10.

Nachdem alles wieder in Ordnung gebracht war, und die Wagen sich wieder auf dem Wege befanden, ließ Lewin das Frühstück bringen.

„Bon appétit — bonne conscience! Ce poulet va tomber jusqu'au fond de mes bottes,“ sagte Wjeslowskij, wieder lustig geworden, mit einem französischen Sprichwort, ein zweites Hühnchen verspeisend. „Jetzt sind unsere Leiden zu Ende und alles wird nun glücklich gehen. Nur will ich wegen meines Vergehens dazu gezwungen sein, auf dem Bocke zu sitzen. Ist es nicht recht so? Nein, ich bin Automedon! Paßt auf, wie ich Euch fahren werde!“ versetzte er, ohne die Zügel loszugeben, als ihn Lewin bat, den Kutscher fahren zu lassen. „Nein; ich muß mein Vergehen wieder gut machen, und befinde mich ganz wohl auf dem Bocke,“ und er fuhr.

Lewin fürchtete ein wenig, er möchte die Pferde malträtieren, besonders das Handpferd, einen Fuchs, den er nicht zu lenken verstand; doch unwillkürlich fügte er sich seiner Heiterkeit, lauschte er den Romanzen, welche Wjeslowskij, auf dem Bocke sitzend, den ganzen Weg entlang sang, oder seinen Erzählungen und Vorführungen, wie man auf englische Manierfour in handfahre — und alle fuhren nach dem Frühstück in der heitersten Stimmung nach dem Sumpfe von Gwozdjowo.

Wasjenka trieb die Pferde so schnell, daß sie zu früh bei dem Sumpfe ankamen, und es noch immer heiß war.

Als sie bei der Niederung angelangt waren, dem Hauptziele der Fahrt, dachte Lewin unwillkürlich, wie er Wasjenka los werden und ohne eine Störung jagen könnte. StefanArkadjewitsch wünschte augenscheinlich das Nämliche, und auf seinem Gesicht sah Lewin den Ausdruck einer Besorgnis, welche bei dem echten Jäger stets vor Beginn der Jagd da zu sein pflegt, sowie den einer gewissen ihm eigenen gutmütigen Verschlagenheit.

„Wie wollen wir fahren? Der Sumpf ist ausgezeichnet, ich sehe es; auch Habichte sind da,“ sagte Stefan Arkadjewitsch auf zwei über dem Ried kreisende, große Vögel weisend. „Wo Habichte sind, ist sicher auch Wild.“

„Nun, seht ihr Herren,“ sagte Lewin, mit etwas mürrischem Ausdruck seine Stiefel hochziehend und die Pistons auf dem Gewehr nachsehend; „seht ihr diesen Ried?“ Er wies auf eine kleine, dunkel in Schwarzgrün schimmernde Insel, in einem weiten, sich auf dem rechten Ufer des Flusses ausdehnenden, bis zur Hälfte gemähten nassen Wiesengrund. „Der Sumpf beginnt hier, gerade vor uns, seht ihr — wo das Grün ist. Von da geht er rechts, wo die Pferde sind; — hier befinden sich auch Maulwurfshaufen und Bekassinen — dann rund um diese Wiese bis zu jenem Erlenwald und dicht bis zu der Mühle, dort wo man die Bucht sieht. Das ist ein ausgezeichneter Platz; ich habe einmal siebzehn Bekassinen hier geschossen; wir wollen uns nun mit den beiden Hunden nach den verschiedenen Seiten trennen, und dort bei der Mühle wieder zusammenkommen.“

„Aber wer geht rechts; wer links?“ frug Stefan Arkadjewitsch. „Rechts ist es weiter; geht dort zu Zweien, ich will links gehen,“ sagte er, so harmlos, wie er nur konnte.

„Schön; wir wollen ihn überschießen; also gehen wir, gehen wir,“ drängte Wasjenka.

Lewin konnte damit nur einverstanden sein, und so trennten sie sich. Kaum waren sie in den Sumpf gelangt, als beide Hunde gleichzeitig zu suchen begannen und nach dem Schlamme witterten. Lewin kannte dieses Suchen Laskas, vorsichtig und zurückhaltend; er kannte auch den Platz, und erwartete den Schwarm der Schnepfen.

„Wjeslowskij, geht nebenher, nebenher!“ sagte er mit leiser Stimme, zu dem im Wasser hinterher plätschernden Gefährten, dessen Gewehrlaufrichtung Lewin nach dem unvorhergesehenen Schuß am Kolpenskischen Sumpfe unwillkürlich interessierte.

„Ach nein, ich will Euch nicht im Wege sein, denkt nur nicht an mich!“

Lewin dachte aber unwillkürlich an ihn, und rief sich die Worte Kitys ins Gedächtnis, mit denen diese ihn von sich gelassen: „Paßt auf, und schießt einander nicht!“ — Näher und näher kamen die Hunde, einer am anderen vorüber und jeder seine Spur verfolgend; die Erwartung war so mächtig, daß Lewin das Schmatzen seines aus dem Schlamme emporgehobenen Stiefelabsatzes als Schrei einer Schnepfe erschien, sodaß er den Kolben des Gewehres packte und preßte.

„Puff, puff,“ klang es ihm in die Ohren. Wasjenka hatte in eine Schar Enten geschossen, welche über dem Sumpfe schwebten und jetzt bei weitem noch nicht für Jäger in Schußweite gekommen waren. Lewin hatte sich kaum umgeschaut, als eine Schnepfe schmatzte; eine zweite, eine dritte — noch acht dazu erhoben sich — eine nach der anderen.

Stefan Arkadjewitsch erlegte eine gerade im Augenblick, als sie ihre Zickzacklinien zu beschreiben begann, und die Schnepfe fiel wie ein Klumpen in den Moorgrund. Oblonskiy legte hastig auf eine zweite an, die noch niedrig flog, und auch diese fiel, zugleich mit dem Fall des Schusses, und es war deutlich zu erkennen, wie sie von dem gemähten Grunde aufsprang, mit dem heilgebliebenen weißen Flügel schlagend.

Lewin war nicht so glücklich; er hatte auf die erste Schnepfe zu nahe geschossen und gefehlt; er hatte auf sie angelegt, indem sie sich noch erhob, aber zur gleichen Zeit flog noch eine weitere dicht vor seinen Füßen auf, lenkte ihn ab, und er that einen zweiten Fehlschuß.

Während sie die Gewehre wieder luden, erhob sich eine weitere Bekassine und Wjeslowskij, der soeben zum zweitenmale geladen hatte, sandte ihr über das Wasser noch zwei Ladungen feinen Schrot nach. Stefan Arkadjewitsch sammelte seine Schnepfen und schaute mit glänzenden Augen auf Lewin.

„Nun, jetzt wollen wir uns trennen,“ sprach er, und schritt, auf dem linken Fuße hinkend, die Flinte in Bereitschaft haltend und dem Hunde pfeifend, nach der einen Seite.

Lewin mit Wjeslowskij gingen nach der anderen.

Lewin ging es stets so, daß er, wenn die ersten Schüsseunglücklich waren, in Wallung geriet, ärgerlich wurde und den ganzen Tag schlecht schoß. So war es auch jetzt.

Bekassinen zeigten sich eine Menge; dicht vor den Hunden, vor den Füßen der Jäger gingen sie unaufhörlich auf, und Lewin hätte sein Mißgeschick wieder gut machen können, aber je mehr er schoß, umsomehr blamierte er sich vor Wjeslowskij, der wohlgemut darauf losplatzte, ohne etwas zu erlegen, dadurch aber nicht im geringsten aus der Fassung kam.

Lewin geriet in Unruhe, und mehr und mehr in Hitze, so daß er beim Schießen schon fast nicht mehr hoffte, noch etwas zu erlegen. Auch Laska schien dies zu verstehen; er begann, träger zu suchen, und schaute wie zweifelnd und vorwurfsvoll auf die Jäger. Schuß auf Schuß fiel. Pulverdampf lagerte sich um die Jäger, aber in dem großen Netze der Jagdtasche befanden sich nur drei leichte kleine Bekassinen, von denen eine noch durch Wjeslowskij, eine von beiden gemeinsam erlegt war. Währenddem vernahm man auf der andern Seite des Sumpfes zwar nicht häufige, wohl aber, wie Lewin schien, bedeutungsvolle Schüsse von Stefan Arkadjewitsch, bei denen fast nach einem jeden ein: „Krak, Krak, apport!“ hörbar wurde.

Dies regte Lewin noch mehr auf; die Bekassinen kreisten ohne Aufhören in der Luft über der Niederung. Ihr Schmatzen am Boden und das Schnarren in der Höhe war ohne Unterbrechung von allen Seiten vernehmbar; die vorher aufgestiegenen, und in der Luft kreisenden Vögel ließen sich vor den Jägern nieder und anstatt zweier Habichte schwebten jetzt deren zehn pfeifend über dem Sumpfe.

Nachdem sie die größere Hälfte des Sumpfes durchschritten hatten, gelangten Lewin und Wjeslowskij zu einer Stelle, auf welcher mit langen Streifen eine Bauernwiese abgeteilt war, durch eingetretene Streifen, und durch einen gemähten Schwaden angemerkt. Die Hälfte dieser Wiese war schon gemäht.

Obwohl nun wenig Hoffnung war, auf dem nichtgemähten Teil ebensoviel zu finden, wie auf dem gemähten, so hatte Lewin Stefan Arkadjewitsch doch einmal versprochen, mit diesem wieder zusammentreffen zu wollen, und schritt er daher mit seinem Gefährten weiter durch die gemähten und ungemähten Streifen hindurch.

„He da, ihr Jäger!“ — rief ihnen aus einem Trupp Bauern, welche bei einem ausgespannten Wagen saßen, einer zu, „kommt her, eßt mit uns Mittag! Hier giebt es auch Branntwein zu trinken!“ —

Lewin schaute sich um.

„Komm nur her!“ rief ein heiterer bärtiger Landmann mit rotem Gesicht, die weißen Zähne lächelnd zeigend, und die grünliche, in der Sonne blitzende Flasche hochhaltend.

„Qu'est ce qu'ils disent?“ frug Wjeslowskij.

„Sie laden uns ein zum Branntweintrinken. Wahrscheinlich haben sie die Wiesen geteilt. Ich möchte schon einmal trinken,“ sagte Lewin nicht ohne Hintergedanken, in der Hoffnung, Wjeslowskij möchte sich vom Branntwein verführen lassen und mit zu ihnen hingehen.

„Weshalb laden sie uns ein?“ —

„Nun; sie sind guter Laune. Geht doch einmal hin zu ihnen. Es wird Euch interessieren.“

„Allons, c'est curieux.“

„Geht, geht, Ihr werdet den Weg zur Mühle schon finden!“ rief Lewin, schaute sich um, und bemerkte mit Vergnügen, daß Wjeslowskij, stolpernd und mit müden Beinen, das Gewehr in dem gestreckten Arm haltend, sich aus dem Ried zu den Bauern herausarbeitete.

„Komm du doch auch!“ rief der Bauer Lewin zu. „Alle Wetter, es giebt Pasteten zu essen!“

Lewin gelüstete es stark, einmal Branntwein zu trinken, und ein Stück Brot zu essen. Er war müde geworden und fühlte, daß er nur noch mit Mühe die einsinkenden Füße aus dem Morast zog; und einen Moment schwankte er. Doch sein Hund hatte gestellt, und sofort war alle Müdigkeit verschwunden; leicht schritt er über das Moor hin seinem Hunde zu. Unter seinen Füßen flog eine Bekassine auf, er feuerte und erlegte sie — der Hund stand noch immer. „Los!“ vor dem Hunde erhob sich eine zweite. Lewin schoß; allein der Tag war nicht glücklich; er fehlte, und als er die erlegte Schnepfe suchen wollte, fand er sie nicht einmal. Er suchte den ganzen Ried ab, aber Laska wollte nicht glauben, daß er eine Schnepfe erlegt habe, und als Lewin ihm befahl, zu suchen, that er, als ob er suche, suchte aber nicht.

Auch ohne Wasjenka, welchem Lewin sein Unglück beimaß, wurde also die Sache nicht besser. Bekassinen waren auch hier viel, aber Lewin that Fehlschuß auf Fehlschuß.

Die schrägfallenden Strahlen der Sonne waren noch heiß, die Kleider, von Schweiß durch und durch naß, klebten ihm am Leibe, der linke Stiefel, voller Wasser, war schwer und schmatzte; über das vom Pulverschmand besudelte Gesicht rann der Schweiß in Tropfen, im Munde machte sich ein bitterer Geschmack fühlbar, in der Nase Pulvergeruch und Schlammduft, und in den Ohren klang das unausgesetzte Schnarren der Schnepfen; die Flintenläufe durfte er nicht anrühren, so erhitzt waren sie, das Herz pochte ihm schnell und kurz, die Hände zitterten vor Erregung und die mattgewordenen Beine stolperten und blieben in den Maulwurfhaufen und im Morast stecken; aber er ging weiter und schoß. Endlich, nachdem er wiederum einen schmählichen Fehlschuß gethan, warf er das Gewehr und die Mütze zu Boden.

„Nein; erst muß ich zur Besinnung kommen!“ sagte er zu sich selbst. Flinte und Mütze wieder aufhebend, rief er Laska zu seinen Füßen, und verließ den Ried. Als er auf das Trockene gekommen war, setzte er sich auf einen Erdhaufen, zog sich aus, goß die Stiefel aus, ging dann zum Sumpfe zurück und trank Etwas von dem Wasser mit schlammigem Beigeschmack, feuchtete die glühenden Läufe an und wusch sich Gesicht und Hände. Nachdem er sich so erfrischt hatte, begab er sich wieder nach dem Platze, auf dem sich eine Bekassine niedergesetzt hatte, mit dem festen Vorsatz, nicht in Aufregung zu geraten.

Er wollte ruhig sein, aber es blieb beim Alten. Sein Finger berührte den Drücker früher, als er den Vogel aufs Korn genommen hatte; es ging schlechter und schlechter.

Er hatte nur fünf Stück in seiner Jagdtasche, als er aus dem Ried heraus zu dem Erlenwalde kam, wo er mit Stefan Arkadjewitsch zusammentreffen sollte.

Bevor er diesen jedoch selbst erblickte, gewahrte er seinen Hund. Hinter der Wurzel einer Erle hervor sprang Krak, ganz schwarz von übelriechendem Moorschlamm, und beschnüffelte Laska mit dem Ausdruck des Siegers. Hinter Krak erschien im Schatten der Erlen nun auch die stattliche GestaltStefan Arkadjewitschs, der ihm, rot aussehend, schweißbedeckt mit aufgeknöpftem Kragen, noch immer hinkend, entgegenkam.

„Nun, wie steht es? Ihr habt viel geschossen!“ sagte er heiter lächelnd.

„Und du?“ frug Lewin. Das Fragen war indes nicht nötig, weil er schon die gefüllte Jagdtasche erblickt hatte.

„O, nichts von Bedeutung.“

Er hatte vierzehn Stück.

„Ein famoser Sumpf! Dich, scheint es, hat Wjeslowskij gestört. Zwei mit einem Hunde, das ist allerdings unbequem,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, seine Siegesfreude bezwingend.

Als Lewin und Stefan Arkadjewitsch in der Hütte des Bauern ankamen, bei welchem Ersterer stets rastete, war Wjeslowskij bereits da. Er saß mitten in der Hütte, sich mit beiden Händen an einer Bank anhaltend, vor welcher ihn ein Soldat, der Bruder der Bauersfrau, an den schlammbedeckten Stiefeln herunterzerrte, und lachte mit seinem ansteckend lustigen Lachen.

„Ich bin soeben angekommen.Ils ont été charmants. Stellt Euch vor, sie haben mich getränkt und gefüttert! Welch ein Brot, das war wunderbar!Delicieux! Und ein Branntwein! Ich habe noch nie schmackhafteren getrunken! Und sie wollten um keinen Preis Geld nehmen! Sie sagten nur immer „Nje obsudisj!“ —

„Warum sollten sie Geld nehmen? Haben sie denn den Branntwein zum Verkauf?“ sagte der Soldat, der endlich den durchnäßten Stiefel mit dem schwarzgewordenen Strumpfe heruntergezogen hatte.

Trotz der Unsauberkeit der Hütte, welche von den Stiefeln der Jäger und den schmutzigen, sich leckenden Hunden noch erhöht wurde, trotz des Geruches nach Schlamm und Pulver, von welchem dieselbe erfüllt war, und des Fehlens von Messern und Gabeln, tranken die Jäger ihren Thee, nahmen sie ihre Abendmahlzeit mit solchem Appetit, wie man eben nur auf der Jagd ißt. Nachdem sie sich gewaschen und gereinigt hatten, gingen sie nach dem sauber gefegten Heuschuppen, wo die Kutscher den Herren ein Lager zurecht gemacht hatten.

Doch obwohl es bereits dunkelte, hatte keiner der Jäger Lust, zu schlafen.

Hin- und herschweifend zwischen den Erinnerungen und Erzählungen über das Schießen, die Hunde und frühere Jagden — war die Unterhaltung auf das alle interessierende Thema gekommen. Angesichts der bereits mehrmals wiederholten Äußerungen des Entzückens Wasjenkas über den Reiz dieses Nachtlagers, den Duft des Heues, das Anziehende eines zerbrochenen Wagens — der Wagen schien ihm zerbrochen, weil er von den Vorderrädern genommen worden war — über die Gutmütigkeit der Bauern, die ihn mit Branntwein gefüttert hatten, über die Hunde, die beide zu Füßen ihrer Herren lagen, berichtete Oblonskiy über die Reize einer Jagd bei Maltus, wo er im vergangenen Jahre gewesen war.

Maltus war ein bekannter Eisenbahnkrösus. Stefan Arkadjewitsch erzählte, was für Jagdgründe dieser Maltus im Gouvernement von Twer aufgekauft habe, und wie dieselben gepflegt würden, und weiter, was für Equipagen die Jäger geführt hätten und was für ein Zelt zum Frühstück an der Jagdniederung aufgestellt worden sei.

„Ich begreife dich nicht,“ sagte Lewin, sich auf seinem Heulager aufrichtend, „daß dir diese Leute nicht widerlich sind? Ich begreife, daß ein Frühstück mit Lafitte sehr angenehm ist, aber sollte dir gerade dieser Luxus nicht zuwider sein? Alle diese Leute, unsere einstigen Spekulanten, gewinnen ihr Geld so, daß sie mit ihrem Gewinste nur die Verachtung der Menschen verdienen; aber sie verachten diese Geringschätzung, und kaufen sich mit dem ehrlos Erworbenen von ihrer früheren Verachtung los.“

„Vollkommen richtig!“ bemerkte Wasjenka Wjeslowskij, „vollkommen; natürlich thut dies Oblonskiy nur aus Bonhomie, wie die anderen sagen; Oblonskiy fährt nicht zu ihnen“ —

„Keineswegs,“ — Lewin fühlte, wie Oblonskiy lächelte, als er dies sprach, „ich halte ihn einfach nicht für unehrlicher, als sonst einen der reichen Kaufleute und Adligen. Sowohl diese, wie jene sind reich geworden durch ihre Arbeit und ihre Intelligenz.“

„Ja, aber durch was für Arbeit? Ist das etwa Arbeit, daß sie Konzessionen erbeuten und diese weiter verkaufen?“

„Natürlich eine Arbeit. Eine Arbeit in dem Sinne, daß wenn es diese Leute oder ihnen ähnliche nicht gäbe, auch keine Eisenbahnen da wären.“

„Aber diese Arbeit ist doch nicht eine solche, wie die eines Bauern, oder des Gelehrten.“

„Nehmen wir so an; aber es ist eine Arbeit in dem Sinne, daß diese Thätigkeit ein Resultat ergiebt — die Eisenbahnen! Du freilich findest wohl, daß die Eisenbahnen ohne Nutzen sind.“

„Nein; das ist eine andere Frage; ich bin bereit anzuerkennen daß sie nützlich sind, aber jeder Erwerb, welcher der für ihn aufgewandten Mühe nicht entspricht, ist ehrlos.“

„Wer bestimmt aber dieses Verhältnis?“

„Erwerb auf unehrlichem Wege, durch Anwendung von List,“ sagte Lewin, im Gefühl, daß er die Grenze zwischen ehrlich und unehrlich nicht klar zu bestimmen wußte, „ebenso wie der Erwerb der Bankbureaus,“ fuhr er fort, „sind von Übel; sie bestehen in der mühelosen Erwerbung ungeheurer Summen, wie dies der Fall war bei den Aufkäufen; nur die Form hat sich verändert.Le roi est mort, vive le roi! Kaum hatte man die Bodenspekulation vernichtet, da erschienen die Eisenbahnen und Banken; gleichfalls ein Erwerbsbetrieb ohne Müheaufwand.“

„Ja, das kann alles recht wahr und scharfsinnig sein — leg' dich Krak“ — rief Stefan Arkadjewitsch seinem Hunde zu, der sich kratzte und das Heu durchwühlte — augenscheinlich von der Richtigkeit seiner Meinung überzeugt und daher ruhig und ohne Übereilung.

„Aber du unterscheidest nicht die Grenzen zwischen ehrlicher und unehrlicher Arbeit. Daß ich an Gehalt mehr bekomme, als mein Kanzleivorsteher, obwohl der die Sache besser versteht als ich, ist das ehrlos?“

„Ich weiß nicht.“

„Nun, so will ich dir sagen: Daß du für deinen Müheaufwand in der Landwirtschaft, sagen wir, fünftausend Rubel einnimmst, während unser Wirt hier, der Bauer, so viel er auch arbeiten mag, nicht mehr als fünfhundert hat, ist ganz ebenso ehrlos, wie, daß ich mehr als mein Kanzleivorstehererhalte, und daß Maltus mehr als ein Eisenbahnmeister einnimmt. Im Gegenteil, ich erblicke ein gewisses, durch nichts begründetes, feindseliges Verhalten der Gesellschaft diesen Leuten gegenüber, und es scheint mir, daß hier der Neid“ —

„Nein; das wäre ungerecht,“ sagte Wjeslowskij, „Neid kann es hier nicht geben, aber etwas Unsauberes liegt in diesem Geschäft.“

„Gestatte;“ fuhr Lewin fort. „Du sagst, es sei ungerecht, daß ich fünftausend Rubel habe, und der Bauer fünfhundert; das ist wahr. Es ist ungerecht, und ich fühle es, doch“ —

„Es ist so in der That. Weshalb essen wir, trinken wir, jagen wir, faulenzen wir, während er ewig, ewig bei der Arbeit ist?“ sagte Wasjenka Wjeslowskij, augenscheinlich zum erstenmal im Leben klar hierüber nachdenkend, und infolge dessen auch vollständig aufrichtig.

„Ja; du fühlst es wohl, würdest ihm aber dein Vermögen doch nicht geben,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, gleichsam mit Absicht Lewin zusetzend.

In letzter Zeit war zwischen den beiden Schwagern eine Art von verborgenem, feindseligem Verhältnis eingetreten; seit der Zeit, seit welcher sie mit den Schwestern verheiratet waren, hatte sich zwischen ihnen gleichsam ein Rivalentum darin entwickelt, wer sein Leben besser fundiert hätte, und jetzt kam diese Gegnerschaft in einem Gespräch zum Ausdruck, welches einen persönlichen Charakter anzunehmen begann.

„Ich werde es ihm deshalb nicht geben, weil es niemand von mir fordert, und wenn ich selbst wollte, würde ich es nicht können,“ versetzte Lewin, „wie überhaupt niemand.“

„Gieb es nur dem Bauer hier; er wird dir nicht abschläglich antworten.“

„Ja; aber wie soll ich es ihm geben? Soll ich mit ihm hinfahren und ihm einen Kaufbrief ausstellen?“

„Ich weiß nicht; doch wenn du überzeugt bist, daß du nicht das Recht hast“ —

„Ich bin durchaus nicht überzeugt hiervon; im Gegenteil fühle ich, daß ich nicht das Recht habe, zu verschenken, daß ich Verbindlichkeiten meinem Boden, wie meiner Familie gegenüber habe.“

„Nein doch; gestatte; wenn du urteilst, daß diese Ungleichheit eine ungerechte sei, weshalb handelst du dann nicht so?“

„Ich handle ja so; nur aber negativ; in dem Sinne, daß ich mich nicht bemühen will, jenen Unterschied der Lage, welcher zwischen mir und jenem besteht, noch zu vergrößern.“

„Nein, entschuldige, aber das ist paradox!“ —

„Ja, das ist eine etwas sophistische Erklärung,“ bestätigte Wjeslowskij. „Ah, da kommt ja unser Wirt,“ sprach er zu dem Bauer, welcher, mit der Thür kreischend, in den Schuppen trat.

„Nun, schläfst du denn noch nicht?“

„Nein; wie soll man schlafen! Ich denke immer, unsere Herren schlafen, da höre ich sie reden,“ fügte er hinzu, behutsam mit den nackten Füßen auftretend.

„Wo schläfst du denn?“

„Wir gehen auf die Nachtwache.“

„Ach, welche Nacht!“ sagte Wjeslowskij, auf die beim schwachen Scheine der Abendröte in dem großen Rahmen der jetzt offenen Thür sichtbar werdenden Umrisse der Hütte und des ausgeschirrten Wagens schauend.

„Hört nur, da singen Weiberstimmen, und wahrhaftig, nicht schlecht. Wer singt denn da, Herr Wirt!“

„Ach, das sind die Mägde, vom Hof.“

„Laßt uns hingehen; wir wollen spazieren gehen! Wir werden doch nicht schlafen; Oblonskiy, kommt mit!“

„Das wäre; ich liege, geht nur,“ antwortete Oblonskiy sich reckend, „es liegt sich ausgezeichnet hier.“

„Nun, dann gehe ich allein,“ sagte Wjeslowskij, lebhaft aufstehend und kleidete sich an. „Auf Wiedersehen denn, ihr Herren. Wenn es hübsch werden sollte, werde ich euch rufen; ihr habt mich mit Wild regaliert, und ich werde eurer nicht vergessen.“

„Nicht wahr, ein vortrefflicher Bursch?“ sprach Oblonskiy, nachdem Wjeslowskij gegangen war und der Bauer hinter ihm die Thür geschlossen hatte.

„Ja, vortrefflich,“ erwiderte Lewin, weiter über das Thema des soeben stattgehabten Gesprächs nachdenkend. Ihm schien es, als habe er, soweit er es verstand, seine Ideen und Empfindungen klar ausgesprochen, und doch hatten diese beiden,zwei nicht eben beschränkte, und aufrichtige Männer, einstimmig gesagt, daß er sich mit Sophismen tröste. Dies machte ihn ratlos.

„So, so ist es, mein Freund. Eins von beiden ist nötig; entweder zugestehen, daß die gegenwärtige Einrichtung der Gesellschaft gerecht ist, und dann deine Rechte behaupten, oder zugestehen, daß du unrechtmäßiger Vorzüge teilhaft bist —, wie ich dies thue — und von diesen mit Vergnügen Gebrauch machen.“

„Nein. Wenn das ungerecht wäre, so könntest du diese Güter nicht mit Vergnügen genießen — ich wenigstens könnte es nicht. — Mir ist die Hauptsache — ich muß fühlen, daß ich keine Schuld trage.“

„Aber wollen wir nicht doch ein wenig mitgehen?“ sagte Stefan Arkadjewitsch, augenscheinlich abgespannt von dieser Anstrengung seines Geistes. „Wir können ja doch nicht schlafen. Es ist wahr; gehen wir!“

Lewin antwortete nicht. Das im Laufe des Gesprächs geäußerte Wort, daß er, wenn auch nur im negativen Sinne, gerecht handle, beschäftigte ihn.

„Sollte man nicht auch in negativem Sinne gerecht sein können?“ frug er sich selbst.

„Wie stark doch auch das frische Heu duftet!“ sprach Stefan Arkadjewitsch, sich erhebend. „Ich kann um keinen Preis schlafen! Wasjenka hat wohl schon etwas angestiftet da drüben. Hörst du das Gelächter und seine Stimme? Wollen wir nicht hingehen? Komm!“

„Nein; ich gehe nicht mit!“ antwortete Lewin.

„Wirklich nicht? Thust du dies auch nur aus Prinzip nicht?“ sagte lächelnd Stefan Arkadjewitsch, in der Finsternis nach seiner Mütze suchend.

„Nicht aus Prinzip, aber wozu sollte ich mitkommen?“

„Weißt du, du machst dir selbst das Leben schwer,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, der die Mütze gefunden hatte, aufstehend.

„Inwiefern?“

„Sah ich denn nicht, wie du dich mit deinem Weibe gestellt hast? Ich habe gehört, wie es bei euch eine Frage der höchsten Wichtigkeit war, ob du für zwei Tage auf die Jagdfahren solltest oder nicht! Alles das ist ja ganz gut, wie ein Idyll, aber für das ganze Leben reicht es nicht zu. Der Mann muß unabhängig sein; er hat seine Mannesinteressen!“

„Der Mann muß männlich sein,“ sprach Oblonskiy, die Thür öffnend.

„Was heißt das? Etwa den Mägden die Cour schneiden?“ frug Lewin.

„Weshalb sollte man nicht einmal hingehen, wenn es dort lustig zugeht?Ça ne tire pas à conséquence. Meine Frau wird sich davon nicht schlechter und ich werde mich wohl befinden. Die Hauptsache ist aber die, daß man das Heiligtum des Hauses wahrt; damit im Hause nichts vorfällt; doch die Hände braucht man sich deshalb noch nicht zu binden!“

„Mag sein,“ versetzte Lewin trocken und wandte sich auf die Seite. „Morgen müssen wir früh aufbrechen und ich werde niemand wecken, sondern mit dem Zwielicht aufgehen.“

„Messieurs, venez vite!“ wurde die Stimme Wjeslowskijs vernehmbar, der zurückkam. „Charmante! Das habe ich entdeckt.Charmante, ein vollständiges Gretchen, und ich bin schon mit ihr bekannt geworden! Wahrhaftig reizend!“ — erzählte er mit so billigendem Gesichtsausdruck, als sei sie eigens für ihn selbst so hübsch geschaffen worden, und als sei er zufrieden mit demjenigen, der dies für ihn arrangiert hatte.

Lewin stellte sich schlafend; Oblonskiy, die Pantoffeln anziehend und eine Cigarre ansteckend, verließ den Schuppen, und bald waren beider Stimmen verklungen.

Lewin konnte lange Zeit nicht einschlafen. Er lauschte, wie seine Pferde das Heu kauten, dann wie sein Wirt mit dem ältesten Sohne sich fertig machte und zur Nachtwache abging; dann hörte er, wie der Soldat sich mit einem Neffen, dem kleinen Sohne des Hausherrn, auf der andern Seite des Schuppens schlafen legte, wie der Knabe mit seinem dünnen Stimmchen dem Onkel seine Eindrücke über die Hunde mitteilte, die ihm furchtbar und ungeheuer erschienen, ferner, wie der Knabe frug, wen diese Hunde fangen wollten, und wie der Soldat mit heiserer und schläfriger Stimme ihm sagte, daß die Jäger morgen in den Sumpf wollten und aus ihren Flinten schießen würden, und wie er schließlich, um die Fragen des Knaben los zu sein, sagte: „Schlaf, Waska, schlaf, oder“ —Bald schnarchte er selbst, und alles war still geworden; nur das Wiehern der Pferde und das Schnarren einer Schnepfe war hörbar.

„Sollte es wirklich nur negativ sein?“ wiederholte er sich, „aber was; — ich bin doch nicht schuld daran.“ — Und er begann hierauf, sich den nächsten Tag zu überlegen. „Morgen will ich früh aufbrechen und werde mir vornehmen, nicht in Aufregung zu kommen. Bekassinen giebt es eine Unmenge. Und werde ich hierher heimkehren, so wird ein Brief von Kity da sein. Ja, Stefan, hast du denn recht? Ich bin nicht männlich gegen sie, ich bin verweichlicht. Aber was thun — es ist wieder etwas Negatives.“

In sein Träumen hinein vernahm er das Lachen und das heitere Geschwätz Wjeslowskijs und Stefan Arkadjewitschs. Für einen Augenblick öffnete er die Augen; der Mond war aufgegangen und durch die geöffnete Thür, hell von dem Mondlicht beleuchtet, sah er sie stehen und plaudern.

Stefan Arkadjewitsch hatte etwas über die Frische der Mädchen gesagt und sie mit einer eben von der Schale befreiten frischen Nuß verglichen, und Wjeslowskij mit seinem ansteckenden Gelächter, wiederholte wahrscheinlich die ihm von dem Bauer gesagten Worte: „Mach dich soviel als möglich an dein Mädchen heran!“

Lewin murmelte im Schlafe:

„Ihr Herren, morgen mit Tagesanbruch!“ und entschlummerte.

Als Lewin mit dem frühen Morgenrot erwacht war, versuchte er es, die Gefährten zu wecken. Wasjenka, auf dem Bauche liegend und den einen Fuß noch mit dem Strumpfe von sich streckend, schlief so fest, daß keine Antwort von ihm zu erhalten war.

Oblonskiy weigerte sich im Schlafe, so früh aufzubrechen und selbst Laska, verschlafen und im Kreis zusammengeringelt, am Rande des Schuppens liegend, erhob sich nur ungern und streckte träge, eins nach dem andern, die Hinterbeine von sich.

Nachdem Lewin sich angekleidet hatte, ergriff er das Gewehr, öffnete sachte die kreischende Thür des Schuppens, undtrat auf die Gasse hinaus. Die Kutscher schliefen bei den Wagen, die Pferde träumten; nur eines fraß faul seinen Hafer, ihn mit seinem Schnauben auf der Holzkrippe auseinanderblasend.

Auf dem Hofe war alles noch grau.

„So früh schon auf, Herr?“ wandte sich, freundlich, wie zu einem alten guten Bekannten, die alte Hausmutter, welche aus dem Bauernhause kam, an ihn.

„Ja, es soll zur Jagd gehen, Mütterchen! Komme ich dort nach dem Sumpfe?“

„Gerade durch die Gärten, unsere Tennen, lieber Mann, und die Hanffelder; dort geht der Weg.“

Behutsam mit den nackten, gebräunten Füßen auftretend, führte die Alte Lewin und öffnete ihm den Verschlag bei der Tenne.

„Geradeaus so und du kommst in den Sumpf; unsere Kinder haben dort Nachtweide gehabt.“

Laska lief lustig voraus auf dem Fußsteig; Lewin folgte ihm mit schnellem, leichtem Schritt, fortwährend nach dem Himmel schauend. Er wünschte, die Sonne möchte nicht früher aufgehen, als bis er zum Ried gekommen wäre, doch die Sonne säumte nicht. Der Mond, welcher noch schien, als er herausgetreten war, glänzte jetzt nur noch wie ein Stück Quecksilber. Das Morgenrot, welches man vorher deutlich sehen mußte, war jetzt zu suchen, und vorher unbestimmt gewesene Flecken im fernen Felde waren jetzt klar sichtbar; es waren Kornfeime. Der ohne das Sonnenlicht noch nicht sichtbar gewesene Thau in dem duftenden, hohen Hanf durchnäßte die Füße und die Bluse Lewins bis über den Gürtel. In der klaren Ruhe des Morgens waren die leisesten Geräusche vernehmlich. Eine Biene flog mit dem Sausen der Kugel an Lewins Ohr vorüber. Er schaute auf und sah eine zweite, eine dritte. Sie alle kamen hinter dem Zaune des Bienengartens hervorgeflogen und verschwanden über dem Hanf in der Richtung nach dem Ried. Der Fußsteig führte gerade aus in den Sumpf, und diesen selbst konnte man schon an den Dünsten erkennen, welche sich aus ihm erhoben, hier dichter, dort weniger dicht, so daß die Wiese und Gebüsche wie kleine Inseln in dem Nebel flimmerten.

Am Rande der Niederung und des Weges lagen Knaben und Bauern, welche die Nacht beim Vieh gewacht hatten und im Morgenrot alle unter ihren Kaftanen schliefen. Unweit von ihnen gingen drei gefesselte Pferde; eines derselben klirrte in seinen Ketten. Laska ging neben seinem Herrn, nach vorwärts strebend und sich umblickend.

Nachdem Lewin bei den schlafenden Bauern vorübergegangen und an die erste Wasserstelle gelangt war, besichtigte er die Pistons und ließ den Hund los. Eines der Pferde, ein gutgefütterter, brauner Dreijähriger, erschrak, als er den Hund erblickte, hob den Schweif und schnob. Die übrigen Pferde gerieten gleichfalls in Schrecken, und eilten mit den gefesselten Beinen im Wasser plätschernd, und mit den aus dem dichten Lehm gezogenen Hufen einen Lärm verursachend, welcher dem Klopfen ähnlich war, aus dem Sumpfe.

Laska war stehen geblieben, schaute spöttisch auf die Pferde und fragend auf Lewin. Dieser streichelte den Hund, und pfiff, zum Zeichen, daß er nun beginnen könne.

Munter und vorsichtig eilte Laska über das unter ihm schwankende Moor.

Als er in den Sumpf geeilt war, witterte er unter den ihm vertrauten Gerüchen und Sumpfgräsern, des Schlammes und des hier nicht hergehörigen Duftes von Pferdemist, der in diesem ganzen Revier verbreitet war, den Geruch eines Vogels, des Vogels, der ihn mehr als alle anderen Witterungen in Aufregung versetzte.

An manchen Stellen im Moos und bei Sumpfpflanzen war dieser Geruch sehr stark, aber es ließ sich nicht entscheiden, nach welcher Seite hin er zunahm oder schwächer wurde.

Um die Richtung zu finden, war es nötig, weiter unter den Wind zu gehen. Ohne die Bewegung seiner Füße zu fühlen, eilte Laska in scharfem Galopp, doch derart, daß er bei jedem Sprung Halt machen konnte, wenn es nötig werden sollte, nach rechts, hinweg von dem von Osten her wehenden leichten Morgenwind, und wandte sich dann gegen denselben. Mit offener Nase die Luft in sich einziehend, witterte er sogleich, daß nicht nur die Spuren von ihnen, sondern sie selbst da waren, in seiner Nähe, und nicht vereinzelt, sondern viele. Laska verminderte die Schnelligkeit seines Laufes.Sie waren da, aber wo, vermochte er noch nicht zu bestimmen.

Um den Ort nun zu finden, begann er bereits einen Kreislauf, als ihn die Stimme seines Herrn davon abzog. „Laska, dort,“ sagte er, ihn auf die andere Seite weisend. Der Hund stand, und frug ihn, ob es nicht besser wäre, zu thun, wie er begonnen hätte. Doch der Herr wiederholte mit strenger Stimme seinen Befehl, auf einen mit Wasser überdeckten Fleck zeigend, wo nichts sein konnte.

Er gehorchte ihm, sich stellend als suche er, um ihm Vergnügen zu machen, durchstreifte den Fleck und kehrte dann zu seinem alten Platz zurück, und sofort witterte er die Vögel wieder. Jetzt, da sein Herr ihn nicht mehr störte, erkannte er, was zu thun sei, und begann, ohne auf seine Füße acht zu haben und ärgerlich über die hohen Erdhügel strauchelnd, oder ins Wasser fallend, aber mit flinken starken Füßen seinen Kreislauf, welcher ihm alles klarmachen mußte.

Der Geruch der Vögel wurde stärker und stärker, er drang immer bestimmter und bestimmter auf ihn ein, und plötzlich war es ihm vollkommen klar, daß einer derselben dort, hinter jenem Erdhügel sei, fünf Schritte vor ihm; und er blieb stehen, blieb unbeweglich mit dem ganzen Körper.

Auf seinen niederen Beinen konnte er vor sich nichts sehen, an der Witterung aber erkannte er, daß der Vogel nicht weiter als fünf Schritt entfernt von ihm saß. Er stand, mehr und mehr des Wildes Nähe fühlend und sich in der Erwartung freuend. Die steife Rute war hochgestreckt und bebte nur ganz am Ende. Sein Maul war leicht geöffnet, die Ohren waren gespitzt. Das eine Ohr hatte sich noch während des Laufs zurückgelegt, und er atmete schwer, aber vorsichtig, und schaute sich noch vorsichtiger nach seinem Herrn um, mehr mit den Augen, als mit dem Kopfe. — Dieser, mit seinem gewohnten Gesicht, aber den ihm stets furchtbaren Augen, kam, über die Erdhaufen strauchelnd, ungewöhnlich gemächlich, wie ihm schien, und doch lief er.

Als Lewin das seltsame Suchen Laskas bemerkt hatte, wie sich dieser ganz zur Erde drückte, mit großen Schritten der Hinterfüße gleichsam rudernd, das Maul leicht geöffnet, erkannte er, daß Laska einer Schnepfe nachspüre und eilte, imGeiste Gott bittend, daß er ihm Erfolg, besonders für den ersten Vogel verleihe, zu dem Hunde.

Als er nahe an diesen herangekommen war, hielt er in seiner Größe vor sich Umschau und erblickte mit den Augen, was sein Hund mit der Nase erkannt hatte. In einem Schlupfwinkel zwischen zwei Erdhügeln, in der Entfernung von einem Faden, war eine Bekassine sichtbar. Den Kopf gewendet, lauschte sie; dann plötzlich die Flügel leise reckend und sie wieder zusammenlegend, schüttelte sie das Hinterteil und verbarg sich hinter einer Ecke.

„Stell, stell!“ rief Lewin, Laska in den Rücken stoßend.

„Ich kann ja nicht,“ dachte Laska, „wohin soll ich gehen? Von dorther wittere ich die Vögel, aber wenn ich mich vorwärts bewege, werde ich nicht erfahren, wo sie sind.“ Doch er stieß den Hund mit dem Knie und sprach in aufgeregtem Flüsterton, „stell, mein Laska, stell!“

„Nun, wenn er es denn will, werde ich es thun, doch ich bin jetzt für nichts mehr verantwortlich,“ dachte Laska, und drang in vollem Laufe vorwärts zwischen den Erdhügeln. Er hatte bis jetzt noch nichts gemerkt und nur geschaut und gelauscht, ohne etwas zu erfassen.

Zehn Schritte von seinem vorigen Platze erhob sich mit breitem Schnarchen und dem den Schnepfen eigenen vollen Ton des Flügelschlags eine Schnepfe, stürzte aber sofort auf den Schuß schwer platschend mit der weißen Brust auf den nassen Moor herab. Eine zweite ließ nicht auf sich warten und stieg hinter Lewin ohne Hund auf.

Als Lewin sich nach ihr umwandte, war sie schon weit entfernt, aber sein Schuß erreichte sie. Nachdem sie zwanzig Schritt geflogen war, stürzte sie, sich steil im Kreise erhebend und überschlagend, wie ein geworfener Ball schwer auf einen trockenen Platz herab.

„So hat das Ding Sinn!“ dachte Lewin, die noch warmen, fetten Vögel in seiner Jagdtasche bergend, „nicht so, Laskchen, das wird etwas werden?“

Als Lewin, nachdem er das Gewehr wieder geladen hatte, sich weiter bewegte, war die Sonne, obwohl hinter den Wolken noch nicht sichtbar, bereits aufgegangen. Der Mond, seines Schimmers ganz verlustig gegangen, stand bleich wie eineWolke am Himmel, und von den Sternen war kein einziger mehr sichtbar. Der Morast sah wie Bernstein aus; die Bläue der Gräser ging über in gelbes Grün. Die kleinen Sumpfvögel tummelten sich auf den von Thau schimmernden, lange Schatten am Bache werfenden Büschen. Ein Habicht war erwacht und saß auf einem Schober, den Kopf von einer Seite auf die andere wendend und grießgrämig auf den Sumpf blickend. Dohlen flogen auf das Feld, und ein barfüßiger Junge trieb schon die Pferde zu dem sich unter seinem Kaftan aufrichtenden, und sich kratzenden Alten. Der Rauch der Schüsse lag weiß wie Milch auf dem Grün des Grases.

Einer der Knaben kam zu Lewin gelaufen.

„Herr, gestern waren da Enten!“ rief er ihm zu und folgte ihm aus der Ferne.

Lewin gewährte es doppeltes Vergnügen, vor den Augen des Knaben, welcher seine Freude darüber ausdrückte, noch Schlag auf Schlag drei Bekassinen erlegen zu können.

Die alte Jägererfahrung, daß wenn das erste Wild, der erste Vogel, nicht gefehlt worden ist, das Revier günstig bleibt, erwies sich als richtig.

Müde und hungrig, aber beglückt, kehrte Lewin um zehn Uhr morgens, dreißig Werst hinter sich, mit neunzehn Stück schönen Wildprets und einer Ente, die er an den Gürtel gebunden hatte, da sie schon nicht mehr in die Jagdtasche ging, in sein Quartier zurück. Seine Gefährten hatten schon längst ausgeschlafen, hatten Hunger empfunden und gefrühstückt.

„Halt, halt, ich weiß doch, daß es neunzehn sind,“ sagte Lewin, zum zweitenmal die Schnepfen durchzählend, welche jetzt nicht mehr den charakteristischen Anblick zeigten, den sie boten, wie sie aufflogen; zusammengekrümmt und eingeschrumpft, mit dem geronnenen Blute und seitwärts herniederhängenden Köpfchen.

Die Rechnung stimmte und der Neid Stefan Arkadjewitschs kitzelte Lewin. Noch angenehmer aber war ihm, daß er, als er in das Quartier zurückkam, schon einen Boten mit einem Brief von Kity antraf.

„Ich bin gesund und munter. Wenn du Besorgnis ummich hegst, so kannst du wohl noch ruhiger sein, als zuvor. Ich habe jetzt einen neuen Leibhüter, Marja Wlasjewna,“ dies war die Wehfrau, eine neue und wichtige Persönlichkeit im Familienleben Lewins. „Sie ist gekommen, um sich nach mir zu erkundigen, und hat mich vollständig gesund befunden; wir haben sie bis zu deiner Rückkunft dabehalten. Alles ist gesund und munter, aber, bitte, übereile dich nicht, und bleibe, wenn die Jagd gut ist, noch einen Tag.“

Diese beiden freudigen Ereignisse, die glückliche Jagd und der Brief seiner Gattin, waren so schwerwiegend, daß zwei kleine Unannehmlichkeiten nach der Jagd von Lewin leicht verwunden wurden. Die eine bestand darin, daß das braune Handpferd, welches gestern offenbar zu viel geleistet hatte, nicht fraß und den Kopf hängen ließ. Der Kutscher sagte, es sei kreuzlahm.

„Ihr habt es gestern übertrieben, Konstantin Dmitritsch,“ sagte er; „zehn Werst sind wir gar nicht auf dem Weg gefahren.“

Die andere Unannehmlichkeit, die im ersten Augenblick seine gute Laune verdarb, über die er indessen später viel lachte, bestand darin, daß von dem ganzen Vorrat an Lebensmitteln, der von Kity in solcher Fülle mitgegeben worden war, daß es schien, als könne er in einer Woche nicht aufgezehrt werden, nichts mehr übrig war.

Müde und hungrig von der Jagd heimkehrend, hatte Lewin so lebhaft von den Pasteten geträumt, daß er, dem Quartier näher kommend, schon den Duft und den Geschmack derselben im Munde witterte, wie Laska das Wild, und sogleich Philipp befahl, sie ihm zu bringen. Da aber stellte sich heraus, daß nicht nur keine Pasteten, sondern auch keine jungen Hühner mehr da waren.

„Es gab schon Appetit,“ sagte Stefan Arkadjewitsch lachend, auf Wasjenka Wjeslowskij weisend; „ich leide doch nicht gerade Mangel an Appetit, aber dies war bewundernswert“ —

„Nun, aber was jetzt thun!“ sagte Lewin, mürrisch auf Wjeslowskij blickend; „Philipp, so gieb mir Rindfleisch!“

„Das Rindfleisch haben wir gegessen und die Knochen den Hunden gegeben,“ antwortete Philipp.

Lewin ärgerte sich hierüber so, daß er voll Verdruß sagte: „Hätten sie mir auch nur wenigstens etwas übrig gelassen!“ und das Weinen stand ihm nahe.

„So weide denn ein Stück Wildbret aus,“ sagte er mit bebender Stimme zu Philipp, es vermeidend, Wasjenka anzublicken, „und lege Nesseln dazu. Laß dir wenigstens etwas Milch für mich geben.“

Bald darauf indessen, nachdem er die Milch getrunken hatte, that es ihm leid, daß er seinen Verdruß einem fremden Menschen gegenüber ausgesprochen hatte, und er begann über seinen hungrigen Zorn zu lachen.

Am Abend machten sie noch einen Streifzug, in welchem auch Wasjenka mehrere Stück erlegte und kehrten nachts heim.

Die Heimfahrt war ebenso vergnügt, wie die Herfahrt. Wjeslowskij sang bald, bald gedachte er mit Wonne seiner Erlebnisse bei den Bauern, die ihn mit Branntwein bewirtet und ihm gesagt hatten, er solle sich nicht besinnen; bald seiner nächtlichen Abenteuer mit den Nüssen und der Magd und dem Bauer, der ihn gefragt hatte, ob er verheiratet sei, und nachdem er erfahren, es wäre nicht der Fall, ihm gesagt hatte, er solle sich nicht um die Frauen anderer kümmern, sondern möglichst bald selber heiraten. Diese Worte hatten Wjeslowskij ganz besonders heiter gestimmt.

„Im allgemeinen bin ich außerordentlich zufrieden mit unserer Fahrt. Und Ihr, Lewin?“

„Ich bin auch sehr zufrieden,“ antwortete dieser, dem es recht froh zu Mut war, aufrichtig. Er empfand nicht nur keine Feindseligkeit mehr, wie er sie in dem Hause gegen Wasjenka Wjeslowskij gehegt hatte, sondern, im Gegenteil, die freundschaftlichste Gesinnung für denselben.

Am andern Tag um zehn Uhr klopfte Lewin, der schon die Ökonomie inspiziert hatte, an das Zimmer, in welchem Wasjenka übernachtete.

„Entrez!“ rief ihm dieser entgegen. „Ihr entschuldigt mich wohl, ich bin soeben erst mit meinenablutionsfertig,“ sagte er lächelnd, im bloßen Hemde vor ihm stehend.

„Laßt Euch nicht stören, bitte,“ sagte Lewin und setzte sich ans Fenster. „Habt Ihr gut geschlafen?“

„Wie ein Toter. Was für ein Tag doch heute zur Jagd wäre!“

„Trinkt Ihr Thee oder Kaffee?“

„Weder dies, noch das: ich frühstücke. Mir liegt übrigens etwas auf dem Herzen. Haben sich die Damen bereits erhoben? Jetzt läßt sichs vortrefflich einen Rundgang machen. Zeigt mir doch einmal Eure Pferde!“

Nachdem Lewin mit durch den Garten gegangen und im Pferdestall eine Weile gewesen, selbst einige gymnastische Übungen mit ihm am Barren gemacht hatte, wandte er sich mit seinem Gaste dem Hause wieder zu und trat mit ihm in den Salon.

„Wir haben vortrefflich gejagt, und wieviele Eindrücke empfangen,“ sagte Wjeslowskij, zu Kity gehend, welche hinter dem Ssamowar saß. „Wie schade, daß die Damen dieser Vergnügungen beraubt sind.“

„Nun, er muß doch mit der Frau des Hauses sprechen,“ dachte Lewin bei sich; es zeigte sich ihm wiederum Etwas in dem Lächeln in jenem triumphierenden Ausdruck, mit dem sich der Besucher an Kity wandte.

Die Fürstin, jenseits des Tisches mit Marja Wlasjewna und Stefan Arkadjewitsch sitzend, rief Lewin zu sich und begann mit ihm ein Gespräch über die Umsiedelung nach Moskau wegen der Niederkunft Kitys und der Anstalt zur Bestimmung eines Quartiers.

Wie für Lewin schon alle Vorbereitungen bei der Hochzeit unangenehm gewesen waren, die mit ihrer Niedrigkeit die Erhabenheit dessen, was sich vollzog, beeinträchtigten, so erschienen ihm die Anstalten für die bevorstehende Niederkunft, deren Zeit gleichsam an den Fingern abgezählt wurde, noch verletzender. Er suchte geflissentlich während dieser ganzen Zeit, die Gespräche über die Art der Windelung des zu erwartenden Kindes zu überhören; er bemühte sich, gewisse geheimnisvolle endlose gestrickte Streifen, gewisse dreieckige Stückchen Leinwand, denen namentlich Dolly eine besondere Wichtigkeit beimaß, und andere Dinge von sich zu weisen und nicht zu sehen.

Das Ereignis der Geburt eines Sohnes — er war überzeugt,es werde ein Sohn sein — das man ihm in Aussicht gestellt hatte, an welches er aber gleichwohl nicht zu glauben vermochte, so ungewöhnlich dünkte es ihm — erschien ihm einerseits als ein so ungeheuerliches und daher unmögliches Glück, anderseits als ein so geheimnisvoller Vorgang — daß diese vermeintliche Kenntnis dessen, was kommen würde, und demnach die Vorbereitung dazu als zu etwas Gewöhnlichem, von Menschen herbeigeführtem, ihm ärgerlich und herabwürdigend vorkam.

Aber die Fürstin verstand seine Empfindungen nicht; sie erklärte seine Unlust, darüber zu denken, zu sprechen, als Leichtsinn und Gleichgültigkeit; und ließ ihn infolge dessen nicht in Ruhe. Sie übertrug es Stefan Arkadjewitsch, eine Wohnung zu besichtigen, und rief nun Lewin zu sich.

„Ich weiß nichts, Fürstin. Thut, was Ihr wollt,“ sagte dieser.

„Es muß aber ein Entschluß gefaßt werden, wann Ihr übersiedelt.“

„Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nur, daß Kinder zu Millionen auch ohne Moskau geboren werden, und ohne Ärzte — wozu das“ —

„Aber wenn es so steht“ —

„Nun; wie Kity will“ —

„Mit Kity läßt sich hierüber nicht reden. Wie; willst du, daß ich sie erschrecken soll? In diesem Frühling ist die Nataly Galizina gestorben durch die Schuld eines Geburtsfehlers.“

„Wie Ihr sagt, werde ich thun,“ sagte er finster.

Die Fürstin begann nun mit ihm weiter zu sprechen, aber er hörte sie gar nicht. Obwohl ihn das Gespräch mit der Fürstin verstimmte, wurde er nicht infolge desselben mißlaunig, sondern durch das, was er bei dem Ssamowar sah.

„Nein; es ist unmöglich,“ dachte er, bisweilen nach Wasjenka blickend, der zu Kity herniedergebeugt, dieser mit seinem hübschen Lächeln etwas erzählte, und sie anblickte, die errötete und erregt war. Es lag etwas Indecentes in der Stellung Wasjenkas, in seinem Blick, und seinem Lächeln. Lewin sah sogar etwas Indecentes auch in der Haltung und im Blick Kitys. Und wiederum verfinsterte sich die Welt vor seinenAugen. Wiederum, wie gestern, plötzlich, ohne den geringsten Übergang, fühlte er sich von der Höhe seines Glückes, seiner Ruhe und Würde herabgeschleudert, in einen Abgrund der Verzweiflung, Wut und Erniedrigung. Wiederum wurde ihm jedermann und alles widerlich.

„Macht was Ihr wollt, Fürstin,“ sagte er nochmals, sich umblickend.

„Es ist gar schwer, alles allein thun zu sollen,“ sagte Stefan Arkadjewitsch scherzweise zu ihm, offenbar nicht nur auf das Gespräch mit der Fürstin deutend, sondern auch auf die Ursache der Aufregung Lewins, welche er bemerkt hatte. „Wie kommst du heute so spät, Dolly!“

Alles erhob sich, um Darja Alexandrowna zu begrüßen. Wasjenka stand nur für eine Minute auf, und verbeugte sich kaum, mit dem den neumodischen jungen Herrn eigenem Mangel an Höflichkeit gegen die Damen, worauf er seine Unterhaltung wieder fortsetzte, über irgend etwas in Gelächter ausbrechend.

„Mich hat Mascha gepeinigt. Sie schlief schlecht und ist heute entsetzlich launisch gewesen,“ sagte Dolly.

Das Gespräch, welches Wasjenka und Kity pflogen, drehte sich wiederum um das gestrige Thema, um Anna und die Frage, ob die Liebe höher stehen könne als die Gesetze der Welt.

Kity war das Gespräch unangenehm geworden; es regte sie schon durch seinen Inhalt auf, sowie durch den Ton, in welchem es geführt wurde, namentlich aber dadurch, daß sie schon inne geworden war, wie es auf ihren Mann wirke. Sie war indessen zu naiv und zu unschuldig, um es zu verstehen, das Gespräch abzubrechen, etwa schon um deswillen, jenes äußere Behagen, welches ihr die sichtliche Aufmerksamkeit dieses jungen Mannes verursachte, zu verbergen.

Sie wollte das Gespräch abbrechen, wußte aber nicht, was sie da zu thun habe. Was sie auch alles thun mochte, sie wußte, es wurde von ihrem Gatten bemerkt, und alles werde auch nach der üblen Seite ausgelegt werden.

Und in der That, als sie Dolly frug, was mit Mascha sei, und Wasjenka wartete, bis dieses für ihn langweilige Gespräch vorüber sein werde, und er sich einstweilen damit beschäftigte,Dolly gleichgültig anzuschauen, so erschien Lewin diese Frage unnatürlich und anwidernd in ihrer Verschmitztheit.

„Nun; werden wir denn heute in die Pilze gehen?“ frug Dolly.

„Laß uns gehen, bitte; auch ich komme mit!“ sagte Kity und errötete. Sie wollte Wasjenka aus Höflichkeit fragen, ob er mitkäme, frug aber nicht. „Wohin willst du, Konstantin?“ frug sie mit schuldbewußtem Ausdruck ihren Gatten, als dieser mit entschlossenem Schritt an ihr vorüberging. Dieser schuldbewußte Ausdruck bestätigte alle seine Zweifel.

„In meiner Abwesenheit ist ein Maschinist angekommen, ich habe ihn noch nicht gesehen,“ sagte er, ohne sie anzublicken. Er ging hinab, hatte aber das Kabinett noch nicht verlassen, als er die wohlbekannten Schritte seiner Frau vernahm, die ihm unvorsichtig schnell nachkam. „Was willst du?“ sagte er lakonisch zu ihr. „Ich bin beschäftigt.“

„Entschuldigt,“ wandte sie sich an den deutschen Maschinisten, „ich habe einige Worte mit meinem Manne zu sprechen.“

Der Deutsche wollte gehen, doch Lewin sagte zu ihm:

„Laßt Euch nicht stören.“

„Den Dreiuhrzug?“ frug der Deutsche, „sollte man sich nicht verspätigen können?“

Lewin antwortete ihm nicht, sondern ging mit seiner Frau hinaus.

„Nun, was habt Ihr mir zu sagen?“ sprach er auf französisch.

Er blickte nicht in ihr Gesicht, wollte nicht sehen, daß sie, in ihrem Gesundheitszustand im ganzen Gesicht bebte und einen kläglichen beschämten Ausdruck zeigte.

„Ich — ich will sagen, daß man so nicht leben kann, daß das eine Marter ist,“ fuhr sie fort.

„Es sind Leute dort im Büffett,“ sprach er zornig, „macht keine Scene!“

„Nun; gehen wir hierher!“

Sie standen in einem Zwischenzimmer. Kity wollte in das Nebenzimmer treten, doch dort unterrichtete die Engländerin Tanja.

„So wollen wir in den Garten gehen.“

Im Garten stießen sie auf einen Mann, welcher den Weg säuberte. Aber ohne daran zu denken, daß der Mann ihr verweintes Gesicht sehe und Lewins erregte Züge, ohne daran zu denken, daß sie den Anblick von Menschen boten, welche vor einem Unglück fliehen, gingen sie mit schnellen Schritten vorwärts im Gefühl, daß sie sich aussprechen und gegenseitig überzeugen müßten; von einer und derselben Qual eingenommen oder befreit werden müßten, die sie beide empfanden.

„So läßt sich nicht leben! Das ist eine Qual! Ich leide, du leidest! Und weshalb?“ sagte sie, als beide endlich zu einer abgelegenen Bank in der Ecke einer Lindenallee gekommen waren.

„Sage mir nur das Eine: War in seinem Tone etwas Unehrerbietiges, Unlauteres, Erniedrigendes?“ sprach er, vor sie wieder in der nämlichen Stellung tretend, die Fäuste auf der Brust, wie er in jener Nacht vor ihr gestanden.

„Es lag etwas darin,“ sagte sie mit zitternder Stimme. „Aber, mein Konstantin, siehst du denn nicht, daß ich gar nicht schuldig bin? Seit dem Morgen schon wollte ich einen Ton annehmen — aber diese Menschen — warum ist er nur gekommen? Wie glücklich waren wir!“ sprach sie, tiefatmend vor Schluchzen, welches ihren sich allmählich füllenden Körper hob.

Der Gärtner sah mit Verwunderung — trotzdem, daß sie nichts verfolgte und sie nichts zu fliehen hatten, daß auch auf der Bank nichts besonderes Erfreuliches zu finden sein konnte — daß sie an ihm vorüber nach dem Hause zurückkehrten, mit beruhigten, freudeschimmernden Gesichtern.

Nachdem Lewin sein Weib hinausbegleitet hatte, begab er sich in die Gemächer Dollys. Darja Aleksandrowna ihrerseits war den ganzen Tag in großer Erbitterung gewesen. Sie ging im Zimmer auf und ab und sprach zornig zu ihrem in der Ecke stehenden weinenden kleinen Töchterchen.

„Den ganzen Tag wirst du in der Ecke stehen und allein zu Mittag essen; du sollst nicht eine einzige Puppe mehr zu sehen bekommen und auch kein neues Kleid laß ich dir machen,“ sprach sie, gar nicht mehr wissend, womit sie sie noch weiterstrafen sollte. „Nein, ist das ein häßliches Kind!“ wandte sie sich zu Lewin. „Woher kommen bei ihr diese schlimmen Neigungen?“

„Was hat sie denn begangen?“ sagte ziemlich gleichgültig Lewin, der sich über seine eigene Angelegenheit Rats zu erholen gewünscht hatte, und dem es daher verdrießlich war, daß er zur unrechten Zeit kam.

„Sie sind mit Grischa nach den Himbeeren gegangen und dort — ich kann dir gar nicht sagen, was sie gethan hat! Tausendmal bedauere ich Miß Elliot. Die jetzige Gouvernante übt um keinen Preis Aufsicht. Sie ist eine Maschine.Figurez vous, que la petite“ — und Darja Aleksandrowna erzählte das Vergehen Maschas.

„Dies beweist noch gar nichts; dies sind durchaus keine häßlichen Neigungen, es ist einfach Mitleid,“ beruhigte sie Lewin.

„Aber du bist wie mißgestimmt? Weshalb kamst du?“ frug Dolly, „wie geht es drüben?“

An dem Tone dieser Frage hörte Lewin, daß es ihm leicht sein würde, zu sagen, was er zu sagen beabsichtigte.

„Ich war nicht drüben, ich war mit Kity allein im Garten. Wir haben uns ein zweites Mal gezankt, seit — Stefan gekommen ist.“ —

Dolly blickte ihn mit klugen, verständnisvollen Augen an.

„Nun, sag' mir, Hand aufs Herz, wäre etwa nicht — nicht bei Kity, sondern bei jenem Herrn ein Ton, welcher unangenehm werden kann, nicht nur unangenehm, sondern furchtbar, verletzend für einen Gatten?“

„Das heißt — wie soll ich sagen — du bleibst stehen, in der Ecke!“ — wandte sie sich zu Mascha, welche, ein kaum bemerkbares Lächeln auf dem Gesicht der Mutter gewahrend, sich umgedreht hatte; „die Meinung der Welt wäre die, daß er sich benimmt, wie sich alle jungen Männer benehmen.Il fait la cour à une jeune et jolie femme, ein Mann von Welt aber darf nur geschmeichelt sein hiervon.“

„Ja, ja,“ versetzte Lewin düster, „aber hast du es bemerkt?“

„Nicht nur ich, auch Stefan hat es bemerkt. Er hat mir nach dem Thee offen gesagt,je crois, que Weslowskij fait un petit brin de cour à Kity.“

„Schön; jetzt bin ich beruhigt. Ich werde ihn davonjagen,“ sagte Lewin.

„Was willst du, hast du den Verstand verloren?“ rief Dolly mit Schrecken. „Was thust du, Konstantin, komme zur Besinnung!“ sagte sie dann lachend — „jetzt kannst du zu Fanny gehen“ — wandte sie sich zu Mascha. — „Nein; wenn du schon willst, so werde ich es Stefan sagen; er mag ihn mit fortnehmen. Man kann ja sagen, du erwartetest Gäste. Überhaupt gehört er ja nicht zu unserem Hause.“

„Nein; das sage ich auch.“

„Aber du wirst Händel suchen?“

„Keineswegs. Mir wird es so ganz lieb sein,“ sagte Lewin, in der That mit heiter glänzenden Augen. „Nun aber vergieb ihr, Dolly; sie wird es nicht wieder thun,“ sagte er zu der kleinen Sünderin, die nicht zu Fanny ging und unentschlossen vor der Mutter stand von unten her schielend und wartend, und ihren Blick suchend.

Die Mutter schaute sie an. Das Kind begann zu schluchzen und vergrub das Gesicht zwischen die Kniee der Mutter, Dolly aber legte ihre hagere, zarte Hand auf des Kindes Haupt.

„Was ist denn Gemeinsames zwischen uns und ihm?“ dachte Lewin, und ging, um Wjeslowskij aufzusuchen.

Als er durch das Vorzimmer ging, befahl er anzuspannen, um auf die Station fahren zu können.

„Es ist gestern die Feder gebrochen,“ antwortete der Diener.

„Dann nehmt den Tarantaß, aber schnell! Wo ist der Besuch?“

Sie gingen nach seinem Zimmer.

Lewin traf Wasjenka gerade, als dieser, der seine Sachen aus dem Koffer ausgepackt und neue Romanzen aufgeschlagen hatte, Gamaschen zum Reiten anprobierte.

Lag nun im Gesicht Lewins etwas Besonderes, oder empfand Wasjenka selbst, daßce petit brin de cour, den er angestiftet, in dieser Familie unstatthaft wäre; genug, er wurde ein wenig — soviel dies eben ein Weltmann werden kann — verlegen beim Eintritt Lewins.

„Ihr wollt in Gamaschen reiten?“

„Ja; das ist bei weitem sauberer,“ sagte Wasjenka, denfeisten Fuß auf einen Stuhl stellend, und die unterste Schnalle zumachend, wobei er heiter lächelte.

Er war unzweifelhaft ein ganz guter Mensch und that Lewin leid. Dieser kämpfte mit sich selbst, als Herr des Hauses, als er die Schüchternheit im Blick Wasjenkas wahrnahm.

Am dem Tische lag ein Stück eines Stockes, den sie am Morgen beim Turnen zusammen zerbrochen hatten, indem sie probierten, den Barren zu heben. Lewin nahm den Trümmer in die Hand und begann, da er nicht wußte, wie er anfangen sollte, das zersplitterte Ende rund herum abzubrechen.

„Ich wollte —“ er verstummte, sagte aber dann plötzlich, Kitys gedenkend und alles dessen, was geschehen war, und ihm entschlossen in die Augen blickend, „ich habe befohlen, für Euch anspannen zu lassen.“

„Was heißt das?“ begann Wasjenka voll Verwunderung, „wohin soll es gehen?“

„Ihr sollt zur Bahn fahren,“ sagte Lewin finster, die Spitze des Stockes abzupfend.

„Verreist Ihr, oder ist etwas vorgefallen?“

„Es ist das vorgefallen, daß ich Besuch erwarte,“ sprach Lewin, schneller und schneller mit den starken Fingern die Zacken des zersplitterten Stockes abbrechend. „Oder vielmehr ich erwarte nicht Besuch, und es ist nichts vorgefallen, aber ich ersuche Euch, abzureisen. Ihr mögt Euch meine Unhöflichkeit erklären, wie Ihr wollt.“

Wasjenka richtete sich auf.

„Ich bitte Euch, mir zu erklären,“ sprach er mit Würde, endlich begreifend.

„Ich kann Euch nicht erklären,“ fuhr Lewin, gedämpften Tones und langsam sprechend fort, sich bemühend, das Beben seiner Kinnbackenmuskeln zu verbergen, „und es ist auch besser für Euch, nicht zu fragen.“

Da sämtliche zersplitterte Enden bereits abgebrochen waren, machte sich Lewin mit den Fingern an die dicken Enden, riß den Stock auseinander und hob das hingefallene Stück sorgsam auf.

Wahrscheinlich mochte der Anblick dieser straffangestrengten Hände, dieser Muskeln da, welche er heute früh beim Turnenbefühlt hatte, der blitzenden Augen, der gedämpften Stimme und der bebenden Kinnbacken Wasjenka mehr als Worte überzeugen; er verbeugte sich, nachdem er die Achseln gezuckt und verächtlich gelächelt hatte.

„Kann ich nicht Oblonskiy sehen?“

Das Achselzucken und Lächeln brachten Lewin nicht auf, „was bleibt ihm weiter übrig?“ dachte dieser.

„Ich werde ihn sofort zu Euch schicken.“

„Was ist das für ein Unsinn,“ sagte Stefan Arkadjewitsch der von dem Freunde erfahren hatte, daß man ihn aus dem Hause jage, zu Lewin, als er diesen im Garten fand, wo er, die Abfahrt des Gastes erwartend, spazieren ging.

„Mais c'est ridicule! Was für eine Fliege hat dich denn gestochen.Mais c'est du dernier ridicule! Was ist dir darin erschienen, daß ein junger Mann“ —

Die Stelle, an welcher Lewin die Fliege gestochen hatte, schmerzte aber offenbar noch, da derselbe abermals bleich wurde, als Stefan Arkadjewitsch ihm die Ursache klarmachen wollte, und diesen hastig unterbrach.

„Bitte, erkläre mir keine Ursache! Ich kann nicht anders! Es thut mir sehr leid um deinet- und seinetwillen, aber ihm, glaube ich, verursacht es kein großes Herzeleid, abreisen zu müssen, während mir und meiner Frau seine Gegenwart unangenehm ist.“

„Es ist dies aber eine Beleidigung für ihn!Et puis c'est ridicule!“

„Auch für mich ist es beleidigend und peinlich! Und doch bin ich an nichts schuld, und habe keinen Grund, leiden zu sollen!“

„Das hätte ich nicht von dir erwartet!On peut être jaloux, mais à ce point, c'est du dernier ridicule!“

Lewin wandte sich schnell um und ging von ihm hinweg in die Tiefe der Allee, wo er seinen Spaziergang allein auf und abwärts fortsetzte. Bald vernahm er das Rollen des Tarantaß und sah hinter den Bäumen hervor, wie Wasjenka, auf Heu sitzend, denn leider gab es keine Sitzbank in dem Tarantaß, mit seiner schottischen Mütze, von den Stößen in die Höhe schnellend, durch die Allee fuhr.

„Was giebt es denn noch?“ dachte Lewin, als ein Diener,der aus dem Hause eilte, den Tarantaß halten ließ. Es war der Maschinist, den Lewin gänzlich vergessen hatte. Nachdem derselbe gegrüßt hatte, sprach er etwas mit Wasjenka, stieg darnach auf den Tarantaß und sie fuhren zusammen ab.

Stefan Arkadjewitsch und die Fürstin waren verstimmt von der Handlungsweise Lewins. Auch dieser selbst fühlte sich nicht nur im höchsten Grade „ridicule“, sondern auch schuldig und beschimpft; als er sich aber vergegenwärtigte, was er und sein Weib gelitten hatten, gab er sich, indem er sich selbst frug, wie er ein zweites Mal handeln würde, die Antwort, daß er es ganz wieder so gemacht hätte.

Trotz alledem war zu Ende dieses Tages jedermann, mit Ausnahme der Fürstin, welche Lewin sein Verfahren nicht verzeihen konnte, außergewöhnlich lebhaft und heiter, gleichwie Kinder nach einer Bestrafung oder Erwachsene nach einem wichtigen offiziösen Empfang, so daß abends in der Abwesenheit der Fürstin von der Entfernung Wasjenkas gesprochen wurde, wie von einem längst geschehenen Vorfall.

Auch Dolly, welche von ihrem Vater die Gabe besaß, humoristisch zu erzählen, brachte Warenka zu dem herzlichsten Lachen, als sie zum dritten oder vierten Mal, mit immer neuen humoristischen Zuthaten berichtete, wie sie gerade dabei gewesen sei, ihre neuen Halbstiefeln des Gastes halber anzulegen und schon in den Salon gegangen sei, als sie plötzlich das Kreischen einer alten Karrete vernommen hätte. Und wer hätte darin gesessen? Wasjenka, mit der schottischen Mütze und den Romanzen, mit den Reitgamaschen, auf dem Heu.

„Hätte er nur wenigstens den Wagen anspannen lassen! Aber nein! und dann hörte ich „halt!“ — Nun, denke ich, man hat Mitleid mit ihm bekommen! Ich sehe nach; da setzt man noch den dicken Deutschen zu ihm und fährt ihn weiter. Aus war es mit meinen hübschen schottischen Bändern.“


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