Als Anna Dolly bereits zurückgekehrt fand, schaute sie ihr aufmerksam ins Auge, als wolle sie nach dem Gespräch fragen, welches sie mit Wronskiy gehabt, frug aber nicht mit Worten.
„Es scheint schon Zeit zur Mittagstafel zu sein,“ sagte sie. „Wir haben uns ja noch gar nicht gesehen. Ich rechne auf den Abend; jetzt muß ich mich umkleiden, und ich denke wohl auch du wirst dies thun? Wir sind auf dem Bau alle ganz schmutzig geworden.“
Dolly ging nach ihrem Zimmer und war nun in einer komischen Situation. Es war ihr nicht möglich, sich umzukleiden, denn sie hatte schon ihr bestes Kleid angelegt; doch, um wenigstens in Etwas ihre Vorbereitung zur Tafel kenntlich zu machen, bat sie die Zofe, ihr das Kleid zu reinigen, wechselte die Manschetten und ein Band und legte Spitzen auf den Kopf.
„Das ist alles, was ich vermag,“ sagte sie lächelnd zuAnna, welche in dem dritten, wiederum einem sehr einfachen Kleide, zu ihr kam.
„Ja, wir sind hier sehr kokett,“ sagte Anna, sich gleichsam entschuldigend wegen ihrer Toilette. „Aleksey ist erfreut über dein Kommen, wie selten über Etwas. Er ist aufrichtig in dich verliebt,“ fügte sie hinzu. „Aber du bist doch nicht ermüdet?“
Bis zur Tafel war keine Zeit mehr, noch über etwas zu sprechen. Als sie in den Salon traten, trafen sie dort bereits die Fürstin Barbara und die Herren in schwarzen Röcken. Der Architekt war im Frack. Wronskiy stellte dem Besuch den Arzt vor. Den bauleitenden Architekten hatte er mit Darja Aleksandrowna schon in dem Krankenhause bekannt gemacht.
Der dicke Hausmeister, mit seinem glänzenden, runden rasierten Gesicht und im steifgeplätteten Band seiner weißen Krawatte meldete, daß das Essen bereit sei, und die Damen erhoben sich. Wronskiy ersuchte Swijashskiy, Anna Arkadjewna den Arm zu reichen, während er selbst zu Dolly trat. Wjeslowskij gab vor Tuschkjewitsch der Fürstin Barbara seinen Arm, so daß dieser, der Baumeister und der Arzt allein gingen.
Das ganze Essen, der Speisesalon, das Service, der Wein und die Speisen entsprachen nicht nur dem allgemeinen Charakter des modernen Prunkes in diesem Hause, sondern alles war wohl noch luxuriöser und moderner. Darja Aleksandrowna musterte diese ihr neue Pracht und vertiefte sich als Hausfrau, die ein Hauswesen führte — obwohl ohne Hoffnung, etwas von all dem Gesehenen mit ihrem Hauswesen vergleichen zu können, so hoch stand hier alles an Pracht über ihrer Lebensweise — unwillkürlich in alle Einzelheiten und stellte sich dabei die Frage, wer dies alles gemacht hatte und wie es gemacht war.
Wasjenka Wjeslowskij, ihr Gatte und selbst Swijashskiy und viele Leute, die sie kannte, hatten nie hierüber nachgedacht, sondern aufs Wort daran geglaubt, daß jeder rechtschaffene Hausherr seine Gäste merken zu lassen wünscht, alles, was bei ihm gut in der Einrichtung sei, habe ihm, dem Hausherrn, nicht die geringste Mühe gekostet, sondern sei von selbst geworden.
Darja Aleksandrowna aber wußte, daß von selbst nicht einmal der Brei zum Frühstück für die Kinder werde, und infolge dessen auf eine so komplizierte und herrliche Einrichtung gewissermaßen verstärkte Aufmerksamkeit hatte gerichtet werden müssen. Auch an dem Blicke des Aleksey Kyrillowitsch, mit welchem dieser den Tisch überflog, und wie er ein Zeichen mit dem Kopfe nach dem Hausmeister hin gab, und wie er der Darja Aleksandrowna die Auswahl zwischen dem Kwasgericht und der Suppe vorschlug, erkannte sie, daß alles durch die Fürsorge des Herrn selbst geschehe und von dieser gehalten sei. Von Anna hing augenscheinlich dies alles nicht in höherem Grade ab, als etwa von Wjeslowskij. Sie, Swijashskiy, die Fürstin und Wjeslowskiy waren einzig und allein die Gäste, welche heiter genossen, was für sie bereitet war.
Anna war Hausfrau nur der Führung des Gesprächs nach, und dieses Gespräch, sehr schwierig für die Hausherrin bei der nicht großen Tafel, bei Personen wie dem Baumeister und dem Architekten, Leuten einer vollständig anderen Welt, die sich bemühten, nicht zu erröten vor dem ungewohnten Luxus, und nicht lange an dem gemeinsamen Gespräch teilzunehmen vermochten — dieses schwierige Gespräch führte Anna mit ihrem gewohnten Takte, mit Natürlichkeit und selbst mit Vergnügen, wie Darja Aleksandrowna merkte.
Das Gespräch drehte sich darum, wie Tuschkjewitsch und Wjeslowskiy allein im Boot gefahren waren; dann begann Tuschkjewitsch von den letzten Bootwettfahrten in Petersburg im Jachtklub zu erzählen. Doch Anna, eine Pause abwartend, wandte sich sogleich an den Architekten, um denselben aus seinem Schweigen zu ziehen.
„Nikolay Iwanitsch war überrascht,“ sagte sie zu Swijashskiy, „wie das neue Gebäude seit der Zeit, seit welcher er das letzte Mal hier war, gewachsen ist; aber ich bin alltäglich dabei und verwundere mich selbst alltäglich, wie schnell das geht.“
„Mit Erlaucht arbeitet es sich auch gut,“ sagte lächelnd der Architekt — er war im Gefühl seines Wertes ein ehrerbietiger und ruhiger Mensch — „man hat es hier nicht mit Gouvernementsmachthabern zu thun, bei denen erst ein Ries Papier vollgeschrieben werden muß; ich mache dem GrafenMeldung, wir besprechen und mit drei Worten ist die Sache abgemacht.“
„Amerikanische Manieren,“ sagte Swijashskiy lächelnd.
„Ja; dort werden die Gebäude rationell errichtet.“
Das Gespräch kam auf den Mißbrauch der Macht in den Vereinigten Staaten, doch Anna brachte es sogleich auf ein anderes Thema, um den Baumeister aus seinem Schweigen zu ziehen.
„Hast du schon einmal Erntemaschinen gesehen?“ wandte sie sich an Darja Aleksandrowna. „Wir waren hinausgeritten, sie anzusehen, als wir dir begegneten. Ich selbst habe sie zum erstenmale gesehen.“
„Wie arbeiten sie denn?“ frug Dolly.
„Genau so wie Scheren. Es ist ein Brett und daran sind viele kleine Scheren. So hier“ —
Anna ergriff mit ihren schönen, weißen, von Ringen bedeckten Händen ein Messer und eine Gabel und begann zu zeigen. Sie sah offenbar, daß sich aus ihrer Erklärung nichts erkennen lasse, setzte aber, recht wohl wissend, daß sie angenehm sprach und daß ihre Hände schön seien, die Erklärung fort.
„Es sind eigentlich mehr Federmesser,“ sagte Wjeslowskij lächelnd, ohne die Augen von ihr zu verwenden.
Anna lächelte kaum merklich, antwortete ihm aber nicht.
„Nicht wahr, Karl Fjodorowitsch, es sind Scheren?“ wandte sie sich an den Baumeister.
„O ja,“ versetzte der Deutsche in deutscher Sprache, „es ist ein ganz einfaches Ding,“ und begann dann die Konstruktion der Maschine zu erläutern.
„Schade, daß sie nicht strickt. Ich habe auf der Wiener Weltausstellung eine gesehen, die strickt Draht,“ sagte Swijashskiy, „diese wären noch nützlicher gewesen.“
„Es kommt drauf an; der Preis vom Draht muß ausgerechnet werden,“ sagte der Deutsche in deutscher Sprache und wandte sich, seinem Schweigen entrissen, an Wronskiy.
„Das läßt sich ausrechnen, Erlaucht.“ Der Deutsche hatte bereits in die Tasche gegriffen, wo er Bleistift und ein Notizbuch trug, in welchem er alles ausrechnete. Doch besann er sich, daß er bei Tische sitze und stand, den kühlenBlick Wronskiys bemerkend, von seinem Vorhaben ab. „Zu kompliziert; macht zuviel Klopot,“ schloß er.
„Wünscht man Dochots,[A]so hat man auch Klopots,“[B]sagte Wasjenka Wjeslowskij auf Deutsch, sich über den Deutschen lustig machend. „J'adore l'allemand,“ wandte er sich mit dem nämlichen Lächeln zu Anna.
„Cessez!“ sagte diese scherzhaft ernst. „Wir dachten Euch auf dem Felde zu treffen, Wasiliy Ssemjonitsch?“ wandte sie sich dann an den Arzt, einen krankhaften Menschen, „waret Ihr dort?“
„Ich war dort, zog mich aber zurück,“ antwortete dieser mit mürrischem Spott.
„Wahrscheinlich habt Ihr Euch eine gute Motion gemacht?“
„Herrlich!“
„Wie ist denn das Befinden der Alten? Ich hoffe es ist nicht Typhus?“
„Typhus oder nicht Typhus, in der Besserung befindet sie sich nicht gerade.“
„Wie schade,“ sagte Anna, und wandte sich, nachdem sie so der Höflichkeit ihren Hausgenossen gegenüber den Tribut gezollt hatte, wieder zu den Ihrigen.
„Es wäre jedenfalls nach Eurer Erzählung schwierig, eine Maschine zu konstruieren, Anna Arkadjewna,“ sagte Swijashskiy scherzend.
„Nun; inwiefern?“ versetzte Anna mit einem Lächeln, welches sagte, daß sie wohl wisse, in ihrer Erklärung von der Maschinenkonstruktion habe etwas Liebliches gelegen, was von Swijashskiy auch bemerkt worden sei. Dieser neue Zug jugendlicher Koketterie überraschte Dolly unangenehm.
„Dafür sind die Kenntnisse Anna Arkadjewnas in der Architektur bewundernswürdige,“ sagte Tuschkjewitsch.
„Allerdings; ich hörte es; gestern sprach Anna Arkadjewna davon — bis auf die Plinthe ist sie Kennerin“ — sagte Wjeslowskij.
„Es ist nichts Wunderbares dabei, wenn man so viel siehtund hört,“ antwortete Anna, „Ihr freilich wißt gewiß nicht einmal, wovon man ein Haus baut.“
Darja Aleksandrowna sah, daß Anna ungehalten über den Ton von Tändelei war, der zwischen ihr und Wjeslowskij herrschte, und in welchen unwillkürlich sie selbst geriet.
Wronskiy handelte in diesem Falle durchaus nicht so, wie Lewin. Er maß dem Geschwätz Wjeslowskijs offenbar nicht die geringste Bedeutung bei, ja, würzte im Gegenteil noch dessen Scherze.
„Nun sagt doch einmal, Wjeslowskij, womit bindet man denn die Steine!“
„Natürlich mit Cement.“
„Bravo! Aber was ist denn Cement?“
„Nun so etwas wie ein dünner Brei, nein wie Kitt,“ sagte Wjeslowskij, ein allgemeines Gelächter hervorrufend.
Die Konversation unter den Dinierenden mit Ausnahme des in tiefes Schweigen versunkenen Arztes, des Architekten und des Baumeisters, verstummte nicht, bald glatt fließend, bald stockend und jemanden bei einer Schwäche fassend. Einmal wurde auch Darja Aleksandrowna angegriffen und so aufgeregt davon, daß sie sogar errötete, und sich besann, ob man ihr nicht etwas Überflüssiges und Unangenehmes gesagt habe? Swijashskiy hatte über Lewin zu sprechen begonnen, und von seinen seltsamen Urteilen, daß die Maschinen der russischen Landwirtschaft nur schädlich seien, erzählt.
„Ich habe nicht das Vergnügen, diesen Herrn Lewin zu kennen,“ sagte Wronskiy lächelnd, „aber wahrscheinlich hat er wohl niemals die Maschinen gesehen, die er verwirft. Und wenn er eine gesehen und erprobt hat, so wird sie darnach gewesen sein, nicht eine ausländische, sondern eine russische. Wie kann man hierbei noch Ansichten haben?“
„Im allgemeinen türkische Ansichten,“ sagte Wjeslowskij lächelnd, sich an Anna wendend.
„Ich kann seine Urteile nicht vertreten,“ fuhr Darja Aleksandrowna auf, „aber ich kann sagen, daß er ein sehr gebildeter Mann ist, und, wenn er hier wäre, schon wüßte, wie er Euch zu antworten hätte; ich verstehe es allerdings nicht!“
„Ich liebe ihn sehr und wir sind sehr gute Freunde,“ sagte Swijashskiy gutmütig lächelnd. „Mais pardon, il est unpetit peu toqué; zum Beispiel behauptet er, daß sowohl das Semstwo, wie die Schiedsrichter nicht nötig wären, und beteiligt sich an nichts.“
„Das ist unsere russische Indifferenz,“ sagte Wronskiy, Wasser aus einer Eiskaraffe in ein feines Glas auf langem Fuße gießend, „man will sich keiner Verpflichtungen bewußt werden, die unsere Rechte uns auferlegen, und stellt diese Pflichten daher in Abrede.“
„Ich kenne keinen Menschen, der strenger wäre in der Erfüllung seiner Pflichten,“ sagte Darja Aleksandrowna, gereizt von diesem Tone der Überlegenheit in Wronskiy.
„Ich, im Gegenteil,“ fuhr Wronskiy fort, offenbar aus irgend einem Grunde von diesem Gespräch in einem gewissen Punkte getroffen, „ich im Gegenteil, so wie Ihr mich seht, bin sehr dankbar für die Ehre, die Ihr mir erwiesen habt, dank Nikolay Iwanitsch“ — er wies auf Swijashskiy — „indem ich zum Ehrenrichter gewählt worden bin. Ich meine, daß für mich die Pflicht, zu den Zusammenkünften zu reisen, die Klage eines Bauern über ein Pferd zu begutachten ebenso wichtig ist, wie alles, was ich überhaupt thun kann. Ich werde es mir zur Ehre anrechnen, wenn man mich zum stimmenden Richter macht. Nur damit kann ich jene Vorteile wieder ausgleichen, welche ich als Grundherr besitze. Zum Unglück versteht man die Bedeutung nicht, welche die Großgrundbesitzer im Reiche haben müßten.“
Darja Aleksandrowna berührte es seltsam, wie er so ruhig in seiner Gerechtigkeit dasaß, in seinem Hause hinter seinem Tische. Sie dachte daran, wie Lewin, von entgegengesetzter Meinung, ebenso entschieden war in seinem Urteil, in seinem Hause, an seinem Tische. Doch sie liebte Lewin und war daher auf seiner Seite.
„So können wir also auf Euch rechnen, Graf, für die nächste Zusammenkunft?“ frug Swijashskiy. „Doch wird zeitig zu fahren sein, damit man um acht Uhr schon dort ist. Wenn Ihr mir die Ehre erweisen wolltet, zu mir zu kommen?“
„Auch ich bin ein wenig einverstanden mit deinembeau frère,“ sagte Anna, „man darf nur nicht ganz so denken, wie er,“ fügte sie lächelnd hinzu. „Ich fürchte, daß in letzter Zeit für uns zu viel dieser gesellschaftlichen Pflichten erstanden sind. Wiees früher so viel Beamte gab, daß für jede Arbeit ein Beamter erforderlich war, so ist jetzt alles gesellschaftlicher Faktor. Aleksey ist jetzt sechs Monate hier und schon ist er Mitglied von wohl fünf oder sechs verschiedenen socialen Institutionen — als Vormund, Richter, Stimmrichter, Beisitzer &c.Du train que cela va, alle seine Zeit geht darin auf. Ich fürchte, daß bei der Masse dieser Geschäfte, alles nur Form ist. In wie viel Orten seid Ihr Ratsmitglied des Gerichtshofs, Nikolay Iwanitsch,“ wandte sie sich an Swijashskiy, „mir scheint in mehr als zwanzig!“
Anna sprach im Scherz, aber in ihrem Tone lag Bitterkeit. Darja Aleksandrowna, welche Anna und Wronskiy aufmerksam beobachtet hatte, bemerkte dies sogleich. Sie bemerkte auch, daß das Gesicht Wronskiys bei diesem Gespräch sofort einen ernsten und eigensinnigen Ausdruck annahm. Als sie dies bemerkt hatte, sowie auch, daß die Fürstin Barbara sogleich, um das Thema zu ändern, hastig von Petersburger Bekannten zu sprechen begann, sich ferner auch daran erinnert hatte, daß Wronskiy im Garten nicht zur passenden Zeit über seine Thätigkeit gesprochen hatte, erkannte Dolly, daß mit dieser Frage über die sociale Wirksamkeit ein gewisser geheimer Zwist zwischen Anna und Wronskiy zusammenhing.
Das Essen, die Weine, die Servierung, alles das war sehr gut, doch auch ebenso, wie es Darja Aleksandrowna bei offiziellen Essen und Bällen, von denen sie jetzt freilich ganz entwöhnt war, gesehen hatte, und von dem nämlichen Charakter des Nichtigen und Gespreizten. Infolge dessen machte auch alles dies, an dem gewöhnlichen Wochentag und in diesem kleinen Kreis einen unangenehmen Eindruck auf sie.
Nach dem Essen setzte man sich auf die Terrasse, dann wurdelawn tennisgespielt, indem man sich in zwei Parteien schied, und auf dem sorgfältig geebneten und abgestecktencroket-ground, auf beiden Seiten des aufgespannten Netzes mit den vergoldeten Stäben auseinandertrat.
Darja Aleksandrowna versuchte zu spielen, konnte aber lange Zeit das Spiel nicht begreifen; nachdem sie es aber erfaßt hatte, war sie so müde geworden, daß sie sich bei der Fürstin Barbara niedersetzte und den Spielenden nur noch zuschaute. Ihr Partner, Tuschkjewitsch, hatte ebenfalls aufgehört,die übrigen aber setzten das Spiel noch lange fort. Swijashskiy und Wronskiy spielten beide sehr gut und mit Ernst. Sie folgten mit scharfen Blicken dem ihnen zugeworfenen Ball, ohne sich zu überhasten oder etwas zu versäumen, liefen ihm behend nach, paßten die Sprünge ab und schleuderten den Ball zielbewußt und richtig über das Netz hinüber.
Wjeslowskij spielte schlechter als die übrigen. Er war zu aufgeregt, inspirierte aber dafür mit seiner Heiterkeit die Spieler. Sein Gelächter und seine Rufe klangen unaufhörlich. Er legte wie alle übrigen Herren, auf den Beschluß der Damen den Überrock ab, und seine volle schöne Figur mit den weißen Hemdärmeln, dem roten schweißbedeckten Gesicht, den hastigen Bewegungen prägte sich förmlich dem Gedächtnis ein.
Als Darja Aleksandrowna sich in dieser Nacht schlafen legte, sah sie, als sie kaum die Augen geschlossen hatte, den über dencroket-groundhuschenden Wasjenka Wjeslowskij.
Während des Spieles war Darja Aleksandrowna nicht heiter gestimmt gewesen. Ihr mißfiel das auch hierbei fortdauernde, tändelnde Verhältnis zwischen Wasjenka und Anna, sowie die allgemeine Gezwungenheit der Erwachsenen, wenn solche allein, ohne daß Kinder dabei sind, ein Kinderspiel spielen.
Um indessen die übrigen nicht zu stören, und irgendwie die Zeit doch zu verbringen, gesellte sie sich endlich, nachdem sie sich erholt hatte, dem Spiele wieder bei und stellte sich heiter. Diesen ganzen Tag hindurch schien es ihr immer, als spiele sie auf einem Theater, mit Schauspielern, die besser waren als sie, und als verderbe ihr schlechtes Spiel die ganze Aufführung.
Sie war mit der Absicht gekommen, zwei Tage hier zu bleiben, falls es anginge. Aber am Abend während des Spielens, beschloß sie bei sich, morgen schon abzureisen. Jene quälenden mütterlichen Sorgen, die sie unterwegs so gehaßt hatte, erschienen ihr jetzt, nach einem Tage den sie ohne dieselben verbracht hatte, schon in anderem Lichte und lockten sie an sich.
Als Darja Aleksandrowna nach dem Abendthee und einer Spazierfahrt am Abend im Boot allein in ihr Zimmer getreten war, ihr Kleid abgelegt und sich niedergesetzt hatte, um ihr dünnes Haar für die Nacht aufzubinden, empfand sie große Erleichterung.
Fußnoten:[A]dochód„Einkünfte“.[B]chlópotGen. Plur. vonchlópoty„Plackereien“.
Fußnoten:
[A]dochód„Einkünfte“.
[A]dochód„Einkünfte“.
[B]chlópotGen. Plur. vonchlópoty„Plackereien“.
[B]chlópotGen. Plur. vonchlópoty„Plackereien“.
Dolly wollte sich bereits niederlegen, als Anna im Nachtkostüm bei ihr eintrat.
Im Laufe des Tages hatte diese mehrmals Gespräche über Herzensangelegenheiten begonnen, aber stets, nachdem sie einige Worte gesprochen, wieder inne gehalten. „Später, allein unter uns, wollen wir alles besprechen. Ich habe dir soviel zu sagen,“ hatte sie geäußert.
Jetzt waren sie allein, doch Anna wußte nicht, wovon sie sprechen sollte. Sie saß am Fenster, auf Dolly blickend, fand aber, in ihrem Geiste all den unerschöpflich scheinenden Stoff zu ihren Gesprächen über Geistiges durchmusternd, nichts.
Es schien ihr in dieser Minute, als ob alles schon gesagt wäre.
„Was macht denn Kity?“ sagte sie, schwer aufseufzend und im Gefühl einer Schuld Dolly anblickend. „Sag' mir die Wahrheit, Dolly, zürnt sie mir nicht?“
„Sie zürnen? Nein“ — sagte Darja Aleksandrowna lächelnd.
„Aber sie haßt, verachtet mich?“
„O nein; doch du weißt ja, Eines läßt sich nicht vergeben.“
„Ja, ja,“ sagte Anna, sich abwendend und durch das geöffnete Fenster schauend. „Aber ich war nicht schuld! Wer war denn schuld? Was heißt denn schuldig? Konnte es anders kommen? Wie denkst du darüber? Wäre es möglich gewesen, daß du nicht die Frau Stefans wurdest?“
„Wahrhaftig; ich weiß nicht. Aber sage du mir doch das?“
„Ja, ja, wir waren indessen noch nicht mit Kity fertig. Ist sie glücklich? Er ist ein schöner Mann, wie man sagt.“
„Das will wenig sagen, daß er schön ist. Ich kenne aber keinen besseren Menschen.“
„Ach, wie froh bin ich! Ich bin sehr froh! Es will wenig sagen, daß er ein schöner Mann ist,“ wiederholte sie.
Dolly lächelte.
„Erzähle mir doch etwas von dir selbst! Wir haben uns so viel zu erzählen. Ich sprach auch mit“ — Dolly wußtenicht, wie sie ihn nennen sollte; es war ihr peinlich, ihn Graf oder Aleksey Kyrillowitsch zu nennen.
„Mit Aleksey“ — sagte Anna, „ich weiß, daß Ihr miteinander gesprochen habt. Aber ich wollte dich offen fragen, was du von mir, über mein Leben denkst?“
„Wie kann ich das so plötzlich sagen? Ich weiß es wahrhaftig nicht.“
„Nein, nein, du mußt es mir dennoch sagen. Du siehst ja mein Leben. Doch vergiß nicht, daß du uns im Sommer siehst, wo du gekommen bist, und wir nicht allein sind. Wir aber kamen zeitig im Frühjahr hierher und haben vollständig einsam gelebt, und werden auch einsam weiter leben; etwas Besseres wünsche ich gar nicht. Stelle dir aber auch vor, daß ich allein lebte, ohne ihn; und dies wird kommen. An allem sehe ich, daß dies sich oft wiederholen wird, daß er die Hälfte seiner Zeit außerhalb des Hauses zubringen wird,“ sprach sie, aufstehend und sich näher zu Dolly setzend.
„Natürlich,“ unterbrach sie Dolly, welche ihr entgegnen wollte, „natürlich mit Gewalt werde ich ihn nicht zurückhalten! Ich halte ihn gar nicht! Jetzt sind die Rennen; seine Pferde laufen; er reitet mit. Ich freue mich sehr darüber. Aber was denkst du über mich, stelle dir meine Lage vor. Was soll man dazu sagen?“ Sie lächelte. „Wovon hat er denn mit dir gesprochen?“
„Er sprach über das, wovon ich selbst sprechen will und ich kann leicht sein Anwalt sein. Er sprach davon, ob keine Möglichkeit vorhanden sei, und es nicht gehe, daß“ — Darja Aleksandrowna stockte, „man deine Lage verbessern könnte. Du weißt, wie ich sie betrachte. Aber gleichwohl, wenn möglich, muß geheiratet werden“ —
„Das heißt, eine Ehescheidung!“ sagte Anna, „weißt du, daß das einzige Weib, welches in Petersburg zu mir gekommen ist, Betsy Twerskaja gewesen ist? Du kennst sie ja?Au fond c'est la femme la plus dépravée qui existe. Sie stand in einem Verhältnis zu Tuschkjewitsch, in der schmählichsten Weise ihren Mann hintergehend. Diese nun sagte mir, daß sie mich nicht mehr kennen wollte, so lange mein Verhältnis ein illegales bleibe. Denke nicht etwa, daß ich Vergleiche anstellte. Ich kenne dich, mein Herz, doch ich denkeunwillkürlich an sie. Was hat dir denn Aleksey gesagt?“ wiederholte sie.
„Er hat mir gesagt, daß er leide, deinetwegen und seinetwegen. Vielleicht wirst du sagen, das sei Egoismus, aber es ist ein so begründeter und edler Egoismus! Er wünscht zunächst seine Tochter legitim zu machen und dein Gatte zu werden; ein Recht auf dich zu erhalten.“
„Welche Frau, welche Magd kann bis zu solchem Grade Sklavin werden, als ich es bin in meiner Lage!“ unterbrach Anna düster.
„Das Hauptsächlichste was er wünscht — er will, daß du nicht mehr leiden sollst.“
„Das ist unmöglich! Und weiter?“
„Nun, und das Loyalste — er will, daß eure Kinder einen Namen haben.“
„Welche Kinder denn?“ sagte Anna, ohne Dolly anzublicken und mit den Augen zwinkernd.
„Any und die Künftigen“ —
„Daraufhin kann er ruhig sein; ich werde keine Kinder mehr bekommen!“
„Wie darfst du sagen, daß dies nicht mehr der Fall sein könnte?“
„Deshalb nicht, weil ich es nicht will!“
Trotz ihrer hohen Erregung lächelte Anna, als sie den naiven Ausdruck von Neugier, Erstaunen und Schrecken auf Dollys Gesicht bemerkte.
„Der Arzt hat mir nach meiner Krankheit gesagt, daß“ — — — — — — — — — — — — — — — — —
„Nicht möglich!“ sagte Dolly, die Augen weit aufreißend. Für sie war dies eine jener Offenbarungen, deren Folgerungen und Ausführungen so ungeheuer sind, daß man in der ersten Minute nur fühlt, man könne sich das Ganze nicht vorstellen, werde aber noch viel darüber nachzudenken haben.
Diese Eröffnung, welche ihr plötzlich über alle jene früher für sie unbegreiflich gewesenen Familien, die nur ein oder zwei Kinder hatten, eine Erklärung gab, rief in ihr soviel Gedanken, Phantasieen und widerstreitende Empfindungen wach, daß sie nichts zu sagen wußte und nur mit weit geöffneten Augen erstaunt auf Anna schaute. Das war dasNämliche, wovon sie wohl schon geträumt hatte; aber jetzt, als sie kennen gelernt, daß es möglich sei, erschrak sie. Sie fühlte, daß dies die nur allzu einfache Lösung einer zu verwickelten Frage war.
„N'est ce pas immoral!“ sagte sie nur nach einigem Schweigen.
„Inwiefern? Bedenke: Ich habe die Wahl zwischen zwei Dingen. Entweder schwanger zu sein, das heißt krank, oder der Freund und Kamerad meines Gatten zu sein, ganz wie ein Mann,“ sprach Anna in hochfahrendem und leichtsinnigem Tone.
„Nun ja, nun ja,“ sprach Darja Aleksandrowna, die nämlichen Argumente hörend, die sie selbst für sich beigebracht hatte, in ihnen aber nicht mehr die alte Beweiskraft findend. „Für dich, für andere,“ sagte Anna, als errate sie Dollys Gedanken, „kann noch ein Zweifel bestehen, für mich aber — begreife, ich bin kein angetrautes Weib! Er liebt mich so lange, als er liebt. Und womit soll ich dann seine Liebe unterhalten? Doch nur damit!“
Sie streckte die weißen Arme vor ihrem Leibe aus.
Mit ungewöhnlicher Schnelligkeit, wie dies in Momenten der Aufregung zu sein pflegt, drängten sich Gedanken und Erinnerungen im Kopfe Darja Aleksandrownas.
„Ich,“ dachte sie, „habe meinen Stefan doch nicht an mich fesseln können. Er ging von mir zu anderen, und die erste, welche er für mich eintauschte, hat ihn nicht einmal damit festgehalten, daß sie stets schön und heiter war. Er verließ sie doch und nahm eine andere. Sollte Anna auch nur damit den Grafen Wronskiy fesseln und halten wollen? Wenn er das nur sucht, so wird er Toiletten und Manieren finden, die noch anziehender sind und heiterer. Mögen auch ihre entblößten Arme noch so weiß, so herrlich sein, ihr Leib in voller Schöne prangen, wie ihr erhitztes Antlitz aus diesen schwarzen Haaren heraus — er wird noch Besseres finden, so wie mein ausschweifender, beklagenswerter und doch geliebter Mann es sucht und findet.“
Dolly antwortete nicht und seufzte nur. Anna bemerkte dieses Seufzen, welches ihr Widerspruch bedeutete, und fuhr fort. Sie hatte noch Beweisgründe vorrätig die so stark waren, daß es auf sie nichts mehr zu antworten gab.
„Du sagst, daß dies nicht gut sei? Man muß aber nur bedenken,“ fuhr sie fort, „du vergißt meine Lage. Wie könnte ich Kinder wünschen? Ich spreche nicht von meinen Leiden; ich fürchte sie nicht. Bedenke aber, was werden meine Kinder sein? Unglückliche Kinder, die einen fremden Namen tragen. Allein durch ihre Geburt schon sind sie in die Notwendigkeit versetzt, sich ihrer Mutter zu schämen, ihres Vaters, sowie ihrer Geburt.“
„Aber deshalb ist ja eben die Ehescheidung erforderlich.“
Anna hörte sie nicht; sie wollte eben die nämlichen Beweisgründe erschöpfend beibringen, mit welchen sie sich selbst schon so viele Mal überzeugt hatte.
„Warum ist mir der Verstand gegeben, wenn ich ihn nicht dazu anwenden soll, keine Unglücklichen in die Welt zu setzen?“ Sie blickte Dolly an, fuhr aber ohne eine Antwort abzuwarten fort: „Ich würde mich immerdar vor diesen unglücklichen Kindern schuldig fühlen,“ sagte sie. „Wenn sie nicht da sind, sind sie wenigstens nicht unglücklich, während, wenn sie unglücklich sind, ich allein daran Schuld trage.“
Es waren dies die nämlichen Beweisgründe, welche Darja Aleksandrowna auch für sich selbst beigebracht hatte; aber jetzt hörte sie dieselben, ohne sie zu verstehen. „Wie kann man vor Geschöpfen schuldig sein, die nicht existieren?“ dachte sie bei sich, und plötzlich kam ihr in den Sinn, ob es wohl unter Umständen für ihren Liebling Grischa besser gewesen wäre, wenn er nicht lebte? Dies aber erschien ihr so wunderlich, so seltsam, daß sie den Kopf wiegte, um dieses Wirrsal kreisender, wahnwitziger Gedanken zu zerstreuen.
„Nein, ich weiß nicht, das ist nicht gut,“ sagte sie mit einem Ausdruck von Ekel auf den Zügen.
„Ja, ja, aber du darfst nicht vergessen, was du bist und was ich bin — und außerdem,“ fügte Anna hinzu, ungeachtet der Fülle ihrer eigenen Beweisgründe und der Armut derjenigen bei Dolly, gleichsam anerkennend, daß jenes nicht moralisch sei, „vergiß nicht die Hauptsache, daß ich mich jetzt nicht in der Situation befinde, in welcher du bist. Für dich ist einfach die Frage vorhanden, ob du keine Kinder mehr zu haben wünschst; für mich hingegen, ob ich sie zu habenwünsche. Darin liegt ein großer Unterschied. Du begreifst, daß ich in meiner Lage dies nicht wünschen kann.“
Darja Aleksandrowna erwiderte nichts. Sie empfand plötzlich, daß sie schon so weit von Anna entfernt stehe, daß es zwischen ihnen Fragen gab, in welchen sie nie mehr übereinkommen konnten, und von denen nicht zu sprechen besser war.
„Aber umsomehr wirst du daher deine Verhältnisse ordnen müssen, wenn es möglich ist,“ sagte Dolly.
„Ja, wenn es möglich ist,“ versetzte Anna mit plötzlich veränderter, gedämpfter und trauriger Stimme.
„Ist denn die Ehescheidung unmöglich? Man hat mir gesagt, daß dein Mann damit einverstanden ist.“
„Dolly! Ich mag nicht davon sprechen.“
„Nun, dann wollen wir es auch nicht,“ beeilte sich Darja Aleksandrowna zu sagen, indem sie den Ausdruck des Leidens auf Annas Antlitz bemerkte. „Ich sehe nur, daß du zu schwarz siehst.“
„Ich? Keineswegs! Ich bin sehr heiter und zufrieden. Du hast ja gesehen;je fais des passions Wjeslowskij“ —
„Ja, wenn ich die Wahrheit sagen soll, gefällt mir der Ton Wjeslowskijs nicht,“ sagte Darja Aleksandrowna, im Wunsche, das Thema zu ändern.
„O, keineswegs! Das kitzelt Aleksey, weiter ist es nichts; er aber ist ein Knabe und ganz in meinen Händen. Du verstehst wohl, ich leite ihn, wie ich will. Er ist ganz das, was dein Grischa ist. Dolly!“ — änderte sie plötzlich ihre Rede, „du sagst, ich blicke zu schwarz. Das verstehst du nicht. Es ist zu entsetzlich. Ich suche lieber gar nicht zu sehen.“
„Aber mir scheint, man muß dies. Man muß alles thun, was möglich ist.“
„Was ist denn möglich? Nichts! Du sagst, ich soll Aleksey heiraten, und meinst ich dächte nicht daran. Ich soll nicht daran denken!“ — wiederholte sie, und die Farbe trat ihr ins Gesicht. Sie erhob sich, reckte ihre Brust empor, seufzte tief auf, und begann dann, mit ihrem leichten Gang im Zimmer auf und abzuschreiten, bisweilen dabei stehen bleibend. „Ich soll nicht daran denken? keinen Tag, keineStunde giebt es, in der ich nicht sänne — und mir Vorwürfe machte über das was ich denke — deshalb, weil die Gedanken hierüber von Sinnen bringen können. Von Sinnen bringen,“ wiederholte sie. „Wenn ich daran denke, so kann ich ohne Morphium schon nicht mehr schlafen. Doch gut. Wir werden ruhig sprechen. Man spricht mir von Ehescheidung. Erstens wird er in diese nicht willigen. Er steht jetzt unter dem Einfluß der Gräfin Lydia Iwanowna.“
Darja Aleksandrowna folgte, auf dem Stuhl steif emporgerichtet sitzend, mit dem Ausdruck innigen Mitgefühls auf dem Gesicht und kopfschüttelnd der hin und wieder wandernden Anna.
„Man muß versuchen,“ sprach sie leise.
„Nehmen wir an, man versucht. Was hätte das zu bedeuten?“ sagte sie; augenscheinlich war dies ein Gedanke, den sie wohl tausendmal überdacht, auswendig gelernt hatte. „Dies bedeutete für mich, die ihn haßt, sich aber nichtsdestoweniger vor ihm als schuldig bekennt — ich halte ihn dabei noch für großmütig — daß ich mich erniedrige, wenn ich ihm schreibe. Aber gesetzt, ich überwinde mich und thue dies! Entweder werde ich alsdann eine verletzende Antwort erhalten, oder die Einwilligung. Gut; ich erhalte die Einwilligung.“ — Anna befand sich gerade in einer entfernten Ecke des Gemachs und war dort stehen geblieben, sich an der Gardine des Fensters zu schaffen machend. „Ich erhalte also die Einwilligung — aber — meinSohn? Den wird man mir ja nicht geben! Er wird wohl heranwachsen, in der Verachtung gegen mich, im Haus des Vaters, den ich verließ. Wisse, daß ich, wie mir scheint, gleich stark, aber mehr noch als mich selbst, zwei Wesen liebe, Sergey und Aleksey.“
Sie trat in die Mitte des Zimmers und blieb vor Dolly stehen, beide Hände auf ihre Brust pressend. In dem weißen Nachtgewand erschien ihre Gestalt eigentümlich hoch und voll. Sie senkte den Kopf und schaute mit feuchtschimmernden Augen von unten her auf die kleine, hagere und in ihrem geflickten Korsett im Nachthäubchen so kläglich aussehende, am ganzen Körper vor Aufregung zitternde Dolly.
„Nur diese beiden Wesen liebe ich, und doch schließt eines das andere aus. Ich kann sie nicht vereinigen und dies alleinist mir doch nur Bedürfnis. Wenn es nicht angeht, so ist mir alles gleichgültig. Alles, alles gleichgültig. Irgendwie muß es enden, und daher kann und mag ich nicht davon sprechen! Mache du mir also keine Vorwürfe und richte in nichts über mich! Du vermagst in deiner Reinheit nicht alles zu erfassen, woran ich leide.“ Sie trat heran, setzte sich neben Dolly, blickte dieser mit schuldbewußtem Ausdruck ins Gesicht und nahm sie bei der Hand. „Was denkst du? Was denkst du über mich? Verachte mich nicht! Verachtung bin ich nicht wert. Ich bin doch schon unglücklich. Wenn jemand unglücklich ist, so bin ich es,“ sprach sie und brach, sich von ihr abwendend, in Thränen aus.
Allein geblieben, betete Dolly zu Gott und legte sich in ihr Bett. Anna hatte ihr von ganzer Seele leid gethan, so lange sie mit ihr gesprochen; jetzt aber konnte sie sich nicht mehr zum Nachdenken über sie bringen. Die Erinnerungen an ihr Haus und ihre Kinder tauchten in einem eigenartigen, ihr neuen Reiz, mit einem gewissen neuen Schimmer in ihrer Vorstellungskraft auf. Diese ihr eigene Welt erschien ihr jetzt so teuer und lieb, daß sie um keinen Preis außerhalb derselben einen überflüssigen Tag hätte zubringen mögen, und sie beschloß, bestimmt morgen abzureisen.
Anna hatte mittlerweile, nach ihrem Kabinett zurückgekehrt, ein Glas ergriffen, einige Tropfen Arznei hineingeschüttet, deren hauptsächlichster Bestandteil Morphium war, und sich, nachdem sie getrunken, und noch einige Zeit unbeweglich gesessen hatte, in ruhiger und heiterer Stimmung nach dem Schlafgemach begeben.
Als sie in dasselbe eintrat, blickte Wronskiy sie aufmerksam an. Er suchte nach den Spuren des Gesprächs, welches sie, wie er wußte mit Dolly gehabt haben mußte, da sie so lange im Zimmer derselben geblieben war. Aber in ihrem Ausdruck, der zurückgehaltene Aufregung und Geheimthuerei verriet, entdeckte er nur die zwar gewohnte, ihn aber doch immer noch fesselnde Schönheit, ihr Bewußtsein davon, und ihren Wunsch, sie auf ihn wirken zu lassen. Er wollte Anna nicht fragen, was sie beide gesprochen hätten, sondern hoffte, sie werde es ihm selbst sagen. Doch sie sprach nur:
„Ich freue mich, daß Dolly dir gefallen hat. Nicht wahr?“
„Ich kenne sie ja schon lange. Sie ist sehr gut, wie mir scheint,mais excessivement terre-à-terre. Ich habe mich indessen gleichwohl sehr über sie gefreut.“
Er ergriff Annas Hand und schaute ihr fragend ins Auge. Sie lächelte ihm zu, den Blick anders auffassend.
Am anderen Morgen rüstete sich Darja Aleksandrowna trotz der Bitten ihrer Wirte zur Abreise. Der Kutscher Lewins in seinem nicht mehr gerade neuen Kaftan und dem Postkutscherhut, mit den Pferden von verschiedener Farbe, ein Wagen mit den ausgebesserten Seiten, fuhr mürrisch und entschlossen in die geöffnete, mit Sand bestreute Einfahrt.
Der Abschied von der Fürstin Barbara und den Herren war Darja Aleksandrowna unangenehm. Indem sie nur einen Tag hier geblieben war, fühlte sie sowohl, wie ihre Wirte, deutlich, daß sie einander nicht näher getreten waren, und es besser sei, wenn sie nicht mehr zusammenkämen. Nur Anna empfand Schmerz hierüber. Sie wußte, daß jetzt, mit Dollys Fortgehen, niemand mehr die Gefühle in ihrer Seele wachrufen werde, die sich bei diesem Wiedersehen in ihr geregt hatten. Diese Empfindungen wachzurufen, war ihr schmerzlich gewesen, aber gleichwohl wußte sie doch, daß sie gerade den besten Teil ihrer Seele bildeten, und daß dieser Teil ihrer Seele schnell überwuchert sein werde in dem Leben, welches sie führte.
Als sie auf das Feld hinausgekommen war, empfand Darja Aleksandrowna ein angenehmes Gefühl der Erleichterung, und sie wollte soeben ihre Leute fragen, wie es ihnen bei Wronskiy gefallen habe, als plötzlich Philipp der Kutscher selbst anfing:
„Sind die reich, so reich, und doch haben sie im ganzen nur drei Maß Hafer gegeben. Bis die Hähne schrieen, hatten sie es rein aufgefressen. Was sind denn drei Maß? Gerade zum Hineinbeißen. Jetzt kostet der Hafer bei den Hofleuten fünfundvierzig Kopeken; während bei uns den Reisenden soviel gegeben wird, als gefressen wird.“
„Ein geiziger Herr,“ bestätigte der Comptoirdiener.
„Nun, aber seine Pferde haben dir gefallen?“ frug Dolly.
„Seine Pferde, das ist richtig. Das Essen ist ja auch gut. Aber mir schien es so langweilig, Darja Aleksandrowna,ich weiß nicht, wie es Euch gegangen ist,“ sagte er, ihr sein rotes, gutmütiges Gesicht zuwendend.
„Mir ging es auch so. Werden wir denn bis zum Abend ankommen?“
„Wir müssen.“
Nachdem Darja Aleksandrowna heimgekommen war, und alles vollkommen wohlbehalten und besonders herzlich gefunden hatte, erzählte sie mit großer Lebhaftigkeit von ihrer Reise, wie man sie so gut aufgenommen habe, von der Pracht und dem guten Geschmack der Lebensweise der Wronskiy, sowie von ihren Zerstreuungen, und ließ niemand über sie zu Worte kommen.
„Man muß Anna und Wronskiy kennen — ich habe ihn jetzt besser kennen gelernt — um erkennen zu können, wie liebenswürdig sie sind,“ sprach sie, jetzt vollkommen aufrichtig, nachdem sie das dunkle Gefühl von Unzufriedenheit und Mißbehagen vergessen hatte, welches sie dort empfunden.
Wronskiy und Anna verlebten, in unveränderten Verhältnissen, und ohne Maßregeln für die Ehescheidung zu ergreifen, den ganzen Sommer und einen Teil des Herbstes auf dem Lande. Sie waren unter sich einig geworden, nicht von hier weggehen zu wollen, fühlten beide aber, je länger sie einsam waren, besonders im Herbste und wenn kein Besuch da war, daß sie diese Lebensweise nicht würden ertragen können und ändern müßten.
Ihr Leben war so, wie man es besser nicht wünschen konnte; reicher Überfluß, Gesundheit, ein Kind war da und beide hatten ihre Beschäftigung. Anna beschäftigte sich, wenn kein Besuch da war, mit sich selbst und sehr viel mit Lektüre von Romanen und ernsten Büchern, welche in der Mode waren. Sie verschrieb alle Bücher, von denen sie sich entsann, Günstiges in den ausländischen Zeitungen und Journalen die sie erhielt, gelesen zu haben, und las dieselben mit jener Aufmerksamkeit für das Gelesene, welche nur in der Einsamkeit vorhanden zu sein pflegt. Außerdem aber studierte sie alles, womit sich Wronskiy befaßte, nach Büchern oder Fachjournalen, sodaß er sich oft mit landwirtschaftlichen,architektonischen, ja selbst bisweilen mit sportsmännischen und Pferdezucht betreffenden Fragen an sie wandte. Er erstaunte über ihr Wissen, ihr Gedächtnis, und wünschte anfänglich, noch zweifelnd, Bestätigungen; sie fand dann auch in den Büchern das, wonach er gefragt und zeigte es ihm.
Die Einrichtung des Hospitals beschäftigte sie gleichfalls. Sie leistete nicht nur Beistand, sondern richtete vieles selbst ein, oder sann es aus. Ihre Hauptsorge aber bildete — sie selbst; insofern sie Wronskiy teuer war, insofern sie ihm alles ersetzte, was er aufgegeben hatte. Wronskiy schätzte diesen zum einzigen Ziel ihres Lebens gewordenen Wunsch — den, ihm nicht nur zu gefallen, sondern ihm auch zu dienen, aber zugleich dabei fühlte er sich doch bedrückt von den Liebesbanden mit denen sie sich bemühte, ihn zu umstricken.
Je mehr Zeit verging, wünschte er weniger sich von ihnen zu befreien und herauszukommen, als zu versuchen und zu prüfen, ob sie seine Freiheit wirklich einschränkten. Wäre nicht dieser immer stärker werdende Wunsch, frei zu sein, der, nicht jedesmal eine Scene zu haben, wenn er zu einer Gerichtssitzung, zu einem Rennen in die Stadt fahren mußte, gewesen, so würde Wronskiy mit seinem Dasein völlig zufrieden gewesen sein.
Die Rolle, welche er sich erwählt hatte, die Rolle des reichen Grundbesitzers, aus denen der Kern der russischen Aristokratie bestehen müsse, war ihm nicht nur völlig nach Geschmack, sie machte ihm sogar jetzt, nachdem er ein halbes Jahr darin gelebt hatte, ein mehr und mehr wachsendes Vergnügen. Auch sein Werk, welches ihn mehr und mehr beschäftigte und anzog, gedieh vortrefflich. Trotz der ungeheuren Summen, welche ihn das Krankenhaus, die Maschinen, die aus der Schweiz verschriebenen Kühe und vieles andere kosteten, war er sicher, daß er sein Vermögen nicht zerrüttete, sondern vielmehr vergrößerte. Wo es sich um Einkünfte, Waldverkäufe, Getreidelieferungen, Wolle, Landverpachtung handelte, war Wronskiy hart wie ein Kieselstein, und verstand es, auf den Preis zu halten. In Sachen seiner großen Landwirtschaft befolgte er, sowohl auf diesem, wie auf seinen übrigen Gütern, die einfachsten, die gefahrlosesten Methoden, und war höchst sparsam und haushälterisch in den wirtschaftlichen Kleinigkeiten.Bei aller Schlauheit und Gewandtheit seines Deutschen, der ihn in Ankäufe zu verwickeln suchte und jede Berechnung so aufstellte, daß anfangs bei weitem mehr nötig war, dann aber erwog, daß es möglich sei, das Nämliche auch billiger machen, und dabei noch einen Gewinn erzielen zu können, gab Wronskiy diesem in nichts nach.
Er hörte seinen Verwalter an, frug ihn aus und stimmte ihm nur dann bei, wenn das zu Verschreibende oder neu Einzurichtende das allerneueste, in Rußland noch unbekannt, und imstande war, Bewunderung zu erwecken. Im übrigen verstand er sich zu einer großen Ausgabe nur dann, wenn flüssiges Geld vorhanden war, und kümmerte sich, indem er die Ausgabe machte, um alle Einzelheiten, bestand auch darauf, nur das Allerbeste für sein Geld zu erhalten; sodaß er, demzufolge sein Vermögen offenbar nicht zerrüttete, sondern vergrößerte.
Im Monat Oktober waren die Adelswahlen im Gouvernement von Kaschin, in welchem sich die Güter Wronskiys, Swijashskiys, Koznyscheffs, Oblonskiys und ein kleiner Teil von denen Lewins befanden.
Diese Wahlen zogen infolge mannigfacher Umstände und in Anbetracht der Persönlichkeiten, welche daran teilnahmen, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Man sprach viel von ihnen und bereitete sich darauf vor. Die Bewohner von Moskau, Petersburg, Fremde, die noch nicht bei den Wahlen gewesen waren, kamen zu denselben.
Wronskiy hatte Swijashskiy schon längst versprochen, dazu kommen zu wollen. Noch vorher fuhr Swijashskiy, welcher Wosdwishenskoje häufig besuchte zu Wronskiy.
Am Vorabend des nämlichen Tages war zwischen Wronskiy und Anna fast ein Streit wegen der geplanten Reise entstanden. Es war gerade die langweiligste, schwerste Zeit auf dem Dorfe, die Herbstzeit, und, auf den Kampf vorbereitet, machte Wronskiy mit einem ernsten und kühlen Ausdruck, mit welchem er vorher noch nie zu Anna gesprochen hatte, derselben Mitteilung von seiner Abreise.
Zu seiner Verwunderung nahm Anna indessen diese Nachricht sehr ruhig auf, und frug nur, wann er zurückkehren werde. Aufmerksam betrachtete er sie, da er diese Ruhe nicht begriff.Sie lächelte zu seinem Blick. Er kannte ihre Fähigkeit, sich in sich selbst zurückzuziehen, und wußte, daß dies nur dann der Fall war, wenn sie bei sich selbst etwas beschlossen hatte, ohne ihm von ihren Plänen Kenntnis zu geben. Er fürchtete dies, doch wünschte er so sehr, eine Scene zu vermeiden, daß er sich den Anschein gab zu glauben — und teilweise glaubte er es auch aufrichtig — was er ja wünschte — sie sei einsichtsvoll.
„Ich hoffe, du wirst dich nicht langweilen.“
„Ich hoffe es,“ sagte Anna, „gestern habe ich eine Kiste Bücher von Gautier erhalten. Nein, ich werde mich nicht langweilen.“
„Sie wünscht diesen Ton festzuhalten; um so besser,“ dachte er, „es wäre ja doch sonst immer ein und dasselbe,“ und fuhr, ohne sie zu einer aufrichtigen Erklärung aufgefordert zu haben, zu den Wahlen.
Es war dies zum erstenmal seit Beginn ihres Verhältnisses, daß er sich von ihr trennte, ohne sich völlig mit ihr ausgesprochen zu haben.
Einerseits beunruhigte ihn dies, andererseits fand er, daß es so besser sei. „Es wird ihr dies im Anfang, wie jetzt, etwas Unklares, Geheimnisvolles sein, aber später wird sie sich daran gewöhnen. Jedenfalls kann ich ihr alles bieten, nur nicht meine männliche Unabhängigkeit,“ dachte er.
Im September war Lewin wegen der Niederkunft Kitys nach Moskau gefahren. Er hatte schon einen ganzen Monat müßig in Moskau verweilt, als Sergey Iwanowitsch, welcher ein Gut im Gouvernement Kaschin besaß und großes Interesse für die Fragen der bevorstehenden Wahlen hegte, sich fertig machte, zu diesen zu fahren. Er nahm dazu auch den Bruder mit sich, der im Sjeleznewskischen Kreis ansässig war. Lewin hatte überdies in Kaschin ein sehr notwendiges Geschäft für seine Schwester, die im Ausland lebte, in Vormundschaftssachen und wegen der Empfangnahme von Geldern für einen Kauf zu erledigen.
Lewin war noch immer unentschlossen, aber Kity, welchegewahrte, daß er sich in Moskau langweile, hatte ihm angeraten, zu fahren und ihm obendrein noch hinter seinem Rücken eine Adelsuniform, welche achtzig Rubel kostete, bestellt. Diese achtzig Rubel, welche für die Uniform bezahlt worden waren, bildeten den Hauptgrund, der Lewin bewog, zu reisen, und so fuhr er nach Kaschin.
Er war bereits den sechsten Tag daselbst, besuchte täglich die Sobranje und befaßte sich mit der Angelegenheit seiner Schwester, die noch nicht in Ordnung war. Die Oberrichter waren sämtlich von den Wahlen in Anspruch genommen und man kam daher nicht bis zu einer so einfachen Angelegenheit, die von der Vormundschaft abhing. Die andere Angelegenheit, die Erhebung der Gelder, begegnete den gleichen Schwierigkeiten. Nach langen Mühen um die Beseitigung der Hindernisse lag das Geld endlich bereit zur Aushändigung, aber der Notar, ein sehr dienstfertiger Mann, konnte den Talon nicht herausgeben, weil die Unterschrift des Präsidenten dazu erforderlich war, dieser selbst aber sich in der Session befand. Alle diese Plagen, das Umherlaufen von Ort zu Ort, die Auseinandersetzungen mit den sehr guten freundlichen Leuten, welche alle die Unannehmlichkeit der Lage des Petenten vollkommen begriffen, diesem aber nicht helfen konnten, diese ganze Anstrengung die keine Resultate ergab, erzeugte in Lewin ein peinliches Gefühl, ähnlich jener ärgerlichen Ohnmacht, welche man im Schlafe empfindet, wenn man physische Kraft anwenden will. Er empfand dies oft, wenn er sich mit seinem sehr gutmütigen Pächter unterhielt. Dieser Pächter that, wie es schien, alles Mögliche, und strengte alle seine Kräfte an, um Lewin der Mühewaltung des Probierens zu entheben; nicht nur einmal hatte er gesagt, dieser solle da oder dorthin fahren, indem er einen ganzen Plan machte, wie er das Geschick umgehen könne, das alles hinderte. Gleichwohl aber hatte er hinzugefügt, „man wird sich freilich weiter sperren, doch probiert nur“. Und Lewin versuchte und ging und fuhr. Jedermann war gut und liebenswürdig, aber es zeigte sich, daß das bereits gangbar Gemachte am Ende wieder überwachsen war und von neuem den Weg verlegte. Besonders unangenehm war es, daß Lewin in keiner Weise erkennen konnte, mit wem er kämpfe, wer einen Vorteil davon habe,daß die Angelegenheit nicht zur Erledigung gelangte. Dies schien niemand zu wissen; auch der Pächter wußte es nicht. Hätte Lewin es erfahren können, wie er wußte, weshalb man zur Kasse auf der Eisenbahn nicht anders als in der Reihe Zutritt hat, so würde es ihm nicht beleidigend und ärgerlich erschienen sein, aber bei den Hindernissen, auf welche er in der Angelegenheit stieß, konnte ihm niemand erklären, weshalb sie vorhanden wären.
Lewin hatte sich indessen seit der Zeit seiner Verheiratung vielfach geändert; er war duldsam geworden, und wenn er nicht gleich verstand, wozu Etwas in einer bestimmten Weise eingerichtet sei, sagte er zu sich selbst, daß er, wenn er nicht alles wisse, auch nicht urteilen könne; daß es wahrscheinlich so sein müsse, und bemühte sich alsdann, nicht in Aufregung zu geraten.
Jetzt, bei den Wahlen gegenwärtig und an ihnen teilnehmend, bestrebte er sich ebenfalls, nicht zu urteilen und zu hadern, sondern soviel als möglich die Sache zu ergründen, mit der sich ehrenhafte und wackere Männer, die er achtete, mit solchem Ernst und solcher Hingebung beschäftigten. Seit er geheiratet hatte, eröffneten sich Lewin so viele neue ernste Seiten, die ihm vordem, infolge einer oberflächlichen Stellungnahme dazu, zu unbedeutend erschienen waren, daß er auch in den Wahlen eine ernstere Bedeutung vermutete und suchte.
Sergey Iwanowitsch erklärte ihm den Sinn und die Bedeutung der bei diesen vorgeschlagenen Veränderungen. Der Gouvernementschef, in dessen Händen nach dem Gesetz soviel wichtige sociale Aufgaben lagen — wie das Vormundschaftswesen, das nämliche, an welchem Lewin jetzt laborierte, die ungeheuren Summen des Adelsvermögens, die Gymnasien, das für Mädchen, das für Knaben und ein Kadettenhaus, die Volksbildung nach den neuen Verhältnissen und endlich, das Semstwo — dieser Gouvernementschef Sjnetkoff war ein Herr von altem, adligen Schlag, der ein ungeheures Vermögen besaß, ein guter Mensch, ehrenhaft in seiner Weise war, aber nicht vollkommen die Anforderungen der Neuzeit erfaßte. Er hielt in allem stets die Partei des Adels, wirkte schnurstracks der Verbreitung der Volksbildung entgegen, und verlieh dem Semstwo, welches doch so außerordentlich großeBedeutung haben sollte, den Charakter einer Gesellschaft. Es war daher notwendig, an seinen Platz einen frischen, in der Zeit stehenden, vernünftigen und vollkommen neuen Mann einzustellen und die Sache so anzufassen, daß aus all den Rechten, die dem Adel nicht als Adel, sondern als einem Element des Semstwo verliehen waren, die Vorteile der Selbstverwaltung gezogen würden, soviel ihrer zu ziehen waren. In dem reichen Gouvernement von Kaschin, welches in allem stets den anderen vorangegangen war, hatten sich jetzt so tüchtige Kräfte angesammelt, daß die Sache, wenn sie hier so geleitet wurde, wie es nötig war, als Muster für alle übrigen Gouvernements, ja für ganz Rußland, dienen konnte. Infolgedessen hatte sie denn eine hohe Bedeutung. Als Gouvernementschef an Stelle Sjnetkoffs hatte man entweder Swijashskiy oder noch besser Njewjedowskiy, einen früheren Professor und außerordentlich klugen Mann, den intimen Freund Sergey Iwanowitschs, in Vorschlag gebracht.
Die Sobranje eröffnete der Gouverneur selbst, der den Edelleuten eine Rede hielt, daß sie die Amtspersonen nicht nach dem Ansehen der Person, sondern nach ihren Verdiensten und zum Wohle des Vaterlandes wählen möchten, und daß er hoffe, der hohe Kaschinskische Adel werde, wie bei den früheren Wahlen, seine Pflicht pietätvoll erfüllen, und das hohe Vertrauen des Monarchen rechtfertigen.
Nachdem der Gouverneur diese Rede geendet hatte, verließ er den Saal, und die Adligen folgten ihm geräuschvoll und lebhaft, einige sogar voll Enthusiasmus, und umgaben ihn, während er sich den Pelz anlegte und mit dem Gouvernementsvorsteher freundschaftlich sprach. Lewin, welcher alles erfahren und nichts unbeachtet lassen wollte, stand mit im Haufen und hörte, wie der Gouverneur sagte: „teilt Marja Iwanowna gefälligst mit, mein Weib bedaure sehr, daß sie ins Kloster geht.“ Nach ihm suchten sich die Adligen heiter ihre Pelze und begaben sich sämtlich in den Gottesdienst.
In der Kathedrale schwor Lewin, zusammen mit den übrigen die Hand erhebend, und die Worte des Protopopen wiederholend, mit den ernstesten Eiden, alles zu erfüllen, was der Gouverneur von ihnen erhoffe.
Der Gottesdienst übte auf Lewin stets einen Einfluß, undals die Worte gesprochen wurden: „Ich küsse das Kreuz“ und er auf die Schar dieser jungen und alten Männer blickte, welche alle das Gleiche wiederholten, fühlte er sich bewegt.
Am zweiten und dritten Tag wurden die Angelegenheiten der Adelsgelder und des Mädchengymnasiums erörtert, die, wie Sergey Iwanowitsch erklärt hatte, keine Wichtigkeit besaßen, und Lewin, von seinen Geschäftsgängen in Anspruch genommen, verfolgte dieselben nicht.
Am vierten Tage erfolgte am Gouverneurstisch die Prüfung der Gouvernementsgelder, und hier gab es zum erstenmale einen Zusammenstoß der neuen Partei mit der alten. Die Kommission, welcher die Prüfung dieser Summe anvertraut war, legte der Sobranje dar, daß die Gelder sämtlich unversehrt seien. Der Gouvernementsvorsteher erhob sich, dankte dem Adel für sein Vertrauen und zerdrückte eine Thräne. Die Adligen begrüßten ihn laut und drückten ihm die Hand. Aber zur selben Zeit sagte ein Adliger aus der Partei Sergey Iwanowitschs, er habe gehört, daß die Kommission die Gelder gar nicht geprüft habe, indem sie die Revision als eine Kränkung des Gouverneurs betrachte. Eines der Kommissionsmitglieder bestätigte dies auch unvorsichtigerweise. Da begann ein ziemlich kleiner, sehr jung aussehender, aber sehr scharfzüngiger Herr zu sprechen, daß es dem Gouvernementsvorsteher wahrscheinlich angenehm sein würde, Rechenschaft über die Summen ablegen zu können, und daß nur das überflüssige Taktgefühl der Kommissionsmitglieder ihn dieser moralischen Genugthuung beraubt habe. Die Kommissionsmitglieder sagten sich hierauf von ihrer Erklärung los und Sergey Iwanowitsch begann ihnen logisch zu beweisen, daß sie entweder anerkennen müßten, die Gelder seien von ihnen für richtig befunden worden, oder nicht, und nahm dieses Dilemma gründlich durch. Sergey Iwanowitsch beantwortete hierauf ein Sprecher der gegnerischen Partei. Dann sprach Swijashskiy und darauf wieder der bissige Herr. Die Debatten zogen sich in die Länge und verliefen ohne Resultat. Lewin war erstaunt, daß man hierüber so lange streiten konnte, namentlich aber darüber, daß Sergey Iwanowitsch, als er ihn frug, ob er vermute, daß die Gelder verloren seien, antwortete:
„O nein! Er ist ein ehrenhafter Mann, aber jene alteSitte der vaterländischen, familiären Verwaltung der Adelsgeschäfte mußte erschüttert werden.“
Am fünften Tage waren die Wahlen der Kreisvorsteher. Dieser Tag war ziemlich stürmisch bei mehreren Kreisen. Im Kreise Sjelesnewo wurde Swijashskiy einstimmig ohne Ballotage gewählt und bei ihm fand an diesem Tage ein Essen statt.
Am sechsten Tage waren die Gouvernementswahlen. Die großen und kleinen Säle waren gefüllt von den Adligen in ihren verschiedenen Uniformen. Viele kamen nur für diesen Tag. Bekannte, die sich lange nicht gesehen hatten, der eine aus der Krim, der andere aus Petersburg, ein dritter vom Auslande kommend, begegneten sich in den Sälen. Am Gouverneurstisch, unter dem Bild des Zaren, fanden die Wahlkämpfe statt.
Die Adligen, im großen, wie im kleinen Saale, gruppierten sich in Lager und an der Feindseligkeit und dem Mißtrauen der Blicke, an dem bei der Annäherung fremder Personen verstummenden Gespräch, daran, daß mehrere flüsternd selbst in den abgelegenen Korridor gingen, war ersichtlich, daß eine jede Partei Geheimnisse vor der anderen hatte.
Dem äußeren Anschein nach hatten sich die Adligen scharf in zwei Parteien geteilt, in die Alten und die Jungen. Die Alten waren größtenteils in adligen altertümlichen, zugeknöpften Uniformen, mit Degen und Hut, oder in ihren eigenen Kavallerie-, Infanterie- oder Amtsuniformen. Die Uniformen der Alten waren in altertümlicher Weise gestickt, mit Epaulettes auf den Schultern; sie erschienen klein, kurz in den Taillen und so knapp, als hätten ihre Träger sie verwachsen.
Die Jungen hingegen waren in Adelsuniformen mit niedrigen Taillen und breiten Schultern, mit weißen Westen, oder in Uniformen mit schwarzen Kragen und Lorbeer, der Stickerei des Justizministeriums. Zu den Jungen gehörten auch die Hofuniformen, die hier und da die Menge zierten.
Aber die Teilung in Junge und Alte fiel nicht mit der Teilung in die Parteien zusammen; einige der Jungen gehörten nach den Beobachtungen Lewins zur Partei der Alten,und im Gegensatz hierzu zischelten einige sehr alte Edelleute mit Swijashskiy, und waren augenscheinlich eifrige Anhänger der neuen Richtung.
Lewin stand in dem kleinen Saale, in welchem man rauchte und aß, neben einer Gruppe der Seinen, und lauschte auf das, was man sprach, indem er seine Geisteskräfte geflissentlich anstrengte um zu verstehen, was gesprochen wurde. Sergey Iwanowitsch bildete den Mittelpunkt, um welchen sich die Übrigen gesellten. Er hörte jetzt Swijashskiy und Chljustoff an, den Vorsteher eines anderen Kreises, der zu ihrer Partei gehörte.
Chljustoff stimmte mit seinem Kreis nicht dafür, Sjnetkoff um Ballotage zu bitten, und Swijashskiy überredete ihn nun, es doch zu thun, während Sergey Iwanowitsch diesen Plan guthieß. Lewin begriff nicht, weshalb man die gegnerische Partei um Ballotage gerade bezüglich desjenigen Vorstehers bitten wollte, den man ausballotieren wollte.
Stefan Arkadjewitsch, der soeben gegessen und getrunken hatte, trat, sich den Mund mit dem duftenden, eingefaßten Battisttaschentuch wischend, in seiner Kammerherrenuniform zu ihnen.
„Wir nehmen die Position,“ sagte er, sich die Hälften seines Backenbartes streichend, „Sergey Iwanowitsch!“ Und aufmerksam dem Gespräch Gehör schenkend, unterstützte er die Meinung Swijashskiys. „Es ist genug mit einem Kreis, aber Swijashskiy ist augenscheinlich schon Opposition,“ sagte er, mit Worten, die allen, nur nicht Lewin, verständlich waren. „Wie, Konstantin; es scheint, auch du kommst hinter den Geschmack?“ fügte er hinzu, sich an Lewin wendend und faßte diesen unter dem Arme. Lewin wäre recht froh gewesen, hinter den Geschmack gekommen zu sein, aber er konnte nicht verstehen, worum es sich handle, und drückte, einige Schritte von den Redenden wegtretend, Stefan Arkadjewitsch seine Unkenntnis darin aus, weshalb man den Gouvernementsvorsteher bitten wollte.
„O sancta simplicitas,“ sagte Stefan Arkadjewitsch und erklärte Lewin kurz und klar, um was es sich handle.
„Wenn alle Kreise, wie in den früheren Wahlen, den Gouvernementsvorsteher bitten würden, so wählte man ihnmit allen weißen Kugeln. Jetzt ist man in acht Kreisen einverstanden, ihn darum zu ersuchen; wenn nun zwei es verweigern, mit darum anzuhalten, so kann Sjnetkoff die Ballotage verweigern, und dann wird die Partei der Alten einen anderen von den Ihrigen wählen, sodaß unser ganzer Plan verloren ist. Wenn aber nur der eine Kreis Swijashskiys nicht mit bittet, so wird Sjnetkoff ballotieren. Man wird ihn dann selbst wählen und ihm absichtlich das Amt wieder übertragen, sodaß sich die gegnerische Partei verrechnet, und wenn sie einen Kandidaten von den Unseren aufstellen, diesem das Amt überträgt.“
Lewin verstand, aber nicht vollständig, und wollte soeben noch einige Fragen stellen, als plötzlich alle durcheinander zu sprechen begannen, lärmten und sich nach dem großen Saale in Bewegung setzten.
„Was ist das? Wie? Wen wird man wählen? Vertrauen? Zu wem? Was ist? Verwirft man? Es giebt kein Vertrauen! Man läßt Phleroff nicht zu. Was; unter Anklage! So läßt man niemand zu! Das ist niedrig! Das Gesetz!“ hörte Lewin von verschiedenen Seiten rufen, und begab sich zusammen mit der Menge, die sich drängte, und zu fürchten schien, daß sie etwas versäumte, in den großen Saal. Er näherte sich in dem Gedränge der Adligen dem Gouverneurstisch, an welchem der Gouvernementsvorsteher, Swijashskiy und andere Wortführer eifrig miteinander debattierten.
Lewin stand ziemlich entfernt. Ein schwer und heiser atmend neben ihm stehender Adliger und ein zweiter mit knarrenden, dicken Stiefelsohlen, störten ihn, deutlich zu hören. Aus der Ferne vernahm er nur die weiche Stimme des Gouvernementsvorstehers, darauf das pfeifende Organ des scharfzüngigen Adligen und dann die Stimme Swijashskiys. Sie stritten, soviel er zu verstehen imstande war, über die Bedeutung eines Paragraphen des Gesetzes und den Sinn der Worte, „wer sich unter gerichtlicher Untersuchung befindet“.
Der Haufe teilte sich, um dem zum Tisch herantretenden Sergey Iwanowitsch Raum zu geben. Sergey Iwanowitsch sagte, nachdem er die Beendigung der Rede des scharfzüngigenAdligen abgewartet hatte, ihm scheine, daß es am richtigsten sei, sich nach dem Paragraphen des Gesetzes zu richten und bat den Sekretär, den Paragraphen aufzusuchen. In demselben war gesagt, daß man im Falle der Meinungsverschiedenheit zu ballotieren habe.
Sergey Iwanowitsch verlas den Paragraphen, und begann den Sinn desselben zu erörtern, aber da unterbrach ihn ein großer, dicker und krummer Gutsherr mit roten Ohren, in enger Uniform mit im Nacken hinten hochstehendem Kragen. Er trat an den Tisch und rief laut, mit einem Finger darauf schlagend:
„Ballotieren! Zu den Kugeln greifen! Weg da mit dem Geschwätz! Zu den Kugeln!“
Mehrere Stimmen erhoben sich jetzt plötzlich zusammen, und der große Adlige mit seinem Finger, mehr und mehr in Zorn geratend, schrie lauter und lauter. Es ließ sich jedoch nicht unterscheiden, was er sagte. Er sagte das Nämliche, was Sergey Iwanowitsch vorschlug, aber offenbar haßte er diesen und dessen ganze Partei, und dieses Gefühl des Hasses teilte sich nun der ganzen Partei mit und rief den Widerstand einer gleichen, wenn auch gemäßigteren Erbitterung auf der anderen Seite hervor. Rufe erschallten und eine Minute lang wogte alles durcheinander, sodaß der Gouvernementsvorsteher genötigt war, um Ordnung zu bitten.
„Ballotieren! Ballotieren! Wer ein Edelmann ist, der sieht das ein! Wir vergießen unser Blut! Das Vertrauen des Monarchen! Nicht den Gouvernementsvorsteher achten; er ist kein Amtmann! Darum handelt es sich nicht! Bitte, zu den Kugeln! Es ist eine Schande!“ vernahm man zornige, sinnlose Schreie von allen Seiten.
Die Blicke und Gesichter wurden immer zorniger und die Reden immer ungebärdiger. Sie drückten einen unversöhnlichen Haß aus. Lewin begriff nicht im geringsten, worum es sich handle, und war erstaunt über die Leidenschaftlichkeit, mit welcher die Frage, ob man über Phleroff ballotieren solle oder nicht, behandelt wurde. Er hatte, wie ihm später Sergey Iwanowitsch erklärte, jenen Syllogismus vergessen, daß im Interesse des allgemeinen Wohls der Gouvernementsvorsteher entfernt werden müsse; zu der Entfernung desselbenaber war eine Majorität der Kugeln erforderlich; zur Erlangung dieser Majorität weiterhin mußte man Phleroff Stimmrecht erteilen, und zur Anerkennung Phleroffs als eines Stimmberechtigten mußte man erklären, wie der Paragraph des Gesetzes aufzufassen sei.
„Also eine Stimme kann die ganze Angelegenheit entscheiden, und man muß daher ernst und konsequent sein, wenn man der gemeinsamen Sache dienen will,“ schloß Sergey Iwanowitsch.
Lewin hatte dies jedoch vergessen, und es wurde ihm schwer ums Herz, diese von ihm geachteten braven Männer in einer so unangenehmen schlimmen Erregung sehen zu müssen.
Um sich von diesem beklemmenden Gefühl frei zu machen, ging er, ohne das Ende des Streites abzuwarten, in den Saal, in welchem sich niemand befand, als einige Lakaien beim Buffet. Als er die mit dem Abwischen von Geschirr, dann Aufstellen von Tellern und Gläsern beschäftigten Diener, ihre ruhigen, aber lebhaften Gesichter sah, empfand Lewin ein unerwartetes Gefühl der Erleichterung, als sei er aus einem Zimmer voll widrigen Geruchs in die reine Luft hinausgetreten. Er begann auf und abzuschreiten, mit Befriedigung auf die Diener blickend. Es gefiel ihm sehr, als einer derselben, ein Mann mit grauem Backenbart, den jüngeren, die diesen zum besten hatten, voll Geringschätzung lehrte, wie man Servietten falten müsse. Lewin hatte sich gerade mit dem alten Diener in ein Gespräch eingelassen, als der Sekretär der Adelsvormundschaft, ein alter Herr, der die spezielle Eigenschaft besaß, alle Adligen des Gouvernements dem Namen und der Herkunft nach zu kennen, ihn davon abzog.
„Bitte gefälligst, Konstantin Dmitritsch,“ sagte er zu ihm, „Euer Bruder sucht Euch. Es wird ballotiert.“
Lewin trat in den Saal, erhielt eine weiße Kugel und begab sich hinter seinem Bruder Sergey Iwanowitsch zum Tische, an welchem mit wichtiger, ironischer Miene Swijashskiy stand, der seinen Bart in die volle Hand genommen hatte und daran roch.
Sergey Iwanowitsch steckte die Hand in den Kasten, legte seine Kugel hinein und blieb, Lewin Platz machend, am Ortestehen. Lewin trat heran, wandte sich aber, da er vollständig vergessen hatte, um was es sich handle und in Verlegenheit geraten war, an Sergey Iwanowitsch mit der Frage, wohin er die Kugel legen solle? Er frug leise, während man in seiner Nähe sprach, sodaß er hoffen konnte, es habe niemand seine Frage vernommen. Aber die Sprechenden verstummten und seine unziemliche Frage wurde gehört. Sergey Iwanowitsch runzelte die Stirn.
„Das ist Sache der Überzeugung für einen jeden,“ sagte er gemessen. Einige lächelten. Lewin errötete, streckte hastig die Hand unter das Tuch und legte die Kugel nach rechts, da sie sich gerade in seiner rechten Hand befand. Nachdem er dies gethan hatte, besann er sich, daß er auch die linke Hand hineinstecken müsse und steckte sie hinein, doch schon zu spät, und zog sich dann, noch mehr in Verlegenheit geraten, schnell in die hintersten Reihen zurück.
„Einhundertsechsundzwanzig dafür! Achtundneunzig dagegen!“ klang die Stimme des Sekretärs, welcher den Buchstaben r nicht aussprechen konnte. Gelächter erschallte: ein Knopf und zwei Nüsse waren in dem Kasten gefunden worden. Der Adlige war zugelassen und die Jungpartei hatte gesiegt. Aber die Partei der Alten hielt sich noch nicht für besiegt. Lewin vernahm, daß man Sjnetkoff bat, zu ballotieren, und gewahrte, daß ein Trupp der Edelleute den Gouvernementsvorsteher umringte, welcher sprach. Lewin trat näher. Sjnetkoff sprach, indem er den Edelleuten antwortete, vom Vertrauen des Adels, von dessen Liebe zu ihm, deren er nicht würdig sei, da sein ganzes Verdienst nur in seiner Ergebenheit für den Adel bestehe, dem er zwölf Jahre des Dienstes geweiht hätte. Mehrmals wiederholte er die Worte „ich habe gedient, soviel es meine Kräfte gestatteten, im Glauben und in der Wahrheit; ich schätze euch hoch und danke euch!“ und plötzlich hielt er, von Rührung überwältigt, inne und verließ den Saal.
Mochten nun diese Thränen von dem Gefühl einer Ungerechtigkeit gegen ihn, von der Liebe zum Adel, oder von der Gespanntheit der Situation herrühren, in welcher er sich befand, indem er sich von Gegnern umgeben fühlte — genug, die Erregung teilte sich weiter mit, die Majorität des Adelswar gerührt und auch Lewin empfand ein Gefühl von Zärtlichkeit für Sjnetkoff.
In der Thür stieß der Gouvernementsvorsteher mit Lewin zusammen.
„Entschuldigt, bitte, entschuldigt,“ sagte er wie zu einem Unbekannten, lächelte aber, als er Lewin erkannt, und diesem schien es, als ob er etwas hätte sagen wollen, aber vor Erregung nicht sprechen könne.
Der Ausdruck seines Gesichts und seiner ganzen Gestalt in der Uniform, mit den Ordenskreuzen und den weißen galonnierten Beinkleidern, erinnerte Lewin, als er so hastig dahinschritt, an ein gemästetes Schlachtvieh, welches sieht, daß es mit seiner Sache übel bestellt ist.