„Was ist? Was ist denn?“ frug er, schon vorher den Grund kennend.
„Du hast dich verliebt in dieses abscheuliche Weib; sie hat dich bestrickt. Ich seh es an deinen Augen! Ja, ja; was soll daraus werden? Du hast im Klub getrunken, getrunken, gespielt und dann bist du zu ihr gefahren. Zu wem? Nein; wir reisen ab! Morgen reise ich ab!“
Lewin vermochte lange nicht, sein Weib zu beruhigen. Endlich hatte er sie indessen beschwichtigt, jedoch nur dadurch, daß er eingestand, daß das Gefühl des Mitleids im Verein mit dem Weine ihn verleitet habe, und daß er dem hinterlistigen Einfluß Annas unterlegen sei, diese aber fortan meiden werde.
Ein Umstand, welchen er am Aufrichtigsten eingestand, war der, daß er, so lange schon in Moskau, lediglich durch diese Unterhaltung, das Essen und Pokulieren um seine klare Vernunft gekommen sei.
So sprachen sie bis drei Uhr nachts, und erst um drei Uhr hatten sie sich so weit versöhnt, daß sie Schlaf fanden.
Nachdem Anna ihre Gäste hinausgeleitet hatte, begann sie, ohne wieder Platz zu nehmen, im Gemach auf und abzuschreiten. Obwohl sie unbewußt — wie sie in letzter Zeit in ihrem Verhalten jungen Männern gegenüber stets gethan — den ganzen Abend alles Mögliche versucht hatte, in Lewin die Empfindung der Liebe für sie zu erwecken, obwohl sie wußte, daß sie dies auch erreicht habe, so weit es eben in ihrem Verhältnis einem ehrenhaften verheirateten Manne gegenüber und für einen einzigen Abend möglich gewesen war — obwohl auch er selbst ihr sehr gefallen hatte (trotz des scharfen Kontrastes, welcher vom Gesichtspunkt des Mannes aus zwischen Wronskiy und Lewin bestand, sah sie als Weib in beiden ganz ebenso das Gemeinsame, wodurch Kity Wronskiy wie Lewin liebgewonnen hatte), dachte sie nicht mehr seiner, sobald er das Zimmer verlassen hatte.
Einundderselbe Gedanke verfolgte sie unablässig in verschiedenen Gestalten: „Wenn ich so auf andere wirke, aufdiesen häuslichen, liebenden Mann, wie kommt es da, daß er so kalt ist gegen mich? Oder vielmehr, nicht daß er kalt wäre, er liebt mich, ich weiß es; aber etwas Fremdartiges trennt uns jetzt! Wie kommt es, daß er den ganzen Abend nicht hier ist? Er hat mir durch Stefan sagen lassen, daß er Jaschwin nicht verlassen könne und dessen Spiel verfolgen müsse. Was für ein Kind ist dieser Jaschwin? Aber gesetzt, es wäre wirklich so — er spricht ja nie die Unwahrheit — so liegt in dieser Wahrheit doch etwas anderes! Er freut sich über die Gelegenheit, mir zeigen zu können, daß er auch noch andere Verpflichtungen hat. Ich weiß das, und bin damit einverstanden. Aber weshalb muß er mir dies zeigen? Er will mir beweisen, daß seine Liebe zu mir nicht seine Freiheit hemmen darf! Aber ich brauche keine Beweise, sondern Liebe! Er hätte wohl all das Drückende dieses meines Lebens in Moskau begreifen müssen; lebe ich denn? Ich lebe nicht, ich erwarte eine Lösung, die sich mehr und mehr hinauszieht. Wieder keine Antwort! Stefan sagt, er könne sich nicht zu Aleksey Aleksandrowitsch begeben. Ich kann aber doch nicht nochmals schreiben. Ich kann nichts thun, nichts anfangen, nichts ändern; ich halte mich ruhig zurück, warte ab, indem ich mir Zeitvertreib ersinne — wie die Familie des Engländers, die Schriftstellerei und Lektüre — und doch ist das alles nur eine Täuschung, alles das ist das nämliche Morphium! Er müßte mich beklagen,“ sprach sie und fühlte, wie ihr die Thränen des Jammers über sich selbst in die Augen traten.
Da vernahm sie das jähe Läuten Wronskiys und wischte eilig diese Thränen ab. Sie wischte nicht nur ihre Thränen weg, sie setzte sich noch zur Lampe und schlug ein Buch auf, sich den Anschein der Ruhe gebend. Galt es doch, ihm zu zeigen, daß sie mißgestimmt sei, weil er nicht zurückgekehrt war, wie er versprochen hatte — nur mißgestimmt; aber nimmermehr wollte sie ihm ihren Schmerz zeigen, oder gar etwa ihr Mitleid mit sich selbst.
Sie durfte wohl Mitleid haben mit sich selbst, nicht aber er mit ihr. Sie wollte keinen Hader, sie machte ihm einen Vorwurf daraus, daß er zu streiten wünschte, und doch geriet sie unwillkürlich in streitlustige Stimmung.
„Du hast dich doch nicht gelangweilt?“ sagte er, lebhaftund heiter zu ihr kommend. „Welch eine furchtbare Leidenschaft — das Spiel.“ —
„Nein; ich habe mich nicht gelangweilt und habe schon seit langem gelernt, mich nicht zu langweilen. Stefan und Lewin waren hier.“
„Ja wohl; sie wollten zu dir fahren. Nun, wie hat dir Lewin gefallen?“ sprach er, sich neben ihr niederlassend.
„Sehr gut. Sie sind nicht lange erst weggefahren. Was hat Jaschwin gemacht?“
„Er war im Gewinnen; siebzehntausend Rubel. Ich rief ihn zu mir, er war vollkommen einverstanden, schon aufzubrechen, kehrte aber wieder um und verspielt jetzt.“
„Weshalb bist du denn dann geblieben?“ frug sie, plötzlich die Augen zu ihm erhebend. Der Ausdruck ihres Gesichts war kalt und feindselig, „du hast Stefan gesagt, du wolltest bleiben, um Jaschwin mit zu dir zu nehmen, und hast ihn doch verlassen.“
Der nämliche Ausdruck kalter Kampfbereitschaft drückte sich auch auf seinem Antlitz aus.
„Erstens habe ich ihn in keiner Weise gebeten, dich von etwas zu benachrichtigen, zweitens spreche ich nie die Unwahrheit. Die Hauptsache ist, ich wollte bleiben und bin geblieben,“ sagte er, finster sprechend. „Anna, warum, warum nur das?“ sprach er nach einer Minute des Schweigens, sich zu ihr beugend und die Hand öffnend in der Hoffnung, daß sie die ihre in sie legen werde.
Sie freute sich über diese Aufforderung, zärtlich zu sein, aber eine gewisse, seltsame Macht des Bösen gestattete ihr nicht, sich ihrem Zuge zu ihm hinzugeben, gleich als ob die Ursachen zum Hader es nicht zuließen, daß sie sich selbst überwinde.
„Natürlich; du wolltest bleiben und bist geblieben. Du thust eben, was du willst! Aber warum sagst du mir das? Zu welchem Zweck?“ sagte sie, immer mehr in Erregung geratend. „Macht dir denn jemand deine Rechte streitig? Du willst in deinem Rechte sein; sei es.“
Seine Hand schloß sich, er wandte sich ab und sein Gesicht nahm noch mehr als vorher einen Ausdruck von Trotz an.
„Für dich ist dies nur eine Frage des Eigensinnes,“ sagte sie, ihn unverwandt anblickend, indem sie plötzlich den Namenfand für diesen sie in Wallung versetzenden Ausdruck seines Gesichts, „einfach des Trotzes! Für dich giebt es nur die Frage, wirst du Sieger bleiben gegen mich. Für mich aber“ — wieder empfand sie Mitleid mit sich selbst und sie wäre beinahe in Thränen ausgebrochen. „Wüßtest du, um was es sich für mich handelt! Wenn ich, so wie jetzt, fühle, daß du dich feindselig gegen mich verhältst, thatsächlich feindselig, wüßtest du, was das für mich bedeutet! Wenn du wüßtest, wie nahe ich in diesen Augenblicken dem Unglück bin, wie ich mich selbst fürchte!“ — Sie wandte sich ab, ihr Schluchzen unterdrückend.
„Wovon sprichst du da?“ sagte er, erschreckt vor dem Ausdruck ihrer Verzweiflung, und sich wiederum zu ihr neigend, ihre Hand ergreifend und sie küssend. „Meide ich etwa nicht den Umgang mit den Weibern?“
„Das wäre auch noch!“ sagte sie.
„Nun sag', was ich thun soll, damit du beruhigt bist? Ich bin bereit, alles zu thun, daß du glücklich sein möchtest,“ sprach er, gerührt von ihrer Verzweiflung, „was thue ich nicht, um dich von einem Schmerz zu befreien, wie er dich jetzt erfüllt, Anna,“ sagte er.
„Nicht doch, nicht doch,“ sprach sie, „ich weiß selbst nicht; ist es das einsame Leben, sind es die Nerven — nun, wir wollen nicht weiter davon sprechen! Wie war es mit dem Rennen? Du hast mir nicht davon erzählt?“ frug sie, sich bemühend, den Triumph über den Sieg zu verbergen, welcher nun doch auf ihrer Seite geblieben war.
Er befahl das Abendessen und begann ihr Einzelheiten über die Rennen zu erzählen, aber an seinem Tone, seinen Blicken, die kühler und kühler wurden, erkannte sie, daß er ihr ihren Sieg nicht vergeben hatte, daß jenes Gefühl des Trotzes, gegen welchen sie gekämpft hatte, wieder in ihm erstanden war. Er war kühler gegen sie, als vorher, gleichsam als bereute er es, sich unterworfen zu haben, während sie, an die Worte denkend, welche ihr den Sieg verliehen hatten „ich bin nahe einem furchtbaren Unglück und fürchte mich selbst“, erkannt hatte, daß diese Waffe eine gefährliche war, und sie dieselbe nicht ein zweites Mal anwenden könne.
Sie fühlte aber auch, daß neben der Liebe, die sie beidevereinte, zwischen ihnen der böse Geist einer Kampflust getreten war, den sie weder aus seinem Herzen, noch viel weniger aber aus dem ihren zu vertreiben vermochte.
Es giebt keine Verhältnisse, an die sich der Mensch nicht gewöhnen könnte; besonders wenn er sieht, daß alle, die ihn umgeben, ebenso leben.
Lewin hätte vor drei Monaten nicht geglaubt, daß er unter den Verhältnissen, in denen er sich jetzt befand, ruhig einschlafen könne; nie gedacht, daß er, indem er ein zweckloses, gehaltloses Leben führte, welches noch dazu über seine Mittel ging, nach seinem Rausche, — denn anders konnte er das nicht nennen, was es im Klub gab — nach Anknüpfung ungereimter, freundschaftlicher Beziehungen zu einem Manne, in welchen einst seine Frau verliebt gewesen war, und einem noch ungereimteren Besuch bei einer Frau, die man nur als gefallen bezeichnen konnte, sowie nach seinem Enthusiasmus für diese Frau und der Erbitterung der Gattin — unter solchen Verhältnissen ruhig einschlafen könne. Allein unter dem Einfluß der Ermüdung, einer schlaflos verbrachten Nacht und des genossenen Weines, entschlief er sanft und selig.
Um fünf Uhr weckte ihn das Kreischen einer geöffneten Thür. Er fuhr auf und schaute sich um. Kity war nicht mehr im Bett neben ihm, aber hinter der spanischen Wand bewegte sich ein Licht und er vernahm ihre Schritte.
„Was giebt es, was giebt es?“ sprach er, aus dem Schlafe auffahrend, „Kity, was ist?“
„Nichts,“ antwortete diese, das Licht in der Hand, hinter der Zwischenwand hervortretend. „Es war mir unwohl geworden,“ sagte sie, mit eigentümlich weichem ausdrucksvollen Lächeln.
„Was ist? Fängt es an, fängt es an?“ fuhr er erschreckt fort, „da muß geschickt werden,“ und hastig wollte er sich ankleiden.
„Nein, nein,“ sagte sie, lächelnd, und ihn mit der Hand zurückhaltend. „Es ist augenscheinlich nicht von Bedeutung. Es war mir nur ein wenig unwohl geworden. Jetzt aber ist es vorüber.“
Zu ihrem Bett gehend, löschte sie wieder das Licht, legte sich nieder und blieb still liegen. Obwohl ihm ihre Ruhe, wie die eines verhaltenen Atmens, und mehr noch der Ausdruck einer eigenartigen Weichheit und Aufgeregtheit an ihr, mit welchem sie, hinter der Zwischenwand hervortretend, das „nichts“ zu ihm gesagt hatte, verdächtig erschien, verlangte es ihn doch so sehr nach Schlaf, daß er sofort wieder einschlummerte. Erst später gedachte er dieses stillen Atmens, verstand er da alles, was in ihrer edlen, lieben Seele damals vor sich gegangen war, als sie, ohne sich zu rühren, in der Erwartung des wichtigsten Ereignisses im Leben des Weibes, neben ihm gelegen hatte.
Um sieben Uhr erweckte ihn ihre Hand, die ihn an der Schulter berührte, sowie ein leises Flüstern. Sie kämpfte gleichsam noch zwischen dem Bedauern, ihn wecken zu müssen und dem Wunsche, mit ihm zu sprechen.
„Mein Konstantin, erschrick nicht. Es ist nichts. Aber nur scheint — wir müssen nach der Lisabetha Petrowna schicken“ —
Das Licht wurde wieder angezündet. Sie setzte sich im Bett und hielt ein Strickzeug in der Hand, mit welchem sie sich in den letzten Tagen beschäftigt hatte.
„Bitte, erschrick nicht, es ist nichts. Ich habe durchaus keine Angst,“ sprach sie, sein erschrecktes Gesicht gewahrend, und drückte seine Hand an ihren Busen und dann an ihre Lippen.
Eilig sprang er auf, sich selbst nicht mehr empfindend und kein Auge von ihr wendend, zog seinen Hausrock an und blieb stehen, sie noch immer anblickend. Er mußte gehen, konnte sich aber nicht losreißen von ihrem Blick. Wie sehr er auch ihr Antlitz liebte, ihre Mienen kannte, und ihren Blick, aber so hatte er sie doch noch nie gesehen! Wie abscheulich und furchtbar erschien er jetzt sich selbst, indem er sich ihrer gestrigen Erbitterung entsann, hier vor ihr in ihrer Lage jetzt! Ihr gerötetes Gesicht, umgeben von dem sich unter dem Nachthäubchen hervordrängenden, weichen Haar, schimmerte von Freude und Entschlossenheit. So wenig Unnatürliches und Gekünsteltes auch im allgemeinen Charakter Kitys lag, so war Lewin dennoch betroffen von dem, was sich vor ihm jetztenthüllte, als plötzlich alle die Schleier abgenommen waren, und der ganze Kern ihrer Seele in ihren Augen leuchtete.
In dieser Einfachheit und Hüllenlosigkeit wurde sie, die, welche er liebte, noch klarer sichtbar für ihn. Lächelnd schaute sie auf ihn, doch plötzlich erbebten ihre Brauen, sie hob das Haupt, und schnell zu ihm tretend, nahm sie ihn bei der Hand; sie schmiegte sich eng an ihn, und umgab ihn mit ihrem heißen Odem. Sie litt und es war, als beklage sie sich bei ihm über ihr Leiden. Auch ihm schien im ersten Augenblick nach seiner Gewohnheit, als sei er schuldig, aber in ihrem Blick lag eine Zärtlichkeit, welche sagte, daß sie ihm nicht nur keinen Vorwurf mache, sondern ihn für diese Leiden liebe. „Wenn ich es nicht bin — wer trüge dann die Schuld hieran?“ dachte er unwillkürlich, den Urheber aller dieser Leiden suchend, um ihn zu strafen; aber es war kein Schuldiger da. Sie litt, klagte und triumphierte zugleich über diese Leiden, sie freute sich ihrer und liebte sie. Er sah, daß sich in ihrer Seele etwas Schönes vollziehe, aber was es war? Er konnte es nicht erfassen. Es stand über seinem Erkenntnisvermögen.
„Ich habe zu Mama geschickt, fahre du möglichst schnell nach der Lisabetha Petrowna — mein Konstantin — es ist nichts; schon vorüber“ — Sie verließ ihn und schellte. „Also geh jetzt; Pascha kommt. Mir fehlt nichts.“
Mit Verwunderung sah Lewin, daß sie die Strickerei ergriff, die sie am Abend mitgebracht hatte und von neuem zu stricken begann.
Während Lewin durch die eine Thür hinausging, hörte er noch, wie das Mädchen durch die andere hereintrat. Er blieb an der Thür stehen und vernahm, wie Kity der Zofe ausführliche Anweisungen erteilte, und mit ihr selbst das Bett zu rücken begann.
Er kleidete sich an und eilte, bis man die Pferde angespannt haben würde — ein Mietgeschirr war noch nicht zu haben — wieder nach dem Schlafzimmer, nicht auf den Fußspitzen, sondern auf Flügeln wie ihm schien.
Zwei Mädchen räumten geschäftig um im Schlafzimmer; Kity selbst ging umher und strickte, schnell die Maschen werfend und Anordnungen dabei treffend.
„Ich werde sogleich zum Arzte eilen. Nach der Lisabetha Petrowna ist man gefahren; ich aber will erst noch hin, ist nicht noch etwas nötig? Soll ich zu Dolly?“
Sie blickte ihn an, offenbar ohne zu hören, was er sprach.
„Ja, ja. Geh,“ sprach sie schnell, sich verfinsternd und ihm mit der Hand zuwinkend. Er war schon in den Salon hinaus, als plötzlich ein klägliches, sogleich wieder verstummendes Stöhnen aus dem Schlafzimmer ertönte. Er blieb stehen und konnte lange nicht verstehen.
„Ja; das war sie,“ sagte er zu sich selbst und lief, sich nach dem Kopfe greifend, hinab. „Gott erbarme dich! Vergieb mir und steh' mir bei!“ stammelte er mit Worten, die gleichsam plötzlich und unerwartet ihm über die Lippen kamen. Er, der da nicht glaubte, wiederholte diese Worte nicht nur mit dem Munde allein. Jetzt, in dieser Minute erkannte er, daß nicht nur alle seine Zweifel, sondern auch die Unmöglichkeit, aus Verstandesgründen zu glauben, die er in sich selbst wahrgenommen hatte, ihn keineswegs daran verhinderten, sich an Gott zu wenden. Alles das flog ihm jetzt wie Staub von seiner Seele herunter. An wen sollte er sich wenden, wenn nicht an den, in dessen Händen er sich fühlte, seine Seele und seine Liebe?
Das Pferd war noch nicht fertig, und so eilte er im Gefühl einer eigentümlichen Spannung seiner physischen Kräfte und Wahrnehmungsfähigkeit für das, was er zu thun hatte, damit nicht eine Minute verloren ging — ohne auf das Pferd zu warten — zu Fuß hinweg und befahl Kusma, ihm nachzukommen. An der Ecke traf er auf eine daherjagende Nachtdroschke. In einem kleinen Schlitten, mit kurzem Sammetpelzmantel und in ein Umschlagtuch gewickelt, saß Lisabetha Petrowna.
„Gott sei Dank, Gott sei Dank!“ sagte er, mit Entzücken sie und ihr kleines blondes Gesicht, welches jetzt einen eigentümlich ernsten, sogar strengen Ausdruck hatte, erkennend. Ohne dem Kutscher zu befehlen, anzuhalten, rannte er neben ihr wieder mit zurück.
„Also seit zwei Stunden? Nicht wahr?“ frug sie, „Ihr werdet Peter Dmitrjewitsch schon treffen, aber drängt ihn nur nicht! Nehmt auch Opium aus der Apotheke mit.“
„So denkt Ihr also, daß es glücklich geht? Gott erbarme sich und steh' mir bei!“ sagte Lewin, welcher jetzt sein aus dem Thor herauskommendes Geschirr erblickte. Zu Kusma in den Schlitten springend, befahl er diesem, zum Arzt zu fahren.
Der Arzt war noch nicht aufgestanden und der Diener sagte, er sei spät zu Bett gegangen und habe nicht befohlen, ihn zu wecken, doch stehe er bald auf.
Der Diener putzte Lampengläser und schien davon sehr in Anspruch genommen zu sein. Diese Aufmerksamkeit des Dieners für seine Gläser und der Gleichmut gegenüber dem, was sich bei Lewin vollzog, setzte diesen anfangs außer Fassung, doch erkannte er, zur Überlegung kommend sogleich, daß ja niemand seine Empfindungen kenne, und kennen müsse, und es daher um so notwendiger sei, ruhig zu handeln, wohlüberlegt und entschlossen, um diese Mauer der Indifferenz zu durchbrechen und seinen Zweck zu erreichen.
„Eile mit Weile,“ sagte Lewin zu sich selbst, mehr und mehr eine Zunahme seiner physischen Kräfte, sowie seiner Wahrnehmungsfähigkeit für alles das, was er zu thun hatte, verspürend.
Nachdem er gehört, daß der Arzt noch nicht aufgestanden sei, blieb Lewin innerhalb der verschiedenen Pläne, die in ihm erstanden, bei dem, daß Kusma mit einem Billet zu einem andern Arzte fuhr, während er selbst in die Apotheke nach Opium eilte; sollte aber, wenn er zurückkäme, der Doktor noch nicht aufgestanden sein, so wollte er den Diener bestechen oder wenn derselbe nicht einwilligte, den Arzt mit Gewalt wecken, koste es, was es wolle.
In der Apotheke verschloß ein dürrer Provisor mit ganz dem nämlichen Gleichmut, mit welchem der Lakai die Gläser geputzt hatte, vermittelst einer Oblate Pulver für einen wartenden Kutscher, und verweigerte das Opium. Im Bestreben, nichts zu überhasten und nicht in Aufregung zu geraten, begann Lewin, nachdem er den Namen des Arztes und der Hebamme genannt, und erklärt hatte, wozu das Opium nötig sei, den Provisor zu überreden. Derselbe frug in deutscher Sprache um Rat, ob er es geben könne, und holte, nachdemer hinter einer Zwischenwand heraus Zustimmung erhalten hatte, ein Gläschen und einen Trichter herbei, worauf er langsam aus einem großen Gefäß in ein kleines Fläschchen goß, einen weißen Papierstreif anklebte und siegelte. Ungeachtet der Bitte Lewins, es nicht zu thun, wollte er das Fläschchen nochmals einwickeln. Das konnte aber Lewin nicht mehr aushalten; entschlossen riß er dem Manne das Fläschchen aus den Händen und stürzte zu der großen Glasthür hinaus.
Der Arzt war noch nicht aufgestanden, und der Diener, jetzt mit dem Aufbreiten eines Teppichs beschäftigt, weigerte sich, ihn zu wecken. Lewin zog ohne Überstürzung ein Zehnrubelpapier hervor, gab es ihm, mit einigen langsam gesprochenen Worten, aber ohne Zeit zu verlieren, und erklärte, daß Peter Dmitrjewitsch — wie erhaben und bedeutungsvoll erschien Lewin jetzt der vorher so unbedeutend gewesene Peter Dmitrjewitsch — versprochen habe, zu jeder Zeit da sein zu wollen, und sicherlich nicht ungehalten sein werde selbst darüber, daß er ihn sogleich wecke.
Der Diener gehorchte, ging nach oben und lud Lewin ein, in das Empfangszimmer zu treten.
Lewin vermochte hinter der Thür zu hören, wie der Arzt hustete, umherging, sich wusch und Etwas sagte. Es vergingen drei Minuten; Lewin schien es, als wäre mehr als eine halbe Stunde vergangen. Er konnte nicht länger warten.
„Peter Dmitrjewitsch, Peter Dmitrjewitsch,“ rief er mit beschwörender Stimme in die geöffnete Thür hinein; „um Gottes willen, verzeiht mir, nehmt mich heute, wie ich bin; es hat schon seit mehr als zwei Stunden begonnen!“
„Sofort, sofort!“ antwortete eine Stimme und Lewin hörte mit Erstaunen, daß der Arzt dies lächelnd sagte.
„Auf eine Minute!“
„Sogleich.“
Es vergingen noch zwei Minuten, während deren der Arzt die Stiefel anzog, zwei weitere, während er das Tuch umwarf und sich den Kopf bürstete.
„Peter Dmitrjewitsch,“ begann Lewin abermals mit kläglicher Stimme, doch gerade erschien der Arzt, angekleidet und gekämmt. „Diese Leute haben kein Gewissen,“ dachte Lewin, „sich zu kämmen, während wir verderben!“
„Guten Morgen!“ sagte der Arzt zu ihm, die Hand hinreichend, als wollte er ihn mit seiner Ruhe necken. „Beunruhigt Euch nicht, wie steht es?“
Sich bemühend, so ausführlich wie möglich zu sein, begann Lewin alle unnötigen Einzelheiten über den Zustand seiner Frau zu erzählen, seinen Bericht unaufhörlich mit Bitten, der Arzt möchte sogleich mit ihm kommen, unterbrechend.
„Habt keine Angst; Ihr kennt das wohl noch nicht. Ich bin gewiß gar nicht notwendig, habe es aber versprochen und werde kommen. Aber Eile hat es keine. Setzt Euch doch gefälligst; ist nicht ein Kaffee gefällig?“
Lewin schaute ihn an, mit dem Blick fragend, ob sich der Arzt über ihn lustig machen wolle. Doch dieser dachte gar nicht daran, zu scherzen.
„Ich weiß schon, weiß schon,“ sprach er lächelnd, „auch ich bin Familienvater, aber wir, die Männer, sind in diesen Augenblicken doch die beklagenswertesten Menschen. Ich habe da eine Patientin, deren Mann in solchen Momenten stets in den Pferdestall läuft.“
„Aber wie meint Ihr, Peter Dmitrjewitsch? Glaubt Ihr, daß alles glücklich gehen kann?“
„Alle Bedingungen für einen günstigen Ausgang sind vorhanden.“
„Ihr kommt also sofort?“ sagte Lewin, zornig auf den Diener blickend, der den Kaffee brachte.
„In einem Stündchen.“
„Ach, nein doch, um Gottes willen!“
„Aber dann laßt mich doch wenigstens meinen Kaffee trinken.“
Der Arzt widmete sich dem Kaffee. Beide schwiegen.
„Man wird die Türken doch entschieden schlagen. Habt Ihr die gestrige Depesche gelesen?“ sagte der Doktor semmelkauend.
„Nein; ich kann nicht mehr,“ rief Lewin aufspringend, „Ihr werdet also nach Verlauf einer Viertelstunde kommen?“
„In einer halben Stunde.“
„Auf Ehrenwort?“
Als Lewin wieder nach Hause kam, traf er mit der Fürstin zusammen, und beide begaben sich zur Thür des Schlafzimmers.Die Fürstin hatte Thränen in den Augen und ihre Hände zitterten; als sie Lewin erblickte, umarmte sie ihn und brach in Thränen aus.
„Nun, liebe Lisabetha Petrowna,“ sagte sie, die ihnen mit hellem, sorglichen Gesicht daraus entgegentretende Lisabetha Petrowna an der Hand fassend.
„Es geht gut,“ sagte sie, „überredet sie nur, sich niederzulegen. Es wird ihr dann leichter sein.“
Seit dem Augenblick, als er erwacht war und erkannt hatte, um was es sich handelte, hatte er sich darauf vorbereitet, ohne Erwägungen und Vermutungen im voraus anzustellen, alle Gedanken und Gefühle in sich verschließend, mannhaft, sein Weib nicht aus der Fassung bringend, sondern im Gegenteil sie beruhigend und ihren Heldenmut stützend — zu ertragen, was ihm bevorstand.
Ohne sich zu gestatten, nur daran zu denken, was kommen würde, und wie das enden sollte, nur nach seinen eingehenden Erkundigungen, wie sehr sich derartige Ereignisse gewöhnlich in die Länge zögen, urteilend, hatte sich Lewin innerlich gefaßt gemacht, zu dulden, fünf Stunden lang, und es hatte ihm das auch möglich geschienen.
Als er indessen vom Arzte heimgekommen war und von neuem ihre Leiden sah, begann er öfter und öfter zu wiederholen „Gott vergieb mir und steh' mir bei!“ und seufzend den Kopf emporzuheben, und fing an zu befürchten, daß er dies nicht aushalten, sondern in Thränen ausbrechen, oder davonlaufen würde. In solch qualvoller Stimmung befand er sich, und doch war erst eine Stunde vergangen.
Aber nach dieser Stunde verging noch eine; zwei, drei, alle fünf Stunden vergingen, die er sich als höchste Frist seiner Geduldsprobe gesetzt hatte, und die Situation war noch immer dieselbe; er litt noch immer, weil sich weiter nichts thun ließ als leiden, jede Minute denkend, er sei bis an die äußersten Grenzen der Geduld gekommen, und das Herz müsse ihm nun von Mitleid zerrissen werden.
Aber Minuten vergingen, Stunden, Stunden auf Stunden, und die Empfindungen von Schmerz und Angst in ihm wuchsen und wurden noch höher gespannt.
Alle jene gewöhnlichen Verhältnisse im Leben, ohne dieman sich gewöhnlich nichts vorstellen kann, waren für Lewin nicht mehr vorhanden. Er hatte das Zeitbewußtsein verloren. Jene Minuten — jene Minuten, da sie ihn zu sich rief und er ihre schweißbedeckte, mit außergewöhnlicher Kraft seine Hand bald pressende, bald hinwegstoßende Rechte hielt, schienen ihm bald Stunden, bald schienen sie ihm Minuten. Er war verwundert, als Lisabetha Petrowna ihn bat, das Licht hinter dem Schirm anzuzünden und als er wahrnahm, daß es bereits fünf Uhr abends war.
Hätte man ihm gesagt, daß es jetzt erst zehn Uhr morgens wäre, er würde ebensowenig verwundert gewesen sein. Wo er während dieser Zeit war, wußte er ebensowenig, wie wenn Etwas geschah. Er sah ihr glühendes, bald verzweifeltes und leidendes, bald lächelndes und ihn beschwichtigendes Gesicht. Er sah auch die Fürstin, rot im Gesicht, aufgeregt, mit den aufgegangenen Locken der grauen Haare, und in Thränen, die sie mühsam verschluckte, sich die Lippen zernagen; er sah Dolly, den Arzt, welcher dicke Cigaretten rauchte, und Lisabetha Petrowna mit ihrem festen, energischen und ruhigen Gesicht, sowie den alten Fürsten, der mit finsterem Gesicht im Salon auf und abschritt. Aber wie sie gekommen waren oder gingen, wo sie waren — er wußte es nicht.
Die Fürstin war bald bei dem Arzte im Schlafzimmer, bald im Kabinett, wo sich ein gedeckter Tisch befand; bald war sie abwesend und Dolly war da. Dann erinnerte sich Lewin, daß man ihn fortgeschickt hatte; einmal hatte man ihn geschickt, einen Tisch und ein Sofa zu transportieren. Er hatte dies voll Eifers gethan, indem er meinte, es sei für sie nötig, und erst dann erkannt, daß er sich selbst damit ein Nachtlager bereitet hatte. Darauf sandte man ihn zum Arzt ins Kabinett, damit er nach etwas frage. Der Arzt antwortete und begann dann von den Unordnungen in der Duma zu sprechen. Hierauf schickte man ihn in das Schlafzimmer zur Fürstin, derselben ein Heiligenbild in silbernem, vergoldetem Gewand zu bringen. Er kletterte nebst der alten Kammerfrau der Fürstin auf einen Schrank, um es zu erlangen und zerbrach dabei eine Lampe; die Kammerfrau der Fürstin beruhigte ihn über seine Frau und über die Lampe und er brachte das Heiligenbild und stellte es zu Häupten Kitys, es sorgfältighinter die Kissen steckend. Aber wo, wann und warum alles das war, wußte er nicht. Er verstand auch nicht, weshalb ihn die Fürstin bei der Hand nahm und ihn mit einem Blick voll Mitleid bat, sich zu beruhigen, weshalb Dolly ihm zuredete, zu essen, und ihn aus dem Zimmer führte, ja, selbst der Doktor ihn ernst und teilnahmsvoll anschaute und ihm einen stärkenden Tropfen empfahl.
Er wußte und fühlte nur, daß das, was sich jetzt vollzog, dem ähnlich war, was sich ein Jahr vorher in dem Hotel der Gouvernementsstadt auf dem Totenbett seines Bruders Nikolay vollzogen hatte.
Jenes aber war ein Schmerz gewesen — dies war eine Freude! — Doch sowohl jener Schmerz, wie diese Freude lagen vereinsamt außerhalb aller gewohnten Verhältnisse des Lebens; sie bildeten in diesem gewöhnlichen Leben gleichsam Öffnungen, durch welche etwas Höheres erschien. In ganz gleicher Weise unergründlich, erhob sich die Seele vor der Betrachtung dieses Höchsten auf eine Höhe, wie sie nie zuvor begriffen, und wohin der Verstand nicht mehr reichte.
„Gott vergieb mir und steh' mir bei,“ stammelte er ohne Unterlaß, ungeachtet der so langjährigen und ihm vollkommen erschienenen Entfremdung, in dem Gefühl, daß er sich ganz so vertrauensselig und naiv wieder zu Gott wende, wie in den Zeiten seiner Kindheit und ersten Jugend.
Während dieser ganzen Zeit herrschten in ihm zwei in sich gesonderte Stimmungen. Die eine war vorhanden, wenn er sich nicht in der Gegenwart seiner Frau befand; sie gruppierte sich um den Arzt, welcher eine seiner dicken Zigaretten nach der anderen rauchte und sie dann an dem Rande des gefüllten Aschenbechers löschte, um Dolly und den Fürsten, von denen ein Gespräch über das Essen, über die Politik und die Krankheit Marja Petrownas gepflogen wurde, und wo Lewin plötzlich auf einen Moment völlig vergaß, was vorging, sich gleichsam erwacht fühlte — die andere herrschte in ihm, wenn er in ihrer Gegenwart war; an ihrem Kopfkissen stand, und es ihm das Herz zerreißen wollte vor Mitleid und doch nicht zerriß, und wo er ohne Aufhören zu Gott flehte.
Jedesmal, wenn ihn ein aus dem Schlafzimmer zu ihm dringender Schrei einer Minute des Vergessens wieder entriß,geriet er in den nämlichen seltsamen Irrtum, dem er in der ersten Minute verfallen war. Jedesmal, sobald er einen Schrei vernahm, sprang er auf und eilte, um sich zu entschuldigen, besann sich aber unterwegs, daß er ja nicht schuld sei; er wollte schützen, helfen. Erblickte er sie aber dann, sah er von neuem, daß es unmöglich sei zu helfen, so geriet er in Schrecken und sprach „Gott vergieb mir und steh mir bei.“
Je weiter die Zeit vorrückte, um so stärker wurden diese beiden Stimmungen; um so ruhiger wurde er, indem er seine Frau völlig vergaß, in der Abwesenheit von ihr, um so qualvoller wurden ihm aber auch ihre Leiden und das Gefühl der Hilflosigkeit, diesen gegenüber. Er sprang empor, wollte fort, und lief zu ihr.
Bisweilen, wenn sie ihn immer und immer wieder rief, machte er ihr Vorwürfe, doch wenn er ihr ergebenes, lächelndes Antlitz gesehen, ihre Worte gehört hatte: „Ich martere dich,“ machte er Gott Vorwürfe, gedachte er aber Gottes, so flehte er sogleich um Vergebung und Erbarmen.
Er wußte nicht, ob es spät oder früh war. Die Kerzen waren schon sämtlich niedergebrannt. Dolly war soeben im Kabinett gewesen und hatte dem Arzte vorgeschlagen, sich niederzulegen.
Lewin saß, den Erzählungen des Doktors über den Charlatanismus eines Magnetiseurs zuhörend, und schaute auf die Asche seiner Cigarette. Es war eine Ruhepause eingetreten und er hatte sich in Gedanken verloren. Er hatte vollständig vergessen, was jetzt vorging, hörte der Erzählung des Arztes zu und verstand sie. Plötzlich ertönte ein mit nichts mehr zu vergleichender Schrei. Der Schrei war so furchtbar, daß Lewin nicht einmal aufsprang, sondern mit stockendem Atem, erschrocken fragend den Arzt anblickte. Dieser neigte lauschend den Kopf seitwärts, und lächelte befriedigt. Alles war so außergewöhnlich gewesen, daß Lewin schon nichts mehr in Erstaunen versetzte. „Es muß wahrscheinlich so sein,“ dachte er und blieb sitzen. Von wem rührte der Schrei her? Er sprang auf und eilte auf den Fußspitzen in das Schlafzimmer; er eilte an Lisabetha Petrowna und der Fürstin vorüber undtrat auf seinen Platz zu Häupten. Der Schrei war verstummt, aber es ging jetzt eine Veränderung vor sich. Was es war — das sah und erkannte er nicht, wollte er auch weder sehen, noch erkennen. Aber er nahm diese Veränderung wahr an dem Gesicht Lisabetha Petrownas, welches streng und bleich, noch immer so energisch war, obwohl ihre Kinnbacken bisweilen leise bebten und ihre Augen unverwandt auf Kity gerichtet waren.
Das glühende, erschöpfte Antlitz Kitys mit dem am schweißbedeckten Gesicht klebenden Haargewirr war ihm zugewendet und suchte seinen Blick. Ihre erhobenen Arme verlangten nach den seinen, und mit ihren schweißbedeckten Händen die seinen, welche kalt waren, fassend, drückte sie dieselben an ihr Gesicht.
„Geh' nicht von mir, geh' nicht von mir! Ich habe keine Angst, ich habe keine Angst!“ sprach sie rasch. „Mama, nehmt mir die Ohrringe weg, sie stören mich. Hast du auch keine Angst? — Bald, bald, Lisabetha Petrowna!“ —
Sie sprach schnell, schnell, und wollte lächeln, aber plötzlich verzerrte sich ihr Gesicht und sie stieß ihn von sich.
„Nein, das ist furchtbar! Ich sterbe, sterbe! Komm her, komm her!“ schrie sie auf, und wieder ertönte der nämliche, mit nichts zu vergleichende Schrei.
Lewin griff sich nach dem Kopfe und stürzte aus dem Zimmer hinaus.
„Es ist nichts, nichts; alles geht gut!“ rief Dolly ihm nach.
Doch was man auch sagen mochte, er wußte, daß jetzt alles verloren war. Den Kopf gegen die Oberschwelle der Thür gelehnt, stand er im Nebenzimmer und vernahm ein von ihm noch nie gehörtes Wimmern und Schreien; er erkannte, das jetzt ein Wesen schrie, welches früher Kity gewesen war. Ein Kind hatte er nicht gewünscht. Er haßte jetzt dieses Kind, ja wünschte jetzt nicht einmal dessen Leben, sondern nur die Abkürzung dieser entsetzlichen Leiden.
„Doktor! Was ist das! Was ist das; mein Gott!“ sagte er, den eintretenden Arzt am Arme packend.
„Es geht zu Ende,“ sagte der Arzt; sein Gesicht war soernst, als er dies sagte, daß Lewin dieses „es geht zu Ende“ in dem Sinne auffaßte, als ob sie stürbe.
Nicht mehr bei Sinnen, rannte er in das Schlafzimmer. Das erste, was er hier erblickte, war das Gesicht Lisabetha Petrownas. Es war noch finstrer und ernstrer geworden. Das Gesicht Kitys war nicht da. An der Stelle, wo es vorher gewesen, lag etwas Entsetzenerregendes, nach dem Ausdruck von Anstrengung und den Tönen die von dorther kamen, zu urteilen. Er fiel mit dem Kopfe auf die Bettstelle, und fühlte, wie es ihm das Herz zerriß. Das furchtbare Schreien verstummte nicht mehr, es wurde noch furchtbarer und, als wäre es bis zur höchsten Grenze des Entsetzlichen gelangt — verstummte es plötzlich. Lewin traute seinen Ohren nicht, aber es war nicht zu bezweifeln; das Schreien war verstummt und man hörte jetzt ein leises Geräusch und schnelles Atmen, sowie ihre sich losringende, lebhafte, milde und glückselige Stimme die ein leises „vorbei“ hervorbrachte.
Er hob den Kopf. Kraftlos die Hand auf die Bettdecke sinken lassend, schaute sie ihn, seltsam schön und still, wortlos an; sie wollte lächeln, vermochte es aber nicht, und plötzlich fühlte sich Lewin aus jener geheimnisvollen und furchtbaren, überirdischen Welt, in der er die letzten zweiundzwanzig Stunden gelebt hatte, in die frühere, gewohnte zurückversetzt, die ihm jetzt jedoch in solch neuem Glanze von Glück erschien, daß er ihn nicht ertragen konnte. Die gespannt gewesenen Saiten waren sämtlich gerissen. Schluchzen und Freudenthränen, die er nimmermehr vorausgesehen hätte, stiegen in ihm mit solcher Gewalt, seinen ganzen Körper erschütternd, auf, daß sie ihn lange Zeit am Sprechen verhinderten.
Auf die Kniee niederfallend vor dem Bett, hielt er die Hand seines Weibes an seine Lippen und küßte sie, und diese Hand antwortete seinen Küssen mit einer schwachen Bewegung der Finger. Währenddem aber bewegte sich unten, zu Füßen des Bettes, in den gewandten Händen der Lisabetha Petrowna, wie ein Flämmchen aus dem Leuchter, ein lebendiges menschliches Wesen hin und her, welches früher nie gewesen war, nun aber mit dem gleichen Rechte, mit der nämlichen Bedeutung für sich selbst, leben sollte und seinesgleichen zeugen.
„Es lebt, es lebt! Und noch dazu ein Junge! Fürchtetnichts!“ hörte Lewin die Stimme der Lisabetha Petrowna, die mit der zitternden Hand klatschend den Rücken des Kindes schlug.
„Mama, ist es wahr?“ sagte die Stimme Kitys.
Nur das Schluchzen der Fürstin antwortete ihr.
Inmitten des Schweigens aber ertönte, wie eine unbegreifbare Antwort auf die Frage an die Mutter, eine Stimme, die vollkommen verschieden war von den Stimmen, welche verhalten im Zimmer sprachen. Es war der kecke, dreiste, unbekümmerte Schrei eines neuen menschlichen Wesens, das auf unbegreiflichem Wege erschienen ist.
Hätte man Lewin früher gesagt, daß Kity einmal sterben werde und er mit ihr zusammen, und daß ihre Kinder Engel würden und Gott dann bei ihnen sein werde — er hätte sich über nichts gewundert; jetzt aber, in die Welt der Wirklichkeit zurückversetzt, machte er die größten Anstrengungen im Denken, um zu begreifen, daß sie noch lebte, gesund sei, und daß jenes verzweifelt wimmernde Wesen sein Sohn sei.
Kity lebte, ihre Leiden waren vorüber, und er war unsagbar glücklich. Das erkannte er, und er war vollkommen glücklich darüber. Aber das Kind? Woher kam es, warum war es und was war es? Er vermochte sich durchaus nicht an diesen Gedanken zu gewöhnen; es erschien ihm aber auch durch irgend einen Umstand, an den er sich nicht gewöhnen konnte, überflüssig, überzählig.
In der zehnten Stunde saßen der alte Fürst, Sergey Iwanowitsch und Stefan Arkadjewitsch bei Lewin. Nachdem man über die Wöchnerin gesprochen hatte, unterhielt man sich auch über nebensächliche Dinge.
Lewin hörte ihnen zu und dachte unwillkürlich bei diesen Gesprächen der Vergangenheit, dessen, was bis zum heutigen Morgen geschehen war; er vergegenwärtigte sich auch, wie er sich noch gestern dazu gestellt hatte. Es war ihm, als seien seit dieser Zeit hundert Jahre vergangen. Er fühlte sich auf einer gewissen unzugänglichen Höhe, von welcher er sich vorsorglich herabließ, um diejenigen nicht zu verletzen, mit denen er sprach. Er sprach, und dachte dabei fortwährend seinesWeibes, der Einzelheiten ihres jetzigen Zustandes, und seines Sohnes, und suchte sich an den Gedanken seines Vorhandenseins zu gewöhnen. Die ganze Welt des Weiblichen, welche für ihn eine neue, ihm unbekannt gewesene Bedeutung erlangt hatte, seitdem er verheiratet war, erhob sich jetzt in seinem Begriffsvermögen so hoch, daß er sie mit seiner Vorstellungskraft nicht mehr zu umfassen vermochte. Er hörte auf das Gespräch über ein Essen am gestrigen Tag im Klub und dachte dabei „wie mag es jetzt mit ihr stehen, ob sie eingeschlafen ist? Wie mag sie sich befinden? Was mag sie denken? Schreit der kleine Dmitry?“ Und mitten in der Unterhaltung sprang er auf und verließ das Zimmer.
„Man hat mir gemeldet, man kann zu ihr,“ sagte der Fürst. „Gut; sogleich“ — antwortete Lewin, und ging ohne Verzug zu ihr.
Sie schlief nicht und sprach leise mit ihrer Mutter, Pläne über die bevorstehende Taufe entwerfend.
Geputzt, frisiert und in einem zierlichen Häubchen mit blauem Band, die Hände auf der Bettdecke ausgestreckt, lag sie auf dem Rücken, und winkte ihn mit dem Blick zu sich, indem sie dem seinigen begegnete. Ihr Blick, schon ohnehin hell, wurde noch lichter im Maße, als er sich ihr näherte. Auf ihrem Gesicht lag jene Wandlung vom Irdischen zum Überirdischen, welche auf dem Gesicht Verstorbener zu liegen pflegt. Dort aber liegt Vergebung darauf; hier ein Wunsch nach Begegnung. Wiederum trat ihm jene Wallung, ähnlich derjenigen, die er in den Augenblicken der Niederkunft empfunden hatte, ans Herz. Sie nahm ihn bei der Hand und frug, ob er geschlafen habe. Er konnte nicht antworten und wandte sich ab, von seiner Schwäche übermannt.
„Ich habe mich vergessen, mein Konstantin,“ sagte sie zu ihm, „doch jetzt befinde ich mich recht wohl.“ Sie schaute ihn an, doch plötzlich veränderte sich ihr Ausdruck. „Gebt ihn mir her,“ sprach sie, das Wimmern des Kindes vernehmend. „Gebt ihn her, Lisabetha Petrowna, er soll ihn sehen.“
„Hier, der Papa muß ihn sehen,“ sagte Lisabetha Petrowna, ein rotes, seltsames, sich bewegendes Etwas emporhebend und herbeibringend; „doch halt, wir wollen ihn erst putzen,“ und Lisabetha Petrowna legte dieses sich bewegende,rote Ding auf das Bett, wickelte das Kind auf, und wickelte es wieder zu, nachdem sie es mit einem Finger aufgehoben, umgewendet, und es mit irgend etwas bestreut hatte.
Lewin machte, indem er dieses einzige, klägliche Wesen ansah, vergebliche Anstrengungen, in seiner Seele einige Kennzeichen von Vatergefühl für dasselbe zu entdecken. Er empfand nur Ekel vor ihm. Nachdem es jedoch der Hüllen entledigt war, die zarten Ärmchen, Füßchen, die wie Saffran aussahen, sichtbar wurden, mit den kleinen Fingerchen, selbst mit dem Daumen, der sich vor den anderen auszeichnete, und als er wahrnahm, wie Lisabetha Petrowna — als wären es weiche Sprungfedern — die gespreizten Ärmchen andrückte, indem sie sie in ein leinenes Jüpchen steckte, überkam ihn ein solches Mitleid mit diesem Wesen, und eine solche Angst, sie könne demselben schaden, daß er sie an der Hand festhielt.
Lisabetha Petrowna lachte.
„Habt keine Angst; habt keine Angst!“
Nachdem das Kind angezogen und zu einer drallen Puppe umgewandelt worden war, wälzte es Lisabetha Petrowna, als sei sie stolz auf ihr Werk, und trat dann zurück, damit Lewin den Sohn in seiner ganzen Schönheit sehen könne.
Kity schaute unverwandt gleichfalls nach ihm hin.
„Reicht ihn her, reicht ihn her!“ sagte sie und wollte sich sogar erheben.
„Was macht Ihr, Katharina Aleksandrowna, solche Bewegungen dürft Ihr nicht machen! Wartet nur, ich werde ihn Euch schon geben. Jetzt wollen wir uns aber erst Papa zeigen, wie hübsch wir sind.“
Und Lisabetha Petrowna erhob auf dem einen Arme — der andere stützte nur mit den Fingern das noch haltlose Genick — dieses seltsame, zappelnde, seinen Kopf unter dem Saum der Windel verbergende rote Wesen. Doch es hatte auch eine Nase, schielende Augen und schmatzende Lippen.
„Ein schönes Kind!“ sagte Lisabetha Petrowna.
Lewin seufzte voll Ingrimm. Dieses schöne Kind flößte ihm nur das Gefühl des Abscheues und des Mitleids ein. Das war durchaus nicht das Gefühl, welches er erwartet hatte.
Er wandte sich ab, während Lisabetha Petrowna das Kind an die noch nicht gewohnte Brust zu legen suchte.
Ein Lachen ließ ihn plötzlich den Kopf heben. Kity hatte gelacht. Das Kind hatte sich an ihre Brust gemacht.
„Genug, genug nun!“ sagte Lisabetha Petrowna, doch Kity ließ es nicht von sich. Es schlief in ihren Armen ein.
„Sieh jetzt her,“ sprach Kity, ihm das Kind so zuwendend, daß er es sehen konnte. Das ältlich aussehende Gesichtchen runzelte sich plötzlich noch mehr; das Kind nieste.
Lächelnd und mit Mühe die Thränen zurückhaltend, küßte Lewin sein Weib und verließ das verdunkelte Gemach.
Was er für dieses kleine Geschöpf empfand, war durchaus nicht das, was er erwartet hatte. Nichts Heiteres und Freudiges lag in diesem Gefühl; im Gegenteil, es verursachte ihm eine ungewohnte, peinliche Angst; die Erkenntnis eines neuen Gebietes, auf dem er verwundbar war. Diese Erkenntnis war ihm in der ersten Zeit so peinlich, die Angst davor, daß dieses hilflose Wesen nicht litte, war so stark, daß infolge derselben die Empfindung einer ungemessenen Freude, selbst des Stolzes, die er hatte, als das Kind nieste, gar nicht bemerkbar wurde.
Die Verhältnisse Stefan Arkadjewitschs hatten sich sehr verschlechtert. Die Gelder für zwei Drittel des Waldes waren bereits verlebt, und das dritte Drittel hatte er unter einem Zinsenabzug von zehn Prozent bei dem Kaufmann schon im voraus fast ganz erhoben. Der Kaufmann gab kein Geld mehr her, umsoweniger, als sich in diesem Winter Darja Aleksandrowna, zum erstenmale rückhaltlos ihre Rechte auf ihr Vermögen geltend machend, geweigert hatte, einen Kontrakt über den Empfang des Betrages für das letzte Drittel des Waldes zu unterschreiben.
Der ganze Gehalt ging für die häuslichen Ausgaben, sowie für die Begleichung der kleinen Forderungen auf, die sich nicht aufschieben ließen. An Geld war vollständige Ebbe eingetreten.
Das war unangenehm, peinlich, und konnte nach der Meinung Stefan Arkadjewitschs nicht so fortgehen. Die Ursache lag nach seiner Auffassung darin, daß er einen zu geringen Gehalt bezog. Das Amt, welches er bekleidete, war offenbar sehr gut gewesen vor fünf Jahren, jetzt aber war dem nichtmehr so. Petroff, der Bankdirektor, hatte zwölftausend Rubel; Swentizkiy, ein Mitglied der Gesellschaft, hatte siebzehntausend, und Mitin, der die Bank gegründet hatte, bezog fünfzigtausend Rubel. „Offenbar habe ich geschlafen und man hat mich vergessen,“ dachte Stefan Arkadjewitsch bei sich, und fing nun an, das Ohr zu spitzen, und um sich zu schauen, und gegen das Ende des Winters hin hatte er eine sehr gute Stelle erspäht, auf welche er nun eine Attacke machte; zuerst von Moskau aus, mit Hilfe seiner Tanten, Onkel und Freunde, dann aber, nachdem die Sache reif geworden, fuhr er mit dem Frühling selbst nach Petersburg. Es war eines jener Ämter, deren jetzt, mit Einkünften von ein bis zu fünfzigtausend Rubel jährlich Gehalt, mehr geworden sind, als früher vorhanden waren, behagliche, sportelfette Ämter. Es war die Stellung eines Mitglieds in der Kommission der vereinigten Agentur der Kreditaktien-Bilanz der südlichen Eisenbahnen und Bankinstitute. Dieses Amt forderte, wie alle derartigen Stellungen, so ungeheure Kenntnisse, solche Thätigkeit, daß es schwer war, es in einem einzelnen Menschen zu vereinigen.
Da nun ein solcher Mann, der diese Eigenschaften in sich vereinigte, nicht vorhanden war, war es immer noch das beste, wenn das Amt ein ehrenhafter Mann bekleidete, als ein unehrenhafter. Stefan Arkadjewitsch aber war nicht nur ein Ehrenmann — ohne Betonung — sondern er war ein ehrlicher Mensch — mit Betonung — in jenem eigentümlichen Sinne, den dieses Wort in Moskau besitzt, wenn man sagt: Ein ehrlicher Beamter, Schriftsteller, ein ehrliches Journal, eine solide Unternehmung, ehrliche Richtung; und welcher nicht nur andeutet, daß ein Mensch oder eine Institution nicht unehrenhaft ist, sondern auch, daß dieselben fähig sind, bei Gelegenheit der Regierung einen Stich zu versetzen.
Stefan Arkadjewitsch verkehrte in Moskau in denjenigen Kreisen, in denen dieses Wort eingeführt war, in denen er als ehrenhafter Mann angesehen wurde und demgemäß mehr Anrechte auf diese Stellung hatte, als andere.
Das Amt warf jährlich von sieben bis zu zehntausend Rubel ab und Oblonskiy konnte es bekleiden, ohne dabei seinen Regierungsposten aufzugeben. Es hing von zwei Ministerien ab, von einer Dame und zwei Juden, und alle dieseLeute mußte Stefan Arkadjewitsch — obwohl sie schon vorbereitet waren — in Petersburg besuchen. Außerdem hatte er seiner Schwester Anna versprochen, von Karenin eine bestimmte Antwort betreffs der Ehescheidung zu erlangen.
Nachdem er sich von Dolly fünfzig Rubel erbeten hatte, fuhr er nach Petersburg.
In dem Kabinett Karenins sitzend, und dessen Projekt betreffs des schlechten Zustandes der russischen Finanzen anhörend, wartete Stefan Arkadjewitsch nur auf die Minute, wo Karenin enden würde, um von seiner Angelegenheit und von Anna zu beginnen.
„Ja, das ist sehr wichtig,“ sagte er, als Aleksey Aleksandrowitsch sein Pincenez abnahm, ohne welches er jetzt nicht mehr lesen konnte, und fragend seinen ehemaligen Schwager anschaute, „das ist sehr richtig in den Einzelheiten, aber bei alledem ist doch das Prinzip unserer Zeit — die Freiheit.“
„Ich stelle aber eben ein anderes Prinzip auf, welches das Prinzip der Freiheit mit einschließt,“ sprach Aleksey Aleksandrowitsch, das Wort „einschließt“ betonend und das Pincenez wieder aufsetzend, um noch einmal seinem Zuhörer die Stelle vorzulesen, in welcher eben dies gesagt war.
Das schöngeschriebene Manuskript mit den großen weißen Rändern durchblätternd, las Aleksey Aleksandrowitsch aufs neue die überzeugende Stelle.
„Ich will kein Protektionssystem, keines im Interesse einzelner Privatpersonen, sondern eines im Interesse des allgemeinen Wohls — für die niedrigsten ebenso wie für die höchsten Klassen“ — sagte er, über dem Pincenez hinweg nach Oblonskiy blickend. „Aber die oben können das nicht begreifen, die sind nur von persönlichen Interessen eingenommen und von Phrasen begeistert.“
Stefan Arkadjewitsch wußte, daß Karenin, wenn er davon zu sprechen begann, wasdie obenthäten und dächten, die Nämlichen, welche seine Projekte nicht annehmen wollten und die die Ursache aller Übelstände in Rußland waren, dem Schluß schon ziemlich nahe war, und entsagte daher jetzt gern der Verteidigung seines Princips der Freiheit und stimmte vollständig ein. Aleksey Aleksandrowitsch verstummte, nachdenklich seine Schrift durchblätternd.
„Ach, bei dieser Gelegenheit“ — sagte Stefan Arkadjewitsch, „wollte ich dich bitten, wenn du Pomorskiy sehen solltest, ihm doch ein paar Worte davon zu sagen, daß ich recht sehr die offene Stellung als Mitglied der Kommission der vereinigten Agentur der Kreditaktien-Bilanz der südlichen Eisenbahnen zu haben wünschte.“ Stefan Arkadjewitsch war der Titel dieses Amtes, das ihm so sehr am Herzen lag, bereits gewohnt geworden und er sprach ihn schnell herunter, ohne sich dabei zu versehen.
Aleksey Aleksandrowitsch erkundigte sich, worin die Thätigkeit dieser neuen Kommission bestände und überlegte. Er erwog, ob in der Thätigkeit dieser Kommission nicht etwas seinen Plänen Feindliches liegen könne. Doch da die Thätigkeit dieses neuen Instituts eine sehr komplizierte war, und seine Pläne ein sehr großes Gebiet umfaßten, so vermochte er sich dies nicht sofort klarzumachen und sagte, das Pincenez abnehmend:
„Ohne Zweifel kann ich mit ihm davon sprechen; aber warum wünschest du gerade dieses Amt zu übernehmen?“
„Der Gehalt ist gut, gegen neuntausend Rubel, und meine Mittel“ —
„Neuntausend,“ wiederholte Aleksey Aleksandrowitsch und verfinsterte sich. Die Höhe dieses Gehaltes erinnerte ihn daran, daß nach dieser Seite eine vorausgesetzte Thätigkeit Stefan Arkadjewitschs dem Hauptgedanken seiner Projekte entgegen sein würde, welche stets für die Sparsamkeit waren.
„Ich finde, und habe auch darüber eine Denkschrift geschrieben, daß in unserer Zeit diese ungeheuren Gehälter die Kennzeichen einer falschen ökonomischenassietteunserer Regierung sind.“
„Was willst du?“ sagte Stefan Arkadjewitsch. „Nehmen wir an, ein Bankdirektor erhält zehntausend Rubel, so ist er diese doch wohl wert. Oder ein Ingenieur erhält zwanzigtausend.“
„Ich meine, daß der Gehalt eine Bezahlung für Ware ist, und dem Gesetz der Nachfrage und des Angebotes entsprechen muß. Wenn die Normierung eines Gehaltes von diesem Gesetz abweicht, wie zum Beispiel, wenn ich sehe, daß aus einem Institut zwei Ingenieure hervorgehen, gleich kenntnisreichund befähigt, und der eine vierzigtausend Rubel Gehalt erhält, während sich der andere mit zweitausend begnügt; oder wenn man zu Direktoren einer Bank mit ungeheuren Gehältern Rechtsgelehrte einsetzt, die kein bestimmtes Spezialwissen besitzen — so schließe ich daraus, daß der Gehalt nicht nach dem Gesetz von Nachfrage und Angebot bestimmt ist, sondern geradezu nach dem Ansehen der Person. Hierin aber liegt ein Mißbrauch, der sich, wichtig an und für sich, als schadenbringend im Staatsdienst erweist. Ich glaube“ —
Stefan Arkadjewitsch beeilte sich, seinen Schwager zu unterbrechen.
„Ja, aber du giebst doch zu, daß sich da eine neue, unzweifelhaft nutzbringende Institution eröffnet; ein lebensfähiges Unternehmen, wenn du willst. Man schätzt es namentlich insofern hoch, als es auf ehrenhafte Weise geleitet werden soll,“ sagte Stefan Arkadjewitsch gewichtig.
Die Moskauer Bedeutung des Wortes „ehrenhaft“ war jedoch für Aleksey Aleksandrowitsch unverständlich.
„Ehrenhaftigkeit ist nur eine negative Eigenschaft,“ sagte er.
„Aber du würdest mir gleichwohl einen großen Gefallen erweisen,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, „wenn du ein Wort für mich bei Pomorskiy einlegen wolltest,“ das Wörtchen „Pomorskiy“ unterdrückend, „so im Gespräch.“
„Das hängt aber doch mehr von Bolgarinoff ab, wie mir scheint,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch.
„Bolgarinoff seinerseits ist völlig einverstanden,“ sagte Stefan Arkadjewitsch errötend. Er errötete bei der Erwähnung dieses Namens, weil er erst am nämlichen Tage früh bei dem Juden Bolgarinoff gewesen war und dieser Besuch einen unangenehmen Eindruck in ihm hinterlassen hatte.
Stefan Arkadjewitsch wußte genau, daß das Unternehmen, dem er seine Kräfte weihen wollte, neu, lebensfähig und solid war, aber am heutigen Morgen, als Bolgarinoff ihn offenbar mit Absicht zwei Stunden mit anderen Bittstellern im Empfangszimmer hatte warten lassen, da war es ihm dennoch plötzlich peinlich zu Mute geworden. Ob nun deswegen, daß er, ein Nachkomme Rjuriks, ein Fürst Oblonskiy, zwei Stunden in dem Empfangszimmer eines Juden wartete, oder weil er zum erstenmal im Leben das Beispiel der Vorfahren, derRegierung zu dienen, nicht befolgt hatte und eine neue Laufbahn betrat; jedenfalls war ihm höchst unbehaglich zu Mute gewesen.
Während der zwei Stunden seines Wartens bei Bolgarinoff hatte Stefan Arkadjewitsch, schnell im Empfangssalon auf und abgehend, sich den Lockenbart streichend, mit anderen Bittstellern Gespräche anknüpfend, und über einen Kalauer nachdenkend, den er darüber zum besten geben wollte, wie er bei dem Juden gewartet habe, geflissentlich vor den anderen, ja selbst vor sich, das Gefühl, welches er empfand, verborgen. Er war während dieser ganzen Zeit in unbehaglicher und verdrießlicher Stimmung gewesen, ohne daß er wußte, wie dies kam; ob vielleicht daher, daß aus dem Kalauer, in dem er sich versuchte, nichts wurde — er lautete: „ich hatt' es zu thun mit Juden und dafür mußt' ich bluten“[C]— oder aus einem anderen Grunde.
Nachdem ihn nun endlich Bolgarinoff mit außerordentlicher Höflichkeit empfangen, augenscheinlich im Triumph über seine Erniedrigung, und ihm einen fast abschläglichen Bescheid erteilt hatte, suchte er dies so schnell als möglich zu vergessen. Jetzt indessen, als er sich hieran erinnerte, errötete er.