16.

Darja Aleksandrowna führte ihre Absicht aus und reiste zu Anna.

Es that ihr sehr leid, die Schwester erbittern und etwas thun zu müssen, was deren Gatten unangenehm war; siebegriff, wie sehr recht die Lewin hatten, mit dem Wunsche, keine Beziehungen mit den Wronskiy zu pflegen, allein sie erachtete es für ihre Pflicht, zu Anna zu kommen, und ihr zu zeigen, daß ihre Gefühle sich nicht verändern könnten trotz der Veränderung ihrer Lage.

Um bei dieser Reise nicht von den Lewin abhängen zu müssen, sandte Darja Aleksandrowna nach ihrem Dorfe, um Pferde mieten zu lassen; doch Lewin, der hiervon erfahren hatte, kam, um ihr Vorwürfe zu machen.

„Warum denkst du, daß mir deine Reise unangenehm sei? Ja, und selbst wenn sie mir unangenehm wäre, so wäre sie es mir dadurch noch mehr, daß du nicht meine Pferde nimmst,“ sagte er. „Du hast mir nicht ein einziges Mal gesagt, daß du entschieden fahren wolltest. Und nun auf dem Dorfe Pferde zu mieten, ist erstens unangenehm für mich, und dann, was die Hauptsache ist, man mietet sie, aber sie bringen dich nicht hin. Ich habe doch Pferde; und wenn du mich nicht böse machen willst, so nimmst du sie.“

Darja Aleksandrowna mußte einwilligen, und am festgesetzten Tag hatte Lewin für seine Schwägerin ein Viergespann von Pferden und einen Vorspann aus Zug- und Reitpferden gewählt, bereit gemacht, der nicht sehr schön, aber doch imstande war, Darja Aleksandrowna in einem Tage an ihr Ziel zu bringen.

Jetzt, wo Pferde sowohl für die Fürstin, welche abreiste, wie für die Wehfrau gebraucht wurden, war das eine schwierige Aufgabe für Lewin gewesen, doch konnte derselbe der Pflicht der Gastfreundschaft Folge leistend, nicht zugeben, daß Darja Aleksandrowna von seinem Hause aus Pferde mietete, und außerdem wußte er auch, daß die zwanzig Rubel, welche man von Darja Aleksandrowna für die Fahrt verlangte, für dieselbe von großer Bedeutung waren; die Finanzverhältnisse Darja Aleksandrownas, welche sich in sehr schlechtem Zustande befanden, wurden von den Lewin empfunden, als wären es ihre eigenen.

Darja Aleksandrowna fuhr nach dem Rate Lewins noch vor der Morgenröte ab. Der Weg war gut, der Wagen ging ruhig, die Pferde liefen munter und auf dem Bocke saß noch außer dem Kutscher, an Stelle eines Dieners, der Comptoirschreiber,der von Lewin der Sicherheit halber mitgesandt worden war. Darja Aleksandrowna träumte und erwachte erst, als sie schon zu der Poststation gekommen war, wo die Pferde gewechselt werden mußten.

Nachdem sie den Thee bei jenem nämlichen begüterten Großbauern, bei welchem Lewin auf seiner Fahrt zu Swijashskiy gerastet hatte, eingenommen, und sich mit den Weibern über die Kinder, mit dem Alten über den Grafen Wronskiy unterhalten hatte, den jener sehr lobte, fuhr Darja Aleksandrowna um zehn Uhr weiter. Zu Hause hatte sie, vor Sorgen um ihre Kinder, nie Zeit zu denken. Dafür aber häuften sich jetzt erst, auf dieser vierstündigen Fahrt, alle die vorher unterdrückt gewesenen Gedanken plötzlich in ihrem Kopfe, und sie überdachte ihr ganzes Leben, wie sie es noch nie zuvor gethan, und von den verschiedensten Seiten aus. Ihr selbst kamen ihre eigenen Gedanken seltsam vor.

Im Anfang dachte sie ihrer Kinder, um die sie sich, obwohl ihr die Fürstin, wie besonders Kity — auf diese verließ sie sich vielmehr — versprochen hatten, nach ihnen zu sehen, gleichwohl beunruhigte.

„Wie wenn Mascha wiederum dumme Streiche machte, wenn den Grischa ein Pferd schlüge und der Magen Lilys noch mehr verdorben würde.“

Dann aber begannen die Fragen der Gegenwart sich mit denen der nächsten Zukunft abzulösen. Sie dachte jetzt daran, daß man in Moskau für diesen Winter eine neue Wohnung mieten, die Möbel im Salon umtauschen und der ältesten Tochter einen Pelz fertigen lassen müsse. Darnach tauchten die Fragen der entfernten Zukunft vor ihr auf; wie sie ihre Kinder in die Welt einführen würde, „mit den Mädchen ist es noch nichts“, dachte sie, „aber mit den Knaben?“

„Gut; ich beschäftige mich jetzt mit Grischa, aber ich kann es doch nur deshalb, weil ich selbst jetzt kein Kind unter dem Herzen trage. Auf Stefan läßt sich natürlich nicht rechnen. Jedoch mit Hilfe guter Menschen werde ich sie schon erziehen; und wenn wieder einmal eine Geburt“ — ihr kam der Gedanke, wie ungerecht der Ausspruch sei, daß der Fluch auf dem Weibe liege, daß sie in Schmerzen Kinder gebäre. „Die Geburt selbst hat nichts zu sagen, aber das Austragen —das ist das Qualvolle,“ dachte sie, sich ihrer letzten Schwangerschaft und des Todes dieses letzten Kindes erinnernd. Es fiel ihr auch das Gespräch mit der jungen Frau auf dem Posthof wieder ein. Auf ihre Frage, ob sie Kinder habe, hatte dieselbe ganz heiter geantwortet: „Ich hatte ein Mädchen, aber Gott hat es erlöst, ich habe es zu den Fasten begraben.“

„Hast du es sehr betrauert?“ hatte Darja Aleksandrowna weiter gefragt.

„Wozu betrauern? Der Alte hat Enkel, und zwar viel. Man hat doch nur Sorge dabei, und kann weder arbeiten noch sonst etwas thun, sondern ist nur gebunden.“

Diese Antwort war Darja Aleksandrowna abstoßend erschienen, ungeachtet des gutmütigen Äußeren der jungen Frau, jetzt aber vergegenwärtigte sie sich unwillkürlich diese Worte. Es lag auch ein Teil von Wahrheit in diesen cynischen Äußerungen.

„Und im allgemeinen,“ dachte Darja Aleksandrowna, auf ihr ganzes Leben während der fünfzehn Jahre ihrer Ehe zurückblickend, „Schwangerschaft, Übelkeiten, Stumpfsinn, Gleichgültigkeit für alles, und hauptsächlich Ruin der Schönheit. Kity, die junge, hübsche Kity, auch sie war häßlich geworden, ich aber werde in der Schwangerschaft ungeschlacht, ich weiß es. Geburten, Leiden, undenkbare Schmerzen; dann jene letzte Minute — hierauf aber die Ernährung, alle die schlaflosen Nächte, diese furchtbaren Schmerzen“ —

Darja Aleksandrowna erbebte schon vor der Erinnerung an den Schmerz einer aufgehenden Brustwarze, den sie fast bei jedem Kind gehabt hatte. „Dann kommen die Kinderkrankheiten, diese ewige Angst, dann die Gedanken wegen schlimmer Neigungen“ — sie dachte an das Vergehen der kleinen Mascha in den Himbeeren — „der Unterricht, das Latein, alles das so unverständlich und schwierig. Und außer dem allen noch die Möglichkeit des Todes eben dieser Kinder!“

Und wiederum tauchte in ihrer Phantasie die ewig ihr Mutterherz drückende, herbe Erinnerung an den Tod ihres letzten Knaben auf, der noch an der Brust gelegen hatte, und in der Krippe gestorben war. Sie dachte an sein Begräbnis, die allgemeinherrschende Gleichgültigkeit für jenes kleine rosengeschmückte Grab, an ihren herzzerreißenden, vereinsamtenSchmerz über der bleichen, kleinen Stirn mit den hohen Schläfen, über dem geöffneten, verwundert scheinenden Mündchen, welches aus dem Sarge herausschaute, als man denselben mit einem Rosendeckel und einem Kreuz bedeckte.

„Und warum alles das? Was folgt aus alledem? Daß ich, ohne einen Augenblick Ruhe zu haben, bald in gesegneten Umständen, bald ein Kind nährend, ewig mich ereifernd, scheltend, mich selbst und andere folternd, dem Manne zuwider, mein Leben hinlebe, und mir unglückliche, schlecht erzogene und unbemittelte Kinder aufwachsen?

„Und jetzt — wäre nicht dieser Sommer bei den Lewin, ich wüßte nicht, wie wir ihn verleben sollen. — Natürlich sind Konstantin und Kity so zartfühlend, daß sie es uns nicht merken lassen, aber es kann doch nicht so fortgehen! Sie werden Kinder bekommen und uns nicht mehr unterstützen können; sind sie doch schon jetzt in Bedrängnis. Und was kann Papa, der für sich fast nichts mehr übrig behalten hat, noch helfen? Die Verhältnisse liegen so, daß ich die Kinder nicht allein erziehen kann, nur mit Hilfe anderer, und mit eigener Erniedrigung. Und nehmen wir selbst den glücklichsten Fall; sollten mir keine Kinder mehr sterben und sollte ich sie erziehen können, so werden sie im besten Falle doch nur höchstens keine Taugenichtse werden. Das ist alles, was ich wünschen kann. Und dafür so viele Qualen, so viele Mühen! Ein ganzes, verlorenes Leben!“ —

Und wieder fiel ihr ein, was die junge Frau gesagt hatte, wiederum war es ihr widerlich, daran zu denken; und gleichwohl mußte sie doch zugeben, daß in jenen Worten ein Stück rauher Wahrheit lag.

„Ist es denn noch weit, Michail?“ frug Darja Aleksandrowna den Comptoirdiener, um sich ihren Gedanken, die sie bange machten, zu entreißen.

„Von diesem Dorfe sollen es noch sieben Werst sein!“

Der Wagen fuhr in der Dorfgasse über eine kleine Brücke. Über die Brücke ging geräuschvoll und lustig schwatzend ein Haufe frohgelaunter Weiber. Die Weiber blieben auf der Brücke stehen, neugierig den Wagen betrachtend. Alle ihr zugewandten Gesichter erschienen Darja Aleksandrowna gesund, heiter, neckisch für sie in ihrer Lebenslust.

„Sie alle leben, und freuen sich ihres Lebens,“ fuhr Darja Aleksandrowna in ihrem Gedankengang fort, an den Weibern vorüberfahrend, einen Berg hinauf und dann im Trab wieder weiter, angenehm gewiegt auf den geschmeidigen Federn der alten Kutsche, „ich aber, wie aus einem Gefängnis hinausgelassen aus jener Welt, die mich mit ihren Sorgen ertötet, komme nur jetzt auf einen Augenblick zur Besinnung. Sie alle leben doch; diese Weiber, die Schwester Nataly, Warenka, Anna, zu der ich fahre, — nur ich lebe nicht! —

Anna greifen sie an; aber warum? Bin ich denn besser? Ich habe zwar wenigstens einen Mann, den ich liebe. Wäre es nicht so, wie wollte ich lieben, aber ich liebe ja ihn; während Anna den ihren nicht geliebt hat. Wessen ist sie nun schuldig? Sie will leben! Gott hat uns das in die Seele gelegt! Es ist sehr wohl möglich, daß ich das Nämliche gethan hätte. Und bis heute weiß ich noch nicht, ob ich wohl daran that, ihr in jener furchtbaren Zeit gehorcht zu haben, als sie zu mir nach Moskau kam. Damals hätte ich meinen Gatten verlassen und ein neues Leben beginnen müssen. Ich hätte lieben können und wahr geliebt werden können! Und ist es nun etwa besser geworden? Ich achte ihn nicht! Ich brauche ihn aber,“ dachte sie ihres Gatten, „und so dulde ich ihn. Ist das etwa besser? Damals konnte ich noch gefallen, da hatte ich noch meine Schönheit,“ fuhr Darja Aleksandrowna fort, zu sinnen, und sie hätte gern einmal in den Spiegel geblickt. In ihrem Reisesack befand sich ein kleiner Reisespiegel, und sie wollte ihn hervorholen, doch indem sie auf die Rücken des Kutschers und des schaukelnden Comptoirdieners blickte, fühlte sie, daß es ihr fatal sein müßte, wenn einer der beiden sich umschaute; und sie holte den Spiegel nicht hervor.

Aber auch wenn sie nicht in den Spiegel blickte, meinte sie, sei es jetzt noch nicht zu spät; und sie dachte an Sergey Iwanowitsch, der besonders liebenswürdig gegen sie war, an den Freund Stefans, den guten Turovzyn, der mit ihr zusammen ihre Kinder beim Scharlachfieber gepflegt hatte und in sie verliebt war. Und noch ein ganz junger Mann war da, welcher, wie ihr der Gatte im Scherz gesagt, gefunden hatte, sie sei schöner, als alle ihre Schwestern. Die leidenschaftlichsten und unmöglichsten Romane tauchten vor DarjaAleksandrowna auf. „Anna hat recht gehandelt, und ich werde ihr nie den geringsten Vorwurf mehr machen. Sie ist glücklich, begründet das Glück eines andern Menschen, ist nicht abgestumpft, wie ich, sondern wahrhaftig so, wie sie immer war, frisch, verständig und empfänglich für alles,“ dachte Darja Aleksandrowna und ein schlaues Lächeln kräuselte ihre Lippen, namentlich, weil sie an den Roman Annas denkend, sich ähnlich dazu für sich selbst einen eigenen, fast ebensolchen Roman erdachte, mit einem erdichteten Musterhelden, der in sie verliebt war. Ebenso wie Anna, gestand sie alles ihrem Gatten, und die Verwunderung und Bestürzung Stefan Arkadjewitschs bei dieser Nachricht nun machte sie lächeln.

In solchen Träumereien gelangten sie zu dem Scheideweg, welcher von der Landstraße ab nach Wosdwishenskoje führte.

Der Kutscher hielt das Viergespann an und blickte nach rechts, auf ein Roggenfeld hinaus, auf welchem Bauern bei einem Wagen saßen. Der Comptoirdiener wollte abspringen, besann sich aber anders und rief befehlerisch einem Bauern zu, ihn zu sich heranwinkend. Der leichte Wind, welcher während der Fahrt geweht, hatte sich gelegt, als sie anhielten; die Bremsen hatten sich an die heftig abwehrenden, schweißbedeckten Pferde festgesetzt. Das metallisch von dem Wagen herübertönende Geräusch des Sensendengelns verstummte. Einer der Bauern erhob sich und kam zum Wagen.

„He, bist wohl vertrocknet!“ rief der Comptoirdiener gereizt dem langsam über die Erdhügel des nicht ausgefahrenen, trockenen Weges mit den nackten Füßen schreitenden Bauern zu, „so lauf doch!“

Ein kraushaariger Alter, das Haar mit Lindenbast aufgebunden und mit von Schweiß dunkelgefärbtem gekrümmten Rücken, beschleunigte seinen Schritt, trat an den Wagen heran und faßte mit der gebräunten Hand an die Seite des Wagens.

„Wollt Ihr nach Wosdwishenskoje?, auf den Herrenhof? Zum Grafen?“ wiederholte er, „dann fahrt nur so! Macht die Wendung nach links, dann gerade aus und Ihr kommt gerade darauf. Zu wem wollt Ihr denn? Zum Herrn selbst?“

„Ist denn Eure Herrschaft zu Haus, Freund?“ frug Darja Aleksandrowna ausweichend, ohne zu wissen, wie sie, selbst dem Bauern gegenüber, nach Anna fragen sollte.

„Er ist wohl daheim,“ sagte der Bauer einen Schritt vortretend und dabei mit den nackten Füßen im Staube eine deutliche Spur seiner Fußsohle mit den fünf Zehen hinterlassend. „Er wird wohl zu Haus sein,“ wiederholte er, augenscheinlich mit großer Lust, ein Gespräch zu beginnen. „Gestern sind erst Gäste gekommen. Gäste — es war eine Menge — Was willst du!“ — wandte er sich nach einem Burschen um, der ihm vom Wagen her etwas zuschrie. „Sie sind kaum erst alle zu Pferde hier vorbeigekommen, um eine Schnittmaschine zu besichtigen. Jetzt werden sie wohl zu Hause sein. Wo kommt Ihr denn her?“

„Wir sind von weiter weg,“ sagte der Kutscher, auf den Bock steigend, „also es ist nicht weit?“

„Wie ich sage; dort! Wie Ihr eben fahrt“ — sagte er, mit der Hand nach der Seite des Wagens deutend.

Ein junger, gesunder und stämmiger Bursche kam auch heran.

„Wie, haben wir keine Arbeit auf Rechnung der Ernte?“ frug derselbe.

„Weiß nicht, mein Lieber! Wie gesagt, wenn du dich links hältst, kommst du gerade drauf,“ sprach der Bauer, der augenscheinlich ungern die Reisenden fortließ und mit ihnen schwatzen wollte.

Der Kutscher fuhr weiter, doch kaum hatten sie eingelenkt, als der Bauer rief: „Halt! He, Freund! Halt an!“ Eine zweite Stimme rief ebenso. Der Kutscher hielt an.

„Da kommen sie selbst. Dort sind sie!“ rief der Bauer. „Dort sind sie!“ fügte er hinzu, auf vier Reiter und zwei Personen in einem Wagen weisend, welche den Weg daherkamen.

Es war Wronskiy mit seinem Jockey, Wjeslowskij und Anna zu Pferde, die Fürstin Barbara und Swijashskiy im Wagen. Sie waren spazieren geritten, und wollten die Arbeit der neu eingeführten Erntemaschinen besichtigen.

Als die Equipage stand, kamen die Reiter im Schritt heran. Voran ritt Anna neben Wjeslowskij. Sie ritt inruhigem Schritt eine kleine englische Vollblutstute mit gestrählter Mähne und gestutztem Schweif. Annas schönes Haupt mit den unter dem hohen Hut hervordringenden schwarzen Haaren, ihre vollen Schultern, die schmale Taille in der schwarzen Amazone und ihr ruhiger graziöser Sitz frappierten Dolly.

Im ersten Augenblick erschien es ihr unpassend, daß Anna ritt. Mit der Vorstellung vom Reiten der Damen verband sich nach dem Begriff Darja Aleksandrownas auch die einer jugendlichen flatterhaften Koketterie, die nach ihrer Meinung mit der Lage Annas nicht harmonierte; doch als sie diese in der Nähe sah, söhnte sie sich sofort mit ihrem Reiten aus, denn selbst bei ihrer Eleganz, war alles an ihr so einfach, ruhig und würdevoll in Haltung und Kleidung, sowie auch in ihren Bewegungen, daß nichts natürlicher erscheinen konnte.

Neben Anna auf einem grauen feurigen Kavalleriepferd, welches die starken Füße hochwarf und augenscheinlich mit sich kokettierte, ritt Wasjenka Wjeslowskij in seiner schottischen Mütze mit den wehenden Bändern, und Darja Aleksandrowna konnte sich ein Lächeln nicht verbeißen, als sie ihn erkannte.

Hinter ihnen ritt Wronskiy; er saß auf einem dunkelbraunen Vollblut, welches sichtlich vom Galopp aufgeregt war; um es zu halten, arbeitete er mit den Zügeln.

Nach ihm kam ein kleiner Mensch in Jockeykostüm. Swijashskiy mit der Fürstin in einem neuen Wagen, der von einem starken schwarzen Traber gezogen wurde, folgten den Reitern.

Das Gesicht Annas, als sie die in dem kleinen, alten Wagen in die Ecke geschmiegte Gestalt Dollys erkannte, erglänzte von freudigem Lächeln. Sie stieß einen Schrei aus, erbebte im Sattel und setzte das Pferd in Galopp. Als sie am Wagen angelangt war, sprang sie ohne Beistand ab und eilte, ihre Amazone aufnehmend, Dolly entgegen.

„Ich dachte es wohl, wagte es aber nicht zu denken! Welche Freude! Du vermagst dir meine Freude nicht vorzustellen,“ sagte sie, sich bald mit dem Gesicht an Dolly schmiegend, und sie küssend, bald sich entfernend und sie mit einem Lächeln betrachtend. „Das ist eine Freude, Aleksey!“ sprachsie, sich nach Wronskiy umblickend, der vom Pferde gestiegen war und zu ihnen herankam.

Wronskiy trat, den grauen hohen Hut abnehmend, zu Dolly.

„Ihr könnt nicht glauben, wie erfreut wir über Eure Ankunft sind,“ sagte er, seinen Worten ein besonderes Gewicht verleihend und lächelnd dabei seine festen weißen Zähne zeigend.

Wasjenka Wjeslowskij nahm, ohne vom Pferde zu steigen, die Mütze ab und bewillkommnete den Besuch, freudig die Bänder über seinem Kopfe schwingend.

„Dies ist die Fürstin Barbara,“ antwortete Anna auf den fragenden Blick Dollys, als der Wagen herangekommen war.

„Ah,“ sagte Darja Aleksandrowna, und ihr Gesicht drückte unwillkürlich Mißvergnügen aus.

Die Fürstin Barbara war die Tante ihres Gatten und sie kannte sie lange, achtete sie aber nicht. Wußte sie doch, daß die Fürstin Barbara ihr ganzes Leben als Konkubine reicher Verwandter verbracht hatte. Daß sie aber jetzt bei Wronskiy lebte, einem ihr fremden Mann, dies verletzte in Hinsicht auf die Familie ihres Gatten. Anna bemerkte den Ausdruck im Gesicht Dollys und wurde verlegen; sie errötete, ließ ihre Amazone aus den Händen gleiten und stolperte über dieselbe.

Darja Aleksandrowna begab sich zu dem stehen gebliebenen Wagen und begrüßte kühl die Fürstin Barbara. Swijashskiy war ihr gleichfalls bekannt. Er frug, wie sich sein Freund und Sonderling mit seiner jungen Frau befinde und schlug den Damen, mit einem schnellen Blick auf die nicht gerade dampfenden Pferde und den Wagen mit den ausgebesserten Seiten, vor, in der Equipage zu fahren.

„Ich hingegen werde in diesem Vehikel fahren,“ sagte er, „das Pferd ist sanft und die Fürstin fährt ausgezeichnet.“

„Nein, bleibt, wie Ihr waret,“ sagte Anna herzutretend, „aber wir wollen in diesem Wagen fahren,“ und Dolly bei der Hand nehmend, führte sie dieselbe mit sich.

Darja Aleksandrownas Augen schweiften über die elegante, von ihr noch nicht gesehene Equipage, die schönen Pferde, die vornehmen, glänzenden Personen, die sie umgaben, aber mehr als alles das frappierte sie die Veränderung, welche mit der ihr so wohlbekannten, geliebten Anna vor sich gegangen war. Ein anderes Weib, welches weniger aufmerksam gewesen wäre,und Anna früher nicht gekannt hätte, insbesondere nicht die Gedanken hegte, welchen Darja Aleksandrowna unterwegs nachgehangen hatte, würde nichts Eigenartiges an Anna bemerkt haben.

Jetzt aber war Dolly betroffen von jener nur zeitweisen Schönheit, die allein in Momenten der Liebe bei den Frauen zu erscheinen pflegt, und die sie jetzt auf Annas Gesicht fand. Alles an deren Gesicht, die Schärfe der Grübchen in Wangen und Kinn, die Lage der Lippen, das Lächeln, welches gleichsam rund um ihr Gesicht flog, der Glanz der Augen, die Grazie und Schnelligkeit ihrer Bewegungen, die Fülle des Tones ihrer Stimme, selbst ihre Manieren, mit denen sie ernst-freundlich Wjeslowskij antwortete, der sie um die Erlaubnis bat, sich auf ihre Stute setzen zu dürfen, um sie Galopp mit Rechtseinsatz lehren zu können — alles das war eigentümlich anziehend und sie selbst schien dies zu wissen und darüber Freude zu empfinden.

Nachdem sich die beiden Frauen in den Wagen gesetzt hatten, überkam sie beide eine plötzliche Verlegenheit. Anna geriet in Verwirrung wegen des aufmerksam fragenden Blickes, mit dem Dolly sie anschaute. Dolly, weil sie sich, nach den Worten Swijashskiys über das Vehikel, ihrer schmutzigen alten Kalesche schämte, in welche sich Anna mit ihr gesetzt hatte.

Der Kutscher Philipp und der Comptoirdiener hatten das nämliche Gefühl. Der Comptoirdiener beeilte sich, um seine Verlegenheit zu verbergen, den Damen beim Niedersetzen behilflich zu sein, während Philipp, der Kutscher, mürrisch geworden war, und sich vorgenommen hatte, dieser äußeren Überlegenheit nicht nachzugeben. Ironisch lächelnd blickte er auf den schwarzen Traber, und hatte schon im Geiste das Urteil gefällt, daß dieser Rappe im Wagen nur gut sei zur „Promenade“ und nicht vierzig Werst weit scharf und ohne Ausspann laufen könne.

Die Bauern hatten sich sämtlich von ihrem Wagen erhoben und schauten neugierig und belustigt den Besuchern entgegen, ihre Bemerkungen dazu machend.

„Sehr erfreut, sehr lange nicht gesehen,“ sagte der kraushaarige Alte mit dem Lindenbast.

„Nun, Vater Gerasim, der schwarze Hengst müßte die Garben hereinbringen; das ginge lebhaft!“

„Schaut an! Ist der da in den Hosen auch ein Frauenzimmer?“ sagte Einer, auf den im Damensattel sitzenden Wasjenka Wjeslowskij zeigend.

„Über den Bauer! Wie geschickt er anspielt!“

„Nun Kinder, wollen wir nicht ein Mittagsschläfchen halten?“

„Ach was, jetzt gar Schlaf!“ sagte der Alte, gebückt nach der Sonne schauend. „Mittag ist vorbei! Nehmt die Griffe fest; los!“ —

Anna blickte in Dollys hageres, übermüdetes Gesicht mit den Runzeln, die vom Staube bedeckt waren; sie wollte sagen, was sie dachte, nämlich daß Dolly recht abgemagert sei, aber indem sie sich vergegenwärtigte, daß sie schöner geworden, und der Blick Dollys ihr dies sagte, seufzte sie, und begann, von sich zu sprechen.

„Du blickst mich an,“ sagte sie, „und denkst, kann sie glücklich sein in ihrer Lage. Nun, was soll ich sagen! Es ist schmachvoll, es einzugestehen; aber ich — ich bin unverzeihlich glücklich! — Mir ist etwas Zauberhaftes, Etwas wie ein Traum vor sich gegangen, in dem es uns furchtbar, seltsam wird, aus dem man plötzlich erwacht, um zu fühlen, daß alle diese Schrecken gar nicht da sind. Ich bin erwacht. Ich habe Qualvolles, Furchtbares durchlebt, und es ist jetzt schon geraume Zeit, besonders seit wir hier sind, daß ich so glücklich bin,“ sprach sie mit schüchternem, fragendem Lächeln Dolly ins Auge sehend.

„Wie freue ich mich,“ sagte Dolly lächelnd, aber unwillkürlich kühler, als sie wollte. „Ich freue mich sehr über dich. Weshalb hast du mir nicht geschrieben?“

„Weshalb? Deshalb, weil ich es nicht wagte — du vergißt meine Lage.“

„Gegen mich? Gegen mich hast du es nicht gewagt? Wenn du wüßtest, wie ich — ich glaube“ —

Darja Aleksandrowna wollte ihre Gedanken vom heutigenMorgen aussprechen, aber aus irgend einem Grunde erschien ihr dies jetzt nicht am Platze.

„Doch davon später. Was ist das, alle diese Gebäude?“ frug sie, im Wunsche das Thema zu wechseln, auf die roten und grünen Dächer zeigend, welche hinter dem Grün lebender Akazienzäune sichtbar wurden. Es sah dies alles aus wie ein Städtchen.

Anna antwortete ihr nicht.

„Nein, nein; wie urteilst du über meine Lage, wie denkst du darüber; wie?“ frug sie.

„Ich vermute,“ wollte Darja Aleksandrowna beginnen, doch in diesem Augenblick sprengte Wasjenka Wjeslowskij, der die Stute in Galopp mit Rechtseinsatz gebracht hatte, schwerfällig in seinem kurzen Jaquet auf dem sämischen Leder des Damensattels auf und niedergeworfen, an ihnen vorüber.

„Sie geht, Anna Arkadjewna!“ schrie er.

Anna schaute ihn indessen nicht einmal an, und Darja Aleksandrowna schien es wiederum, daß es unpassend sei, in der Kalesche dieses langatmige Thema anzuschlagen, und sie brach daher in der Äußerung ihres Gedankens ab.

„Ich urteile gar nicht darüber,“ sagte sie, „ich habe dich stets geliebt, und wenn man liebt, liebt man den ganzen Menschen so, wie er ist, nicht so, wie man will, daß er sei.“

Anna versank in Nachdenken, indem sie die Augen vom Gesicht der Freundin wegwendete und blinzelte — eine neue Gewohnheit, die Dolly noch nicht an ihr gekannt hatte — sie wünschte die Bedeutung dieser Worte ganz zu erfassen. Nachdem sie sie augenscheinlich so, wie sie es wünschte, aufgefaßt hatte, schaute sie Dolly an.

„Wenn du Sünden haben solltest,“ sprach sie, „so möchten sie dir alle vergeben sein für dein Kommen und für diese Worte.“

Dolly sah, daß ihr die Thränen in die Augen getreten waren. Schweigend drückte sie Annas Hand.

„Also was sind das für Gebäude? — Wie viel es doch sind!“ Sie wiederholte nach einer Minute des Schweigens ihre Frage.

„Dies sind die Gebäude des Personals, der Fabriken, die Ställe,“ antwortete Anna. „Dort beginnt der Park; allesdas war verwildert, aber Aleksey hat es wieder neu hergerichtet. Er liebt dieses Besitztum sehr und fühlt sich, was ich nimmermehr erwartet hätte, leidenschaftlich zur Landwirtschaft hingezogen. Er hat überhaupt eine so reich beanlagte Natur! Was er auch anfassen mag, alles vollführt er ausgezeichnet. Und er langweilt sich nicht nur nicht dabei, sondern beschäftigt sich mit leidenschaftlichem Eifer. So wie ich ihn kenne, ist er ein haushälterischer, vorzüglicher Hausherr geworden, sogar geizig in der Wirtschaft ist er; aber auch nur in der Wirtschaft! Da, wo es sich um Zehntausende handelt, rechnet er nicht,“ sprach sie mit jenem freudig schlauen Lächeln, mit welchem Frauen oft über geheime, ihnen allein bekannte Eigenschaften eines geliebten Mannes sprechen.

„Siehst du dieses große Gebäude da? Das ist das neue Krankenhaus. Ich glaube, daß es mehr als hunderttausend Rubel kosten wird. Und weißt du, woher das Geld gekommen ist? Die Bauern hatten ihn gebeten, ihnen die Wiesen billiger abzulassen, er aber hatte sie abschläglich beschieden, und ich machte ihm Vorwürfe wegen seines Geizes. Natürlich nicht deswegen nun, aber alles in allem erwägend, begann er da dieses Krankenhaus zu bauen, um zu zeigen, verstehst du, daß er nicht geizig sei. Wenn du willst,c'est une petitesse, aber ich liebe ihn dafür umsomehr. Doch du wirst sogleich das Wohnhaus erblicken. Es ist noch vom Großvater her und an der Außenseite in nichts verändert worden.“

„Wie schön,“ sagte Dolly, mit unwillkürlichem Erstaunen, auf ein schönes Haus mit Säulengängen blickend, welches aus dem bunten Grün der alten Bäume des Gartens hervortrat.

„Nicht wahr, das ist schön? Und vom Hause aus, von oben herab, ist die Aussicht wunderbar.“

Sie fuhren auf einen mit Schotter bedeckten und von Blumenbeeten geschmückten Hof, auf welchem zwei Arbeiter ein Blumenbosquet mit unbehauenen porösen Steinen garnierten, und hielten in der gedeckten Einfahrt.

„Ah, sie sind schon angekommen,“ sagte Anna, auf die Reitpferde blickend, die soeben von der Freitreppe hinweggeführt wurden. „Nicht wahr, dieses Pferd ist schön? Es ist eine Stute, mein Liebling. Führe es hierher und bringt Zucker.Wo ist der Graf?“ frug sie zwei herauseilende Paradelakaien. „Ah, dort ist er,“ sagte sie, den heraustretenden und ihr mit Wjeslowskij entgegenkommenden Wronskiy erblickend.

„Wo habt Ihr die Gräfin untergebracht?“ sagte Wronskiy auf Französisch, zu Anna gewendet, begrüßte dann nochmals, ohne eine Antwort abzuwarten, Darja Aleksandrowna und küßte ihr jetzt die Hand: „Ich denke, wir bringen unsern Besuch im großen Balkonzimmer unter? —“

„O nein; das ist zu abgelegen! Besser im Eckzimmer, wir können uns da mehr sehen. Gehen wir,“ sagte Anna, den ihr von einem Lakaien präsentierten Zucker dem Lieblingspferde reichend.

„Et vous oubliez votre devoir,“ sagte sie zu Wjeslowskij, welcher gleichfalls auf der Freitreppe erschienen war.

„Pardon, j'en ai tout plein les poches,“ antwortete dieser lächelnd, die Finger in die Westentasche steckend.

„Mais vous venez trop tard,“ sagte sie, mit dem Taschentuch die Hand abwischend, welche ihr das Pferd feucht gemacht hatte, indem es den Zucker nahm.

Anna wandte sich zu Dolly:

„Du bleibst doch für längere Zeit hier? Nur auf einen Tag? Das ist unmöglich!“

„Ich habe so versprochen, die Kinder —“ sagte Dolly, mit einem Gefühl der Verlegenheit, daß sie den Reisesack aus der Kalesche nehmen mußte, sowie weil sie wußte, daß ihr Gesicht sehr mit Staub bedeckt sein müsse.

„Nein, Dolly, Herzchen; doch wir werden ja sehen. Komm, komm!“ Anna führte Dolly in ihr Zimmer.

Dieses Zimmer war nicht das Paradezimmer, welches Wronskiy vorgeschlagen hatte, sondern das, von welchem Anna sagte, Dolly möchte es entschuldigen. Jedoch auch dieses Gemach, für welches eine Entschuldigung erforderlich gewesen war, war voll von einem Luxus, in welchem Dolly niemals gelebt hatte, und der ihr die besten Salons des Auslandes in die Erinnerung zurückrief.

„Ach, Herzchen, wie bin ich glücklich!“ sprach Anna, für eine Minute in ihrer Amazone neben Dolly Platz nehmend, „erzähle mir doch von den Deinen. Stefan habe ich flüchtig gesehen, doch von Kindern kann er nicht reden. Was machtmein Liebling, die Tanja? Es ist ein großes Mädchen geworden, glaube ich?“

„Ja, sehr groß,“ antwortete Darja Aleksandrowna kurz, selbst verwundert, daß sie so kühl über ihre Kinder Bescheid gab. „Wir befinden uns recht wohl bei den Lewin,“ fügte sie hinzu.

„Ach, hätte ich gewußt,“ antwortete Anna, „daß du mich nicht verachtest. Ihr hättet alle zu uns kommen müssen. Stefan ist doch ein alter und intimer Freund Alekseys,“ fügte sie hinzu, und errötete plötzlich.

„Wir befinden uns so ganz wohl,“ versetzte Dolly verlegen.

„Da habe ich übrigens aus Freude Dummheiten gesagt. Noch einmal, Herzchen, wie freue ich mich über dich,“ sagte Anna, sie wiederum küssend, „aber du hast mir noch nicht gesagt, wie und was du über mich denkst, und ich will alles wissen. Und ich freue mich darüber, daß du mich durchschaust, wie ich bin. Es liegt mir nichts daran, vor allem, daß man denke, ich wollte in irgend etwas demonstrieren. Ich will nicht demonstrieren, sondern einfach nur leben; niemandem Übles thun, außer mir selbst. Dieses Recht habe ich, nicht wahr? Doch das ist eine langatmige Unterhaltung und wir werden schon noch über alles sprechen. Ich gehe jetzt, mich umzukleiden und werde dir ein Mädchen schicken.“

Allein geblieben, schaute sich Darja Aleksandrowna mit dem Blick der Hausfrau in dem Zimmer um. Alles was sie vor dem Haus vorfand, und durch dasselbe schreitend, sowie jetzt in ihrem Zimmer, erblickte, verursachte ihr den Eindruck des Überflusses und der Koketterie, jenes modernen, europäischen Luxus, von dem sie nur in englischen Romanen gelesen, den sie aber noch nie in Rußland und auf dem Lande erblickt hatte. Alles war neu, von den modernen französischen Tapeten an bis zum Teppich, von welchem das ganze Zimmer bedeckt war. Das Bett war mit Sprungfedermatratze versehen, hatte ein besonderes Kopfkissen und Canevasüberzüge auf den kleinen Kissen. Das marmorne Waschbecken, die Toilette, dieTische, die Bronceuhr auf dem Kamin, die Gardinen und Portieren, alles das war teuer und neu.

Die kokette Kammerzofe, welche herbeikam, um ihre Dienste anzubieten, und eine Frisur und Robe trug, die noch moderner war, als diejenige Dollys, sah eben so neu und kostspielig aus, wie das ganze Zimmer.

Darja Aleksandrowna war ihre Höflichkeit, Sauberkeit und Dienstwilligkeit sehr angenehm, doch fühlte sie sich nicht behaglich in ihrer Gegenwart; sie schämte sich vor ihr wegen ihres, unglücklicherweise infolge eines Irrtums von ihr gepackten, ausgebesserten Corsets; sie schämte sich gerade jener Flicken und gestopften Stellen, auf die sie daheim so stolz war. Zu Hause war es ihr klar, daß zu sechs Leibchen vierundzwanzig Arschin Stoff gehörten, zu je fünfundsechzig Kopeken, was mehr als fünfzehn Rubel ausmachte, außer der Arbeit; und diese fünfzehn Rubel waren so herausgeschlagen. Vor der Zofe aber empfand sie weniger Scham, als vielmehr Unbehagen.

Darja Aleksandrowna verspürte große Erleichterung, als die ihr seit alters bekannte Annuschka in das Zimmer trat. Die kokette Zofe war von der Herrin verlangt worden und Annuschka blieb bei Darja Aleksandrowna zurück.

Annuschka war augenscheinlich sehr erfreut über die Ankunft der Dame und schwatzte ohne Unterlaß. Dolly bemerkte, daß sie gern ihre Meinung bezüglich der Lage ihrer Herrin ausgesprochen hätte, insbesondere bezüglich der Liebe und Ergebenheit des Grafen für Anna Arkadjewna, doch Dolly verhinderte sie geflissentlich daran, sobald sie davon zu sprechen begann.

„Ich bin mit Anna Arkadjewna herangewachsen, die Herrin geht mir über alles! Doch wir haben über nichts zu richten, und, wie es scheint, so zu lieben —“

„Gieb mir doch gefälligst Waschwasser, wenn es geht,“ unterbrach sie Darja Aleksandrowna.

„Zu Diensten. Bei uns sind zum Waschen allein zwei Frauen besonders angestellt und die Wäsche wird nur mit Maschine gereinigt. Der Graf führt alles ein. Das ist ein Mann —“

Dolly war froh, als Anna bei ihr eintrat, und mit ihrem Kommen das Geschwätz Annuschkas abschnitt.

Anna hatte sich in eine sehr einfache Battistrobe geworfen und Dolly betrachtete aufmerksam dieses einfache Kleid. Sie erkannte, daß dies zu bedeuten habe, auch solch eine Einfachheit sei nur für Summen zu erringen.

„Eine alte Bekannte,“ sagte Anna im Hinweis auf Annuschka.

Anna war jetzt nicht mehr in Verlegenheit; sie erschien vollständig ungezwungen und ruhig. Dolly erkannte, daß sich Anna jetzt wieder vollständig von dem Eindruck ermannt hatte, welchen ihre Ankunft bei dieser hervorgerufen, und daß sie jetzt wieder jenen hochfahrenden, gleichmütigen Ton angenommen habe, mit welchem gleichsam die Thür zu derjenigen Abteilung in ihr, in welcher sich ihre Gefühle und innersten Gedanken befanden, verschlossen war.

„Nun, was macht dein kleines Mädchen, Anna?“ frug Dolly.

„Die Any?“ — so nannte sie ihre Tochter Anna — „sie befindet sich wohl. Sie hat sich sehr entwickelt, willst du sie einmal sehen? Komm, ich zeige sie dir! Es hat da unendlich viel Sorgen gegeben,“ begann sie zu erzählen, „mit den Ammen. Wir hatten als Amme eine Italienerin, sie war gut, aber dumm! Wir wollten sie fortschicken, doch das Kind war so gewöhnt an sie, daß wir sie noch immer haben.“

„Und wie seid Ihr übereingekommen?“ wollte Dolly fragen, welchen Namen das Mädchen tragen sollte. Als sie indessen das finstergewordene Gesicht Annas bemerkte, veränderte sie den Sinn ihrer Frage. „Und wie seid Ihr übereingekommen? Habt Ihr es schon entwöhnt?“ —

Doch Anna hatte verstanden.

„Du wolltest nicht hiernach fragen? Du wolltest nach seinem Namen fragen? Nicht wahr? Dies eben quält Aleksey! Sie hat keinen Namen. Das heißt, sie ist — eine Karenina“ — sagte Anna, die Augen soweit zusammenkneifend, daß nur die zusammentreffenden Wimpern noch sichtbar waren. „Übrigens,“ fuhr sie mit plötzlich hellwerdendem Gesicht fort, „von dem allen können wir ja später noch reden. Komm, ich will sie dir zeigen!Elle est très—gentile— und kriecht schon fort.“

In der Kinderstube überraschte Darja Alexandrowna der nämliche Luxus, welcher sie im ganzen Hause schon frappierthatte, noch mehr. Hier gab es kleine Wagen, die aus England verschrieben waren, sowie Gerätschaften für das Gehenlernen; einen eigens konstruierten Diwan nach Art eines Billards zum Kriechen; Wiegen; eigenartige, neue Wannen. Alles war von englischer Arbeit, dauerhaft und gediegen und offenbar teuer. Das Zimmer war groß, sehr hoch und hell.

Als sie eintraten, saß das kleine Mädchen nur im Hemdchen in einem Stühlchen am Tisch und nahm Bouillon zu sich, mit welcher sie sich die ganze kleine Brust begossen hatte. Ein russisches Mädchen, welches in der Kinderstube diente, fütterte das Kind, und aß augenscheinlich selbst mit diesem zugleich dabei. Weder die Amme, noch die Kinderfrau war zugegen; sie befanden sich im Nebenzimmer und man vernahm von dorther ihr Gespräch in seltsamem Französisch, in welchem sie sich einander nur verständlich machen konnten.

Die Stimme Annas vernehmend, trat eine hohe Engländerin mit unangenehmem Gesicht und gemeinem Ausdruck, hastig ihre blonden Locken schüttelnd in die Thür, und begann sich sogleich zu entschuldigen, obwohl ihr Anna noch gar kein Vergehen beigemessen hatte. Auf jedes Wort Annas antwortete die Engländerin schnell mit einem mehrmaligen „yes, mylady!“

Das kleine Mädchen mit seinen schwarzen Brauen und Haaren, den roten Wangen, der festen straffen Haut und dem schönen Körperchen gefiel Darja Aleksandrowna ungeachtet des mürrischen Ausdrucks, mit welchem es auf das fremde Gesicht blickte, sehr; diese beneidete es sogar um seines gesunden Aussehens willen. Auch wie das kleine Mädchen kroch, gefiel ihr sehr; keines ihrer Kinder hatte so gekrochen. Dieses Kindchen war, nachdem man es auf einen Teppich gesetzt, und ein Kleid dahinter gestopft hatte, wunderbar lieblich. Wie ein Tierchen schaute es mit seinen großen glänzenden schwarzen Augen um sich, offenbar erfreut darüber, daß man sich freundlich mit ihm abgebe, stützte sich lächelnd, und die Füßchen seitwärts haltend, energisch auf die Hände und hob schnell das ganze Hinterteilchen empor, worauf es mit den Händchen nach vorwärts faßte.

Der allgemeine Charakter der Kinderstube jedoch, und namentlich die Engländerin, gefiel Darja Aleksandrowna durchausnicht. Nur damit, daß in eine so illegitime Familie wie es diejenige Annas war, wohl kein gutes Mädchen gehen mochte, erklärte sich Darja Aleksandrowna selbst, daß Anna mit ihrer Menschenkenntnis für ihr Kind eine so unsympathische, gar nicht respektable Engländerin hatte nehmen können. Außerdem aber erkannte sie auch sogleich an einigen Worten, daß Anna, die Amme, die Kinderfrau und das Kind sich nicht zusammengelebt hatten, und der Besuch der Mutter ein ungewöhnliches Ereignis bildete. Anna wollte dem Kinde ein Spielzeug geben und konnte es nicht einmal finden.

Am wundersamsten aber von allem war, daß Anna auf die Frage, wie viel Zähne das Kind habe, irrte und von den zwei letzten Zähnen noch gar nichts wußte.

„Es ist mir bisweilen schwer ums Herz, daß ich hier förmlich überflüssig bin,“ sagte sie beim Verlassen der Kinderstube, und nahm ihre Schleppe auf, um an den bei der Thür stehenden Spielgeräten vorüberzukommen. „So war es nicht bei meinem ersten Manne.“

„Ich dachte, im Gegenteil,“ sagte Darja Aleksandrowna schüchtern.

„O nein; du weißt doch wohl, ich habe ihn gesehen — meinen Sergey,“ sprach Anna, die Augen zusammenkneifend, als schaue sie nach etwas weit Entferntem. „Doch davon können wir ja später sprechen. Du glaubst nicht, ich bin wie eine Hungernde, der man plötzlich ein üppiges Mahl vorgesetzt hat, ohne daß sie weiß, wonach sie langen soll. Das üppige Mahl — bist du und die mir bevorstehenden Gespräche mit dir, die ich mit niemandem sonst führen konnte; ich weiß nun nicht, an welches Thema ich zuerst gehen soll.Mais je ne vous ferai grâce de rien— ich muß mich ganz aussprechen. Ich muß dir ein Bild von der Gesellschaft machen, die du bei uns findest,“ begann sie, „und beginne mit den Damen. Da ist die Fürstin Barbara. Du kennst sie und ich kenne deine Meinung und diejenige Stefans über sie. Stefan sagt, der ganze Zweck ihres Daseins bestehe darin, ihren Vorzug vor ihrer Tante Katharina Pawlowna zu beweisen. Das ist ganz richtig, aber sie ist gut und ich bin ihr sehr dankbar. In Petersburg gab es für mich einen Moment, in welchem mirun chaperonnotwendig war; da war sie bei mir; sieist wahrhaftig gut, und hat mir meine Lage sehr erleichtert. Ich sehe wohl, daß du die ganze Schwierigkeit derselben nicht begreifst — wie sie dort, in Petersburg war,“ fügte sie hinzu. „Hier lebe ich nun vollkommen ruhig und glücklich; doch davon später, erst muß aufgezählt werden. Zweitens kommt Swijashskiy; er ist Präsident und ein sehr solider Mann, doch braucht er Aleksey in Manchem. Du verstehst jetzt, nachdem wir uns auf dem Lande niedergelassen haben, kann Aleksey mit seinen Verhältnissen großen Einfluß ausüben. Dann Tuschkjewitsch — du hast ihn ja gesehen; er war bei Betsy. Man hat ihn jetzt fallen lassen und er ist nun zu uns gekommen. Wie Aleksey sagt, ist er einer von denjenigen Menschen, die sehr angenehm sind, wenn man sie so nimmt, wie sie scheinen wollen —et puis, il est comme il faut— wie die Fürstin Barbara sagt. Ferner Wjeslowskij — den kennst du ja. — Er ist ein sehr lieber Mensch,“ sagte sie, mit schelmischem Lächeln die Lippen kräuselnd. „Was ist denn das für eine seltsame Geschichte mit Lewin gewesen? Wjeslowskij hat sie Aleksey erzählt und wir können sie gar nicht glauben.Il est très gentil et naif“ sagte sie, wieder mit dem nämlichen Lächeln. „Die Männer bedürfen der Zerstreuung und Aleksey braucht Menschen um sich; daher schätze ich diese ganze Gesellschaft. Bei uns muß es lebhaft und heiter zugehen, damit sich Aleksey nichts Neues wünscht. Dann wirst du auch den Direktor sehen. Er ist ein Deutscher, ein sehr hübscher Mann, der auch seine Sache versteht; Aleksey schätzt ihn sehr hoch. Ferner ist da der Arzt, ein noch junger Mann; nicht gerade ein vollkommener Nihilist, aber, weißt du, ‚er ißt mit dem Messer‘ — sonst ist er ein sehr guter Arzt. Endlich ist noch der Architekt da. —Une petite cour.“ —

„Hier bringe ich Euch Dolly, Fürstin, Ihr wolltet sie so gern sehen,“ sagte Anna, mit Darja Aleksandrowna die große Steinterrasse betretend, auf welcher im Schatten, hinter dem Stickrahmen die Fürstin Barbara saß, die einen Sessel für den Grafen Aleksey Kyrillowitsch stickte. „Sie sagt zwar, daß sie bis zu Mittag nichts zu sich nehmen mag, befehlt aberimmerhin das Frühstück, während ich mittlerweile gehe, Aleksey zu suchen und sie alle mit hierher bringe.“

Die Fürstin Barbara empfing Dolly mit einer gewissen Gönnermiene und begann sogleich, ihr auseinanderzusetzen, daß sie deshalb bei Anna wohne, weil sie diese mehr liebe, als es deren Schwester, Katharina Pawlowna, gethan, die Anna erzogen hätte, und daß sie es jetzt, nachdem alle Anna verlassen hätten, als ihre Pflicht betrachtet habe, ihr in diesem Übergangsstadium, dem allerschwierigsten, Beistand zu leisten.

„Ihr Mann wird ihr den Konsens zur Ehescheidung geben und dann gehe ich wieder in meine Einsamkeit, jetzt aber kann ich nützlich sein und werde ich meine Pflicht erfüllen, so schwer es mir auch werden mag — ich handle nicht so, wie andere. Und wie lieb bist du, wie schön hast du gehandelt, daß du gekommen bist! Sie leben vollkommen, wie die besten Ehegatten und Gott wird über sie richten, nicht wir dürfen es! Birjusowskij und die Avenijewa, Nikandroff, Wasiljeff und die Mamonowa, und Lisa Neptunowa, da hat doch auch kein Mensch etwas gesagt? Und doch endeten die Fälle so, daß sie sich alle heirateten. Dann aber,c'est un intérieur si joli, si comme il faut. Tout-à-fait à l'anglaise. On se réunit le matin au breakfast et puis on se sépare. Jeder thut, was er will, bis zur Mittagszeit. Die Mittagstafel ist um sieben Uhr. Stefan hat sehr wohl daran gethan, dich zu schicken. Er müßte sich an sie halten. Du weißt ja, er vermag durch seine Mutter und seine Brüder alles, und dann thun sie ja viel Gutes. Hat er dir noch nicht von seinem Krankenhaus erzählt?Ce sera admirable— und alles aus Paris.“

Ihr Gespräch wurde durch Anna unterbrochen, welche die Gesellschaft der Herren beim Billardspiel gefunden hatte und nun zusammen mit ihnen zur Terrasse zurückkehrte. Bis zur Mittagstafel war noch lange Zeit, das Wetter sehr schön und so wurden verschiedenartige Hilfsmittel, die noch übrigen zwei Stunden auszufüllen in Vorschlag gebracht. Der Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben, gab es sehr viele in Wosdwishenskoje, und es waren alle nicht die, wie sie in Pokrowskoje angewendet wurden.

„Une partie de Lawn tennis,“ schlug mit seinem hübschenLächeln Wjeslowskij vor, „ich spiele wieder mit Euch, Anna Arkadjewna!“

„Ach nein; es ist zu heiß dazu; besser, wir gehen in den Park und fahren auf dem Kahn, um Darja Aleksandrowna die Ufer zu zeigen,“ schlug Wronskiy vor.

„Ich bin mit allem einverstanden,“ meinte Swijashskiy.

„Ich denke, daß es Dolly am angenehmsten sein wird, sich erst ein wenig zu ergehen; nicht so? Und dann erst Kahn zu fahren,“ sagte Anna.

So wurde denn auch bestimmt. Wjeslowskij und Tuschkjewitsch begaben sich ins Bad und versprachen, dort das Boot bereit machen und warten zu wollen.

Sie gingen in zwei Paaren auf dem Wege; Anna mit Swijashskiy und Dolly mit Wronskiy. Dolly war ein wenig verwirrt und ängstlich in dieser ihr vollständig neuen Umgebung, in der sie sich befand. Begeistert und voll Theorien, rechtfertigte sie nicht nur, nein, billigte sie sogar Annas Verfahren. Wie im allgemeinen nicht selten untadelhaft moralische Frauen ermüdet von der Einförmigkeit des sittenstrengen Lebens thun, so entschuldigte sie aus ihrer Ferne nicht nur die verbrecherische Liebe, sie beneidete dieselbe sogar.

Außerdem liebte sie Anna auch von Herzen, aber gleichwohl war es ihr in der Wirklichkeit, nachdem sie diese inmitten aller dieser ihr fremden Leute gesehen hatte, in dem für Darja Aleksandrowna neuen, sogenanntem guten Tone, unbehaglich zu Mut. Besonders unangenehm war es ihr, die Fürstin Barbara zu sehen, welche ihnen alles verzieh für die Annehmlichkeiten, die sie dafür genoß.

Im allgemeinen also billigte Dolly, hingerissen, das Vergehen Annas, aber denjenigen sehen zu müssen, für welchen jenes Verbrechen begangen worden, war ihr doch unangenehm. Wronskiy hatte ihr überhaupt nie gefallen. Sie hielt ihn für sehr stolz, sah aber in ihm nichts von alledem, worauf er hätte stolz sein können — es wäre denn sein Reichtum gewesen. —

Gegen ihren Willen jedoch imponierte er ihr hier in seinem Hause noch mehr als früher, und sie konnte sich vor ihm nicht ungezwungen benehmen. Empfand sie doch ihm gegenüber ein Gefühl, das ähnlich dem war, welches sie über ihr Leibchenvor der Zofe empfunden hatte. So wie ihr in deren Gegenwart nicht Scham, sondern Unmut wegen der Ausbesserungen aufgestiegen war, so empfand sie auch vor ihm fortwährend nicht etwas wie Scham, sondern wie Unmut über das eigene Ich.

Dolly fühlte sich verlegen und suchte ein Thema zur Unterhaltung. Wiewohl sie urteilte, daß ihm in seinem Hochmut ein Lob seines Hauses und Parkes unangenehm sein müsse, sagte sie ihm dennoch, keinen andern Gegenstand der Unterhaltung findend, daß ihr sein Haus sehr gefallen habe.

„Ja; es ist ein sehr schönes Gebäude und nach gutem alten Stil,“ sagte er.

„Mir hat auch der Hof vor der Freitreppe sehr gefallen. War der schon so?“

„O nein!“ antwortete er, und sein Gesicht schimmerte vor Genugthuung. „Wenn Ihr diesen Hof noch jetzt im Frühling gesehen hättet!“

Und er begann nun anfangs zurückhaltend, dann aber sich freier und freier hingebend, ihre Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Einzelheiten der Verschönerung in Haus und Garten hinzulenken. Es war ersichtlich, daß Wronskiy nach dem Aufwand so vieler Mühe zur Verbesserung und Verschönerung seines Landsitzes das Bedürfnis empfand, sich desselben vor einer fremden Person zu rühmen, und sich über das Lob Darja Aleksandrownas von ganzem Herzen freute.

„Wenn Ihr noch das Krankenhaus besichtigen wollt und nicht ermüdet seid, so ist dies nicht zu weit entfernt. Kommt,“ sagte er, ihr ins Gesicht blickend, um sich zu überzeugen, daß sie sich ja nicht etwa langweile.

„Kommst du mit, Anna?“ wandte sie sich an diese.

„Wir werden mit kommen; nicht wahr?“ wandte sie sich an Swijashskiy.

„Mais il ne faut pas laisser le pauvre Weslowskij et Tuschkjewitsch se morfondre là dans le bateau. Man muß es ihnen sagen lassen.“

„Das ist ein Denkmal, welches er sich hier aufrichtet,“ sprach Anna, sich zu Dolly wendend, mit dem nämlichen, wissenden und verschlagenen Lächeln, mit welchem sie früher über das Krankenhaus gesprochen hatte.

„O, ein Kapitalwerk,“ rief Swijashskiy, fügte aber sogleich,um nicht als Jasager Wronskiys zu erscheinen, leichthin eine kritische Bemerkung hinzu. „Ich wundere mich nur, Graf,“ sprach er, „daß Ihr, der Ihr in sanitärer Beziehung so viel für das Volk thut, Euch den Schulen gegenüber so gleichgültig verhaltet.“

„C'est devenu tellement commun les écoles,“ sagte Wronskiy, „Ihr seht doch, daß ich nicht davon, sondern eben hiervon eingenommen bin. — Hierhin geht es nach dem Krankenhaus,“ wandte er sich dann zu Darja Aleksandrowna, nach einem Seitenausgang aus der Allee zeigend.

Die Damen öffneten die Sonnenschirme und betraten den Seitenweg. Nachdem sie einige Windungen durchschritten und zu einem Pförtchen hinausgetreten waren, erblickte Darja Aleksandrowna vor sich auf einem erhöhten Terrain ein großes, rotes, fast vollendetes Gebäude von interessantem Aussehen. Das noch nicht gestrichene, eiserne Dach strahlte blendend in der heißen Sonne. Neben dem fertigen Gebäude war ein zweites, vom Wald umgeben, angelegt; Arbeiter auf den Gerüsten legten Ziegel, übergossen die Lagen aus den Eimern und gleichten sie mit Richtmaßen.

„Wie schnell bei Euch die Arbeit vorwärts geht!“ sagte Swijashskiy, „als ich das letzte Mal hier war, war das Dach noch nicht da.“

„Zum Herbste soll alles fertig sein, und innen ist fast alles bereits ausgeputzt,“ sagte Anna.

„Und was ist das Neues dort?“

„Es ist ein Gebäude für den Arzt und die Apotheke,“ antwortete Wronskiy, den in kurzem Überrock auf ihn zukommenden Architekten erblickend; und ging, sich vor den Damen entschuldigend, diesem entgegen.

Die Kalkgrube umgehend, aus welcher die Arbeiter den Kalk holten, blieb er beim Architekten stehen und begann eifrig zu sprechen.

„Das Fronton liegt immer noch zu niedrig,“ antwortete er Anna, welche gefragt hatte, wovon die Rede sei.

„Ich hatte gesagt, man müsse das Fundament erhöhen,“ sagte Anna.

„Ja, natürlich, das wäre besser, Anna Arkadjewna,“ sagte der Architekt, „es ist außer Acht gelassen worden.“

„Ja, ich interessiere mich sehr hierfür,“ antwortete Anna Swijashskiy, welcher sein Erstaunen über ihre Kenntnisse in der Architektur ausgedrückt hatte. „Das neue Gebäude muß dem Krankenhaus entsprechend sein, ist aber erst später geplant und ohne Riß begonnen worden.“

Nachdem die Rücksprache mit dem Architekten beendet war, gesellte sich Wronskiy wieder zu den Damen und führte dieselben in das Innere des Krankenhauses.

Obwohl man außen noch die Karniese fertig machte und in der tieferen Etage tünchte, war in der oberen schon alles fertig. Auf der breiten, gußeisernen Treppe den Treppenabsatz überschreitend, betrat man das erste große Zimmer. Die Wände waren mit Stuck, der sich wie Marmor ausnahm, geziert, die großen Fenster waren schon eingesetzt, nur der Parkettboden war noch nicht fertig und die Tischler, welche ein emporgenommenes Quadrat hobelten, ließen die Arbeit liegen, um, ihre schmalen Stirnbänder abnehmend, welche ihnen das Haar hielten, die Herrschaft zu begrüßen.

„Das ist das Empfangszimmer,“ sagte Wronskiy, „es wird hier nur ein Tisch und ein Schrank hereinkommen, weiter nichts.“

„Hierher, hier wollen wir durchgehen! Komm nicht an das Fenster,“ sagte Anna, probierend, ob die Farbe schon getrocknet sei. „Aleksey, die Farbe ist schon trocken,“ fügte sie hinzu.

Aus dem Empfangszimmer trat man in den Korridor. Hier zeigte Wronskiy eine nach neuem System konstruierte Ventilation, dann die Marmorwannen und Betten mit eigenartigen Federn. Hierauf zeigte er die Krankensäle, einen nach dem anderen, die Vorratskammer, ein Zimmer für die Wäsche, dann einen Ofen neuester Konstruktion, eine Art Rollen, welche kein Geräusch machen sollten und die solche Gegenstände, die gebraucht wurden beförderten, und noch vieles andere. Swijashskiy lobte alles, als ein Mann, welcher alle neuen Vervollkommnungen kannte. Dolly war geradezu erstaunt über diese Dinge, welche sie bis jetzt noch nicht gesehen hatte, und frug im Begehren, alles zu erfassen, eingehend nach allem, was Wronskiy augenscheinlich Vergnügen machte.

„Ich glaube, dies wird das einzige, vollständig rationelleingerichtete Krankenhaus in Rußland werden,“ sagte Swijashskiy.

„Werdet Ihr auch eine Abteilung für Wöchnerinnen haben,“ frug Dolly. „Das ist doch so notwendig auf dem Lande. Ich habe häufig“ —

Bei aller seiner Höflichkeit fiel ihr hier Wronskiy ins Wort.

„Das ist kein Geburtsinstitut, sondern ein Krankenhaus und für alle Krankheiten bestimmt außer den ansteckenden,“ sagte er. „Aber hier seht einmal das,“ er rollte einen neuerdings erst verschriebenen Lehnsessel zu Darja Aleksandrowna, welcher für Genesende bestimmt war. „Paßt auf,“ er setzte sich in den Sessel und begann ihn fortzubewegen. „Wenn Einer nicht gehen kann, noch zu schwach ist, oder fußleidend, aber Luft schöpfen muß, so fährt er, rollt er sich“ —

Darja Aleksandrowna interessierte sich für alles; alles gefiel ihr sehr, am meisten aber Wronskiy selbst mit dieser natürlichen, naiven Begeisterung.

„Ja, ja, er ist ein sehr lieber und guter Mann,“ dachte sie, ohne ihn zu hören, aber auf ihn blickend und in seinen Ausdruck versunken, während sie sich im Geiste in Anna versetzte. Er gefiel ihr jetzt so wohl in seiner Lebhaftigkeit, daß sie begriff, wie Anna sich in ihn hatte verlieben können.

„Nein, ich glaube die Fürstin ist müde und die Pferde interessieren sie nicht mehr,“ sagte Wronskiy zu Anna, welche vorgeschlagen hatte, zum Marstall zu gehen, wo Swijashskiy den neuen Hengst zu besichtigen wünschte. „Geht Ihr dahin, während ich die Fürstin ins Haus begleite, und wir wollen ein wenig plaudern, wenn es Euch angenehm ist?“ sagte er, zu derselben gewendet.

„Von Pferden verstehe ich gar nichts; und es ist mir so recht angenehm,“ sagte Darja Aleksandrowna etwas verwundert.

Sie sah im Gesicht Wronskiys, daß er etwas von ihr wünschte, und sie irrte nicht. Kaum waren sie wiederum durch das Pförtchen in den Garten gelangt, als er nach der Seite schaute, nach welcher Anna gegangen war, und, nachdemer sich überzeugt hatte, daß diese ihn weder hören noch sehen könne, begann:

„Ihr habt erraten, daß ich mit Euch zu sprechen wünschte,“ sagte er, sie mit lachenden Augen anblickend, „ich irre nicht darin, daß Ihr eine Freundin Annas seid.“ Er nahm den Hut ab, zog ein Tuch hervor und trocknete sich damit seinen Kopf mit dem spärlichen Haar.

Darja Aleksandrowna antwortete nicht, sondern blickte ihn nur erschrocken an. Nachdem sie mit ihm so allein geblieben, wurde es ihr plötzlich ängstlich zu Mut; die lachenden Augen und der ernste Ausdruck seines Gesichts erschreckten sie.

Die verschiedenartigsten Vermutungen, worüber er wohl mit ihr könnte sprechen wollen, gingen ihr durch den Kopf. „Er wird mich einladen, mit den Kindern zu ihm auf Besuch zu kommen, und ich werde ihm abschläglich antworten müssen: Oder soll ich in Moskau einen Kreis für Anna schaffen, oder will er über Wasjenka Wjeslowskiy und dessen Beziehungen zu Anna reden? Vielleicht auch von Kity, oder davon, daß er sich schuldig fühlt?“ Sie sah nur Unangenehmes, erriet aber nicht, wovon er mit ihr mochte reden wollen.

„Ihr habt so großen Einfluß auf Anna, sie liebt Euch so,“ sagte er, „helft mir doch!“

Darja Aleksandrowna schaute fragend und schüchtern auf sein energisches Gesicht, welches bald ganz, bald stellenweis in das Licht der Sonne trat, das bald den Schatten der Linden durchdrang, bald vom Schatten wieder verdunkelt wurde, und wartete auf das, was er weiter sagen würde; doch er schritt, mit dem Spazierstock in den Kies bohrend, schweigend neben ihr hin.

„Wenn Ihr zu uns gekommen seid, Ihr, die einzige Frau unter den früheren Freundinnen Annas — die Fürstin Barbara rechne ich nicht — so verstehe ich darin, daß Ihr dies nicht gethan habt, weil Ihr etwa unser Verhältnis für ein normales haltet, sondern weil Ihr, die ganze Schwierigkeit dieses Verhältnisses begreifend, sie noch immer ebenso liebt und ihr helfen wollt. Habe ich Euch so richtig aufgefaßt?“ frug er, sie anschauend.

„O ja,“ antwortete Darja Aleksandrowna, ihren Sonnenschirm schließend, „doch“ —

— „Nein,“ unterbrach er sie, und blieb stehen, unwillkürlich, und vergessend, daß er hierdurch Darja Aleksandrowna in eine peinliche Situation versetzte, indem diese genötigt war, gleichfalls stehen zu bleiben. „Niemand empfindet mehr und stärker als ich die ganze Schwierigkeit der Lage Annas, und dies ist begreiflich, wenn Ihr mir die Ehre erweist, mich für einen Menschen zu halten, der Herz besitzt, ‚ich bin die Ursache dieser Lage und deshalb fühle ich sie.‘“

„Ich verstehe,“ sagte Darja Aleksandrowna, unwillkürlich freundlich werdend, als er dies so aufrichtig und bestimmt aussprach, „aber eben deswegen, weil Ihr Euch als die Ursache fühlt, übertreibt Ihr, wie ich fürchte,“ sagte sie, „Annas Lage ist eine schwierige in der Welt, ich verstehe wohl.“

„In der Welt ist sie eine Hölle,“ fuhr er hastig fort, das Gesicht in finstre Falten legend, „man kann sich keine schlimmeren moralischen Qualen vorstellen, als die, welche sie in jenen vierzehn Tagen in Petersburg durchlebt hat. Ich bitte Euch darum, das zu glauben.“

„Aber hier, bis jetzt, so lange weder Anna, noch Ihr ein Bedürfnis nach der Welt empfindet“ —

„Die Welt“ — sagte er voll Verachtung, „welches Bedürfnis kann ich nach der Welt empfinden?“

„Bis jetzt — und vielleicht bleibt das immer so — seid Ihr glücklich und ruhig. Ich sehe an Anna, daß sie glücklich ist, vollkommen glücklich, sie hat es mir kaum erst geäußert“ — sagte Darja Aleksandrowna lächelnd; doch unwillkürlich stiegen ihr, während sie dies sprach, Zweifel auf, ob Anna wirklich glücklich war.

Wronskiy hingegen schien hieran nicht zu zweifeln.

„Ja, ja,“ sagte er, „ich weiß, daß sie aufgelebt ist nach allen ihren Leiden; sie ist glücklich. Sie ist wahrhaft glücklich. Aber ich? Ich fürchte das, was uns erwartet. Doch entschuldigt, Ihr wollt gewiß gehen?“

„Nein, ganz gleich.“

„Gut, setzen wir uns dann hierher!“

Darja Aleksandrowna ließ sich auf einer Gartenbank in einer Ecke der Allee nieder. Er blieb vor ihr stehen.

„Ich sehe, daß sie glücklich ist,“ wiederholte er und der Zweifel daran, ob sie glücklich sei, beschlich Darja Aleksandrownanoch mehr. „Aber kann dies so fortgehen? Mögen wir gut oder schlecht gehandelt haben, das bleibt eine andre Frage, aber der Würfel ist gefallen,“ sagte er, aus der russischen in die französische Sprache übergehend, „und wir sind für das ganze Leben miteinander verbunden; wir sind vereint durch die heiligsten Bande der Liebe. Wir haben ein Kind, wir können noch mehr Kinder haben. Aber das Gesetz und alle Umstände in unserem Verhältnis sind derart, daß sich tausend Verwickelungen zeigen, welche Anna jetzt, wo sie ihren Geist von all den Leiden und Prüfungen ausruhen läßt, nicht sieht oder nicht sehen will. Und das ist begreiflich. Ich aber muß sie sehen. Meine Tochter ist nach dem Gesetz — nicht meine Tochter, sondern eine Karenina. Ich will diese Täuschung nicht,“ sagte er, mit einer energischen Geste der Verneinung, und düster fragend Darja Aleksandrowna anblickend.

Diese antwortete nicht und schaute ihn nur an. Er fuhr fort:

„Morgen kann mir ein Sohn geboren werden, mein Sohn, aber nach dem Gesetz — ist er ein Karenin; weder Erbe meines Namens, noch Erbe meines Vermögens, und so glücklich wir in der Familie sein, soviel Kinder wir auch bekommen mögen, zwischen mir und ihnen besteht kein Band. Sie sind Karenin. Begreift nur das Drückende und Entsetzliche dieser Lage! Ich habe es versucht, mit Anna darüber zu sprechen, aber sie reizt dies nur. Sie versteht es nicht und ich vermag nicht, ihr alles zu sagen. Betrachtet indes jetzt die Sache auch noch von einer anderen Seite! Ich bin glücklich, glücklich durch ihre Liebe, aber ich muß eine Beschäftigung haben! Diese Beschäftigung habe ich gefunden und bin stolz auf sie; ich halte sie für edler, als es die Beschäftigung meiner ehemaligen Kameraden am Hof und im Dienst ist, und ohne Zweifel würde ich dieses Wirken nicht mit dem ihren vertauschen mögen. Ich arbeite hier, auf meiner Scholle sitzend, und bin glücklich und zufrieden, und wir brauchen nichts weiter zum Glück. Ich liebe diese Thätigkeit.Cela n'est pas un pis-aller, im Gegenteil“ —

Darja Aleksandrowna bemerkte, daß er an dieser Stelle seiner Erklärung den Faden verlor; sie verstand diese Abschweifung nicht recht und fühlte, daß er jetzt, nachdem ereinmal über seine Herzensangelegenheiten, über die er mit Anna nicht reden konnte, zu sprechen angefangen hatte, alles aussprach, und daß sich die Frage seiner Beschäftigung auf dem Lande in der nämlichen Abteilung seiner innersten Gedanken befand, in welcher auch die Frage über seine Beziehungen zu Anna war.

„Indessen, ich fahre fort,“ sagte er, wieder auf den rechten Weg kommend, „das Wichtigste ist, daß ich beim Arbeiten die Überzeugung hegen muß — daß das von mir Geleistete nicht mit mir sterben wird, daß ich Erben haben werde, — und dies ist bei mir nicht der Fall! Stellt Euch selbst die Situation eines Menschen vor, welcher im voraus weiß, daß seine und seines von ihm geliebten Weibes Kinder nicht sein eigen werden, sondern jemandes, der sie haßt und sie gar nicht kennen will. — Das ist doch furchtbar!“

Er verstummte augenscheinlich in starker Erregung.

„Ja, natürlich; ich begreife das. Aber was kann Anna thun?“ frug Darja Aleksandrowna.

„Dies eben führt mich auf den Zweck meiner Aussprache,“ sagte er, sich gewaltsam bezwingend, „Anna kann Etwas thun; es hängt von ihr ab. Selbst zu dem Gesuch an den Zaren um Adoptierung, ist die Ehescheidung unumgänglich erforderlich. Und diese hängt von Anna ab; ihr Gatte war mit der Scheidung einverstanden — Euer Gatte hatte dies damals vollkommen arrangiert, und auch jetzt noch, ich weiß es, würde er sich nicht weigern. Es käme nur darauf an, daß man ihm schriebe. Er hat damals offen geantwortet, daß er sich, wenn sie diesen Wunsch aussprechen sollte, nicht weigern würde. Natürlich,“ sagte er finster, „ist dies nur eine jener Pharisäerhärten, deren allein Leute ohne Herz fähig sind. Er weiß, welche Qual ihr jede Erinnerung an ihn kostet, und fordert, da er es weiß, von ihr einen Brief. Ich begreife, daß ihr das qualvoll sein muß, aber die Ursachen sind so wichtig, daß es heißtpasser par-dessus toutes ces finesses de sentiment. Il y va du bonheur et de l'existence d'Anne et de ses enfants.Ich spreche nicht von mir, obwohl es mir schwer, sehr schwer wird,“ sagte er mit dem Ausdruck einer Drohung gegen jemand, der es ihm so schwer machte. „Und so klammere ich mich denn ohne Bedenken an Euch, Fürstin, wie an einenRettungsanker. Helft mir, sie zu überreden, daß sie ihm schreibt und die Scheidung fordert.“

„Ja, natürlich,“ sagte Darja Aleksandrowna, sich lebhaft ihres letzten Zusammenseins mit Aleksey Aleksandrowitsch erinnernd, „ja versteht sich,“ wiederholte sie entschlossen, mit dem Gedanken an Anna.

„Macht von Eurem Einfluß auf sie Gebrauch und bewirkt, daß sie schreibt. Ich will und kann nicht darüber mit ihr reden.“

„Gut, ich werde mit ihr sprechen. Aber sie selbst sollte gar nicht hieran denken?“ sagte Darja Aleksandrowna, der plötzlich hierbei die seltsame neue Gewohnheit Annas, zu zwinkern, einfiel. Sie dachte wieder daran, daß Anna gerade da, als die Frage auf die Seiten ihres Lebens, die ihr Herz berührten, kam, mit den Augen zwinkerte. „Gerade als ob sie über ihr Leben zwinkerte, um es nicht zu sehen,“ dachte Dolly. „Ohne Zweifel muß ich im eigenen Interesse und in ihrem mit ihr sprechen,“ antwortete sie auf den Ausdruck seiner Dankbarkeit hin.

Sie erhoben sich und schritten dem Hause zu.


Back to IndexNext