The Project Gutenberg eBook ofAnspruchslose Geschichten

The Project Gutenberg eBook ofAnspruchslose GeschichtenThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Anspruchslose GeschichtenAuthor: Pauline HannRelease date: October 17, 2021 [eBook #66553]Most recently updated: October 18, 2024Language: GermanCredits: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was produced from images made available by the Universitätsbibliothek Leipzig.)*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ANSPRUCHSLOSE GESCHICHTEN ***

This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: Anspruchslose GeschichtenAuthor: Pauline HannRelease date: October 17, 2021 [eBook #66553]Most recently updated: October 18, 2024Language: GermanCredits: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was produced from images made available by the Universitätsbibliothek Leipzig.)

Title: Anspruchslose Geschichten

Author: Pauline Hann

Author: Pauline Hann

Release date: October 17, 2021 [eBook #66553]Most recently updated: October 18, 2024

Language: German

Credits: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was produced from images made available by the Universitätsbibliothek Leipzig.)

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ANSPRUCHSLOSE GESCHICHTEN ***

VONP. HANN

LEIPZIG 1891A. G. LIEBESKIND.

Druck von W. Drugulin in Leipzig.

Wie Alles auf dieser mangelhaften Welt, hat ein bedeutender Freund eine Licht- und eine Schattenseite; aber Rudolf Müller sollte von rechtswegen heute bloss die erstere anerkennen: Aus der Ferne schallt abgedämpfter Walzerklang, das Rascheln und Knistern seidener Ballkleider herüber, – und er tanzt nicht. Im Nebenzimmer rufen begeisterte Skatbrüder ihr Grand Solo mit Matadoren aus, – und er kann eine Karte von der anderen kaum unterscheiden. Die grosse Gesellschaft, in die er, Dank seiner Verwandtschaft mit der Hausfrau, gerieth, würde ihm die unverfälschtesten Tantalusqualen bereiten, wenn er seinen bedeutenden Freund nicht hätte. Diesem allein,und nicht etwa den eigenen bestechenden Eigenschaften, – Niemand sollte das besser wissen als Rudolf Müller selbst, – verdankt er es, dass er mit der schönsten, liebenswürdigsten Dame der Gesellschaft, – nein, der Welt! – in einem Glaskasten plaudern darf, der auf den stolzen Titel Wintergarten Anspruch erhebt und mit Palmen, Gummibäumen und blühenden Azaleen so vollgestopft ist, dass ausser dem Bänkchen, auf welchem Else Friedjung sitzt, und einer Handbreit Raum, auf welcher er steht, kein Platz für etwaige Eindringlinge wäre. Seit dreiviertel Jahren betet er die junge Dame an, aber leider aus gemessener Entfernung, denn für einen mit dem Laster der Bescheidenheit behafteten Menschen giebt es keine Möglichkeit, sich durch die dreifache Reihe von schwarzen Fräcken durchzuwinden, die beständig das schöne, lebhafte Millionärskind umschliesst, wie die Midgardsschlange die Weltesche. Aber vor etwa einer halben Stunde hat ihm seine Cousine zugeraunt:

»Else Friedjung wünscht, Dich kennen zu lernen, Du Glückspilz, versteht Du, sie wünscht es.«

Ob er versteht! Wenn er sich noch nicht die Karte »ami de Beethoven« drucken liess, so liegt dies bloss daran, dass er noch ein Weilchen warten will, bis ausser dem niedlichen Einacter, der vor etwa vierzehn Tagen im Hoftheater aufgeführt wurde, auch noch die anderen unsterblichen Werke erschienen sind, mit welchen sein bedeutender Freund heute oder morgen, bis er in der richtigen Stimmung dazu ist, die Welt aus den Angeln heben und sämmtliche Classiker, Romantiker und moderne Theaterdichter in das Nichts zurückschleudern wird.

Das schöne Mädchen wies ihm auf der eng beschriebenen Tanzkarte eine leere Stelle. »Ich habe den Walzer für Sie aufgespart, Herr Müller«, sagte sie liebenswürdig.

Er ballte die Faust, – in Gedanken natürlich, – gegen den Tanzmeister, derihn als hoffnungslosen Fall aufgegeben; aber Elsen Friedjung stand der Sinn nicht nach Tanzen. In all ihrer Anmuth, die dem armen Jungen den Kopf vollständig verdreht hat, erhob sie sich, legte die Hand auf seinen Arm und liess sich von ihm in die Tropenlandschaft führen. Selbst das tugendhafteste Mauerblümchen entdeckte nichts Ungehöriges darin; ein heimliches Zwiegespräch mit Rudolf Müller gehört zu den Dingen, die Jede begreift und Jede entschuldigt. Es ist nicht die geringste Gefahr dabei; nicht dass er etwa abschreckend hässlich, oder unerlaubt dumm wäre, oder auf dem grossen Theater eine allzu verächtliche Lampenputzerrolle spielte, – verständige Papas unverständiger Töchter schätzen ihn als tüchtigen, aufstrebenden Kaufmann, – aber sein bedeutender Freund, der einen Schatten wie der Kölner Dom wirft, lässt ihn pygmäenhaft klein, ja zu Zeiten mit freiem Auge gar nicht wahrnehmbar erscheinen.

Else Friedjung liess die Stäbe ihresFächers durch die Finger gleiten und heftete die Augen auf dieses Spiel.

»Ich höre, Sie sind mit Doctor Engelbert Holstein näher befreundet«, fing sie in leichter Verlegenheit an.

Rudolf knickte innerlich zusammen. Die leise Hoffnung, die ihn trotz aller Erfahrungen umschmeichelt, liess ihre Flügel kläglich hängen und er bereitete sich für die Antworten vor, die er, zum beliebigem Gebrauch bei jedem Tête-à-tête auswendig gelernt:

»Wir wohnen beisammen.« (Und eine recht vernünftige Theilung der Arbeit besorgen sie dabei, der Bedeutende bestrahlt mit seinem Ruhm das elegante Junggesellenheim nahe dem Thiergarten, und Rudolf Müller bezahlt es; doch diese intimen Details gehören nicht hierher.) »Er wird kommenden November 24 Jahre alt.«

»Sein Geburtstag fällt sechs Tage später als der Schiller's« (Die gestickten Schreibmappen, Federwischer, Cigarrentaschen,die diese Enthüllung in die Welt gesetzt, lassen sich kaum zählen.) »Er ist vollständig unverheirathet.«

Dann eine Verbeugung, und der junge Mann weiss, dass er aus den Gedanken seiner schönen Nachbarin fortgewischt ist, wie eine Null mit dem Schwamm von einer Rechentafel.

Aber Else Friedjung ist ein geistreiches Mädchen; sie bringt doch wenigstens einige Abwechselung in das grausame Spiel.

»Doctor Holsteins Name auf dem Theaterzettel rief mir eine Begebenheit, einen kleinen Roman, eigentlich nur den Anfang eines solchen, in's Gedächtniss zurück. – Meine Freundin, – meine beste Freundin erlebte ihn vor einem Menschenalter, es sind gewiss sieben Jahre her.« Rudolf richtete sich erwartungsvoll auf.

»Ich kann mit einigen Aenderungen die Eingangszeilen unseres besten deutschen Romans wiederholen: Westerode ist eine Stadt mit etlichen tausend Einwohnern,einem Gymnasium – und einer Heilquelle. Die etlichen Einwohner und das Gymnasium besitzt sie schon seit längerer Zeit, die Heilquelle wurde erst vor einem Jahrzehnt entdeckt.« Sie unterbrach sich, denn er machte eine Bewegung.

»Sie sprechen von meiner Vaterstadt,« sagte er, »ich bitte mit aufgehobenen Händen, verfahren Sie glimpflich mit ihrem Curort-Ehrgeiz.«

»Ihre Vaterstadt? Dann ist die Freundschaft zwischen Ihnen und dem Doctor wohl schon auf den Schulbänken geschlossen worden?«

Rudolf verbeugte sich bestätigend. Immer sein bedeutender Freund! Er ist ihm so anhänglich wie – er weiss selber keinen passenderen Vergleich – wie ein treuer, oft geprügelter Pudel, aber selbst ein solcher kennt Augenblicke, in welchen sein Herz ins Spiel kommt und er bei dem weissgelockten Gegenstand seiner Neigung etwas für sich selber vorstellen möchte.

»Ich habe Sie von Ihrer Erzählung durch meinen unzeitigen Einwurf abgelenkt,« murmelte er.

»O, ganz recht. Die Heilquelle trotzte zwar bisher standhaft jedem Analysirungsversuch, – so viel darf ich doch sagen, ohne ihr heimathliches Weltbad zu beleidigen? – dennoch wirkte sie Wunder in Reclamen und ärztlichen Anpreisungen. Meine Freundin, damals ein Backfisch mit etwas blässlichen Wangen, sollte, begleitet von einer ältlichen, unverheiratheten und etwas verschrobenen Erzieherin, das Wunderwasser trinken.«

Ihr Zuhörer sah auf, als schiesse ihm eine Erinnerung – aber keine sonderlich freudige – durch den Sinn.

»Es schmeckte abscheulich. So oft es unbemerkt geschehen konnte, goss sie es aus. Dessenungeachtet wirkte die Cur. Entweder war die Quelle so heilkräftig, dass man schon durch die Betrachtung des Geländers, das sie umgab, Farbe und Rundung der Wangen bekam, oder warenes die prächtigen Buchenwälder, die förmlich zum Thore der Stadt hereinwuchsen. Meine Freundin mochte das Letztere glauben und lief den grössten Theil des Tages auf den weltbadmässig gebahnten, mit Bänken besäeten Waldpfaden herum. Es war eine so schöne Abwechselung nach der vielstündigen Marter vor dem Piano und den Schulbüchern, die bisher ihre Tage ausgefüllt. Niemand störte sie; es stand ihr frei, sich als unumschränkte Besitzerin all' der Herrlichkeit zu betrachten, die, steil aufsteigend, das Städtchen umschliesst. Das übrige Curpublikum sammt der Ureinwohnerschaft steckte träge in Hausgärten oder auf Veranden, ihre Gouvernante im verdunkelten Zimmer, denn die gute Antoniette besass eine Leidenschaft, mit welcher ihre Pflichttreue einen aussichtslosen Kampf führte, sie dehnte ihr Mittagsschläfchen bis zum Abend aus, wenn Niemand sie weckte; und meiner Freundin war der Schlaf heiliger als Macbeth. Dreist erstrecktesie in drückender Nachmittagshitze ihre Spaziergänge immer tiefer in den Wald hinein. Da begegnete ihr einmal das Verhängniss in Gestalt eines jungen, hübschen Menschen mit flatternden Locken und blitzenden Augen. Er sass auf einer Bank, ein Notizbuch auf den Knieen, die Rechte schrieb eifrig, die Linke scandirte auf der Holzlehne. Bei dem plötzlichen Auftauchen meiner Freundin fuhr er in die Höhe, starrte sie an und lief spornstreichs den Berg hinab. Sie folgte ihm mit den Blicken. Wie er, musste, ihrer Ansicht nach, der junge Goethe in Frankfurt ausgesehen haben, nur blieb es freilich fraglich, ob er auch die scharlachrothe Burschenmütze sorgfältig mit einem schwarzen Ueberzug bedeckt hätte, bevor er in die Strassen der Stadt einbog, wie es der junge Mann that.«

»Unser Director,« warf ihr Zuhörer erklärend ein, »verfolgte das Burschenspielen im Gymnasium mit draconischer Strenge. Und Engelbert musste sich besondershüten, dass Missfallen unseres Schulmonarchen zu erregen.«

»Meine Freundin traf ihn nun fast täglich im Walde, aber ihr fünfzehnjähriges Gewissen bohrte und nagte. Sie weckte Fräulein Antoniette am hellen Nachmittage. Die gute Seele schleppte sich keuchend die Waldhügel hinauf, bis zur ersten Bank, von welcher man gerade auf den Marktplatz hinuntersah. Dann empfahl sie ihren Geist dem Herrn, sank auf den Hochsitz und entschlief. Meine Freundin las im »Ekkehard«. Da, als sie zufällig aufblickt, steht, kaum zwanzig Schritte von ihr entfernt, ihr junger Goethe im vollen Glanz der unbezogenen Burschenkappe, einen Strauss poetischer Waldblümelein in den Händen und einen gewissen Was-frage-ich-um-die-Welt-Ausdruck im Gesicht, der ihr anzeigte, dass es heute mit gegenseitigem Anstarren, Rothwerden und Grüssen nicht sein Bewenden haben werde. Statt ihre regelmässig und laut athmende Begleiterin –ruchlose Menschen hätten behauptet, sie schnarche – zu wecken, that sie das Unvernünftigste, was sie begehen konnte, sie lief davon. In einigen Secunden hatte er sie eingeholt, ihr die Blumen überreicht und einen Strom sehr lauter, aber dennoch unverständlicher Bitten und Beschwörungen über sie ergossen. Bei ruhiger Rückerinnerung würdigt dies meine Freundin als den Ausfluss grünster Jugendlichkeit, damals jedoch erschien es ihr hochbedeutsam, erschütternd, sie bis zu den Regionen der langen Kleider und vollbeschriebenen Tanzkarten emportragend. Er drückte ihre Hände, dass sich die Stengel des Strausses ihren Handflächen einpressten und sie eher ein schmerzliches, denn ein beseligtes Gesicht zog. Plötzlich stürzte Antoniette, zum Bewusstsein und zu ihrer Verantwortlichkeit erweckt, herbei, riss das unflügge Nestkücken aus dem Griff des Falken, und wenn Worte und Blicke die Wirkung der Blitze hätten, so wäre er ohne Zweifel todt zu Boden gestrecktworden. In den Augen des alten Fräuleins schwoll die Kinderei zu einem ungeheuren Frevel, zu einem Vergehen gegen die Moral an; sie drohte mit Gericht und Polizei. Aber lag es an ihrem fragwürdigen Deutsch oder an den von Schlaf und Bestürzung übermässig gerötheten Zügen und den rollenden Augen, – ihr Zögling biss sich krampfhaft auf die Lippen, der junge Goethe, weniger vorsichtig, lachte ihr helllaut in's Gesicht, wodurch sich ihr Grimm selbstverständlich nicht verringerte. Nach einem Blick auf das junge Mädchen, der einen ganzen Band lyrischer Gedichte ersetzte, drehte er sich um und ging. Die Nachblickenden sahen ihn im Hause des Kaufmanns auf dem Markte verschwinden. Es war ihre letzte persönliche Begegnung, denn Fräulein Antoinette bewachte ihren Schützling wie ein geschwänzter Schatzhüter der Sage. Nur ein glühendes Gedicht von ansehnlicher Ausdehnung, Engelbert Holstein unterzeichnet, gelangte durch einenLiebesboten, dessen Hauptkennzeichen Wasserscheu, durchstossene Ellbogen und vorwitzig in die Sonne hinausguckende Zehen waren, in die Hände meiner Freundin. Sie verwahrte es sorgfältig, Fräulein Antoinette hat nie etwas davon erfahren. Kaum eine Woche später verliessen sie das Weltbad. – Sie können sich vorstellen, wie überrascht und stolz meine Freundin war, als ihr jugendlicher Bewunderer sich plötzlich als Mann von Bedeutung entpuppte, von dem alle Welt spricht, dem man eine glänzende Zukunft vorhersagt.«

Das Gesicht des jungen Mannes trug einen sonderbaren Ausdruck.

»Wollen Sie mir erlauben, Ihrer rührenden Historie einen ganz unerwarteten Schluss anzufügen?« fragte er lachend, »Ueberraschungen sollen zwar den Werth eines literarischen Kunstwerkes nicht erhöhen, aber – arme Leute kochen mit Wasser.«

Else Friedjung blickte ihn verwundert an.

»Fräulein Antoinette klagte die erlittene Insulte der Badeverwaltung, den städtischen Behörden, dem Schulmonarchen und der Himmel weiss wem noch. Sie hatte den Frevler im Kaufmannshaus verschwinden gesehen. Hier hebt das tragische Verhängniss an, das Factum, das dem griechischen Trauerspiel zu so hoher Wirkung verhalf und vom modernen Fürwitz sammt den Göttern aus der Flugmaschine in die dramatische Rumpelkammer verwiesen wird: das Kaufmannshaus beherbergte ständig nur einen Gymnasiasten mit je nach den Verhältnissen scharlachfarbener oder schwarzbezogener Mütze. Freund Engelbert stellte sich nur strichweise ein; an jenem denkwürdigen Nachmittage kam er, um mir etwas Immenses von seiner Leidenschaft, von Drachen und lieblichen Waldfräulein zu berichten. Ich lauschte mit offenem Munde, nicht ahnend, was die Götter über mein schuldloses Haupt verhängt: Ein gewaltiger Aufruhr erhob sich. Ich hatte nichtnur den untadelhaften Ruf unseres Gymnasiums durch eine sittenlose Ausschreitung befleckt, ich schädigte auch den aufstrebenden Curort, wie der Mehlthau die grünen Bäume. »Wenn junge Galgenvögel die Curgäste im Walde straflos überfallen dürfen – denn bis zum Überfall war man, Dank Fräulein Antoinettens Beleuchtung des Ereignisses, gediehen, – dann werden sie der Heilquelle den Rücken kehren, und Westerode bleibt bis an's Ende aller Dinge eine Stadt mit etlichen Einwohnern und einem Gymnasium.« Als die Wogen sich legten, fand ich mich auf den Strand geworfen: Unter einem beträchtlichen Aufwand von Jüngsten-Gerichtposaunen war ich aus dem Gymnasium gestossen worden, damit nahm meine etwaige gelehrte Laufbahn ein vorzeitiges Ende. Wenn Sie ahnten, mein Fräulein, was für ein grosser Mann in der Knospe geknickt ward! Meine Mutter behauptete es, und sie musste es wissen, denn Niemand kannte mich genauer als sie. Ich erzeugtein meiner Dachkammer Schwefelwasserstoff und ähnliche Parfüms in einem Alter, wo andere Knaben einander die Stirnen voll Beulen schlagen. Wehe Liebig! prophezeite meine Mutter. Ich verwendete den Spiritus aus ihrem Schnellsieder und ihre Einmachgläser für alle Arten von Reptilien, fing Schmetterlinge, lief in der ärgsten Sonnenhitze mit einer grünen Blechbüchse herum, um Pflanzen mit Wurzeln und Erdreich auszureissen; nur Uebelwollende konnten leugnen, dass in mir die Keime zum Naturforscher lagen. Ich sammelte rostige Messer, grünspanbezogene Kupfermünzen, auf meiner Dachkammer fand eine zerschlagene Ofenfigur, der unvermeidliche Knabe mit dem Muschelkorbe, einen geehrten Platz, der künftige Archäologe war fertig. Und als ich in wilder Knabenzeit die Ruchlosigkeit beging, einer Katze den Schwanz abzuschneiden, erklärte meine Mutter, dies sei die liebste Beschäftigung aller grossen Chirurgen in ihrer Kindheit gewesen.Und nun sollte ich, ein so vielerlei versprechender Jüngling, lange Zahlenreihen addiren und meines Vaters Kunden Schnupftabak und Rosinen verkaufen. Es war herzbrechend.«

Das wohlwollend-überlegene Lächeln, mit dem Else gleich allen jungen Damen seiner Bekanntschaft ihm gegenübergesessen, war schon seit einer Weile von ihren Lippen gewichen. Sie blickte ihn an, als hätte ein geschickter Taschenspieler die dunkle, unscheinbare Gestalt verschwinden lassen und an ihrer Statt einen anderen Rudolf Müller in bengalischer Beleuchtung, mit ganz ungeahnten Tugenden und Vorzügen ausgerüstet, auf die Handbreit Raum zwischen Palmen und Azaleen hingestellt.

»Und wo blieb Ihr Freund?« fragte sie mit zusammengezogenen Brauen, eine rothe Zornwelle im reizenden Gesicht. »Wie konnte er Sie, den Unschuldigen, die Last tragen lassen! Es ist abscheulich! Ich hatte eine hohe Meinung vonihm, aber jetzt verachte ich ihn. Sobald ich nach Hause komme, verbrenne ich sein Gedicht!«

Rudolf blickte sie betreten an. Auf diese Wendung war er nicht gefasst gewesen. Dass man an einen bedeutenden Menschen denselben Massstab legen könnte, wie an gewöhnliche Muttersöhne, war ihm nicht eingefallen. »Judas Ischarioth!« flüsterte er sich zu. »Verurtheilen Sie ihn nicht!« bat er und setzte sich in seiner Rathlosigkeit zu ihr auf das Bänkchen, das wirklich nur für zwei schlanke Menschen Raum bot. »Seine Laufbahn stand auf dem Spiel, und bei ihm handelte es sich um mehr, als bei solch einem Dutzendmenschen, wie ich bin. An seinen Schöpfungen werden sich noch Tausende erfreuen, wenn von mir längst keine Spur mehr vorhanden sein wird.«

»Ich glaube nicht mehr an seine Zukunft,« versetzte Else mit der Energie einer bekehrten Heidin, die soeben ihren Thongötzen in Stücke zerschlagen hat,»ein charakterloser, schwacher Mann wird nie ein grosser Mann. Auch ist mir unverständlich, wie die Ungnade einer kleinen Stadt und selbst die Ausschliessung aus ihrer Schule seine Laufbahn zu zerstören vermocht hätte.«

»Wenn Sie sein Gemüth, das jede Widerwärtigkeit niederdrückt, und seine Verhältnisse kennten, dann würden Sie begreifen, dass es sich wirklich um seine Zukunft handelte,« erwiderte Rudolf, Angstschweiss auf der Stirn. »Weitläufige Verwandte hatten murrend und widerwillig die Schnüre ihres Beutels geöffnet, um ihn studieren zu lassen. Der Skandal, der seine Ausschliessung begleitet hätte, wäre ihnen ein willkommener Anlass gewesen, ihm ihre Unterstützung zu entziehen. Mit dieser schlossen sich vor ihm die Thore der Universität, die Grundlagen wissenschaftlicher Schulung, ohne welche sein Schaffen dilettantisch bleiben musste.«

Aber Else, statt sich zu der Höheseiner Auffassung aufzuschwingen, hielt eigensinnig an ihrer Meinung fest.

»Selbstsüchtig Ihre Zukunftspläne zu zerstören, o, es war feige, es war schlecht!«

»Mein theueres Fräulein,« rief der junge Mann und rückte so nahe an sie heran, dass die Blattpflanzen, die sich als spanische Wand zwischen ihnen und dem Nebenzimmer erhoben, als Segen der Vorsehung erschienen. »Sie fassen die Geschichte viel zu tragisch auf. Das Unglück für Menschheit, Vaterland und mich selber ist wahrlich zu ertragen, wenn statt eines mässig begabten Doctors ein an Erfolgen nicht ganz armer Kaufmann in der Welt herumläuft.«

»Davon spreche ich nicht. Glauben Sie etwa, dass ich Ihren Beruf gering schätze?« vertheidigte sich Else eifrig, »mein Papa war auch Kaufmann und lehrte mich, seinen Stand hochhalten. Vielleicht schlug Antoinettens Bosheit – ich werde ihr nächstens meine Meinung sagen! – Ihnen sogar zum Glück aus;aber das entschuldigt ihren Freund nicht. Sie müssen in ihrem heimathlichen Neste – verzeihen Sie, im Weltbad Westerode – wie der verlorene Sohn angesehen worden sein.«

»Was schadete mir das? Ich hörte Predigten von unerlaubter Länge, sah wolkenverhängte Gesichter, bekam etliche Wochen Zimmerarrest; es hat mir, wie Sie sehen, den Humor nicht verdorben.«

»Es war im Sommer, und der Wald so nahe,« sagte Else bedauernd.

»Vergessen Sie nicht, dass auf meine Dachstube erhabene Gefühle zu Besuch kamen: Ich schützte meinen Freund, siehe die Bürgschaft; ich erlitt unverschuldetes Uebel, siehe die christlichen Märtyrer; ich fiel als Opfer für das Gedeihen meiner Vaterstadt, ein – allerdings etwas passiver – Curtius. – Ihr Antheil ist mir unendlich werthvoll, werthvoller als Sie denken, doch nein, Sie wissen ohne Zweifel, dass Sie mir die Verkörperung alles Schönen, Liebenswürdigen, Begehrenswerthensind – allen Mädchen sagt es ihr Seherblick, wenn sie sich ein Männerherz unterjochten –, aber so glücklich mich Ihre Theilnahme auch macht, meine kleinen Leiden von damals verdienen sie nicht.« Er stockte; mit leiser Stimme hub er wieder an. »Der Gedanke, dass ich das Herrlichste, was mir das Leben gewähren könnte, Ihre Freundschaft, dem Ausnützen einer von mir selbst geschaffenen Gelegenheit, einer Indiscretion verdanken sollte, wäre mir unerträglich.«

Sie sah ihn mit seltsam schimmernden Augen an.

»Es ist zwar gegen alle Lehren Antoinettens, aber zuweilen überfällt mich ein förmlich krankhafter Drang, die Wahrheit herauszusagen und so mögen Sie denn nur wissen« – sie erhob sich schnell, der Walzer war längst zu Ende, ihre Tänzer traten suchend in die Thüre des Spielzimmers. Zurückgewendet sprach sie hastig, über und über erglühend, »mir ist es nicht viel anders gegangen als demglücklichen Sohne des Kiss, ich bin ausgezogen, um Kunde von einembedeutendenMann zu hören, und fand einenechtenMann. Ich bin ein Sonntagskind, wissen Sie das?«

Damit war sie entschlüpft; er blickte ihr nach und machte das närrisch beseligte Gesicht, das jeder Sterbliche nur einmal im Leben zieht.

Das Zwiegespräch unter Palmen hatte selbst für ein Tête-à-tête mit dem Freunde eines bedeutenden Mannes zu lange gedauert, um nicht Anlass zu verschiedenartigen Randbemerkungen über den Fächer hinüber zu geben. Aber die Gesellschaft gewöhnte sich durch zahlreiche Wiederholungen daran, Herrn Rudolf Müller mit Fräulein Else Friedjung in allerhand Ecken und Winkeln der Ballsäle erschöpfende, tiefe und für Fernstehende nicht allzu interessante Gespräche führen zu sehen. Man wollte bemerken, dass er dem abnehmenden Monde glich, wenn sie nicht da war und dass sich eineWolke der Verstimmung auf ihre Stirn lagerte, wenn er fehlte. Zuletzt verschwanden sie wochenlang spurlos aus ihrem Bekanntenkreise, und als die Lösung in Gestalt weisser Kärtchen erschien, bildete sie nicht einmal das bekannte Neuntagswunder. – Rudolf verdankt seine Braut eigentlich doch nur seinem bedeutenden Freunde. Als dieser dem schönen Mädchen vorgestellt wurde, erkannte er in ihr seine »unvergessliche« Jugendliebe, über deren Verlust ihn alle später besungenen Vertreterinnen edler Weiblichkeit nur scheinbar getröstet hatten. Sie war das Weib seiner Träume, das Rudolf ihm geraubt. Selbstverständlich kann ihm Niemand die Ueberzeugung nehmen, dass er eine Schlange an seinem Busen gehegt habe, schnöde missbraucht und verrathen worden sei. Rudolf Müller mag nur zusehen, wie er mit der Nachwelt, die Engelberts Tagebücher lesen wird, zurecht kommt! Ich gebe seine Sache verloren!

»Was hilft vortreffliches Beispiel, tadellose Erziehung, wenn der angeborene Hang den Menschen in den Schlamm hinabzieht!« schrie Fräulein Möller, die Vorsteherin des berühmten Damenpensionats in Dresden, roth vor Zorn, aber selbst im höchsten Affect die Gewohnheit, in Sentenzen zu sprechen, beibehaltend. »Ein hässliches Mädchen zu hüten, ist schwerer, als alle Herkulesarbeiten zusammen«, (Fräulein Müller hat übrigens noch keine probirt), »denn die Stummen wollen am meisten sprechen, und die Tauben machen die lauteste Musik.«

Das war ein Strafgericht! Der bewusste Feuerregen, der sich über Sodom undGomorrha ergoss, muss dagegen ein angenehmes Nachmittagsvergnügen gewesen sein.

Die Mädchen aus der obersten Klasse blickten schaudernd auf einen schwarzen Punkt.

Der schwarze Punkt war ich!

Ich habe niemals besondere Lust gehabt, der Urkraft (von der Professor Henkel so dunkel und gelehrt zu reden wusste, dass uns nach jedem Vortrag in der Naturkunde eine Hammerschmiede in den Köpfen arbeitete) in ihre Töpfe zu gucken, aber was sie eigentlich im Sinne gehabt, welchen Zweck sie verfolgt, als sie den erwähnten schwarzen Punkt in der obersten Klasse des Pensionats geschaffen, das möchte ich gar zu gern wissen. Sie muss keinen Zierrath beabsichtigt haben, sonst hätte sie mich mit irgend einer Eigenschaft ausgerüstet, die den Augen des Beschauers wohlgefällig erscheint, keine Säule an ihrem Bau, sonst hätte ich nicht seit meiner frühesten Kindheit das Bewusstsein vollständigerUeberflüssigkeit mit mir herumgetragen. Wenn ich heute die Augen schloss, dann wurde keine Wimper nass, keine stecknadelkopfgrosse Lücke entstand, nein, ich war zu keiner stützenden Säule bestimmt, denn ich war keinem Menschen auf Erden unentbehrlich. Halt, doch Einem! Und das bringt mich wieder in meine Klasse und in das Strafgericht zurück.

Hätte ich zärtliche Eltern gehabt, wie die anderen Mädchen, oder wäre ich hübsch und liebenswürdig gewesen, dann hätte Fräulein Möller mir eine Privatvorlesung im Allerheiligsten ihres Arbeitskabinets gehalten, und die ganze Klasse hätte sich nicht an den Weisheitssprüchen erbauen dürfen. Das Pensionat war zwar ob seiner Tugend und Sittenstrenge berühmt, aber durch die Thürritzen hatte der Klatsch doch die Kunde von Lieutenantsbriefen und darauf folgenden Thränen und Sentenzen in Fräulein Möller's Privatgemach getragen. Aber zwischen Julie von Minkwitz und mir war ein kleiner Unterschied.Als sie in die Schule eintrat, bat man um Nachsicht und Güte für das liebe Mädchen, während meine Mama nur von vulgären Neigungen sprach, die mir angeboren und streng im Zaum zu halten seien.

Meine Pflegeeltern haben viel für mich gethan, sie liessen mir eine Erziehung geben, als wäre ich wirklich eine der ihrigen und bestimmt, mit anmuthigem Flügelschlag durch ihre vornehmen Gesellschaftskreise zu schweben. Aber als ich in das berühmte Pensionat kam, hatte ich, damals noch ein halbes Kind, die Ueberzeugung, ich werde aus dem Hause entfernt, damit Robert und Lili nicht von meinen vulgären Neigungen angesteckt würden. Da diese mir angeboren waren, liessen sie sich nicht ausrotten, trotz der heilsamen Strenge, die angewendet ward. Dafür waren aber auch der ehemalige Kutscher und die ehemalige Kammerjungfer von Papa und Mama mein Vater und meine Mutter. Sie starben beide während einer Epidemie; ich kann mich ihrer kaumerinnern, denn ich zählte erst vier Jahre, als mich das unersetzliche Unglück traf. Unersetzlich – wiewohl Papa und Mama, die in kinderloser Ehe lebten und längst daran gedacht hatten, eine Waise an Kindesstatt anzunehmen, mich in ihr leeres grosses Haus nahmen. Auch an ihr Herz? Vielleicht. Ich habe nur dunkle Erinnerungen an die ersten Jahre im Hause meiner Pflegeeltern. Aber mir schwebt vor, als habe Mama mit ihren eigenen weissen, feinen Händen mich zuweilen in schöne gestickte Kleidchen gehüllt und sei am Abend, wenn sie keine Gesellschaft hatte, an mein Bett getreten, um mich ein kurzes Kindergebet zu lehren. Und Papa hob mich im Sommer, den wir stets auf seiner Besitzung an der Elbe verlebten, in die Zweige der Kirschbäume empor, damit ich mir mit meinen Kinderhänden – sie waren leider immer von ansehnlicher Grösse – die rothen Herzkirschen pflücke. Ich vermuthe, dass ich mich damals von anderen Kindern wenig unterschied. Vielleichthatten die häufigen Lobsprüche, die ich erhielt, ein gewisses kindliches Pharisäerthum in mir grossgezogen. Mit ausgesprochenem Grauen betrachtete ich den schmutzigen wilden Burschen des Pächters. Der Knabe war nur etwa fünf Jahre älter als ich und kam täglich mit zerrissenen Kleidern und zerschlagenem Gesicht nach Hause, so dass seine Mutter kläglich prophezeite: »Wenn der Junge erwachsen ist, läuft er ohne Nase in der Welt umher.«

Meine angeborenen Neigungen schlummerten noch unentdeckt in meiner Brust. Sie haben sich erst später entwickelt. Und ich kann mit Bestimmtheit angeben, wenn das geschah.

Papa und Mama waren überselig. Der Erbe, den sie nicht mehr erhofft, lag schreiend in seiner Wiege. Das ganze Haus ging auf den Zehenspitzen. Die Dienstleute hatten anderes zu thun, als sich um mich zu kümmern, die sie wohl stets im Stillen als in die Gesindestube gehörig betrachtet hatten. Es war imSommer. Hinter Papas Schlösschen zog sich der grosse Park, von einer alten Steinmauer umschlossen, hin. Daran stiess die Pächterwohnung mit den Wirthschaftsgebäuden. Im Park war es langweilig. Ich reckte mich auf den Zehen empor und klinkte ein Seitenpförtchen auf, um auf Entdeckungen auszuziehen. Ich brauchte nicht in die Ferne zu schweifen, das Gute in Gestalt eines Ententümpels lag vor mir, und Balthasar (er heisst wirklich Balthasar, möglicherweise verschärft dies sein Vergehen in Fräulein Möllers Augen) warf Steine in das grünlich schmutzige Wasser. Vor einigen Wochen hätte ich vermuthlich mein weisses Kleidchen zusammengenommen und wäre mit dem stillen Gedanken: »wohl mir, dass ich nicht bin wie dieser,« aus der vulgären Welt, in der Hühner scharrten, Gänse gackerten und Enten auf schmutzigem Tümpel schwammen, in die vornehme Abgeschlossenheit des Parks zurückgewichen; aber man liess mich nun viel allein, undich langweilte mich. Und so trat ich näher und sagte:

»Du, das kann ich auch.«

Der schmutzige Bursche starrte mich verdutzt an, aber ich imponirte ihm nicht lange, denn als ich den ersten Stein warf und er mit einem Plumps versank, ohne wie die Wurfgeschosse Balthasars über das Wasser Kreise ziehend, hinzutanzen, lachte er mich aus. Doch zeigte er mir gleich darauf die Handgriffe. Das Wasser spritzte nach jedem Wurf hoch auf, und als mich nach geraumer Zeit der Gärtner entdeckte und das verirrte Schäflein heimgeleitete, triefte ich von Nässe. Die Folge davon war ein heftiger Schnupfen, der mir die Augen thränen, die Nase aufschwellen, das ganze Gesicht, wie Papa (leise zu Mama aber von mir dennoch gehört) bemerkte, dem seines ehemaligen Kutschers ähnlich machte. Mama gerieth in Todesangst, ich könnte meine Erkältung dem »Kinde« mittheilen und so blieb ich aus ihrer und Roberts Nähe wochenlangstreng verbannt. Ich müsste lügen, wenn ich behauptete, ich hätte meine Acht besonders schwer empfunden; denn in diese Zeit fielen meine Herumstreifereien mit meinem neuen Freunde, der mich zu Haselbüschen führte und mir zeigte, wie man die Nüsse mit den Zähnen aufbiss. Seit damals war ich vulgär. Je grösser Robert wurde, desto schlimmer trat meine Erbsünde zu Tage. Ich steckte beständig mit Balthasar zusammen und wurde einmal im Kuhstall ertappt, das anderemal aus den höchsten Zweigen eines Birnbaumes herabgeholt. Balthasar war ein rührend treuer Kamerad. Das prächtige Obst, das er in Papas Garten gemaust, theilte er gewissenhaft mit mir, und (wer zweifelt noch, dass ich das vernichtende Urtheil meiner Pflegeeltern verdiente!) es schmeckte hundertmal besser in einem Winkel der Scheune, als von den Krystallschalen an der Tafel.

Mama und Papa, die meinen unpassenden Verkehr missbilligend bemerkten,hofften, der Winter werde ihm ein Ende bereiten. Unterbrochen wurde die Freundschaft, aber jedes Frühjahr knüpfte sie fester. Damals wusste ich mir keine Rechenschaft darüber zu geben, was mich zu Balthasar und seinen braven, tüchtigen Eltern hinzog, aber heute ist mir's klar, dass es nicht bloss die ererbte Vorliebe für vulgäre Gesellschaft war, sondern die Thatsache, dass ich jenseits der Gartenmauer etwas galt und gut gelitten war, während ich dieseits kalt übersehen oder getadelt wurde. Allerdings als zwei Jahre nach Robert die kleine zarte Lilli zur Welt kam, besserte man nicht mehr an mir herum und liess mich treiben, was mir gefiel, bis ich alle Grenzen des Erlaubten überstieg. Ich zählte vierzehn Jahre und sollte bei Lilli's Gouvernante die Lücken in meiner Bildung ausfüllen. Statt dessen lief ich tagaus tagein zur Pächtersfrau hinüber. Sie war einsam; ihr Abgott Balthasar befand sich auf einer landwirthschaftlichen Schule. Ich ging ihr in Kücheund Maierei zur Hand, butterte, streute dem Geflügel das Futter, knetete und buck ordinäres schwarzes Brod. Wurde ich entdeckt, dann sah ich ein, dass mein Vergehen zum Himmel schrie. Ueberhaupt war ich in Gegenwart von Papa, Mama, Robert und Lilli meist in so bussfertiger, zerknirschter Armensündenstimmung, dass es mich gar nicht Wunder nahm, wenn mich alle für feige, unaufrichtig, lakaienhaft hielten. Die geringschätzigen Bemerkungen, die kalten Blicke daheim drückten mein Selbstgefühl herab, ich begann, mich für einen dunkeln Flecken auf dem sonnigen Familienbilde zu halten, für eine Art von Schlagschatten, der die Vortrefflichkeit und feine Ausführung der anderen Schöpfungswerke gebührend hervorhob, sich aber nichtsdestoweniger ziemlich überflüssig dünkte. Die Andern mochten dasselbe finden; ich wurde Fräulein Möller ausgeliefert. Sie sollte den letzten Versuch machen, mein ererbtes Uebel zu kuriren. Seit zwei Jahren binich nicht einmal in den Ferien nach Hause gekommen. In der ersten Sommervacanz, während ich mit meinem baumlangen Kameraden Pflanzen und Steine suchte, kam Miss Burton, Lilli's Gouvernante, auf die Idee, ein geheimes Einverständniss bestehe zwischen mir und dem lieben, langen, unbeholfenen Jungen. Und so erfloss das Verbot meiner Heimkehr, und während die anderen Mädchen in die Berge, an die See in den Sonnenschein hinauszogen, sass ich wie ein Sträfling hinter den Mauern des verstaubten Pensionsgartens. Nächstes Jahr durfte ich wohl Papa und Mama besuchen, denn (ich konnte meine Thränen nicht zurückhalten, wiewohl die ganze Klasse mich spöttisch betrachtete) Balthasar sollte nicht mehr als Schlange im Paradies lauern. Der Bruder seiner Mutter war kinderlos verstorben und hatte ihm ein hübsches Gut in Pommern hinterlassen. Er hatte es mir geschrieben und mich gefragt, wann er mich sehen könne. Mama und Papa,welchen er einen Abschiedsbesuch gemacht, hätten ihm die Bitte, mir vor seiner Abreise die Hand drücken zu dürfen, rundweg abgeschlagen. Ich dürfe meine Studien nicht unterbrechen. Du lieber Gott, als ob nicht Hopfen und Malz an meiner Wasserfarbenmalerei, meinen Chopin'schen Nocturno's und Stickereien in Seide und Chenille verloren wären.

Dieser Brief, der erste heimliche Brief in meinem achtzehnjährigen Leben, fiel einer Aufseherin in die Hände, und ich hörte Sentenzen vor der ganzen Klasse über mein unpassendes Benehmen. Zuletzt wurde mir verboten, das Haus zu verlassen. Wie ein Häuflein Unglück sass ich in meinem Zimmer und bekam zu meiner übrigen Schönheit vom Weinen rothe geschwollene Augen.

Vermuthlich verdankte ich es meiner vulgären Neigung, dass ich unter all den Gewerbsleuten der Schule warme Freunde hatte.

Meine Antwort an Balthasar hatte die Bäckerstochter bestellt, und nun warteteer ohne Zweifel in dem windschiefen Gartenhäuschen an der Mauer, in welches er sich, dank seinen früh erworbenen Kletterkünsten, leicht genug hinaufzuschwingen vermochte. Ich aber war gefangen, und wenn auch nicht in Banden, so doch durch eine gut und sicher verschlossene Thüre von der Aussenwelt getrennt, denn zu diesem äussersten Mittel hatte Fräulein Möller gegriffen, da ich mich nicht dazu verstehen wollte, meinen Verzicht auf eine Zusammenkunft mit meinem Jugendfreunde zu versprechen.

Mein Zimmer lag eine Treppe hoch, aber das Haus war niedrig, und unter meinem Fenster befanden sich ein paar kümmerliche Blumenbeete. Ich würde weich fallen. Natürlich würden die zerdrückten Blumen meinen Frevel morgen aller Welt verkünden, aber ich war in einer Stimmung, so verzweifelt und aufgeregt, dass mich keine Bedenken abhielten. Mit Balthasar ging meine glückliche Kinderzeit von mir. Ohne Abschiedliess ich den einzigen Menschen, der mich an's Herz geschlossen, nicht von dannen ziehen.

In minder verlockender Gestalt ist wohl noch nie eine junge Dame bei einer heimlichen Zusammenkunft erschienen. Die weiche, von Regen getränkte Erde des Gartens hatte sich in rührender Anhänglichkeit meinem Kleide mitgetheilt, ich hinkte, denn ich hatte mir bei dem Sprung den Fuss verstaucht, und zum Ueberfluss fing ich noch laut zu weinen an, als bei dem Schein einer Laterne, die in dem Gässchen hinter dem Gartenzaun brannte, mein Jugendfreund in dem windschiefen Gartenhäuschen vor mir auftauchte.

Er hatte mit seiner grossen, ehrlichen Rechten meine Hand gefasst und begann mir mit der Linken unbeholfen das Haar zu glätten. Und da ich dadurch nicht beruhigt ward, wollte er mich an sich ziehen. Aber ich machte mich los.

»Wir wollen nicht den geringsten Anlass zum Tadel geben. Wenn wir auchgezwungen sind, auf heimlichen Wegen zu gehen, so wollen wir uns doch benehmen, als wären Mama, Papa und Institutsvorsteherin zugegen.« Damit setzte ich mich auf die eine Seite des wackeligen Tisches und wies ihm den Platz mir gegenüber an.

»Doch wenn ich deine Hand nicht in meinen ungeschlachten Fingern halten kann, Jenni, dann weiss ich nicht recht, wie ich anfangen soll,« sagte mein langer Freund hilflos. Die freundliche Strassenlaterne fiel ihm gerade auf das Gesicht. Was für ehrliche, treue Augen er hatte und wie warm Einem um's Herz wurde, wenn man in sie hineinsah! Ich gab ihm meine Hand, und nun begann er:

»Du weisst wohl, dass ich ein Gut geerbt habe, Jenni, keine Herrschaft, aber ein ganz stattliches Bauerngut.« Dabei drückte er mir die Hand; aber da ich nicht wusste, wo er hinaus wollte (vielleicht wusste ich's auch und behielt es blos für mich), so wünschte ich ihm blos Glück.Es werde ihm gut thun für sich selber, auf seinem eigenen Grund und Boden zu arbeiten.

»Hm,« sagte er, stockte und fing mit einiger Anstrengung wieder an: »Zu solch' einer Farm gehört eine hübsche, junge Frau, Jenni.«

Das überraschte mich. Seine Mutter war ja noch so rüstig und würde ihm gewiss mit Freuden haushalten.

Aber ich wurde feuerroth, als ich diese passende Bemerkung murmelte und segnete die Strassenlaterne, in deren Schatten ich sass.

Er schüttelte den Kopf. Die Alten wollten nicht mehr wirthschaften. Sie hatten sich ein hübsches Sümmchen erspart und gedachten sich im Hause des Sohnes zur Ruhe zu setzen.

Und dann meinte er mit einem verlegenen Lachen, er wisse auch schon von einer Frau. Die Frage sei nur, ob ihr das Loos, das er ihr bieten könne, glänzend genug sei, sie habe bessere Aussichten. Aberein treueres Herz fände sie sicher niemals und wärmere Liebe auch nicht.

Dabei blickte er mich so bittend an, und in seinem Gesicht lag solch' eine Sorge wegen der glänzenden Aussichten, dass ich ein Stück Holz hätte sein müssen, um länger an mich zu halten.

»Kein glücklicheres Loos kann es geben, als an Deiner Seite, Balthasar!« rief ich.

Und da zog er mich an sein treues Herz. Am liebsten hätte er mich, wie ich ging und stand über die Gartenmauer und zu seinen Eltern getragen, um alle Förmlichkeiten abzuschneiden. Aber ich konnte ihm den Gang zu Papa und Mama nicht ersparen, wenn er ihm auch vielleicht schlimmer erschien, als der Marsch in einem Kugelregen.

Er erzählte mir später, er hätte nie längere Gesichter gesehen als die ihren, nachdem er um meine Hand anhielt und, ihrem »Nein« zuvorkommend erklärte, wir seien einig.

»Mein Gott, wir können doch unser Adoptivkind nicht mit dem Sohn unseres Pächters verheirathen,« rief Mama, »was würde die Welt dazu sagen! Es würde heissen, wir hätten sie abgeschüttelt, weil wir nun eigene Kinder haben!« Und Papa hatte mit der schneidenden Ironie, mit der er mich so oft verwundet, eingeworfen:

»Lass' die Leute die Köpfe schütteln. Wir können ihnen antworten: Art lässt nicht von Art, und eine Ente wird durch das beste Beispiel, die sorgfältigste Erziehung nicht zum Schwan!«

Und so sitze ich im Tümpel. Im Ganzen ist mein Leben gar nicht übel, und ich tauschte nicht für die Welt den Schwanenteich zurück. Wenn ich jetzt zuweilen in den Spiegel blicke und mir ein frisches, gerundetes, glückliches Gesicht entgegengrüsst, dann möchte ich schier glauben, die Urkraft habe mich Anfangs doch zum Zierrath bestimmt und sei nur auf halbem Wege stehen geblieben. Aber Balthasar, der arme, verblendete Mann,hält mich thatsächlich für etwas ganz Kostbares und trägt mich auf starken, treuen Händen durch das Leben; und das ist eigentlich mehr, als solch' ein armselig graues Entlein beanspruchen darf.

Das Schelmen-Triumvirat nannte uns zur Zeit, als wir unsern wilden Hafer säeten, die Volksstimme in unsrer Künstlerstadt. Zweien von uns, dem Genremaler Karl Schönborn und meiner Wenigkeit, that sie damit entschieden zu viel Ehre an; wir waren keine ebenbürtigen Genossen, wir waren nur die Handlanger des dritten und spielten die Rolle Sancho Pansas, der ganz deutlich sieht wohin die Tollheit seines Meisters führt, und der ihm doch durch dick und dünn folgt. Ja, Ruppert Ahlfeld war unser Meister im Ersinnen toller Possen; wehe dem Menschenkind, das er sich zur Zielscheibe erkoren! Da war vor etlichen Jahren ein Jüngling von äusserst frommerGemüthsart und tugendhaftem Wandel in unsern Bereiche aufgetaucht, den Blasengel hiessen wir ihn, wegen seines rundlichen, rosigen Gesichts und des goldblonden Gelocks, das ihm wie ein Glorienschein um den Kopf starrte; auf ihn stiess unser Anführer wie ein Fischadler auf einen fetten Karpfen nieder. Es hiess, Hugo Lichtner habe sich mit einem steinreichen Verwandten, der ihn zu seinem Erben machen wollte, entzweit, weil er um jeden Preis Stillleben malen musste. Ich bitte Sie – Stillleben! Wenn es Konradins Tod, oder Orest an der Leiche Klytemnestras, oder Judith und Holofernes gewesen wären, an welche Rupert in jugendlichem Grössenwahn beispiellos viel Farbe und Leinwand verschwendete, das hätte diesem Respeckt eingeflösst, aber sich enterben lassen, um grüne Gurken, einen Teller Trauben, ein Glas mit Goldfischen abzukonterfeien, das konnte er, der sich als Vertreter der grossen Kunst fühlte, dem armen Jungen nicht verzeihen.Für Lichtner hatte der erste April bald 365 Tage; kaum war er mit Mühe und Not einer Schlinge entronnen, dann stolperte er mit dem arglosesten, vertrauendsten Lächeln von der Welt in die zweite hinein.

»Kinder,« erklärte Rupert mit dem salbungsvollen Ton, den er zuweilen annahm, »wenn es uns gelingt, ihm die himmelblaue Binde über den Augen zu lockern, dann haben wir ein grosses Werk vollbracht und verdienen, dass auf unsern dereinstigen Grabsteinen die Worte »Wohlthäter der menschlichen Rasse« eingemeisselt werden.«

Aber unsre Bemühungen erschienen nicht von dem kleinsten Erfolg gekrönt, der Blasengel blieb leichtgläubig und arglos, als wäre er erst gestern aus den Wolken auf die sündige Erde niedergeflattert.

Einmal hatte er uns im Atelier aufgesucht, nachdem sich Professor P., unter dessen Anleitung unser Triumvirat damalsarbeitete, in sein Allerheiligstes zurückgezogen. Da ging die Thür auf, und ein kleiner, abscheulicher Seidenpintsch sprang uns kläffend an die Beine. Jeder von uns wäre mit Vergnügen bereit gewesen dem Köter einen herzhaften Fusstritt zu versetzen, allein hinter ihm raschelte ein seidenes Frauenkleid, eine wunderhübsche, junge Dame mit blitzenden Zigeuneraugen, Wangen eines Pfirsichs und einem bezaubernden Stumpfnäschen kam in das Atelier, als hätte sie der Aprilwind hereingeweht, und statt des Fusstritts bückte sich jeder herab, um den Rücken des Scheusals zu tätscheln, das uns zum Dank dafür nach den Fingern schnappte.

»Ich wünsche, den Professor zu sprechen,« sagte das Fräulein mit einem Lächeln, das selbst einen Stein erwärmt hätte, »mein Name ist Ilona Balogh, Porträtmalerin aus Pest.«

Wir wussten schon von ihr. In den paar Tagen, die sie in unsrer Stadt verweilte, hatte sie der jüngeren Künstlerschaft(vielleicht auch der älteren, doch, davon schweigt des Sängers Höflichkeit) soweit sie in ihre Nähe gerathen, durch ihre Schönheit und ihre pikanten Einfälle die Köpfe verwirrt. – Dienstbeflissen stoben wir auseinander. Rupert schob ihr den pomphaftesten der Krönungssessel hin, ich breitete dem gräulichen Vierfüssler einen kostbaren, persischen Teppich unter, Karl Schönborn pochte an des Meisters Thür, – wie ich vermuthe nicht ohne Herzklopfen, da dieser, wenn er sich zurückgezogen, eine Störung nicht allzu freundlich willkommen hiess – nur Hugo Lichtner stand wie ein gemeisselter Engel da und starrte mit verzückten Augen auf die junge Dame.

Fräulein Ilona bemerkte es – sie hätte sonst auch stockblind sein müssen – und rückte ihren Stuhl, um sich dem Bereich seiner Blicke zu entziehen; doch auch jetzt mochte sie die hypnotisirten Augen auf sich gerichtet fühlen, denn sie schürzte die Lippen wie in gutmüthigem Spott.

Ich war wüthend. War dies unsre grüne Unschuld, unser keuscher Joseph, den wir trotz aller mephistophelischen Versuchung, und trotzdem die hübsche Nanni in unsrer Künstlerkneipe sich mehr als nöthig in der Nähe des seraphischen Blondkopfs zu schaffen machte, nie zu der geringsten Aufmerksamkeit gegen das schöne Geschlecht bewegen konnten? Fräulein Balogh musste annehmen, das die Czikos auf ihrer Pussta mehr Lebensart besassen, als ihre jungen Künstlerkollegen. Ein vergnügtes Grinsen, das sich über Ruperts Gesicht zog, dämpfte meinen Aerger. Was hatte er wohl wieder ausgeheckt, um Hugo das Leben zu verleiden? Soeben war der Professor in die Thür getreten und geleitete den gut empfohlenen Gast in sein Privatkabinett.

»Habt ihr bemerkt, wie sie den Posaunenengel angesehen hat, so – ergriffen, möchte ich es nennen?« fragte Rupert. Sein Augenblinzeln, dem bei mir, dem neben ihm Stehenden, ein leiser Stossmit dem Fusse nachhalf, erleuchtete uns augenblicklich.

»Ja wohl, ja wohl, in ihren Augen lag so etwas wie eine widerstandslos schmelzende Lawine,« versetzte Schönborn, angelegentlich seinen Vollbart streichend.

»Als sie dem Professor folgte, hat sie noch einmal den Kopf sehnsüchtig nach Hugo zurückgewendet,« fügte er hinzu, um hinter meinen phantasiebegabten Genossen nicht ganz und gar zurückzubleiben.

»Glücklicher Mensch, er hat das schönste Mädchen der Stadt im Sturm erobert!« rief unser Führer.

»Nein; glaubt ihr wirklich, glaubt ihr, sie habe mich auch nur bemerkt?« fragte Hugo in naiver Freude, mit seinem erröthenden Gesicht noch mehr als sonst einem Blasengel ähnlich, der seine Posaune für einen Moment absetzt.

»Glauben?« versetzte Rupert entrüstet, »Mensch, man hat doch Augen im Kopfe! Wenn das nicht ein Fall von Liebe auf den ersten Blick ist, dann kannstdu mich für blind wie Hiob erklären.«

»Aber wie kam sie nur dazu, gerade mir, dem Unbedeutensten von euch, Aufmerksamkeit zu schenken?«

Rupert zuckte die Achsel.

»In dem elementaren Zuge von einem Herzen zum andern liegt gewöhnlich etwas Unbegreifliches,« predigte er. In seinem Munde nahmen sich die Lehren überlegener Weisheit stets ausserordentlich wirkungsvoll aus. »Aber höre mein Sohn, bilde dir nicht ein, dass du die Hände in den Schooss legen und dich wie ein vom Dach fallender Sperling auf die göttliche Vorsehung verlassen kannst. Die drinnen ist nicht die hübsche Nanni.«

»Erlaube mir die Bemerkung, dass ich es sehr geschmacklos finde, beide in einem Atem zu nennen,« warf Hugo mit ungewohnter Hitze ein.

»Ilona Balogh ist die Tochter eines romantischen Volkes, sie erwartet gewiss ein ritterliches Werben, etwas mittelalterlich troubadourmässiges,« dozierteAhlfeld. »Ulrich von Liechtenstein, natürlich etwas den veränderten Zeitläufen angepasst, ohne zerschnittene Lippe und Verkleidung als Frau Venus (letztere würde die prosaische Polizei von heute gar nicht erlauben), das dürfte das angemessene sein, du verstehst mich doch?«

Unser armer Blasengel gab sich alle Mühe, aber zuletzt schüttelte er den Kopf; er verstand ihn nicht.

»Du schickst ihr jeden Tag Blumen und Gedichte; wenn du die letzteren nicht zu stande bringst, helfen wir dir alle drei dabei; – auch giebt es immer bei den Antiquaren alte, vergessene Schmöker voll lyrischer Empfindungen, die man, ohne ertappt zu werden, abschreiben kann. – Zur Besorgung derselben an deine Dame kannst du den Sohn meiner Hauswirthin verwenden, den anstelligsten kleinen Taugenichts, der je Stiefel auf unserm Pflaster zerriss.«

Gegen den vorgeschlagenen Betrug verwahrte sich das arme Opfer unsrerRuchlosigkeit, aber mit den übrigen Vorschriften erklärte er sich einverstanden; ja er dankte seinem Mentor noch, weil dieser seiner Unerfahrenheit in Liebessachen so brüderlich zu Hilfe kam.

»Du zeigst dich ihr so oft als möglich mit deinem verführerischen Seraphslächeln und dem fascinierenden Blick, der sie vorhin so widerstandslos gefangen nahm, aber, höre mein Sohn, hüte dich, ihr durch ein Wort deine Gefühle zu verraten, bevor sie dir selbst die Erlaubniss dazu giebt.«

Dies erschien zwar bei Hugos Schüchternheit ohnehin ziemlich selbstverständlich, aber unser Freund wünschte sicher zu gehen.

»Die Frauen dieser interessanten Nation muss man sehr vorsichtig behandeln,« fuhr er mit tiefsinnigem Kopfschütteln fort. »Ein wüthend Weib und eine Ungarin« nennt sie Grillparzer in einem Athem, und er als nächster Nachbar muss sie doch gekannt haben. Ein unüberlegt-vertrauliches Wort, und wenn sie in Liebefür dich verginge, so würde sie dir doch wie eine beleidigte Königin den Rücken wenden.«

Die Wiederholung unsrer angenehmen Erfahrungen mit dem Seidenpintsch, dem seine schöne Herrin auf dem Fusse folgte, unterbrach weitere Betrachtungen. Als sie sich mit leichtem Kopfnicken von uns verabschiedete, unterliess sie es nicht, dem Blondkopf einen schalkhaften Blick zuzuwerfen, der Hugo bis unter die Haarwurzeln erröthen machte.

Lächerlicher hat sich nie ein liebeskranker Minnesänger benommen, als unser Blasengel unter dem Einfluss seiner brüderlichen Rathgeber. Rupert hatte, den günstigen Zufall ausnützend, dass das Gärtchen seiner Hauswirthin an das zu Fräulein Baloghs Wohnung gehörige stiess, Zutritt bei ihr zu erlangen gewusst, obschon sie sonst nicht viel Verkehr mit dem jungen Künstlervolk pflog. Er that dies, wie er versicherte, nur um Hugos willen, damit er ihn auf das genauesteüber ihre Liebhabereien und Antipathien zu unterrichten vermochte. Diese waren etwas veränderlich; das blonde Bärtchen, das unserm Opfer fast gleichzeitig mit seiner Liebe aufgesprosst war, musste sich die einschneidendsten Veränderungen gefallen lassen, denn einmal schwärmte Ilona für vollbärtige Germanenköpfe, das nächstemal stellte Heinrich der Vierte ihr Ideal von männlicher Schönheit vor; bald konnte nur ein Mann mit dem aufgewichsten Schnurrbart ihrer engeren Landsleute Gnade vor ihren Augen finden; dann wieder zwang Hugo eine ihrer bizarren Launen, sich mit ausrasiertem Schnurrbart und zwei fragwürdigen Kotelettes einem amerikanischen Geschäftsreisenden so ähnlich zu machen, als es einem Blasengel nur immer möglich ist. Die Kopfbedeckungen, Halsbinden und Sammtröcke, die er um jene Zeit trug, lockten zuweilen die Gassenbuben auf seine Fährte. Aber das alles waren verhältnissmässig leichte Opfer, die er seinerHerzensdame brachte; als aber das Sommerfest der Künstler herankam und sein Gesicht von süssen Wiedersehnshoffnungen zu leuchten begann, da zog ihn sein Peiniger bei Seite: »Fräulein Ilona wünscht nicht, das du mit ihr tanzest, die Leute könnten errathen, was es für ein Bewandniss mit ihrem Herzen habe.«

Und nun stand er die ganze Nacht wie ein Säulenheiliger in der Ecke und sah zu, wie sich die Geliebte mit jungen Männern – auch mit Rupert – im Tanze drehte. Allerdings blieb der Lohn für seine Enthaltsamkeit nicht aus. Eine dunkle Haarlocke, die, wenn nicht auf Ilonas, so doch auf einem andern Kopfe gewachsen, eine Schleife von der Farbe, wie sie das schöne Mädchen auf dem Feste getragen, etliche zwischen Fliesspapier gepresste Wiesenblümelein wurden von demselben zuverlässigen Liebesboten, der seine Bouquets abzuliefern hatte, in seine Hände gespielt. Dass wir drei die krampfhaftesten Zuckungen durchzumachen hatten,als wir ihn dann verklärt, als schwebe er auf Wolken, herumgehen sahen, kann uns wohl niemand verübeln. Uebrigens fühlten Karl und ich zuweilen leise Gewissensbisse. Ohne unser Schüren wäre Hugos Leidenschaft vielleicht aus Mangel an Nahrung zu einem unschädlichen Häuflein glimmender Kohlen zusammengefallen, während sie jetzt lichterloh aufbrannte. Aber unser Hauptmann mochte von einem dramatischen Abschluss mit Enthüllungen nichts hören. Er hatte selber zu tief in Ilonas schöne Augen geblickt, und nun bereitete es ihm ein boshaftes Vergnügen, die heilige Einfalt zu quälen, die sich vermass, ihre Wünsche auf denselben Gegenstand zu richten, wie Ahlfeld selber. Da verschwand unser Blasengel eines Tags spurlos aus unserm Kreise und aus der Stadt.

Wiewohl ich über die Gefühle von Strassenräubern nicht sonderlich genau unterrichtet bin, möchte ich behaupten, dass sie mit meinen und Schönborns vielVerwandtes hatten. Wir setzten voraus, Hugo habe erfahren, welche Narrenrolle wir ihn spielen liessen und sich, aus allen erträumten Himmeln gestürzt, ein Leids angethan. Selbst Rupert ging merkwürdig kleinlaut herum. Aber als nach vielen Wochen Hugo mit einem Trauerflor um den Hut wieder in der Glorie eines Vollbärtchens und mit schärfer und bestimmter umrissenen Zügen unter uns auftauchte, erwachte der alte Adam sogleich wieder in ihm, und er rief dem Eintretenden entgegen: »Landstreicher, wo hast du gesteckt? Ilona hat sich nicht wenig um dich geängstigt; kein Tag verging, an dem sie nicht wenigstens über den Gartenzaun hinüber nach dir fragte.«

»Ich wurde zu meinem todtkranken Onkel berufen und vermochte, wie ihr euch vorstellen könnt, an seinem Sterbebette nichts andres zu denken, als dass der alte Mann mir viel gutes erwies, und dass ich ihm zum Danke dafür die grösste Enttäuschung seines Lebens bereitet habe.«

»Hoffentlich wurde bei deinem Erscheinen das bewusste gemästete Kalb geschlachtet?« fragte Karl.

»Zu Festlichkeiten waren die Umstände nicht angethan; aber der verlorene Sohn wurde mit offenen Armen aufgenommen.«

»Trotz deiner Grünzeugbilder?« spottete Rupert. »Dein Onkel war viel zu nachsichtig; ich hätte es nicht über mich gebracht.«

»Die Grünzeugbilder (übrigens waren es diesmal zwei Fruchtstücke) bahnten die Aussöhnung an,« versetzte Hugo triumphierend, »sie wurden in meiner Heimath ausgestellt, und mein Onkel las im Lokalblättchen allerhand Erbauliches von einem »vielversprechenden Sohn der Vaterstadt, dem Neffen eines unsrer angesehensten Mitbürger.« Das Zureden alter Freunde that das übrige. Vor seinem Tode hat er mir sogar das Zugeständniss gemacht, dass nicht jeder von Mutter Natur so glücklich begabt sein könne, um eine Zündhölzchenfabrik mit Erfolg leiten zukönnen, und dass es auf dieser unvollkommenen Welt auch »Phantasten« (nämlich Maler, Musiker, Dichter u. s. f.) geben müsse.«

»Und so bist du vermuthlich ein herzloser Kapitalist geworden?« fragte Ahlfeld mit einem Stirnrunzeln; (er war keiner).

»Mein armer Onkel hat mich zum Erben eines sehr bedeutenden Vermögens eingesetzt,« war die Antwort.

»Was wird Fräulein Balogh dazu sagen?« warf Schönborn aus alter Gewohnheit, sie im Gespräch mit dem Blasengel unaufhörlich zu erwähnen, ein.

»Dies zu erfahren, ist, wie ich fürchte, heute schon zu spät. Ich werde morgen meinen Besuch bei ihr machen.«

Er zog seine Uhr heraus, und so mochten ihm die verblüfften Blicke entgehen, die unser in diesem Augenblick nicht gerade sehr siegreiches Triumvirat wechselte.

»Mensch, du gedenkst doch nicht selbst ihr Haus zu betreten?« stammelte Rupert,nach Atem schnappend, »willst du gegen ihr ausdrückliches Verbot handeln?«

Aber das war nicht mehr der alte Blasengel, der in unsern Händen biegsam wie weiches Wachs gewesen. Nicht, dass er uns misstraute; aber der ererbte Reichthum schien ihm eine bedeutende Sicherheit verliehen zu haben.

»Dieses Verbot kann nicht für immer Giltigkeit haben,« versetzte er, »ich muss endlich in meiner Herzenssache selber handeln; es geht nicht an, immer meine Freunde für mich eintreten zu lassen; denkt ihr nicht auch?«

Wir dachten im diesem Augenblick nichts anders, als dass eine Versenkung unter unsern Füssen eine angenehme Sache wäre.

»Es ist kein Geheimniss für euch, wie wir mit einander stehen,« sagte er roth werdend.

»Ja gewiss, aber überlege doch« –

»Ueberlegen?« er blickte Rupert befremdet an. »Solange ich ein armer Teufelwar, hielt ich es, so schwer es mir auch wurde, für meine Pflicht, abseits zu stehen. Das ist nun anders geworden, ich vermag ihr ein gesichertes, behagliches Loos zu bieten, kann ihre Wünsche, soweit sie die Annehmlichkeiten des Lebens betreffen, erfüllen;« seine Augen blickten dabei glückselig ins weite, als sähe er seine Geliebte wie eine Rose ins weichste Moos gebettet. – »Da Ilona keine herzlose Kokette ist, hoffe ich, dass sie meine ehrliche Werbung annehmen wird, die sie nach allem nur erwarten muss.«

Schönborn und mir brach der Angstschweiss aus den Poren. Wir wechselten einen rathlosen Blick; sollten wir ihm sogleich das Spiel, das wir mit ihm getrieben, enthüllen? Aber Rupert kam uns zuvor.

»Das heisst männlich gesprochen,« rief er und schlug ihm auf die Schulter, »gehe zu ihr, wirb und lass dir von ihren Lippen dein Glück verkünden; wir enthalten uns von jetzt ab jeder Einmischung.«

»Das wird die würdige Krönung unsresSpasses sein,« sagte Rupert händereibend, als sich Lichtner bald darauf verabschiedet hatte, vermuthlich um von dem Glück zu träumen, das ihm ja so sicher war. »Aus ihrem eigenen Munde soll er hören, was für ein lächerlicher Narr er gewesen ist. Ich will sie sogleich einweihen.«

Er schien Ilonas ziemlich sicher zu sein, dennoch rief ich erschrocken: »Was fällt dir ein? Wie kannst du sie darüber aufklären, welche Rolle wir sie in der Komödie spielen liessen?«

»Sei ruhig; in der Beschränkung zeigt sich euch der Meister.Ihreheimliche tiefe Liebe werde ich mit einem mystischen Schleier zu verhüllen wissen, nur von ihm soll die Rede sein. Mir ist's als hörte ich sie jetzt schon bei dem Bericht helllaut auflachen.«

»Und du meinst, sie wird ihre Mitwirkung dazu leihen, den Blasengel aus allen seinen Himmeln zu reissen?«

»Wenn ich sie bitte, gewiss.« Damit war er schon zur Thür hinaus.

»Ehe denn der Hahn kräht, wird es einen Abtrünnigen in unserm Junggesellentrio geben,« sagte Schönborn, der sich mit Vorliebe auf Weissagungen verlegt, wiewohl er das merkwürdige Unglück hat, sie nie eintreffen zu sehen, »ich wette, der arme Hugo wird morgen von der Anzeige empfangen werden: Rupert Ahlfeld, Ilona Balogh empfehlen sich als Verlobte.«

»Ich wollte, wir hätten die Geschichte hinter uns,« murrte ich verdrossen, »eigentlich haben wir uns gegen Lichtner schmählich benommen. Ich lasse mich von Rupert zu keinem dummen Streich mehr verleiten.«

Ein weiser Entschluss, den ich sehr oft fasste, aber unter dem Einfluss unsres Führers stets wieder vergass.

Als Rupert zu uns zurückkehrte, sah er zu unsrer Verwunderung alles eher denn befriedigt aus. Er schleuderte seinen Hut in eine Ecke mit der Bewegung eines Menschen, der, soll er nicht ersticken, seinem Aerger an einem unschuldigenGegenstande Luft machen muss, und warf sich mürrisch auf einen Stuhl.

»Die Weiber haben keinen Sinn für Humor,« brach er aus, »und Ilona ist in dieser Hinsicht von der Natur noch kärglicher bedacht worden, als ihre Schwestern. Glaubt ihr, sie habe die Lippen nur einmal zu einem Lächeln verzogen, als ich ihr die himmelschreienden Dummheiten ihres Troubadours schilderte?«

»Hast du ihr erzählt, dass er sich wochenlang mit Häring, Wurst und Kartoffeln vergnügt hat, damit die hübsche Nanni in unsrer Kneipe jeden Morgen die prachtvollsten, rothen Zentifolien auf ihre Kammer trage?« fragte Schönborn, der sich nicht vorstellen konnte, dass unser famoser Spass ungewürdigt blieb, und der es deshalb vorzog, das Darstellungstalent unsres Freundes anzuzweifeln.

»Du kannst dir denken, dass ich es mir nicht entgehen liess; und was für Farben ich auftrug! Stünden sie mir so für die Leinwand zu Gebote, dann würdeich Makarts Ruhm in einem halben Jahr verdunkeln. Lerne einer die Frauen aus! Statt den dummen Tropf auszulachen, schien sie Mitleid für ihn zu fühlen. Es machte mir den Eindruck, als wäre ihr seine stumme Huldigung nicht entgangen.«

»Dass wir darauf nicht verfielen!« sagte ich verblüfft, »die Stadt sprach davon, wie konnte ihr allein sein Minnedienst verborgen bleiben!«

»Und nun ärgerte es sie vermuthlich, dass die Toggenburgerei nicht so ganz spontan war. Sie gab mir ein Pröbchen ihres Pusztentemperaments, dass sich mir in der Erinnerung daran die Haare sträuben. Für solche elende Possen sei der Name eines schutzlosen Mädchens zu gut, rief sie, als sie hörte, ich habe ihn zu seinen Narrheiten mit der Vorspiegelung bestimmt, er entspreche durch dieselben ihren Wünschen. Mein Benehmen sei unritterlich, eines Gentleman unwürdig gewesen; was sie über euch, meine Gehilfen, gesagt, will ich lieber verschweigen.«

»Also will sie nichts von der Rolle wissen, die du ihr zugetheilt?« fragte ich, nicht sonderlich bekümmert; mir sagte die Pointe unsres Spasses nicht so zu, wie Rupert, der seit der Rückkehr unsers Blasengels eine seltsame Gereiztheit gegen ihn verrieth.

»Das hat sie mir zu meinem Erstaunen doch nicht abgeschlagen,« entgegnete er, »sie will ihn morgen Nachmittag empfangen und die nöthige Aufklärung geben; entweder fürchtet sie, dieselbe könne aus unsrem Munde nicht schonend genug ausfallen, oder die Freude am Komödiespielen ist, trotz allen Mitleids für ihren Getreuen denn doch in ihr erwacht.«

»Schade, dass wir der Entwicklung des Knotens nicht ungesehen beiwohnen können,« meinte Karl, »der Ring des Gyges wäre jetzt gar nicht übel.«

»Es ist noch die Frage, ob wir nicht ohne diesen zurecht kommen,« warf Rupert hin; doch selbst er wurde ein wenig verlegen. »Bei schönem Wetter hält sichFräulein Balogh meist im Garten auf und empfängt auch dort ihre Gäste.«

»Und da belauerst du sie ohne Zweifel in euerem Gartenhause an der Mauer! Höre Ahlfeld, du bist ein noch grösserer Thunichtgut, als ich vermuthet,« rief Karl bewundernd.

Wie die drei Verschworenen aus einer Operette steckten wir am nächsten Nachmittage in dem windschiefen Gartenhäuschen, dessen Dielen zu unsrem Aerger bei jeder Bewegung verrätherisch knarrten. Wir konnten das Schlachtfeld genau übersehen. Kaum zehn Schritte von uns entfernt sass Fräulein Ilona mit einer Handarbeit unter einem Kastanienbaume; sie war um einen Schatten blässer als gewöhnlich und sah für einen Aprilspass ungemein ernsthaft aus. Ueber den Kiespfad kam der Blasengel mit einem Gesicht heran, das den lieben Herrgott zu fragen schien »was kostet deine Welt?« Das Fräulein hielt wie in grosser Befangenheit die Augen auf die Arbeit gesenkt, dieRöthe, die auf ihrem Gesichte kam und ging, hätte jeden glauben machen können, ein wirklich verliebtes Mägdlein erblicke den Erkorenen ihres Herzens.

»An ihr ist eine grosse Schauspielerin verloren gegangen,« flüsterte Rupert entzückt.

»Sie spielt zu gut,« murrte ich, »sein Sturz aus der Höhe wird fürchterlich sein.«

Darüber entgingen uns die ersten Worte der Begrüssung. Das Pärlein sass nebeneinander auf einer Gartenbank. Die Sonne machte sich das Vergnügen, ihnen goldene Funken auf das Haar zu streuen, hie und da fiel tanzend ein Blatt vom Baume herab; das sah sehr hübsch und friedlich und für Maleraugen ganz anziehend aus, aber mir bereitete der Anblick keinen Genuss, denn ich – eine ins männliche übertragene Kassandra – sah das Unheil unter dem Kastanienbaum brauen.

»Ich bin glücklich, dass Sie mir diese Unterredung gewähren, Fräulein Ilona,« begann Hugo, bei weitem nicht so zaghaft,wie ich vorausgesetzt; (wir hatten es uns ja auch angelegen sein lassen, ihm durch die deutlichsten Beweise ihrer Neigung die Flügel zu steifen).

»Warum hätte ich Ihre Bitte abschlagen sollen?« erwiderte sie, »freue ich mich doch selber, Ihnen endlich meinen Dank für die schönen Blumen aussprechen zu können, mit welchen Sie mich jeden Morgen überraschten.«

Wir sahen einander starr an; – welche Idee, für Blumen zu danken, die sie nie bekommen!

»Wer hat es Ihnen verrathen, dass volle, rothe Rosen meine Lieblinge sind?«

»Ich dachte an Ihre Landsmännin, die heilige Elisabeth«, sagte er vergnügt.

»Und ich konnte zum Danke dafür, dass Sie der Fremden in Ihrer Stadt so viel anheimelnd Freundliches erwiesen, nichts für Sie thun.«

»Nichts?« fragte er vorwurfsvoll und fuhr unwillkürlich mit der Hand nach der Brusttasche, in welcher der gekaufteHaarsträhn samt Bändern und Blümelein ohne Zweifel wohlgeborgen ruhte. Mit Falkenaugen folgte sie seiner Bewegung.

»O, ich vergass; was war es nur? eine Haarlocke, eine Schleife und dergleichen, nicht wahr?«

Wir konnten von unsrem Versteck aus beobachten, wie sich dunkle Röthe über ihr Gesicht ergoss und sie die Hand in den Kleiderfalten zu einer Faust ballte. Das galt uns. Diesen Theil der Historie hatte Rupert nicht für gut befunden, ihr zu enthüllen.

»Ilona, wissen Sie, welche Deutung ich Ihren Andenken gab?«

»Ich weiss es; wenn ein Mädchen, ohne Einspruch zu erheben, sich die stumme und doch so beredte Huldigung eines Mannes gefallen lässt, wenn sie monatelang seine Blumen annimmt und ihn sogar durch kleine Liebespfänder aufmuntert, dann ist sie entweder eine Gefallsüchtige und nicht werth, dass ein Mann einen Gedanken an sie verschwende, oder –«


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