Sergey Iwanowitsch Kosnyscheff wollte sich von der geistigen Arbeit erholen und ging — anstatt wie üblich ins Ausland — Ende Mai auf das Land zu seinem Bruder.
Seiner Überzeugung nach war das schönste Leben das Landleben, und er kam jetzt zu seinem Bruder, um dieses Leben zu genießen.
Konstantin Lewin war hocherfreut, umsomehr, als er den Bruder Nikolay für dieses Jahr nicht mehr erwartete, aber ungeachtet aller Liebe und Achtung, für Sergey Iwanowitsch, war es ihm nicht recht behaglich in Gesellschaft des Bruders auf dem Lande. Es war ihm peinlich, sogar unangenehm, die Auffassung seines Bruders vom Landleben zu beobachten. Für Konstantin Lewin war das Dorf der Ort seines Lebens, das heißt seiner Freuden und Leiden und seiner Mühen; für Sergey Iwanowitsch war das Dorf einerseits ein Erholungsort von der Arbeit, andererseits ein nützliches Gegengift für die Verderbnis, welches er mit Vergnügen und dem Bewußtsein seiner Nützlichkeit einnahm.
Konstantin Lewin war das Dorf deshalb lieb und wert, weil es für ihn die Laufbahn einer zweifellos nutzbringenden Wirksamkeit bildete, Sergey Iwanowitsch besonders deshalb, weil man sich daselbst dem süßen Nichtsthun überlassen konnte, ja mußte. Außerdem aber war Konstantin auch auf die Stellung Sergey Iwanowitschs dem Volke gegenüber nicht gut zu sprechen. Sergey Iwanowitsch sagte, er liebe und kenne das Volk, und unterhielt sich häufig mit den Bauern, was er gut zu thun verstand, ohne sich zu verstellen oder mit einer Miene dabei zu zucken. Aus jeder solchen Unterhaltung deduzierte er sich allgemeine Thatsachen, die zu Gunstendes Volkes sprachen und den Beweis liefern sollten, daß er dieses Volk verstehe.
Dieser Standpunkt dem Volke gegenüber gefiel Konstantin Lewin nicht. Für ihn war das Volk nur der Hauptteilhaber an der gemeinsamen Arbeitspflicht und ungeachtet aller seiner Achtung, selbst einer gewissen angeborenen Liebe zum Bauernstande, die er wohl mit der Ammenmilch wie er selbst sagte, eingesogen hatte, geriet er als Teilhaber neben demselben an der gemeinsamen Arbeit, zwar bisweilen in Entzücken über die Kraft, die Güte und das Rechtsgefühl dieser Menschen, sehr oft aber auch, wenn es sich bei dieser gemeinsamen Arbeit um andere Eigenschaften handelte, in Zorn über deren Sorglosigkeit, Unachtsamkeit, Trunksucht und Verlogenheit.
Konstantin Lewin würde, wenn er gefragt worden wäre, ob er das Volk liebe, jedenfalls nicht gewußt haben, wie er hierauf antworten solle. Er liebte das Volk und liebte es auch nicht, genau so wie überhaupt die Menschen. Natürlich liebte er, als guter Mensch, die Menschen mehr, als daß er sie nicht geliebt hätte, und demzufolge liebte er auch das Volk. Aber das Volk lieben oder nicht lieben — als etwas Besonderes — das konnte er nicht, weil er nicht nur im Volke selbst lebte, nicht nur alle seine Interessen mit demselben verknüpft waren, sondern, weil er sich auch selbst für ein Teil aus dem Volke hielt und weder in sich selbst, noch in diesem Volke etwa besondere Vorzüge oder Mängel erkannte, und sich auch demselben nicht gegenüberzustellen vermochte.
Obwohl er ferner lange Zeit in den engsten Beziehungen mit dem Bauernstande als Gutsherr und Schiedsrichter gelebt hatte, hauptsächlich auch als Ratgeber — die Bauern vertrauten ihm und kamen bis zu vierzig Werst weit her, um sich bei ihm Rats zu erholen — so hatte er doch nicht das geringste bestimmte Urteil über das Volk; und auf die Frage, ob er es kenne, würde er sich in der nämlichen Ratlosigkeit befunden haben, wie bezüglich der Frage, ob er es liebe.
Zu sagen, er kenne das Volk, wäre für ihn das Nämliche gewesen, wie die Behauptung, er kenne die Menschen überhaupt. Er hatte wohl die Menschen beständig beobachtet und jede Art derselben kennen gelernt, aber in der Zahl jener Bauern, die er für gute und interessante Menschen gehaltenhatte, nahm er unaufhörlich neue Charakterzüge wahr, änderte daher seine früher gewonnenen Urteile über dieselben und bildete sich neue.
Sergey Iwanowitsch verfuhr im Gegenteil. Ganz ebenso, wie er das Landleben liebte und pries als Gegensatz zu dem Leben, welches er nicht liebte — ganz ebenso liebte er das Volk im Gegensatz zu jener Art von Menschen, die er nicht liebte, ganz ebenso erkannte er das Volk als etwas, was den Menschen insgemein entgegengesetzt war. In seinem logischen Verstande hatten sich bestimmte Formen des Volkslebens klar abgesetzt, zum Teil aus diesem selbst hergeleitet, in der Hauptsache aber vorzugsweise nur aus dem Gegensätzlichen. Er änderte daher niemals seine Meinung über das Volk und das Verhältnis, in welchem er sich zu demselben fühlte.
Bei diesen unter den beiden Brüdern obwaltenden Meinungsverschiedenheiten über das Volk, suchte Sergey Iwanowitsch stets seinen Bruder vor allem dadurch zu überzeugen, daß er selbst bestimmte Begriffe von dem Volke besitze, von seinem Charakter, seinen Eigenschaften und seinem Geschmack. Konstantin Lewin hingegen besaß keinerlei bestimmte oder unwandelbare Vorstellungen und die Folge war, daß er bei derartigen Debatten des Widerspruches mit sich selbst überführt wurde.
Für Sergey Iwanowitsch selbst war der jüngere Bruder ein guter Mensch, von Gefühl,bien établiwie er sich französisch ausdrückte, aber mit einer, wenn auch ziemlich beweglichen, so doch gleichwohl den Eindrücken des Augenblicks unterworfenen und daher an Widersprüchen reichen Geistesrichtung. Mit jener Herablassung des älteren Bruders erklärte er ihm daher bisweilen die Bedeutung der Dinge, fand aber keinen Genuß darin, mit ihm zu debattieren, da er ihn zu leicht schlug.
Konstantin Lewin blickte auf seinen Bruder, wie auf einen Menschen von hohem Geist und großer Bildung, edel in des Wortes höchstem Sinne und begabt mit der Fähigkeit, für das allgemeine Wohl zu wirken. Auf dem Grund seiner Seele aber begann er, je älter er wurde und je mehr er den Bruder erkannte, inne zu werden, daß diese Befähigung, zum allgemeinen Wohle wirken zu können, deren er sich sovöllig bar wußte, vielleicht gar kein Vorzug sei, sondern vielmehr ein Mangel; nicht gerade ein Mangel an guten, ehrenhaften und löblichen Wünschen und Ansichten, aber doch ein Mangel an Lebenskraft, an dem, was man Herzensfrische nennt, an jenem Streben, welches den Menschen veranlaßt, aus all den unzählig sich bietenden Lebenswegen einen auszuwählen und diesen einen zu erstreben.
Je mehr er den Bruder erkannte, umsomehr bemerkte er, daß auch Sergey Iwanowitsch, wie viele andere Propheten des allgemeinen Wohls, nicht vom Herzen zu dieser seiner Liebe für dasselbe geleitet wurde, sondern nur nach dem Verstande urteilte, es sei gut, wenn man sich mit Derartigem befasse, und daß er sich eben aus diesem Grunde nur damit befaßte. In dieser Annahme bestärkte Lewin auch weiter noch die Bemerkung, daß sich sein Bruder die Frage, welche die sociale Wohlfahrt oder die Unsterblichkeit der Seele betrafen, nicht anders zu Herzen nahm, als wie wenn es sich um eine Partie Schach oder die scharfsinnige Konstruktion einer neuen Maschine handelte.
Ferner aber war es Lewin auch deshalb noch peinlich, mit seinem Bruder das Landleben zu teilen, weil er, besonders im Sommer, beständig mit der Ökonomie beschäftigt war, so daß ihm selbst der lange Sommertag noch nicht hinreichte alles zu erledigen, was erledigt werden mußte, während Sergey Iwanowitsch der Ruhe pflegte. Wenngleich indessen dieser jetzt auch ausruhte, das heißt, nicht an seinem Werke arbeitete, so war er doch so an geistige Thätigkeit gewöhnt, daß er es liebte, die Ideen welche ihm gekommen waren, in schöner, präciser Form zu äußern, und er liebte es, daß ihm jemand hierbei zuhörte. Der gewöhnliche und natürliche Zuhörer war nun sein Bruder, und es wurde diesem daher ungeachtet aller freundschaftlichen Offenheit in den beiderseitigen Beziehungen peinlich, den Bruder allein lassen zu sollen. Sergey Iwanowitsch liebte es, im Sonnenschein im Grase zu liegen, sich rösten zu lassen und träge dabei zu plaudern.
„Du glaubst nicht,“ wandte er sich an seinen Bruder, „welchen Reiz für mich diese faulenzende Sommerfrische hat. Kein Gedanke ist im Kopf, und rollte man ihn wie eine Kugel.“
Konstantin Lewin war es indessen langweilig, so zu sitzen und jenem zuzuhören, schon deshalb, weil er wußte, daß man ohne seine persönliche Aufsicht den Dünger auf ein falsches Feld fahren und wer weiß wie schlecht auswerfen werde. Man würde die Pflugscharen an den Pflügen nicht festschrauben und dann sagen, der Pflug sei eine unnütze Erfindung.
„Nun genug endlich mit diesem Laufen in der Hitze!“ sagte zu ihm sein Bruder.
„Ach, nur noch einmal nach dem Kontor muß ich sehen,“ antwortete Lewin und eilte auf das Feld hinaus.
In den ersten Tagen des Juni ereignete es sich, daß die Amme und Wirtschafterin Agathe Michailowna ein Gefäß mit soeben von ihr eingesalzenen Pilzen in den Keller tragen wollte, ausglitt, zu Falle kam und sich den Handknöchel verstauchte. Der Landarzt kam, ein zungengewandter junger Mann, welcher kaum erst die Universitätsstudien hinter sich hatte; er besichtigte die Hand, sagte, daß sie nicht aus dem Gelenk gefallen sei und vergnügte sich dann in einem Gespräch mit dem berühmten Sergey Iwanowitsch Koznyscheff, indem er demselben, um ihm seine aufgeklärten Ansichten zu zeigen, allen Klatsch aus dem ganzen Landkreis berichtete und dabei die üble Lage der ländlichen Angelegenheiten beklagte.
Sergey Iwanowitsch hörte aufmerksam zu, erkundigte sich, äußerte, angeregt von seinem neuen Zuhörer, einige treffende und bedeutungsvolle Bemerkungen, die von dem jungen Arzte respektvoll aufgenommen wurden, und geriet dann in seine gewöhnliche, dem Bruder schon bekannte lebhafte Stimmung, in welche er gewöhnlich nach einer glänzenden, geistreichen Unterhaltung geriet.
Nach der Abfahrt des Arztes empfand er den Wunsch, eine Angelpartie an den Fluß zu machen. Er liebte das Angeln und war fast stolz darauf, daß er eine so einfältige Beschäftigung lieben konnte.
Konstantin Lewin, welcher nach dem Ackerfelde und den Wiesen sehen mußte, erbot sich, den Bruder im Kabriolett hinauszufahren.
Es war in der Jahreszeit, in welcher die Natur auf ihremHöhepunkt steht, in welcher der Getreideschnitt bereits bestimmt ist und die Sorge für die Saat des künftigen Jahres beginnt, wo die Krummeternte naht, wenn der Roggen in graugrüner Färbung noch mit beweglicher Ähre im Winde wogt und der grüne Hafer, von den Büscheln gelbgewordenen Grases durchsetzt, ungleichmäßig aus der Wintersaat emporkommt, wenn der frühzeitige Buchweizen schon die Erde bedeckt, während die von dem weidenden Vieh hartgetretenen Brachfelder mit den darin freigelassenen Fußsteigen die der Pflug nicht berührt, halb gepflügt liegen, die herausgebrachten vertrockneten Düngerhaufen im Abendrot mit dem duftenden Grase zusammen ihren Geruch verbreiten und in den Niederungen, der Sense harrend in dichtem Wuchs die Wiesen stehen, mit den dunkeln Massen der Sauerampfer auf den saftigen Stengeln.
Es war jene Zeit, in welcher in der Arbeit des Landlebens eine kurze Ruhepause eintritt vor dem Beginn der sich alljährlich wiederholenden, alljährlich von neuem alle Kräfte des Volkes wieder herausfordernden Ernte. Dieselbe fiel glänzend aus, und schöne helle Sommertage mit thaufrischen kurzen Nächten folgten ihr.
Die beiden Brüder mußten durch den Wald fahren, um zu den Wiesen zu gelangen. Sergey Iwanowitsch freute sich über die Schönheit des sich entlaubenden Waldes und wies dem Bruder bald eine dunkle, alte Linde von der Schattenseite her, die buntdurchsetzt von den gelben Samentroddeln sich zur Blüte vorbereitet, bald die schimmernden jungen Triebe der Bäume, aus dem heurigen Jahr.
Konstantin Lewin liebte es nicht, von der Schönheit der Natur zu sprechen oder Gespräche darüber anzuhören. Worte nahmen für ihn nur die Schönheit von dem, was er sah. Er nickte dem Bruder nur zu, begann aber unwillkürlich über etwas anderes nachzudenken. Als sie durch den Wald gelangt waren, wurde seine Aufmerksamkeit ganz von dem Anblick des Brachfeldes auf dem Hügel gefesselt, auf welchem das Gras trocknete, in Schwaden gemäht, in Haufen zerstreut, und wo frisch gepflügt war. Über das Feld bewegte sich ein langer Zug von Wagen. Lewin zählte die Wagen und war befriedigt, daß alles, was nötig war, von ihnen fortgebracht wurde, und seine Gedanken schweiften nun bei dem Anblick der Wiesenzu der Heuernte. Er empfand stets etwas ihn eigentümlich Anmutendes bei der Heuernte. Nachdem Lewin zur Wiese gekommen, hielt er das Pferd an.
Der Morgenthau lag noch unten in dem dichten Grase, und Sergey Iwanowitsch bat ihn, im Kabriolett über die Wiese zu fahren — damit er sich nicht die Füße naß machte — bis zu dem Weidengebüsch hin, bei welchem man die Barsche fing. So schwer es Lewin wurde, sein Gras zerfahren zu müssen, er fuhr dennoch in die Wiese. Das hohe Gras wogte geschmeidig um die Räder und die Hufe des Pferdes, seine Samenkörner an den nassen Speichen und Naben sitzen lassend.
Der Bruder ließ sich unter dem Gebüsch nieder und untersuchte die Angel, während Lewin das Pferd wegführte und anband, worauf er in das graugrüne, von keinem Lufthauch bewegte ungeheure Grasmeer der Wiese hineinschritt. Das wie Seide glänzende Gras mit den reifen Spitzen auf dem nassen Boden, ging ihm fast bis an den Gürtel.
Nachdem Lewin die Wiese durchkreuzt hatte, gelangte er auf den Weg heraus. Da begegnete er einem alten Manne mit einem geschwollenen Auge, der einen Bienenkorb trug, in welchem Bienen waren.
„Nun, Thomitsch, hast du etwas gefangen?“ frug er diesen.
„Was soll ich fangen? Wenn man nur seine eigenen Bienen behalten kann! Mir war nun schon der zweite Schwarm hier davongegangen. Aber die Kinder haben ihn noch eingeholt. Bei Euch wird gepflügt — sie hatten das Pferd ausgespannt,“ —
„Was meinst du Thomitsch, soll man schneiden oder noch warten.“
„Nun, nach meiner Meinung müßte man bis zu St. Peter warten, doch Ihr schneidet stets früher. Nun, Gott wird es schon geben, daß das Gras gut ist und das Vieh Futter haben wird im Überfluß.“
„Und was meinst du zum Wetter?“
„Steht bei Gott! Vielleicht wird auch das Wetter gut.“
Lewin kehrte zu seinem Bruder zurück.
Derselbe hatte nichts gefangen, aber Sergey Iwanowitsch langweilte sich gleichwohl nicht und schien in der heitersten Stimmung zu sein. Lewin bemerkte, daß ihn das Gesprächmit dem Arzte angeregt hatte, und er Lust empfand, weiter zu sprechen. Er selbst aber wollte so bald als möglich nach Hause, um über die Wahl der Schnitter, während des Frühstücks, Verfügungen zu treffen und der Ungewißheit, in der er selbst sich wegen der Heuernte, die ihn stark in Anspruch nahm, befand, ein Ende zu machen.
„Wollen wir nicht aufbrechen?“ begann Lewin.
„Warum denn so eilen? Bleiben wir noch ein wenig sitzen! Wie bist du aber doch naß geworden! Wenn man auch nichts fängt, so ist es doch ganz hübsch. Alle Jagd ist deshalb angenehm, weil man durch sie mit der Natur in Berührung kommt. Welcher Reiz liegt im Anblick dieses stahlfarbenen Gewässers,“ sprach Sergey Iwanowitsch. „Diese Wiesenufer,“ fuhr er fort, „stets geben sie nur ein Rätsel auf — verstehst du? Das Gras spricht etwas zum Wasser.“
„Ich verstehe das Rätsel nicht,“ versetzte Lewin mißmutig.
„Weißt du, daß ich an dich gedacht habe,“ sagte Sergey Iwanowitsch. „Das ist ja ohnegleichen, wie es bei Euch hier im Kreise zugeht, nach dem was mir dieser Arzt erzählt hat. Er ist durchaus kein Dummkopf. Auch ich habe dir ja schon gesagt, und sage es noch, es ist nicht gut, daß du nicht zur Sobranje fährst und dich überhaupt von den Angelegenheiten des Semstwo zurückgezogen hast. Wenn sich die tüchtigen Männer fernhalten, dann muß alles freilich Gott weiß wohin kommen. Wir zahlen unser Geld, aber es wird zu Belohnungen verwendet und keine Schule, kein Arzt, keine geprüften Hebammen, keine Apotheken, nichts haben wir davon.“
„Ich habe ja doch alles versucht,“ versetzte Lewin halblaut und ungern, „aber ich kann nicht durchdringen! Was bleibt da somit noch zu thun?“
„Warum vermagst du nicht? Das verstehe ich nicht, offen gestanden! Gleichgültigkeit oder Unverständnis räume ich bei dir nicht ein; ist es etwa einfach die Faulheit?“
„Weder dies, noch jenes oder ein drittes. Ich habe versucht und sehe, daß ich nichts thun kann,“ sagte Lewin.
Er hatte sich wenig um das gekümmert was sein Brudersoeben gesprochen, sondern schaute über den Fluß hinüber nach dem Ackerfelde. Er hatte dort etwas Schwarzes wahrgenommen, konnte es aber nicht erkennen. War es ein Pferd oder sein Inspektor zu Pferde?
„Weshalb kannst du gar nichts thun? Du hast einen Versuch gemacht, und derselbe ist nach deiner Meinung nicht geglückt; damit begnügst du dich nun. Wie kann man so wenig Eigenliebe haben?“
„Eigenliebe,“ antwortete Lewin, bei seiner schwachen Seite getroffen von diesen Worten des Bruders, „kenne ich nicht! Hätte man mir auf der Universität gesagt, daß die anderen die Integralrechnung verständen und ich nicht, so wäre das Eigenliebe gewesen. Hierbei aber muß man aber doch schon von vornherein überzeugt sein, daß man zu derartigen Dingen eine gewisse Befähigung braucht; und die Hauptsache ist die, daß alle diese Arbeiten sehr wichtig sind.“
„Nun, und das, wovon ich spreche, wäre nicht von Bedeutung?“ frug Sergey Iwanowitsch, seinerseits empfindlich geworden, weil sein Bruder das nicht bedeutungsvoll fand, was ihn beschäftigte, und namentlich, weil derselbe ihm offenbar fast gar nicht zugehört hatte.
„Mir erscheint es nicht wichtig; es beschäftigt mich nicht; was willst du eigentlich?“ antwortete Lewin, der jetzt erkannt hatte, daß das, was er erblickte, sein Verwalter war, und daß der Verwalter die Leute vom Pflügen abkommandierte, denn dieselben wendeten die Pflüge. „Sollten sie schon fertig sein mit Pflügen?“ dachte er.
„O, höre nur noch,“ sagte der ältere Bruder, sein hübsches, geistreiches Gesicht in Falten legend, „alles hat seine Grenzen. Es ist ja ganz löblich, ein Sonderling zu sein und ein aufrichtiger Mensch der kein Falsch liebt — ich weiß das alles recht wohl — aber das, was du da sagst, hat entweder keinen Sinn, oder einen sehr mißlichen. Wie kannst du es unwichtig finden, daß dasselbe Volk, welches du liebst, wie du versicherst“ —
— „Das habe ich niemals versichert“ — dachte Konstantin Lewin bei sich.
— „Hilflos abstirbt? Rohe Weiber lassen ihre Kinder verhungern, das Volk verstockt in Unwissenheit und steht unterder Machtbefugnis eines jeden Schreibers, und dabei ist dir das Mittel in die Hände gegeben, dem Abhilfe zu schaffen. Du aber hilfst nicht, weil dies nach deiner Ansicht nicht von Bedeutung ist!“ Mit diesen Worten stellte ihm Sergey Iwanowitsch die Alternative, „entweder du bist nicht so weit geistig entwickelt alles wahrzunehmen, was sich thun ließe, oder du willst in deiner Behäbigkeit, deiner Eigenliebe — ich weiß nicht weshalb — überhaupt nicht zugeben, daß dies geschehe.“
Konstantin Lewin empfand, daß er sich nur noch unterwerfen könne oder seinen Mangel an der Liebe zur socialen Frage eingestehen müsse. Dies aber kränkte und erbitterte ihn.
„So oder so,“ sagte er entschiedenen Tones, „ich sehe nicht ein, daß es möglich wäre“ —
„Wie? Es soll bei einer vernünftigen Anlage des Kapitals unmöglich sein, ärztliche Hilfe einzuführen?“ —
„Unmöglich, wie mir scheint. Auf die viertausend Werst unseres Kreises, mit seinen Schneewasserbächen, Schneestürmen, seiner Arbeitszeit sehe ich keine Möglichkeit, nach allen Seiten hin ärztliche Hilfe zu leisten. Ich glaube überhaupt nicht recht an die Medizin.“
„Ach erlaube, das ist ungerecht; ich kann dir hundert Beispiele aufzählen. — Wie denkst du denn über das Schulwesen?“ —
„Wozu brauchen wir Schulen?“
„Was sagst du da? Kann etwa ein Zweifel über den Nutzen der Bildung bestehen? So gut wie sie dir nützlich ist, wird sie es jedermann.“
Konstantin Lewin fand sich moralisch an die Wand gedrückt und geriet infolge dessen in Zorn, weshalb er unwillkürlich den hauptsächlichsten Grund seiner Gleichgültigkeit der socialen Frage gegenüber äußerte.
„Mag sein, daß alles das ganz gut ist; weshalb aber soll ich mich um die Anlage ärztlicher Stationen kümmern, von denen ich selbst nie einen Nutzen habe, oder mich um Schulen kümmern, in die ich meine Kinder gar nicht senden werde, ja, in welche selbst die Bauern ihre Kinder nicht schicken wollen. Ich bin auch gar nicht fest überzeugt, daß sie ihre Kinder in die Schule schicken müßten.“
Sergey Iwanowitsch war eine Minute lang erstaunt überdiese unerwartete Anschauung von der Sache, hatte aber sogleich einen neuen Angriffsplan entworfen.
Er schwieg, langte eine der Angelruten aus dem Wasser, warf wieder aus, lächelte dann und wandte sich an seinen Bruder.
„Gestatte. Zuerst ist wohl die medizinische Station unerläßlich nötig. So haben wir doch der Agathe Michailowna wegen nach dem Arzte des Semstwo schicken müssen?“
„Ich denke, die Hand wird krumm bleiben.“
„Das ist noch die Frage. Ferner ist dir also ein Bauer, ein Arbeiter, welcher lesen und schreiben kann, doch nötiger und nützlicher.“
„Nein. Frage, wen du willst,“ versetzte Konstantin Lewin in entschiedenem Tone, „ein Arbeiter der schreiben und lesen kann, ist bei weitem weniger wert. Die Wege lassen sich auch nicht ausbessern, denn sobald man Brücken baut, stehlen sie dieselben.“
„Darum handelt sichs jetzt gar nicht,“ antwortete Sergey Iwanowitsch finster, da er Widersprüche nicht liebte, und am wenigsten solche, die beständig von dem Einen auf das Andere übersprangen, und ohne inneren Zusammenhang neue Beweisgründe beibrachten, so daß man nicht mehr erkennen konnte, worauf man antworten solle. „Gestatte,“ sagte er, „erkennst du an, daß die Bildung ein Segen für das Volk ist?“
„Das erkenne ich an,“ antwortete Lewin arglos, dachte aber gleich darnach, daß er nicht ausgesprochen habe, was er denke. Er fühlte, daß ihm, wenn er dies zugebe, bewiesen werden könne, er habe ungereimte Sachen geäußert, die keinen Sinn besäßen. Wie ihm dies bewiesen werden sollte, wußte er zwar noch nicht, aber er wußte, daß es logisch unzweifelhaft der Fall sein werde, und wartete nun auf diesen Beweis.
Es kam bei weitem einfacher, als Konstantin Lewin vermutet hatte.
„Wenn du sie als einen Segen anerkennst,“ fuhr Sergey Iwanowitsch fort, „so kannst du als ehrenhafter Mensch nicht umhin, einer solchen Sache dein Interesse zu wahren und ihr zuzustimmen und mußt daher für sie zu arbeiten wünschen.“
„Aber ich habe ja die Sache selbst noch gar nicht als gut anerkannt,“ meinte Konstantin Lewin, errötend.
„Wie? Soeben sagtest du doch“ —
„Das heißt, ich halte sie nicht für gut und nicht für möglich“ —
„Das kannst du nicht wissen, ohne für sie gewirkt zu haben.“
„Nun, gesetzt, es wäre so,“ sagte Lewin, obwohl er durchaus nicht daran glaubte, „so würde ich noch immer nicht einsehen, weshalb man sich so sehr darum sorgen soll.“
„Inwiefern?“
„Nun; da wir einmal auf das Thema gekommen sind, so erkläre mir sie doch vom philosophischen Standpunkte aus,“ fuhr Lewin fort.
„Ich verstehe nicht, was hier die Philosophie soll,“ antwortete Sergey Iwanowitsch, wie es Lewin schien, in einem Tone, als erkenne er diesem das Recht nicht zu, über Philosophie zu urteilen, was in Lewin Erbitterung hervorrief.
„Nun, so höre,“ antwortete er erhitzt, „ich bin der Meinung, daß die bewegende Ursache in allen unseren Handlungen immer das persönliche Wohlergehen ist. In den Institutionen unseres Kreises sehe ich als Edelmann nichts, was für mein eigenes Wohlergehen etwas beitragen könnte. Die Verkehrswege sind nicht besser geworden und können nicht besser werden, meine Pferde tragen mich auch über die schlechten, und einen Arzt brauche ich nicht. Ein Friedensrichter ist für mich nicht erforderlich, ich wende mich niemals an ihn und werde es auch nicht thun; Schulen brauche ich nicht nur nicht, nein sie schaden mir sogar, wie ich dir gesagt habe. Für mich haben die Institutionen des Semstwo eigentlich nur die Verbindlichkeit im Gefolge, für jede Desjatine meines Areals achtzehn Kopeken Steuern zu zahlen, nach der Stadt zu fahren, dort in Gesellschaft von Ungeziefer über Nacht zu bleiben und allen möglichen Unsinn, alle Abgeschmacktheiten mit anzuhören, ein persönliches Interesse leitet mich jedoch hierbei nicht.“
„Erlaube,“ fiel ihm hier Sergey Iwanowitsch lächelnd ins Wort, „das persönliche Interesse ist es auch nicht, welches uns zur Arbeit für die Befreiung des Bauernstandes angeregt hat — wir haben aber doch gearbeitet!“
„O nein,“ rief Konstantin Lewin, immer mehr in Eifer geratend, „die Befreiung der Bauern war eine andere Aufgabe;hier handelte es sich um ein persönliches Interesse. Man wollte jenes Joch von sich abschütteln, welches uns drückte, wie überhaupt alle guten Menschen. Aber hier soll ich mich dazu verstehen, darüber mein Gutachten abgeben, wie viele Goldschmiede eine Stadt nur haben dürfe und in welcher Weise in ihr Dampfessen zu bauen seien, in ihr, in welcher ich gar nicht wohne, oder an einer Verhandlung gegen einen Bauern teilnehmen, der einen unbedeutenden Gegenstand gestohlen hat, und dabei sechs Stunden lang all den Unsinn anhören, den die Verteidiger zusammenschwatzen, wenn der Vorsitzende meinen alten dummen Aljoscha frägt, ‚geben Sie, Herr Angeklagter, die Thatsache der Entwendung des Objekts zu?‘“
Konstantin Lewin war ganz hingerissen, indem er sich Untersuchungsrichter und den alten dummen Aljoscha vorstellte; ihm schien, als gehöre auch dies mit zur Sache.
Sergey Iwanowitsch aber zuckte die Schultern.
„Was willst du denn eigentlich sagen?“
„Ich will nur sagen, daß ich diejenigen Rechte, welche mich, mein eigenes Interesse berühren, stets verteidigen werde mit allen Kräften. Wenn bei uns während der Universitätszeit Haussuchungen vorgenommen wurden und die Polizei unsere Briefe las, da war ich bereit, mit allen Kräften diese Rechte zu vertreten, meine Rechte auf die Bildung und geistige Freiheit. Ich verstehe die allgemeine Wehrpflicht, die das Geschick meiner Kinder angeht, meiner Brüder wie mein eigenes, ich bin bereit, das zu beurteilen, was mich selbst betrifft, aber darüber zu urteilen, wie vierzigtausend Rubel Kreisgelder zur Verwendung kommen, oder ob der alte Dummkopf Aljoscha zu verurteilen sei, das verstehe ich nicht, das kann ich nicht. “
Konstantin Lewin sprach, daß die Worte sich wie im Schwall aus seinem Munde ergossen. Sergey Iwanowitsch lächelte.
„Wenn du nun morgen verurteilt würdest — sollte es dir lieber sein, wenn man dich in einem unserer hochnotpeinlichen Kriminalgerichte nach altem Stil verurteilte?“
„Ich werde nicht verurteilt. Ich werde niemand ermorden und brauche dies nicht. Und was willst du!“ — rief er plötzlich, wiederum zu einem völlig der Sache ganz fernliegendenThema überspringend, „unsere Kreisinstitutionen und alles Verwandte sind ähnlich jenen Birken, die wir zu Pfingsten aufstellen, zum Zwecke, sie als Bilder des Waldes vor uns zu sehen, welcher in Europa schon längst in Blüte steht — ich vermag nicht, mich selbst zu täuschen und an diese Birken zu glauben.“
Sergey Iwanowitsch zuckte nur die Schultern, damit seiner Verwunderung Ausdruck verleihend, woher jetzt mit einem Male in der Auseinandersetzung diese Birken hatten erscheinen können — obwohl er sofort verstand, was sein Bruder damit andeuten wollte.
„Gestatte, so kann man doch nicht urteilen,“ bemerkte er; allein Konstantin Lewin wollte sich rechtfertigen von dem Mangel, den er selbst in sich empfand, von dem Vorwurf der Gleichgültigkeit gegenüber dem allgemeinen Wohl, und er fuhr fort:
„Ich denke, daß keine Art von Wirksamkeit erfolgreich sein kann, die nicht ihre Begründung im persönlichen Interesse findet. Dies ist eine allgemeine Wahrheit, eine philosophische,“ sagte er, das Wort entschiedenen Tones wiederholend, als wünschte er zu zeigen, daß auch er das Recht besitze, wie jeder andere von Philosophie zu reden.
Sergey Iwanowitsch lächelte wieder; auch sein Bruder hatte also eine gewisse eigene Philosophie im Dienste seiner Neigungen, dachte er bei sich.
„Nun, die Philosophie möchtest du beiseite lassen,“ sagte er, „die Hauptaufgabe der Philosophie aller Zeiten besteht namentlich darin, jenes unumgänglich nötige Band zu finden, welches zwischen dem persönlichen und dem allgemeinen Interesse existiert. Indessen das gehört nicht zur Sache, es handelt sich hier für mich nur darum, deinen Vergleich zu berichtigen. Die Birken werden nicht aufgestellt, sondern, teils gepflanzt, teils gesät und man muß mit ihnen ziemlich vorsichtig umgehen. Nur diejenigen Völker besitzen eine Zukunft, können sich historisch nennen, welche ein Gefühl für das haben, was in ihren Institutionen wichtig und bedeutungsvoll ist und diese hochhalten.“ Sergey Iwanowitsch übertrug jetzt die Frage auf das Gebiet des philosophisch Historischen, welches Konstantin Lewin unzugänglich war und zeigte ihm da denganzen Irrtum in seiner Anschauung. „Was aber dies anbetrifft, daß dir die Sache nicht gefällt, so verzeihe mir; es handelt sich hier eben um unsere russische Trägheit und das Junkertum. Ich aber bin überzeugt, daß es sich bei dir um einen zeitweiligen Irrtum handelt, der vorübergehen wird.“
Konstantin schwieg. Er empfand, daß er auf allen Punkten geschlagen sei, fühlte aber auch zugleich, daß das, was er hatte sagen wollen, von seinem Bruder mißverstanden worden war. Er wußte nur nicht, warum; ob deshalb, weil er nicht so klar auszudrücken verstand, was er sagen wollte, oder deshalb, weil der Bruder ihn nicht verstehen wollte, oder nicht verstehen konnte?
Er machte sich indessen nicht Gedanken hierüber, sondern dachte nun über eine neue, ihn persönlich betreffende Angelegenheit nach, ohne dem Bruder zu antworten.
Sergey Iwanowitsch wickelte die letzte Angel zusammen, band das Pferd los und beide fuhren heim.
Die persönliche Angelegenheit, welche Lewin während seines Gespräches mit dem Bruder beschäftigt hatte, war folgende:
Im vergangenen Jahre hatte Lewin einmal, als er auf die Wiesen hinausgekommen war und sich über den Inspektor geärgert hatte, zu seinem gewöhnlichen Beruhigungsmittel gegriffen — die Sense eines Bauern genommen und selbst angefangen zu mähen.
Diese Beschäftigung hatte ihm so gefallen, daß er sich in der Folge öfters damit befaßte, zu mähen, und so hatte er eine ganze Wiese vor seinem Hause abgemäht und sich seit dem Frühling im laufenden Jahre den Plan entworfen, ganze Tage hindurch mit den Feldarbeitern zusammen zu mähen. Seit der Ankunft des Bruders befand er sich nun in Zweifel, ob er mit mähen solle, oder nicht. Er mochte den Bruder nicht gern ganze Tage sich allein überlassen und fürchtete auch, dieser möchte ihn auslachen. Als er aber über die Wiese schritt, und sich die Eindrücke die ihm das Mähen verursacht hatten, ins Gedächtnis zurückrief, war er schon fast entschlossen, mit zu mähen. Nach dem ärgerlichen Gespräch mit seinem Bruder, entsann er sich wiederum seiner Absicht.
Körperliche Bewegung muß ich haben, oder mein Geist wird zweifellos zu Grunde gehen, dachte er, und beschloß, mit zu mähen, wie unpassend ihm dies auch vor seinem Bruder und seinen Leuten erscheinen mochte.
Gegen Abend begab sich Konstantin Lewin ins Kontor, traf Anordnungen für die Arbeiten und schickte nach den Dörfern, um für den folgenden Tag die Schnitter aufbieten zu lassen, da er zuerst die kalinische Wiese, die größte und beste, schneiden lassen wollte.
„Schickt auch meine Sense mit zu Tit, damit er sie ausklopfe und morgen mitbringe; wahrscheinlich werde ich selbst mit mähen,“ sagte er, sich bemühend, nicht in Verlegenheit zu geraten.
Der Verwalter lächelte und sagte:
„Zu Diensten!“
Am Abend beim Thee sagte Lewin auch dem Bruder davon.
„Es scheint, als ob das Wetter aushalten werde,“ sprach er, „ich will morgen mit der Heuernte beginnen.“
„Diese Arbeit liebe ich sehr,“ versetzte Sergey Iwanowitsch.
„Ich liebe sie ganz außerordentlich; ich habe sogar selbst schon bisweilen mit den Bauern zusammen gemäht und morgen will ich den ganzen Tag mit arbeiten.“
Sergey Iwanowitsch hob den Kopf und blickte seinen Bruder gespannt an.
„Was heißt das? Mit den Bauern zusammen, — den ganzen Tag?“ —
„Ja. Das ist sehr hübsch,“ antwortete Lewin.
„Es ist ausgezeichnet als körperliche Übung, aber das kannst du doch kaum aushalten?“ frug Sergey ohne jeden Spott.
„Ich habe es versucht. Anfangs wurde mir es schwer, doch dann gewöhnt man sich daran. Ich denke, daß ich es nicht aufgeben werde.“
„Sieh einmal an! Aber sage mir doch, wie die Bauern dies aufnehmen? Sie müssen doch jedenfalls ihren Spott darüber treiben, daß der Herr ein Sonderling ist.“
„Nein, das glaube ich nicht, aber es ist dies eine so lustige und zugleich so schwere Arbeit, wie man gar nicht glauben sollte.“
„Dann willst du auch mit ihnen zusammen essen? Läßt dir etwa Lafitte hinbringen und einen gebratenen Kapaun; nicht übel.“
„Nein; aber sobald sie ihre Arbeitspause haben, fahre ich nach Hause.“
Am andern Morgen erhob sich Konstantin Lewin frühzeitiger als sonst, aber häusliche Anordnungen hielten ihn noch auf, und als er zu der Heuernte kam, waren die Mäher bereits bei der zweiten Reihe.
Schon vom Berge herab gewahrte er unten am Fuße desselben den dunkleren bereits gemähten Teil der Wiese und die grauen Schwaden, und schwarzen Haufen der Röcke, welche von den Mähern dort, von wo sie die erste Reihe begonnen hatten, abgelegt worden waren.
Je näher er kam, um so deutlicher traten die Gestalten der hintereinander in langer Reihe getrennt schreitenden, sensenschwingenden Bauern hervor; einer im Rock, der andere nur im Hemd; er zählte ihrer zweiundvierzig. Langsam bewegten sie sich vorwärts auf dem unebenen Grund der Wiese, auf dem ein alter Damm hinlief; einzelne seiner eigenen Leute erkannten Lewin; dort sah er den alten Jermil in einem sehr langen weißen Überhemd, gebückt seine Sense schwingend, hier den jungen tüchtigen Waska, der Lewins Kutscher war, jede Reihe mit einem Strich niederlegte, dann Tit, ein kleines hageres Männchen, Lewins Lehrmeister im Mähen. Ohne sich zu bücken, schritt derselbe voran, wie spielend mit seiner Sense breite Reihen schneidend.
Lewin stieg vom Pferde, band es beim Wege an und begab sich zu Tit, welcher eine zweite Sense aus einem Busche hervorholte und sie ihm reichte.
„Die ist brauchbar,“ sagte Tit, „sie rasiert förmlich, und schneidet wie von selbst,“ bemerkte er, lächelnd die Mütze lüftend und Lewin die Sense hinreichend.
Lewin ergriff sie und probierte. Mit ihren Reihen zu Ende kommend, traten die Mäher einer nach dem anderen, schweißtriefend aber heitergestimmt auf den Weg heraus, und begrüßten lachend ihren Herrn. Alle blickten ihn an, keiner aber sprach ein Wort, bevor nicht der hochgewachsene Alte, mit seinem runzligen, bartlosen Gesicht, in der Jacke vonSchafwolle, auf dem Wege angelangt war und sich an ihn gewandt hatte.
„Sieh Herr, du läßt es dir angelegen sein; nur nicht aufhören!“ begann der Alte, und Lewin vernahm verhaltenes Lachen unter den Mähern.
„Nun, ich will mir schon Mühe geben nicht aufzuhören,“ antwortete er, hinter Tit tretend und das Zeichen des Anfangs erwartend.
„Wir wollen sehen,“ sagte der Alte.
Tit machte einen Platz frei und Lewin trat nach ihm ein. Das Gras stand niedrig vorn am Wege, und Lewin, der lange Zeit nicht gemäht hatte, mähte in den ersten Minuten, von den auf ihn gerichteten Blicken in Verlegenheit gesetzt, schlecht, wenn er auch die Sense kräftig schwang. Er vernahm hinter sich Stimmen:
„Schlecht aufgesetzt, Handgriff zu hoch; da, wie er sich noch bückt!“ sagte einer.
„Mit der Hacke muß er sich mehr stemmen,“ bemerkte ein anderer.
„Nein, ganz gut so;“ sagte ein Dritter. „Siehst du, es geht. Man muß den Strich weit nehmen, sonst ermüdet man. Aber das geht doch nicht; — der Herr — er arbeitet ja für sich selbst! Und da dingt man Leute! Unser Einem würde dies übel bekommen!“
Das Gras wurde nun weicher und Lewin, welcher alles hörte, aber nicht antwortete, bemühte sich zu mähen so gut er konnte, indem er hinter Tit herging. So war man hundert Schritte vorwärts gekommen. Tit ging immer noch, ohne innezuhalten; er zeigte nicht die geringste Ermüdung, aber Lewin wurde es schon ängstlich zu Mut, daß er die Arbeit nicht würde aushalten können, so ermüdet war er.
Er fühlte, daß er mit den letzten Kräften die Sense schwang und beschloß, Tit zu bitten, daß er einhielte. Aber im nämlichen Moment blieb dieser selbst stehen, raufte, sich niederbeugend, etwas Gras auf, wischte seine Sense ab und begann sie zu dengeln.
Lewin richtete sich empor, atmete tief auf und schaute um sich. Hinter ihm kam ein Arbeiter, augenscheinlich gleichfalls ermattet, da er sogleich, ohne bis an Lewin heranzukommen,Halt machte und ebenfalls zu schärfen begann. Tit dengelte seine und Lewins Sense und weiter ging es nun.
Dies wiederholte sich auch beim zweitenmal. Tit ging Schritt um Schritt, ohne Halt zu machen oder auszuruhen. Lewin folgte ihm, sich bemühend, ebenfalls auszuhalten; aber es wurde ihm dies schwieriger und schwieriger und der Augenblick kam, in dem er empfand, daß seine Kräfte erschöpft waren. Aber im nämlichen Moment hielt Tit wiederum inne und begann zu dengeln.
So ging es die erste Reihe hinunter, und sie schien Lewin ganz besonders sauer bei ihrer Länge, aber nichtsdestoweniger war es diesem, — als die Reihe beendet war und Tit, die Sense über die Schulter werfend, langsamen Schrittes in den Spuren zurückging, die von seinen Absätzen in der gemähten Wiese geblieben waren, er selbst aber in seiner Reihe das Nämliche that, obwohl der Schweiß ihm in Strömen über das Gesicht lief, von seiner Nase tropfte und sein Rücken ganz naß war, als sei er mit Wasser begossen worden — außerordentlich wohl zu Mute, und namentlich freute es ihn, daß er jetzt wußte, er könne die Arbeit aushalten.
Seine Freude wurde nur dadurch getrübt, daß seine Reihe nicht schön aussah. „Ich werde weniger mit der Hand ausgreifen müssen, als mit dem ganzen Oberkörper,“ dachte er, den von Tit gelegten Schwaden mit seinem vergleichend, der zerstreut und ungleichmäßig lag.
Die erste Reihe hatte Tit, wie Lewin gemerkt hatte, besonders schnell zurückgelegt, wahrscheinlich weil er wünschte, den Herrn auf die Probe zu stellen, und die Schwaden lagen daher gestreckt. Die folgenden waren schon leichter gewesen, obwohl Lewin dabei immer noch alle seine Kräfte anstrengen mußte, um nicht hinter den Bauern zurückzubleiben.
Er dachte und wünschte nichts, als nur nicht hinter den Bauern zu bleiben, und so gut wie möglich zu arbeiten. Er hörte nur das Rauschen der Sensen und sah dicht vor sich die straffe Gestalt Tits weitergehen, den Halbkreis in der Wiese, die langsam um die Schärfe seiner Sense hin- und herwogenden Halme und Samentroddeln, und weiter vorn das Ende der Reihe, bei welchem Erholung winkte.
Ohne zu wissen, wie es kam, empfand er plötzlich inmittenseiner Arbeit ein angenehmes Gefühl von Kühle auf den erhitzten, schweißtriefenden Schultern. Er blickte zum Himmel empor, während die Sense geschärft wurde; eine niedrig hängende, schwere Wetterwolke war heraufgekommen und ein feiner Regen fiel nieder. Einige der Arbeiter liefen zu ihren Röcken und zogen dieselben über, andere — und ebenso that Lewin — zuckten nur frohgelaunt die Schultern unter der angenehmen Erfrischung.
Reihe auf Reihe wurde zurückgelegt, und man schnitt lange und kurze Reihen, mit gutem und schlechtem Gras ab. Lewin hatte jegliches Zeitgefühl verloren und wußte schlechterdings nicht zu sagen, ob es jetzt früh oder spät sei. In seiner Thätigkeit begann jetzt eine Veränderung vor sich zu gehen, die ihm außerordentliches Vergnügen gewährte.
Mitten in der Arbeit überkamen ihn Minuten, in denen er vergaß, womit er beschäftigt war; es wurde ihm frei ums Herz und in diesen Augenblicken fielen seine Schwaden fast ebenso gleichmäßig und schön, wie bei Tit. Kaum aber hatte er sich wieder vergegenwärtigt, was er thue, und angefangen, recht gut arbeiten zu wollen, so erfuhr er an sich wieder die ganze Schwierigkeit der Arbeit, und seine Schwaden fielen schlecht.
Als er eine weitere Reihe beendet hatte, und wiederum umkehren wollte, blieb Tit stehen und raunte dem Alten, indem er zu ihm hintrat, leise etwas zu. Beide blickten nach der Sonne.
„Wovon mögen sie sprechen, und weshalb fangen sie keine Reihe mehr an?“ dachte Lewin, der gar nicht daran gedacht hatte, daß die Bauern ohne Unterbrechung jetzt schon nicht weniger als vier Stunden gemäht hatten und nun frühstücken mußten.
„Frühstücken, Herr,“ sagte der Alte zu ihm.
„Schon Zeit? Gut, frühstücken wir!“
Lewin gab Tit seine Sense und schritt zusammen mit den Arbeitern die nach dem Frühstücksbrot zu ihren Röcken gingen, durch die leicht vom Regen besprühten Schwaden auf der abgemähten Fläche nach seinem Pferde. Hier erst fiel ihm ein, daß er gar nicht an das Wetter gedacht und der Regen ihm das Heu naß gemacht habe.
„Er wird es verderben,“ sagte er.
„O, nein, Herr,“ antwortete ihm der Alte und fügte in der russischen Bauernregel hinzu: „W doždj kosi, w pogodu grebi!“
Lewin band sein Pferd los, und ritt heim, um Kaffee zu trinken.
Sergey Iwanowitsch war soeben erst aufgestanden. Nachdem Lewin den Kaffee zu sich genommen, ritt er wieder hinaus zur Heuernte, bevor noch Sergey Iwanowitsch sich angekleidet hatte und im Speisezimmer erschienen war.
Nach dem Frühstück kam Lewin nicht wieder an seinen früheren Platz in der Reihe, sondern zwischen einen launigen Alten, der ihn in seine Nachbarschaft gebeten hatte, und einen jungen Bauern, der erst seit dem Herbst verheiratet und das erste Jahr mit Heumähen gegangen war.
Der Alte ging in aufrechter Haltung voran, gleichmäßig die gespreizten Beine vorwärts setzend und in ruhiger Bewegung, die bei ihm offenbar nicht mehr Arbeit war, als vielmehr eine Bewegung mit den Armen im Gehen, — wie spielend ganz allein eine hochgewachsene Reihe niederstreckend, als ob nicht er, sondern nur seine haarscharfe Sense in das saftige Gras schnitte.
Hinter Lewin schritt der junge Mischka. Das freundliche, jugendliche Gesicht desselben, mit den von frischem Gras umwundenen Haaren, arbeitete selbst mit vor Anstrengung, aber sobald ihn einer anblickte, lächelte er. Offenbar war er bereit, lieber zu sterben, als einzugestehen, daß es ihm sauer werde.
Lewin ging zwischen den beiden; gerade in der höchsten Hitze erschien ihm das Mähen nicht so anstrengend. Der Schweiß, welcher ihn überströmte, kühlte ihn, die Sonne, welche auf seinen Rücken, seinen Kopf und den bis zum Ellbogen entblößten Arm brannte, verlieh ihm Kraft und Ausdauer in der Arbeit; öfter und öfter kamen jene Minuten des Zustandes der Selbstvergessenheit, in denen man nicht an das zu denken braucht, was man thut.
Die Sense schnitt wie von selbst. Dies waren ihm glückseligeAugenblicke. Noch glückseliger aber waren die, wenn der Alte, an den Fluß gelangend, an welchem die Reihen aufhörten, mit dem dichten nassen Grase seine Sense abrieb und ihren Stahl in dem frischen Wasser des Flusses badete, alsdann Wasser zu seinem Preißelbeerschnaps mischte und Lewin damit regalierte.
„Das ist Kwas von mir,“ sagte er, „er ist wohl gut?“ sagte er und seine Augen zwinkerten dabei.
Und in der That hatte Lewin noch niemals ein solches Getränk gekostet, wie dieses laue Wasser mit dem darauf schwimmenden Grün und seinem rostigen Blechgeschmack von den Preißelsbeeren.
Gleich darauf begann wiederum der langsame Gang, die Hand an der Sense, während dessen man den strömenden Schweiß abwischen konnte, mit voller Brust aufatmete und die weithin sich dehnende ganze Reihe der Schnitter überschaute, wie alles, was sich ringsum, im Walde und auf der Haide, ereignete. Je länger Lewin mähte, um so häufiger wurden die Momente der Selbstvergessenheit, in welcher die Hände schon nicht mehr die Sense schwangen, sondern diese selbst die Hand bewegte, als sei sie ein Ding mit Bewußtsein, ein lebensvoller Körper, und wie durch Zauberei ohne sein eigenes Zuthun, wurde die Arbeit durch sich selbst recht und sorgsam. Dies waren für ihn die schönsten Augenblicke.
Schwierig aber wurde die Sache dann, wenn man diese unbewußt gewordene Bewegung zu regeln hatte und denken mußte, wenn es galt, über einen Maulwurfshügel oder einen Fleck mit nichtgejätetem Sauerampfer zu mähen.
Der Alte vollbrachte dies mit Leichtigkeit. Kam ein solcher Erdhaufen, so veränderte er seine Bewegung und wo sein Absatz war, mit dem Ende der Sense, da umschnitt er denselben von beiden Seiten mit kleinen kurzen Streichen. Indem er dies aber that, schaute er vorsichtig auf und beobachtete alles, was sich vor ihm im Grase zeigte. Bald nahm er einen kleinen Pilz auf und verspeiste ihn, oder gab ihn Lewin zu essen, bald beseitigte er mit der Spitze der Sense ein Gestrüpp, bald erblickte er ein Wachtelnest, von welchem erst dicht vor der Schneide die Mutter aufflog, bald fing er eine Schlange, die ihm über den Weg kam und hob sie wieauf eine Gabel gespießt auf der Sense empor, sie Lewin zeigend und dann beiseite schleudernd. Für diesen und den jungen Bauern dahinter, waren diese Bewegungen schwierig. Beide, die nur das Augenmerk auf ihre Bewegungen richten mußten, befanden sich unter dem Zwange der Arbeit und besaßen nicht die Kraft, ihre Bewegungen zu ändern, und zu gleicher Zeit auch zu beobachten, was um sie her vor sich ging.
Lewin merkte gar nicht, wie die Zeit verging. Hätte man ihn gefragt, wie lange er schon gemäht habe, so würde er geantwortet haben, eine halbe Stunde — und doch war es schon Mittag geworden. Bei dem Anfang einer Reihe lenkte der Alte Lewins Aufmerksamkeit auf einige kleine Mädchen und Knaben, welche von verschiedenen Gegenden, kaum sichtbar, im hohen Grase und auf dem Wege daher auf die Schnitter zukamen. Sie trugen kleine Päckchen in den Händen mit Brot, und mit Tüchern oben zugebundene Schüsseln voll Kwas.
„Da kommen unsere Käferchen herangekrochen!“ sagte er, auf die kleinen weisend und unter der hochgehaltenen Hand nach der Sonne hinaufblickend. Noch zwei Reihen wurden zurückgelegt, dann hielt der Alte inne.
„Nun, Herr, wollen wir essen!“ sagte er kurz. Er ging zum Flusse, die Schnitter kamen durch die Schwaden zu ihren Röcken, bei denen die Kinder, welche die Mittagsmahlzeit gebracht hatten, ihrer harrend, saßen. Die Landleute sammelten sich — die weiter ab Arbeitenden unter die Wagen, die näher Befindlichen unter einem Gebüsch, welches mit Gras gedeckt worden war.
Lewin setzte sich zu ihnen; er verspürte keine Lust, heimzufahren.
Alle Befangenheit vor dem anwesenden Herrn war längst verschwunden, die Bauern rüsteten sich zu ihrer Mahlzeit. Die einen wuschen sich, die Kleinen badeten im Flusse, andere suchten einen Ort zur Ruhe, lösten die Beutel mit dem Brot und öffneten die Kwasschüsseln.
Der Alte brockte Brot in seine Schüssel, stampfte es mit dem Löffelstiel, goß Preißelsbeersaft darüber, schnitt noch mehr Brot, salzte es und begann hierauf, nach Osten gewendet sein Gebet zu verrichten.
„Nun, Herr, wollt Ihr von meiner Tjurka?“ frug erdann, sich auf die Kniee vor seiner Schüssel niederhockend. Die Tjurka war so schmackhaft, daß Lewin es aufgab, heimzureiten um Mittag zu essen. Er speiste mit dem Alten und unterhielt sich mit demselben über dessen häusliche Verhältnisse, an denen er lebendiges Interesse bekundete. Er teilte ihm selbst alle seine eigenen Geschäfte mit, alle Umstände, welche den Alten zu interessieren vermochten. Er fühlte sich diesem viel näher, als seinem Bruder, und lächelte unwillkürlich über die herzliche Neigung, die er zu diesem Greise fühlte. Als dieser sich wieder erhob und abermals gebetet hatte, streckte er sich unter das Gebüsch, sich Gras unter sein Kopfkissen legend; Lewin that das Nämliche und schlief sogleich ein, ungeachtet der klebrigen, zudringlich in der Sonne schwärmenden Fliegen und Käfer, welche sein schweißbedecktes Gesicht und den Körper umschwirrten, um erst wieder aufzuwachen, als die Sonne schon auf der anderen Seite des Strauches stand und ihn stach. Der Alte schlief schon lange nicht mehr; er saß und flocht den Kindern die Zöpfe.
Lewin schaute im Kreise um sich; er erkannte den Ort nicht wieder, so hatte sich alles verändert. Die Wiese in ihrer weiten Ausdehnung war gemäht und glänzte jetzt von einem eigenartigen, neuen Schimmer in ihren schon duftenden Schwaden unter den abendlich schrägfallenden Strahlen der Sonne. Auch um das Gebüsch und am Flusse war gemäht, und dieser selbst, der vorher nicht sichtbar gewesen war, glänzte jetzt wie Stahl mit seinen Windungen; er sah das sich regende, sich erhebende Volk der Mäher, die steile Wand des noch nicht geschnittenen Grasbestandes der Wiese, die Habichte, die sich über der entblößten Fläche tummelten — und alles das war ihm neu.
Als er zu sich gekommen war, begann er zu berechnen, wie viel bereits geschnitten war, und wie viel noch am heutigen Tage gearbeitet werden konnte.
Es war für die Zahl von zweiundvierzig Arbeitern ungewöhnlich viel geleistet worden. Eine ganze große Wiese, die sonst wohl von dreißig Sensen in zwei Tagen gemäht wurde, war jetzt schon fertig, und noch nicht geschnitten waren nur die Ecken mit ihren kurzen Reihen. Aber Lewin wünschte heute soviel als möglich zu mähen und war auf die Sonneungehalten, die sobald schon hinunterging. Er fühlte keine Ermüdung; er wollte nur soviel als möglich und so schnell als möglich arbeiten.
„Nun, wie denkst du, können wir noch den ‚Maschkin Werch‘ mähen?“ frug er den Alten.
„Wie Gott will; die Sonne steht allerdings nicht mehr hoch. Ein Schnaps wird den wackeren Burschen recht sein.“
Während des Vesperbrotes, als man sich wiederum niedersetzte und einige rauchten, teilte der Alte den Burschen mit, daß noch der „Maschkin Werch“ gemäht werden müsse und es Branntwein geben werde.
„Ha, auf das Mähen kommt es uns nicht an! Ans Zeug, Tit! Wir wollen schon schwingen.“
„Wir können zum Abend essen. Also ans Werk!“ vernahm man mehrere Stimmen und den letzten Bissen kauend, gingen die Mäher wieder an die Arbeit.
„Haltet euch dazu, Jungen!“ rief der alte Tit, fast im Trabe den übrigen vorangehend.
„Geh zu, geh zu!“ rief der Alte, ihm folgend und ihn leicht antreibend, „oder ich schneide zu — hüte dich!“ —
Die Jungen und die Alten mähten nun gleichsam um die Wette, aber so sehr sie sich auch sputeten, sie verdarben keine Reihe und die Schwaden fielen glatt und sorgfältig. Ein Winkel in der Ecke war in fünf Minuten fertig; und die hinteren Mäher gingen noch in den Reihen, als die vorderen bereits ihre Röcke über die Schultern warfen und über den Weg hinweg nach dem „Maschkin Werch“ gingen.
Die Sonne senkte sich bereits über die Dörfer, als sie an die Waldschlucht, welche „Maschkin Werch“ hieß, gelangten. Das Gras in der Mitte des Hohlweges stand bis an den Gürtel hoch, es war zart, weich und saftig, hier und da von Vergißmeinnicht durchsetzt.
Nach einer kurzen Beratung, ob man längs oder quer mähen solle, ging Prochor Jermilin, ebenfalls ein berühmter Mäher, ein außerordentlich großer, schwarzer Mann voran. Er ging einen Schwaden ab und begann zu mähen. Die übrigen thaten es ihm nach; die einen nach dem Berge hin in der Schlucht schreitend, die anderen auf den Abhang hinauf bis dicht an den Wald.
Die Sonne sank hinter dem Walde, der Thau begann schon zu fallen, und nur auf der Anhöhe waren die Mäher noch in der Sonne, unten aber, wo sich der Nebel erhob und jenseits gingen die Schnitter im frischen duftigen Schatten; die Arbeit war in vollstem Zuge.
Das unter sausendem Geräusch niedergestreckte Gras sank duftend in hohen Reihen und die Schnitter, von allen Seiten sich zu kurzen Zügen zusammendrängend, bald mit den Wetzsteinen klappernd, bald mit den Sensen klirrend, trieben sich unter lustigen Zurufen.
Lewin schritt noch immer zwischen dem jungen Arbeiter und dem Alten. Der letztere, welcher jetzt seine Schafwolljacke angezogen hatte, befand sich ebenfalls in lustiger aufgeräumtester Stimmung und bewegte sich mit voller Lebendigkeit. Im Walde fand man von den Sensen getroffene dicke Birkenschwämme im saftigen Grase. Der Alte bückte sich bei jedem derselben, hob ihn auf, prüfte, und steckte ihn dann in den Brustlatz. „Das ist etwas für meine Alte,“ sagte er dabei.
So leicht es auch war, das nasse, dünne Gras mit der Sense zu schneiden, so schwierig war es, an den steilen Abhängen der Schlucht auf und abzusteigen beim Mähen. Aber den Alten verdroß dies nicht; die Sense stetig schwingend, ging er mit seinen kleinen, festen Schritten, die Füße in den mächtigen Bastschuhen, langsam die Anhöhen hinan und obwohl er dabei vor Anstrengung am ganzen Körper zitterte und die Beinkleider ihm tief herabgerutscht waren, ließ er doch kein einziges Hälmchen, keinen Pilz auf seinem Wege stehen und scherzte dabei mit den Arbeitern und mit Lewin ruhig weiter.
Dieser folgte ihm und dachte oft, er würde sicher stürzen, indem er mit der Sense an einem steilen Hügel hinanstieg, an welchem es schon ohne solche schwierig war, hinaufzukommen. Aber er stieg und that seine Pflicht, und empfand dabei, daß gleichsam eine gewisse äußere Macht mit ihm wirkte.
Man hatte den „Maschkin Werch“ abgemäht und legte die letzten Schwaden nieder; die Röcke wurden angezogen und alles kehrte in fröhlicher Stimmung heim.
Lewin setzte sich auf sein Pferd, und ritt, sich nur ungern von seinen Bauern verabschiedend, heim. Oben von dem Berge herab blickte er um sich; er gewahrte nichts mehr von den Leuten in dem aus der Niederung aufsteigenden Nebel, nur ihre Stimmen waren noch vernehmbar, lustige rauhe Stimmen, Lachen und die Töne der aneinanderklirrenden Sensen.
Sergey Iwanowitsch hatte die Abendmahlzeit schon längst beendet und nahm Limonade mit Wasser und Eis in seinem Zimmer zu sich. Er durchflog dabei die soeben von der Post eingetroffenen Zeitungen und Journale, als Lewin mit schweißdurchnäßten und wirr an der Stirn klebenden Haaren, Rücken und Brust von der Feuchtigkeit dunkel gefärbt, mit heiterem Gespräch ins Zimmer zu ihm hereintrat.
„Die ganze Wiese haben wir abgemäht, ah, und wie schön, es ist staunenswert! Was hast du denn den Tag hindurch gemacht?“ frug Lewin, der das unerbauliche Gespräch von gestern völlig vergessen hatte.
„Bei allen Heiligen! Wie siehst du denn aus?“ rief Sergey Iwanowitsch, in der ersten Minute seinen Bruder mit mißbilligendem Blicke musternd. „Aber so schließ doch die Thür, sicherlich hast du ein ganzes Dutzend Mücken hereingelassen!“ rief er dann.
Sergey Iwanowitsch konnte die Fliegen nicht ausstehen und öffnete in seinem Zimmer nur des Nachts die Fenster, die Thür aber hielt er sorgfältig verschlossen.
„Mein Gott, es ist ja keine einzige da, und wenn ich welche hereinließ, dann will ich sie fangen! Du kannst nicht glauben, welches Vergnügen ich gehabt habe. Wie hast du denn den Tag verbracht?“
„Ich habe mich ganz gut unterhalten; aber hast du wirklich den ganzen Tag gemäht? Ich glaube, du mußt hungrig sein wie ein Wolf. Kusma hatte alles für dich fertig gemacht.“
„Nein, ich mag nicht essen, ich habe schon draußen gegessen, aber jetzt will ich gehen und mich waschen.“
„Nun, geh, ich komme dann sogleich zu dir,“ antwortete Sergey Iwanowitsch, kopfschüttelnd seinen Bruder betrachtend. „Geh nun, geh nur schnell,“ fügte er hinzu, lächelte und schickte sich, seine Bücher zusammennehmend, gleichfallszu gehen an. Er fühlte sich plötzlich bei guter Laune und verspürte keine Neigung, sich von seinem Bruder zu trennen.
„Wo warst du denn, als es regnete?“
„Regnete? Es hat ja kaum getropft! Ich werde aber sogleich wiederkommen. Du hast dich also den ganzen Tag über wohl befunden? Das ist ja hübsch.“ Lewin ging, um sich anzukleiden.
Nach Verlauf von fünf Minuten kamen die Brüder im Speisezimmer wieder zusammen. Obwohl es Lewin geschienen, als verspüre er gar keinen Hunger, setzte er sich doch zum Essen an den Tisch, um Kusma nicht zu beleidigen, als er indessen erst zu essen begonnen hatte, da zeigte sich ihm die Mahlzeit als äußerst schmackhaft. Sergey Iwanowitsch blickte ihn lächelnd an.
„Ach ja, es ist auch ein Brief für dich angekommen!“ fügte er hierauf hinzu, „Kusma, bringe ihn doch gefälligst herunter; doch sieh zu, daß die Thür wieder geschlossen wird!“
Das Schreiben war von Oblonskiy; Lewin las es laut vor. Oblonskiy schrieb von Petersburg aus: „Ich habe einen Brief von Dolly erhalten; sie befindet sich in Jerguschowo, aber es geht ihr nicht nach Wunsch. Begieb dich doch, wenn ich dich bitten dürfte, einmal zu ihr und stehe ihr mit deinem Rate bei; du kennst ja alles. Sie wird sich gewiß recht freuen, dich zu sehen. Ist sie doch ganz verlassen, die Arme, denn meine Schwiegermutter ist mit der ganzen Familie noch im Ausland.“
„Das ist ja ausgezeichnet! Ich werde ohne Zweifel zu ihnen fahren!“ rief Lewin, „wir könnten da eigentlich beide zusammen fahren! Sie ist ein so braves Weib; nicht wahr?“
„Ist es nicht zu weit?“
„Dreißig Werst, vielleicht auch vierzig. Doch der Weg ist vorzüglich; wir werden zusammen fahren.“
„Sehr angenehm,“ antwortete Sergey Iwanowitsch noch immer lächelnd. Der Anblick seines jüngeren Bruders versetzte ihn geradezu in Heiterkeit. „Guten Appetit hast du!“ sagte er, auf das über den Teller gebeugte, von der Sonne rotbraun gebrannte Gesicht und den Hals Lewins schauend.
„Außerordentlich! Du glaubst nicht, wie nützlich eine solche Methode für Thorheiten aller Art ist. Ich will die Medizin mit einem neuen deutschen Ausdruck ‚Arbeitskur‘, bereichern.“
„Die scheint aber dir doch nicht nötig zu sein.“
„Nein; nur manchen Nervenleidenden.“
„Man müßte sie versuchen. Ich hatte allerdings große Lust, zur Heuernte zu kommen, um dich zu sehen, aber die Hitze war so unerträglich, daß ich nicht weiter kam, als bis zum Walde. Da habe ich mich niedergesetzt und bin dann nach dem Dorfe hin gegangen. Ich traf auch dabei deine Amme, die ich bezüglich der Ansichten der Bauern über dich ausfrug. So weit ich verstand, billigen sie dein Vorgehen nicht, und sie sagte, das Mähen sei nicht Sache eines vornehmen Herrn. Mir scheint im allgemeinen, als ob sich in den Begriffen des Volkes die Ansichten über eine konventionell herrschaftliche Thätigkeit, wie man es nennen könnte, sehr scharf bestimmt wären; diese Bauern lassen es nicht zu, daß die Herren aus den nach ihrer Auffassung bestimmten Grenzen heraustreten.“
„Mag sein, aber es ist dies doch solch ein Vergnügen, wie ich es in meinem Leben noch nicht gehabt habe. Etwas Böses ist ja auch nicht dabei. Nicht wahr?“ antwortete Lewin. „Was ist nun zu thun, wenn es ihnen nicht gefällt? Ich denke übrigens, dies hat auch nichts auf sich. Wie?“
„Im allgemeinen,“ fuhr Sergey Iwanowitsch fort, „bist du, wie ich sehe, mit deinem Tag zufrieden.“
„Sehr zufrieden; wir haben eine ganze Wiese gemäht, und mit was für einem Alten habe ich dort Freundschaft geschlossen! Du kannst dir das nicht vorstellen, — eine Pracht!“
„Du bist also zufrieden mit deinem Tag. Ich bin es auch. Zunächst habe ich zwei Schachaufgaben gelöst, eine davon ist sehr hübsch, sie wird durch einen Bauer eröffnet und ich werde sie dir zeigen. Dann aber habe ich über unsere gestrige Unterredung nachgedacht.“
„Wie? Über unsere gestrige Unterredung?“ frug Lewin, zufrieden mit den Augen blinkernd und tief aufschnaufend nach der Beendigung der Mahlzeit. Er hatte durchaus nicht die Fähigkeit mehr, sich wieder zu vergegenwärtigen, welcher Art die gestrige Unterredung gewesen war.
„Ich finde, daß du zum Teil recht hattest. Unsere Meinungsverschiedenheit beruht darin, daß du als das treibende Moment das persönliche Interesse hinstelltest, während ichglaube, daß ein Interesse für das allgemeine Wohl bei jedem Menschen vorhanden sein muß, welcher auf einer gewissen Bildungsstufe steht. Mag sein, daß du auch damit recht hast, die materiell interessierte Thätigkeit sei die wünschenswertere. Im allgemeinen bist du eine Natur, die, wie die Franzosen sagen, allzuvielprimesautièreist; du willst eine leidenschaftliche, energische Thätigkeit, oder gar keine.“
Lewin hörte dem Bruder zu, er verstand aber durchaus nichts von dessen Worten und wollte auch nichts verstehen. Er fürchtete lediglich, der Bruder möchte ihm eine Frage stellen, bei der es sich zeigen würde, daß er gar nicht zugehört habe.
„So steht es also, Freundchen!“ sagte Sergey Iwanowitsch, ihn an der Schulter fassend.
„Ja wohl, versteht sich. Aber was ist — ich beharre ja gar nicht auf meiner Meinung,“ antwortete Lewin mit kindlichem, schuldbewußten Lächeln. — „Worin habe ich denn gestritten?“ dachte er bei sich. „Freilich ich habe recht und er hat recht, und so ist alles gut. Aber jetzt nur noch ins Kontor und Anordnungen treffen.“ Er erhob sich, dehnte sich und lächelte.
Sergey Iwanowitsch lächelte gleichfalls.
„Du willst mir aus dem Wege gehen; gehen wir zusammen,“ sagte er, im Wunsche, sich nicht von dem Bruder zu trennen, von dem es ihn mit Frische und strotzender Kraft anmutete, „komm, laß uns zusammen nach dem Kontor gehen, wenn du dorthin mußt.“
„Alle Heiligen!“ rief Lewin aus, so laut, daß Sergey Iwanowitsch erschrak.
„Was; was hast du?“
„Was macht die Hand der Agathe Michailowna?“ frug Lewin, sich vor den Kopf schlagend. „Die habe ich ja ganz vergessen!“
„Sie ist weit besser geworden.“
„Nun, gleichwohl muß ich doch einmal zu ihr laufen. Bevor du den Hut aufgesetzt hast, werde ich wieder zurückgekehrt sein.“
Wie eine Dreschmaschine mit den Absätzen polternd, eilte er zur Treppe hinab.