Fußnote:[C]Der Originaltext lautet: „bylo djelo do żyda, i ja dożidalsja“, „es gab mit einem Juden Etwas zu thun und ich mußte tüchtig warten“.
Fußnote:
[C]Der Originaltext lautet: „bylo djelo do żyda, i ja dożidalsja“, „es gab mit einem Juden Etwas zu thun und ich mußte tüchtig warten“.
[C]Der Originaltext lautet: „bylo djelo do żyda, i ja dożidalsja“, „es gab mit einem Juden Etwas zu thun und ich mußte tüchtig warten“.
„Jetzt habe ich noch ein Anliegen, und du weißt ja welches. Es betrifft Anna,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, nachdem er eine Weile geschwiegen, und den unangenehmen Eindruck von sich abgeschüttelt hatte.
Kaum hatte Oblonskiy den Namen Annas ausgesprochen, so veränderte sich das Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs vollständig; anstatt der früheren Lebhaftigkeit drückte es Ermüdung und etwas Totenhaftes aus.
„Was wollt Ihr denn gerade von mir?“ sagte er, sich im Sessel wendend und sein Pincenez zusammenklemmend.
„Einen Entschluß, irgend einen Bescheid, Aleksey Aleksandrowitsch. Ich wende mich jetzt zu dir — nicht zu dem beleidigten Gatten“ — wollte Stefan Arkadjewitsch sagen, verändertejedoch diese Worte in der Furcht, die Sache damit zu verderben, indem er fortfuhr, „nicht als zu dem Staatsmann (was übrigens auch nicht recht angebracht war), sondern einfach zu dir als Menschen, und zwar als guten Menschen und Christen. Du mußt Mitleid mit ihr haben,“ sprach er.
„Das heißt, inwiefern denn eigentlich?“ sagte Karenin leise.
„Ja, Mitleid mit ihr haben! Wenn du sie sähest, wie ich sie gesehen habe — ich habe den ganzen Winter bei ihr zugebracht — du würdest Erbarmen mit ihr haben. Ihre Lage ist entsetzlich, wirklich entsetzlich.“
„Mir schien,“ antwortete Aleksey Aleksandrowitsch mit noch dünnerer, fast pfeifender Stimme, „als habe doch nun Anna Arkadjewna alles das, was sie selbst gewollt hat.“
„Ach, Aleksey Aleksandrowitsch, um Gottes willen keine Rekriminationen! Was vorbei ist, ist vorbei, und du weißt, was sie wünscht und ersehnt — die Ehescheidung.“
„Ich habe aber geglaubt, Anna Arkadjewna wird in die Ehescheidung nicht einwilligen für den Fall, daß ich die Bedingung, mir den Sohn zu lassen, stelle. So habe ich auch geantwortet und gemeint, daß diese Angelegenheit abgethan wäre. Ich erachte sie für abgethan,“ sprach Aleksey Aleksandrowitsch mit tönender Stimme.
„Um Gott, ereifere dich nicht,“ sprach Stefan Arkadjewitsch, die Kniee seines Schwagers berührend, „die Angelegenheit ist nicht abgethan. Wenn du mir erlaubst, zu rekapitulieren, so lag die Sache so: Als ihr euch trenntet, warest du großmütig, wie man nur großmütig sein kann; du hast ihr alles bewilligt — die Freiheit, sogar die Trennung! Sie weiß das zu schätzen. Nein, denke nicht anders, sie hat es wirklich geschätzt; bis zu einem Grade, daß sie während jener ersten Minuten im Gefühl ihrer Schuld vor dir, nicht einmal alles überdachte oder überdenken konnte. Sie hat auf alles verzichtet, aber die Wirklichkeit, die Zeit, haben ihr gezeigt, daß ihre Lage qualvoll und unmöglich ist.“
„Das Leben Anna Arkadjewnas kann mich nicht interessieren,“ unterbrach ihn Aleksey Aleksandrowitsch, die Brauen in die Höhe ziehend.
„Gestatte mir, dies zu bezweifeln,“ entgegnete ihm Stefan Arkadjewitsch geschmeidig, „ihre Lage ist peinlich für sie, undunersprießlich für jedermann, wer es auch sei. Sie hat dieselbe verdient, sagst du. Das weiß sie, und sie bittet dich auch nicht, sagt vielmehr offen heraus, daß sie nicht wagt, um Etwas zu bitten. Ich aber, wir Verwandten alle, alle, die sie lieb haben, wir bitten, wir beschwören dich. Warum soll sie sich quälen? Wem würde besser dadurch?“
„Erlaubt; Ihr versetzt mich, wie es scheint, in die Lage eines Angeklagten,“ fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.
„O nein, o nein; keineswegs; verstehe mich recht,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, abermals seine Hände berührend, als wäre er überzeugt, daß diese Berührung den Schwager erweichen würde; „ich sage nur das Eine, ihre Lage ist qualvoll, dieselbe kann erleichtert werden durch dich, und du verlierst nichts dabei! Ich werde für dich alles so arrangieren, daß du es nicht merkst. Du hattest mir es doch versprochen.“
„Das Versprechen ist früher gegeben worden. Ich habe geglaubt, daß die Frage über den Sohn die Angelegenheit entschieden hätte. Außerdem habe ich gehofft, daß Anna Arkadjewna Großmut genug haben werde“ — Aleksey Aleksandrowitsch brachte dies mit Anstrengung hervor, erbleichend und mit bebenden Lippen.
„Sie stellt alles deiner Großmut anheim und bittet, fleht nur um das Eine — sie dieser unmöglichen Lage zu entheben, in der sie sich befindet! Sie bittet nicht mehr um den Sohn! Aleksey Aleksandrowitsch, du bist ein guter Mensch, versetze dich einen Augenblick in ihre Lage. Die Frage der Ehescheidung ist für sie in ihrer Situation, eine Frage über Leben und Tod. Hättest du nicht früher das Versprechen gegeben, so würde sie sich mit ihrer Lage abzufinden suchen und auf dem Lande bleiben. Aber du hast versprochen, sie hat dir geschrieben und ist nach Moskau gekommen, und in Moskau, wo ihr jede Begegnung einen Stich ins Herz giebt, lebt sie nun seit sechs Monaten, mit jedem Tage eine Entscheidung erwartend. Das ist doch wohl ganz das Nämliche, als wenn man einen zum Tode Verurteilten Monate hindurch mit der Schlinge um den Hals hält, indem man ihm bald den Tod, bald Begnadigung als möglich in Aussicht stellt. Erbarme dich ihrer, und dann will ich es schon auf mich nehmen die Sache zu ordnen! —Vos scrupules“ —
„Ich spreche nicht davon, nicht davon,“ unterbrach ihn Aleksey Aleksandrowitsch mit Widerwillen, „ich hatte da vielleicht etwas versprochen, was zu versprechen ich gar kein Recht hatte.“
„So stellst du also in Abrede, mir ein Versprechen gegeben zu haben?“
„Ich habe mich nie bei der Erfüllung einer Möglichkeit geweigert, wünsche aber Zeit zu haben, um überlegen zu können, inwieweit das Versprochene erfüllbar ist.“
„Nein, Aleksey Aleksandrowitsch!“ begann Oblonskiy aufspringend, „daran will ich nicht glauben! Sie ist so unglücklich, wie nur ein Weib unglücklich sein kann, und du kannst dich nicht weigern, eine solche“ —
— „Soweit mein Versprechen erfüllbar ist.Vous professez d'être un libre penseur, ich aber, als Rechtgläubiger, kann in einer so wichtigen Angelegenheit nicht wider das christliche Gebot handeln.“
„Aber in der christlichen Gesellschaft und bei uns ist doch, soviel ich weiß, die Ehescheidung zulässig,“ sagte Stefan Arkadjewitsch; „die Ehescheidung ist auch in unserer Kirche zulässig und wir sehen“ —
— „Sie ist gestattet, doch nicht in diesem Sinne.“
„Aleksey Aleksandrowitsch, ich erkenne dich nicht wieder,“ sagte Oblonskiy flehend, „hast du nicht alles vergeben? Haben wir dies nicht hoch angeschlagen? Warest du nicht, getrieben gerade vom christlichen Gefühl, bereit, alles zu opfern? Du selbst hast gesagt, man solle auch den Rock hingeben wenn man das Hemd nähme, und jetzt“ —
„Ich bitte dich,“ begann Aleksey Aleksandrowitsch, plötzlich auf die Füße springend, bleich, mit bebenden Kinnbacken und pfeifender Stimme, „ich bitte Euch, abzubrechen, abzubrechen — dieses Gespräch“ —
„O nein doch! Verzeihe mir, verzeih', wenn ich dich gekränkt habe,“ beharrte Stefan Arkadjewitsch, verlegen lächelnd und die Hand hinstreckend, „ich habe ja nur wie ein Gesandter meinen Auftrag übermittelt.“
Aleksey Aleksandrowitsch gab ihm die Hand, begann nachzudenken.
„Ich muß überlegen und mich nach Weisungen umsehen. Übermorgen werde ich Euch eine bestimmte Antwort geben,“ sagte er nach einigem Nachdenken.
Stefan Arkadjewitsch wollte schon gehen, als Korney erschien mit der Meldung:
„Sergey Aleksejewitsch!“
„Wer ist dieser Sergey Aleksejewitsch?“ wollte Stefan Arkadjewitsch anfangen, besann sich aber sogleich. „Ach, der kleine Sergey,“ sagte er, „Sergey Aleksejewitsch! Ich dachte, der Direktor des Departements wäre es. Anna hat mich ja gebeten, ihn zu besuchen,“ erinnerte er sich, und rief sich jenen schüchternen, mitleiderweckenden Ausdruck wieder ins Gedächtnis, mit welchem ihm Anna, indem sie ihn entließ, gesagt hatte, „du wirst ihn sehen, erforsche genau, wo er ist und wer bei ihm ist. Und mein Stefan — wenn es möglich wäre; es wird doch möglich sein?“ Stefan Arkadjewitsch verstand was dieses „wenn es möglich wäre“ bedeutete. Wenn es möglich wäre, die Scheidung so zu stande zu bringen, daß er ihr den Sohn überließ! Jetzt sah er indessen, daß hieran nicht zu denken war, aber dennoch freute er sich, den Neffen zu sehen.
Aleksey Aleksandrowitsch machte seinen Schwager darauf aufmerksam, daß man zu seinem Sohne nie von der Mutter spreche und er ihn daher ersuche, kein Wort von derselben zu erwähnen.
„Er war sehr krank geworden nach jenem Wiedersehen mit seiner Mutter, welches wir nicht vorausgesehen hatten,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch. „Wir fürchteten sogar für sein Leben. Aber eine verständige Pflege und Seebäder im Sommer haben seine Gesundheit wiederhergestellt, und jetzt habe ich ihn auf Anraten des Arztes in die Schule gegeben. In der That hat auch der Einfluß der Kameraden auf ihn eine günstige Wirkung gehabt und er ist vollkommen gesund und lernt gut.“
„Was für ein hübscher Bursch er geworden ist; das ist nicht mehr der kleine Sergey Aleksejewitsch!“ lächelte Stefan Arkadjewitsch, auf den hurtig und ungezwungen eintretenden hübschen, breitschulterigen Knaben in blauer Kutte und langenBeinkleidern blickend. Der Knabe sah gesund und munter aus. Er verneigte sich vor dem Onkel wie vor einem Fremden, doch, als er ihn erkannt hatte, errötete er und wandte sich, als sei er von Etwas beleidigt und erzürnt, hastig von ihm ab. Der Knabe ging zu seinem Vater und gab ihm ein Billet über Censuren, welche er in der Schule erhalten hatte.
„Nun, recht so,“ sagte der Vater, „du kannst gehen.“
„Er ist magerer geworden und gewachsen, er hat aufgehört, ein Kind zu sein und ist ein großer Knabe geworden; das liebe ich,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, „besinnst du dich noch auf mich?“
Der Knabe blickte schnell nach seinem Vater.
„Ich besinne mich,mon oncle,“ antwortete er, auf den Oheim blickend und wiederum in Verwirrung geratend.
Der Onkel rief den Knaben zu sich und nahm ihn bei der Hand.
„Nun, wie geht es denn?“ sagte er, im Wunsche, Etwas zu sagen, obwohl er nicht recht wußte, was er sagen sollte.
Der Knabe zog errötend und ohne zu antworten, behutsam seine Hand aus der des Onkels, und sobald Stefan Arkadjewitsch losgelassen hatte, eilte er wie ein Vogel, den man in Freiheit gesetzt hat, mit einem fragenden Blick auf den Vater schnellen Schrittes aus dem Gemach.
Ein Jahr war vergangen, seit der kleine Sergey seine Mutter zum letztenmale gesehen hatte. Seit jener Zeit hatte er nie wieder von ihr gehört. In diesem Jahre nun war er in die Schule gegeben worden und hatte hier Kameraden kennen und lieben gelernt. Jene Gedanken und Erinnerungen an seine Mutter, die ihn nach dem Wiedersehen mit ihr krank gemacht hatten, beschäftigten ihn jetzt nicht mehr. Wenn sie ihn überkamen, scheuchte er sie geflissentlich von sich, indem er sie für schimpflich und nur den Mädchen angemessen hielt aber nicht für einen Knaben und Schulkameraden. Er wußte, daß zwischen Vater und Mutter ein Zwist bestand, der beide trennte; er wußte, daß es ihm beschieden war, bei dem Vater zu bleiben, und suchte sich nun an diesen Gedanken zu gewöhnen.
Daß er den Onkel, welcher seiner Mutter ähnlich war, wiedersah, war ihm unangenehm, weil dies eben wieder jeneErinnerungen, die er für schimpflich hielt, in ihm wachrief. Es war ihm dies um so unangenehmer, als er, nach einigen Worten, die er gehört hatte, indem er an der Thür des Kabinetts wartete, und namentlich nach dem Gesichtsausdruck des Vaters und des Onkels zu urteilen erriet, daß zwischen beiden die Rede von seiner Mutter gewesen sein mußte, und um nun diesen Vater, bei welchem er lebte, und von dem er abhing, nicht hintenanzusetzen, hauptsächlich jedoch sich nicht einer Empfindsamkeit hinzugeben, die er für so verächtlich hielt, bemühte sich der kleine Sergey, diesen Onkel gar nicht anzublicken, welcher gekommen war seine Ruhe zu stören, und nicht an das zu denken, was er ihm ins Gedächtnis zurückrief.
Als ihn jedoch Stefan Arkadjewitsch, der hinter ihm hinausgegangen, und seiner auf der Treppe ansichtig geworden war, zu sich rief, und frug, wie er in der Schule die Zeit in den Zwischenstunden verbringe, unterhielt sich Sergey, außer Gesichtsweite des Vaters, mit ihm.
„Jetzt machen wir Eisenbahn,“ sagte er, auf die Frage antwortend. „Und wißt Ihr wie? Zwei setzen sich auf eine Bank; das sind die Passagiere. Einer steht auf der Bank, und alle spannen sich nun davor. Man kann sie nun mit den Händen oder auch an den Gürteln ziehen und so geht es durch alle Säle. Die Thüren werden schon vorher geöffnet. Nun ist es schwer dabei den Kondukteur zu machen.“
„Das ist der, welcher steht?“ frug Stefan Arkadjewitsch lächelnd.
„Ja; da ist Kühnheit und Gewandtheit notwendig, besonders wenn sie schnell stehen bleiben oder wenn einer fällt.“
„Ja, das ist kein Spaß,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, voll Wehmut in diese lebhaften, an die Mutter gemahnenden Augen blickend, die jetzt nicht mehr Kinderaugen, schon nicht ganz unschuldsvoll waren, und obwohl er Aleksey Aleksandrowitsch versprochen hatte, nicht von Anna zu sprechen, hielt er es doch nicht aus.
„Denkst du denn noch deiner Mama?“ frug er plötzlich.
„Nein; ich denke nicht mehr an sie,“ antwortete Sergey, schnell und schlug, purpurrot werdend, die Augen nieder. Der Onkel konnte nun nichts mehr aus ihm herausbringen.
Der Erzieher Slavjanin fand nach einer halben Stunde seinen Zögling auf der Treppe und konnte lange nicht verstehen, ob Sergey jemand zürne oder weine.
„Ihr habt Euch wohl gestoßen, als Ihr fielet?“ sagte der Erzieher. „Ich habe doch immer gesagt, daß dies ein gefährliches Spiel ist. Das wird wohl dem Direktor gesagt werden müssen.“
„Wenn ich mich gestoßen hätte, so hätte dies ja doch niemand bemerkt. Das ist doch sicher wahr!“
„Nun was aber ist Euch denn dann?“
„Laßt mich! Ob ich daran denke oder nicht! Was geht das ihn an? Warum soll ich daran denken? Laßt mich in Ruhe!“ wandte er sich schon nicht mehr an den Erzieher, sondern an die ganze Welt.
Stefan Arkadjewitsch hatte, wie stets, die Zeit in Petersburg nicht müßig zugebracht. In Petersburg hatte er an Geschäften außer der Scheidung der Schwester und der Angelegenheit mit dem Amte wie immer, noch eine Erholung von nöten nach dem Moskauer Stumpfsinn, wie er sagte.
Moskau war ungeachtet seiner Caféchantants und Omnibusse doch für ihn nur ein stehender Sumpf. Dies fühlte Stefan Arkadjewitsch stets, und wenn er in Moskau besonders bei seiner Familie gelebt hatte, fühlte er, daß sein Lebensmut sank. Wenn er lange Zeit, ohne fortzukommen in Moskau zugebracht hatte, kam er soweit, daß er anfing, sich über die schlechte Laune und die Vorwürfe seines Weibes Gedanken zu machen, über die Gesundheit und Erziehung der Kinder, und die kleinen Interessen seines Dienstes; selbst der Umstand, daß er Schulden hatte, beunruhigte ihn.
Es war indessen nur nötig, daß er nach Petersburg kam und sich dort aufhielt, in dem Kreise, in welchem er verkehrte, und in welchem man lebte, ja wirklich lebte, und nicht erfror wie in Moskau, um sogleich alle diese Gedanken verschwinden und schmelzen zu lassen, wie Wachs vor dem Scheine des Feuers.
Und sein Weib? — Erst heute hatte er mit dem Fürsten Tschetschenskiy gesprochen. Der Fürst Tschetschenskiy hatteFrau und Kinder — die erwachsenen Kinder waren Pagen — und doch auch eine zweite, illegitime Familie, in welcher gleichfalls Kinder vorhanden waren. Obwohl nun die erste Familie auch gut war, fühlte sich der Fürst doch glücklicher in der zweiten; er brachte seinen ältesten Sohn mit in seine zweite Familie und erzählte Stefan Arkadjewitsch, er fände, dies sei ihm nützlich und förderlich.
Was hätte man hierzu in Moskau gesagt?
Seine Kinder? — In Petersburg hinderten die Kinder die Väter nicht daran, zu leben. Die Kinder wurden in Instituten erzogen, und es gab hier nicht jene in Moskau — bei Lwoff zum Beispiel — verbreitete, seltsame Auffassung, daß den Kindern aller Luxus des Lebens, den Eltern allein Mühe und Sorgen zukämen. Hier hatte man erkannt, daß der Mensch verpflichtet sei, für sich selbst zu leben, wie ein gebildeter Mensch eben leben müsse.
Sein Dienst? — Der Dienst war hier gleichfalls nicht eine so strenge hoffnungslose Fessel, wie die, welche man in Moskau trug; hier war ein Interesse am Dienst vorhanden. Eine Begegnung, ein Verdienst, ein treffendes Wort, die Fähigkeit, sich in den Personen nur verschiedene Gegenstände vorzustellen, war alles, um jemand plötzlich Carriere machen zu lassen, wie Bojanzeff, dem Stefan Arkadjewitsch gestern begegnet und der jetzt einer der ersten Beamten war, sie gemacht hatte. Dieser Dienst gewährte Interesse.
Insbesondere wirkten aber die Petersburger Anschauungen in finanziellen Dingen beruhigend auf Stefan Arkadjewitsch. Bartejanskij, welcher mindestens fünfzigtausend Rubel in demtrain, welchen er gerade verfolgte, verbrauchte, hatte ihm erst gestern darüber ein bemerkenswertes Wort fallen lassen.
Vor dem Essen hatte Stefan Arkadjewitsch in der Unterhaltung zu Bartejanskij gesagt:
„Du scheinst dem Mordwinskij nahe zu stehen und könntest mir daher einen Dienst erweisen, wenn du bei ihm für mich ein gutes Wort einlegen wolltest. Es ist da ein Amt vorhanden, welches ich haben möchte, als Mitglied der Agentur“ —
„Nun, ich erinnere mich nicht so ganz — aber was hast du für eine Sehnsucht nach diesen Eisenbahngeschäften mitJuden? Doch wie du willst; aber es ist doch etwas Widerwärtiges dabei“ —
Stefan Arkadjewitsch sagte ihm nicht, daß es sich um ein lebensfähiges Unternehmen handle: Bartejanskij hätte dies nicht verstanden.
„Ich brauche Geld; habe nichts mehr zu leben.“
„Aber du lebst doch?“
„Ich lebe wohl, habe aber viel Schulden.“
„Was willst du? Hast du viel?“ sagte Bartejanskij mitleidig.
„Sehr viel, zwanzigtausend Rubel.“
Bartejanskij lachte lustig auf.
„O glücklicher Mensch!“ sagte er, „ich habe anderthalb Million und besitze gar nichts, aber, wie du siehst, kann man doch noch dabei leben!“
Stefan Arkadjewitsch fand nicht sowohl in den Worten allein, als in der Sache selbst die Richtigkeit des Gesagten.
Schivachoff hatte dreihunderttausend Rubel Schulden und nicht eine Kopeke im Vermögen und er lebte doch, und noch dazu auf welche Weise! Den Grafen Krivzoff hatten alle schon totgesungen und er unterhielt doch noch zwei Maitressen. Petrowskiy hatte fünf Millionen durchgebracht und lebte noch immer auf demselben Fuße, verwaltete sogar noch immer Finanzen und bezog zwanzigtausend Rubel Gehalt.
Außer alledem aber wirkte Petersburg auch physisch angenehm auf Stefan Arkadjewitsch ein. Es verjüngte ihn.
In Moskau schaute er zuweilen nach einem grauen Haar, schlief nach dem Essen, reckte sich, stieg im Schritt, schwer atmend die Treppen, langweilte sich mit jungen Weibern und tanzte nicht auf den Bällen. In Petersburg hingegen fühlte er sich stets um zehn Jahre jünger.
Er empfand in Petersburg das, was ihm gestern erst der sechzigjährige Graf Oblonskiy, Peter, der soeben aus dem Ausland zurückgekommen war, gesagt hatte.
„Wir verstehen hier nicht zu leben,“ hatte Peter Oblonskiy gesagt, „glaubst du es wohl — ich habe den Sommer in Baden verlebt, aber, wahrhaftig, mich ganz wie ein junger Mensch gefühlt. Kaum sah ich ein junges Frauenzimmer, so gingen die Gedanken — man aß und trank so leichthin —Kraft und Mut war vorhanden. Da aber bin ich nun nach Rußland gekommen — ich mußte zu meiner Frau und auf das Dorf — ja; du wirst es nicht glauben; vierzehn Tage hindurch hatte ich meinen Hausrock angezogen und aufgehört, zur Tafel Toilette zu machen. An die jungen Frauenzimmer denke ich nicht mehr, ich bin ein vollständiger Greis geworden. Nur das Seelenheil zu retten, bleibt mir noch. Dann aber fuhr ich nach Paris — da kam ich wieder in Ordnung.“
Stefan Arkadjewitsch empfand ganz den nämlichen Unterschied, wie Peter Oblonskiy. In Moskau hatte er so nachgelassen, daß er in der That, wenn er lange noch so hätte fortleben müssen, dazu gekommen wäre — was übrigens ganz gut gewesen sein würde — für das Heil seiner Seele zu sorgen. In Petersburg aber fühlte er sich wieder als wahrer Mensch.
Zwischen der Fürstin Betsy Twerskaja und Stefan Arkadjewitsch bestanden alte, sehr seltsame Beziehungen. Stefan Arkadjewitsch machte ihr stets launig den Hof und sagte ihr, immer im Scherz, die indecentesten Dinge, wobei er recht wohl wußte, daß ihr dies ganz besonders gefiel. Am Tage nach seinem Gespräch mit Karenin begab sich Stefan Arkadjewitsch zu ihr. Er fühlte sich so jung, daß er in dieser scherzhaften Cour und seichten Plauderei unvermutet so weit kam, daß er nicht mehr wußte, wie er sich wieder heraushelfen sollte, obwohl sie ihm leider nicht nur nicht gefiel, sondern sogar widerlich war. Dieser Ton herrschte nun deswegen, weil er ihr sehr gefiel, und so kam es, daß er recht froh über die Ankunft der Fürstin Mjagkaja war, welche diesem Alleinsein zu Zweien ein Ende machte.
„Ah, Ihr hier,“ sagte sie, ihn erblickend, „nun, wie befindet sich Eure arme Schwester? Haltet mich nicht für neugierig,“ fügte sie hinzu, „seit alle sie verlassen haben, alle die, die tausendmal schlechter sind, als sie, finde ich, daß sie schön gehandelt hat. Ich kann es Wronskiy nicht verzeihen, daß er es mich nicht hat wissen lassen, als sie in Petersburg war. Ich wäre zu ihr, und mit ihr überall hingefahren. Übermittelt ihr doch gefälligst den Ausdruck meiner Liebe für sie, und erzählt mir nun von ihr.“
„Ja, ihre Lage ist schwer,“ begann Stefan Arkadjewitsch zuerzählen, in der Einfalt seines Herzens die Worte der Fürstin Mjagkaja, für bare Münze nehmend, doch diese unterbrach ihn sogleich, nach ihrer Gewohnheit, und begann selbst zu erzählen.
„Sie hat gethan, was alle außer mir auch thun, jedoch verheimlichen. Sie aber hat nicht täuschen wollen, sondern schön gehandelt, und noch schöner gehandelt, weil sie diesen halben Narren, Euren Schwager, verließ. Ihr entschuldigt mich wohl; alle haben gesagt, daß er klug sei, klug — nur ich allein habe gesagt, daß er ein Thor ist. Jetzt, nachdem er sich mit der Lydia Iwanowna verbunden hat, und mit dem Landau, sagt jedermann, daß er halbverrückt ist. Ich wäre froh, wenn ich nicht mit jedermann einzustimmen brauchte, aber diesmal kann ich doch nicht anders!“
„Erklärt mir doch gefälligst,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, „was das eigentlich bedeutet? Gestern war ich bei ihm in der Angelegenheit meiner Schwester und ersuchte ihn um einen bestimmten Bescheid. Er gab mir keine Antwort und sagte, er wolle sich bedenken, heute morgen aber erhielt ich anstatt der Antwort eine Einladung für diesen Abend zu der Gräfin Lydia Iwanowna.“
„So, so,“ sagte die Fürstin Mjagkaja voll Vergnügen. „Sie werden Landau befragen, was der sagen wird.“
„Wie, Landau? Warum? Wer ist das, Landau?“ —
„Wie, Ihr kennt nichtJules Landau le fameux, Jules Landau le clairvoyant? Der ist auch halbverrückt, und doch, von ihm hängt das Schicksal Eurer Schwester ab. Aber das kommt eben vom Leben in der Provinz — Ihr wißt von nichts! — Landau, seht Ihr, war ein Kommis in einem Pariser Magazin und kam einmal zu einem Arzte. Beim Arzt schlief er im Empfangszimmer ein und begann im Schlaf allen Kranken Rat zu erteilen, wunderbare Ratschläge! Hierauf hörte die Frau des Juriy Meledinskiy — Ihr wißt, des Kranken — von diesem Landau und nahm ihn mit zu ihrem Manne. Er kurierte nun ihren Gatten, doch hat er ihm noch keinerlei Nutzen gebracht, nach meiner Meinung, da dieser noch immer so gelähmt ist; allein man glaubt an ihn und giebt sich mit ihm ab. Sie haben ihn mit nach Rußland gebracht, hier hat sich alles auf ihn gestürzt und er hat siealle zu kurieren begonnen. Die Gräfin Bessubowa hat er geheilt und sie hat ihn so lieb gewonnen, daß sie ihn zu ihrem Sohne gemacht hat.“
„Wie, zu ihrem Sohne?“
„Jawohl, adoptiert. Er ist jetzt kein Landau mehr, sondern ein Graf Bessuboff. Doch darum handelt es sich nicht; Lydia jedoch — ich liebe sie sehr, aber sie hat den Kopf nicht auf dem rechten Flecke — hat sich natürlich jetzt diesem Landau in die Arme geworfen und ohne ihn wird weder bei ihr, noch bei Aleksey Aleksandrowitsch ein Beschluß gefaßt, weshalb das Schicksal Eurer Schwester jetzt in den Händen dieses Landau, alias Grafen Bessuboff, liegt.“
Von einem vorzüglichen Essen und dem Genuß einer beträchtlichen Quantität Cognac, den er bei Bartejanskij getrunken hatte, kam Stefan Arkadjewitsch, nur ein wenig spät für die festgesetzte Zeit, zur Gräfin Lydia Iwanowna.
„Wer ist noch bei der Gräfin? Der Franzose?“ frug er den Schweizer, indem er den wohlbekannten Überzieher Aleksey Aleksandrowitschs und einen eigentümlichen, wunderbaren Paletot mit Spangen erblickte.
„Aleksey Aleksandrowitsch Karenin und Graf Bessuboff,“ antwortete der Portier gemessen.
„Die Fürstin Mjagkaja hat richtig vermutet,“ dachte Stefan Arkadjewitsch, als er die Treppe hinaufstieg. „Seltsam; es wäre aber doch wohl ganz gut, sich ihr zu nähern. Sie besitzt einen ungeheuren Einfluß. Wenn sie mit Pomorskiy ein Wörtchen spricht, dann ist mir's gewiß.“
Es war draußen noch vollständig hell, in dem kleinen Salon der Gräfin Lydia Iwanowna aber brannten hinter den herabgelassenen Gardinen schon die Lampen.
An einem runden Tisch hinter der Lampe saß die Gräfin und Aleksey Aleksandrowitsch in leise geführtem Gespräch. Ein kleiner, magerer Mensch mit einer Weibertaille, an den Knieen eingebogenen Füßen, sehr bleich, hübsch, mit glänzenden, schönen Augen und langen Haaren die auf dem Kragen seines Rockes lagen, stand an dem anderen Ende des Zimmers, die Wand mit den Porträts betrachtend.
Nachdem Stefan Arkadjewitsch die Dame des Hauses und Aleksey Aleksandrowitsch begrüßt hatte, blickte er nochmals unwillkürlich nach dem unbekannten Manne.
„Monsieur Landau,“ wandte sich die Gräfin an denselben mit einer Oblonskiy verblüffenden Weichheit und Rücksichtnahme, und machte die beiden miteinander bekannt.
Landau hatte sich schnell umgeblickt, war herangekommen, und hatte lächelnd in die ausgestreckte Rechte Stefan Arkadjewitschs eine unbewegliche, schwitzende Hand gelegt, trat aber dann sogleich hinweg und sah wieder die Porträts an. Die Gräfin und Aleksey Aleksandrowitsch wechselten einen ausdrucksvollen Blick.
„Ich bin sehr erfreut, Euch zu sehen, insbesondere heute,“ sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, Stefan Arkadjewitsch einen Platz neben Karenin anweisend.
„Ich habe Euch mit ihm als einem Landau bekannt gemacht,“ sprach sie mit leiser Stimme, den Franzosen und dann sogleich Aleksey Aleksandrowitsch anblickend, „doch eigentlich ist er Graf Bessuboff, wie Ihr wahrscheinlich wißt. Er liebt indessen diesen Titel nicht.“
„Ja, ich habe davon gehört,“ antwortete Stefan Arkadjewitsch, „man sagt, er habe die Gräfin Bessubowa vollständig wiederhergestellt.“
„Sie war jetzt bei mir, sie ist so zu beklagen,“ wandte sich die Gräfin an Aleksey Aleksandrowitsch. „Diese Trennung ist für sie entsetzlich. Es ist ein solcher Schlag für sie.“
„Reist er denn bestimmt ab?“ frug Aleksey Aleksandrowitsch.
„Ja; er geht nach Paris; gestern hat er die Stimme gehört,“ sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, Stefan Arkadjewitsch anblickend.
„Ah, die Stimme,“ wiederholte Oblonskiy im Gefühl, daß man sich so vorsichtig wie möglich in dieser Gesellschaft zu verhalten habe, in welcher etwas Absonderliches vor sich ging oder vor sich gehen sollte, zu dem er noch keinen Schlüssel besaß.
Ein minutenlanges Schweigen trat ein, worauf die Gräfin Lydia Iwanowna, gleichsam Sturm laufend auf den Hauptpunkt des Gesprächs, mit feinem Lächeln zu Oblonskiy sagte:
„Ich kenne Euch seit langem und freue mich sehr, Euch näher kennen zu lernen.Les amis de nos amis sont nos amis, aber um ein Freund zu sein, muß man sich in denSeelenzustand des anderen Freundes hineindenken; wobei ich jedoch fürchte, daß Ihr dies mit Bezug auf Aleksey Aleksandrowitsch nicht thut. Ihr versteht, wovon ich rede,“ sprach sie, ihre schönen, sinnigen Augen erhebend.
„Zum Teil, Gräfin, verstehe ich, daß die Lage Aleksey Aleksandrowitschs“ — sagte Oblonskiy, ohne recht zu begreifen, worum es sich handelte und daher mit der Absicht, sich allgemein zu halten.
„Die Veränderung liegt nicht in der äußerlichen Situation,“ sagte die Gräfin Lydia Iwanowna ernst, zugleich mit liebevollem Blick dem sich erhebenden und zu Landau gehenden Aleksey Aleksandrowitsch folgend, „sein Herz hat sich verändert, ihm ist ein neues Herz verliehen worden, und ich fürchte, daß Ihr Euch nicht vollkommen in diese Veränderung hineingedacht habt, die in ihm vor sich gegangen ist.“
„Nun, ich kann mir in allgemeinen Umrissen diese Veränderung schon vorstellen. Wir sind stets Freunde gewesen, und jetzt“ — sagte Stefan Arkadjewitsch, mit einem zärtlichen Blicke dem Blick der Gräfin antwortend, wobei er überlegte, welchem der beiden Minister sie näher stände, damit er wissen könne, in bezug auf welchen von den beiden er sie anzugehen hätte.
„Die Veränderung, welche in ihm vor sich gegangen ist, kann seine Gefühle der Nächstenliebe nicht abschwächen; im Gegenteil, diese Veränderung muß die Liebe noch erhöhen. Doch ich fürchte, Ihr versteht mich nicht. Wollt Ihr nicht Thee nehmen?“ sagte sie, mit den Augen auf den Diener weisend, welcher auf dem Präsentierbrett Thee reichte.
„Nicht ganz, Gräfin. Versteht sich, sein Unglück“ —
„Ja, das Unglück, welches sein größtes Glück geworden ist, da sein Herz ein neues ward, von ihm erfüllt,“ sagte sie, voll Liebe auf Aleksey Aleksandrowitsch schauend.
„Ich glaube, man wird sie schon darum bitten können, mit beiden zu sprechen,“ dachte Stefan Arkadjewitsch. „O gewiß, Gräfin,“ sagte er, „doch ich denke, diese Veränderungen sind so innerlicher Natur, daß niemand, selbst nicht der am allernächsten Stehende, gern davon spricht.“
„Im Gegenteil; wir müssen davon reden, und einander beistehen.“
„Nun ja, ohne Zweifel, es bleibt aber doch ein gewisser Unterschied in den Überzeugungen und dabei“ — sagte Oblonskiy mit geschmeidigem Lächeln.
„Es kann keinen Unterschied geben in Sachen der heiligen Wahrheit.“
„Ja, ja, gewiß, doch“ — und in Verlegenheit geratend, verstummte Stefan Arkadjewitsch. Er hatte erkannt, daß es sich um die Religion handelte.
„Mir scheint, er wird sogleich einschlafen,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch bedeutungsvoll flüsternd, indem er zu Lydia Iwanowna herantrat.
Stefan Arkadjewitsch schaute sich um. Landau saß am Fenster, auf die Armlehne und Rücklehne eines Sessels gestützt, mit herniedergesunkenem Haupte. Als er die auf ihn gerichteten Blicke bemerkte, hob er den Kopf und lächelte kindlich-naiv.
„Beobachtet ihn nicht,“ sagte Lydia Iwanowna, mit leichter Bewegung ihren Stuhl zu Aleksey Aleksandrowitsch rückend, „ich habe bemerkt“ — begann sie, als der Diener mit einem Briefe in das Zimmer trat. Lydia Iwanowna durchflog schnell das Billet, und schrieb dann, nachdem sie um Entschuldigung gebeten, mit außerordentlicher Schnelligkeit etwas nieder, gab die Antwort hinaus und wandte sich wieder zu dem Tische. „Ich habe bemerkt,“ fuhr sie in dem begonnenen Gespräch fort, „daß die Moskauer, insbesondere die Herren, die gleichgültigsten Menschen der Religion gegenüber sind.“
„O nein Gräfin, mir scheint, daß die Moskauer im Rufe stehen, die glaubenstreuesten Menschen zu sein,“ antwortete Stefan Arkadjewitsch.
„Nun, soviel ich es verstehe, seid Ihr leider einer der Gleichgültigen,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich mit mattem Lächeln an ihn wendend.
„Wie kann man nur gleichgültig sein!“ sagte Lydia Iwanowna.
„Ich bin in dieser Beziehung weniger gleichgültig, als daß ich nur harre,“ antwortete Stefan Arkadjewitsch mit seinem weichsten Lächeln, „ich glaube nicht, daß für mich eine Zeit für solche Fragen kommen könnte.“
Aleksey Aleksandrowitsch und Lydia Iwanowna wechselten einen Blick.
„Wir können nie wissen, ob die Zeit für uns gekommen ist oder nicht,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch streng. „Wir dürfen nicht denken, ob wir bereit sind oder nicht bereit; die göttliche Fügung wird nicht von menschlichem Denken geleitet; sie trifft bisweilen nicht diejenigen, welche streben, sondern die, welche unvorbereitet sind, wie sie Saul traf.“
„Nein; mir scheint, jetzt noch nicht,“ sagte Lydia Iwanowna, die währenddem den Bewegungen des Franzosen gefolgt war.
Landau erhob sich und trat zu ihnen.
„Gestattet Ihr mir, zuzuhören?“ frug er.
„O gewiß; ich wollte Euch nicht stören,“ sagte Lydia Iwanowna ihn zärtlich anblickend, „setzt Euch zu uns.“
„Man soll nur die Augen nicht schließen, um nicht des Lichtes beraubt zu sein,“ fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.
„Ach, wenn Ihr jenes Glück känntet, welches wir empfinden in dem Gefühl von Gottes steter Gegenwart in unserer Seele!“ sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, verzückt lächelnd.
„Aber der Mensch kann sich bisweilen unfähig fühlen, sich zu dieser Höhe zu erheben,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, welcher merkte, daß er einen Bogen schlug, indem er die Höhe der Religion anerkannte, sich aber zugleich dabei nicht entschließen konnte, seine Freidenkerei vor einer Person einzugestehen, welche ihm mit einem einzigen Worte zu Pomorskiy das gewünschte Amt zu verschaffen vermochte.
„Das heißt, Ihr wollt sagen, daß die Sünde ihn daran hindere?“ sagte Lydia Iwanowna. „Dies ist eine falsche Ansicht. Es giebt keine Sünde für die Gläubigen, ihre Sünde ist schon losgekauft. — Pardon,“ fügte sie hinzu, auf den wiederum mit einem anderen Billet eintretenden Diener blickend. Sie las und antwortete dann in Worten: „Morgen sind wir bei der hohen Fürstin, sagt das; für den Gläubigen giebt es keine Sünde,“ setzte sie das Gespräch fort.
„Ja; aber der Glaube ohne Worte ist doch tot,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, sich dieses Satzes aus dem Katechismus erinnernd, und nur noch durch ein Lächeln seine Unabhängigkeit wahrend.
„So ist es; das ist aus dem Brief des Apostel Jakobus,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch, etwas vorwurfsvoll zu Lydia Iwanowna gewendet, wie betreffs einer Sache, über die sie noch nicht ein einziges Mal gesprochen hätten.
„Wie viel Schaden hat die falsche Auslegung dieser Stelle angerichtet! Nichts zieht so sehr vom Glauben ab, als diese Auslegung; ‚ich habe keine Werke, also auch keinen Glauben‘ und doch ist dies nirgends gesagt. Es ist das Umgekehrte gesagt.“
„In Gott sich zu mühen, mit Kasteiungen, in Fasten die Seele zu retten,“ sagte die Gräfin Lydia Iwanowna mit widerlicher Geringschätzung, „das sind nur wunderliche Auffassungen unserer Mönche. Denn das ist nirgends gesagt. Es ist dies bei weitem einfacher und leichter,“ fügte sie hinzu, Oblonskiy mit dem nämlichen ermutigenden Lächeln anblickend, mit welchem sie bei Hofe die jungen, von der ungewohnten Umgebung verwirrten Damen ermutigte.
„Wir sind erlöst durch Christum, der für uns gelitten hat. Wir sind erlöst im Glauben,“ sprach Aleksey Aleksandrowitsch, ihre Worte mit seinem Blick billigend.
„Vous comprenez l'anglais?“ frug Lydia Iwanowna und erhob sich, nachdem sie eine bejahende Antwort erhalten hatte, um auf einem kleinen Bücherbrett in den Büchern zu suchen.
„Soll ich ‚Safe and Happy‘ oder ‚Under the Wing‘ lesen?“ sprach sie, Karenin fragend anblickend, setzte sich, nachdem sie das Buch gefunden hatte, wieder auf ihren Platz und schlug es auf.
Die Ausführung war sehr kurz. Es wurde hier der Weg beschrieben, auf welchem der Glaube erworben wird und jenes Glück, welches höher ist, als alles Irdische, das hierbei doch die Seele erfüllt. Der Gläubige kann nicht unglücklich sein, weil er nicht allein ist. „Da seht Ihr.“ Sie wollte schon weiter lesen, als der Diener wiederum hereintrat.
„Bovosdin? Sagt, morgen um zwei Uhr! — Ja,“ sprach sie, die Stelle in dem Buch mit dem Finger bedeckend, und seufzend, mit ihren nachdenklichen schönen Augen vor sich hinblickend. „So wirkt der wahre Glaube; Ihr kennt die Mary Sanina? Ihr kennt ihr Unglück? Sie verlor ihr einzigesKind und war in Verzweiflung. Was geschah da? Sie fand diesen Freund und dankt jetzt Gott für den Tod ihres Kindes. Dies ist das Glück, welches der Glaube verleiht!“
„Ja, ja, das ist viel“ — sagte Stefan Arkadjewitsch, zufrieden damit, daß man las und ihm so Gelegenheit geben würde, ein klein wenig zur Überlegung zu kommen. „Es ist doch offenbar am besten heute nicht um etwas zu bitten,“ dachte er, „könnte man nur, ohne etwas zu verderben, von hier fortkommen.“
„Es wird Euch langweilig werden,“ sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, sich an Landau wendend, „Ihr versteht nicht Englisch; doch es ist nur kurz.“
„O, ich verstehe schon,“ sagte Landau mit dem nämlichen Lächeln und schloß die Augen.
Aleksey Aleksandrowitsch und Lydia Iwanowna sahen sich bedeutungsvoll an und die Lektüre begann.
Stefan Arkadjewitsch fühlte sich vollkommen verblüfft von den neuen, ihm fremdartigen Gesprächen, die er vernahm. Das Getriebe des Petersburger Lebens wirkte im allgemeinen anregend auf ihn ein, indem es ihn aus dem stagnierenden Moskauer Sumpfe herausbrachte, aber er liebte und verstand dieses Getriebe nur in den ihm nahestehenden und bekannten Kreisen — in dieser fremdartigen Umgebung hier wurde er verlegen, konnte er nicht alles verstehen. Indem er der Gräfin Lydia Iwanowna zuhörte, und die auf ihn gerichteten schönen, naiven oder verschlagenen Augen Landaus — er wußte es selbst nicht — sah, begann Stefan Arkadjewitsch eine gewisse eigenartige Schwere im Kopfe zu empfinden.
Die verschiedenartigsten Gedanken gingen in seinem Kopfe durcheinander. Mary Sanina freut sich, daß ihr Kind gestorben ist — es wäre recht angenehm, könnte man jetzt ein wenig rauchen — um sein Seelenheil zu retten, ist nur nötig, daß man glaubt, und die Mönche wissen nicht, wie man das machen muß, wohl aber die Gräfin Lydia Iwanowna kennt das — woher nur das schwere Gefühl in dem Kopfe? Von dem Cognac oder davon, daß das da alles so sehr seltsam ist? Ich glaube doch wohl bis jetzt nichts Anstößiges begangen zuhaben; und doch kann ich sie nicht mehr bitten. Man sagt, sie veranlaßt einen zum Beten; als ob sie mich nicht dazu veranlaßt hätten? Das wird doch gar zu dumm. Und welchen Unsinn sie da liest, sie spricht aber gut aus. Landau — Bessuboff — weshalb heißt er Bessuboff? Plötzlich fühlte Stefan Arkadjewitsch, wie seine Kinnlade unwiderstehlich sich zum Gähnen auszurenken begann. Er strich sich seinen Backenbart, indem er das Gähnen verbarg und schüttelte sich, fühlte aber dann, daß er bereits schlafe und schon zu schnarchen anfange. Er erwachte in dem nämlichen Moment, als die Stimme der Gräfin Lydia Iwanowna sprach „er schläft“.
Stefan Arkadjewitsch kam erschrocken zur Besinnung, er fühlte sich schuldbewußt und überführt, tröstete sich aber sogleich, nachdem er wahrgenommen hatte, die Worte „er schläft“ sich nicht auf ihn bezogen, sondern auf Landau.
Der Franzose war ebenso eingeschlafen, wie Stefan Arkadjewitsch. Aber während sein Schlaf sie, wie er meinte, verletzt haben würde — doch selbst hieran dachte er nicht einmal, so seltsam schien ihm alles — erfreute sie der Schlaf Landaus, besonders die Gräfin Lydia Iwanowna, außerordentlich.
„Mon ami,“ sagte Lydia Iwanowna, vorsichtig, um nicht Geräusch zu verursachen, die Falten ihres seidenen Kleides streichend und in ihrer Aufregung Karenin schon nicht mehr Aleksey Aleksandrowitsch nennend, sondern „mon ami — donnez lui la main. Vous voyez? St!“ — lispelte sie dem abermals eintretenden Diener zu: „Niemand wird empfangen.“
Der Franzose schlief, oder stellte sich schlafend, den Kopf nach der Rücklehne des Sessels geneigt und mit der schwitzenden Hand, die auf dem Knie lag, schwache Bewegungen machend, als ob er etwas fangen wollte. Aleksey Aleksandrowitsch erhob sich, ging vorsichtig, sich an dem Tische anhaltend herzu und legte seine Hand in die des Franzosen. Stefan Arkadjewitsch stand gleichfalls auf, die Augen weit öffnend, im Wunsche, völlig wach zu werden, falls er etwa noch schliefe, und blickte bald auf dieses, bald auf jenes. Alles war Wirklichkeit. Stefan Arkadjewitsch fühlte, daß es ihm im Kopfe immer unbehaglicher wurde.
„Que la personne qui est arrivée la dernière, cellequi demande, qu'elle sorte! — Qu'elle sorte!“ — sprach der Franzose, ohne die Augen zu öffnen.
„Vous m'excuserez, mais vous voyez — revenez vers dix heurs, encore mieux demain.“
„Qu'elle sorte!“ wiederholte der Franzose ungeduldig.
„C'est moi, n'est ce pas?“ Mit der bestätigenden Antwort ging Stefan Arkadjewitsch. Er vergaß, um was er Lydia Iwanowna hatte bitten wollen; er vergaß die Sache seiner Schwester, auf den Fußspitzen ging er hinaus, nur in dem einzigen Wunsche, möglichst schnell von hier fortzukommen, wie aus einer Lasterhöhle. Er eilte auf die Straße hinaus und unterhielt sich geraume Zeit scherzend mit dem Kutscher, um möglichst bald wieder zu Verstande zu kommen.
Im französischen Theater, welches er noch für den letzten Akt besuchte, und darauf bei den Tataren beim Champagner, in der ihm eigenen Sphäre, erholte sich Stefan Arkadjewitsch ein wenig, aber gleichwohl war es ihm an diesem Abend gar nicht recht nach Wunsch.
Als er nach Haus zu Peter Oblonskiy gekommen war, bei dem er in Petersburg wohnte, fand er ein Billet von Betsy vor. Dieselbe schrieb ihm, sie wünsche sehr die begonnene Unterhaltung zu beendigen und bitte ihn, morgen zu ihr zu kommen. Er hatte dieses Schreiben kaum durchgelesen, und eine finstere Miene dazu gemacht, als unten die wuchtigen Schritte von Leuten vernehmbar wurden, welche etwas Schweres trugen.
Stefan Arkadjewitsch ging hinaus, um nachzusehen; es war der wieder junggewordene Peter Oblonskiy, welcher so berauscht war, daß er nicht die Treppe heraufgehen konnte. Gleichwohl aber befahl er selbst, ihn auf die Füße zu stellen, als er Stefan Arkadjewitschs ansichtig geworden, und ging mit diesem, an ihn angehängt, in dessen Zimmer, wo er ihm zu erzählen anfing, wie er den Abend verbracht habe. Hier schlief er dann auch ein.
Stefan Arkadjewitsch hatte die Laune verloren, was sich bei ihm selten ereignete, und konnte lange Zeit den Schlaf nicht finden. Alles woran er auch denken mochte, war widerwärtig, aber als das Widerwärtigste, als etwas gewissermaßenBeschämendes, rief er sich den Abend bei der Gräfin Lydia Iwanowna ins Gedächtnis zurück.
Am andern Tage erhielt er von Aleksey Aleksandrowitsch eine bestimmte Verweigerung der Scheidung Annas, und erkannte nun, daß dieser Entschluß auf dem fußte, was der Franzose gestern in seinem wirklichen oder verstellten Schlafe gesagt haben mochte.
Soll im Familienleben etwas unternommen werden, so bedarf es dazu entweder eines vollständigen Zerfalls unter den Gatten, oder einer liebevollen Übereinstimmung. Wenn aber die Beziehungen unter den Gatten unbestimmte sind, weder so noch so, dann kann nichts unternommen werden.
Viele Familien bleiben Jahre lang auf dem alten Platze, der den beiden Gatten gleichgültig geworden ist, nur aus dem Grunde, weil weder ein völliger Zerfall, noch ein ebensolches Einverständnis vorhanden ist.
Sowohl Wronskiy wie Anna war das Moskauer Leben in seiner Hitze, seinem Staub, wobei die Sonne nicht mehr wie im Frühling, sondern wie im Sommer schien, alle Bäume auf den Boulevards längst schon belaubt standen und die Blätter schon von Staub bedeckt waren — unerträglich geworden; doch lebten beide, ohne nach Wosdwishenskoje umzusiedeln, wie schon längst beschlossen war, indem ihnen langweilig gewordenen Moskau weiter, weil zwischen ihnen in letzter Zeit kein Einverständnis mehr bestand.
Die Verstimmung, die sie trennte, hatte keine äußerliche Ursache, und alle Versuche einer Aussprache beseitigten dieselbe nicht nur nicht, sondern vergrößerten sie noch. Es war dies eine innere Verbitterung, welche für Anna ihren Grund in der Abnahme seiner Liebe hatte, für Wronskiy in der Reue darüber, daß er sich ihretwegen in eine schwierige Situation verwickelt hatte, welche Anna, anstatt sie zu erleichtern, nur noch drückender gestaltete. Weder eins, noch das andere von beiden äußerte die Ursache seines Grolls, aber sie hielten sich gegenseitig für ungerecht, und bemühten sich bei jeder Gelegenheit, dies einander zu zeigen.
Für sie war er in seinem ganzen Wesen, mit allen seinenGewohnheiten, Gedanken, Wünschen, mit seiner ganzen seelischen und physischen Beanlagung nur Eins — die Liebe zum Weib; diese Liebe aber mußte nach ihrem Gefühl, ganz auf sie allein konzentriert sein. Sie hatte sich jedoch vermindert, und folglich hatte er nach ihrem Urteil einen Teil derselben auf andere, oder auf ein anderes Weib übertragen müssen — und so war sie eifersüchtig geworden. Sie war nicht wegen eines anderen Weibes eifersüchtig auf ihn, sondern wegen der Abnahme seiner Liebe. Sie besaß noch keinen Gegenstand auf den sich ihre Eifersucht erstrecken konnte, suchte denselben jedoch, und übertrug bei dem geringsten Fingerzeig diese Eifersucht von dem einen Gegenstand auf den anderen. Bald hegte sie Eifersucht auf ihn wegen jener gewöhnlichen Frauenzimmer, mit denen er dank seinen Junggesellenverbindungen, so leicht in Verbindung treten konnte, bald wegen jener Weltdamen, mit denen er zusammentreffen konnte, bald auch hegte sie Eifersucht auf ein nur in ihrer Vorstellung vorhandenes Mädchen, welches er, indem er sein Verhältnis mit ihr löste, lieben könnte.
Diese letztere Art ihrer Eifersucht folterte sie am meisten, insbesondere deshalb, weil er ihr selbst unvorsichtigerweise in einer offenherzigen Minute gesagt hatte, seine Mutter verstehe ihn so wenig, daß sie sich erlaubt hätte, ihn zur Heirat mit der jungen Fürstin Sorokina zu überreden.
In dieser Eifersucht grollte ihm Anna, und suchte nun in allem Gründe zum Grollen. In allem, was es Drückendes gab in ihrer Lage, klagte sie ihn an; der qualvolle Zustand des Wartens, den sie in Moskau — zwischen Himmel und Erde — durchlebte, die Langsamkeit und Unentschlossenheit Aleksey Aleksandrowitschs, ihre Vereinsamung — alles legte sie ihm zur Last. Wenn er sie liebte, würde er all das Drückende ihrer Lage begriffen, und sie aus derselben befreit haben; daran, daß sie noch in Moskau lebte, und nicht auf dem Lande, war nur er schuld. Er konnte nicht leben, wenn er sich auf dem Lande vergrub, so wie sie es wünschte; ihm war die Gesellschaft unentbehrlich und er hatte sie in diese furchtbare Situation gebracht, deren Schwierigkeit er nicht verstehen wollte. Dann aber trug er auch schuld daran, daß sie auf ewig von ihrem Sohne getrennt war.
Selbst die seltenen Minuten der Zärtlichkeit, die für beide kamen, beruhigten sie nicht; in seiner Zärtlichkeit fand sie jetzt einen Anflug von Ruhe und Zuversicht; was früher nicht gewesen war und sie reizte.
Die Dämmerung war schon eingetreten. Anna schritt allein, seine Heimkehr von einem Essen unter Junggesellen erwartend, zu dem er gefahren war, im Kabinett auf und nieder, einem Raum, in welchem das Geräusch vom Trottoir weniger vernehmlich war — und überdachte nochmals die Ausdrücke, welche bei ihrem gestrigen Zwist gefallen waren, in allen Einzelheiten.
Indem sie immer weiter rückwärts ging von den ihr erinnerlichen, kränkenden Worten bei diesem Streite, bis zu dem, was die Veranlassung dazu gebildet hatte, gelangte sie endlich auf den Beginn der Auseinandersetzung. Lange vermochte sie nicht daran zu glauben, daß der Streit aus einem Gespräch entstanden war, welches völlig harmlos, und für keines der beiden von höherem Werte gewesen war. Es war wirklich so. Alles war daher gekommen, daß er über die Mädchengymnasien gespöttelt hatte, indem er sie für unnütz hielt, während sie für dieselben eingetreten war.
Er hatte sich im allgemeinen der weiblichen Bildung gegenüber respektlos verhalten und gesagt, daß Hanna, die von Anna protegierte Engländerin, durchaus keine Kenntnisse in der Physik nötig habe.
Dies hatte Anna gereizt; sie sah hierin eine geringschätzige Hindeutung auf ihre eigenen Beschäftigungen, und ersann und äußerte nun einen Satz, der ihm den ihr bereiteten Schmerz heimzahlen sollte.
„Ich erwarte nicht, daß Ihr an mich und meine Empfindungen dächtet, wie dies nur ein liebender Mann kann, ich hätte aber nur einfach Taktgefühl erwartet,“ sagte sie.
Und in der That, er errötete vor Verdruß und antwortete etwas Unangenehmes. Sie besann sich nicht mehr auf ihre Antwort, aber gleich darauf hatte er, offenbar in dem Wunsche, ihr auch weh zu thun, geantwortet:
„Eure Leidenschaft für dieses Mädchen interessiert mich nicht, weil ich sehe, daß sie nicht natürlich ist.“
Diese Härte seinerseits, mit welcher er eine Welt stürzte,die sie sich mit soviel Mühe aufgebaut, um ihr schweres Dasein ertragen zu können, diese Ungerechtigkeit, mit der er sie der Heuchelei, der Unnatürlichkeit zieh, empörte sie.
„Ich beklage sehr, daß allein das Rohe und Materielle Euch verständlich und natürlich erscheint,“ sprach sie und verließ das Zimmer.
Als er gestern Abend zu ihr gekommen war, hatten sie des vorgefallenen Zwists gar nicht gedacht, aber beide gefühlt, daß derselbe wohl beigelegt aber nicht vorüber war.
Heute war er nun den ganzen Tag über nicht zu Haus gewesen und sie fühlte sich so vereinsamt und bedrückt in dem Gefühl, mit ihm uneinig zu sein, daß sie alles vergessen, vergeben, sich mit ihm aussöhnen und sich selbst anklagen, ihn aber rechtfertigen wollte.
„Ich selbst bin schuld. Ich bin reizbar und sinnlos eifersüchtig. Ich werde mich mit ihm aussöhnen und wir werden auf das Dorf fahren, dort werde ich ruhiger werden,“ sprach sie zu sich selbst.
„Unnatürlich“, kam ihr plötzlich nicht so sehr das Wort, welches sie vor allem verletzt hatte, wieder ins Gedächtnis, als vielmehr eine Absicht, ihr wehe zu thun. „Ich weiß, was er sagen wollte; er wollte sagen, es sei unnatürlich, nicht die eigene Tochter zu lieben, wohl aber ein fremdes Kind. Was versteht er von Liebe zu Kindern, von meiner Liebe zu Sergey, welchen ich ihm geopfert habe? Aber es war so sein Wunsch, mir weh zu thun! Nein; er liebt eine andere, es kann nicht anders sein,“ und indem sie gewahrte, daß sie, im Wunsche, ruhig zu werden, wiederum den soviel Mal schon von ihr durchlaufenen Kreis vollendet hatte und zu der alten Erbitterung zurückgekehrt war, erschrak sie über sich selbst.
„Geht es denn aber wirklich nicht an? Sollte ich es nicht auf mich nehmen können?“ sprach sie zu sich selbst und begann abermals von Anfang an. „Er ist gerecht, ehrenhaft, er liebt mich. Ich liebe ihn, bald wird die Scheidung erfolgen. Wessen bedarf es da noch? Nur der Ruhe, des Vertrauens, und ich will es auf mich nehmen. Ja, jetzt, sobald er kommt, werde ich ihm sagen, daß ich die Schuldige gewesen bin, obwohl ich es nicht war — und wir wollen dann abreisen,“ und um nicht mehr denken, sich nicht mehr ihrem Grollüberlassen zu müssen, schellte sie und befahl die Koffer zum Einpacken der Sachen für die Reise aufs Dorf herbeizubringen.
Um zehn Uhr kam Wronskiy an.
„Nun; ging es recht vergnügt zu?“ frug sie mit schuldbewußtem und sanftem Ausdruck in den Zügen, ihm entgegentretend.
„Wie gewöhnlich,“ versetzte er, sogleich mit einem einzigen Blick auf sie erkennend, daß sie in einer ihrer besten Stimmungen sei. Er war an diese Übergänge schon gewöhnt und heute ganz besonders erfreut davon, weil er selbst sich gleichfalls in bester Laune befand.
„Was sehe ich! So ist's recht!“ sagte er, auf die Koffer im Vorzimmer weisend.
„Ja, wir müssen abreisen, und es ist ganz gut, daß wir auf das Dorf wollen. Dich hält doch wohl nichts zurück?“
„Nur eines wünschte ich. Ich komme sogleich wieder, wir wollen dann sprechen, ich möchte mich nur umkleiden. Laß den Thee geben.“
Er begab sich in sein Kabinett.
Es hatte etwas Verletzendes darin gelegen, als er sagte, „so ist's recht“; wie man zu einem Kinde spricht, wenn dieses aufgehört hat launisch zu sein; und noch verletzender war der Gegensatz zwischen dem schuldbewußten Tone bei ihr und dem selbstbewußten bei ihm; auf einen Augenblick empfand sie in sich den aufsteigenden Wunsch nach Kampf; allein indem sie sich selbst bezwang, erstickte sie denselben und begegnete Wronskiy noch immer so heiter.
Nachdem dieser wieder zu ihr gekommen war, erzählte sie ihm, teilweise die zurechtgelegten Worte wiederholend, davon, wie sie den Tag zugebracht hatte, sowie von ihren Plänen zur Abreise.
„Weißt du, es ist über mich fast wie eine Begeisterung gekommen,“ sprach sie, „weshalb sollen wir hier auf die Scheidung warten? Geht das nicht ganz ebenso auf dem Dorfe? Ich kann nicht mehr länger warten, ich will nicht hoffen, nichts hören von der Scheidung. Ich habe beschlossen, daß dieskeinen Einfluß mehr auf mein Leben ausüben soll. Bist du auch einverstanden?“
„O ja;“ sagte er, ihr beunruhigt in das erregte Gesicht blickend.
„Was habt Ihr denn dort angegeben? Wer war dabei?“ sagte sie.
Wronskiy nannte die Gäste. Es war ein vorzügliches Essen gegeben worden, eine Bootwettfahrt dazu und alles das war ganz hübsch ausgefallen, aber in Moskau thut man es nicht ohne einridicule. Es war auch eine Dame, eine Schwimmlehrerin der Königin von Schweden dabei aufgetreten und hatte ihre Kunst gezeigt.
„Wie? Sie schwamm?“ frug Anna, sich verfinsternd.
„In einem rotencostume de natation; sie war alt und häßlich. Aber wann reisen wir?“
„Welch thörichte Phantasie! Schwimmt sie denn in einer ganz besonderen Weise?“ sagte Anna, ohne hierauf zu antworten.
„Durchaus nichts Besonderes war dabei; ich muß sogar sagen, es war ein furchtbarer Unsinn. Aber wann also denkst du zu reisen?“
Anna schüttelte den Kopf, als wünsche sie, einen unangenehmen Gedanken zu verscheuchen.
„Wann wir reisen? Nun, je früher, um so besser. Morgen werden wir noch nicht fertig sein; aber übermorgen.“
„Ja — doch nein, halt. Übermorgen ist Sonntag, da muß ich zumaman,“ sagte Wronskiy, in Verlegenheit geratend, weil er, sofort nachdem er den Namen der Mutter ausgesprochen hatte, ihren starr und argwöhnisch auf sich gerichteten Blick fühlte. Seine Verwirrung bestätigte ihr ihren Verdacht. Sie geriet in Wallung und entfernte sich von ihm. Jetzt war es nicht mehr die Lehrerin der Königin von Schweden, sondern die junge Fürstin Sorokina, welche mit der Gräfin Wronskaja zusammen auf einem Dorfe bei Moskau lebte, die vor Anna auftauchte.
„Du kannst doch morgen zu ihr fahren?“ sprach sie.
„Nein, nein! In der Angelegenheit, in welcher ich zu ihr will — läßt sich ein Kreditschein und das Geld morgen nicht erhalten,“ antwortete er.
„Wenn dem so ist, so werden wir gar nicht reisen.“
„Warum das?“
„Ich werde nicht später abreisen. Entweder Montag oder gar nicht.“
„Aber warum?“ sagte Wronskiy, wie mit Erstaunen. „Das hat doch gar keinen Sinn.“
„Für dich hat es keinen Sinn, weil du mit mir nichts zu thun hast. Du willst mein Leben nicht begreifen. Das einzige, was mich hier interessiert hat — war Hanna. Du sagst, dies sei eine Heuchelei. Du hast erst gestern gesagt — daß ich meine Tochter nicht liebte, sondern mich stellte, als ob ich diese Engländerin liebte — dies wäre unnatürlich. Ich möchte nun wissen, welches Leben hier für mich ein natürliches sein könnte!“
Einen Augenblick kam sie zur Besinnung und erschrak darüber, daß sie ihrem Vorsatz untreu geworden war. Aber obwohl sie wußte, daß sie sich damit verderbe, vermochte sie nicht mehr an sich zu halten; sie mußte ihm zeigen, wie ungerecht er war, sie konnte sich ihm nicht mehr unterordnen.
„Ich habe dies niemals gesagt; ich habe gesagt, daß ich dieser so plötzlichen Liebe nicht nachfühlen könnte.“
„Warum sprichst du, der mit seiner Offenheit prahlt, nicht die Wahrheit?“
„Ich prahle nie und spreche nie die Unwahrheit,“ sprach er ruhig, den in ihm aufsteigenden Groll niederhaltend, „es ist sehr bedauerlich, wenn du mich nicht achtest“ —
„Die Achtung hat man erdacht, um eine leere Stelle damit zu verdecken, auf welcher die Liebe sein müßte. Aber wenn du mich nicht mehr liebst, so ist es besser und ehrenhafter, dies auszusprechen.“
„Nein, das wird unerträglich!“ rief Wronskiy, vom Stuhle aufstehend. Vor ihr stehen bleibend, sprach er dann langsam: „Weshalb stellst du meine Geduld auf die Probe?“ Er sprach dies mit einem Ausdruck, als könnte er noch mehr sagen, halte aber an sich; „es giebt gewisse Grenzen!“
„Was wollt Ihr damit sagen?“ rief sie, mit Schrecken auf den offenen Ausdruck von Haß schauend, der in seinem ganzen Gesicht, und besonders in den harten, drohenden Augen lag.
„Ich will sagen,“ begann er, stockte aber, „ich muß fragen, was Ihr von mir wollt?“
„Was könnte ich wollen? Ich könnte nur wollen, daß Ihr mich nicht vernachlässigt, wie Ihr es beabsichtigt“ — sagte sie, vollkommen verstehend, was er nicht vollendet hatte, „aber das will ich nicht; das kommt erst in zweiter Reihe. Ich will Liebe, und diese giebt es nicht mehr. Vielleicht, daß alles schon vorbei ist.“
Sie schritt der Thür zu.
„Bleib — bleibe!“ sagte Wronskiy, ohne seine finster zusammengezogenen Brauen zu glätten, und ergriff sie bei der Hand. „Was ist denn eigentlich? Ich habe gesagt, daß die Abreise auf drei Tage verschoben werden muß, du hast mir darauf geantwortet, ich lüge und sei ein ehrloser Mensch!“
„Ja, und ich wiederhole, daß ein Mensch, der mir vorwirft, alles für mich geopfert zu haben“ — sprach sie in der Erinnerung an die Worte eines anderen, früheren Streites — „daß er schlimmer ist, ein Mensch ohne Herz, als ein ehrloser Mensch!“
„Nein; es giebt aber doch eine Grenze für die Geduld!“ rief er aus, ihre Hand schnell loslassend.
„Er haßt mich, das ist klar,“ dachte sie, und verließ schweigend, ohne sich umzublicken, mit unsicheren Schritten das Gemach. „Er liebt eine andere; das ist noch klarer,“ sprach sie zu sich, in ihr Zimmer tretend, „ich will Liebe, aber die ist nicht mehr da. Vielleicht ist alles vorüber,“ wiederholte sie mit den von ihr schon geäußerten Worten, „und wir müssen ein Ende machen. Aber wie?“ frug sie sich und setzte sich in einem Sessel vor dem Spiegel. Gedanken daran, wohin sie jetzt fahren könnte — zu der Tante vielleicht, bei welcher sie erzogen worden war, zu Dolly, oder einfach ins Ausland, ferner daran, was er jetzt, allein in seinem Kabinett thun möge; ob dieser Streit ein entscheidender gewesen oder eine Aussöhnung noch möglich sei, sowie, was jetzt alle ihre früheren Petersburger Bekannten von ihr sagen würden, wie Aleksey Aleksandrowitsch die Sache betrachten würde; viele andere Ideen, was jetzt werden solle nach dem Bruch, kamen ihr in den Kopf, aber sie gab sich ihnen nicht mit ganzer Seele hin.
In ihrer Seele lebte ein unklarer Gedanke, der sie ausschließlich interessierte, doch konnte sie sich nicht klar darüber werden. Indem sie aber nochmals an Aleksey Aleksandrowitsch dachte, rief sie sich zugleich auch die Zeit ihrer Krankheit nach ihrer Niederkunft und jenes Gefühl wieder ins Gedächtnis zurück, welches sie damals nicht verlassen hatte „warum bin ich nicht gestorben?“ und erkannte nun plötzlich das Gefühl, welches in ihrer Seele lebte. Ja; er war es, der Gedanke, der allein alles entschied, „sie mußte sterben.“
„Die Schmach und Schande Aleksey Aleksandrowitschs, Sergeys, und meine eigene furchtbare Schmach — das alles wird durch den Tod gesühnt. Sie wollte — sterben, er aber sollte bereuen, er muß Mitleid empfinden, Liebe, und soll meinethalben leiden!“
Mit beständigem Lächeln des Mitleids mit sich selbst saß sie in dem Lehnstuhl, die Ringe ihrer linken Hand abziehend und wieder aufsetzend, und sich lebhaft seine Gefühle nach ihrem Tode, von den verschiedenen Seiten aus, vorstellend.
Sich nähernde Schritte, es waren seine Schritte, zogen sie ab. Als wäre sie mit dem Weglegen ihrer Ringe beschäftigt wandte sie sich nicht einmal nach ihm um.
Er trat zu ihr und ihre Hand ergreifend, sagte er leise:
„Anna, wir wollen übermorgen fahren, wenn du willst. Ich bin mit allem einverstanden.“
Sie schwieg.
„Nun?“ frug er.
„Du weißt ja selbst,“ sagte sie und brach sogleich, unfähig, noch länger an sich zu halten, in Schluchzen aus. „Verlaß mich, verlaß mich!“ sprach sie unter Schluchzen, „ich werde morgen fortgehen — ich werde noch mehr thun! Wer bin ich noch? Ein lasterhaftes Weib, ein Stein auf deinem Wege. Ich will dich nicht quälen, ich will nicht, und werde dich befreien. Du liebst nicht, liebst eine andere!“
Wronskiy beschwor sie, sich zu beruhigen und beteuerte, daß es doch gar keinen Anlaß zur Eifersucht für sie gäbe, daß er niemals aufgehört habe oder aufhören werde, sie zu lieben, und sie noch mehr liebe, als je zuvor.
„Anna, wozu sollen wir uns beide so quälen?“ sagte er, ihr die Hände küssend. In seinen Zügen malte sich jetztZärtlichkeit und ihr schien es, als vernehme sie mit ihrem Ohr einen Klang von Thränen in seiner Stimme, als verspüre sie das Feuchte dieser Thränen auf ihrer Hand, und augenblicklich ging die verzweiflungsvolle Eifersucht Annas in eine verzweiflungsvolle, leidenschaftliche Zärtlichkeit über. Sie umfing ihn und bedeckte ihm Kopf, Hals und Hände mit Küssen.