Flusses hinter einer kleinen sumpfigen Fläche bewegte sich eine bunte Reihe von Weibern, und aus dem zerstreut herumliegenden Heu bildeten sich schnell auf dem hellgrünen Grummet graue gewundene Wälle.Nach den Weibern kamen Bauern mit Heugabeln, und aus den Wällen erwuchsen breite, hohe und schwellende Feime. Links, auf der gemähten Seite der Wiese, knarrten die Wagen, ein Schober nach dem andern verschwand, mit den großen Gabeln in mächtigen Bündeln hinaufgereicht; über ihren Platz schwankten nun die schweren Fuhrwerke mit ihrer duftenden Last, die bis auf die Hinterteile der Pferde herniederhing.
„Das war das rechte Wetterchen zur Ernte, das Heu wird gut,“ sagte der Alte, welcher sich neben Lewin gesetzt hatte. „Na, das nenne ich Heumachen. Gerade als wenn man jungen Enten Körner streut, so laden die auf!“ er wies auf die Feime hinüber, die aufgegabelt wurden. „Seit Mittag haben sie schon die gute Hälfte fortgebracht. — Ist das die letzte?“ rief er einem jungen Manne zu, welcher auf dem Vorderteil des Wagenkastens stand und die hanfenen Zügel schüttelnd, vorüberfuhr.
„Die letzte, Väterchen!“ schrie der Bursche, das Pferd anhaltend und lächelnd auf ein heiteres gleichfalls lachendes, rotbäckiges Weib, welches in der Wagenkelle saß, blickend, und fuhr dann weiter.
„Wer ist das, dein Sohn?“ frug Lewin.
„Mein jüngster,“ antwortete der Alte mit wohlgefälligem Lächeln.
„Ein tüchtiger Bursch.“
„O, nicht doch.“
„Schon verheiratet?“
„Seit drei Jahren, mit einer von den Philippoff.“
„Kinder da?“
„Was, Kinder! Ein ganzes Jahr hat er gar nichts verstanden, wir haben ihn aber beschämt;“ antwortete der Alte. „Doch wie gesagt, das Heu ist vortrefflich,“ wiederholte er, im Wunsche, das Thema zu wechseln.
Lewin betrachtete aufmerksamer Wanka Parmenoff und sein Weib. Sie luden jetzt unweit von ihm einen Haufen auf. Iwan Parmenoff stand auf dem Wagen und nahm die mächtigen Heubündel entgegen, welche ihm sein junges hübsches Weib anfangs mit den Armen fassend, später mit der Gabel gewandt reichte, breitete sie gleichmäßig aus und trat sie fest.
Das junge Weib arbeitete leicht, lustig und flink. Das kurze, umherliegende Heu ließ sich nicht mit einemmale auf die Zinken aufnehmen, sie arbeitete es daher erst zurecht, stemmte dann die Gabel hinein, legte sich mit elastischer und hurtiger Bewegung mit der ganzen Schwere ihres Körpers darauf, und richtete sich dann, den mit dem roten Gürtel umspannten Rücken wieder gerade biegend auf, den üppigen Busen dabei unter dem weißen Vorhemd hervortreten lassend, und warf es, in gewandtem Griffe mit den Händen die Gabel umfassend, hoch hinauf auf den Wagen. Iwan, augenscheinlich bemüht, sie von jeder Minute überflüssiger Arbeit zu erlösen, fing jedes Bündel, die Arme weit ausbreitend auf und legte es auf dem Wagen zurecht. Nachdem das junge Weib das letzte Heu mit dem Rechen hinaufgegeben hatte, schüttelte es den Heusamen ab, der ihr auf dem Halse lag, ordnete das verschobene rote Tuch um die weiße, nicht von der Sonne verbrannte Stirn und kroch dann unter den Wagen, um die Ladung zu binden. Iwan wies ihr, wie gekettet werden müsse und lachte dann laut über etwas, was ihm von ihr dabei gesagt worden war. Im Ausdruck der beiden Gesichter war die starke, junge, erst unlängst erwachte Liebe sichtbar.
Die Ladung war gebunden. Iwan sprang vom Wagen herab und führte das hübsche, wohlgefütterte Pferd am Zügel. Sein Weib warf den Rechen auf den Wagen und begab sich munteren Schrittes, mit den Armen winkend, zu den anderen Weibern, die sich zu einem Trupp gesammelt hatten. Iwan, auf den Weg fahrend, schloß sich dem Transport mit den übrigen Fuhrwerken an. Die Weiber, die Rechen auf den Schultern, in grellfarbigen Blumen prangend, folgten unter schallendem heiteren Geschwätz den Wagen nach. Eine rauhe, wildklingende Weiberstimme begann ein Lied und sang dasselbe bis zum Refrain; dann plötzlich nahmen ein halbes hundert verschiedener, rauher, zarter und kräftiger Stimmen den nämlichen Gesang von vorn an wieder auf.
Die singenden Weiber näherten sich Lewin und diesem schien es, als nähere sich eine Wolke mit dem Donner der Lust.Die Wolke kam heran, sie umfing ihn, den Heuhaufen auf dem er lag und die anderen Heuhaufen, die Wagen, die Wiese mit dem Felde in der Ferne, alles bewegte sich und lebte unter dem Takte dieses ungebundenen Gesanges mit seinen Schreien, Pfiffen und Rufen. Lewin beneidete diese Leute um ihre gesunde Fröhlichkeit, er wünschte teilzunehmen an dieser Äußerung von Lebensfreude, aber er vermochte nichts zu thun, sondern mußte ruhig liegen bleiben, hatte nur zu sehen und zu hören.
Nachdem sich das Landvolk aus seiner Seh- und Hörweite verloren hatte, ergriff ihn ein schweres Gefühl der Trauer über seine Einsamkeit, seinen körperlichen Müßiggang, seine Feindschaft gegenüber der Welt.
Gerade einige derjenigen Bauern, welche vor allen mit ihm über das Heu gestritten hatten, die er verletzt hatte, oder die ihn hatten betrügen wollen, gerade diese Bauern hatten ihn freundlich gegrüßt; sie hegten augenscheinlich nicht den geringsten Groll mehr gegen ihn und mochten wohl auch keinen mehr hegen, ebensowenig wie Reue oder die Erinnerung daran, daß sie beabsichtigt hatten, ihn zu hintergehen.
Alles das war jetzt untergegangen in dem Meere der Lust an gemeinsamer Arbeit. Gott gab ihnen den Tag, er gab ihnen die Kraft. Der Tag und die Kraft war bei ihnen der Arbeit geweiht und in dieser fanden sie ihre Belohnung. Doch für wen war ihre Mühe? Welche Früchte ihrer Thätigkeit genossen sie? — Nun, das waren ihnen überflüssige und wertlose Grübeleien.
Lewin hatte oft schon dieses Leben angenehm gefunden, oft ein Gefühl des Neides gehabt gegen die Menschen, die dasselbe lebten, heute aber kam Lewin zum erstenmal und besonders unter dem Eindruck dessen, was er in dem Verhältnis Iwan Parmenoffs zu dessen junger Frau gesehen hatte, klar der Gedanke, daß es doch ganz von ihm abhänge, dieses so lästige, müßige, gekünstelte Einzeldasein das er lebte — in ein ebenso arbeitsvolles, reines, umgängliches und anziehendes Leben zu verwandeln.
Der Alte, der neben ihm gesessen hatte, war schon längst heimgegangen; das Landvolk hatte sich zerteilt. Die in der Nähe gewesenen waren heimgekehrt, die in der Ferne befindlichenhatten sich zum Abendbrot und Nachtlager auf der Wiese zusammengefunden.
Lewin, der von niemand bemerkt wurde, blieb auf seinem Heuhaufen liegen; er schaute und lauschte und sann. Das Landvolk, welches zu übernachten in der Flur verblieb, schlief fast gar nicht die kurze Sommernacht hindurch. Anfangs vernahm man das heitere Gespräch und Lachen aller beim Essen, dann wieder Lieder und Scherzen. Dieser ganze lange Tag voller Plage hatte in ihnen keine andere Spur zurückgelassen, als Frohsinn. Beim Aufdämmern des Morgenrots war alles still geworden. Man vernahm nur noch die Nachtmusik der unermüdlichen Frösche im Sumpfe und die Pferde, die in dem Nebel der sich vor dem tagenden Morgen erhob, auf den Wiesen schnaubten.
Zum Bewußtsein kommend, erhob sich Lewin von dem Heuhaufen; er schaute nach den Sternen und erkannte, daß die Nacht vorüber sei.
„Aber was soll ich thun, und wie soll ich handeln?“ frug er sich selbst und versuchte, für sich selbst alles das zum Ausdruck zu gestalten, was er erwogen, was er durchempfunden hatte in dieser kurzen Nacht. Alles was er erwogen und durchdacht hatte, gruppierte sich in drei Gedankenreihen, die voneinander gesondert waren.
Die eine war die Entsagung die er seinem früheren Leben zu teil werden lassen wollte, seiner Bildung, die ihm nichts nützte. Diese Entsagung gewährte ihm eine Befriedigung und erschien ihm leicht und einfach. Die zweite Art seiner Ideen und Vorstellungen betraf jenes Leben, welches er jetzt zu leben wünschte. Die Einfachheit, Reinheit, Regelmäßigkeit dieses Lebens fühlte er klar in sich, und er war überzeugt, daß er darin jene Genugthuung finden werde, jene Ruhe und Würde, deren Mangel er so schmerzlich empfand.
Die dritte Reihe seiner Gedanken aber drehte sich um die Frage, wie er diesen Übergang aus dem alten Leben zu dem neuen bewerkstelligen wollte. Hier zeigte sich ihm kein klarer Weg. Sollte er sich ein Weib nehmen? Arbeiten übernehmen, eine bestimmte Verpflichtung zur Arbeit? Pokrowskoje verlassen? Land ankaufen? Vielleicht eine Bäuerin heiraten?Wie sollte er das thun, frug er sich wiederum, ohne eine Antwort zu finden.
„Doch ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen und kann mir keine klare Rechenschaft geben,“ sprach er zu sich, „ich werde es aber später schon klar stellen. Eines ist sicher, daß diese Nacht entschieden hat über mein Geschick. Alle meine früheren Ideen über Familienleben waren thöricht, es ist alles bei weitem einfacher und besser,“ sagte er zu sich. „Wie herrlich,“ dachte er, eine seltsame, über seinem Haupte stehende, fast perlmutterartig schimmernde Muschel aus weißen Schafwölkchen erblickend gerade inmitten des Himmels. „Wie ist doch alles so herrlich in dieser herrlichen Nacht; und wann hat sich diese Wolke doch gebildet? Kurz zuvor blickte ich erst zum Himmel hinauf und nichts war an ihm zu erblicken — als zwei weiße Streifen. Ja, ganz ebenso unmerklich haben sich auch meine Anschauungen vom Leben gewandelt.“
Er verließ die Wiese und begab sich auf der Landstraße hin dem Dorfe zu. Ein leichter Wind hatte sich erhoben, die Luft wurde grau und trübe; eine trübe Minute, wie sie gewöhnlich der Morgendämmerung vorausgeht, bis sich das Licht von der Finsternis scheidet, war heraufgekommen. Vor Kälte schauernd, schritt Lewin rüstig aus, den Blick zu Boden gerichtet.
„Was war das? Da fährt jemand?“ dachte er, als Schellengeläute an sein Ohr drang. Er erhob den Kopf. Vierzig Schritt vor ihm auf der Landstraße, auf welcher er dahinging, kam ihm eine vierspännige Kutsche entgegen. Die Deichselpferde drängten von dem Geleis ab auf die Deichsel, aber der gewandte Jamschtschik, seitwärts auf seinem Bocke sitzend, hielt die Deichsel auf dem Geleis, so daß die Räder auf ebenem Boden rollten.
Lewin hatte den Wagen kaum bemerkt; er schaute, ohne daran zu denken, wer wohl in ihm fahren könnte, zerstreuten Blickes nach demselben hin.
In dem Wagen saß in die Ecke gedrückt, träumend eine ältere Frau, und an dem Fenster, offenbar soeben aus einem Schlummer erwacht, ein junges Mädchen, welches mit beiden Händen die Bänder ihres weißen Häubchens festhielt. Klar aber gedankenvoll, ganz erfüllt von jenem herrlichen, Lewinfremden, tiefen inneren Seelenleben, blickte sie über ihn hinweg auf das Morgenrot der kommenden Sonne.
Im Augenblick, da die Erscheinung schon entschwand, hatten ihre offenen Augen ihn gesehen. Sie erkannte ihn und Staunen und Freude erleuchteten ihre Züge.
Er konnte sich nicht irren. Es gab nur ein einziges solches Augenpaar in der Welt. Es gab nur ein einziges Wesen auf der Welt, welches fähig war, die ganze Welt und den Gedanken des Daseins für ihn in sich zu vereinigen — und das war sie — es war Kity. Er erkannte, daß sie nach Jerguschowo fuhr, von der Eisenbahnstation kommend.
Alles das, was in dieser schlaflosen Nacht Lewins Seele bewegt hatte, alle jene Entschlüsse, die von ihm gefaßt worden waren, verschwanden im Nu. Mit Ekel dachte er an seinen Plan, eine Bäuerin zu heiraten. Dort allein, dort in jenem sich schnell entfernenden, auf die andere Seite des Weges hinüberbiegenden Wagen barg sich eine Möglichkeit für die Entscheidung des Rätsels, welches in der letzten Zeit sein Leben so qualvoll belastet hatte.
Sie blickte nicht mehr aus dem Wagen. Das Geräusch der Wagenfedern war verklungen, kaum die Schellen waren noch hörbar. Das Gebell von Hunden zeigte an, daß der Wagen durch das Dorf fuhr, rings um ihn blieb nur die öde Flur, das Dorf vor ihm, und er selbst einsam und allem entfremdet, einsam dahinschreitend auf der verlassenen Landstraße.
Er blickte zum Himmel empor in der Hoffnung, dort noch jene Muschelwolke zu entdecken, die er so schön gefunden, die für ihn ein Bild des ganzen Ganges seiner Gedanken und Gefühle in dieser Nacht gewesen war. An dem Himmel gewahrte er nichts mehr, was jener Muschelwolke ähnlich gewesen wäre, dort, in unerreichbarer Höhe, hatte sich bereits eine geheimnisvolle Wandlung vollzogen. Es war keine Spur der Wolke mehr vorhanden, sondern ein gleichmäßiger sich über eine ganze Hälfte des Himmels ausbreitender Teppich von flockigen Wölkchen, die sich mehr und mehr verkleinerten.
Der Himmel begann sich zu bläuen und zu schimmern; er schien mit Zärtlichkeit und doch auch voll Unerreichbarkeit seinem fragenden Blicke zu antworten.
„Nein,“ sprach Lewin zu sich selbst, „so schön dieses einfache Arbeitsleben auch wäre, ich kann mich ihm nicht ergeben. Ich liebe ja sie.“
Niemand als nur diejenigen Personen, welche Aleksey Aleksandrowitsch am nächsten standen, wußte, daß dieser, dem Anscheine nach so kalte, nüchtern denkende Mensch eine Schwäche besaß, die seiner gesamten Charakteranlage widersprach. Aleksey Aleksandrowitsch konnte nicht gleichgültig Weiber oder Kinder weinen sehen und hören. Der Anblick von Thränen versetzte ihn in einen Zustand von Ratlosigkeit, in welchem er die Fähigkeit zu überlegen, vollkommen verlor.
Sein Kanzleivorsteher und der Geschäftsführer wußten dies und instruierten stets im voraus die Bittstellerinnen, sie möchten bei Leibe nicht weinen, wenn sie nicht alles verderben wollten.
„Er wird dann ärgerlich und hört Euch nicht mehr an,“ sprachen sie. Und in der That kam jene seelische Erregung bei derartigen Fällen, die durch die Thränen bei Aleksey Aleksandrowitsch hervorgerufen wurde, durch einen ungeduldigen Zorn zum Ausdruck. „Ich kann nichts thun; bitte geht hinaus!“ pflegte er in solchen Fällen gewöhnlich zu rufen.
Als Anna bei der Rückkehr von den Rennen ihm Mitteilung über ihre Beziehungen zu Wronskiy gemacht hatte, und ihr Gesicht dann sofort mit den Händen bedeckend, in Thränen ausbrach, fühlte Aleksey Aleksandrowitsch, ungeachtet der in ihm wachgerufenen Erbitterung gegen sie, gleichzeitig eine Anwandlung jener inneren Ratlosigkeit, wie sie eben stets Thränen bei ihm hervorriefen. Da er dies fühlte, und wußte, daß der Ausdruck seiner Empfindungen im gegenwärtigen Augenblick der herrschenden Situation nicht entsprochen haben würde, bemühte er sich, jede Äußerung von Leben in sich zu unterdrücken, und infolge dessen rührte er sich weder, noch blickte er sein Weib an.
Hierdurch eben erschien auf seinen Zügen jener seltsame Ausdruck des Totenhaften, der Anna so betroffen machte.
Nachdem sie am Hause angelangt waren, hob er sie aus dem Wagen und reichte ihr, sich selbst bezwingend, in seinergewöhnlichen Höflichkeit die Hand zum Abschied, dabei einige Worte sprechend, welche ihn selbst zu nichts verpflichteten; er sagte nur, er würde ihr am nächsten Tage seinen Entschluß mitteilen.
Die Worte seiner Gattin, die seine eigenen schlimmen Vermutungen bestätigt hatten, erweckten einen heftigen Schmerz in der Brust Aleksey Aleksandrowitschs und dieser Schmerz wurde noch erhöht durch jenes seltsame Gefühl von physischem Mitleid mit ihr, wie es durch ihre Thränen in ihm hervorgerufen worden war.
Als er indessen allein in dem Coupé saß, fühlte er plötzlich zu seiner Verwunderung und seiner Freude eine völlige Erlösung sowohl von jener Empfindung von Mitleid, als von jenen Zweifeln und Leiden der Eifersucht, die ihn in letzter Zeit gefoltert hatten.
Er hatte jetzt die Empfindung eines Menschen, der einen seit langem schmerzenden Zahn hat ausreißen lassen. Nach einem furchtbaren Schmerz, nach der Empfindung eines ungeheuren Etwas, das, größer als der Kopf selbst, aus dem Kiefer herausgezogen wird, fühlt der Kranke plötzlich, seinem Glücke noch nicht trauend, daß nun das nicht mehr vorhanden ist, was ihm so lange das Leben verbittert hat, was all seine Denkkraft an sich schmiedete, und daß er nun wieder leben kann, wieder denken und nicht von seinem Zahn ausschließlich in Anspruch genommen sein wird.
Dieses Gefühl hatte Aleksey Aleksandrowitsch. Der Schmerz war seltsam und furchtbar, aber jetzt war er vorbei; er fühlte, daß er wieder leben könne, und nicht nur mehr allein an seine Frau zu denken brauche.
„Ohne Ehre, ohne Herz, ohne Religion, ein verdorbenes Weib! Ich habe dies stets gewußt und stets gesehen, obwohl ich mich bemühte, mich im Mitleid mit ihr darüber selbst zu täuschen,“ sprach er zu sich, und in der That dünkte es ihm jetzt, als ob er dies stets schon gesehen hätte. Er vergegenwärtigte sich manche Einzelheiten ihres früheren Zusammenlebens, die ihm ehedem in keiner Beziehung als schlecht erschienen waren. Jetzt zeigten sie ihm klar, daß Anna stets eine Verworfene gewesen sei. „Ich habe einen Fehler damit gemacht, mein Leben an das ihre zu fesseln, aber in meinemIrrtum liegt nichts Böses. Ich kann daher auch nicht unglücklich sein. Ich trage die Schuld nicht,“ sagte er zu sich, „nur sie. Aber mit ihr habe ich nichts mehr zu thun; sie existiert für mich nicht mehr.“
Alles, was sie und ihr Kind anging, für welches sich seine Empfindungen im gleichen Maße verändert hatten, wie für sie selbst, hatte aufgehört, ihn zu interessieren.
Nur Eines war es, was ihn jetzt noch beschäftigte; das war die Frage darnach, wie er sich auf die beste, taktvollste und ihm selbst vorteilhafteste — infolge dessen also auch richtigste — Weise von diesem Unrat losmachen, mit dem sie ihn besudelt hatte durch ihren Fall, und dann die Laufbahn seines rastlos fleißigen, ehrenhaften und nutzbringenden Lebens fortsetzen könne.
„Ich kann dadurch nicht unglücklich werden, daß ein der Verachtung würdiges Weib ein Verbrechen beging, ich habe nur den besten Ausweg aus der schwierigen Lage zu finden, in welche sie mich gebracht hat. Und ich werde diesen Ausweg finden,“ sagte er zu sich selbst, sich mehr und mehr verfinsternd. „Ich bin weder der Erste noch der Letzte, dem es so geht.“ Und abgesehen von den Beispielen aus der Geschichte, angefangen von der erst unlängst im Theater wieder in aller Gedächtnis aufgefrischten „schönen Helena“, tauchte eine ganze Reihe zeitgenössischer Fälle von Untreue der Frauen gegen ihre Männer aus den höchsten Kreisen in seiner Erinnerung auf: „Darjeloff, Poltawskiy, der Fürst Karibanoff, Graf Paskudin, Dram — ja Dram, — ein so ehrenhafter, fleißiger Mensch; ferner Semjonoff, Tschagin, Sigonin,“ zählte Aleksey Aleksandrowitsch weiter auf. „Zugegeben auch, daß durch Unverstand ein Schein von Lächerlichkeit auf diese Männer fallen kann, so habe ich selbst doch darin nie etwas anderes als ein Unglück gesehen, und stets ein Mitgefühl dafür gehabt,“ sprach Aleksey Aleksandrowitsch zu sich selbst, obwohl auch das nicht ganz richtig war, da er niemals Sympathie für derartige Unglücksfälle gefühlt, sondern sich vielmehr um so höher geschätzt hatte, je zahlreicher die Fälle der Untreue von Frauen, die ihre Männer verrieten, wurden. „Das ist ein Unglück, welches jedermann heimsuchen kann, und auch mich hat es heimgesucht.Es handelt sich nun nur darum, wie man auf die beste Art diese Situation erträgt.“
Er ließ nun alle Einzelheiten der Handlungsweise Revue passieren, welche seine Leidensgefährten in der gleichen Lage gewählt hatten.
„Darjaloff hatte sich geschlagen“ — —
Das Duell hatte besonders in der Jugendzeit Aleksey Aleksandrowitsch viel beschäftigt; hauptsächlich deshalb, weil er ein physisch schwächlicher Mensch war und dies recht wohl wußte. Aleksey Aleksandrowitsch vermochte nicht ohne Schrecken an ein Pistol zu denken, welches auf ihn gerichtet sein könnte und er hatte noch nie in seinem Leben eine Flinte gebraucht. Diese Furcht hatte ihn von Jugend auf häufig an das Duell denken und Verhütungsmaßregeln für jede Eventualität treffen lassen, in welcher es erforderlich werden könnte, daß er sein Leben einer Gefahr aussetzte.
Nachdem er Erfolg und eine gesicherte Stellung im Leben erlangt, vergaß er diese Furcht, aber die Gewohnheit, sie zu hegen, machte ihre Rechte geltend, und die Besorgnis vor seiner Schwäche zeigte sich auch jetzt so mächtig, daß Aleksey Aleksandrowitsch lange und vielseitig erwog, und in Gedanken mit der Duellfrage kokettierte, obwohl er von vornherein wußte, daß er sich in keinem Falle schlagen würde.
Ohne Zweifel ist unsere gute Gesellschaft noch so uncivilisiert — nicht so wie in England — daß sehr viele, und in der Zahl dieser Vielen befanden sich auch Leute, deren Meinung Aleksey Aleksandrowitsch besonders hoch schätzte, das Duell von der günstigen Seite betrachten. Aber welches Resultat wird dabei erreicht? „Gesetzt, ich forderte jemand zum Zweikampf,“ fuhr Aleksey Aleksandrowitsch für sich selbst fort, und erschrak, sich im Geiste die Nacht vorstellend, welche er nach einer Forderung verbringen würde, sowie das auf ihn gerichtete Pistol. Er sah ein, daß er dies nie thun würde. „Gesetzt, ich forderte ihn zum Zweikampf; man instruiert mich,“ fuhr er fort, sich auszumalen, „man postiert mich, ich drücke ab,“ sprach er zu sich und drückte dabei die Augen zu, „und es zeigt sich, daß ich ihn erschossen habe“ — er schüttelte den Kopf, um diese ungereimten Ideen von sich zu weisen — „was für Sinn hat doch der Mord eines Menschen, zu demZwecke begangen, meine Beziehungen zu einem verbrecherischen Weibe und dessen Kinde zu bestimmen? Muß ich nicht ganz ebenso einen Entschluß fassen über das, was ich mit ihr zu beginnen habe? Aber was noch wahrscheinlicher, ja, unzweifelhaft sicherer ist, — ich selbst sollte getötet oder verwundet werden? Ich, der Unschuldige, bin das Opfer — verwundet oder tot! Das hätte noch weniger Sinn! Und nicht genug hiermit; die Herausforderung zum Zweikampf meinerseits würde nicht als ehrenhafte That erscheinen. Weiß ich nicht im voraus schon, daß meine Freunde mich niemals ein Duell eingehen lassen würden? Sie werden nimmermehr zulassen, daß das Leben eines Staatsbeamten, den Rußland braucht, einer Gefährdung ausgesetzt wird. Was aber folgt daraus? Es wird sich ergeben, als hätte ich mir, vorauswissend, daß die Sache nie eine ernste Wendung für mich nehmen könne, mit dieser Forderung nur einen falschen Nimbus verleihen wollen. Dies wäre unehrenhaft und falsch, ein Betrug Dritter, wie meiner selbst. Ein Duell erscheint demnach undenkbar, und niemand erwartet ein solches von mir. Meine Aufgabe kann somit nur darin bestehen, auf meinen Ruf bedacht zu sein, der mir für die ungehinderte Fortsetzung meiner Wirksamkeit nötig ist.“
Die dienstliche Thätigkeit die schon früher in den Augen Aleksey Aleksandrowitschs große Bedeutung besessen hatte, erschien ihm jetzt von ganz besonderer Wichtigkeit.
Nach dieser Verurteilung und Verwerfung des Duells wandte sich Aleksey Aleksandrowitsch zur Ehescheidung, dem zweiten Ausweg, der von einigen jener Männer, deren er sich erinnert hatte, gewählt worden war. Obwohl er in seiner Erinnerung alle bekannten Fälle von Ehescheidung — es gab deren eine sehr große Zahl in der allerhöchsten, ihm wohlbekannten Gesellschaft — an sich vorüberziehen ließ, fand Aleksey Aleksandrowitsch doch keinen einzigen, in welchem das Ergebnis der Scheidungsklage das gleiche gewesen wäre, welches er im Auge hatte.
In allen jenen Fällen war der Gatte zurückgetreten oder hatte die untreue Frau aufgegeben und diejenige Partei, welche wegen ihrer Schuld nicht das Recht besaß, einen neuen Ehebund zu schließen, war dann in nur scheinbare, vermeintlichgesetzliche Beziehungen mit dem vermeintlichen Gatten getreten. In seinem Falle jedoch sah Aleksey Aleksandrowitsch, daß die Erlangung einer gesetzlichen, das heißt derartigen Scheidung, daß die schuldige Frau getrennt wurde, unmöglich sein werde.
Er sah recht wohl, daß die schwierige Lebensstellung, in welcher er sich befand, nicht die Möglichkeit jener rücksichtslos rohen Beweisführungen, die das Gesetz für die Überführung des Verbrechens dem Weibe gegenüber verlangte, zuließ; er sah recht wohl, daß der bekannte feine Geschmack seiner Kreise nicht einmal die Abwägung dieser Beweise, für den Fall überhaupt, daß sie vorhanden gewesen wären, gestattet hätte, daß die Vergleichung solcher Beweise ihn selbst in der Meinung der Gesellschaft mehr herabgesetzt haben würde, als sie.
Ein Versuch zur Ehescheidung konnte somit nur zu einem Skandalprozeß führen, der seinen Feinden wie gefunden gekommen wäre, nur zur Verleumdung und zur Erniedrigung seiner hohen Stellung in der Welt. Sein hauptsächlichstes Bestreben, ein Arrangement in seiner Situation unter möglichst geringen Blößen, ließ sich überhaupt durch die Ehescheidung nicht zur Ausführung bringen. Wurde es doch überdies bei einer solchen, selbst schon bei einem Versuch dazu, augenscheinlich, daß sein Weib alle Beziehungen zu dem Ehegatten abbrechen und sich mit ihrem Galan vereinigen würde.
In der Seele Aleksey Aleksandrowitschs blieb aber, ungeachtet der, wie ihm schien, jetzt vollständig gewordenen Verachtung und Gleichgültigkeit seiner Frau gegenüber, doch ein Gefühl zu ihr rege — das des Wunsches, sie möchte nicht ungehindert zu der Vereinigung mit Wronskiy gelangen, damit ihr Verbrechen ihr keinen Gewinn brächte.
Allein schon der Gedanke an diese Möglichkeit brachte Aleksey Aleksandrowitsch derartig in Erbitterung, daß er bei der bloßen Vorstellung, von einem innerlichen Schmerz gepeinigt, stöhnte, sich erhob, und seinen Platz im Wagen änderte, und erst lange darauf seine kalt gewordenen, hageren Füße finsteren Angesichts wieder in das Plaid wickelte.
„Abgesehen aber von der formalen Trennung, konnte man auch handeln, wie Karibanoff gehandelt hatte, Paskudin und der brave Dram, das heißt, sich einfach von seinem Weibe trennen;“ spann er seine Gedanken weiter und beruhigte sichdabei; allein auch dieses Verfahren zeigte die nämlichen Unzulänglichkeiten wegen der drohenden Schande, wie eine Scheidung, und, was die Hauptsache war, er trieb damit sein Weib ganz ebenso wie bei einer solchen, geradezu in die Arme Wronskiys.
„Nein, dies ist unmöglich, unmöglich,“ sprach er laut zu sich, von neuem sich mit seinem Plaid beschäftigend, um sich hineinzuwickeln, „ich kann nicht unglücklich sein, aber sie und er, sie sollen auch nicht glücklich werden!“
Das Gefühl der Eifersucht, welches ihn schon zur Zeit, in welcher er noch in Ungewißheit geschwebt, gepeinigt hatte, war verschwunden im Moment, als ihm der schmerzende Zahn durch die Worte seiner Frau ausgezogen worden war, aber dieses Gefühl hatte einem anderen Platz gemacht, dem Wunsche, daß sie nicht nur nicht triumphieren, sondern auch die Ahndung ihres Verbrechens erfahren sollte. Er wurde sich über diese Empfindung nicht klar, aber auf dem Grunde seines Herzens ersehnte er, daß sie für die Vernichtung seiner Ruhe und Ehre leide, und als er dann von neuem die Maßregeln des Duells, der Ehescheidung, der Trennung musterte, und sie wiederum alle von sich gewiesen hatte, überzeugte er sich, daß es nur noch einen einzigen Ausweg gebe, den, sie bei sich zu behalten, das Vorgefallene vor der Welt zu verbergen und alles zu thun, um jenes Verhältnis abzubrechen, und sie ganz besonders, wenn er sich dies auch nicht zugestand, zu bestrafen.