231. Was überhaupt Wirkliches, dass irgendwie Wirkliches, und was oder welcher Art das Wirkliche sei, ist weder so ausgemacht, noch so leicht auszumachen, als diejenigen, welche es lieben, die Wissenschaft vom Wirklichen als allein wirkliche Wissenschaft den „hohlen Träumen der Speculation†entgegenzusetzen, zu glauben sich anstellen oder Andere gern überreden möchten. Sofern und so lange es gewiss ist, dass der Weg zum Wirklichen für das wirkliche Vorstellen nur durch das wirklich Scheinende d. i. durch den Schein des Wirklichen führt, der Schein der Wirklichkeit für das Bewusstsein früher gegeben ist und demselben näher steht als die, wenn überhaupt vorhandene, hinter demselben stehende Wirklichkeit selbst: so lange bleibt es unbestreitbar, dass die Wissenschaft vom Wirklichen zunächst und vor allem mit dem anscheinend Wirklichen sich aus einander zu setzen hat, wenn sie nicht in Gefahr gerathen soll, blos scheinbar Wirkliches für das Wirkliche selbst, oder, was in den Ohren der Freunde der Wirklichkeit noch befremdender klingen müsste, den Schein für das einzige Wirkliche zu halten.232. Ersteres ist die Ansicht des (gemeinen empirischen) Realismus, letzteres jene des (gleichfalls empirischen, obgleich nicht eben gemeinen) Idealismus. Jener geht davon aus, dass das wirklich Scheinende das Wirkliche, dieser davon, dass der Schein eines Wirklichen das einzige Wirkliche sei. Vom Gesichtspunkt des Realismus aussinddie Dinge nicht nur,wenn, sondern sie sind auchdas,wassie zu seinscheinen; von dem Gesichtspunkt des Idealismus aus sind die Dinge, diescheinen, die einzigen, welchesind.Jener schliesst jede Möglichkeit eines Zwiespaltes zwischen Schein und Wirklichkeit aus dem Grunde aus, weil das scheinbar Wirkliche mit dem Wirklichen identisch, dieser dagegen aus dem Grund, weil ausser dem Schein kein Wirkliches vorhanden ist.233. Ersterem steht die Thatsache im Wege, dass eswirklichScheinendes gibt, dem doch keine Wirklichkeit entspricht, letzterem der Umstand, dass, wenn dem Schein kein Wirkliches gegenübersteht, es auch keinen Schein geben kann. Der Mond, der am Horizont emporsteigt, scheint wirklich grösser als derselbe Mond, wenn er im Zenith steht, ohne dass daraus folgte, dass er wirklich grösser sei. Der wirklich vorhandene Schein ist in diesem Fall eine nothwendige Täuschung, welche dadurch, dass sie nothwendig ist, nicht aufhört, Täuschung zu sein. Die scheinbare Bewegung des gestirnten Himmels um die Erde, welche der wirklichen Bewegung der Erde um ihre Axe gerade entgegengesetzt ist, ist der Schein einer Wirklichkeit, aber nicht diese selbst. Wie in den angeführten Fällen vertreten in allen sogenannten Sinnestäuschungen, denen entweder ein Anderes als das scheinbare Wirkliche (Illusionen), oder überhaupt kein Wirkliches entspricht (Hallucinationen),anscheinendedie Stelle der wirklichen Dinge, während in den sogenannten Sinnesqualitäten (Färbung, Klang, Geruch, Geschmack, Härte, Weichheit u. dgl.) anscheinende Eigenschaften, die ihren Grund nur in der Beschaffenheit des wahrnehmenden Sinnesorgans, die Stelle wirklicher Eigenschaften vertreten, die ihren Grund in der Zusammensetzung, inneren und äusseren Structur, oder in der Beschaffenheit der Oberfläche der Körper selbst haben. So ist die Farbe, die dem gemeinen Realismus als eine wirkliche Eigenschaft der Körper gilt, in Wahrheit nur eine scheinbare Eigenschaft derselben, weil sie denselben nur insofern und nur unter der Voraussetzung zukommt, inwiefern und dass ein sehendes Auge vorhanden sei, welches den Eindruck des von der Oberfläche des Körpers reflectirten Lichts auf der empfindlichen Netzhaut empfängt und in Empfindung der Farbe verwandelt. So ist der Klang, der nach derselben Anschauungsweise zu den realen Eigenschaften des tönenden Körpers gehört, nichts weiter, als die in Folge innerer oder äusserer Erschütterung der kleinsten Theile desselben hervorgebrachte periodische Wellenbewegung der atmosphärischen Luft, welche dem Hörnerven sich mittheilt und im Centralorgan des empfindlichen Nervensystems in die Sprache des Bewusstseins, in dem Reiz heterogene aber correspondirendeEmpfindung, aus Gehörreiz in Gehörsempfindung sich umsetzt. Ohne Augen, lässt sich sagen, wäre das All der Dinge dunkel, ohne Gehörsorgan stumm. Sämmtliche sogenannte wirkliche Eigenschaften, welche der Körperwelt Sinnlichkeit, sichtbare Gestalt für das Auge, hörbaren Reiz für das Ohr und entsprechende Wahrnehmbarkeit für die übrigen Sinnesorgane verleihen, werden denselben viel mehr von dem aufnehmenden mit Sinnesorganen ausgerüsteten Träger des Bewusstseins aufgeprägt, als diesem von jenem übermittelt, und verdienen daher mit weit grösserem Recht anscheinende d. h. den Dingen nur scheinbar anhaftende, in Wirklichkeit denselben nur angedichtete Eigenschaften zu heissen.234. Folgt aus obiger Betrachtung, dass nicht alleswirklichScheinende wirklich, so folgt daraus doch nicht, dass derScheindes Wirklichen das einzige Wirkliche sei. Jene Erwägung begründet den Unterschied eines scheinbar Wirklichen, dem Wirkliches, und eines ebensolchen, dem kein Wirkliches entspricht; letztere Behauptung möchte denselben verwischen und alles wirklich Scheinende in blossen Schein eines Wirklichen, somit das Wirkliche selbst in ein Unwirkliches verwandeln. Dieselbe geht von der Ansicht aus, dass, was nicht im Bewusstsein gegenwärtig, auch nicht für dasselbe vorhanden sei; dass aber, weil das im Bewusstsein vorhandene nichts anderes sein kann als Bewusstseinsvorgang, auch das für dasselbe Vorhandene ausschliesslich Bewusstseinsvorgänge sein können. Da nun, was im Bewusstsein (also als Vorstellung) vorhanden sein kann, nicht das Wirkliche selbst (die von der Vorstellung der Sache verschiedene Sache), sondern nur der Schein eines solchen (die als wirklich gedachte Sache d. i. der Gedanke der Sache) zu sein vermag, so könne alles für das Bewusstsein Vorhandene unmöglich das Wirkliche selbst, sondern nur dessen Schein, somit für dasselbe das einzige Wirkliche ausschliesslich der Schein eines Wirklichen sein. Statt daher hinter dem Schein ein imaginäres Wirkliches zu suchen, trachtet der Idealismus den Schein als nur scheinbar Unwirkliches, in Wahrheit als einziges Wirkliches festzuhalten, so dass, mit dem Realismus verglichen, das Verhältniss des Scheinbaren zum Wirklichen sich umkehrt, das in den Augen des Realismus Unwirkliche (der Schein, die Vorstellung, idea) für wirklich, dagegen das in dessen Augen Wirkliche (die Sache, dasjenige, was mehr als blosse Vorstellung ist, res) für unwirklich erklärt wird.235. Die Widerlegung des Realismus bestand darin, dass in dem scheinbar Wirklichen, welches derselbe seinem Grundsatz gemäss,dass zwischen dem Inhalt des wirklich Scheinenden und jenem des Wirklichen kein Unterschied bestehe, für wirklich erklärt, Fälle aufgezeigt wurden, in welchen das anscheinend Wirkliche unmöglich für wirklich genommen werden konnte. Die Widerlegung des Idealismus, wenn sie denselben Weg einschlüge und in dem Inhalt des Scheins, den der letztere für das einzig Wirkliche erklärt, Widersprüche nachwiese, hätte damit nur dargethan, dass sich im Schein, also im Unwirklichen, keineswegs aber, dass sich im Wirklichen, also in dem, was mehr ist als Schein, Widersprüche vorfinden. Die bekannten Antinomien, welche Kant in Bezug auf die Möglichkeit aufstellt, dass die Welt Grenzen im Raum und einen Anfang in der Zeit, aber auch, dass sie keine Grenzen im Raume und keinen Anfang in der Zeit habe, stammen daher, weil die eine wie die andere beider einander ausschliessender Behauptungen einem Gegenstande gilt, welcher als solcher nicht der realen, sondern der Scheinwelt angehört, von einem solchen aber sich gleichzeitig einander Ausschliessendes behaupten lässt, ohne dadurch mit der Natur des Scheines, der ja als solcher ein Unwirkliches ist, also das Widersprechende erträgt, in Widerstreit zu gerathen.236. Die Widerlegung des Idealismus, wenn überhaupt möglich, muss auf anderem Wege gesucht werden. Kann dieselbe nicht aus dem Umstande geschöpft werden, dass der Inhalt des Scheines in seinen Bestandtheilen sich unter sich selbst, so kann sie vielleicht ihren Ausgangspunkt nehmen von der Betrachtung, dass der Begriff eines Scheines, der neben sich selbst kein Wirkliches zulässt, sich selbst widerspricht. Da nun ein Scheinen undenkbar ist ohne ein Etwas, welches scheint (objectiver Schein) oder ein Etwas, welchem es scheint (subjectiver Schein) vorauszusetzen, so muss entweder dasjenige, welches scheint (das Object) und dasjenige, welchem scheint (das Subject) abermals Schein und als solcher eines weiteren, sei es Objects, sei es Subjects des Scheinens bedürftig sein, welcher Regressus sich sofort in infinitum wiederholt, oder es muss, sei es das Object, sei es das Subject, näher oder entfernter etwas anderes als Schein d. i. ein Wirkliches sein, womit die Behauptung des Idealismus, dass Schein daseinzigeWirkliche sei, sich von selbst aufhebt.237. Allerdings nur unter der Annahme, dass das nach den Gesetzen des Denkens Undenkbare unmöglich d. h. dass das nach den Gesetzen des Denkens nicht als wirklich Denkbare auch nicht wirklich sei. Folgt aus der Natur des Denkens zwar, dass derDenkende einen gewissen Denkinhalt mit Nothwendigkeit denken müsse, so folgt daraus keineswegs, dass der Seinsinhalt mit diesem nothwendigen Inhalt des Denkens eins sein müsse. So lange es kein Mittel gibt, den Inhalt des Seins mit dem Inhalt des Denkens zu vergleichen, um denjenigen Denkinhalt, der mit dem Seinsinhalt als congruent sich herausstellt, als Wissen zu fixiren (und dass es kein solches gibt, hat die Betrachtung der logischen Ideen zur Evidenz gebracht), so lange bleibt die Möglichkeit offen, dass die Dinge in der Wirklichkeit sich anders verhalten, als die Gesetze des Denkens letzteres nöthigen, das Verhalten derselben mit Nothwendigkeit zu denken d. h. dass der unvermeidliche und durch die Gesetze des Denkens demselben aufgenöthigte Denkinhalt des Denkens und der um seiner Unzugänglichkeit willen stets unbekannt bleibende Inhalt des Seins unter einander nicht übereinstimmen, ja vielleicht, was weder wahrscheinlich, noch unwahrscheinlich, sondern eben nur möglich ist, sich unter einander sogar widersprechen.238. Erst ein späterer Anlass wird Gelegenheit bieten, von der aus obiger Betrachtung fliessenden Einschränkung Gebrauch zu machen. Aus der Widerlegung des Realismus folgt, dass die Wissenschaft des Wirklichen, wenn sie nur Wirkliches besitzen will, aus dem wirklich Scheinenden alles dasjenige ausscheiden muss, was nur den Schein der Wirklichkeit hat. Aus der Widerlegung des Idealismus folgt, dass der „Traum der Speculationâ€, wenn er aufhören soll, „Traum†zu sein, zu dem Schein, der ihm zufolge das einzige Wirkliche ist, ein Wirkliches, sei es im subjectiven Sinne, als Träger des Scheins, sei es im objectiven Sinne, als Ursache des Scheins, hinzufügen muss. Erstere Operation, durch welche imwirklichScheinenden der Schein des Wirklichen vom Wirklichen gesondert wird, ist eine kritische, letztere, durch welche zu dem ursprünglich allein vorhandenen Schein des Wirklichen ein Wirkliches hinzugethan wird, ist eine ergänzende. Jene führt in daswirklichScheinendenebender Betrachtung des Wirklichen, welches scheint (des Objects), die Betrachtung eines anderen Wirklichen ein, welchem es scheint (des Subjects); diese geht von der Betrachtung des ihrer ursprünglichen Ansicht nach allein wirklichen Scheins zu dessen Erklärung, sei esauseinem Wirklichen (dem Subject) oderdurchein Wirkliches (Object) fort.239. Die Einführung des Subjects, welchem das Wirkliche scheint, um aus dem Zusammenwirken beider, des Objects, welches scheint, und des Subjects, dem es scheint, das wirklich Scheinendeals deren Product begreiflich zu machen, bedeutet die Einfügung eines idealistischen Elements in die realistische Betrachtung. Die Hinzufügung eines Wirklichen, sei es als Träger (Subject), sei es als Ursache (Object) des Scheins zu diesem selbst, um, sei es durch jenen, sei es durch diese, dessen Schein der Wirklichkeit begreiflich zu machen, bedeutet die Einführung eines realistischen Elements in die idealistische Betrachtungsweise. Durch die allmälige Ausbreitung des ersteren im Realismus wird dieser dem Idealismus, durch die allmälige Vertiefung des letzteren im Idealismus wird dieser dem Realismus näher gebracht. Der gemeine oder empirische Realismus nimmt in Folge kritischer d. i. philosophisch sichtender Behandlung idealistischen, der gemeine oder empirische Idealismus nimmt in Folge der ergänzenden d. i. philosophisch erklärenden Behandlung realistischen Charakter an.240. Schon der Vater des gemeinen Realismus, Bacon, hat die Bemerkung gemacht, dass das wirklich Scheinende Elemente umschliesst, welche nicht aus dem Wirklichen, sondern aus dem dasselbe wahrnehmenden und auffassenden Subjecte stammen, und, weil sie jenem als wirklich von diesem nur angedichtet sind, dieselben treffend als „Idole†(Fictionen) bezeichnet. Dass unter denselben auch solche sich vorfinden, welche, wie die von ihm sogenannten „Idola tribusâ€, dem auffassenden (menschlichen) Subject vermöge dessen Gattungscharakter angehören und daher bei sämmtlichen Individuen derselben Gattung (also zum Beispiel bei allen Menschen) zu deren Auffassung des ihnen wirklich Scheinenden in stets gleicher Weise beitragen müssen, kann als ein Vorspiel zu der von Kant nachdrücklich hervorgehobenen Betheiligung des transcendentalen (d. i. des Gattungs-) Subjects an dem Zustandekommen der Erfahrung, als des Productes zweier Factoren, eines subjectiven und eines objectiven, angesehen werden. Wie diesem zufolge „die Welt der Erscheinung†d. i. das wirklich Scheinende zwar der „Materie†d. i. dem Stoffe nach aus dem Object, welches scheint, der „Form†nach jedoch aus dem transcendentalen Subjecte stammt, dem es scheint, so setzt sich nach Bacon die Welt des wirklich Scheinenden zusammen einerseits aus demjenigen, was aus dem Wirklichen stammt (der Erfahrung), und demjenigen, was diesem von dem auffassenden Gattungssubject nur angedichtet wird (der Scheinerfahrung der „Idola tribusâ€).241. Allerdings mit dem Unterschied, dass der eine, der Realist, diese subjective Hinzuthatim wirklichScheinenden als eineVerunreinigung der Wissenschaft vom Wirklichen angesehen hat, von welcher dieselbe so bald und so gründlich als möglich befreit werden müsse, um die Erfahrung d. i. das Wirkliche rein zu erhalten, während der andere, der Idealist, gerade in dieser aus dem Gattungssubject herkommenden und daher allen auffassenden Individuen derselben Gattung in gleicher Weise eigenen subjectiven Hinzuthat im wirklich Scheinenden das Mittel erblickt hat, dieses aus einer nur individuellen in eine für alle Individuen derselben Gattung der Form nach identische Scheinwelt und dadurch aus einer nur individuell giltigen in eine allgemeine und nothwendige Erfahrung zu verwandeln. Bacon ging darauf aus, das subjective, also, vom Standpunkt des Realismus aus angesehen, idealistische Element im wirklich Scheinenden gänzlich aus demselben zu entfernen, und nur dasjenige, was in demselben nicht sowolScheineines Wirklichen, als ScheindesWirklichen ist, für Erfahrung gelten zu lassen. Aber schon dessen Nachfolger Locke hat gezeigt, dass die sogenannten secundären Eigenschaften der Körper, wie Farbe, Klang, welche jener als Schein des Wirklichen gelten liess, nur alsScheineines Wirklichen gelten dürfen d. h. nicht, wie jener glaubte, am Wirklichen wirklich vorhanden, sondern von einem anderen Wirklichen, dem auffassenden Subject, als scheinbare Eigenschaften den Körpern angedichtet seien. Werden dieselben, als blosser Schein eines Wirklichen, aus dem wirklich Scheinenden ausgeschieden, so bleiben in diesem als Schein des Wirklichen nur mehr die sogenannten primären Eigenschaften (wie Gestalt, Ausdehnung, Grösse) und als Kern alles wirklich Scheinenden undκατ’ á¼Î¾Î¿Ï‡Î®Î½Wirkliches das (übrigens unbekannte) Substrat des Scheins und Träger der Eigenschaften, die sogenannte Substanz, als alleiniges Object einer wirklichen Wissenschaft vom Wirklichen übrig. Das von Bacon vergebens zu verdrängen gesuchte idealistische Element hat seine Stelle im Realismus mit Gewinn zurück erobert.242. Aber auch ein skeptisches ist damit in den Vordergrund getreten. Wenn die sogenannten secundären Eigenschaften nur den Schein eines Wirklichen, aber nicht eine Erscheinung des Wirklichen darstellen, dann ist die sinnliche Erfahrung, welche dieselben als Schein des Wirklichen zeigt, eine trügerische, den Schein an die Stelle der Wirklichkeit setzende Vorstellung des Wirklichen, nicht sowol eine Erkenntniss der, als eine fortgesetzte Täuschung über die Wirklichkeit. Die nächste Folge dieser Einsicht kann keine andere sein, als dem Sinnenschein, welcher die Basis allersinnlichen Erfahrung ausmacht, und damit dieser selbst, die auf so ungewisser Grundlage sich aufbaut, mit Misstrauen entgegen zu kommen.243. Dasselbe muss sich naturgemäss in demselben Grade steigern, als sich der Umfang des idealistischen Elementes d. i. der subjectiven Hinzuthat im wirklich Scheinenden erweitert. Die Ausbreitung desselben hat zuerst Locke’s idealistischer Fortsetzer Berkeley herbeigeführt durch die Behauptung, dass die sogenannten primären Eigenschaften der Körper, welche derselbe als wirkliche ansah, nicht weniger scheinbar als die sogenannten secundären Eigenschaften, und, ebenso wie diese, Hinzuthaten des vorstellenden Subjects im wirklich Scheinenden d. i. durch das vorstellende Subject, keineswegs durch das Object des Vorgestellten hervorgebrachter Schein, also zwar Schein eines Wirklichen, aber nicht selbst Wirkliches seien. Dieselbe erreichte den höchsten Grad dadurch, dass Berkeley die weitere Bemerkung hinzufügte, dass der Körper nichts anderes als die Summe seiner Eigenschaften, die Annahme einer den Kern desselben ausmachenden Substanz als Träger der Eigenschaften eine an sich völlig überflüssige, von dem vorstellenden Subject, wenn auch nicht willkürlich, aber doch unwillkürlich gemachte grundlose Voraussetzung, die sogenannte Substanz daher eben so wol wie die sogenannten primären und secundären Eigenschaften zwar der Schein eines Wirklichen, aber eben so wenig wie diese ein Wirkliches sei. Letztere Behauptung verwandelte, da der Körper fortan nichts weiter als die Summe seiner (primären und secundären) Eigenschaften, diese aber als Summe von nicht wirklichen, sondern nur scheinbaren Eigenschaften selbst nur eine Scheinsumme sein sollte, den angeblich wirklichen Körper in blossen Schein eines Körpers, die sogenannte Welt des Wirklichen in blossen Schein einer wirklichen Welt und löste somit den gesammten Realismus in Idealismus, die gesammte Sinneswahrnehmung als Basis der sinnlichen Erfahrung in Sinnestrug, und damit jene selbst aus einem Spiegel der wirklichen Welt in die leere Vorspiegelung einer solchen auf.244. Diese äusserste mögliche Ausdehnung des idealistischen Elementes im Gebiete des Realismus musste die Ausdehnung der Skepsis auf den ganzen Umfang der sinnlichen Erfahrung zur unausbleiblichen Folge haben. Hatte der Idealismus sämmtliches wirklich Scheinende in innerlich hohlen Schein eines Wirklichen verkehrt, so musste die Aussicht auf Erkenntniss des Wirklichen auf demWege der Erfahrung sich in die trostlose Einsicht in die Unmöglichkeit einer solchen, auf Grund völligen Mangels eines Wirklichen verwandeln. Nicht nur die Bestandtheile des wirklich Scheinenden d. i. die Elemente, aus welchen die scheinbare Welt bestand, waren sofort zu blossem Schein eines Wirklichen herabgesetzt, sondern auch die Verknüpfung derselben unter einander und zu einem Ganzen konnte nur eine scheinbare, das durch dieselbe hergestellte Ganze nur dem Schein nach ein Ganzes sein d. h. die gesammte angeblich wirkliche Welt mit ihren vermeintlich wirklichen Bestandtheilen und deren vermeintlich wirklichem und wirksamem Zusammenhang unter einander (dem Causalverband) musste sich dem Auge des Denkers als eine Scheinwelt, deren Bestandtheile als elementarer Schein, deren Zusammenhang unter einander als zwar anscheinend, aber nicht wirklich vorhandener d. i. vom vorstellenden Subject in die Welt der Phänomene hineingelegter, keineswegs (wie die Erfahrung von ihren sogenannten Naturgesetzen behauptet) aus derselben herausgelesener Zusammenhang darstellen.245. Hume ist es, der diese Consequenz des Skepticismus aus dem in bodenlosen Idealismus umgewandelten Realismus seiner Vorgänger gezogen hat. Dieselbe wird nicht verbessert dadurch, dass an die Stelle des realen Zusammenhanges zwischen den Erscheinungen von ihm die subjective Gewöhnung des vorstellenden Subjectes gesetzt wird, in Folge wiederholten nach einander Auftretens gewisser Phänomene jedesmal, sobald das eine derselben (das antecedens) wiederkehrt, das andere (das consequens) zu erwarten und daher ersteres als Ursache, letzteres als Wirkung zu bezeichnen. Denn es muss einleuchten, dass zwar, wenn der eine jener Vorgänge der reale Grund, der andere die reale Folge ist, das Eintreten des ersten jedesmal jenes des zweiten nach sich ziehen muss, keineswegs aber, dass in umgekehrter Weise das (vielleicht ganz zufällige) Vorausgehen der einen, Nachfolgen der andern Erscheinung als genügender Beweis dafür gelten darf, dass die erste die Ursache der zweiten sei. Während dieAuseinanderfolgezweier Phänomene derenAufeinanderfolgenothwendig, macht deren Aufeinanderfolge den Schluss auf die Auseinanderfolge nur möglich; die Behauptung der letzteren (des Causalzusammenhanges) in Folge einer durch öfter beobachtete Succession beider Erscheinungen im Vorstellenden erzeugten Gewohnheit, beide unter einander in Verbindung stehend zu denken, kann daher niemals völlige (apodiktische), sondern höchstens sogenannte moralische (problematische)Gewissheit d. i. mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit erlangen.246. Diese Folgerung war es, welche Kant, wie er selbst sagt, „aus seinem dogmatischen Schlummer geweckt hatâ€, nicht aus dem des Wolf’schen Rationalismus, über welchen er längst hinaus, sondern aus dem des Locke-Newton’schen Empirismus, in welchem er damals (1770) noch völlig befangen war. Dass es auf dem von Hume eingeschlagenen Wege, der auch ihm als die natürliche Fortsetzung der Bahn seiner Vorgänger galt, schliesslich dahin kommen müsse, dass auch die allgemeinen Naturgesetze, durch welche der Gang der Natur und die Einheit des Weltalls zusammengehalten wird, ihre strenge und ausnahmslose Nothwendigkeit und Allgemeinheit einbüssen und sich in blosse, mehr oder weniger wahrscheinliche und mit mehr oder weniger Zuversicht ausgesprochene Vermuthungen des die Natur auffassenden und in seiner Vorstellung zusammenfassenden Subjects verkehren müssen, erschien Kant so unausweichlich, zugleich aber für ein auf Erkenntniss des Wirklichen, wie es ist, statt auf Einbildung einer blossen Scheinwelt gerichtetes Denken, wie das seinige, so unerträglich, dass er um deswillen mit dem zum Skepticismus entarteten Empirismus brach und von dem Ergebniss einer nicht nur subjectiven, sondern auch nur particulär giltigen und blos wahrscheinlichen Naturauffassung zu der sofortigen Erforschung und Feststellung der Bedingungen einer zwar gleichfalls nur subjectiven, aber schlechterdings allgemeinen und nothwendigen Erfahrung überging.247. Wie die bisherige Betrachtung das allmälige Eindringen des idealistischen Elements in den Realismus und dessen allmälige, schliesslich denselben überfluthende Ausbreitung in diesem blossgelegt hat, so legt die Entwicklungsgeschichte des Idealismus in umgekehrter Weise nicht nur das Eindringen, sondern das stetige Anwachsen des realistischen Elements im Idealismus als unvermeidlich dar. Schon dem Vater des gemeinen Idealismus, Berkeley, ist die Schwierigkeit nicht entgangen, die für denjenigen, der die gesammte wirklich scheinende Welt nur als im vorstellenden Subject vorhandenen Schein einer wirklichen Welt ansieht, aus dem Umstande erwächst, dass in den verschiedenen vorstellenden Subjecten, wenn unter denselben Uebereinstimmung und Mittheilung möglich sein soll, diese nur in ihrem jeweiligen Vorstellen existirende Scheinwelt in sämmtlichen Vorstellenden die nämliche, nach Inhalt und Form unter sich harmonirende Welt sein muss, ohne dass sich die Frage beantwortenliesse, warum, da in jedem seine eigene Welt entsteht, diese Welt in allen als die gleiche entstehen müsse. Leibnitz hat diese Frage, die sich auch ihm aufdrängen musste, weil jede „fensterlose†Monas in ihrem Innern eine „Welt als Vorstellung†enthält, mit der Berufung auf die durch Gott prästabilirte Harmonie aller Monaden und somit auch ihrer sämmtlichen, obgleich von einander unabhängigen inneren Vorstellungswelten beantwortet. Der Bischof von Cloyne, von dem es zweifelhaft ist, ob er von Leibnitz etwas wusste, sucht die Lösung des Problems, wie die vorgestellten Welten der einzelnen Vorstellenden unter einander correspondirend gedacht werden können, gleichfalls in Gott, welchen er als den Urheber der im Vorstellenden vorhandenen Vorstellungswelt und dadurch zugleich als Veranstalter der Uebereinstimmung zwischen den in den verschiedenen Vorstellenden vorhandenen Vorstellungswelten bezeichnet. Die nur als Schein eines Wirklichen im Bewusstsein vorhandene wirkliche d. i. der Schein einer wirklichen Welt, ist sonach schon bei Berkeley, dem Urheber des Idealismus, nicht das einzige Wirkliche, sondern derselbe setzt nicht nur das vorstellende Subject (den Geist), in dem er existirt d. i. dem er scheint, sondern überdies seinen Urheber, Gott, durch den er existirt d. i. der in ihm scheint, als Wirkliche voraus d. h. der Schein ist weder, wie der strenge Idealismus will, das einzige Wirkliche, noch mit jenen beiden Wirklichen, dem vorstellenden Subject einer- und der den Schein erzeugenden Gottheit andererseits verglichen, überhaupt wirklich (real), sondern nur ideal (unwirklich), während der Geist und Gott die eigentlich Wirklichen d. i. real Existirenden sind.248. Das realistische Element, das Wirkliche neben dem Schein, als einzigem Wirklichen, ist sonach schon in die ursprünglichste Gestalt des Idealismus, und zwar so von Seite des Subjects, dem er scheint (des Geistes), wie von jener des Objects, das ihm scheint (der Gottheit), eingedrungen. Von jener aus angesehen, tritt das Wirkliche auf als Träger, von dieser aus angesehen, als Ursache des im Bewusstsein schwebenden Scheins. Während aber in dieser Gestalt des mit realistischen Elementen versetzten Idealismus der Träger des Scheins sich leidend (receptiv), die Ursache des Scheins allein thätig (spontan) sich verhält, sind daneben Auffassungen denkbar, nach welchen entweder der Träger sich gleichfalls wie die Ursache thätig, oder der Träger sich thätig, aber zugleich als einzige Ursache sich verhält, während eine dritte von jener ursprünglichen nur dadurch sich unterscheidet, dass als die Ursache des Scheinsnicht ein geistiges d. i. ein solches Object, in dessen Natur es liegt, Subject d. i. vorstellendes Wesen zu sein, sondern ein seiner Qualität nach beliebiges Wirkliches betrachtet wird, dessen Beschaffenheit unbekannt bleibt, dessen Existenz jedoch von derjenigen des Subjects als Träger des Scheins völlig unabhängig ist.249. Wird der Träger des Scheins d. i. das vorstellende Subject ebenso wie die Ursache des Scheins d. i. das vorgestellte Object als thätig d. i. jedes derselben als wirklich d. i. wirkend betrachtet, so stellt der im Bewusstsein schwebende Schein eines Wirklichen, die scheinbar wirkliche Welt (die Welt als Phänomenon), ein Product aus zwei Factoren, dem Subject des Vorstellens und dem Object der Vorstellung, dar, dessen Beschaffenheit sonach als solches von der Beschaffenheit seiner Factoren als solcher nothwendig abhängen muss. In dem Einfluss des Subjects auf die Beschaffenheit dieses Products besteht die Herrschaft des idealistischen, in dem Einfluss des Objects auf dieselbe jene des realistischen Elements in der phänomenalen Welt. Je nachdem jener Einfluss zur Vorherrschaft des einen oder des andern wird, nimmt diese Scheinwelt selbst vorwiegend idealistischen, auf die Seite blossen Scheines der Wirklichkeit, oder realistischen, auf die Seite der Wirklichkeit selbst hindeutenden Charakter an.250. Der Einfluss des realistischen Objects auf das Zustandekommen der phänomenalen Welt im Bewusstsein ist der geringste, wenn dasselbe als Wirkliches durch seine Thätigkeit nichts weiter bewirkt, als dass überhaupt Schein, der als Material zum Aufbau einer phänomenalen Welt durch das vorstellende Subject verwendet werden kann, im Bewusstsein vorhanden ist. Dieser Fall tritt in jener Gestalt zu Tage, welche Kant dem Idealismus gegeben hat, und die Rolle, die das Object in obiger Darstellung spielt, ist die nämliche, die Kant seinem „Ding an sich†zugewiesen hat. Dasselbe hat ihm zufolge keine andere Bestimmung, als die Existenz, keineswegs aber die Qualität des im Bewusstsein schwebenden Scheins eines Wirklichen begreiflich zu machen.Dassein Wirkliches ausser und neben dem vorstellenden Subjecte sei, wird durch die Thatsache der Existenz des Scheins eines solchen im Bewusstsein unzweifelhaft gemacht.Wasdas Wirkliche, dasnebstundausserdem vorstellenden Subjecte existirt, seiner Qualität nach sei, dagegen kann aus der Qualität des im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht ausgemacht werden, weil diese letztere lediglich von der Qualität des vorstellenden Subjects abhängig ist. Dasreale Object, „das Ding an sichâ€, ist der Grund, dass überhaupt im Bewusstsein Sinnesempfindungen (wie Gesichts-, Gehörs-, Geruchs-, Geschmacks- und Tastempfindungen)vorhanden sind; die Qualität des realen vorstellenden Subjects dagegen ist der Grund, dass im Bewusstsein geradeEmpfindungen(wie Farben, Töne, Wohlgerüche, Wohlgeschmäcke, Härte, Weichheit) vorhanden sind. Wäre das erste nicht, so entstünde überhaupt kein Schein, wäre das letztere ein anderes, als es ist, so entstünde anderer Schein. Wie die Existenz des Scheins von jener des Objects, so hängt die Qualität des Scheins von jener des Subjects ab; der im Bewusstsein wirkliche Schein in seiner qualitativen Eigenthümlichkeit ist daher nur durch das gemeinsame Zusammenwirken des Dings an sich und der specifischen Organisation des vorstellenden Subjects d. i. (wie Kant nach der alten Terminologie seiner Wolf’schen Schulung sich ausdrückte) „des Erkenntnissvermögens†erklärlich.251. Erklärlich aber auch, dass bei dieser Sachlage der jeweiligen thatsächlichen Beschaffenheit des sogenannten Erkenntnissvermögens an dem Zustandekommen und der Gestaltung der phänomenalen Welt der Löwenantheil zufallen muss. Liefert der objective Factor, das Ding an sich, nichts weiter als den Stoff, ja nicht einmal diesen selbst, sondern nur die Veranlassung, dass ein solcher, aus welchem die phänomenale Welt aufgebaut werden soll, überhaupt im Bewusstsein vorhanden ist, so muss der Grund der gesammten Form, in welcher der Stoff zum Aufbau zusammengeordnet, ja sogar der Form, in welcher derselbe zum Baue verwendet wird, gänzlich in dem subjectiven Factor d. i. in der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes d. i. in jener seines sogenannten Erkenntnissvermögens gesucht werden. Letzteres, als Baumeister der phänomenalen Welt, baut sozusagen auf eigene Hand, nicht nur nach eigenem Plan, sondern auch mit selbstgeformtem Material; das „Ding an sich†als Bauherr ist nur die Ursache, dass überhaupt gebaut wird und dass die erforderlichen Mittel zum Baue vorhanden sind.252. Der Organismus des sogenannten Erkenntnissvermögens ist es, welchen Kant seiner „Kritik der reinen Vernunft†zu Grunde gelegt und als dessen nothwendige Folgen die kritischen Ergebnisse dieser letzteren entsprungen sind. Insofern derselbe den idealistischen Factor der phänomenalen Welt repräsentirt, hat Kant seine Philosophie als Idealismus, insofern deren Ergebnisse auf die Betrachtung desselben als der Quelle der Bedingungen aller Erkenntniss gestützt sind,als Transcendentalphilosophie, und jenen Idealismus selbst (im Gegensatz zu dem gemeinen, empirischen) als transcendentalen Idealismus bezeichnet. Die Differenz seines und des empirischen Idealismus beschränkte sich jedoch nicht auf den genannten Unterschied, sondern wurzelte zugleich in der Verschiedenheit des vorstellenden Subjectes, welches den idealistischen Factor der phänomenalen Welt ausmacht, und welches im empirischen Idealismus das individuelle Einzelsubject, in dem seinen dagegen das allgemeine Gattungssubject, oder, nach Kant’s Ausdruck, das sogenannte transcendentale Subject ist. Folge davon ist, dass die Form der phänomenalen Welt, insofern dieselbe aus der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes stammt, im empirischen Idealismus nur eine individuelle, zufällige, für die Vorstellungswelt des Einzelsubjectes bestimmende, im transcendentalen Idealismus dagegen eine allgemeine und nothwendige, die Vorstellungswelt aller vorstellenden Einzelsubjecte derselben Gattung bestimmende sein muss. Durch diese Einführung der Form als einer allgemeinen und nothwendigen an der Stelle der blos zufälligen und singulären überwindet Kant den Hume’schen Skepticismus, der sich an die Sohlen des empirischen Idealismus geheftet hat, und verwandelt die phänomenale Welt d. i. die Welt der Erfahrung aus einer nur für den Einzelnen giltigen und nur zufällig (durch dessen individuelle Gewöhnung) entstandenen in eine für Alle identische und nothwendig (d. i. als unausbleibliche Folge der allen gemeinsamen Organisation des Erkenntnissvermögens) entstehende Erfahrung.253. Die beziehungsweisen Antheile des idealistischen Factors d. i. des in Allen identischen transcendentalen Subjectes einer- und des realistischen Factors d. i. des für Alle identischen (als seiner Qualität nach unbekanntes x hinter der phänomenalen Welt stehenden) Dings an sich an dem Zustandekommen einer allgemein giltigen Erfahrung sind es, welche Kant als das a priori und das a posteriori der Erfahrung bezeichnet. Zu dem letzteren gehört nach der Auffassung Kant’s nichts weiter als der sinnliche Stoff, zu welchem das „Ding an sich†den äusseren Anstoss gegeben hat; zu dem ersteren gehören sämmtliche Formen, welche demselben in aufsteigender Reihe durch die (im Sinne der alten Wolf’schen psychologischen Theorie) einander übergeordneten Stufen des sogenannten Erkenntnissvermögens, des Sinnes, des Verstandes und der Vernunft zu Theil werden sollen. Als solche betrachtete Kant bekanntlich die zwei von ihm sogenannten „reinen Anschauungsformenâ€, welche dem Sinn, die (zwölf) von ihm construirten „Urtheilsformenâ€,welche dem Verstande, und die (drei) von ihm anerkannten (Schlussformen), welche der Vernunft erb und eigen seien. Durch die Anwendung der erstgenannten, und zwar der reinen Anschauungsform des Raumes d. i. des Nebeneinander auf den durch die äusseren Sinne, der reinen Anschauungsform der Zeit d. i. des Nacheinander auf den durch den sogenannten inneren Sinn gegebenen Stoff entstehtder Scheinräumlich und zeitlich verschieden angeordneter Gruppen sinnlichen Vorstellungsmaterials, welche durch die Anwendung der reinen Urtheilsformen und der daraus deducirten Stammbegriffe (Kategorien) des Verstandes denScheinwirklicher Einzeldinge, und zwar solcher erhalten, die als Substanzen Träger von Eigenschaften, und entweder als Ursachen Urheber von anderen ihresgleichen als Wirkungen, oder selbst als Wirkungen durch andere ihresgleichen als Ursachen hervorgebracht sind. Durch die Anwendung endlich der reinen Schlussformen und der daraus abgeleiteten Ideen der Vernunft entsteht derScheinsolcher Wirklicher, die entweder (wie die Seele) das einheitliche Subject zu allen möglichen Prädicaten, oder (wie die Welt) die Totalität aller Ursachen und Wirkungen, oder (wie die Gottheit) als ens realissimum die Summe aller möglichen Prädicate darstellen.254. In dem Nachweis der Nothwendigkeit der Entstehung obiger Gattungen des wirklich Scheinenden besteht das positive, in dem gleichzeitigen Erweis, dass obige Gattungen deswirklich Scheinendennur eben so viele GattungenvomScheineines Wirklichen seien, das negative Resultat des Transcendentalidealismus. Hauptsächlich um des letzteren willen ist Kant der „alles Zermalmer†genannt worden. Es ist aber nicht zu übersehen, dass von anderer Seite aus angesehen Kant’s Philosophie dem negativen Ergebniss des Idealismus, der alles sogenannte Wirkliche in Schein auflöst, gegenüber ein sehr positives Ergebniss durch die nachdrückliche Betonung der Unentbehrlichkeit einer realen Unterlage der phänomenalen Welt in der Existenz des „Dings an sich†bietet, durch welche sich, wie Schopenhauer richtig gesehen hat, die zweite Auflage der „Kritik der reinen Vernunft†sehr merklich von der ersten, welche fast ausschliesslich der Hervorkehrung des idealistischen Factors gewidmet ist, unterscheidet. Nachdem diejenigen Wirklichen, welche Kant selbst als die eigentlichen Gegenstände der alten Metaphysik bezeichnet hat, Seele, Welt und Gott, sich unter dem Prisma der Kritik in blosse Scheinwirkliche aufgelöst haben, bleibt als Rest des Wirklichen das Ding an sich allein übrig, welches manmit Recht als den Rest der alten Metaphysik in Kant’s Philosophie, und dessen zu einem Minimum zusammengeschrumpfte Beschreibung man als den Inhalt dessen betrachten kann, was im eigentlichen Sinne des Wortes Kant’s Metaphysik heissen darf.255. Dieselbe setzt sich mit Ausnahme der Behauptung der leeren Existenz durchaus aus negativen Prädicaten zusammen. Dem Ding an sich können weder quantitative noch qualitative Bestimmungen beigelegt werden. Dasselbe kann in ersterer Hinsicht weder als Eins, noch als Vieles, in letzterer Hinsicht weder als raumlos, noch als räumlich (also auch weder als unendlich, noch als endlich, weder als ausgedehnt, noch als unausgedehnt), noch als zeitlos, oder zeitlich (also auch weder als in der Zeit entstanden, noch als ewig), noch als geistig (immateriell) oder körperlich (materiell) bezeichnet werden. Alles, was der transcendentale Idealismus von demselben weiss und auszusagen berechtigt ist, beschränkt sich darauf, zu behaupten,dasses sei, aber nicht,wases sei.256. Aber auch dies nur aus dem Grunde, weil der sinnliche Stoff als wirklicher Schein eine im Bewusstsein vorhandene Wirkung ist und daher als solche zur Ursache ein Wirkliches haben muss. Die Voraussetzung, dass jede Wirkung ihre zureichende Ursache haben müsse (das von Leibnitz sogenannte principium rationis sufficientis) gehört zu den fundamentalen Axiomen des Denkens, nach Kant insbesondere zu den dem Organismus des Erkenntnissvermögens wesentlichen Urtheilsformen des Verstandes. Aus ersterem folgt, dass sich ein Denken, für welches obiger Satz fundamentale Geltung besitzt, von einem in dieser Hinsicht anders geartet sein sollenden Denken d. i. einem solchen, für welches derselbe jene Giltigkeit nicht besässe, schlechterdings keine Vorstellung zu machen im Stande sei. Aus letzterem folgt, dass ein im Kantschen Sinn organisirtes Erkenntnissvermögen der Folgerung, dass jeder angeblichen Wirkung eine derselben genügende Ursache entsprechen müsse, schlechterdings nicht zu entrathen vermag, ohne sich selbst aufzuheben. Beides zusammen macht einleuchtend, dass die auch vom Idealismus unbestrittene Thatsache der Existenz wirklichen Scheins zu dem Schlusse führen muss, dass auch als Ursache desselben irgend ein Wirkliches existire.257. „Wie der Rauch auf die Flamme, deutet Schein auf Seinâ€; in diesen Worten Herbart’s ist obiger Schluss am prägnantesten ausgesprochen. Allerdings mit dem Seitenblick, dass dieses angedeutete Sein nicht inner-, sondern ausserhalb desjenigen Wirklichen,welches den Träger des Scheins darstellt, d. i. des vorstellenden Subjects zu suchen sein möchte. Hier ist der Punkt, wo die Nachfolger Kant’s, die, wie er, auf dem Boden des Transcendentalidealismus stehen, in die einander entgegengesetzten Richtungen eines Idealismus, der sich auf das Subject des Scheins (den idealistischen Factor) d. i. eines idealistischen, und eines solchen, der sich auf das Object des Scheins (den realistischen Factor) stützt, d. i. eines realistischen Idealismus (der im Vergleiche mit jenem auch Realismus heissen kann) aus einander gehen. Aber auch die Stelle, wo diejenigen, die nicht wie Kant auf dem Boden des transcendentalen Idealismus beharren, sondern mit Umgehung des idealistischen Factors das Wirkliche unmittelbar, weder durch einen Schluss von der Wirkung auf die Ursache, noch überhaupt durch einen Act eines wie immer gearteten Denkens, sondern auf einem von diesem gänzlich verschiedenen Wege (etwa durch das Gefühl wie Jacobi, oder durch den Willen wie Schopenhauer) ergreifen zu können glauben, sich von jenen trennen und zu einem das Denken transcendirenden (deshalb fälschlichtranscendentalgenannten) Realismus gelangt sind.258. Darin stimmen beide, der idealistische und der realistische Idealismus, mit einander überein, dass der Schein als wirklicher eine Ursache und zwar ein Wirkliches zur Ursache haben müsse; aber darin gehen sie beide aus einander, dass der erstere diese Ursache innerhalb, der andere dieselbe ausserhalb des Bewusstseins sucht. Der „Jude Kant’sâ€, Salomon Maimon, war es, der zuerst die Bemerkung machte, dass die Annahme des Dings an sich von Seite Kant’s auf einem Fehlschluss beruhe. Wenn der Satz, dass jede Wirkung eine Ursache haben müsse, wie die kritische Organisation des Erkenntnissvermögens lehrt, nichts anderes ist als eine dem vorstellenden Subject, und zwar dessen Verstande innewohnende Urtheilsform, so folgt, dass das Subject zwar niemals umhin kann, wo es eine Erscheinung als Wirkung betrachtet, eine Ursache derselben vorauszusetzen, dass aber daraus, dass das Subject durch die Natur seines Erkenntnissvermögens zu diesem Vorgang gezwungen ist, auf keine Weise gefolgert werden darf, dass eine derartige Ursache auch wirklich vorhanden sei. Wenn daher Kant aus der Existenz der Empfindungen auf die nothwendige Existenz des Dings an sich als deren Ursache schliesse, so begehe derselbe eine mit seinen eigenen Principien im Widerspruch stehende Erschleichung, indem aus den letzteren keineswegs die Existenz des Objects,sondern höchstens für das Subject die Nothwendigkeit sich ableiten lasse, ein solches vorauszusetzen. Als Fichte’s Wissenschaftslehre mit der Behauptung hervortrat, dass Kant durch die Zulassung des Dings an sich als Ursache des Stoffs der phänomenalen Welt mit sich selbst in unhaltbaren Widerspruch gerathe, war ihm jener mit der gleichen schon vorangegangen. Fichte aber war es, welcher aus obigem Selbstwiderspruch zuerst die Folgerung zog, dass die Annahme der Existenz eines Dings an sich als eines vom Träger des im Bewusstsein wirklichen Scheins unterschiedenen Wirklichen gänzlich fallen gelassen d. h. dass der realistische Factor des Transcendentalidealismus, das Object, welchesscheint, entfernt werden müsse.259. Nach dem Verschwinden des realistischen bleibt von den beiden Factoren, durch deren Zusammenwirken die phänomenale Welt des transcendentalen Idealismus entsteht, nur der idealistische Factor, nach der Entfernung des Objects,welchesscheint, von den beiden Wirklichen, deren gemeinsames Product die Welt des Bewusstseins ist, nur das Subject,welchemscheint, übrig, geht der transcendentale Idealismus in einen solchen desSubjects(subjectiver Idealismus) über. Statt zweier Wirklicher, welche die Basis des transcendentalen Idealismus bilden, hat der subjective Idealismus zu seinem Substrat ein einziges Wirkliches, welches zugleich die Rolle des idealistischen und des realistischen Factors der phänomenalen Welt übernimmt d. h. der phänomenalen Welt nicht nur (wie der erste) die Form gibt, sondern auch (wie der letztere) den erforderlichen Stoff (das sinnliche Empfindungsmaterial) selbst erzeugt. Während daher im transcendentalen Idealismus der Träger des Scheins, das wirkliche Subject, gegen die Ursache desselben, das wirkliche Object, sich leidend, letzteres gegen ersteres sich thätig verhält, stellt derselbe im subjectiven Idealismus als Träger (Subject) zugleich die Ursache (Object) des Scheins in einem identischen Wirklichen dar, verhält sich das nämliche Wirkliche zugleich als Subject leidend gegen sich selbst als Object und thätig als Object gegen sich selbst als Subject d. h. als Subject-Object. Den Anstoss, welchen im transcendentalen Idealismus das Subject vom Object empfing, um Empfindung d. i. Material der phänomenalen Welt im Bewusstsein hervortreten zu lassen, empfängt dasselbe nunmehr nicht von einem von ihm unterschiedenen Andern, sondern von sich selbst. Das von ihm unterschiedene Andere (Object), welches der transcendentale Idealismus noch als ein wirklich Anderes (d. i. als ein anderes Wirkliches) ansah, ist in den Augen des subjectivenIdealismus nur mehr ein scheinbar Anderes, in Wirklichkeit kein Anderes als das Subject, welches das erste und einzige Wirkliche zugleich ist. Dasselbe, insofern es die Rolle des wirklichen realistischen Factors, des Objects, spielt, producirt nicht blos sämmtlichen Stoff der phänomenalen Welt, sondern es schafft auch den Schein, als sei dieser Stoff durch ein Anderes als es selbst d. h. es schafft den Schein eines realen Objects, welches den Stoff der phänomenalen Welt producirt. Letzterer, als vom Subject geschaffener Schein eines von diesem unterschiedenen Objects und daher dieses selbst, ist sonach in der That nichts weiter als eine Schöpfung d. i. eine durch einen Setzungsact des Subjects entstandene und daher von diesem abhängige Setzung desselben, eine Fiction, aber nichts Wirkliches. Wird diese seine fictive Natur vorübergehend verkannt, der Schein eines Objects für dessen Wirklichkeit genommen, das scheinbare Object, als ob es ein Wirkliches wäre, dem Subject entgegengesetzt, so muss diese Täuschung, welche, weil das Subject das einzige Wirkliche ist, nur eine Selbsttäuschung des Subjects sein kann, einmal ein Ende nehmen, das scheinbare Object als blosser Schein eines Objects erkannt und das vermeintlich vom Subject unterschiedene, als von ihm unabhängig wirklich bestehendes gedachte Object als von ihm abhängiges und nur durch dessen eigene Setzung entstandenes vom Subjecte zurückgenommen werden.260. Setzung des Objects durch das Subject, Verkennung des scheinbaren Objects, indem dasselbe für wirklich gehalten wird, und Wiedererkennung des fälschlich für wirklich gehaltenen Objects als eines nur scheinbar vom Subject Verschiedenen sind die drei Momente, in welchen die innere Entwickelungsgeschichte des einzigen Wirklichen, welches der subjective Idealismus stehen gelassen hat, des Trägers des Scheins im Bewusstsein sich vollzieht. Dieselbe stellt gleichsam den Fortschritt einer dramatischen Handlung dar, in welcher das ursprünglich Geschehene durch den Schein des Gegentheils vorübergehend verdunkelt und am Schlusse aus der Verdunkelung wieder hergestellt wird. Wie in der letzteren das wirklich Geschehene vor dem Beginn d. i. ausserhalb der sichtbaren Handlung gelegen, also der Kenntniss des Zuschauers anfänglich entzogen ist, so liegt im obigen Process innerhalb des Bewusstseins das wirklich Geschehene, die Setzung des scheinbaren Objects durch das Subject, vor dem Beginn d. i. ausserhalb des erwachten Bewusstseins und bleibt auf diese Weise der Kenntniss des Subjects d. i. dessen eigenem Bewusstsein über sich selbst verborgen. Aus ersterem folgt,dass beim Beginne des Dramas die sichtbare Handlung das Gegentheil dessen zeigt, was wirklich geschehen ist; aus dem letzteren folgt, dass beim Erwachen des Bewusstseins der Inhalt desselben das Gegentheil dessen aufweist, was wirklich der Fall ist; jene stellt das Geschehene als nicht geschehen, diese stellt das vom Subject gesetzte Object als nicht gesetzt durch das Subject dar. Die schliessliche Lösung erfolgt, wie in der dramatischen Handlung durch die Aufhellung des Geschehenen, so in obigem Bewusstseinsprocess durch die Selbstaufhellung d. i. durch das Bewusstwerden des Subjects über sich selbst und seine eigene Setzung des Objects, d. i. durch das Selbstbewusstsein.261. Dieses Subject, das einzige Wirkliche und folglich Wirkende ist es, welches der Urheber der Wissenschaftslehre das „Ich†genannt und dessen in den drei auf einander folgenden Stufen der Thesis, Antithesis und Synthesis sich entwickelnde Natur derselbe als niemals rastendes Thun (d. i. unablässiges Wirken) bezeichnet hat. Dasselbe setzt im Lauf seiner Entwickelung sein eigenes Gegentheil, das Nicht-Ich, und nimmt es im Verfolge derselben als von ihm selbst gesetztes d. h. als Ich in sich wieder zurück. Der erste Theil dieses Processes, welcher sich vor dem Bewusstwerden vollzieht, stellt die bewusstlose d. i. die Naturseite (Nachtseite) der Entwickelung des Ich, der zweite Theil desselben, weil er sich bei Bewusstsein vollzieht, stellt die bewusste d. i. die Geistesseite (Tagseite) derselben und, da das Ich das einzige Wirkliche ist, jener Abschnitt zugleich die Entwickelung des Wirklichen als eines bewusstlosen d. i. als Natur, dieser jene des nämlichen Wirklichen als eines bewussten d. i. als Geist dar. Die Gliederung der gesammten Wissenschaft vom Wirklichen vom Standpunkt des subjectiven Idealismus aus in eine solche vom Ich als Natur (Naturphilosophie) und vom Ich als Geist (Geistesphilosophie), aber auch die Möglichkeit einer solchen, welche beide Seiten der Entwickelung des Ich als Entwickelungsseiten eines und des nämlichen Ich, als identisch betrachtet (Identitätsphilosophie), so wie einer weitern, welche die Betrachtung des Entwickelungsgesetzes des Ich als eines nicht nur selbst innerlich nothwendigen, sondern diese Entwickelung nothwendig fordernden, der Betrachtung des wirklichen Entwickelungsganges desselben als Natur und Geist voranstellt (Dialektik, metaphysische Logik) ist dadurch vorgezeichnet.262. Je nachdem das Ich als Wirkliches (agens), oder als blosser Infinitiv, als Wirken (agere) bestimmt, das erstere entwederals endliches oder als unendliches (absolutes) Ich aufgefasst wird, gliedert sich der Idealismus des Subjects in die drei Stufen des (im engeren Sinn sogenannten) subjectiven Idealismus (Fichte), absoluten Idealismus (Schelling) und Panlogismus (Hegel). Jener besteht darin, dass als einziges Wirkliches ein endliches Ich (das transcendentale Subject); der zweite darin, dass als einziges Wirkliches ein absolutes Ich (die Gottheit, das absolute Subject); der dritte darin, dass als einziges Wirkliches das unpersönliche Wirken und zwar, da das einzige Wirkliche des Idealismus das vorstellende (denkende) Subject ist, das unpersönliche Denken, die Vernunft angesehen wird. Die Entwickelungsgeschichte des ersten d. i. der Inhalt der gesammten Wissenschaft stellt den Bewusstseinsprocess dar, mittels dessen das endliche Ich zum Bewusstsein seiner selbst, zum Selbstbewusstsein gelangt d. i. Geist wird. Jene des zweiten macht den immanenten Entwickelungsprocess aus, mittels dessen das absolute Subject durch die vorläufigen Phasen der Natur- und der Weltgeschichte hindurch zum Bewusstsein seiner selbst d. i. zum Bewusstsein seiner Göttlichkeit, zum absoluten Bewusstsein gelangt d. i. absoluter Geist, Gott wird. („Am Ende der Weltgeschichteâ€, sagte Schelling, „wird Gott seinâ€.) Der Panlogismus endlich repräsentirt den dialektischen Process, mittels dessen die unpersönliche (objective) Vernunft (die logische Idee) durch ihr Gegentheil, das vernunftlose Sein (die Natur), hindurch zur persönlichen (subjectiven) Vernunft (zum absoluten Geiste) wird. („Aufgabe der Philosophie istâ€, sagte Hegel, „die Substanz zum Subjecte zu machenâ€.)263. Alle drei Formen des Idealismus des Subjects kommen darin überein, das Wirkliche sei, aber auch, dass nur ein Einziges wirklich sei. Wird daher dieses als einziges Wirkliches von einem Widerspruch betroffen, welcher entweder verhindert, dasselbe überhaupt anzunehmen, oder doch hindert, dasselbe als wirklich gelten zu lassen, so werden sämmtliche Formen jenes Idealismus von demselben zugleich betroffen. Derselbe ging von dem Satze aus, dass der Schluss des transcendentalen Idealismus von dem Schein als Wirkung auf ein Object als Ursache desselben ein Selbstwiderspruch sei, aus dem Grunde, weil die Folgerung von der Wirkung auf die Ursache nur eine Urtheilsform des Verstandes, und daher die Consequenz, dass der Schein im Bewusstsein eine Ursache haben müsse, zwar für den Verstand unvermeidlich, aber darum nichts weniger als (objectiv) giltig sei. Gleichwol hat diese Einsicht, wenn sie den Namen verdient, den Idealismus nicht gehindert, von der Thatsachedes im Bewusstsein schwebenden Scheins auf eine erzeugende Ursache desselben zurückzuschliessen, nur mit dem Unterschied, dass er dieselbe nichtausserhalbdes Bewusstseins (in ein Object), sondern in den Träger des Bewusstseins (in das Subject) verlegt d. h. dieses selbst zur Ursache des Scheines macht. Wenn nun, wie der Idealismus behauptet, der Schluss von der Wirkung auf eine Ursache als blosse Verstandesform überhaupt unberechtigt ist, so ist der Schluss von der Wirkung auf eine innerhalb des Bewusstseins gelegene, sogenannte innere Ursache mindestens ebenso unberechtigt, wie jener von der Wirkung auf eine ausserhalb des Bewusstseins gelegene, sogenannte äussere Ursache. Der subjective Idealismus hat daher von diesem Gesichtspunkt aus ebensowenig das Recht, das Subject als Wirkliches, wie der objective Idealismus seiner Meinung nach ein solches besitzt, ein vom Subject unterschiedenes Object als Wirkliches anzunehmen.264. Wie man sieht, hat der Idealismus des Subjects, der gewöhnlich kurzweg mit dem Namen Idealismus bezeichnet wird, in diesem Punkt dem Idealismus des Objects, kurzweg Realismus genannt, nichts vorzuwerfen. Derselbe hat nicht nur nicht mehr und nicht weniger ein Recht, als erzeugende Ursache des Scheins ein Wirkliches, er hat überdies, was bedenklicher ist, kein Recht, das von ihm angenommene Wirkliche als wirklich anzunehmen. Letztere Annahme fällt, wenn dasjenige, was als wirklich gedacht werden soll, mit einer Eigenschaft behaftet ist, welche verhindert, dasselbe als wirklich zu denken. Dieser Fall tritt aber ein, wenn dasjenige, was als wirklich gedacht werden soll, in sich einen Widerspruch einschliesst. So gewiss aus dem Umstand, dass ein als wirklich zu Denkendes keinen Widerspruch einschliesst, nur geschlossen werden kann, dass es möglich, keineswegs, dass es wirklich sei, so gewiss muss aus dem Umstand, dass ein als wirklich zu Denkendes in sich einen Widerspruch enthält, die Folgerung gezogen werden, dass dasselbe unmöglich d. i. auf keine Weise je wirklich sei. Das einzige Wirkliche des Idealismus, das Ich, nun soll in der Weise gedacht werden, dass dasselbe zugleich sein eigenes Object und sein eigenes Subject sei, den Stoff seiner phänomenalen Welt zugleich empfange und erzeuge, also zugleich gegen sich selbst als Leidendes und auf sich selbst als Thätiges sich verhalte d. h. es soll so gedacht werden, dass es zugleich seine eigene Ursache und seine eigene Wirkung (causa sui), also dass es im strengsten logischen Sinn des Wortes Entgegengesetztes d. i. sichunter einander Ausschliessendes zugleich und als jedes von beiden sein eigenes Gegentheil, um es mit einem Wort zu sagen, der lebendige Widerspruch sei. Ein solcher aber kann nicht als wirklich gedacht werden.265. Auch dann nicht, wenn die Erfahrung ihn zu bestätigen scheint. Die Thatsache, welche der Idealismus anzuführen liebt, um durch dieselbe zu erweisen, dass ein sich zugleich als Thätiges und Leidendes Verhaltendes, eine causa sui, wirklich, und daher, was auch die Logik dagegen einwenden möge, möglich sei, ist das Phänomen des Selbstbewusstseins. Dasselbe, so schliesst der Idealismus, als factisches Bewusstsein des Selbst von sich selbst, ist thatsächlich Subject und Object, Leidendes und Thätiges, Ursache und Wirkung zugleich: dasIchstellt sich vor und das Ich stelltsichvor. Als jenes ist es das Vorstellende (Subject), als dieses das Vorgestellte (Object), als beider Identität ist das Ich Vorstellendes und Vorgestelltes zugleich (Subject-Object). Durch diese unbestreitbar scheinende psychologische Thatsache, d. i. durch die Wirklichkeit eines im logischen Sinn mit einem inneren Widerspruch Behafteten ist nach der Meinung des Idealismus die Möglichkeit, ein in sich Widersprechendes als wirklich zu denken, erwiesen; der Einspruch der Logik, dass Widersprechendes nicht als wirklich gedacht werden könne, abgewiesen.266. Gegenüber dem Canon: a non posse valet conclusio ad non esse, geht der Idealismus von dementgegengesetztenaus: ab esse valet conclusio ad posse. Die Richtigkeit seiner Folgerung hängt von dem Umstande ab, ob und dass die angebliche Thatsache des Selbstbewusstseins wirklich eine Thatsache, oder, was eben so viel ist, ob und dass die Behauptung, dasIchstellesichvor, auf einer wirklichen Erfahrung oder auf einer blossen Einbildung beruhe. Die Thatsache, welche den Widerspruch zustürzenbestimmt ist, darf nicht selbst wieder auf einen Widerspruch sichstützen. Dieselbe muss, um gegen die Einrede der Logik Stand zu halten, eine selbst widerspruchsfreie, evidente, nicht nichtanzuerkennende Thatsache sein.267. Es fehlt viel, dass die sogenannte Thatsache des Selbstbewusstseins dieser Forderung genügte. Wenn, wie der Idealismus einräumt, das Phänomen des Selbstbewusstseins nichts weiteres in sich schliesst als das „Sich sich Vorstellen†(se sibi repraesentare) des Ichs, so enthält das Sich (se) abermals nichts anderes als das Ich d. h. das Sich sich Vorstellen, das Sich (se) in diesem aberdas nämliche „Sich sich Vorstellen†zum dritten, und das sich darin wiederholende Sich dasselbe zum vierten Male u. s. f., d. h. es entsteht ein regressus in infinitum. Das Ich erweist sich als eine mit der Forderung, eine unendliche Reihe vorzustellen, behaftete, demnach als eine im wirklichen Vorstellen schlechthin unvollendbare Vorstellung d. h. als eine solche, die niemals Thatsache d. i. wirkliche Vorstellung sein kann. Einer Thatsache aber, die keine sein kann, gegenüber steht der Einwand der Logik, dass in sich Widersprechendes niemals wirklich sein könne, aufrecht.268. Der Widerspruch, welcher den Idealismus ausschliesst, liegt sonach nicht darin, dass er als Ursache des im Bewusstsein schwebenden Scheins ein Wirkliches setzt, sondern darin, dass er als solche ein in sich Widersprechendes d. h. ein Wirkliches setzt, das nicht als wirklich gedacht werden darf. Indem derIdealismus des Objects, derRealismus, von dem im Bewusstsein schwebenden Schein als Wirkung auf eine denselben erzeugende Ursache schliesst, thut er nichts anderes, als, wie oben gezeigt, auch der Idealismus thut; indem derselbe als solche jedoch nicht ein in sich Widersprechendes, sondern ein solches setzt, das ohne Einsprache der Logik als wirklich gedacht werden kann, thut er wirklichanderesund besseres, als jener that. Derselbe begnügt sich weder, im Gegensatz zum Idealismus des Subjects, die Annahme des Ich als des einzigen Wirklichen abzulehnen, noch, in Uebereinstimmung mit Kant, die Unerlässlichkeit der Annahme eines übrigens in jeder Hinsicht unbekannten realen x, des von jeder denkbaren quantitativen und qualitativen Bestimmtheit entblössten „Dings an sichâ€, zuzugeben, sondern schreitet im Gegensatze zu beiden zu der eben so wol realistischen als pluralistischen Behauptung fort, dass nicht nur Wirkliches sei, sondern unbestimmt viele Wirkliche seien d. h. dass die Voraussetzung solcher auf Grundlage und zur Erklärung des thatsächlich im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht nur nicht widersprechend, sondern im Gegentheil, das Gegentheil derselben der Forderung eines logischen Denkens widersprechend sei.269. Weshalb die Annahme, es gebe Wirkliches, nicht nur nicht widersprechend, sondern vielmehr die gegentheilige Annahme, es gebe kein Wirkliches, widersprechend sei, ist schon oben gezeigt worden. Von dem „Rauche†des Scheins gilt der Schluss auf die „Flamme†des Seins. Wo nichts Wirkliches wäre, könnte auch keines scheinen; keineswegs aber gilt auch der umgekehrte Satz,dass, wo kein Wirkliches scheint, auch kein Wirkliches vorhanden sei. Denn es lässt sich sehr wol denken, dass Wirkliches sei, auch ohne zu scheinen. Die Setzung des Wirklichen auf Grundlage des vorhandenen Scheins ist eine bedingte; das Gesetztsein des Wirklichen aber ist ein durch dessen Setzung auf Grundlage des Scheins nicht bedingtes, also unbedingtes. Dasselbewirdgesetzt, weil der Schein gesetzt ist; aber eswäregesetzt, auch wenn der Schein nicht gesetzt wäre. Die Setzung desselben erfolgt nicht, wie jene des (scheinbaren) Objects im Idealismus, durch das Ich, welches setzt, sondern besteht, wie der von seinem Gedachtwerden unabhängige Denkinhalt, auch ohne Subject, welches setzt. Die Position des (scheinbaren) Objects durch das Subject (im Idealismus) ist eine relative; mit dem Subject fällt auch das Object. Die Position des Wirklichen im Realismus ist eineabsolute; dieselbe hört nicht auf, auch wenn das Subject aufhört.270. Nur die letztere Position ist wahre, die relative ist keine Position. Das eigentlich Ponirte ist in der relativen Position nicht das Gesetzte (das Object), sondern das Setzende (das Subject); die Position des Ponirten ist daher nur eine scheinbare; die wahre Position ist die des Ponirenden. Dieses allein ist wahrhaft, das von ihm Gesetzte nur dem Anschein nach wirklich; das einzige Wirkliche sonach nicht das Gesetzte, das Object, sondern das Setzende, das Subject. Soll das Object das Wirkliche d. i. nicht nur dem Schein nach, sondern in Wahrheit wirklich sein, so muss es von seiner Setzung durch das Subject unabhängig gesetzt d. h. es muss als das, was es ist, auch dann gesetzt sein, wenn weder eine Setzung desselben durch ein Subject, noch überhaupt ein von demselben unterschiedenes Subject je wirklich vorhanden ist.271. Die absolute Position ist der Ausdruck des Seins. Durch dieselbe ist das Sein, wie von jeder Setzung durch das Subject, so auch von der Setzung durch jedes, wie immer geartete Denken unabhängig. Dasselbe ist, wie Bonaparte zu Campoformio von der französischen Republik sagte: „wie die Sonne, wehe dem, der sie nicht sieht!†Dem Denken bleibt nichts übrig, als das Sein als das, was es von vornherein ist, als Sein anzuerkennen; das Sein aber als solches bedarf dieser Anerkennung durch das Denken nicht. Das Sein ist nicht, wie Schelling sagte, „vor†dem Denken, aber es bestünde auchohnedas Denken.272. Ein Denken, welches das Wirkliche nicht als absolut d. i. als von ihm unabhängig gesetzt dächte, hätte dasselbe nicht alsSein, sondern als Schein gedacht. Derselbe Grund, welcher das Denken nöthigt, ein Wirkliches zu denken, nöthigt es auch, dieses letztere als unbedingt gesetzt d. i. als seiend zu denken. Der Grund aber, der für das Denken die Annahme eines Wirklichen unvermeidlich macht, ist die Thatsache des Scheins des Wirklichen d. i. das — nicht willkürlich durch den Willen des Denkenden, sondern unwillkürlich,ohne, ja selbstwiderden Willen des Denkenden — Gegebensein des Scheins des Wirklichen. Der Inhalt dieser durch die Thatsache des Scheins des Wirklichen d. i. durch die ErfahrungbedingtenSetzung ist dasunbedingtGesetzte.273.Dassdas Wirkliche, was es auch immer sei, unbedingt gesetzt, nicht aber,wasdas Wirkliche,wenngesetzt, seinemWasnach sei, ist damit ausgesprochen. Nur so viel lässt sich folgern, dass, wie auch das Was des Wirklichen gedacht werden möge, dasselbe nicht so gedacht werden dürfe, dass dessen unbedingtes Gesetztsein dadurch unmöglich gemacht wäre. Dies aber würde der Fall sein, nicht nur wenn das Was des Wirklichen in irgend einer Weise von der Natur eines dasselbe Setzenden abhängig gedacht, sondern auch dann, wenn dasselbe durch das Gesetztsein eines Andern bedingt gedacht würde. Dasselbe darf in ersterer Hinsicht daher nicht so beschaffen gedacht werden, wie das vermeintlich Setzende (z. B. das vorstellende Subject) seiner Beschaffenheit nach ist d. h. etwa als vorstellend, weil dieses letztere vorstellt, oder als fühlend, oder wollend, weil dieses letztere fühlt und will. Es darf aber auch in letzterer Hinsicht nicht so gedacht werden, dass dessen Gesetztsein das Gesetztsein eines Anderen bedingt, also nicht als zusammengesetzt d. i. aus Theilen bestehend, weil dann dessen Gesetztsein durch das Gesetztsein jedes einzelnen dieser Theile bedingt, also nicht unbedingt wäre. Aus ersterem folgt, dass das Was des Wirklichen in keiner Weise aus dem Was etwa des vorstellenden Subjects als des vermeintlich dasselbe Setzenden erschlossen werden könne. Aus dem letzteren folgt, dass das Was des Wirklichen, weil unbedingt gesetzt, nicht zusammengesetzt d. i. nicht aus Theilen bestehend sein dürfe, sondern strengeinfachsein müsse.274. Jedes wahrhaft Wirkliche ist daher einfaches Wirkliches. Dasselbe ist nicht nur, wie das sogenannte physikalische Atom, scheinbar, sondern wirklich „atom†d. i. untheilbar; nicht blos, wie jenes, weil es mit den vorhandenen Werkzeugen nicht mehr getheilt werden kann, oder für den gegebenen Zweck nicht mehrweiter getheilt zu werden braucht, sondern, weil es schlechthin keine Theile hat. Dasselbe schliesst seiner Einfachheit halber zwar nichtjedeVielheit, aber doch jede Vielheit einander coordinirter Glieder von sich aus d. h. dasselbe ist weder ein Bündel einander nebengeordneter Eigenschaften, noch eine Summe ebensolcher sogenannter Kräfte oder Vermögen. Es kann sein Was weder verlieren noch verändern, ohne (was unmöglich ist bei einem unbedingt Gesetzten) selbst aufzuhören. Dasselbe kann daher weder qualitativ ein anderes als, noch quantitativ ein mehr oder weniger dessen werden, was es ist; dasselbe ist, sobald es ist, sowol ewig als unveränderlich; weder dessen (unbedingtes, also von jeder Bedingung unabhängiges) Gesetztsein, noch dessen einfaches, jeder Zuthat oder Abtrennung von Theilen, jedes Wachsthums wie jeder Abnahme unfähiges Was kann einen Wechsel erleiden. Die unvermeidliche Consequenz der absoluten Position und der Einfachheit des Was ist dieErhaltungdes wandellosenSelbstjedes Wirklichen.275. Im Begriffe des Wirklichen liegt, dass es Wirkendes ist d. i. wirkt d. h. dass dessen Sein und dessen einfache Qualität von dessen Wirken d. i. sich Bethätigen unabtrennlich ist. Weder ein Wirkliches, das nicht wäre, noch ein Seiendes, das nicht wirkte, wäre ein wahrhaft Wirkliches; jenes wäre nur der Schein eines Wirklichen, dieses wäre ein Todtes, also nicht Wirkliches. Die Zusammengehörigkeit beider darf nicht so gedacht werden, als wäre das Sein und die Qualität das Substrat des Wirkens d. h. als besässe das Wirkliche alsseiende, aber nichtwirkendeQualität seine besondere, alsseiende, aberwirksameQualität wieder seine abgesonderte Wirklichkeit d. h. als stellte die seiende Qualität nach Abzug des Wirkens gleichsam das Residuum, das caput mortuum des Wirklichen dar. Die unbedingt gesetzte einfache Qualität und das Wirken sind nicht nur im Begriffe des Wirklichen, sondern in diesem selbst unzertrennlich eins, so dass das Wirkliche weder gedacht werden kann, ohne dasselbe als wirkend zu denken, noch als Wirkliches sein d. h. wirklich sein kann, ohne zu wirken.276. Ebensowenig wie die absolute Position, das unbedingte d. i. bedingungslose Gesetztsein, darf das mit derselben im Wirklichen in Eins verschmolzene Wirken von einer, wie immer gearteten Bedingung abhängig gedacht werden. Weder kann dessen Beginn, noch dessen Aufhören an einen Zeitpunkt geknüpft werden, vor welchem und nach welchem zwar das unbedingt Gesetzte, aber nicht als Wirkendes, sondern als Wirkungsloses bestünde, noch darfdasselbe so verstanden werden, als setzte es einen besondern, noch weniger einen von ihm, dem Wirklichen, unterschiedenen Stoff voraus, um sich als Wirken zu bewähren. Die Frucht des mit der absolut gesetzten einfachen Qualität unauflöslich und unablösbar verbundenen Wirkens des Wirklichen ist dessen Wirklichkeit.277. Nothwendige Wirkung des mit dem Wirklichen seiner Natur nach verbundenen Wirkens ist, dass etwas geschieht. Das Gegentheil, die Annahme, dass nichts geschehe, ungeachtet gewirkt wird, widerspricht sich selbst. Denn ein Wirken ohne wie immer beschaffenen Erfolg hätte nichts bewirkt d. h. wäre kein Wirken gewesen. Nothwendige Folge der Einfachheit und Unveränderlichkeit der Qualität des Wirklichen ist, dass, was immer geschehe, weder eine Setzung, noch Aufhebung der absoluten Position eines Wirklichen, noch die, sei es quantitative, sei es qualitative Abänderung der Qualität eines Wirklichen, weder der eigenen, noch einer fremden sein kann; daher alles, was wirklich geschieht, weder die Qualität, noch das Gesetztsein des Wirklichen, sondern nur das mit demselben unablöslich verschmolzene Wirken des Wirklichen angehen kann d. h. dass alles, was wirklich in Folge des Wirkens geschieht, nur eine Aenderung (Modification) dieses Wirkens selbst, beziehungsweise dessen Zunahme oder Abnahme, Förderung oder Hemmung, Erhaltung in der bisherigen, oder Ablenkung nach einer andern Richtung bedeuten kann.278. Dass überhaupt Wirkliches ist und, was wirklich ist, wirkt, macht die realistische, dass mehr als ein einziges Wirkliches, eine unbestimmbare Menge von Wirklichen sei, die pluralistische Seite des Realismus aus. Wie das erstere aus dem Satze, dass scheinbar Wirkliches, so folgt das letztere aus der Thatsache, dass der Schein eines vielfachen Wirklichen gegeben ist. Während der Schluss dort lautet: ohne Sein kein Schein, lautet er hier: ohne Vielheit und Vielfachheit des Seins keine Vielheit und Vielfachheit des Scheins. Die entgegengesetzte Annahme, dass aus der Einheit und Einfachheit des Seins der Schein der Vielheit und Vielfachheit des Seins hervorgehe, widerspricht sich selbst. Dieselbe lässt unerklärt, warum, wenn das Erzeugende, der realistische Factor, die Ursache der Empfindung, das nämliche ist, die Wirkung derselben, die Empfindung, bald diese, bald jene sei, das „Ding an sichâ€, von welchem der Anstoss zur Empfindung ausgeht, bald eine Gesichts-, bald eine Gehörsempfindung, und wieder einmal die Empfindung des Blauen, ein anderes mal die des Rothen verursache, dabei aber selbst alsUrsache immer dasselbe bleibe. Wird an die Stelle des Dings an sich das Wirkliche d. i. eine absolut gesetzte, einfache Qualität substituirt, so erhöht sich die Schwierigkeit, zu begreifen, wie diese letztere, welche als einfach jede Vielheit coordinirter, aber unter einander qualitativ verschiedener Wirkungsweisen ausschliesst, doch zugleich Ursache qualitativ verschiedener Wirkungen d. i. z. B. qualitativ unterschiedener Empfindungen werden könne; dieselbe führt daher mit Nothwendigkeit dazu, so viele und so vielerlei qualitativ verschiedene Ursachen vorauszusetzen, als und so vielerlei qualitativ verschiedene Wirkungen gegeben sind d. h. wo die Thatsache vielfachen qualitativ unterschiedenen Scheins gegeben ist, auch die Existenz eines vielfachen und qualitativ unterschiedenen Wirklichen zu postuliren.
231. Was überhaupt Wirkliches, dass irgendwie Wirkliches, und was oder welcher Art das Wirkliche sei, ist weder so ausgemacht, noch so leicht auszumachen, als diejenigen, welche es lieben, die Wissenschaft vom Wirklichen als allein wirkliche Wissenschaft den „hohlen Träumen der Speculation†entgegenzusetzen, zu glauben sich anstellen oder Andere gern überreden möchten. Sofern und so lange es gewiss ist, dass der Weg zum Wirklichen für das wirkliche Vorstellen nur durch das wirklich Scheinende d. i. durch den Schein des Wirklichen führt, der Schein der Wirklichkeit für das Bewusstsein früher gegeben ist und demselben näher steht als die, wenn überhaupt vorhandene, hinter demselben stehende Wirklichkeit selbst: so lange bleibt es unbestreitbar, dass die Wissenschaft vom Wirklichen zunächst und vor allem mit dem anscheinend Wirklichen sich aus einander zu setzen hat, wenn sie nicht in Gefahr gerathen soll, blos scheinbar Wirkliches für das Wirkliche selbst, oder, was in den Ohren der Freunde der Wirklichkeit noch befremdender klingen müsste, den Schein für das einzige Wirkliche zu halten.232. Ersteres ist die Ansicht des (gemeinen empirischen) Realismus, letzteres jene des (gleichfalls empirischen, obgleich nicht eben gemeinen) Idealismus. Jener geht davon aus, dass das wirklich Scheinende das Wirkliche, dieser davon, dass der Schein eines Wirklichen das einzige Wirkliche sei. Vom Gesichtspunkt des Realismus aussinddie Dinge nicht nur,wenn, sondern sie sind auchdas,wassie zu seinscheinen; von dem Gesichtspunkt des Idealismus aus sind die Dinge, diescheinen, die einzigen, welchesind.Jener schliesst jede Möglichkeit eines Zwiespaltes zwischen Schein und Wirklichkeit aus dem Grunde aus, weil das scheinbar Wirkliche mit dem Wirklichen identisch, dieser dagegen aus dem Grund, weil ausser dem Schein kein Wirkliches vorhanden ist.233. Ersterem steht die Thatsache im Wege, dass eswirklichScheinendes gibt, dem doch keine Wirklichkeit entspricht, letzterem der Umstand, dass, wenn dem Schein kein Wirkliches gegenübersteht, es auch keinen Schein geben kann. Der Mond, der am Horizont emporsteigt, scheint wirklich grösser als derselbe Mond, wenn er im Zenith steht, ohne dass daraus folgte, dass er wirklich grösser sei. Der wirklich vorhandene Schein ist in diesem Fall eine nothwendige Täuschung, welche dadurch, dass sie nothwendig ist, nicht aufhört, Täuschung zu sein. Die scheinbare Bewegung des gestirnten Himmels um die Erde, welche der wirklichen Bewegung der Erde um ihre Axe gerade entgegengesetzt ist, ist der Schein einer Wirklichkeit, aber nicht diese selbst. Wie in den angeführten Fällen vertreten in allen sogenannten Sinnestäuschungen, denen entweder ein Anderes als das scheinbare Wirkliche (Illusionen), oder überhaupt kein Wirkliches entspricht (Hallucinationen),anscheinendedie Stelle der wirklichen Dinge, während in den sogenannten Sinnesqualitäten (Färbung, Klang, Geruch, Geschmack, Härte, Weichheit u. dgl.) anscheinende Eigenschaften, die ihren Grund nur in der Beschaffenheit des wahrnehmenden Sinnesorgans, die Stelle wirklicher Eigenschaften vertreten, die ihren Grund in der Zusammensetzung, inneren und äusseren Structur, oder in der Beschaffenheit der Oberfläche der Körper selbst haben. So ist die Farbe, die dem gemeinen Realismus als eine wirkliche Eigenschaft der Körper gilt, in Wahrheit nur eine scheinbare Eigenschaft derselben, weil sie denselben nur insofern und nur unter der Voraussetzung zukommt, inwiefern und dass ein sehendes Auge vorhanden sei, welches den Eindruck des von der Oberfläche des Körpers reflectirten Lichts auf der empfindlichen Netzhaut empfängt und in Empfindung der Farbe verwandelt. So ist der Klang, der nach derselben Anschauungsweise zu den realen Eigenschaften des tönenden Körpers gehört, nichts weiter, als die in Folge innerer oder äusserer Erschütterung der kleinsten Theile desselben hervorgebrachte periodische Wellenbewegung der atmosphärischen Luft, welche dem Hörnerven sich mittheilt und im Centralorgan des empfindlichen Nervensystems in die Sprache des Bewusstseins, in dem Reiz heterogene aber correspondirendeEmpfindung, aus Gehörreiz in Gehörsempfindung sich umsetzt. Ohne Augen, lässt sich sagen, wäre das All der Dinge dunkel, ohne Gehörsorgan stumm. Sämmtliche sogenannte wirkliche Eigenschaften, welche der Körperwelt Sinnlichkeit, sichtbare Gestalt für das Auge, hörbaren Reiz für das Ohr und entsprechende Wahrnehmbarkeit für die übrigen Sinnesorgane verleihen, werden denselben viel mehr von dem aufnehmenden mit Sinnesorganen ausgerüsteten Träger des Bewusstseins aufgeprägt, als diesem von jenem übermittelt, und verdienen daher mit weit grösserem Recht anscheinende d. h. den Dingen nur scheinbar anhaftende, in Wirklichkeit denselben nur angedichtete Eigenschaften zu heissen.234. Folgt aus obiger Betrachtung, dass nicht alleswirklichScheinende wirklich, so folgt daraus doch nicht, dass derScheindes Wirklichen das einzige Wirkliche sei. Jene Erwägung begründet den Unterschied eines scheinbar Wirklichen, dem Wirkliches, und eines ebensolchen, dem kein Wirkliches entspricht; letztere Behauptung möchte denselben verwischen und alles wirklich Scheinende in blossen Schein eines Wirklichen, somit das Wirkliche selbst in ein Unwirkliches verwandeln. Dieselbe geht von der Ansicht aus, dass, was nicht im Bewusstsein gegenwärtig, auch nicht für dasselbe vorhanden sei; dass aber, weil das im Bewusstsein vorhandene nichts anderes sein kann als Bewusstseinsvorgang, auch das für dasselbe Vorhandene ausschliesslich Bewusstseinsvorgänge sein können. Da nun, was im Bewusstsein (also als Vorstellung) vorhanden sein kann, nicht das Wirkliche selbst (die von der Vorstellung der Sache verschiedene Sache), sondern nur der Schein eines solchen (die als wirklich gedachte Sache d. i. der Gedanke der Sache) zu sein vermag, so könne alles für das Bewusstsein Vorhandene unmöglich das Wirkliche selbst, sondern nur dessen Schein, somit für dasselbe das einzige Wirkliche ausschliesslich der Schein eines Wirklichen sein. Statt daher hinter dem Schein ein imaginäres Wirkliches zu suchen, trachtet der Idealismus den Schein als nur scheinbar Unwirkliches, in Wahrheit als einziges Wirkliches festzuhalten, so dass, mit dem Realismus verglichen, das Verhältniss des Scheinbaren zum Wirklichen sich umkehrt, das in den Augen des Realismus Unwirkliche (der Schein, die Vorstellung, idea) für wirklich, dagegen das in dessen Augen Wirkliche (die Sache, dasjenige, was mehr als blosse Vorstellung ist, res) für unwirklich erklärt wird.235. Die Widerlegung des Realismus bestand darin, dass in dem scheinbar Wirklichen, welches derselbe seinem Grundsatz gemäss,dass zwischen dem Inhalt des wirklich Scheinenden und jenem des Wirklichen kein Unterschied bestehe, für wirklich erklärt, Fälle aufgezeigt wurden, in welchen das anscheinend Wirkliche unmöglich für wirklich genommen werden konnte. Die Widerlegung des Idealismus, wenn sie denselben Weg einschlüge und in dem Inhalt des Scheins, den der letztere für das einzig Wirkliche erklärt, Widersprüche nachwiese, hätte damit nur dargethan, dass sich im Schein, also im Unwirklichen, keineswegs aber, dass sich im Wirklichen, also in dem, was mehr ist als Schein, Widersprüche vorfinden. Die bekannten Antinomien, welche Kant in Bezug auf die Möglichkeit aufstellt, dass die Welt Grenzen im Raum und einen Anfang in der Zeit, aber auch, dass sie keine Grenzen im Raume und keinen Anfang in der Zeit habe, stammen daher, weil die eine wie die andere beider einander ausschliessender Behauptungen einem Gegenstande gilt, welcher als solcher nicht der realen, sondern der Scheinwelt angehört, von einem solchen aber sich gleichzeitig einander Ausschliessendes behaupten lässt, ohne dadurch mit der Natur des Scheines, der ja als solcher ein Unwirkliches ist, also das Widersprechende erträgt, in Widerstreit zu gerathen.236. Die Widerlegung des Idealismus, wenn überhaupt möglich, muss auf anderem Wege gesucht werden. Kann dieselbe nicht aus dem Umstande geschöpft werden, dass der Inhalt des Scheines in seinen Bestandtheilen sich unter sich selbst, so kann sie vielleicht ihren Ausgangspunkt nehmen von der Betrachtung, dass der Begriff eines Scheines, der neben sich selbst kein Wirkliches zulässt, sich selbst widerspricht. Da nun ein Scheinen undenkbar ist ohne ein Etwas, welches scheint (objectiver Schein) oder ein Etwas, welchem es scheint (subjectiver Schein) vorauszusetzen, so muss entweder dasjenige, welches scheint (das Object) und dasjenige, welchem scheint (das Subject) abermals Schein und als solcher eines weiteren, sei es Objects, sei es Subjects des Scheinens bedürftig sein, welcher Regressus sich sofort in infinitum wiederholt, oder es muss, sei es das Object, sei es das Subject, näher oder entfernter etwas anderes als Schein d. i. ein Wirkliches sein, womit die Behauptung des Idealismus, dass Schein daseinzigeWirkliche sei, sich von selbst aufhebt.237. Allerdings nur unter der Annahme, dass das nach den Gesetzen des Denkens Undenkbare unmöglich d. h. dass das nach den Gesetzen des Denkens nicht als wirklich Denkbare auch nicht wirklich sei. Folgt aus der Natur des Denkens zwar, dass derDenkende einen gewissen Denkinhalt mit Nothwendigkeit denken müsse, so folgt daraus keineswegs, dass der Seinsinhalt mit diesem nothwendigen Inhalt des Denkens eins sein müsse. So lange es kein Mittel gibt, den Inhalt des Seins mit dem Inhalt des Denkens zu vergleichen, um denjenigen Denkinhalt, der mit dem Seinsinhalt als congruent sich herausstellt, als Wissen zu fixiren (und dass es kein solches gibt, hat die Betrachtung der logischen Ideen zur Evidenz gebracht), so lange bleibt die Möglichkeit offen, dass die Dinge in der Wirklichkeit sich anders verhalten, als die Gesetze des Denkens letzteres nöthigen, das Verhalten derselben mit Nothwendigkeit zu denken d. h. dass der unvermeidliche und durch die Gesetze des Denkens demselben aufgenöthigte Denkinhalt des Denkens und der um seiner Unzugänglichkeit willen stets unbekannt bleibende Inhalt des Seins unter einander nicht übereinstimmen, ja vielleicht, was weder wahrscheinlich, noch unwahrscheinlich, sondern eben nur möglich ist, sich unter einander sogar widersprechen.238. Erst ein späterer Anlass wird Gelegenheit bieten, von der aus obiger Betrachtung fliessenden Einschränkung Gebrauch zu machen. Aus der Widerlegung des Realismus folgt, dass die Wissenschaft des Wirklichen, wenn sie nur Wirkliches besitzen will, aus dem wirklich Scheinenden alles dasjenige ausscheiden muss, was nur den Schein der Wirklichkeit hat. Aus der Widerlegung des Idealismus folgt, dass der „Traum der Speculationâ€, wenn er aufhören soll, „Traum†zu sein, zu dem Schein, der ihm zufolge das einzige Wirkliche ist, ein Wirkliches, sei es im subjectiven Sinne, als Träger des Scheins, sei es im objectiven Sinne, als Ursache des Scheins, hinzufügen muss. Erstere Operation, durch welche imwirklichScheinenden der Schein des Wirklichen vom Wirklichen gesondert wird, ist eine kritische, letztere, durch welche zu dem ursprünglich allein vorhandenen Schein des Wirklichen ein Wirkliches hinzugethan wird, ist eine ergänzende. Jene führt in daswirklichScheinendenebender Betrachtung des Wirklichen, welches scheint (des Objects), die Betrachtung eines anderen Wirklichen ein, welchem es scheint (des Subjects); diese geht von der Betrachtung des ihrer ursprünglichen Ansicht nach allein wirklichen Scheins zu dessen Erklärung, sei esauseinem Wirklichen (dem Subject) oderdurchein Wirkliches (Object) fort.239. Die Einführung des Subjects, welchem das Wirkliche scheint, um aus dem Zusammenwirken beider, des Objects, welches scheint, und des Subjects, dem es scheint, das wirklich Scheinendeals deren Product begreiflich zu machen, bedeutet die Einfügung eines idealistischen Elements in die realistische Betrachtung. Die Hinzufügung eines Wirklichen, sei es als Träger (Subject), sei es als Ursache (Object) des Scheins zu diesem selbst, um, sei es durch jenen, sei es durch diese, dessen Schein der Wirklichkeit begreiflich zu machen, bedeutet die Einführung eines realistischen Elements in die idealistische Betrachtungsweise. Durch die allmälige Ausbreitung des ersteren im Realismus wird dieser dem Idealismus, durch die allmälige Vertiefung des letzteren im Idealismus wird dieser dem Realismus näher gebracht. Der gemeine oder empirische Realismus nimmt in Folge kritischer d. i. philosophisch sichtender Behandlung idealistischen, der gemeine oder empirische Idealismus nimmt in Folge der ergänzenden d. i. philosophisch erklärenden Behandlung realistischen Charakter an.240. Schon der Vater des gemeinen Realismus, Bacon, hat die Bemerkung gemacht, dass das wirklich Scheinende Elemente umschliesst, welche nicht aus dem Wirklichen, sondern aus dem dasselbe wahrnehmenden und auffassenden Subjecte stammen, und, weil sie jenem als wirklich von diesem nur angedichtet sind, dieselben treffend als „Idole†(Fictionen) bezeichnet. Dass unter denselben auch solche sich vorfinden, welche, wie die von ihm sogenannten „Idola tribusâ€, dem auffassenden (menschlichen) Subject vermöge dessen Gattungscharakter angehören und daher bei sämmtlichen Individuen derselben Gattung (also zum Beispiel bei allen Menschen) zu deren Auffassung des ihnen wirklich Scheinenden in stets gleicher Weise beitragen müssen, kann als ein Vorspiel zu der von Kant nachdrücklich hervorgehobenen Betheiligung des transcendentalen (d. i. des Gattungs-) Subjects an dem Zustandekommen der Erfahrung, als des Productes zweier Factoren, eines subjectiven und eines objectiven, angesehen werden. Wie diesem zufolge „die Welt der Erscheinung†d. i. das wirklich Scheinende zwar der „Materie†d. i. dem Stoffe nach aus dem Object, welches scheint, der „Form†nach jedoch aus dem transcendentalen Subjecte stammt, dem es scheint, so setzt sich nach Bacon die Welt des wirklich Scheinenden zusammen einerseits aus demjenigen, was aus dem Wirklichen stammt (der Erfahrung), und demjenigen, was diesem von dem auffassenden Gattungssubject nur angedichtet wird (der Scheinerfahrung der „Idola tribusâ€).241. Allerdings mit dem Unterschied, dass der eine, der Realist, diese subjective Hinzuthatim wirklichScheinenden als eineVerunreinigung der Wissenschaft vom Wirklichen angesehen hat, von welcher dieselbe so bald und so gründlich als möglich befreit werden müsse, um die Erfahrung d. i. das Wirkliche rein zu erhalten, während der andere, der Idealist, gerade in dieser aus dem Gattungssubject herkommenden und daher allen auffassenden Individuen derselben Gattung in gleicher Weise eigenen subjectiven Hinzuthat im wirklich Scheinenden das Mittel erblickt hat, dieses aus einer nur individuellen in eine für alle Individuen derselben Gattung der Form nach identische Scheinwelt und dadurch aus einer nur individuell giltigen in eine allgemeine und nothwendige Erfahrung zu verwandeln. Bacon ging darauf aus, das subjective, also, vom Standpunkt des Realismus aus angesehen, idealistische Element im wirklich Scheinenden gänzlich aus demselben zu entfernen, und nur dasjenige, was in demselben nicht sowolScheineines Wirklichen, als ScheindesWirklichen ist, für Erfahrung gelten zu lassen. Aber schon dessen Nachfolger Locke hat gezeigt, dass die sogenannten secundären Eigenschaften der Körper, wie Farbe, Klang, welche jener als Schein des Wirklichen gelten liess, nur alsScheineines Wirklichen gelten dürfen d. h. nicht, wie jener glaubte, am Wirklichen wirklich vorhanden, sondern von einem anderen Wirklichen, dem auffassenden Subject, als scheinbare Eigenschaften den Körpern angedichtet seien. Werden dieselben, als blosser Schein eines Wirklichen, aus dem wirklich Scheinenden ausgeschieden, so bleiben in diesem als Schein des Wirklichen nur mehr die sogenannten primären Eigenschaften (wie Gestalt, Ausdehnung, Grösse) und als Kern alles wirklich Scheinenden undκατ’ á¼Î¾Î¿Ï‡Î®Î½Wirkliches das (übrigens unbekannte) Substrat des Scheins und Träger der Eigenschaften, die sogenannte Substanz, als alleiniges Object einer wirklichen Wissenschaft vom Wirklichen übrig. Das von Bacon vergebens zu verdrängen gesuchte idealistische Element hat seine Stelle im Realismus mit Gewinn zurück erobert.242. Aber auch ein skeptisches ist damit in den Vordergrund getreten. Wenn die sogenannten secundären Eigenschaften nur den Schein eines Wirklichen, aber nicht eine Erscheinung des Wirklichen darstellen, dann ist die sinnliche Erfahrung, welche dieselben als Schein des Wirklichen zeigt, eine trügerische, den Schein an die Stelle der Wirklichkeit setzende Vorstellung des Wirklichen, nicht sowol eine Erkenntniss der, als eine fortgesetzte Täuschung über die Wirklichkeit. Die nächste Folge dieser Einsicht kann keine andere sein, als dem Sinnenschein, welcher die Basis allersinnlichen Erfahrung ausmacht, und damit dieser selbst, die auf so ungewisser Grundlage sich aufbaut, mit Misstrauen entgegen zu kommen.243. Dasselbe muss sich naturgemäss in demselben Grade steigern, als sich der Umfang des idealistischen Elementes d. i. der subjectiven Hinzuthat im wirklich Scheinenden erweitert. Die Ausbreitung desselben hat zuerst Locke’s idealistischer Fortsetzer Berkeley herbeigeführt durch die Behauptung, dass die sogenannten primären Eigenschaften der Körper, welche derselbe als wirkliche ansah, nicht weniger scheinbar als die sogenannten secundären Eigenschaften, und, ebenso wie diese, Hinzuthaten des vorstellenden Subjects im wirklich Scheinenden d. i. durch das vorstellende Subject, keineswegs durch das Object des Vorgestellten hervorgebrachter Schein, also zwar Schein eines Wirklichen, aber nicht selbst Wirkliches seien. Dieselbe erreichte den höchsten Grad dadurch, dass Berkeley die weitere Bemerkung hinzufügte, dass der Körper nichts anderes als die Summe seiner Eigenschaften, die Annahme einer den Kern desselben ausmachenden Substanz als Träger der Eigenschaften eine an sich völlig überflüssige, von dem vorstellenden Subject, wenn auch nicht willkürlich, aber doch unwillkürlich gemachte grundlose Voraussetzung, die sogenannte Substanz daher eben so wol wie die sogenannten primären und secundären Eigenschaften zwar der Schein eines Wirklichen, aber eben so wenig wie diese ein Wirkliches sei. Letztere Behauptung verwandelte, da der Körper fortan nichts weiter als die Summe seiner (primären und secundären) Eigenschaften, diese aber als Summe von nicht wirklichen, sondern nur scheinbaren Eigenschaften selbst nur eine Scheinsumme sein sollte, den angeblich wirklichen Körper in blossen Schein eines Körpers, die sogenannte Welt des Wirklichen in blossen Schein einer wirklichen Welt und löste somit den gesammten Realismus in Idealismus, die gesammte Sinneswahrnehmung als Basis der sinnlichen Erfahrung in Sinnestrug, und damit jene selbst aus einem Spiegel der wirklichen Welt in die leere Vorspiegelung einer solchen auf.244. Diese äusserste mögliche Ausdehnung des idealistischen Elementes im Gebiete des Realismus musste die Ausdehnung der Skepsis auf den ganzen Umfang der sinnlichen Erfahrung zur unausbleiblichen Folge haben. Hatte der Idealismus sämmtliches wirklich Scheinende in innerlich hohlen Schein eines Wirklichen verkehrt, so musste die Aussicht auf Erkenntniss des Wirklichen auf demWege der Erfahrung sich in die trostlose Einsicht in die Unmöglichkeit einer solchen, auf Grund völligen Mangels eines Wirklichen verwandeln. Nicht nur die Bestandtheile des wirklich Scheinenden d. i. die Elemente, aus welchen die scheinbare Welt bestand, waren sofort zu blossem Schein eines Wirklichen herabgesetzt, sondern auch die Verknüpfung derselben unter einander und zu einem Ganzen konnte nur eine scheinbare, das durch dieselbe hergestellte Ganze nur dem Schein nach ein Ganzes sein d. h. die gesammte angeblich wirkliche Welt mit ihren vermeintlich wirklichen Bestandtheilen und deren vermeintlich wirklichem und wirksamem Zusammenhang unter einander (dem Causalverband) musste sich dem Auge des Denkers als eine Scheinwelt, deren Bestandtheile als elementarer Schein, deren Zusammenhang unter einander als zwar anscheinend, aber nicht wirklich vorhandener d. i. vom vorstellenden Subject in die Welt der Phänomene hineingelegter, keineswegs (wie die Erfahrung von ihren sogenannten Naturgesetzen behauptet) aus derselben herausgelesener Zusammenhang darstellen.245. Hume ist es, der diese Consequenz des Skepticismus aus dem in bodenlosen Idealismus umgewandelten Realismus seiner Vorgänger gezogen hat. Dieselbe wird nicht verbessert dadurch, dass an die Stelle des realen Zusammenhanges zwischen den Erscheinungen von ihm die subjective Gewöhnung des vorstellenden Subjectes gesetzt wird, in Folge wiederholten nach einander Auftretens gewisser Phänomene jedesmal, sobald das eine derselben (das antecedens) wiederkehrt, das andere (das consequens) zu erwarten und daher ersteres als Ursache, letzteres als Wirkung zu bezeichnen. Denn es muss einleuchten, dass zwar, wenn der eine jener Vorgänge der reale Grund, der andere die reale Folge ist, das Eintreten des ersten jedesmal jenes des zweiten nach sich ziehen muss, keineswegs aber, dass in umgekehrter Weise das (vielleicht ganz zufällige) Vorausgehen der einen, Nachfolgen der andern Erscheinung als genügender Beweis dafür gelten darf, dass die erste die Ursache der zweiten sei. Während dieAuseinanderfolgezweier Phänomene derenAufeinanderfolgenothwendig, macht deren Aufeinanderfolge den Schluss auf die Auseinanderfolge nur möglich; die Behauptung der letzteren (des Causalzusammenhanges) in Folge einer durch öfter beobachtete Succession beider Erscheinungen im Vorstellenden erzeugten Gewohnheit, beide unter einander in Verbindung stehend zu denken, kann daher niemals völlige (apodiktische), sondern höchstens sogenannte moralische (problematische)Gewissheit d. i. mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit erlangen.246. Diese Folgerung war es, welche Kant, wie er selbst sagt, „aus seinem dogmatischen Schlummer geweckt hatâ€, nicht aus dem des Wolf’schen Rationalismus, über welchen er längst hinaus, sondern aus dem des Locke-Newton’schen Empirismus, in welchem er damals (1770) noch völlig befangen war. Dass es auf dem von Hume eingeschlagenen Wege, der auch ihm als die natürliche Fortsetzung der Bahn seiner Vorgänger galt, schliesslich dahin kommen müsse, dass auch die allgemeinen Naturgesetze, durch welche der Gang der Natur und die Einheit des Weltalls zusammengehalten wird, ihre strenge und ausnahmslose Nothwendigkeit und Allgemeinheit einbüssen und sich in blosse, mehr oder weniger wahrscheinliche und mit mehr oder weniger Zuversicht ausgesprochene Vermuthungen des die Natur auffassenden und in seiner Vorstellung zusammenfassenden Subjects verkehren müssen, erschien Kant so unausweichlich, zugleich aber für ein auf Erkenntniss des Wirklichen, wie es ist, statt auf Einbildung einer blossen Scheinwelt gerichtetes Denken, wie das seinige, so unerträglich, dass er um deswillen mit dem zum Skepticismus entarteten Empirismus brach und von dem Ergebniss einer nicht nur subjectiven, sondern auch nur particulär giltigen und blos wahrscheinlichen Naturauffassung zu der sofortigen Erforschung und Feststellung der Bedingungen einer zwar gleichfalls nur subjectiven, aber schlechterdings allgemeinen und nothwendigen Erfahrung überging.247. Wie die bisherige Betrachtung das allmälige Eindringen des idealistischen Elements in den Realismus und dessen allmälige, schliesslich denselben überfluthende Ausbreitung in diesem blossgelegt hat, so legt die Entwicklungsgeschichte des Idealismus in umgekehrter Weise nicht nur das Eindringen, sondern das stetige Anwachsen des realistischen Elements im Idealismus als unvermeidlich dar. Schon dem Vater des gemeinen Idealismus, Berkeley, ist die Schwierigkeit nicht entgangen, die für denjenigen, der die gesammte wirklich scheinende Welt nur als im vorstellenden Subject vorhandenen Schein einer wirklichen Welt ansieht, aus dem Umstande erwächst, dass in den verschiedenen vorstellenden Subjecten, wenn unter denselben Uebereinstimmung und Mittheilung möglich sein soll, diese nur in ihrem jeweiligen Vorstellen existirende Scheinwelt in sämmtlichen Vorstellenden die nämliche, nach Inhalt und Form unter sich harmonirende Welt sein muss, ohne dass sich die Frage beantwortenliesse, warum, da in jedem seine eigene Welt entsteht, diese Welt in allen als die gleiche entstehen müsse. Leibnitz hat diese Frage, die sich auch ihm aufdrängen musste, weil jede „fensterlose†Monas in ihrem Innern eine „Welt als Vorstellung†enthält, mit der Berufung auf die durch Gott prästabilirte Harmonie aller Monaden und somit auch ihrer sämmtlichen, obgleich von einander unabhängigen inneren Vorstellungswelten beantwortet. Der Bischof von Cloyne, von dem es zweifelhaft ist, ob er von Leibnitz etwas wusste, sucht die Lösung des Problems, wie die vorgestellten Welten der einzelnen Vorstellenden unter einander correspondirend gedacht werden können, gleichfalls in Gott, welchen er als den Urheber der im Vorstellenden vorhandenen Vorstellungswelt und dadurch zugleich als Veranstalter der Uebereinstimmung zwischen den in den verschiedenen Vorstellenden vorhandenen Vorstellungswelten bezeichnet. Die nur als Schein eines Wirklichen im Bewusstsein vorhandene wirkliche d. i. der Schein einer wirklichen Welt, ist sonach schon bei Berkeley, dem Urheber des Idealismus, nicht das einzige Wirkliche, sondern derselbe setzt nicht nur das vorstellende Subject (den Geist), in dem er existirt d. i. dem er scheint, sondern überdies seinen Urheber, Gott, durch den er existirt d. i. der in ihm scheint, als Wirkliche voraus d. h. der Schein ist weder, wie der strenge Idealismus will, das einzige Wirkliche, noch mit jenen beiden Wirklichen, dem vorstellenden Subject einer- und der den Schein erzeugenden Gottheit andererseits verglichen, überhaupt wirklich (real), sondern nur ideal (unwirklich), während der Geist und Gott die eigentlich Wirklichen d. i. real Existirenden sind.248. Das realistische Element, das Wirkliche neben dem Schein, als einzigem Wirklichen, ist sonach schon in die ursprünglichste Gestalt des Idealismus, und zwar so von Seite des Subjects, dem er scheint (des Geistes), wie von jener des Objects, das ihm scheint (der Gottheit), eingedrungen. Von jener aus angesehen, tritt das Wirkliche auf als Träger, von dieser aus angesehen, als Ursache des im Bewusstsein schwebenden Scheins. Während aber in dieser Gestalt des mit realistischen Elementen versetzten Idealismus der Träger des Scheins sich leidend (receptiv), die Ursache des Scheins allein thätig (spontan) sich verhält, sind daneben Auffassungen denkbar, nach welchen entweder der Träger sich gleichfalls wie die Ursache thätig, oder der Träger sich thätig, aber zugleich als einzige Ursache sich verhält, während eine dritte von jener ursprünglichen nur dadurch sich unterscheidet, dass als die Ursache des Scheinsnicht ein geistiges d. i. ein solches Object, in dessen Natur es liegt, Subject d. i. vorstellendes Wesen zu sein, sondern ein seiner Qualität nach beliebiges Wirkliches betrachtet wird, dessen Beschaffenheit unbekannt bleibt, dessen Existenz jedoch von derjenigen des Subjects als Träger des Scheins völlig unabhängig ist.249. Wird der Träger des Scheins d. i. das vorstellende Subject ebenso wie die Ursache des Scheins d. i. das vorgestellte Object als thätig d. i. jedes derselben als wirklich d. i. wirkend betrachtet, so stellt der im Bewusstsein schwebende Schein eines Wirklichen, die scheinbar wirkliche Welt (die Welt als Phänomenon), ein Product aus zwei Factoren, dem Subject des Vorstellens und dem Object der Vorstellung, dar, dessen Beschaffenheit sonach als solches von der Beschaffenheit seiner Factoren als solcher nothwendig abhängen muss. In dem Einfluss des Subjects auf die Beschaffenheit dieses Products besteht die Herrschaft des idealistischen, in dem Einfluss des Objects auf dieselbe jene des realistischen Elements in der phänomenalen Welt. Je nachdem jener Einfluss zur Vorherrschaft des einen oder des andern wird, nimmt diese Scheinwelt selbst vorwiegend idealistischen, auf die Seite blossen Scheines der Wirklichkeit, oder realistischen, auf die Seite der Wirklichkeit selbst hindeutenden Charakter an.250. Der Einfluss des realistischen Objects auf das Zustandekommen der phänomenalen Welt im Bewusstsein ist der geringste, wenn dasselbe als Wirkliches durch seine Thätigkeit nichts weiter bewirkt, als dass überhaupt Schein, der als Material zum Aufbau einer phänomenalen Welt durch das vorstellende Subject verwendet werden kann, im Bewusstsein vorhanden ist. Dieser Fall tritt in jener Gestalt zu Tage, welche Kant dem Idealismus gegeben hat, und die Rolle, die das Object in obiger Darstellung spielt, ist die nämliche, die Kant seinem „Ding an sich†zugewiesen hat. Dasselbe hat ihm zufolge keine andere Bestimmung, als die Existenz, keineswegs aber die Qualität des im Bewusstsein schwebenden Scheins eines Wirklichen begreiflich zu machen.Dassein Wirkliches ausser und neben dem vorstellenden Subjecte sei, wird durch die Thatsache der Existenz des Scheins eines solchen im Bewusstsein unzweifelhaft gemacht.Wasdas Wirkliche, dasnebstundausserdem vorstellenden Subjecte existirt, seiner Qualität nach sei, dagegen kann aus der Qualität des im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht ausgemacht werden, weil diese letztere lediglich von der Qualität des vorstellenden Subjects abhängig ist. Dasreale Object, „das Ding an sichâ€, ist der Grund, dass überhaupt im Bewusstsein Sinnesempfindungen (wie Gesichts-, Gehörs-, Geruchs-, Geschmacks- und Tastempfindungen)vorhanden sind; die Qualität des realen vorstellenden Subjects dagegen ist der Grund, dass im Bewusstsein geradeEmpfindungen(wie Farben, Töne, Wohlgerüche, Wohlgeschmäcke, Härte, Weichheit) vorhanden sind. Wäre das erste nicht, so entstünde überhaupt kein Schein, wäre das letztere ein anderes, als es ist, so entstünde anderer Schein. Wie die Existenz des Scheins von jener des Objects, so hängt die Qualität des Scheins von jener des Subjects ab; der im Bewusstsein wirkliche Schein in seiner qualitativen Eigenthümlichkeit ist daher nur durch das gemeinsame Zusammenwirken des Dings an sich und der specifischen Organisation des vorstellenden Subjects d. i. (wie Kant nach der alten Terminologie seiner Wolf’schen Schulung sich ausdrückte) „des Erkenntnissvermögens†erklärlich.251. Erklärlich aber auch, dass bei dieser Sachlage der jeweiligen thatsächlichen Beschaffenheit des sogenannten Erkenntnissvermögens an dem Zustandekommen und der Gestaltung der phänomenalen Welt der Löwenantheil zufallen muss. Liefert der objective Factor, das Ding an sich, nichts weiter als den Stoff, ja nicht einmal diesen selbst, sondern nur die Veranlassung, dass ein solcher, aus welchem die phänomenale Welt aufgebaut werden soll, überhaupt im Bewusstsein vorhanden ist, so muss der Grund der gesammten Form, in welcher der Stoff zum Aufbau zusammengeordnet, ja sogar der Form, in welcher derselbe zum Baue verwendet wird, gänzlich in dem subjectiven Factor d. i. in der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes d. i. in jener seines sogenannten Erkenntnissvermögens gesucht werden. Letzteres, als Baumeister der phänomenalen Welt, baut sozusagen auf eigene Hand, nicht nur nach eigenem Plan, sondern auch mit selbstgeformtem Material; das „Ding an sich†als Bauherr ist nur die Ursache, dass überhaupt gebaut wird und dass die erforderlichen Mittel zum Baue vorhanden sind.252. Der Organismus des sogenannten Erkenntnissvermögens ist es, welchen Kant seiner „Kritik der reinen Vernunft†zu Grunde gelegt und als dessen nothwendige Folgen die kritischen Ergebnisse dieser letzteren entsprungen sind. Insofern derselbe den idealistischen Factor der phänomenalen Welt repräsentirt, hat Kant seine Philosophie als Idealismus, insofern deren Ergebnisse auf die Betrachtung desselben als der Quelle der Bedingungen aller Erkenntniss gestützt sind,als Transcendentalphilosophie, und jenen Idealismus selbst (im Gegensatz zu dem gemeinen, empirischen) als transcendentalen Idealismus bezeichnet. Die Differenz seines und des empirischen Idealismus beschränkte sich jedoch nicht auf den genannten Unterschied, sondern wurzelte zugleich in der Verschiedenheit des vorstellenden Subjectes, welches den idealistischen Factor der phänomenalen Welt ausmacht, und welches im empirischen Idealismus das individuelle Einzelsubject, in dem seinen dagegen das allgemeine Gattungssubject, oder, nach Kant’s Ausdruck, das sogenannte transcendentale Subject ist. Folge davon ist, dass die Form der phänomenalen Welt, insofern dieselbe aus der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes stammt, im empirischen Idealismus nur eine individuelle, zufällige, für die Vorstellungswelt des Einzelsubjectes bestimmende, im transcendentalen Idealismus dagegen eine allgemeine und nothwendige, die Vorstellungswelt aller vorstellenden Einzelsubjecte derselben Gattung bestimmende sein muss. Durch diese Einführung der Form als einer allgemeinen und nothwendigen an der Stelle der blos zufälligen und singulären überwindet Kant den Hume’schen Skepticismus, der sich an die Sohlen des empirischen Idealismus geheftet hat, und verwandelt die phänomenale Welt d. i. die Welt der Erfahrung aus einer nur für den Einzelnen giltigen und nur zufällig (durch dessen individuelle Gewöhnung) entstandenen in eine für Alle identische und nothwendig (d. i. als unausbleibliche Folge der allen gemeinsamen Organisation des Erkenntnissvermögens) entstehende Erfahrung.253. Die beziehungsweisen Antheile des idealistischen Factors d. i. des in Allen identischen transcendentalen Subjectes einer- und des realistischen Factors d. i. des für Alle identischen (als seiner Qualität nach unbekanntes x hinter der phänomenalen Welt stehenden) Dings an sich an dem Zustandekommen einer allgemein giltigen Erfahrung sind es, welche Kant als das a priori und das a posteriori der Erfahrung bezeichnet. Zu dem letzteren gehört nach der Auffassung Kant’s nichts weiter als der sinnliche Stoff, zu welchem das „Ding an sich†den äusseren Anstoss gegeben hat; zu dem ersteren gehören sämmtliche Formen, welche demselben in aufsteigender Reihe durch die (im Sinne der alten Wolf’schen psychologischen Theorie) einander übergeordneten Stufen des sogenannten Erkenntnissvermögens, des Sinnes, des Verstandes und der Vernunft zu Theil werden sollen. Als solche betrachtete Kant bekanntlich die zwei von ihm sogenannten „reinen Anschauungsformenâ€, welche dem Sinn, die (zwölf) von ihm construirten „Urtheilsformenâ€,welche dem Verstande, und die (drei) von ihm anerkannten (Schlussformen), welche der Vernunft erb und eigen seien. Durch die Anwendung der erstgenannten, und zwar der reinen Anschauungsform des Raumes d. i. des Nebeneinander auf den durch die äusseren Sinne, der reinen Anschauungsform der Zeit d. i. des Nacheinander auf den durch den sogenannten inneren Sinn gegebenen Stoff entstehtder Scheinräumlich und zeitlich verschieden angeordneter Gruppen sinnlichen Vorstellungsmaterials, welche durch die Anwendung der reinen Urtheilsformen und der daraus deducirten Stammbegriffe (Kategorien) des Verstandes denScheinwirklicher Einzeldinge, und zwar solcher erhalten, die als Substanzen Träger von Eigenschaften, und entweder als Ursachen Urheber von anderen ihresgleichen als Wirkungen, oder selbst als Wirkungen durch andere ihresgleichen als Ursachen hervorgebracht sind. Durch die Anwendung endlich der reinen Schlussformen und der daraus abgeleiteten Ideen der Vernunft entsteht derScheinsolcher Wirklicher, die entweder (wie die Seele) das einheitliche Subject zu allen möglichen Prädicaten, oder (wie die Welt) die Totalität aller Ursachen und Wirkungen, oder (wie die Gottheit) als ens realissimum die Summe aller möglichen Prädicate darstellen.254. In dem Nachweis der Nothwendigkeit der Entstehung obiger Gattungen des wirklich Scheinenden besteht das positive, in dem gleichzeitigen Erweis, dass obige Gattungen deswirklich Scheinendennur eben so viele GattungenvomScheineines Wirklichen seien, das negative Resultat des Transcendentalidealismus. Hauptsächlich um des letzteren willen ist Kant der „alles Zermalmer†genannt worden. Es ist aber nicht zu übersehen, dass von anderer Seite aus angesehen Kant’s Philosophie dem negativen Ergebniss des Idealismus, der alles sogenannte Wirkliche in Schein auflöst, gegenüber ein sehr positives Ergebniss durch die nachdrückliche Betonung der Unentbehrlichkeit einer realen Unterlage der phänomenalen Welt in der Existenz des „Dings an sich†bietet, durch welche sich, wie Schopenhauer richtig gesehen hat, die zweite Auflage der „Kritik der reinen Vernunft†sehr merklich von der ersten, welche fast ausschliesslich der Hervorkehrung des idealistischen Factors gewidmet ist, unterscheidet. Nachdem diejenigen Wirklichen, welche Kant selbst als die eigentlichen Gegenstände der alten Metaphysik bezeichnet hat, Seele, Welt und Gott, sich unter dem Prisma der Kritik in blosse Scheinwirkliche aufgelöst haben, bleibt als Rest des Wirklichen das Ding an sich allein übrig, welches manmit Recht als den Rest der alten Metaphysik in Kant’s Philosophie, und dessen zu einem Minimum zusammengeschrumpfte Beschreibung man als den Inhalt dessen betrachten kann, was im eigentlichen Sinne des Wortes Kant’s Metaphysik heissen darf.255. Dieselbe setzt sich mit Ausnahme der Behauptung der leeren Existenz durchaus aus negativen Prädicaten zusammen. Dem Ding an sich können weder quantitative noch qualitative Bestimmungen beigelegt werden. Dasselbe kann in ersterer Hinsicht weder als Eins, noch als Vieles, in letzterer Hinsicht weder als raumlos, noch als räumlich (also auch weder als unendlich, noch als endlich, weder als ausgedehnt, noch als unausgedehnt), noch als zeitlos, oder zeitlich (also auch weder als in der Zeit entstanden, noch als ewig), noch als geistig (immateriell) oder körperlich (materiell) bezeichnet werden. Alles, was der transcendentale Idealismus von demselben weiss und auszusagen berechtigt ist, beschränkt sich darauf, zu behaupten,dasses sei, aber nicht,wases sei.256. Aber auch dies nur aus dem Grunde, weil der sinnliche Stoff als wirklicher Schein eine im Bewusstsein vorhandene Wirkung ist und daher als solche zur Ursache ein Wirkliches haben muss. Die Voraussetzung, dass jede Wirkung ihre zureichende Ursache haben müsse (das von Leibnitz sogenannte principium rationis sufficientis) gehört zu den fundamentalen Axiomen des Denkens, nach Kant insbesondere zu den dem Organismus des Erkenntnissvermögens wesentlichen Urtheilsformen des Verstandes. Aus ersterem folgt, dass sich ein Denken, für welches obiger Satz fundamentale Geltung besitzt, von einem in dieser Hinsicht anders geartet sein sollenden Denken d. i. einem solchen, für welches derselbe jene Giltigkeit nicht besässe, schlechterdings keine Vorstellung zu machen im Stande sei. Aus letzterem folgt, dass ein im Kantschen Sinn organisirtes Erkenntnissvermögen der Folgerung, dass jeder angeblichen Wirkung eine derselben genügende Ursache entsprechen müsse, schlechterdings nicht zu entrathen vermag, ohne sich selbst aufzuheben. Beides zusammen macht einleuchtend, dass die auch vom Idealismus unbestrittene Thatsache der Existenz wirklichen Scheins zu dem Schlusse führen muss, dass auch als Ursache desselben irgend ein Wirkliches existire.257. „Wie der Rauch auf die Flamme, deutet Schein auf Seinâ€; in diesen Worten Herbart’s ist obiger Schluss am prägnantesten ausgesprochen. Allerdings mit dem Seitenblick, dass dieses angedeutete Sein nicht inner-, sondern ausserhalb desjenigen Wirklichen,welches den Träger des Scheins darstellt, d. i. des vorstellenden Subjects zu suchen sein möchte. Hier ist der Punkt, wo die Nachfolger Kant’s, die, wie er, auf dem Boden des Transcendentalidealismus stehen, in die einander entgegengesetzten Richtungen eines Idealismus, der sich auf das Subject des Scheins (den idealistischen Factor) d. i. eines idealistischen, und eines solchen, der sich auf das Object des Scheins (den realistischen Factor) stützt, d. i. eines realistischen Idealismus (der im Vergleiche mit jenem auch Realismus heissen kann) aus einander gehen. Aber auch die Stelle, wo diejenigen, die nicht wie Kant auf dem Boden des transcendentalen Idealismus beharren, sondern mit Umgehung des idealistischen Factors das Wirkliche unmittelbar, weder durch einen Schluss von der Wirkung auf die Ursache, noch überhaupt durch einen Act eines wie immer gearteten Denkens, sondern auf einem von diesem gänzlich verschiedenen Wege (etwa durch das Gefühl wie Jacobi, oder durch den Willen wie Schopenhauer) ergreifen zu können glauben, sich von jenen trennen und zu einem das Denken transcendirenden (deshalb fälschlichtranscendentalgenannten) Realismus gelangt sind.258. Darin stimmen beide, der idealistische und der realistische Idealismus, mit einander überein, dass der Schein als wirklicher eine Ursache und zwar ein Wirkliches zur Ursache haben müsse; aber darin gehen sie beide aus einander, dass der erstere diese Ursache innerhalb, der andere dieselbe ausserhalb des Bewusstseins sucht. Der „Jude Kant’sâ€, Salomon Maimon, war es, der zuerst die Bemerkung machte, dass die Annahme des Dings an sich von Seite Kant’s auf einem Fehlschluss beruhe. Wenn der Satz, dass jede Wirkung eine Ursache haben müsse, wie die kritische Organisation des Erkenntnissvermögens lehrt, nichts anderes ist als eine dem vorstellenden Subject, und zwar dessen Verstande innewohnende Urtheilsform, so folgt, dass das Subject zwar niemals umhin kann, wo es eine Erscheinung als Wirkung betrachtet, eine Ursache derselben vorauszusetzen, dass aber daraus, dass das Subject durch die Natur seines Erkenntnissvermögens zu diesem Vorgang gezwungen ist, auf keine Weise gefolgert werden darf, dass eine derartige Ursache auch wirklich vorhanden sei. Wenn daher Kant aus der Existenz der Empfindungen auf die nothwendige Existenz des Dings an sich als deren Ursache schliesse, so begehe derselbe eine mit seinen eigenen Principien im Widerspruch stehende Erschleichung, indem aus den letzteren keineswegs die Existenz des Objects,sondern höchstens für das Subject die Nothwendigkeit sich ableiten lasse, ein solches vorauszusetzen. Als Fichte’s Wissenschaftslehre mit der Behauptung hervortrat, dass Kant durch die Zulassung des Dings an sich als Ursache des Stoffs der phänomenalen Welt mit sich selbst in unhaltbaren Widerspruch gerathe, war ihm jener mit der gleichen schon vorangegangen. Fichte aber war es, welcher aus obigem Selbstwiderspruch zuerst die Folgerung zog, dass die Annahme der Existenz eines Dings an sich als eines vom Träger des im Bewusstsein wirklichen Scheins unterschiedenen Wirklichen gänzlich fallen gelassen d. h. dass der realistische Factor des Transcendentalidealismus, das Object, welchesscheint, entfernt werden müsse.259. Nach dem Verschwinden des realistischen bleibt von den beiden Factoren, durch deren Zusammenwirken die phänomenale Welt des transcendentalen Idealismus entsteht, nur der idealistische Factor, nach der Entfernung des Objects,welchesscheint, von den beiden Wirklichen, deren gemeinsames Product die Welt des Bewusstseins ist, nur das Subject,welchemscheint, übrig, geht der transcendentale Idealismus in einen solchen desSubjects(subjectiver Idealismus) über. Statt zweier Wirklicher, welche die Basis des transcendentalen Idealismus bilden, hat der subjective Idealismus zu seinem Substrat ein einziges Wirkliches, welches zugleich die Rolle des idealistischen und des realistischen Factors der phänomenalen Welt übernimmt d. h. der phänomenalen Welt nicht nur (wie der erste) die Form gibt, sondern auch (wie der letztere) den erforderlichen Stoff (das sinnliche Empfindungsmaterial) selbst erzeugt. Während daher im transcendentalen Idealismus der Träger des Scheins, das wirkliche Subject, gegen die Ursache desselben, das wirkliche Object, sich leidend, letzteres gegen ersteres sich thätig verhält, stellt derselbe im subjectiven Idealismus als Träger (Subject) zugleich die Ursache (Object) des Scheins in einem identischen Wirklichen dar, verhält sich das nämliche Wirkliche zugleich als Subject leidend gegen sich selbst als Object und thätig als Object gegen sich selbst als Subject d. h. als Subject-Object. Den Anstoss, welchen im transcendentalen Idealismus das Subject vom Object empfing, um Empfindung d. i. Material der phänomenalen Welt im Bewusstsein hervortreten zu lassen, empfängt dasselbe nunmehr nicht von einem von ihm unterschiedenen Andern, sondern von sich selbst. Das von ihm unterschiedene Andere (Object), welches der transcendentale Idealismus noch als ein wirklich Anderes (d. i. als ein anderes Wirkliches) ansah, ist in den Augen des subjectivenIdealismus nur mehr ein scheinbar Anderes, in Wirklichkeit kein Anderes als das Subject, welches das erste und einzige Wirkliche zugleich ist. Dasselbe, insofern es die Rolle des wirklichen realistischen Factors, des Objects, spielt, producirt nicht blos sämmtlichen Stoff der phänomenalen Welt, sondern es schafft auch den Schein, als sei dieser Stoff durch ein Anderes als es selbst d. h. es schafft den Schein eines realen Objects, welches den Stoff der phänomenalen Welt producirt. Letzterer, als vom Subject geschaffener Schein eines von diesem unterschiedenen Objects und daher dieses selbst, ist sonach in der That nichts weiter als eine Schöpfung d. i. eine durch einen Setzungsact des Subjects entstandene und daher von diesem abhängige Setzung desselben, eine Fiction, aber nichts Wirkliches. Wird diese seine fictive Natur vorübergehend verkannt, der Schein eines Objects für dessen Wirklichkeit genommen, das scheinbare Object, als ob es ein Wirkliches wäre, dem Subject entgegengesetzt, so muss diese Täuschung, welche, weil das Subject das einzige Wirkliche ist, nur eine Selbsttäuschung des Subjects sein kann, einmal ein Ende nehmen, das scheinbare Object als blosser Schein eines Objects erkannt und das vermeintlich vom Subject unterschiedene, als von ihm unabhängig wirklich bestehendes gedachte Object als von ihm abhängiges und nur durch dessen eigene Setzung entstandenes vom Subjecte zurückgenommen werden.260. Setzung des Objects durch das Subject, Verkennung des scheinbaren Objects, indem dasselbe für wirklich gehalten wird, und Wiedererkennung des fälschlich für wirklich gehaltenen Objects als eines nur scheinbar vom Subject Verschiedenen sind die drei Momente, in welchen die innere Entwickelungsgeschichte des einzigen Wirklichen, welches der subjective Idealismus stehen gelassen hat, des Trägers des Scheins im Bewusstsein sich vollzieht. Dieselbe stellt gleichsam den Fortschritt einer dramatischen Handlung dar, in welcher das ursprünglich Geschehene durch den Schein des Gegentheils vorübergehend verdunkelt und am Schlusse aus der Verdunkelung wieder hergestellt wird. Wie in der letzteren das wirklich Geschehene vor dem Beginn d. i. ausserhalb der sichtbaren Handlung gelegen, also der Kenntniss des Zuschauers anfänglich entzogen ist, so liegt im obigen Process innerhalb des Bewusstseins das wirklich Geschehene, die Setzung des scheinbaren Objects durch das Subject, vor dem Beginn d. i. ausserhalb des erwachten Bewusstseins und bleibt auf diese Weise der Kenntniss des Subjects d. i. dessen eigenem Bewusstsein über sich selbst verborgen. Aus ersterem folgt,dass beim Beginne des Dramas die sichtbare Handlung das Gegentheil dessen zeigt, was wirklich geschehen ist; aus dem letzteren folgt, dass beim Erwachen des Bewusstseins der Inhalt desselben das Gegentheil dessen aufweist, was wirklich der Fall ist; jene stellt das Geschehene als nicht geschehen, diese stellt das vom Subject gesetzte Object als nicht gesetzt durch das Subject dar. Die schliessliche Lösung erfolgt, wie in der dramatischen Handlung durch die Aufhellung des Geschehenen, so in obigem Bewusstseinsprocess durch die Selbstaufhellung d. i. durch das Bewusstwerden des Subjects über sich selbst und seine eigene Setzung des Objects, d. i. durch das Selbstbewusstsein.261. Dieses Subject, das einzige Wirkliche und folglich Wirkende ist es, welches der Urheber der Wissenschaftslehre das „Ich†genannt und dessen in den drei auf einander folgenden Stufen der Thesis, Antithesis und Synthesis sich entwickelnde Natur derselbe als niemals rastendes Thun (d. i. unablässiges Wirken) bezeichnet hat. Dasselbe setzt im Lauf seiner Entwickelung sein eigenes Gegentheil, das Nicht-Ich, und nimmt es im Verfolge derselben als von ihm selbst gesetztes d. h. als Ich in sich wieder zurück. Der erste Theil dieses Processes, welcher sich vor dem Bewusstwerden vollzieht, stellt die bewusstlose d. i. die Naturseite (Nachtseite) der Entwickelung des Ich, der zweite Theil desselben, weil er sich bei Bewusstsein vollzieht, stellt die bewusste d. i. die Geistesseite (Tagseite) derselben und, da das Ich das einzige Wirkliche ist, jener Abschnitt zugleich die Entwickelung des Wirklichen als eines bewusstlosen d. i. als Natur, dieser jene des nämlichen Wirklichen als eines bewussten d. i. als Geist dar. Die Gliederung der gesammten Wissenschaft vom Wirklichen vom Standpunkt des subjectiven Idealismus aus in eine solche vom Ich als Natur (Naturphilosophie) und vom Ich als Geist (Geistesphilosophie), aber auch die Möglichkeit einer solchen, welche beide Seiten der Entwickelung des Ich als Entwickelungsseiten eines und des nämlichen Ich, als identisch betrachtet (Identitätsphilosophie), so wie einer weitern, welche die Betrachtung des Entwickelungsgesetzes des Ich als eines nicht nur selbst innerlich nothwendigen, sondern diese Entwickelung nothwendig fordernden, der Betrachtung des wirklichen Entwickelungsganges desselben als Natur und Geist voranstellt (Dialektik, metaphysische Logik) ist dadurch vorgezeichnet.262. Je nachdem das Ich als Wirkliches (agens), oder als blosser Infinitiv, als Wirken (agere) bestimmt, das erstere entwederals endliches oder als unendliches (absolutes) Ich aufgefasst wird, gliedert sich der Idealismus des Subjects in die drei Stufen des (im engeren Sinn sogenannten) subjectiven Idealismus (Fichte), absoluten Idealismus (Schelling) und Panlogismus (Hegel). Jener besteht darin, dass als einziges Wirkliches ein endliches Ich (das transcendentale Subject); der zweite darin, dass als einziges Wirkliches ein absolutes Ich (die Gottheit, das absolute Subject); der dritte darin, dass als einziges Wirkliches das unpersönliche Wirken und zwar, da das einzige Wirkliche des Idealismus das vorstellende (denkende) Subject ist, das unpersönliche Denken, die Vernunft angesehen wird. Die Entwickelungsgeschichte des ersten d. i. der Inhalt der gesammten Wissenschaft stellt den Bewusstseinsprocess dar, mittels dessen das endliche Ich zum Bewusstsein seiner selbst, zum Selbstbewusstsein gelangt d. i. Geist wird. Jene des zweiten macht den immanenten Entwickelungsprocess aus, mittels dessen das absolute Subject durch die vorläufigen Phasen der Natur- und der Weltgeschichte hindurch zum Bewusstsein seiner selbst d. i. zum Bewusstsein seiner Göttlichkeit, zum absoluten Bewusstsein gelangt d. i. absoluter Geist, Gott wird. („Am Ende der Weltgeschichteâ€, sagte Schelling, „wird Gott seinâ€.) Der Panlogismus endlich repräsentirt den dialektischen Process, mittels dessen die unpersönliche (objective) Vernunft (die logische Idee) durch ihr Gegentheil, das vernunftlose Sein (die Natur), hindurch zur persönlichen (subjectiven) Vernunft (zum absoluten Geiste) wird. („Aufgabe der Philosophie istâ€, sagte Hegel, „die Substanz zum Subjecte zu machenâ€.)263. Alle drei Formen des Idealismus des Subjects kommen darin überein, das Wirkliche sei, aber auch, dass nur ein Einziges wirklich sei. Wird daher dieses als einziges Wirkliches von einem Widerspruch betroffen, welcher entweder verhindert, dasselbe überhaupt anzunehmen, oder doch hindert, dasselbe als wirklich gelten zu lassen, so werden sämmtliche Formen jenes Idealismus von demselben zugleich betroffen. Derselbe ging von dem Satze aus, dass der Schluss des transcendentalen Idealismus von dem Schein als Wirkung auf ein Object als Ursache desselben ein Selbstwiderspruch sei, aus dem Grunde, weil die Folgerung von der Wirkung auf die Ursache nur eine Urtheilsform des Verstandes, und daher die Consequenz, dass der Schein im Bewusstsein eine Ursache haben müsse, zwar für den Verstand unvermeidlich, aber darum nichts weniger als (objectiv) giltig sei. Gleichwol hat diese Einsicht, wenn sie den Namen verdient, den Idealismus nicht gehindert, von der Thatsachedes im Bewusstsein schwebenden Scheins auf eine erzeugende Ursache desselben zurückzuschliessen, nur mit dem Unterschied, dass er dieselbe nichtausserhalbdes Bewusstseins (in ein Object), sondern in den Träger des Bewusstseins (in das Subject) verlegt d. h. dieses selbst zur Ursache des Scheines macht. Wenn nun, wie der Idealismus behauptet, der Schluss von der Wirkung auf eine Ursache als blosse Verstandesform überhaupt unberechtigt ist, so ist der Schluss von der Wirkung auf eine innerhalb des Bewusstseins gelegene, sogenannte innere Ursache mindestens ebenso unberechtigt, wie jener von der Wirkung auf eine ausserhalb des Bewusstseins gelegene, sogenannte äussere Ursache. Der subjective Idealismus hat daher von diesem Gesichtspunkt aus ebensowenig das Recht, das Subject als Wirkliches, wie der objective Idealismus seiner Meinung nach ein solches besitzt, ein vom Subject unterschiedenes Object als Wirkliches anzunehmen.264. Wie man sieht, hat der Idealismus des Subjects, der gewöhnlich kurzweg mit dem Namen Idealismus bezeichnet wird, in diesem Punkt dem Idealismus des Objects, kurzweg Realismus genannt, nichts vorzuwerfen. Derselbe hat nicht nur nicht mehr und nicht weniger ein Recht, als erzeugende Ursache des Scheins ein Wirkliches, er hat überdies, was bedenklicher ist, kein Recht, das von ihm angenommene Wirkliche als wirklich anzunehmen. Letztere Annahme fällt, wenn dasjenige, was als wirklich gedacht werden soll, mit einer Eigenschaft behaftet ist, welche verhindert, dasselbe als wirklich zu denken. Dieser Fall tritt aber ein, wenn dasjenige, was als wirklich gedacht werden soll, in sich einen Widerspruch einschliesst. So gewiss aus dem Umstand, dass ein als wirklich zu Denkendes keinen Widerspruch einschliesst, nur geschlossen werden kann, dass es möglich, keineswegs, dass es wirklich sei, so gewiss muss aus dem Umstand, dass ein als wirklich zu Denkendes in sich einen Widerspruch enthält, die Folgerung gezogen werden, dass dasselbe unmöglich d. i. auf keine Weise je wirklich sei. Das einzige Wirkliche des Idealismus, das Ich, nun soll in der Weise gedacht werden, dass dasselbe zugleich sein eigenes Object und sein eigenes Subject sei, den Stoff seiner phänomenalen Welt zugleich empfange und erzeuge, also zugleich gegen sich selbst als Leidendes und auf sich selbst als Thätiges sich verhalte d. h. es soll so gedacht werden, dass es zugleich seine eigene Ursache und seine eigene Wirkung (causa sui), also dass es im strengsten logischen Sinn des Wortes Entgegengesetztes d. i. sichunter einander Ausschliessendes zugleich und als jedes von beiden sein eigenes Gegentheil, um es mit einem Wort zu sagen, der lebendige Widerspruch sei. Ein solcher aber kann nicht als wirklich gedacht werden.265. Auch dann nicht, wenn die Erfahrung ihn zu bestätigen scheint. Die Thatsache, welche der Idealismus anzuführen liebt, um durch dieselbe zu erweisen, dass ein sich zugleich als Thätiges und Leidendes Verhaltendes, eine causa sui, wirklich, und daher, was auch die Logik dagegen einwenden möge, möglich sei, ist das Phänomen des Selbstbewusstseins. Dasselbe, so schliesst der Idealismus, als factisches Bewusstsein des Selbst von sich selbst, ist thatsächlich Subject und Object, Leidendes und Thätiges, Ursache und Wirkung zugleich: dasIchstellt sich vor und das Ich stelltsichvor. Als jenes ist es das Vorstellende (Subject), als dieses das Vorgestellte (Object), als beider Identität ist das Ich Vorstellendes und Vorgestelltes zugleich (Subject-Object). Durch diese unbestreitbar scheinende psychologische Thatsache, d. i. durch die Wirklichkeit eines im logischen Sinn mit einem inneren Widerspruch Behafteten ist nach der Meinung des Idealismus die Möglichkeit, ein in sich Widersprechendes als wirklich zu denken, erwiesen; der Einspruch der Logik, dass Widersprechendes nicht als wirklich gedacht werden könne, abgewiesen.266. Gegenüber dem Canon: a non posse valet conclusio ad non esse, geht der Idealismus von dementgegengesetztenaus: ab esse valet conclusio ad posse. Die Richtigkeit seiner Folgerung hängt von dem Umstande ab, ob und dass die angebliche Thatsache des Selbstbewusstseins wirklich eine Thatsache, oder, was eben so viel ist, ob und dass die Behauptung, dasIchstellesichvor, auf einer wirklichen Erfahrung oder auf einer blossen Einbildung beruhe. Die Thatsache, welche den Widerspruch zustürzenbestimmt ist, darf nicht selbst wieder auf einen Widerspruch sichstützen. Dieselbe muss, um gegen die Einrede der Logik Stand zu halten, eine selbst widerspruchsfreie, evidente, nicht nichtanzuerkennende Thatsache sein.267. Es fehlt viel, dass die sogenannte Thatsache des Selbstbewusstseins dieser Forderung genügte. Wenn, wie der Idealismus einräumt, das Phänomen des Selbstbewusstseins nichts weiteres in sich schliesst als das „Sich sich Vorstellen†(se sibi repraesentare) des Ichs, so enthält das Sich (se) abermals nichts anderes als das Ich d. h. das Sich sich Vorstellen, das Sich (se) in diesem aberdas nämliche „Sich sich Vorstellen†zum dritten, und das sich darin wiederholende Sich dasselbe zum vierten Male u. s. f., d. h. es entsteht ein regressus in infinitum. Das Ich erweist sich als eine mit der Forderung, eine unendliche Reihe vorzustellen, behaftete, demnach als eine im wirklichen Vorstellen schlechthin unvollendbare Vorstellung d. h. als eine solche, die niemals Thatsache d. i. wirkliche Vorstellung sein kann. Einer Thatsache aber, die keine sein kann, gegenüber steht der Einwand der Logik, dass in sich Widersprechendes niemals wirklich sein könne, aufrecht.268. Der Widerspruch, welcher den Idealismus ausschliesst, liegt sonach nicht darin, dass er als Ursache des im Bewusstsein schwebenden Scheins ein Wirkliches setzt, sondern darin, dass er als solche ein in sich Widersprechendes d. h. ein Wirkliches setzt, das nicht als wirklich gedacht werden darf. Indem derIdealismus des Objects, derRealismus, von dem im Bewusstsein schwebenden Schein als Wirkung auf eine denselben erzeugende Ursache schliesst, thut er nichts anderes, als, wie oben gezeigt, auch der Idealismus thut; indem derselbe als solche jedoch nicht ein in sich Widersprechendes, sondern ein solches setzt, das ohne Einsprache der Logik als wirklich gedacht werden kann, thut er wirklichanderesund besseres, als jener that. Derselbe begnügt sich weder, im Gegensatz zum Idealismus des Subjects, die Annahme des Ich als des einzigen Wirklichen abzulehnen, noch, in Uebereinstimmung mit Kant, die Unerlässlichkeit der Annahme eines übrigens in jeder Hinsicht unbekannten realen x, des von jeder denkbaren quantitativen und qualitativen Bestimmtheit entblössten „Dings an sichâ€, zuzugeben, sondern schreitet im Gegensatze zu beiden zu der eben so wol realistischen als pluralistischen Behauptung fort, dass nicht nur Wirkliches sei, sondern unbestimmt viele Wirkliche seien d. h. dass die Voraussetzung solcher auf Grundlage und zur Erklärung des thatsächlich im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht nur nicht widersprechend, sondern im Gegentheil, das Gegentheil derselben der Forderung eines logischen Denkens widersprechend sei.269. Weshalb die Annahme, es gebe Wirkliches, nicht nur nicht widersprechend, sondern vielmehr die gegentheilige Annahme, es gebe kein Wirkliches, widersprechend sei, ist schon oben gezeigt worden. Von dem „Rauche†des Scheins gilt der Schluss auf die „Flamme†des Seins. Wo nichts Wirkliches wäre, könnte auch keines scheinen; keineswegs aber gilt auch der umgekehrte Satz,dass, wo kein Wirkliches scheint, auch kein Wirkliches vorhanden sei. Denn es lässt sich sehr wol denken, dass Wirkliches sei, auch ohne zu scheinen. Die Setzung des Wirklichen auf Grundlage des vorhandenen Scheins ist eine bedingte; das Gesetztsein des Wirklichen aber ist ein durch dessen Setzung auf Grundlage des Scheins nicht bedingtes, also unbedingtes. Dasselbewirdgesetzt, weil der Schein gesetzt ist; aber eswäregesetzt, auch wenn der Schein nicht gesetzt wäre. Die Setzung desselben erfolgt nicht, wie jene des (scheinbaren) Objects im Idealismus, durch das Ich, welches setzt, sondern besteht, wie der von seinem Gedachtwerden unabhängige Denkinhalt, auch ohne Subject, welches setzt. Die Position des (scheinbaren) Objects durch das Subject (im Idealismus) ist eine relative; mit dem Subject fällt auch das Object. Die Position des Wirklichen im Realismus ist eineabsolute; dieselbe hört nicht auf, auch wenn das Subject aufhört.270. Nur die letztere Position ist wahre, die relative ist keine Position. Das eigentlich Ponirte ist in der relativen Position nicht das Gesetzte (das Object), sondern das Setzende (das Subject); die Position des Ponirten ist daher nur eine scheinbare; die wahre Position ist die des Ponirenden. Dieses allein ist wahrhaft, das von ihm Gesetzte nur dem Anschein nach wirklich; das einzige Wirkliche sonach nicht das Gesetzte, das Object, sondern das Setzende, das Subject. Soll das Object das Wirkliche d. i. nicht nur dem Schein nach, sondern in Wahrheit wirklich sein, so muss es von seiner Setzung durch das Subject unabhängig gesetzt d. h. es muss als das, was es ist, auch dann gesetzt sein, wenn weder eine Setzung desselben durch ein Subject, noch überhaupt ein von demselben unterschiedenes Subject je wirklich vorhanden ist.271. Die absolute Position ist der Ausdruck des Seins. Durch dieselbe ist das Sein, wie von jeder Setzung durch das Subject, so auch von der Setzung durch jedes, wie immer geartete Denken unabhängig. Dasselbe ist, wie Bonaparte zu Campoformio von der französischen Republik sagte: „wie die Sonne, wehe dem, der sie nicht sieht!†Dem Denken bleibt nichts übrig, als das Sein als das, was es von vornherein ist, als Sein anzuerkennen; das Sein aber als solches bedarf dieser Anerkennung durch das Denken nicht. Das Sein ist nicht, wie Schelling sagte, „vor†dem Denken, aber es bestünde auchohnedas Denken.272. Ein Denken, welches das Wirkliche nicht als absolut d. i. als von ihm unabhängig gesetzt dächte, hätte dasselbe nicht alsSein, sondern als Schein gedacht. Derselbe Grund, welcher das Denken nöthigt, ein Wirkliches zu denken, nöthigt es auch, dieses letztere als unbedingt gesetzt d. i. als seiend zu denken. Der Grund aber, der für das Denken die Annahme eines Wirklichen unvermeidlich macht, ist die Thatsache des Scheins des Wirklichen d. i. das — nicht willkürlich durch den Willen des Denkenden, sondern unwillkürlich,ohne, ja selbstwiderden Willen des Denkenden — Gegebensein des Scheins des Wirklichen. Der Inhalt dieser durch die Thatsache des Scheins des Wirklichen d. i. durch die ErfahrungbedingtenSetzung ist dasunbedingtGesetzte.273.Dassdas Wirkliche, was es auch immer sei, unbedingt gesetzt, nicht aber,wasdas Wirkliche,wenngesetzt, seinemWasnach sei, ist damit ausgesprochen. Nur so viel lässt sich folgern, dass, wie auch das Was des Wirklichen gedacht werden möge, dasselbe nicht so gedacht werden dürfe, dass dessen unbedingtes Gesetztsein dadurch unmöglich gemacht wäre. Dies aber würde der Fall sein, nicht nur wenn das Was des Wirklichen in irgend einer Weise von der Natur eines dasselbe Setzenden abhängig gedacht, sondern auch dann, wenn dasselbe durch das Gesetztsein eines Andern bedingt gedacht würde. Dasselbe darf in ersterer Hinsicht daher nicht so beschaffen gedacht werden, wie das vermeintlich Setzende (z. B. das vorstellende Subject) seiner Beschaffenheit nach ist d. h. etwa als vorstellend, weil dieses letztere vorstellt, oder als fühlend, oder wollend, weil dieses letztere fühlt und will. Es darf aber auch in letzterer Hinsicht nicht so gedacht werden, dass dessen Gesetztsein das Gesetztsein eines Anderen bedingt, also nicht als zusammengesetzt d. i. aus Theilen bestehend, weil dann dessen Gesetztsein durch das Gesetztsein jedes einzelnen dieser Theile bedingt, also nicht unbedingt wäre. Aus ersterem folgt, dass das Was des Wirklichen in keiner Weise aus dem Was etwa des vorstellenden Subjects als des vermeintlich dasselbe Setzenden erschlossen werden könne. Aus dem letzteren folgt, dass das Was des Wirklichen, weil unbedingt gesetzt, nicht zusammengesetzt d. i. nicht aus Theilen bestehend sein dürfe, sondern strengeinfachsein müsse.274. Jedes wahrhaft Wirkliche ist daher einfaches Wirkliches. Dasselbe ist nicht nur, wie das sogenannte physikalische Atom, scheinbar, sondern wirklich „atom†d. i. untheilbar; nicht blos, wie jenes, weil es mit den vorhandenen Werkzeugen nicht mehr getheilt werden kann, oder für den gegebenen Zweck nicht mehrweiter getheilt zu werden braucht, sondern, weil es schlechthin keine Theile hat. Dasselbe schliesst seiner Einfachheit halber zwar nichtjedeVielheit, aber doch jede Vielheit einander coordinirter Glieder von sich aus d. h. dasselbe ist weder ein Bündel einander nebengeordneter Eigenschaften, noch eine Summe ebensolcher sogenannter Kräfte oder Vermögen. Es kann sein Was weder verlieren noch verändern, ohne (was unmöglich ist bei einem unbedingt Gesetzten) selbst aufzuhören. Dasselbe kann daher weder qualitativ ein anderes als, noch quantitativ ein mehr oder weniger dessen werden, was es ist; dasselbe ist, sobald es ist, sowol ewig als unveränderlich; weder dessen (unbedingtes, also von jeder Bedingung unabhängiges) Gesetztsein, noch dessen einfaches, jeder Zuthat oder Abtrennung von Theilen, jedes Wachsthums wie jeder Abnahme unfähiges Was kann einen Wechsel erleiden. Die unvermeidliche Consequenz der absoluten Position und der Einfachheit des Was ist dieErhaltungdes wandellosenSelbstjedes Wirklichen.275. Im Begriffe des Wirklichen liegt, dass es Wirkendes ist d. i. wirkt d. h. dass dessen Sein und dessen einfache Qualität von dessen Wirken d. i. sich Bethätigen unabtrennlich ist. Weder ein Wirkliches, das nicht wäre, noch ein Seiendes, das nicht wirkte, wäre ein wahrhaft Wirkliches; jenes wäre nur der Schein eines Wirklichen, dieses wäre ein Todtes, also nicht Wirkliches. Die Zusammengehörigkeit beider darf nicht so gedacht werden, als wäre das Sein und die Qualität das Substrat des Wirkens d. h. als besässe das Wirkliche alsseiende, aber nichtwirkendeQualität seine besondere, alsseiende, aberwirksameQualität wieder seine abgesonderte Wirklichkeit d. h. als stellte die seiende Qualität nach Abzug des Wirkens gleichsam das Residuum, das caput mortuum des Wirklichen dar. Die unbedingt gesetzte einfache Qualität und das Wirken sind nicht nur im Begriffe des Wirklichen, sondern in diesem selbst unzertrennlich eins, so dass das Wirkliche weder gedacht werden kann, ohne dasselbe als wirkend zu denken, noch als Wirkliches sein d. h. wirklich sein kann, ohne zu wirken.276. Ebensowenig wie die absolute Position, das unbedingte d. i. bedingungslose Gesetztsein, darf das mit derselben im Wirklichen in Eins verschmolzene Wirken von einer, wie immer gearteten Bedingung abhängig gedacht werden. Weder kann dessen Beginn, noch dessen Aufhören an einen Zeitpunkt geknüpft werden, vor welchem und nach welchem zwar das unbedingt Gesetzte, aber nicht als Wirkendes, sondern als Wirkungsloses bestünde, noch darfdasselbe so verstanden werden, als setzte es einen besondern, noch weniger einen von ihm, dem Wirklichen, unterschiedenen Stoff voraus, um sich als Wirken zu bewähren. Die Frucht des mit der absolut gesetzten einfachen Qualität unauflöslich und unablösbar verbundenen Wirkens des Wirklichen ist dessen Wirklichkeit.277. Nothwendige Wirkung des mit dem Wirklichen seiner Natur nach verbundenen Wirkens ist, dass etwas geschieht. Das Gegentheil, die Annahme, dass nichts geschehe, ungeachtet gewirkt wird, widerspricht sich selbst. Denn ein Wirken ohne wie immer beschaffenen Erfolg hätte nichts bewirkt d. h. wäre kein Wirken gewesen. Nothwendige Folge der Einfachheit und Unveränderlichkeit der Qualität des Wirklichen ist, dass, was immer geschehe, weder eine Setzung, noch Aufhebung der absoluten Position eines Wirklichen, noch die, sei es quantitative, sei es qualitative Abänderung der Qualität eines Wirklichen, weder der eigenen, noch einer fremden sein kann; daher alles, was wirklich geschieht, weder die Qualität, noch das Gesetztsein des Wirklichen, sondern nur das mit demselben unablöslich verschmolzene Wirken des Wirklichen angehen kann d. h. dass alles, was wirklich in Folge des Wirkens geschieht, nur eine Aenderung (Modification) dieses Wirkens selbst, beziehungsweise dessen Zunahme oder Abnahme, Förderung oder Hemmung, Erhaltung in der bisherigen, oder Ablenkung nach einer andern Richtung bedeuten kann.278. Dass überhaupt Wirkliches ist und, was wirklich ist, wirkt, macht die realistische, dass mehr als ein einziges Wirkliches, eine unbestimmbare Menge von Wirklichen sei, die pluralistische Seite des Realismus aus. Wie das erstere aus dem Satze, dass scheinbar Wirkliches, so folgt das letztere aus der Thatsache, dass der Schein eines vielfachen Wirklichen gegeben ist. Während der Schluss dort lautet: ohne Sein kein Schein, lautet er hier: ohne Vielheit und Vielfachheit des Seins keine Vielheit und Vielfachheit des Scheins. Die entgegengesetzte Annahme, dass aus der Einheit und Einfachheit des Seins der Schein der Vielheit und Vielfachheit des Seins hervorgehe, widerspricht sich selbst. Dieselbe lässt unerklärt, warum, wenn das Erzeugende, der realistische Factor, die Ursache der Empfindung, das nämliche ist, die Wirkung derselben, die Empfindung, bald diese, bald jene sei, das „Ding an sichâ€, von welchem der Anstoss zur Empfindung ausgeht, bald eine Gesichts-, bald eine Gehörsempfindung, und wieder einmal die Empfindung des Blauen, ein anderes mal die des Rothen verursache, dabei aber selbst alsUrsache immer dasselbe bleibe. Wird an die Stelle des Dings an sich das Wirkliche d. i. eine absolut gesetzte, einfache Qualität substituirt, so erhöht sich die Schwierigkeit, zu begreifen, wie diese letztere, welche als einfach jede Vielheit coordinirter, aber unter einander qualitativ verschiedener Wirkungsweisen ausschliesst, doch zugleich Ursache qualitativ verschiedener Wirkungen d. i. z. B. qualitativ unterschiedener Empfindungen werden könne; dieselbe führt daher mit Nothwendigkeit dazu, so viele und so vielerlei qualitativ verschiedene Ursachen vorauszusetzen, als und so vielerlei qualitativ verschiedene Wirkungen gegeben sind d. h. wo die Thatsache vielfachen qualitativ unterschiedenen Scheins gegeben ist, auch die Existenz eines vielfachen und qualitativ unterschiedenen Wirklichen zu postuliren.
231. Was überhaupt Wirkliches, dass irgendwie Wirkliches, und was oder welcher Art das Wirkliche sei, ist weder so ausgemacht, noch so leicht auszumachen, als diejenigen, welche es lieben, die Wissenschaft vom Wirklichen als allein wirkliche Wissenschaft den „hohlen Träumen der Speculation†entgegenzusetzen, zu glauben sich anstellen oder Andere gern überreden möchten. Sofern und so lange es gewiss ist, dass der Weg zum Wirklichen für das wirkliche Vorstellen nur durch das wirklich Scheinende d. i. durch den Schein des Wirklichen führt, der Schein der Wirklichkeit für das Bewusstsein früher gegeben ist und demselben näher steht als die, wenn überhaupt vorhandene, hinter demselben stehende Wirklichkeit selbst: so lange bleibt es unbestreitbar, dass die Wissenschaft vom Wirklichen zunächst und vor allem mit dem anscheinend Wirklichen sich aus einander zu setzen hat, wenn sie nicht in Gefahr gerathen soll, blos scheinbar Wirkliches für das Wirkliche selbst, oder, was in den Ohren der Freunde der Wirklichkeit noch befremdender klingen müsste, den Schein für das einzige Wirkliche zu halten.232. Ersteres ist die Ansicht des (gemeinen empirischen) Realismus, letzteres jene des (gleichfalls empirischen, obgleich nicht eben gemeinen) Idealismus. Jener geht davon aus, dass das wirklich Scheinende das Wirkliche, dieser davon, dass der Schein eines Wirklichen das einzige Wirkliche sei. Vom Gesichtspunkt des Realismus aussinddie Dinge nicht nur,wenn, sondern sie sind auchdas,wassie zu seinscheinen; von dem Gesichtspunkt des Idealismus aus sind die Dinge, diescheinen, die einzigen, welchesind.Jener schliesst jede Möglichkeit eines Zwiespaltes zwischen Schein und Wirklichkeit aus dem Grunde aus, weil das scheinbar Wirkliche mit dem Wirklichen identisch, dieser dagegen aus dem Grund, weil ausser dem Schein kein Wirkliches vorhanden ist.233. Ersterem steht die Thatsache im Wege, dass eswirklichScheinendes gibt, dem doch keine Wirklichkeit entspricht, letzterem der Umstand, dass, wenn dem Schein kein Wirkliches gegenübersteht, es auch keinen Schein geben kann. Der Mond, der am Horizont emporsteigt, scheint wirklich grösser als derselbe Mond, wenn er im Zenith steht, ohne dass daraus folgte, dass er wirklich grösser sei. Der wirklich vorhandene Schein ist in diesem Fall eine nothwendige Täuschung, welche dadurch, dass sie nothwendig ist, nicht aufhört, Täuschung zu sein. Die scheinbare Bewegung des gestirnten Himmels um die Erde, welche der wirklichen Bewegung der Erde um ihre Axe gerade entgegengesetzt ist, ist der Schein einer Wirklichkeit, aber nicht diese selbst. Wie in den angeführten Fällen vertreten in allen sogenannten Sinnestäuschungen, denen entweder ein Anderes als das scheinbare Wirkliche (Illusionen), oder überhaupt kein Wirkliches entspricht (Hallucinationen),anscheinendedie Stelle der wirklichen Dinge, während in den sogenannten Sinnesqualitäten (Färbung, Klang, Geruch, Geschmack, Härte, Weichheit u. dgl.) anscheinende Eigenschaften, die ihren Grund nur in der Beschaffenheit des wahrnehmenden Sinnesorgans, die Stelle wirklicher Eigenschaften vertreten, die ihren Grund in der Zusammensetzung, inneren und äusseren Structur, oder in der Beschaffenheit der Oberfläche der Körper selbst haben. So ist die Farbe, die dem gemeinen Realismus als eine wirkliche Eigenschaft der Körper gilt, in Wahrheit nur eine scheinbare Eigenschaft derselben, weil sie denselben nur insofern und nur unter der Voraussetzung zukommt, inwiefern und dass ein sehendes Auge vorhanden sei, welches den Eindruck des von der Oberfläche des Körpers reflectirten Lichts auf der empfindlichen Netzhaut empfängt und in Empfindung der Farbe verwandelt. So ist der Klang, der nach derselben Anschauungsweise zu den realen Eigenschaften des tönenden Körpers gehört, nichts weiter, als die in Folge innerer oder äusserer Erschütterung der kleinsten Theile desselben hervorgebrachte periodische Wellenbewegung der atmosphärischen Luft, welche dem Hörnerven sich mittheilt und im Centralorgan des empfindlichen Nervensystems in die Sprache des Bewusstseins, in dem Reiz heterogene aber correspondirendeEmpfindung, aus Gehörreiz in Gehörsempfindung sich umsetzt. Ohne Augen, lässt sich sagen, wäre das All der Dinge dunkel, ohne Gehörsorgan stumm. Sämmtliche sogenannte wirkliche Eigenschaften, welche der Körperwelt Sinnlichkeit, sichtbare Gestalt für das Auge, hörbaren Reiz für das Ohr und entsprechende Wahrnehmbarkeit für die übrigen Sinnesorgane verleihen, werden denselben viel mehr von dem aufnehmenden mit Sinnesorganen ausgerüsteten Träger des Bewusstseins aufgeprägt, als diesem von jenem übermittelt, und verdienen daher mit weit grösserem Recht anscheinende d. h. den Dingen nur scheinbar anhaftende, in Wirklichkeit denselben nur angedichtete Eigenschaften zu heissen.234. Folgt aus obiger Betrachtung, dass nicht alleswirklichScheinende wirklich, so folgt daraus doch nicht, dass derScheindes Wirklichen das einzige Wirkliche sei. Jene Erwägung begründet den Unterschied eines scheinbar Wirklichen, dem Wirkliches, und eines ebensolchen, dem kein Wirkliches entspricht; letztere Behauptung möchte denselben verwischen und alles wirklich Scheinende in blossen Schein eines Wirklichen, somit das Wirkliche selbst in ein Unwirkliches verwandeln. Dieselbe geht von der Ansicht aus, dass, was nicht im Bewusstsein gegenwärtig, auch nicht für dasselbe vorhanden sei; dass aber, weil das im Bewusstsein vorhandene nichts anderes sein kann als Bewusstseinsvorgang, auch das für dasselbe Vorhandene ausschliesslich Bewusstseinsvorgänge sein können. Da nun, was im Bewusstsein (also als Vorstellung) vorhanden sein kann, nicht das Wirkliche selbst (die von der Vorstellung der Sache verschiedene Sache), sondern nur der Schein eines solchen (die als wirklich gedachte Sache d. i. der Gedanke der Sache) zu sein vermag, so könne alles für das Bewusstsein Vorhandene unmöglich das Wirkliche selbst, sondern nur dessen Schein, somit für dasselbe das einzige Wirkliche ausschliesslich der Schein eines Wirklichen sein. Statt daher hinter dem Schein ein imaginäres Wirkliches zu suchen, trachtet der Idealismus den Schein als nur scheinbar Unwirkliches, in Wahrheit als einziges Wirkliches festzuhalten, so dass, mit dem Realismus verglichen, das Verhältniss des Scheinbaren zum Wirklichen sich umkehrt, das in den Augen des Realismus Unwirkliche (der Schein, die Vorstellung, idea) für wirklich, dagegen das in dessen Augen Wirkliche (die Sache, dasjenige, was mehr als blosse Vorstellung ist, res) für unwirklich erklärt wird.235. Die Widerlegung des Realismus bestand darin, dass in dem scheinbar Wirklichen, welches derselbe seinem Grundsatz gemäss,dass zwischen dem Inhalt des wirklich Scheinenden und jenem des Wirklichen kein Unterschied bestehe, für wirklich erklärt, Fälle aufgezeigt wurden, in welchen das anscheinend Wirkliche unmöglich für wirklich genommen werden konnte. Die Widerlegung des Idealismus, wenn sie denselben Weg einschlüge und in dem Inhalt des Scheins, den der letztere für das einzig Wirkliche erklärt, Widersprüche nachwiese, hätte damit nur dargethan, dass sich im Schein, also im Unwirklichen, keineswegs aber, dass sich im Wirklichen, also in dem, was mehr ist als Schein, Widersprüche vorfinden. Die bekannten Antinomien, welche Kant in Bezug auf die Möglichkeit aufstellt, dass die Welt Grenzen im Raum und einen Anfang in der Zeit, aber auch, dass sie keine Grenzen im Raume und keinen Anfang in der Zeit habe, stammen daher, weil die eine wie die andere beider einander ausschliessender Behauptungen einem Gegenstande gilt, welcher als solcher nicht der realen, sondern der Scheinwelt angehört, von einem solchen aber sich gleichzeitig einander Ausschliessendes behaupten lässt, ohne dadurch mit der Natur des Scheines, der ja als solcher ein Unwirkliches ist, also das Widersprechende erträgt, in Widerstreit zu gerathen.236. Die Widerlegung des Idealismus, wenn überhaupt möglich, muss auf anderem Wege gesucht werden. Kann dieselbe nicht aus dem Umstande geschöpft werden, dass der Inhalt des Scheines in seinen Bestandtheilen sich unter sich selbst, so kann sie vielleicht ihren Ausgangspunkt nehmen von der Betrachtung, dass der Begriff eines Scheines, der neben sich selbst kein Wirkliches zulässt, sich selbst widerspricht. Da nun ein Scheinen undenkbar ist ohne ein Etwas, welches scheint (objectiver Schein) oder ein Etwas, welchem es scheint (subjectiver Schein) vorauszusetzen, so muss entweder dasjenige, welches scheint (das Object) und dasjenige, welchem scheint (das Subject) abermals Schein und als solcher eines weiteren, sei es Objects, sei es Subjects des Scheinens bedürftig sein, welcher Regressus sich sofort in infinitum wiederholt, oder es muss, sei es das Object, sei es das Subject, näher oder entfernter etwas anderes als Schein d. i. ein Wirkliches sein, womit die Behauptung des Idealismus, dass Schein daseinzigeWirkliche sei, sich von selbst aufhebt.237. Allerdings nur unter der Annahme, dass das nach den Gesetzen des Denkens Undenkbare unmöglich d. h. dass das nach den Gesetzen des Denkens nicht als wirklich Denkbare auch nicht wirklich sei. Folgt aus der Natur des Denkens zwar, dass derDenkende einen gewissen Denkinhalt mit Nothwendigkeit denken müsse, so folgt daraus keineswegs, dass der Seinsinhalt mit diesem nothwendigen Inhalt des Denkens eins sein müsse. So lange es kein Mittel gibt, den Inhalt des Seins mit dem Inhalt des Denkens zu vergleichen, um denjenigen Denkinhalt, der mit dem Seinsinhalt als congruent sich herausstellt, als Wissen zu fixiren (und dass es kein solches gibt, hat die Betrachtung der logischen Ideen zur Evidenz gebracht), so lange bleibt die Möglichkeit offen, dass die Dinge in der Wirklichkeit sich anders verhalten, als die Gesetze des Denkens letzteres nöthigen, das Verhalten derselben mit Nothwendigkeit zu denken d. h. dass der unvermeidliche und durch die Gesetze des Denkens demselben aufgenöthigte Denkinhalt des Denkens und der um seiner Unzugänglichkeit willen stets unbekannt bleibende Inhalt des Seins unter einander nicht übereinstimmen, ja vielleicht, was weder wahrscheinlich, noch unwahrscheinlich, sondern eben nur möglich ist, sich unter einander sogar widersprechen.238. Erst ein späterer Anlass wird Gelegenheit bieten, von der aus obiger Betrachtung fliessenden Einschränkung Gebrauch zu machen. Aus der Widerlegung des Realismus folgt, dass die Wissenschaft des Wirklichen, wenn sie nur Wirkliches besitzen will, aus dem wirklich Scheinenden alles dasjenige ausscheiden muss, was nur den Schein der Wirklichkeit hat. Aus der Widerlegung des Idealismus folgt, dass der „Traum der Speculationâ€, wenn er aufhören soll, „Traum†zu sein, zu dem Schein, der ihm zufolge das einzige Wirkliche ist, ein Wirkliches, sei es im subjectiven Sinne, als Träger des Scheins, sei es im objectiven Sinne, als Ursache des Scheins, hinzufügen muss. Erstere Operation, durch welche imwirklichScheinenden der Schein des Wirklichen vom Wirklichen gesondert wird, ist eine kritische, letztere, durch welche zu dem ursprünglich allein vorhandenen Schein des Wirklichen ein Wirkliches hinzugethan wird, ist eine ergänzende. Jene führt in daswirklichScheinendenebender Betrachtung des Wirklichen, welches scheint (des Objects), die Betrachtung eines anderen Wirklichen ein, welchem es scheint (des Subjects); diese geht von der Betrachtung des ihrer ursprünglichen Ansicht nach allein wirklichen Scheins zu dessen Erklärung, sei esauseinem Wirklichen (dem Subject) oderdurchein Wirkliches (Object) fort.239. Die Einführung des Subjects, welchem das Wirkliche scheint, um aus dem Zusammenwirken beider, des Objects, welches scheint, und des Subjects, dem es scheint, das wirklich Scheinendeals deren Product begreiflich zu machen, bedeutet die Einfügung eines idealistischen Elements in die realistische Betrachtung. Die Hinzufügung eines Wirklichen, sei es als Träger (Subject), sei es als Ursache (Object) des Scheins zu diesem selbst, um, sei es durch jenen, sei es durch diese, dessen Schein der Wirklichkeit begreiflich zu machen, bedeutet die Einführung eines realistischen Elements in die idealistische Betrachtungsweise. Durch die allmälige Ausbreitung des ersteren im Realismus wird dieser dem Idealismus, durch die allmälige Vertiefung des letzteren im Idealismus wird dieser dem Realismus näher gebracht. Der gemeine oder empirische Realismus nimmt in Folge kritischer d. i. philosophisch sichtender Behandlung idealistischen, der gemeine oder empirische Idealismus nimmt in Folge der ergänzenden d. i. philosophisch erklärenden Behandlung realistischen Charakter an.240. Schon der Vater des gemeinen Realismus, Bacon, hat die Bemerkung gemacht, dass das wirklich Scheinende Elemente umschliesst, welche nicht aus dem Wirklichen, sondern aus dem dasselbe wahrnehmenden und auffassenden Subjecte stammen, und, weil sie jenem als wirklich von diesem nur angedichtet sind, dieselben treffend als „Idole†(Fictionen) bezeichnet. Dass unter denselben auch solche sich vorfinden, welche, wie die von ihm sogenannten „Idola tribusâ€, dem auffassenden (menschlichen) Subject vermöge dessen Gattungscharakter angehören und daher bei sämmtlichen Individuen derselben Gattung (also zum Beispiel bei allen Menschen) zu deren Auffassung des ihnen wirklich Scheinenden in stets gleicher Weise beitragen müssen, kann als ein Vorspiel zu der von Kant nachdrücklich hervorgehobenen Betheiligung des transcendentalen (d. i. des Gattungs-) Subjects an dem Zustandekommen der Erfahrung, als des Productes zweier Factoren, eines subjectiven und eines objectiven, angesehen werden. Wie diesem zufolge „die Welt der Erscheinung†d. i. das wirklich Scheinende zwar der „Materie†d. i. dem Stoffe nach aus dem Object, welches scheint, der „Form†nach jedoch aus dem transcendentalen Subjecte stammt, dem es scheint, so setzt sich nach Bacon die Welt des wirklich Scheinenden zusammen einerseits aus demjenigen, was aus dem Wirklichen stammt (der Erfahrung), und demjenigen, was diesem von dem auffassenden Gattungssubject nur angedichtet wird (der Scheinerfahrung der „Idola tribusâ€).241. Allerdings mit dem Unterschied, dass der eine, der Realist, diese subjective Hinzuthatim wirklichScheinenden als eineVerunreinigung der Wissenschaft vom Wirklichen angesehen hat, von welcher dieselbe so bald und so gründlich als möglich befreit werden müsse, um die Erfahrung d. i. das Wirkliche rein zu erhalten, während der andere, der Idealist, gerade in dieser aus dem Gattungssubject herkommenden und daher allen auffassenden Individuen derselben Gattung in gleicher Weise eigenen subjectiven Hinzuthat im wirklich Scheinenden das Mittel erblickt hat, dieses aus einer nur individuellen in eine für alle Individuen derselben Gattung der Form nach identische Scheinwelt und dadurch aus einer nur individuell giltigen in eine allgemeine und nothwendige Erfahrung zu verwandeln. Bacon ging darauf aus, das subjective, also, vom Standpunkt des Realismus aus angesehen, idealistische Element im wirklich Scheinenden gänzlich aus demselben zu entfernen, und nur dasjenige, was in demselben nicht sowolScheineines Wirklichen, als ScheindesWirklichen ist, für Erfahrung gelten zu lassen. Aber schon dessen Nachfolger Locke hat gezeigt, dass die sogenannten secundären Eigenschaften der Körper, wie Farbe, Klang, welche jener als Schein des Wirklichen gelten liess, nur alsScheineines Wirklichen gelten dürfen d. h. nicht, wie jener glaubte, am Wirklichen wirklich vorhanden, sondern von einem anderen Wirklichen, dem auffassenden Subject, als scheinbare Eigenschaften den Körpern angedichtet seien. Werden dieselben, als blosser Schein eines Wirklichen, aus dem wirklich Scheinenden ausgeschieden, so bleiben in diesem als Schein des Wirklichen nur mehr die sogenannten primären Eigenschaften (wie Gestalt, Ausdehnung, Grösse) und als Kern alles wirklich Scheinenden undκατ’ á¼Î¾Î¿Ï‡Î®Î½Wirkliches das (übrigens unbekannte) Substrat des Scheins und Träger der Eigenschaften, die sogenannte Substanz, als alleiniges Object einer wirklichen Wissenschaft vom Wirklichen übrig. Das von Bacon vergebens zu verdrängen gesuchte idealistische Element hat seine Stelle im Realismus mit Gewinn zurück erobert.242. Aber auch ein skeptisches ist damit in den Vordergrund getreten. Wenn die sogenannten secundären Eigenschaften nur den Schein eines Wirklichen, aber nicht eine Erscheinung des Wirklichen darstellen, dann ist die sinnliche Erfahrung, welche dieselben als Schein des Wirklichen zeigt, eine trügerische, den Schein an die Stelle der Wirklichkeit setzende Vorstellung des Wirklichen, nicht sowol eine Erkenntniss der, als eine fortgesetzte Täuschung über die Wirklichkeit. Die nächste Folge dieser Einsicht kann keine andere sein, als dem Sinnenschein, welcher die Basis allersinnlichen Erfahrung ausmacht, und damit dieser selbst, die auf so ungewisser Grundlage sich aufbaut, mit Misstrauen entgegen zu kommen.243. Dasselbe muss sich naturgemäss in demselben Grade steigern, als sich der Umfang des idealistischen Elementes d. i. der subjectiven Hinzuthat im wirklich Scheinenden erweitert. Die Ausbreitung desselben hat zuerst Locke’s idealistischer Fortsetzer Berkeley herbeigeführt durch die Behauptung, dass die sogenannten primären Eigenschaften der Körper, welche derselbe als wirkliche ansah, nicht weniger scheinbar als die sogenannten secundären Eigenschaften, und, ebenso wie diese, Hinzuthaten des vorstellenden Subjects im wirklich Scheinenden d. i. durch das vorstellende Subject, keineswegs durch das Object des Vorgestellten hervorgebrachter Schein, also zwar Schein eines Wirklichen, aber nicht selbst Wirkliches seien. Dieselbe erreichte den höchsten Grad dadurch, dass Berkeley die weitere Bemerkung hinzufügte, dass der Körper nichts anderes als die Summe seiner Eigenschaften, die Annahme einer den Kern desselben ausmachenden Substanz als Träger der Eigenschaften eine an sich völlig überflüssige, von dem vorstellenden Subject, wenn auch nicht willkürlich, aber doch unwillkürlich gemachte grundlose Voraussetzung, die sogenannte Substanz daher eben so wol wie die sogenannten primären und secundären Eigenschaften zwar der Schein eines Wirklichen, aber eben so wenig wie diese ein Wirkliches sei. Letztere Behauptung verwandelte, da der Körper fortan nichts weiter als die Summe seiner (primären und secundären) Eigenschaften, diese aber als Summe von nicht wirklichen, sondern nur scheinbaren Eigenschaften selbst nur eine Scheinsumme sein sollte, den angeblich wirklichen Körper in blossen Schein eines Körpers, die sogenannte Welt des Wirklichen in blossen Schein einer wirklichen Welt und löste somit den gesammten Realismus in Idealismus, die gesammte Sinneswahrnehmung als Basis der sinnlichen Erfahrung in Sinnestrug, und damit jene selbst aus einem Spiegel der wirklichen Welt in die leere Vorspiegelung einer solchen auf.244. Diese äusserste mögliche Ausdehnung des idealistischen Elementes im Gebiete des Realismus musste die Ausdehnung der Skepsis auf den ganzen Umfang der sinnlichen Erfahrung zur unausbleiblichen Folge haben. Hatte der Idealismus sämmtliches wirklich Scheinende in innerlich hohlen Schein eines Wirklichen verkehrt, so musste die Aussicht auf Erkenntniss des Wirklichen auf demWege der Erfahrung sich in die trostlose Einsicht in die Unmöglichkeit einer solchen, auf Grund völligen Mangels eines Wirklichen verwandeln. Nicht nur die Bestandtheile des wirklich Scheinenden d. i. die Elemente, aus welchen die scheinbare Welt bestand, waren sofort zu blossem Schein eines Wirklichen herabgesetzt, sondern auch die Verknüpfung derselben unter einander und zu einem Ganzen konnte nur eine scheinbare, das durch dieselbe hergestellte Ganze nur dem Schein nach ein Ganzes sein d. h. die gesammte angeblich wirkliche Welt mit ihren vermeintlich wirklichen Bestandtheilen und deren vermeintlich wirklichem und wirksamem Zusammenhang unter einander (dem Causalverband) musste sich dem Auge des Denkers als eine Scheinwelt, deren Bestandtheile als elementarer Schein, deren Zusammenhang unter einander als zwar anscheinend, aber nicht wirklich vorhandener d. i. vom vorstellenden Subject in die Welt der Phänomene hineingelegter, keineswegs (wie die Erfahrung von ihren sogenannten Naturgesetzen behauptet) aus derselben herausgelesener Zusammenhang darstellen.245. Hume ist es, der diese Consequenz des Skepticismus aus dem in bodenlosen Idealismus umgewandelten Realismus seiner Vorgänger gezogen hat. Dieselbe wird nicht verbessert dadurch, dass an die Stelle des realen Zusammenhanges zwischen den Erscheinungen von ihm die subjective Gewöhnung des vorstellenden Subjectes gesetzt wird, in Folge wiederholten nach einander Auftretens gewisser Phänomene jedesmal, sobald das eine derselben (das antecedens) wiederkehrt, das andere (das consequens) zu erwarten und daher ersteres als Ursache, letzteres als Wirkung zu bezeichnen. Denn es muss einleuchten, dass zwar, wenn der eine jener Vorgänge der reale Grund, der andere die reale Folge ist, das Eintreten des ersten jedesmal jenes des zweiten nach sich ziehen muss, keineswegs aber, dass in umgekehrter Weise das (vielleicht ganz zufällige) Vorausgehen der einen, Nachfolgen der andern Erscheinung als genügender Beweis dafür gelten darf, dass die erste die Ursache der zweiten sei. Während dieAuseinanderfolgezweier Phänomene derenAufeinanderfolgenothwendig, macht deren Aufeinanderfolge den Schluss auf die Auseinanderfolge nur möglich; die Behauptung der letzteren (des Causalzusammenhanges) in Folge einer durch öfter beobachtete Succession beider Erscheinungen im Vorstellenden erzeugten Gewohnheit, beide unter einander in Verbindung stehend zu denken, kann daher niemals völlige (apodiktische), sondern höchstens sogenannte moralische (problematische)Gewissheit d. i. mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit erlangen.246. Diese Folgerung war es, welche Kant, wie er selbst sagt, „aus seinem dogmatischen Schlummer geweckt hatâ€, nicht aus dem des Wolf’schen Rationalismus, über welchen er längst hinaus, sondern aus dem des Locke-Newton’schen Empirismus, in welchem er damals (1770) noch völlig befangen war. Dass es auf dem von Hume eingeschlagenen Wege, der auch ihm als die natürliche Fortsetzung der Bahn seiner Vorgänger galt, schliesslich dahin kommen müsse, dass auch die allgemeinen Naturgesetze, durch welche der Gang der Natur und die Einheit des Weltalls zusammengehalten wird, ihre strenge und ausnahmslose Nothwendigkeit und Allgemeinheit einbüssen und sich in blosse, mehr oder weniger wahrscheinliche und mit mehr oder weniger Zuversicht ausgesprochene Vermuthungen des die Natur auffassenden und in seiner Vorstellung zusammenfassenden Subjects verkehren müssen, erschien Kant so unausweichlich, zugleich aber für ein auf Erkenntniss des Wirklichen, wie es ist, statt auf Einbildung einer blossen Scheinwelt gerichtetes Denken, wie das seinige, so unerträglich, dass er um deswillen mit dem zum Skepticismus entarteten Empirismus brach und von dem Ergebniss einer nicht nur subjectiven, sondern auch nur particulär giltigen und blos wahrscheinlichen Naturauffassung zu der sofortigen Erforschung und Feststellung der Bedingungen einer zwar gleichfalls nur subjectiven, aber schlechterdings allgemeinen und nothwendigen Erfahrung überging.247. Wie die bisherige Betrachtung das allmälige Eindringen des idealistischen Elements in den Realismus und dessen allmälige, schliesslich denselben überfluthende Ausbreitung in diesem blossgelegt hat, so legt die Entwicklungsgeschichte des Idealismus in umgekehrter Weise nicht nur das Eindringen, sondern das stetige Anwachsen des realistischen Elements im Idealismus als unvermeidlich dar. Schon dem Vater des gemeinen Idealismus, Berkeley, ist die Schwierigkeit nicht entgangen, die für denjenigen, der die gesammte wirklich scheinende Welt nur als im vorstellenden Subject vorhandenen Schein einer wirklichen Welt ansieht, aus dem Umstande erwächst, dass in den verschiedenen vorstellenden Subjecten, wenn unter denselben Uebereinstimmung und Mittheilung möglich sein soll, diese nur in ihrem jeweiligen Vorstellen existirende Scheinwelt in sämmtlichen Vorstellenden die nämliche, nach Inhalt und Form unter sich harmonirende Welt sein muss, ohne dass sich die Frage beantwortenliesse, warum, da in jedem seine eigene Welt entsteht, diese Welt in allen als die gleiche entstehen müsse. Leibnitz hat diese Frage, die sich auch ihm aufdrängen musste, weil jede „fensterlose†Monas in ihrem Innern eine „Welt als Vorstellung†enthält, mit der Berufung auf die durch Gott prästabilirte Harmonie aller Monaden und somit auch ihrer sämmtlichen, obgleich von einander unabhängigen inneren Vorstellungswelten beantwortet. Der Bischof von Cloyne, von dem es zweifelhaft ist, ob er von Leibnitz etwas wusste, sucht die Lösung des Problems, wie die vorgestellten Welten der einzelnen Vorstellenden unter einander correspondirend gedacht werden können, gleichfalls in Gott, welchen er als den Urheber der im Vorstellenden vorhandenen Vorstellungswelt und dadurch zugleich als Veranstalter der Uebereinstimmung zwischen den in den verschiedenen Vorstellenden vorhandenen Vorstellungswelten bezeichnet. Die nur als Schein eines Wirklichen im Bewusstsein vorhandene wirkliche d. i. der Schein einer wirklichen Welt, ist sonach schon bei Berkeley, dem Urheber des Idealismus, nicht das einzige Wirkliche, sondern derselbe setzt nicht nur das vorstellende Subject (den Geist), in dem er existirt d. i. dem er scheint, sondern überdies seinen Urheber, Gott, durch den er existirt d. i. der in ihm scheint, als Wirkliche voraus d. h. der Schein ist weder, wie der strenge Idealismus will, das einzige Wirkliche, noch mit jenen beiden Wirklichen, dem vorstellenden Subject einer- und der den Schein erzeugenden Gottheit andererseits verglichen, überhaupt wirklich (real), sondern nur ideal (unwirklich), während der Geist und Gott die eigentlich Wirklichen d. i. real Existirenden sind.248. Das realistische Element, das Wirkliche neben dem Schein, als einzigem Wirklichen, ist sonach schon in die ursprünglichste Gestalt des Idealismus, und zwar so von Seite des Subjects, dem er scheint (des Geistes), wie von jener des Objects, das ihm scheint (der Gottheit), eingedrungen. Von jener aus angesehen, tritt das Wirkliche auf als Träger, von dieser aus angesehen, als Ursache des im Bewusstsein schwebenden Scheins. Während aber in dieser Gestalt des mit realistischen Elementen versetzten Idealismus der Träger des Scheins sich leidend (receptiv), die Ursache des Scheins allein thätig (spontan) sich verhält, sind daneben Auffassungen denkbar, nach welchen entweder der Träger sich gleichfalls wie die Ursache thätig, oder der Träger sich thätig, aber zugleich als einzige Ursache sich verhält, während eine dritte von jener ursprünglichen nur dadurch sich unterscheidet, dass als die Ursache des Scheinsnicht ein geistiges d. i. ein solches Object, in dessen Natur es liegt, Subject d. i. vorstellendes Wesen zu sein, sondern ein seiner Qualität nach beliebiges Wirkliches betrachtet wird, dessen Beschaffenheit unbekannt bleibt, dessen Existenz jedoch von derjenigen des Subjects als Träger des Scheins völlig unabhängig ist.249. Wird der Träger des Scheins d. i. das vorstellende Subject ebenso wie die Ursache des Scheins d. i. das vorgestellte Object als thätig d. i. jedes derselben als wirklich d. i. wirkend betrachtet, so stellt der im Bewusstsein schwebende Schein eines Wirklichen, die scheinbar wirkliche Welt (die Welt als Phänomenon), ein Product aus zwei Factoren, dem Subject des Vorstellens und dem Object der Vorstellung, dar, dessen Beschaffenheit sonach als solches von der Beschaffenheit seiner Factoren als solcher nothwendig abhängen muss. In dem Einfluss des Subjects auf die Beschaffenheit dieses Products besteht die Herrschaft des idealistischen, in dem Einfluss des Objects auf dieselbe jene des realistischen Elements in der phänomenalen Welt. Je nachdem jener Einfluss zur Vorherrschaft des einen oder des andern wird, nimmt diese Scheinwelt selbst vorwiegend idealistischen, auf die Seite blossen Scheines der Wirklichkeit, oder realistischen, auf die Seite der Wirklichkeit selbst hindeutenden Charakter an.250. Der Einfluss des realistischen Objects auf das Zustandekommen der phänomenalen Welt im Bewusstsein ist der geringste, wenn dasselbe als Wirkliches durch seine Thätigkeit nichts weiter bewirkt, als dass überhaupt Schein, der als Material zum Aufbau einer phänomenalen Welt durch das vorstellende Subject verwendet werden kann, im Bewusstsein vorhanden ist. Dieser Fall tritt in jener Gestalt zu Tage, welche Kant dem Idealismus gegeben hat, und die Rolle, die das Object in obiger Darstellung spielt, ist die nämliche, die Kant seinem „Ding an sich†zugewiesen hat. Dasselbe hat ihm zufolge keine andere Bestimmung, als die Existenz, keineswegs aber die Qualität des im Bewusstsein schwebenden Scheins eines Wirklichen begreiflich zu machen.Dassein Wirkliches ausser und neben dem vorstellenden Subjecte sei, wird durch die Thatsache der Existenz des Scheins eines solchen im Bewusstsein unzweifelhaft gemacht.Wasdas Wirkliche, dasnebstundausserdem vorstellenden Subjecte existirt, seiner Qualität nach sei, dagegen kann aus der Qualität des im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht ausgemacht werden, weil diese letztere lediglich von der Qualität des vorstellenden Subjects abhängig ist. Dasreale Object, „das Ding an sichâ€, ist der Grund, dass überhaupt im Bewusstsein Sinnesempfindungen (wie Gesichts-, Gehörs-, Geruchs-, Geschmacks- und Tastempfindungen)vorhanden sind; die Qualität des realen vorstellenden Subjects dagegen ist der Grund, dass im Bewusstsein geradeEmpfindungen(wie Farben, Töne, Wohlgerüche, Wohlgeschmäcke, Härte, Weichheit) vorhanden sind. Wäre das erste nicht, so entstünde überhaupt kein Schein, wäre das letztere ein anderes, als es ist, so entstünde anderer Schein. Wie die Existenz des Scheins von jener des Objects, so hängt die Qualität des Scheins von jener des Subjects ab; der im Bewusstsein wirkliche Schein in seiner qualitativen Eigenthümlichkeit ist daher nur durch das gemeinsame Zusammenwirken des Dings an sich und der specifischen Organisation des vorstellenden Subjects d. i. (wie Kant nach der alten Terminologie seiner Wolf’schen Schulung sich ausdrückte) „des Erkenntnissvermögens†erklärlich.251. Erklärlich aber auch, dass bei dieser Sachlage der jeweiligen thatsächlichen Beschaffenheit des sogenannten Erkenntnissvermögens an dem Zustandekommen und der Gestaltung der phänomenalen Welt der Löwenantheil zufallen muss. Liefert der objective Factor, das Ding an sich, nichts weiter als den Stoff, ja nicht einmal diesen selbst, sondern nur die Veranlassung, dass ein solcher, aus welchem die phänomenale Welt aufgebaut werden soll, überhaupt im Bewusstsein vorhanden ist, so muss der Grund der gesammten Form, in welcher der Stoff zum Aufbau zusammengeordnet, ja sogar der Form, in welcher derselbe zum Baue verwendet wird, gänzlich in dem subjectiven Factor d. i. in der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes d. i. in jener seines sogenannten Erkenntnissvermögens gesucht werden. Letzteres, als Baumeister der phänomenalen Welt, baut sozusagen auf eigene Hand, nicht nur nach eigenem Plan, sondern auch mit selbstgeformtem Material; das „Ding an sich†als Bauherr ist nur die Ursache, dass überhaupt gebaut wird und dass die erforderlichen Mittel zum Baue vorhanden sind.252. Der Organismus des sogenannten Erkenntnissvermögens ist es, welchen Kant seiner „Kritik der reinen Vernunft†zu Grunde gelegt und als dessen nothwendige Folgen die kritischen Ergebnisse dieser letzteren entsprungen sind. Insofern derselbe den idealistischen Factor der phänomenalen Welt repräsentirt, hat Kant seine Philosophie als Idealismus, insofern deren Ergebnisse auf die Betrachtung desselben als der Quelle der Bedingungen aller Erkenntniss gestützt sind,als Transcendentalphilosophie, und jenen Idealismus selbst (im Gegensatz zu dem gemeinen, empirischen) als transcendentalen Idealismus bezeichnet. Die Differenz seines und des empirischen Idealismus beschränkte sich jedoch nicht auf den genannten Unterschied, sondern wurzelte zugleich in der Verschiedenheit des vorstellenden Subjectes, welches den idealistischen Factor der phänomenalen Welt ausmacht, und welches im empirischen Idealismus das individuelle Einzelsubject, in dem seinen dagegen das allgemeine Gattungssubject, oder, nach Kant’s Ausdruck, das sogenannte transcendentale Subject ist. Folge davon ist, dass die Form der phänomenalen Welt, insofern dieselbe aus der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes stammt, im empirischen Idealismus nur eine individuelle, zufällige, für die Vorstellungswelt des Einzelsubjectes bestimmende, im transcendentalen Idealismus dagegen eine allgemeine und nothwendige, die Vorstellungswelt aller vorstellenden Einzelsubjecte derselben Gattung bestimmende sein muss. Durch diese Einführung der Form als einer allgemeinen und nothwendigen an der Stelle der blos zufälligen und singulären überwindet Kant den Hume’schen Skepticismus, der sich an die Sohlen des empirischen Idealismus geheftet hat, und verwandelt die phänomenale Welt d. i. die Welt der Erfahrung aus einer nur für den Einzelnen giltigen und nur zufällig (durch dessen individuelle Gewöhnung) entstandenen in eine für Alle identische und nothwendig (d. i. als unausbleibliche Folge der allen gemeinsamen Organisation des Erkenntnissvermögens) entstehende Erfahrung.253. Die beziehungsweisen Antheile des idealistischen Factors d. i. des in Allen identischen transcendentalen Subjectes einer- und des realistischen Factors d. i. des für Alle identischen (als seiner Qualität nach unbekanntes x hinter der phänomenalen Welt stehenden) Dings an sich an dem Zustandekommen einer allgemein giltigen Erfahrung sind es, welche Kant als das a priori und das a posteriori der Erfahrung bezeichnet. Zu dem letzteren gehört nach der Auffassung Kant’s nichts weiter als der sinnliche Stoff, zu welchem das „Ding an sich†den äusseren Anstoss gegeben hat; zu dem ersteren gehören sämmtliche Formen, welche demselben in aufsteigender Reihe durch die (im Sinne der alten Wolf’schen psychologischen Theorie) einander übergeordneten Stufen des sogenannten Erkenntnissvermögens, des Sinnes, des Verstandes und der Vernunft zu Theil werden sollen. Als solche betrachtete Kant bekanntlich die zwei von ihm sogenannten „reinen Anschauungsformenâ€, welche dem Sinn, die (zwölf) von ihm construirten „Urtheilsformenâ€,welche dem Verstande, und die (drei) von ihm anerkannten (Schlussformen), welche der Vernunft erb und eigen seien. Durch die Anwendung der erstgenannten, und zwar der reinen Anschauungsform des Raumes d. i. des Nebeneinander auf den durch die äusseren Sinne, der reinen Anschauungsform der Zeit d. i. des Nacheinander auf den durch den sogenannten inneren Sinn gegebenen Stoff entstehtder Scheinräumlich und zeitlich verschieden angeordneter Gruppen sinnlichen Vorstellungsmaterials, welche durch die Anwendung der reinen Urtheilsformen und der daraus deducirten Stammbegriffe (Kategorien) des Verstandes denScheinwirklicher Einzeldinge, und zwar solcher erhalten, die als Substanzen Träger von Eigenschaften, und entweder als Ursachen Urheber von anderen ihresgleichen als Wirkungen, oder selbst als Wirkungen durch andere ihresgleichen als Ursachen hervorgebracht sind. Durch die Anwendung endlich der reinen Schlussformen und der daraus abgeleiteten Ideen der Vernunft entsteht derScheinsolcher Wirklicher, die entweder (wie die Seele) das einheitliche Subject zu allen möglichen Prädicaten, oder (wie die Welt) die Totalität aller Ursachen und Wirkungen, oder (wie die Gottheit) als ens realissimum die Summe aller möglichen Prädicate darstellen.254. In dem Nachweis der Nothwendigkeit der Entstehung obiger Gattungen des wirklich Scheinenden besteht das positive, in dem gleichzeitigen Erweis, dass obige Gattungen deswirklich Scheinendennur eben so viele GattungenvomScheineines Wirklichen seien, das negative Resultat des Transcendentalidealismus. Hauptsächlich um des letzteren willen ist Kant der „alles Zermalmer†genannt worden. Es ist aber nicht zu übersehen, dass von anderer Seite aus angesehen Kant’s Philosophie dem negativen Ergebniss des Idealismus, der alles sogenannte Wirkliche in Schein auflöst, gegenüber ein sehr positives Ergebniss durch die nachdrückliche Betonung der Unentbehrlichkeit einer realen Unterlage der phänomenalen Welt in der Existenz des „Dings an sich†bietet, durch welche sich, wie Schopenhauer richtig gesehen hat, die zweite Auflage der „Kritik der reinen Vernunft†sehr merklich von der ersten, welche fast ausschliesslich der Hervorkehrung des idealistischen Factors gewidmet ist, unterscheidet. Nachdem diejenigen Wirklichen, welche Kant selbst als die eigentlichen Gegenstände der alten Metaphysik bezeichnet hat, Seele, Welt und Gott, sich unter dem Prisma der Kritik in blosse Scheinwirkliche aufgelöst haben, bleibt als Rest des Wirklichen das Ding an sich allein übrig, welches manmit Recht als den Rest der alten Metaphysik in Kant’s Philosophie, und dessen zu einem Minimum zusammengeschrumpfte Beschreibung man als den Inhalt dessen betrachten kann, was im eigentlichen Sinne des Wortes Kant’s Metaphysik heissen darf.255. Dieselbe setzt sich mit Ausnahme der Behauptung der leeren Existenz durchaus aus negativen Prädicaten zusammen. Dem Ding an sich können weder quantitative noch qualitative Bestimmungen beigelegt werden. Dasselbe kann in ersterer Hinsicht weder als Eins, noch als Vieles, in letzterer Hinsicht weder als raumlos, noch als räumlich (also auch weder als unendlich, noch als endlich, weder als ausgedehnt, noch als unausgedehnt), noch als zeitlos, oder zeitlich (also auch weder als in der Zeit entstanden, noch als ewig), noch als geistig (immateriell) oder körperlich (materiell) bezeichnet werden. Alles, was der transcendentale Idealismus von demselben weiss und auszusagen berechtigt ist, beschränkt sich darauf, zu behaupten,dasses sei, aber nicht,wases sei.256. Aber auch dies nur aus dem Grunde, weil der sinnliche Stoff als wirklicher Schein eine im Bewusstsein vorhandene Wirkung ist und daher als solche zur Ursache ein Wirkliches haben muss. Die Voraussetzung, dass jede Wirkung ihre zureichende Ursache haben müsse (das von Leibnitz sogenannte principium rationis sufficientis) gehört zu den fundamentalen Axiomen des Denkens, nach Kant insbesondere zu den dem Organismus des Erkenntnissvermögens wesentlichen Urtheilsformen des Verstandes. Aus ersterem folgt, dass sich ein Denken, für welches obiger Satz fundamentale Geltung besitzt, von einem in dieser Hinsicht anders geartet sein sollenden Denken d. i. einem solchen, für welches derselbe jene Giltigkeit nicht besässe, schlechterdings keine Vorstellung zu machen im Stande sei. Aus letzterem folgt, dass ein im Kantschen Sinn organisirtes Erkenntnissvermögen der Folgerung, dass jeder angeblichen Wirkung eine derselben genügende Ursache entsprechen müsse, schlechterdings nicht zu entrathen vermag, ohne sich selbst aufzuheben. Beides zusammen macht einleuchtend, dass die auch vom Idealismus unbestrittene Thatsache der Existenz wirklichen Scheins zu dem Schlusse führen muss, dass auch als Ursache desselben irgend ein Wirkliches existire.257. „Wie der Rauch auf die Flamme, deutet Schein auf Seinâ€; in diesen Worten Herbart’s ist obiger Schluss am prägnantesten ausgesprochen. Allerdings mit dem Seitenblick, dass dieses angedeutete Sein nicht inner-, sondern ausserhalb desjenigen Wirklichen,welches den Träger des Scheins darstellt, d. i. des vorstellenden Subjects zu suchen sein möchte. Hier ist der Punkt, wo die Nachfolger Kant’s, die, wie er, auf dem Boden des Transcendentalidealismus stehen, in die einander entgegengesetzten Richtungen eines Idealismus, der sich auf das Subject des Scheins (den idealistischen Factor) d. i. eines idealistischen, und eines solchen, der sich auf das Object des Scheins (den realistischen Factor) stützt, d. i. eines realistischen Idealismus (der im Vergleiche mit jenem auch Realismus heissen kann) aus einander gehen. Aber auch die Stelle, wo diejenigen, die nicht wie Kant auf dem Boden des transcendentalen Idealismus beharren, sondern mit Umgehung des idealistischen Factors das Wirkliche unmittelbar, weder durch einen Schluss von der Wirkung auf die Ursache, noch überhaupt durch einen Act eines wie immer gearteten Denkens, sondern auf einem von diesem gänzlich verschiedenen Wege (etwa durch das Gefühl wie Jacobi, oder durch den Willen wie Schopenhauer) ergreifen zu können glauben, sich von jenen trennen und zu einem das Denken transcendirenden (deshalb fälschlichtranscendentalgenannten) Realismus gelangt sind.258. Darin stimmen beide, der idealistische und der realistische Idealismus, mit einander überein, dass der Schein als wirklicher eine Ursache und zwar ein Wirkliches zur Ursache haben müsse; aber darin gehen sie beide aus einander, dass der erstere diese Ursache innerhalb, der andere dieselbe ausserhalb des Bewusstseins sucht. Der „Jude Kant’sâ€, Salomon Maimon, war es, der zuerst die Bemerkung machte, dass die Annahme des Dings an sich von Seite Kant’s auf einem Fehlschluss beruhe. Wenn der Satz, dass jede Wirkung eine Ursache haben müsse, wie die kritische Organisation des Erkenntnissvermögens lehrt, nichts anderes ist als eine dem vorstellenden Subject, und zwar dessen Verstande innewohnende Urtheilsform, so folgt, dass das Subject zwar niemals umhin kann, wo es eine Erscheinung als Wirkung betrachtet, eine Ursache derselben vorauszusetzen, dass aber daraus, dass das Subject durch die Natur seines Erkenntnissvermögens zu diesem Vorgang gezwungen ist, auf keine Weise gefolgert werden darf, dass eine derartige Ursache auch wirklich vorhanden sei. Wenn daher Kant aus der Existenz der Empfindungen auf die nothwendige Existenz des Dings an sich als deren Ursache schliesse, so begehe derselbe eine mit seinen eigenen Principien im Widerspruch stehende Erschleichung, indem aus den letzteren keineswegs die Existenz des Objects,sondern höchstens für das Subject die Nothwendigkeit sich ableiten lasse, ein solches vorauszusetzen. Als Fichte’s Wissenschaftslehre mit der Behauptung hervortrat, dass Kant durch die Zulassung des Dings an sich als Ursache des Stoffs der phänomenalen Welt mit sich selbst in unhaltbaren Widerspruch gerathe, war ihm jener mit der gleichen schon vorangegangen. Fichte aber war es, welcher aus obigem Selbstwiderspruch zuerst die Folgerung zog, dass die Annahme der Existenz eines Dings an sich als eines vom Träger des im Bewusstsein wirklichen Scheins unterschiedenen Wirklichen gänzlich fallen gelassen d. h. dass der realistische Factor des Transcendentalidealismus, das Object, welchesscheint, entfernt werden müsse.259. Nach dem Verschwinden des realistischen bleibt von den beiden Factoren, durch deren Zusammenwirken die phänomenale Welt des transcendentalen Idealismus entsteht, nur der idealistische Factor, nach der Entfernung des Objects,welchesscheint, von den beiden Wirklichen, deren gemeinsames Product die Welt des Bewusstseins ist, nur das Subject,welchemscheint, übrig, geht der transcendentale Idealismus in einen solchen desSubjects(subjectiver Idealismus) über. Statt zweier Wirklicher, welche die Basis des transcendentalen Idealismus bilden, hat der subjective Idealismus zu seinem Substrat ein einziges Wirkliches, welches zugleich die Rolle des idealistischen und des realistischen Factors der phänomenalen Welt übernimmt d. h. der phänomenalen Welt nicht nur (wie der erste) die Form gibt, sondern auch (wie der letztere) den erforderlichen Stoff (das sinnliche Empfindungsmaterial) selbst erzeugt. Während daher im transcendentalen Idealismus der Träger des Scheins, das wirkliche Subject, gegen die Ursache desselben, das wirkliche Object, sich leidend, letzteres gegen ersteres sich thätig verhält, stellt derselbe im subjectiven Idealismus als Träger (Subject) zugleich die Ursache (Object) des Scheins in einem identischen Wirklichen dar, verhält sich das nämliche Wirkliche zugleich als Subject leidend gegen sich selbst als Object und thätig als Object gegen sich selbst als Subject d. h. als Subject-Object. Den Anstoss, welchen im transcendentalen Idealismus das Subject vom Object empfing, um Empfindung d. i. Material der phänomenalen Welt im Bewusstsein hervortreten zu lassen, empfängt dasselbe nunmehr nicht von einem von ihm unterschiedenen Andern, sondern von sich selbst. Das von ihm unterschiedene Andere (Object), welches der transcendentale Idealismus noch als ein wirklich Anderes (d. i. als ein anderes Wirkliches) ansah, ist in den Augen des subjectivenIdealismus nur mehr ein scheinbar Anderes, in Wirklichkeit kein Anderes als das Subject, welches das erste und einzige Wirkliche zugleich ist. Dasselbe, insofern es die Rolle des wirklichen realistischen Factors, des Objects, spielt, producirt nicht blos sämmtlichen Stoff der phänomenalen Welt, sondern es schafft auch den Schein, als sei dieser Stoff durch ein Anderes als es selbst d. h. es schafft den Schein eines realen Objects, welches den Stoff der phänomenalen Welt producirt. Letzterer, als vom Subject geschaffener Schein eines von diesem unterschiedenen Objects und daher dieses selbst, ist sonach in der That nichts weiter als eine Schöpfung d. i. eine durch einen Setzungsact des Subjects entstandene und daher von diesem abhängige Setzung desselben, eine Fiction, aber nichts Wirkliches. Wird diese seine fictive Natur vorübergehend verkannt, der Schein eines Objects für dessen Wirklichkeit genommen, das scheinbare Object, als ob es ein Wirkliches wäre, dem Subject entgegengesetzt, so muss diese Täuschung, welche, weil das Subject das einzige Wirkliche ist, nur eine Selbsttäuschung des Subjects sein kann, einmal ein Ende nehmen, das scheinbare Object als blosser Schein eines Objects erkannt und das vermeintlich vom Subject unterschiedene, als von ihm unabhängig wirklich bestehendes gedachte Object als von ihm abhängiges und nur durch dessen eigene Setzung entstandenes vom Subjecte zurückgenommen werden.260. Setzung des Objects durch das Subject, Verkennung des scheinbaren Objects, indem dasselbe für wirklich gehalten wird, und Wiedererkennung des fälschlich für wirklich gehaltenen Objects als eines nur scheinbar vom Subject Verschiedenen sind die drei Momente, in welchen die innere Entwickelungsgeschichte des einzigen Wirklichen, welches der subjective Idealismus stehen gelassen hat, des Trägers des Scheins im Bewusstsein sich vollzieht. Dieselbe stellt gleichsam den Fortschritt einer dramatischen Handlung dar, in welcher das ursprünglich Geschehene durch den Schein des Gegentheils vorübergehend verdunkelt und am Schlusse aus der Verdunkelung wieder hergestellt wird. Wie in der letzteren das wirklich Geschehene vor dem Beginn d. i. ausserhalb der sichtbaren Handlung gelegen, also der Kenntniss des Zuschauers anfänglich entzogen ist, so liegt im obigen Process innerhalb des Bewusstseins das wirklich Geschehene, die Setzung des scheinbaren Objects durch das Subject, vor dem Beginn d. i. ausserhalb des erwachten Bewusstseins und bleibt auf diese Weise der Kenntniss des Subjects d. i. dessen eigenem Bewusstsein über sich selbst verborgen. Aus ersterem folgt,dass beim Beginne des Dramas die sichtbare Handlung das Gegentheil dessen zeigt, was wirklich geschehen ist; aus dem letzteren folgt, dass beim Erwachen des Bewusstseins der Inhalt desselben das Gegentheil dessen aufweist, was wirklich der Fall ist; jene stellt das Geschehene als nicht geschehen, diese stellt das vom Subject gesetzte Object als nicht gesetzt durch das Subject dar. Die schliessliche Lösung erfolgt, wie in der dramatischen Handlung durch die Aufhellung des Geschehenen, so in obigem Bewusstseinsprocess durch die Selbstaufhellung d. i. durch das Bewusstwerden des Subjects über sich selbst und seine eigene Setzung des Objects, d. i. durch das Selbstbewusstsein.261. Dieses Subject, das einzige Wirkliche und folglich Wirkende ist es, welches der Urheber der Wissenschaftslehre das „Ich†genannt und dessen in den drei auf einander folgenden Stufen der Thesis, Antithesis und Synthesis sich entwickelnde Natur derselbe als niemals rastendes Thun (d. i. unablässiges Wirken) bezeichnet hat. Dasselbe setzt im Lauf seiner Entwickelung sein eigenes Gegentheil, das Nicht-Ich, und nimmt es im Verfolge derselben als von ihm selbst gesetztes d. h. als Ich in sich wieder zurück. Der erste Theil dieses Processes, welcher sich vor dem Bewusstwerden vollzieht, stellt die bewusstlose d. i. die Naturseite (Nachtseite) der Entwickelung des Ich, der zweite Theil desselben, weil er sich bei Bewusstsein vollzieht, stellt die bewusste d. i. die Geistesseite (Tagseite) derselben und, da das Ich das einzige Wirkliche ist, jener Abschnitt zugleich die Entwickelung des Wirklichen als eines bewusstlosen d. i. als Natur, dieser jene des nämlichen Wirklichen als eines bewussten d. i. als Geist dar. Die Gliederung der gesammten Wissenschaft vom Wirklichen vom Standpunkt des subjectiven Idealismus aus in eine solche vom Ich als Natur (Naturphilosophie) und vom Ich als Geist (Geistesphilosophie), aber auch die Möglichkeit einer solchen, welche beide Seiten der Entwickelung des Ich als Entwickelungsseiten eines und des nämlichen Ich, als identisch betrachtet (Identitätsphilosophie), so wie einer weitern, welche die Betrachtung des Entwickelungsgesetzes des Ich als eines nicht nur selbst innerlich nothwendigen, sondern diese Entwickelung nothwendig fordernden, der Betrachtung des wirklichen Entwickelungsganges desselben als Natur und Geist voranstellt (Dialektik, metaphysische Logik) ist dadurch vorgezeichnet.262. Je nachdem das Ich als Wirkliches (agens), oder als blosser Infinitiv, als Wirken (agere) bestimmt, das erstere entwederals endliches oder als unendliches (absolutes) Ich aufgefasst wird, gliedert sich der Idealismus des Subjects in die drei Stufen des (im engeren Sinn sogenannten) subjectiven Idealismus (Fichte), absoluten Idealismus (Schelling) und Panlogismus (Hegel). Jener besteht darin, dass als einziges Wirkliches ein endliches Ich (das transcendentale Subject); der zweite darin, dass als einziges Wirkliches ein absolutes Ich (die Gottheit, das absolute Subject); der dritte darin, dass als einziges Wirkliches das unpersönliche Wirken und zwar, da das einzige Wirkliche des Idealismus das vorstellende (denkende) Subject ist, das unpersönliche Denken, die Vernunft angesehen wird. Die Entwickelungsgeschichte des ersten d. i. der Inhalt der gesammten Wissenschaft stellt den Bewusstseinsprocess dar, mittels dessen das endliche Ich zum Bewusstsein seiner selbst, zum Selbstbewusstsein gelangt d. i. Geist wird. Jene des zweiten macht den immanenten Entwickelungsprocess aus, mittels dessen das absolute Subject durch die vorläufigen Phasen der Natur- und der Weltgeschichte hindurch zum Bewusstsein seiner selbst d. i. zum Bewusstsein seiner Göttlichkeit, zum absoluten Bewusstsein gelangt d. i. absoluter Geist, Gott wird. („Am Ende der Weltgeschichteâ€, sagte Schelling, „wird Gott seinâ€.) Der Panlogismus endlich repräsentirt den dialektischen Process, mittels dessen die unpersönliche (objective) Vernunft (die logische Idee) durch ihr Gegentheil, das vernunftlose Sein (die Natur), hindurch zur persönlichen (subjectiven) Vernunft (zum absoluten Geiste) wird. („Aufgabe der Philosophie istâ€, sagte Hegel, „die Substanz zum Subjecte zu machenâ€.)263. Alle drei Formen des Idealismus des Subjects kommen darin überein, das Wirkliche sei, aber auch, dass nur ein Einziges wirklich sei. Wird daher dieses als einziges Wirkliches von einem Widerspruch betroffen, welcher entweder verhindert, dasselbe überhaupt anzunehmen, oder doch hindert, dasselbe als wirklich gelten zu lassen, so werden sämmtliche Formen jenes Idealismus von demselben zugleich betroffen. Derselbe ging von dem Satze aus, dass der Schluss des transcendentalen Idealismus von dem Schein als Wirkung auf ein Object als Ursache desselben ein Selbstwiderspruch sei, aus dem Grunde, weil die Folgerung von der Wirkung auf die Ursache nur eine Urtheilsform des Verstandes, und daher die Consequenz, dass der Schein im Bewusstsein eine Ursache haben müsse, zwar für den Verstand unvermeidlich, aber darum nichts weniger als (objectiv) giltig sei. Gleichwol hat diese Einsicht, wenn sie den Namen verdient, den Idealismus nicht gehindert, von der Thatsachedes im Bewusstsein schwebenden Scheins auf eine erzeugende Ursache desselben zurückzuschliessen, nur mit dem Unterschied, dass er dieselbe nichtausserhalbdes Bewusstseins (in ein Object), sondern in den Träger des Bewusstseins (in das Subject) verlegt d. h. dieses selbst zur Ursache des Scheines macht. Wenn nun, wie der Idealismus behauptet, der Schluss von der Wirkung auf eine Ursache als blosse Verstandesform überhaupt unberechtigt ist, so ist der Schluss von der Wirkung auf eine innerhalb des Bewusstseins gelegene, sogenannte innere Ursache mindestens ebenso unberechtigt, wie jener von der Wirkung auf eine ausserhalb des Bewusstseins gelegene, sogenannte äussere Ursache. Der subjective Idealismus hat daher von diesem Gesichtspunkt aus ebensowenig das Recht, das Subject als Wirkliches, wie der objective Idealismus seiner Meinung nach ein solches besitzt, ein vom Subject unterschiedenes Object als Wirkliches anzunehmen.264. Wie man sieht, hat der Idealismus des Subjects, der gewöhnlich kurzweg mit dem Namen Idealismus bezeichnet wird, in diesem Punkt dem Idealismus des Objects, kurzweg Realismus genannt, nichts vorzuwerfen. Derselbe hat nicht nur nicht mehr und nicht weniger ein Recht, als erzeugende Ursache des Scheins ein Wirkliches, er hat überdies, was bedenklicher ist, kein Recht, das von ihm angenommene Wirkliche als wirklich anzunehmen. Letztere Annahme fällt, wenn dasjenige, was als wirklich gedacht werden soll, mit einer Eigenschaft behaftet ist, welche verhindert, dasselbe als wirklich zu denken. Dieser Fall tritt aber ein, wenn dasjenige, was als wirklich gedacht werden soll, in sich einen Widerspruch einschliesst. So gewiss aus dem Umstand, dass ein als wirklich zu Denkendes keinen Widerspruch einschliesst, nur geschlossen werden kann, dass es möglich, keineswegs, dass es wirklich sei, so gewiss muss aus dem Umstand, dass ein als wirklich zu Denkendes in sich einen Widerspruch enthält, die Folgerung gezogen werden, dass dasselbe unmöglich d. i. auf keine Weise je wirklich sei. Das einzige Wirkliche des Idealismus, das Ich, nun soll in der Weise gedacht werden, dass dasselbe zugleich sein eigenes Object und sein eigenes Subject sei, den Stoff seiner phänomenalen Welt zugleich empfange und erzeuge, also zugleich gegen sich selbst als Leidendes und auf sich selbst als Thätiges sich verhalte d. h. es soll so gedacht werden, dass es zugleich seine eigene Ursache und seine eigene Wirkung (causa sui), also dass es im strengsten logischen Sinn des Wortes Entgegengesetztes d. i. sichunter einander Ausschliessendes zugleich und als jedes von beiden sein eigenes Gegentheil, um es mit einem Wort zu sagen, der lebendige Widerspruch sei. Ein solcher aber kann nicht als wirklich gedacht werden.265. Auch dann nicht, wenn die Erfahrung ihn zu bestätigen scheint. Die Thatsache, welche der Idealismus anzuführen liebt, um durch dieselbe zu erweisen, dass ein sich zugleich als Thätiges und Leidendes Verhaltendes, eine causa sui, wirklich, und daher, was auch die Logik dagegen einwenden möge, möglich sei, ist das Phänomen des Selbstbewusstseins. Dasselbe, so schliesst der Idealismus, als factisches Bewusstsein des Selbst von sich selbst, ist thatsächlich Subject und Object, Leidendes und Thätiges, Ursache und Wirkung zugleich: dasIchstellt sich vor und das Ich stelltsichvor. Als jenes ist es das Vorstellende (Subject), als dieses das Vorgestellte (Object), als beider Identität ist das Ich Vorstellendes und Vorgestelltes zugleich (Subject-Object). Durch diese unbestreitbar scheinende psychologische Thatsache, d. i. durch die Wirklichkeit eines im logischen Sinn mit einem inneren Widerspruch Behafteten ist nach der Meinung des Idealismus die Möglichkeit, ein in sich Widersprechendes als wirklich zu denken, erwiesen; der Einspruch der Logik, dass Widersprechendes nicht als wirklich gedacht werden könne, abgewiesen.266. Gegenüber dem Canon: a non posse valet conclusio ad non esse, geht der Idealismus von dementgegengesetztenaus: ab esse valet conclusio ad posse. Die Richtigkeit seiner Folgerung hängt von dem Umstande ab, ob und dass die angebliche Thatsache des Selbstbewusstseins wirklich eine Thatsache, oder, was eben so viel ist, ob und dass die Behauptung, dasIchstellesichvor, auf einer wirklichen Erfahrung oder auf einer blossen Einbildung beruhe. Die Thatsache, welche den Widerspruch zustürzenbestimmt ist, darf nicht selbst wieder auf einen Widerspruch sichstützen. Dieselbe muss, um gegen die Einrede der Logik Stand zu halten, eine selbst widerspruchsfreie, evidente, nicht nichtanzuerkennende Thatsache sein.267. Es fehlt viel, dass die sogenannte Thatsache des Selbstbewusstseins dieser Forderung genügte. Wenn, wie der Idealismus einräumt, das Phänomen des Selbstbewusstseins nichts weiteres in sich schliesst als das „Sich sich Vorstellen†(se sibi repraesentare) des Ichs, so enthält das Sich (se) abermals nichts anderes als das Ich d. h. das Sich sich Vorstellen, das Sich (se) in diesem aberdas nämliche „Sich sich Vorstellen†zum dritten, und das sich darin wiederholende Sich dasselbe zum vierten Male u. s. f., d. h. es entsteht ein regressus in infinitum. Das Ich erweist sich als eine mit der Forderung, eine unendliche Reihe vorzustellen, behaftete, demnach als eine im wirklichen Vorstellen schlechthin unvollendbare Vorstellung d. h. als eine solche, die niemals Thatsache d. i. wirkliche Vorstellung sein kann. Einer Thatsache aber, die keine sein kann, gegenüber steht der Einwand der Logik, dass in sich Widersprechendes niemals wirklich sein könne, aufrecht.268. Der Widerspruch, welcher den Idealismus ausschliesst, liegt sonach nicht darin, dass er als Ursache des im Bewusstsein schwebenden Scheins ein Wirkliches setzt, sondern darin, dass er als solche ein in sich Widersprechendes d. h. ein Wirkliches setzt, das nicht als wirklich gedacht werden darf. Indem derIdealismus des Objects, derRealismus, von dem im Bewusstsein schwebenden Schein als Wirkung auf eine denselben erzeugende Ursache schliesst, thut er nichts anderes, als, wie oben gezeigt, auch der Idealismus thut; indem derselbe als solche jedoch nicht ein in sich Widersprechendes, sondern ein solches setzt, das ohne Einsprache der Logik als wirklich gedacht werden kann, thut er wirklichanderesund besseres, als jener that. Derselbe begnügt sich weder, im Gegensatz zum Idealismus des Subjects, die Annahme des Ich als des einzigen Wirklichen abzulehnen, noch, in Uebereinstimmung mit Kant, die Unerlässlichkeit der Annahme eines übrigens in jeder Hinsicht unbekannten realen x, des von jeder denkbaren quantitativen und qualitativen Bestimmtheit entblössten „Dings an sichâ€, zuzugeben, sondern schreitet im Gegensatze zu beiden zu der eben so wol realistischen als pluralistischen Behauptung fort, dass nicht nur Wirkliches sei, sondern unbestimmt viele Wirkliche seien d. h. dass die Voraussetzung solcher auf Grundlage und zur Erklärung des thatsächlich im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht nur nicht widersprechend, sondern im Gegentheil, das Gegentheil derselben der Forderung eines logischen Denkens widersprechend sei.269. Weshalb die Annahme, es gebe Wirkliches, nicht nur nicht widersprechend, sondern vielmehr die gegentheilige Annahme, es gebe kein Wirkliches, widersprechend sei, ist schon oben gezeigt worden. Von dem „Rauche†des Scheins gilt der Schluss auf die „Flamme†des Seins. Wo nichts Wirkliches wäre, könnte auch keines scheinen; keineswegs aber gilt auch der umgekehrte Satz,dass, wo kein Wirkliches scheint, auch kein Wirkliches vorhanden sei. Denn es lässt sich sehr wol denken, dass Wirkliches sei, auch ohne zu scheinen. Die Setzung des Wirklichen auf Grundlage des vorhandenen Scheins ist eine bedingte; das Gesetztsein des Wirklichen aber ist ein durch dessen Setzung auf Grundlage des Scheins nicht bedingtes, also unbedingtes. Dasselbewirdgesetzt, weil der Schein gesetzt ist; aber eswäregesetzt, auch wenn der Schein nicht gesetzt wäre. Die Setzung desselben erfolgt nicht, wie jene des (scheinbaren) Objects im Idealismus, durch das Ich, welches setzt, sondern besteht, wie der von seinem Gedachtwerden unabhängige Denkinhalt, auch ohne Subject, welches setzt. Die Position des (scheinbaren) Objects durch das Subject (im Idealismus) ist eine relative; mit dem Subject fällt auch das Object. Die Position des Wirklichen im Realismus ist eineabsolute; dieselbe hört nicht auf, auch wenn das Subject aufhört.270. Nur die letztere Position ist wahre, die relative ist keine Position. Das eigentlich Ponirte ist in der relativen Position nicht das Gesetzte (das Object), sondern das Setzende (das Subject); die Position des Ponirten ist daher nur eine scheinbare; die wahre Position ist die des Ponirenden. Dieses allein ist wahrhaft, das von ihm Gesetzte nur dem Anschein nach wirklich; das einzige Wirkliche sonach nicht das Gesetzte, das Object, sondern das Setzende, das Subject. Soll das Object das Wirkliche d. i. nicht nur dem Schein nach, sondern in Wahrheit wirklich sein, so muss es von seiner Setzung durch das Subject unabhängig gesetzt d. h. es muss als das, was es ist, auch dann gesetzt sein, wenn weder eine Setzung desselben durch ein Subject, noch überhaupt ein von demselben unterschiedenes Subject je wirklich vorhanden ist.271. Die absolute Position ist der Ausdruck des Seins. Durch dieselbe ist das Sein, wie von jeder Setzung durch das Subject, so auch von der Setzung durch jedes, wie immer geartete Denken unabhängig. Dasselbe ist, wie Bonaparte zu Campoformio von der französischen Republik sagte: „wie die Sonne, wehe dem, der sie nicht sieht!†Dem Denken bleibt nichts übrig, als das Sein als das, was es von vornherein ist, als Sein anzuerkennen; das Sein aber als solches bedarf dieser Anerkennung durch das Denken nicht. Das Sein ist nicht, wie Schelling sagte, „vor†dem Denken, aber es bestünde auchohnedas Denken.272. Ein Denken, welches das Wirkliche nicht als absolut d. i. als von ihm unabhängig gesetzt dächte, hätte dasselbe nicht alsSein, sondern als Schein gedacht. Derselbe Grund, welcher das Denken nöthigt, ein Wirkliches zu denken, nöthigt es auch, dieses letztere als unbedingt gesetzt d. i. als seiend zu denken. Der Grund aber, der für das Denken die Annahme eines Wirklichen unvermeidlich macht, ist die Thatsache des Scheins des Wirklichen d. i. das — nicht willkürlich durch den Willen des Denkenden, sondern unwillkürlich,ohne, ja selbstwiderden Willen des Denkenden — Gegebensein des Scheins des Wirklichen. Der Inhalt dieser durch die Thatsache des Scheins des Wirklichen d. i. durch die ErfahrungbedingtenSetzung ist dasunbedingtGesetzte.273.Dassdas Wirkliche, was es auch immer sei, unbedingt gesetzt, nicht aber,wasdas Wirkliche,wenngesetzt, seinemWasnach sei, ist damit ausgesprochen. Nur so viel lässt sich folgern, dass, wie auch das Was des Wirklichen gedacht werden möge, dasselbe nicht so gedacht werden dürfe, dass dessen unbedingtes Gesetztsein dadurch unmöglich gemacht wäre. Dies aber würde der Fall sein, nicht nur wenn das Was des Wirklichen in irgend einer Weise von der Natur eines dasselbe Setzenden abhängig gedacht, sondern auch dann, wenn dasselbe durch das Gesetztsein eines Andern bedingt gedacht würde. Dasselbe darf in ersterer Hinsicht daher nicht so beschaffen gedacht werden, wie das vermeintlich Setzende (z. B. das vorstellende Subject) seiner Beschaffenheit nach ist d. h. etwa als vorstellend, weil dieses letztere vorstellt, oder als fühlend, oder wollend, weil dieses letztere fühlt und will. Es darf aber auch in letzterer Hinsicht nicht so gedacht werden, dass dessen Gesetztsein das Gesetztsein eines Anderen bedingt, also nicht als zusammengesetzt d. i. aus Theilen bestehend, weil dann dessen Gesetztsein durch das Gesetztsein jedes einzelnen dieser Theile bedingt, also nicht unbedingt wäre. Aus ersterem folgt, dass das Was des Wirklichen in keiner Weise aus dem Was etwa des vorstellenden Subjects als des vermeintlich dasselbe Setzenden erschlossen werden könne. Aus dem letzteren folgt, dass das Was des Wirklichen, weil unbedingt gesetzt, nicht zusammengesetzt d. i. nicht aus Theilen bestehend sein dürfe, sondern strengeinfachsein müsse.274. Jedes wahrhaft Wirkliche ist daher einfaches Wirkliches. Dasselbe ist nicht nur, wie das sogenannte physikalische Atom, scheinbar, sondern wirklich „atom†d. i. untheilbar; nicht blos, wie jenes, weil es mit den vorhandenen Werkzeugen nicht mehr getheilt werden kann, oder für den gegebenen Zweck nicht mehrweiter getheilt zu werden braucht, sondern, weil es schlechthin keine Theile hat. Dasselbe schliesst seiner Einfachheit halber zwar nichtjedeVielheit, aber doch jede Vielheit einander coordinirter Glieder von sich aus d. h. dasselbe ist weder ein Bündel einander nebengeordneter Eigenschaften, noch eine Summe ebensolcher sogenannter Kräfte oder Vermögen. Es kann sein Was weder verlieren noch verändern, ohne (was unmöglich ist bei einem unbedingt Gesetzten) selbst aufzuhören. Dasselbe kann daher weder qualitativ ein anderes als, noch quantitativ ein mehr oder weniger dessen werden, was es ist; dasselbe ist, sobald es ist, sowol ewig als unveränderlich; weder dessen (unbedingtes, also von jeder Bedingung unabhängiges) Gesetztsein, noch dessen einfaches, jeder Zuthat oder Abtrennung von Theilen, jedes Wachsthums wie jeder Abnahme unfähiges Was kann einen Wechsel erleiden. Die unvermeidliche Consequenz der absoluten Position und der Einfachheit des Was ist dieErhaltungdes wandellosenSelbstjedes Wirklichen.275. Im Begriffe des Wirklichen liegt, dass es Wirkendes ist d. i. wirkt d. h. dass dessen Sein und dessen einfache Qualität von dessen Wirken d. i. sich Bethätigen unabtrennlich ist. Weder ein Wirkliches, das nicht wäre, noch ein Seiendes, das nicht wirkte, wäre ein wahrhaft Wirkliches; jenes wäre nur der Schein eines Wirklichen, dieses wäre ein Todtes, also nicht Wirkliches. Die Zusammengehörigkeit beider darf nicht so gedacht werden, als wäre das Sein und die Qualität das Substrat des Wirkens d. h. als besässe das Wirkliche alsseiende, aber nichtwirkendeQualität seine besondere, alsseiende, aberwirksameQualität wieder seine abgesonderte Wirklichkeit d. h. als stellte die seiende Qualität nach Abzug des Wirkens gleichsam das Residuum, das caput mortuum des Wirklichen dar. Die unbedingt gesetzte einfache Qualität und das Wirken sind nicht nur im Begriffe des Wirklichen, sondern in diesem selbst unzertrennlich eins, so dass das Wirkliche weder gedacht werden kann, ohne dasselbe als wirkend zu denken, noch als Wirkliches sein d. h. wirklich sein kann, ohne zu wirken.276. Ebensowenig wie die absolute Position, das unbedingte d. i. bedingungslose Gesetztsein, darf das mit derselben im Wirklichen in Eins verschmolzene Wirken von einer, wie immer gearteten Bedingung abhängig gedacht werden. Weder kann dessen Beginn, noch dessen Aufhören an einen Zeitpunkt geknüpft werden, vor welchem und nach welchem zwar das unbedingt Gesetzte, aber nicht als Wirkendes, sondern als Wirkungsloses bestünde, noch darfdasselbe so verstanden werden, als setzte es einen besondern, noch weniger einen von ihm, dem Wirklichen, unterschiedenen Stoff voraus, um sich als Wirken zu bewähren. Die Frucht des mit der absolut gesetzten einfachen Qualität unauflöslich und unablösbar verbundenen Wirkens des Wirklichen ist dessen Wirklichkeit.277. Nothwendige Wirkung des mit dem Wirklichen seiner Natur nach verbundenen Wirkens ist, dass etwas geschieht. Das Gegentheil, die Annahme, dass nichts geschehe, ungeachtet gewirkt wird, widerspricht sich selbst. Denn ein Wirken ohne wie immer beschaffenen Erfolg hätte nichts bewirkt d. h. wäre kein Wirken gewesen. Nothwendige Folge der Einfachheit und Unveränderlichkeit der Qualität des Wirklichen ist, dass, was immer geschehe, weder eine Setzung, noch Aufhebung der absoluten Position eines Wirklichen, noch die, sei es quantitative, sei es qualitative Abänderung der Qualität eines Wirklichen, weder der eigenen, noch einer fremden sein kann; daher alles, was wirklich geschieht, weder die Qualität, noch das Gesetztsein des Wirklichen, sondern nur das mit demselben unablöslich verschmolzene Wirken des Wirklichen angehen kann d. h. dass alles, was wirklich in Folge des Wirkens geschieht, nur eine Aenderung (Modification) dieses Wirkens selbst, beziehungsweise dessen Zunahme oder Abnahme, Förderung oder Hemmung, Erhaltung in der bisherigen, oder Ablenkung nach einer andern Richtung bedeuten kann.278. Dass überhaupt Wirkliches ist und, was wirklich ist, wirkt, macht die realistische, dass mehr als ein einziges Wirkliches, eine unbestimmbare Menge von Wirklichen sei, die pluralistische Seite des Realismus aus. Wie das erstere aus dem Satze, dass scheinbar Wirkliches, so folgt das letztere aus der Thatsache, dass der Schein eines vielfachen Wirklichen gegeben ist. Während der Schluss dort lautet: ohne Sein kein Schein, lautet er hier: ohne Vielheit und Vielfachheit des Seins keine Vielheit und Vielfachheit des Scheins. Die entgegengesetzte Annahme, dass aus der Einheit und Einfachheit des Seins der Schein der Vielheit und Vielfachheit des Seins hervorgehe, widerspricht sich selbst. Dieselbe lässt unerklärt, warum, wenn das Erzeugende, der realistische Factor, die Ursache der Empfindung, das nämliche ist, die Wirkung derselben, die Empfindung, bald diese, bald jene sei, das „Ding an sichâ€, von welchem der Anstoss zur Empfindung ausgeht, bald eine Gesichts-, bald eine Gehörsempfindung, und wieder einmal die Empfindung des Blauen, ein anderes mal die des Rothen verursache, dabei aber selbst alsUrsache immer dasselbe bleibe. Wird an die Stelle des Dings an sich das Wirkliche d. i. eine absolut gesetzte, einfache Qualität substituirt, so erhöht sich die Schwierigkeit, zu begreifen, wie diese letztere, welche als einfach jede Vielheit coordinirter, aber unter einander qualitativ verschiedener Wirkungsweisen ausschliesst, doch zugleich Ursache qualitativ verschiedener Wirkungen d. i. z. B. qualitativ unterschiedener Empfindungen werden könne; dieselbe führt daher mit Nothwendigkeit dazu, so viele und so vielerlei qualitativ verschiedene Ursachen vorauszusetzen, als und so vielerlei qualitativ verschiedene Wirkungen gegeben sind d. h. wo die Thatsache vielfachen qualitativ unterschiedenen Scheins gegeben ist, auch die Existenz eines vielfachen und qualitativ unterschiedenen Wirklichen zu postuliren.
231. Was überhaupt Wirkliches, dass irgendwie Wirkliches, und was oder welcher Art das Wirkliche sei, ist weder so ausgemacht, noch so leicht auszumachen, als diejenigen, welche es lieben, die Wissenschaft vom Wirklichen als allein wirkliche Wissenschaft den „hohlen Träumen der Speculation†entgegenzusetzen, zu glauben sich anstellen oder Andere gern überreden möchten. Sofern und so lange es gewiss ist, dass der Weg zum Wirklichen für das wirkliche Vorstellen nur durch das wirklich Scheinende d. i. durch den Schein des Wirklichen führt, der Schein der Wirklichkeit für das Bewusstsein früher gegeben ist und demselben näher steht als die, wenn überhaupt vorhandene, hinter demselben stehende Wirklichkeit selbst: so lange bleibt es unbestreitbar, dass die Wissenschaft vom Wirklichen zunächst und vor allem mit dem anscheinend Wirklichen sich aus einander zu setzen hat, wenn sie nicht in Gefahr gerathen soll, blos scheinbar Wirkliches für das Wirkliche selbst, oder, was in den Ohren der Freunde der Wirklichkeit noch befremdender klingen müsste, den Schein für das einzige Wirkliche zu halten.232. Ersteres ist die Ansicht des (gemeinen empirischen) Realismus, letzteres jene des (gleichfalls empirischen, obgleich nicht eben gemeinen) Idealismus. Jener geht davon aus, dass das wirklich Scheinende das Wirkliche, dieser davon, dass der Schein eines Wirklichen das einzige Wirkliche sei. Vom Gesichtspunkt des Realismus aussinddie Dinge nicht nur,wenn, sondern sie sind auchdas,wassie zu seinscheinen; von dem Gesichtspunkt des Idealismus aus sind die Dinge, diescheinen, die einzigen, welchesind.Jener schliesst jede Möglichkeit eines Zwiespaltes zwischen Schein und Wirklichkeit aus dem Grunde aus, weil das scheinbar Wirkliche mit dem Wirklichen identisch, dieser dagegen aus dem Grund, weil ausser dem Schein kein Wirkliches vorhanden ist.233. Ersterem steht die Thatsache im Wege, dass eswirklichScheinendes gibt, dem doch keine Wirklichkeit entspricht, letzterem der Umstand, dass, wenn dem Schein kein Wirkliches gegenübersteht, es auch keinen Schein geben kann. Der Mond, der am Horizont emporsteigt, scheint wirklich grösser als derselbe Mond, wenn er im Zenith steht, ohne dass daraus folgte, dass er wirklich grösser sei. Der wirklich vorhandene Schein ist in diesem Fall eine nothwendige Täuschung, welche dadurch, dass sie nothwendig ist, nicht aufhört, Täuschung zu sein. Die scheinbare Bewegung des gestirnten Himmels um die Erde, welche der wirklichen Bewegung der Erde um ihre Axe gerade entgegengesetzt ist, ist der Schein einer Wirklichkeit, aber nicht diese selbst. Wie in den angeführten Fällen vertreten in allen sogenannten Sinnestäuschungen, denen entweder ein Anderes als das scheinbare Wirkliche (Illusionen), oder überhaupt kein Wirkliches entspricht (Hallucinationen),anscheinendedie Stelle der wirklichen Dinge, während in den sogenannten Sinnesqualitäten (Färbung, Klang, Geruch, Geschmack, Härte, Weichheit u. dgl.) anscheinende Eigenschaften, die ihren Grund nur in der Beschaffenheit des wahrnehmenden Sinnesorgans, die Stelle wirklicher Eigenschaften vertreten, die ihren Grund in der Zusammensetzung, inneren und äusseren Structur, oder in der Beschaffenheit der Oberfläche der Körper selbst haben. So ist die Farbe, die dem gemeinen Realismus als eine wirkliche Eigenschaft der Körper gilt, in Wahrheit nur eine scheinbare Eigenschaft derselben, weil sie denselben nur insofern und nur unter der Voraussetzung zukommt, inwiefern und dass ein sehendes Auge vorhanden sei, welches den Eindruck des von der Oberfläche des Körpers reflectirten Lichts auf der empfindlichen Netzhaut empfängt und in Empfindung der Farbe verwandelt. So ist der Klang, der nach derselben Anschauungsweise zu den realen Eigenschaften des tönenden Körpers gehört, nichts weiter, als die in Folge innerer oder äusserer Erschütterung der kleinsten Theile desselben hervorgebrachte periodische Wellenbewegung der atmosphärischen Luft, welche dem Hörnerven sich mittheilt und im Centralorgan des empfindlichen Nervensystems in die Sprache des Bewusstseins, in dem Reiz heterogene aber correspondirendeEmpfindung, aus Gehörreiz in Gehörsempfindung sich umsetzt. Ohne Augen, lässt sich sagen, wäre das All der Dinge dunkel, ohne Gehörsorgan stumm. Sämmtliche sogenannte wirkliche Eigenschaften, welche der Körperwelt Sinnlichkeit, sichtbare Gestalt für das Auge, hörbaren Reiz für das Ohr und entsprechende Wahrnehmbarkeit für die übrigen Sinnesorgane verleihen, werden denselben viel mehr von dem aufnehmenden mit Sinnesorganen ausgerüsteten Träger des Bewusstseins aufgeprägt, als diesem von jenem übermittelt, und verdienen daher mit weit grösserem Recht anscheinende d. h. den Dingen nur scheinbar anhaftende, in Wirklichkeit denselben nur angedichtete Eigenschaften zu heissen.234. Folgt aus obiger Betrachtung, dass nicht alleswirklichScheinende wirklich, so folgt daraus doch nicht, dass derScheindes Wirklichen das einzige Wirkliche sei. Jene Erwägung begründet den Unterschied eines scheinbar Wirklichen, dem Wirkliches, und eines ebensolchen, dem kein Wirkliches entspricht; letztere Behauptung möchte denselben verwischen und alles wirklich Scheinende in blossen Schein eines Wirklichen, somit das Wirkliche selbst in ein Unwirkliches verwandeln. Dieselbe geht von der Ansicht aus, dass, was nicht im Bewusstsein gegenwärtig, auch nicht für dasselbe vorhanden sei; dass aber, weil das im Bewusstsein vorhandene nichts anderes sein kann als Bewusstseinsvorgang, auch das für dasselbe Vorhandene ausschliesslich Bewusstseinsvorgänge sein können. Da nun, was im Bewusstsein (also als Vorstellung) vorhanden sein kann, nicht das Wirkliche selbst (die von der Vorstellung der Sache verschiedene Sache), sondern nur der Schein eines solchen (die als wirklich gedachte Sache d. i. der Gedanke der Sache) zu sein vermag, so könne alles für das Bewusstsein Vorhandene unmöglich das Wirkliche selbst, sondern nur dessen Schein, somit für dasselbe das einzige Wirkliche ausschliesslich der Schein eines Wirklichen sein. Statt daher hinter dem Schein ein imaginäres Wirkliches zu suchen, trachtet der Idealismus den Schein als nur scheinbar Unwirkliches, in Wahrheit als einziges Wirkliches festzuhalten, so dass, mit dem Realismus verglichen, das Verhältniss des Scheinbaren zum Wirklichen sich umkehrt, das in den Augen des Realismus Unwirkliche (der Schein, die Vorstellung, idea) für wirklich, dagegen das in dessen Augen Wirkliche (die Sache, dasjenige, was mehr als blosse Vorstellung ist, res) für unwirklich erklärt wird.235. Die Widerlegung des Realismus bestand darin, dass in dem scheinbar Wirklichen, welches derselbe seinem Grundsatz gemäss,dass zwischen dem Inhalt des wirklich Scheinenden und jenem des Wirklichen kein Unterschied bestehe, für wirklich erklärt, Fälle aufgezeigt wurden, in welchen das anscheinend Wirkliche unmöglich für wirklich genommen werden konnte. Die Widerlegung des Idealismus, wenn sie denselben Weg einschlüge und in dem Inhalt des Scheins, den der letztere für das einzig Wirkliche erklärt, Widersprüche nachwiese, hätte damit nur dargethan, dass sich im Schein, also im Unwirklichen, keineswegs aber, dass sich im Wirklichen, also in dem, was mehr ist als Schein, Widersprüche vorfinden. Die bekannten Antinomien, welche Kant in Bezug auf die Möglichkeit aufstellt, dass die Welt Grenzen im Raum und einen Anfang in der Zeit, aber auch, dass sie keine Grenzen im Raume und keinen Anfang in der Zeit habe, stammen daher, weil die eine wie die andere beider einander ausschliessender Behauptungen einem Gegenstande gilt, welcher als solcher nicht der realen, sondern der Scheinwelt angehört, von einem solchen aber sich gleichzeitig einander Ausschliessendes behaupten lässt, ohne dadurch mit der Natur des Scheines, der ja als solcher ein Unwirkliches ist, also das Widersprechende erträgt, in Widerstreit zu gerathen.236. Die Widerlegung des Idealismus, wenn überhaupt möglich, muss auf anderem Wege gesucht werden. Kann dieselbe nicht aus dem Umstande geschöpft werden, dass der Inhalt des Scheines in seinen Bestandtheilen sich unter sich selbst, so kann sie vielleicht ihren Ausgangspunkt nehmen von der Betrachtung, dass der Begriff eines Scheines, der neben sich selbst kein Wirkliches zulässt, sich selbst widerspricht. Da nun ein Scheinen undenkbar ist ohne ein Etwas, welches scheint (objectiver Schein) oder ein Etwas, welchem es scheint (subjectiver Schein) vorauszusetzen, so muss entweder dasjenige, welches scheint (das Object) und dasjenige, welchem scheint (das Subject) abermals Schein und als solcher eines weiteren, sei es Objects, sei es Subjects des Scheinens bedürftig sein, welcher Regressus sich sofort in infinitum wiederholt, oder es muss, sei es das Object, sei es das Subject, näher oder entfernter etwas anderes als Schein d. i. ein Wirkliches sein, womit die Behauptung des Idealismus, dass Schein daseinzigeWirkliche sei, sich von selbst aufhebt.237. Allerdings nur unter der Annahme, dass das nach den Gesetzen des Denkens Undenkbare unmöglich d. h. dass das nach den Gesetzen des Denkens nicht als wirklich Denkbare auch nicht wirklich sei. Folgt aus der Natur des Denkens zwar, dass derDenkende einen gewissen Denkinhalt mit Nothwendigkeit denken müsse, so folgt daraus keineswegs, dass der Seinsinhalt mit diesem nothwendigen Inhalt des Denkens eins sein müsse. So lange es kein Mittel gibt, den Inhalt des Seins mit dem Inhalt des Denkens zu vergleichen, um denjenigen Denkinhalt, der mit dem Seinsinhalt als congruent sich herausstellt, als Wissen zu fixiren (und dass es kein solches gibt, hat die Betrachtung der logischen Ideen zur Evidenz gebracht), so lange bleibt die Möglichkeit offen, dass die Dinge in der Wirklichkeit sich anders verhalten, als die Gesetze des Denkens letzteres nöthigen, das Verhalten derselben mit Nothwendigkeit zu denken d. h. dass der unvermeidliche und durch die Gesetze des Denkens demselben aufgenöthigte Denkinhalt des Denkens und der um seiner Unzugänglichkeit willen stets unbekannt bleibende Inhalt des Seins unter einander nicht übereinstimmen, ja vielleicht, was weder wahrscheinlich, noch unwahrscheinlich, sondern eben nur möglich ist, sich unter einander sogar widersprechen.238. Erst ein späterer Anlass wird Gelegenheit bieten, von der aus obiger Betrachtung fliessenden Einschränkung Gebrauch zu machen. Aus der Widerlegung des Realismus folgt, dass die Wissenschaft des Wirklichen, wenn sie nur Wirkliches besitzen will, aus dem wirklich Scheinenden alles dasjenige ausscheiden muss, was nur den Schein der Wirklichkeit hat. Aus der Widerlegung des Idealismus folgt, dass der „Traum der Speculationâ€, wenn er aufhören soll, „Traum†zu sein, zu dem Schein, der ihm zufolge das einzige Wirkliche ist, ein Wirkliches, sei es im subjectiven Sinne, als Träger des Scheins, sei es im objectiven Sinne, als Ursache des Scheins, hinzufügen muss. Erstere Operation, durch welche imwirklichScheinenden der Schein des Wirklichen vom Wirklichen gesondert wird, ist eine kritische, letztere, durch welche zu dem ursprünglich allein vorhandenen Schein des Wirklichen ein Wirkliches hinzugethan wird, ist eine ergänzende. Jene führt in daswirklichScheinendenebender Betrachtung des Wirklichen, welches scheint (des Objects), die Betrachtung eines anderen Wirklichen ein, welchem es scheint (des Subjects); diese geht von der Betrachtung des ihrer ursprünglichen Ansicht nach allein wirklichen Scheins zu dessen Erklärung, sei esauseinem Wirklichen (dem Subject) oderdurchein Wirkliches (Object) fort.239. Die Einführung des Subjects, welchem das Wirkliche scheint, um aus dem Zusammenwirken beider, des Objects, welches scheint, und des Subjects, dem es scheint, das wirklich Scheinendeals deren Product begreiflich zu machen, bedeutet die Einfügung eines idealistischen Elements in die realistische Betrachtung. Die Hinzufügung eines Wirklichen, sei es als Träger (Subject), sei es als Ursache (Object) des Scheins zu diesem selbst, um, sei es durch jenen, sei es durch diese, dessen Schein der Wirklichkeit begreiflich zu machen, bedeutet die Einführung eines realistischen Elements in die idealistische Betrachtungsweise. Durch die allmälige Ausbreitung des ersteren im Realismus wird dieser dem Idealismus, durch die allmälige Vertiefung des letzteren im Idealismus wird dieser dem Realismus näher gebracht. Der gemeine oder empirische Realismus nimmt in Folge kritischer d. i. philosophisch sichtender Behandlung idealistischen, der gemeine oder empirische Idealismus nimmt in Folge der ergänzenden d. i. philosophisch erklärenden Behandlung realistischen Charakter an.240. Schon der Vater des gemeinen Realismus, Bacon, hat die Bemerkung gemacht, dass das wirklich Scheinende Elemente umschliesst, welche nicht aus dem Wirklichen, sondern aus dem dasselbe wahrnehmenden und auffassenden Subjecte stammen, und, weil sie jenem als wirklich von diesem nur angedichtet sind, dieselben treffend als „Idole†(Fictionen) bezeichnet. Dass unter denselben auch solche sich vorfinden, welche, wie die von ihm sogenannten „Idola tribusâ€, dem auffassenden (menschlichen) Subject vermöge dessen Gattungscharakter angehören und daher bei sämmtlichen Individuen derselben Gattung (also zum Beispiel bei allen Menschen) zu deren Auffassung des ihnen wirklich Scheinenden in stets gleicher Weise beitragen müssen, kann als ein Vorspiel zu der von Kant nachdrücklich hervorgehobenen Betheiligung des transcendentalen (d. i. des Gattungs-) Subjects an dem Zustandekommen der Erfahrung, als des Productes zweier Factoren, eines subjectiven und eines objectiven, angesehen werden. Wie diesem zufolge „die Welt der Erscheinung†d. i. das wirklich Scheinende zwar der „Materie†d. i. dem Stoffe nach aus dem Object, welches scheint, der „Form†nach jedoch aus dem transcendentalen Subjecte stammt, dem es scheint, so setzt sich nach Bacon die Welt des wirklich Scheinenden zusammen einerseits aus demjenigen, was aus dem Wirklichen stammt (der Erfahrung), und demjenigen, was diesem von dem auffassenden Gattungssubject nur angedichtet wird (der Scheinerfahrung der „Idola tribusâ€).241. Allerdings mit dem Unterschied, dass der eine, der Realist, diese subjective Hinzuthatim wirklichScheinenden als eineVerunreinigung der Wissenschaft vom Wirklichen angesehen hat, von welcher dieselbe so bald und so gründlich als möglich befreit werden müsse, um die Erfahrung d. i. das Wirkliche rein zu erhalten, während der andere, der Idealist, gerade in dieser aus dem Gattungssubject herkommenden und daher allen auffassenden Individuen derselben Gattung in gleicher Weise eigenen subjectiven Hinzuthat im wirklich Scheinenden das Mittel erblickt hat, dieses aus einer nur individuellen in eine für alle Individuen derselben Gattung der Form nach identische Scheinwelt und dadurch aus einer nur individuell giltigen in eine allgemeine und nothwendige Erfahrung zu verwandeln. Bacon ging darauf aus, das subjective, also, vom Standpunkt des Realismus aus angesehen, idealistische Element im wirklich Scheinenden gänzlich aus demselben zu entfernen, und nur dasjenige, was in demselben nicht sowolScheineines Wirklichen, als ScheindesWirklichen ist, für Erfahrung gelten zu lassen. Aber schon dessen Nachfolger Locke hat gezeigt, dass die sogenannten secundären Eigenschaften der Körper, wie Farbe, Klang, welche jener als Schein des Wirklichen gelten liess, nur alsScheineines Wirklichen gelten dürfen d. h. nicht, wie jener glaubte, am Wirklichen wirklich vorhanden, sondern von einem anderen Wirklichen, dem auffassenden Subject, als scheinbare Eigenschaften den Körpern angedichtet seien. Werden dieselben, als blosser Schein eines Wirklichen, aus dem wirklich Scheinenden ausgeschieden, so bleiben in diesem als Schein des Wirklichen nur mehr die sogenannten primären Eigenschaften (wie Gestalt, Ausdehnung, Grösse) und als Kern alles wirklich Scheinenden undκατ’ á¼Î¾Î¿Ï‡Î®Î½Wirkliches das (übrigens unbekannte) Substrat des Scheins und Träger der Eigenschaften, die sogenannte Substanz, als alleiniges Object einer wirklichen Wissenschaft vom Wirklichen übrig. Das von Bacon vergebens zu verdrängen gesuchte idealistische Element hat seine Stelle im Realismus mit Gewinn zurück erobert.242. Aber auch ein skeptisches ist damit in den Vordergrund getreten. Wenn die sogenannten secundären Eigenschaften nur den Schein eines Wirklichen, aber nicht eine Erscheinung des Wirklichen darstellen, dann ist die sinnliche Erfahrung, welche dieselben als Schein des Wirklichen zeigt, eine trügerische, den Schein an die Stelle der Wirklichkeit setzende Vorstellung des Wirklichen, nicht sowol eine Erkenntniss der, als eine fortgesetzte Täuschung über die Wirklichkeit. Die nächste Folge dieser Einsicht kann keine andere sein, als dem Sinnenschein, welcher die Basis allersinnlichen Erfahrung ausmacht, und damit dieser selbst, die auf so ungewisser Grundlage sich aufbaut, mit Misstrauen entgegen zu kommen.243. Dasselbe muss sich naturgemäss in demselben Grade steigern, als sich der Umfang des idealistischen Elementes d. i. der subjectiven Hinzuthat im wirklich Scheinenden erweitert. Die Ausbreitung desselben hat zuerst Locke’s idealistischer Fortsetzer Berkeley herbeigeführt durch die Behauptung, dass die sogenannten primären Eigenschaften der Körper, welche derselbe als wirkliche ansah, nicht weniger scheinbar als die sogenannten secundären Eigenschaften, und, ebenso wie diese, Hinzuthaten des vorstellenden Subjects im wirklich Scheinenden d. i. durch das vorstellende Subject, keineswegs durch das Object des Vorgestellten hervorgebrachter Schein, also zwar Schein eines Wirklichen, aber nicht selbst Wirkliches seien. Dieselbe erreichte den höchsten Grad dadurch, dass Berkeley die weitere Bemerkung hinzufügte, dass der Körper nichts anderes als die Summe seiner Eigenschaften, die Annahme einer den Kern desselben ausmachenden Substanz als Träger der Eigenschaften eine an sich völlig überflüssige, von dem vorstellenden Subject, wenn auch nicht willkürlich, aber doch unwillkürlich gemachte grundlose Voraussetzung, die sogenannte Substanz daher eben so wol wie die sogenannten primären und secundären Eigenschaften zwar der Schein eines Wirklichen, aber eben so wenig wie diese ein Wirkliches sei. Letztere Behauptung verwandelte, da der Körper fortan nichts weiter als die Summe seiner (primären und secundären) Eigenschaften, diese aber als Summe von nicht wirklichen, sondern nur scheinbaren Eigenschaften selbst nur eine Scheinsumme sein sollte, den angeblich wirklichen Körper in blossen Schein eines Körpers, die sogenannte Welt des Wirklichen in blossen Schein einer wirklichen Welt und löste somit den gesammten Realismus in Idealismus, die gesammte Sinneswahrnehmung als Basis der sinnlichen Erfahrung in Sinnestrug, und damit jene selbst aus einem Spiegel der wirklichen Welt in die leere Vorspiegelung einer solchen auf.244. Diese äusserste mögliche Ausdehnung des idealistischen Elementes im Gebiete des Realismus musste die Ausdehnung der Skepsis auf den ganzen Umfang der sinnlichen Erfahrung zur unausbleiblichen Folge haben. Hatte der Idealismus sämmtliches wirklich Scheinende in innerlich hohlen Schein eines Wirklichen verkehrt, so musste die Aussicht auf Erkenntniss des Wirklichen auf demWege der Erfahrung sich in die trostlose Einsicht in die Unmöglichkeit einer solchen, auf Grund völligen Mangels eines Wirklichen verwandeln. Nicht nur die Bestandtheile des wirklich Scheinenden d. i. die Elemente, aus welchen die scheinbare Welt bestand, waren sofort zu blossem Schein eines Wirklichen herabgesetzt, sondern auch die Verknüpfung derselben unter einander und zu einem Ganzen konnte nur eine scheinbare, das durch dieselbe hergestellte Ganze nur dem Schein nach ein Ganzes sein d. h. die gesammte angeblich wirkliche Welt mit ihren vermeintlich wirklichen Bestandtheilen und deren vermeintlich wirklichem und wirksamem Zusammenhang unter einander (dem Causalverband) musste sich dem Auge des Denkers als eine Scheinwelt, deren Bestandtheile als elementarer Schein, deren Zusammenhang unter einander als zwar anscheinend, aber nicht wirklich vorhandener d. i. vom vorstellenden Subject in die Welt der Phänomene hineingelegter, keineswegs (wie die Erfahrung von ihren sogenannten Naturgesetzen behauptet) aus derselben herausgelesener Zusammenhang darstellen.245. Hume ist es, der diese Consequenz des Skepticismus aus dem in bodenlosen Idealismus umgewandelten Realismus seiner Vorgänger gezogen hat. Dieselbe wird nicht verbessert dadurch, dass an die Stelle des realen Zusammenhanges zwischen den Erscheinungen von ihm die subjective Gewöhnung des vorstellenden Subjectes gesetzt wird, in Folge wiederholten nach einander Auftretens gewisser Phänomene jedesmal, sobald das eine derselben (das antecedens) wiederkehrt, das andere (das consequens) zu erwarten und daher ersteres als Ursache, letzteres als Wirkung zu bezeichnen. Denn es muss einleuchten, dass zwar, wenn der eine jener Vorgänge der reale Grund, der andere die reale Folge ist, das Eintreten des ersten jedesmal jenes des zweiten nach sich ziehen muss, keineswegs aber, dass in umgekehrter Weise das (vielleicht ganz zufällige) Vorausgehen der einen, Nachfolgen der andern Erscheinung als genügender Beweis dafür gelten darf, dass die erste die Ursache der zweiten sei. Während dieAuseinanderfolgezweier Phänomene derenAufeinanderfolgenothwendig, macht deren Aufeinanderfolge den Schluss auf die Auseinanderfolge nur möglich; die Behauptung der letzteren (des Causalzusammenhanges) in Folge einer durch öfter beobachtete Succession beider Erscheinungen im Vorstellenden erzeugten Gewohnheit, beide unter einander in Verbindung stehend zu denken, kann daher niemals völlige (apodiktische), sondern höchstens sogenannte moralische (problematische)Gewissheit d. i. mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit erlangen.246. Diese Folgerung war es, welche Kant, wie er selbst sagt, „aus seinem dogmatischen Schlummer geweckt hatâ€, nicht aus dem des Wolf’schen Rationalismus, über welchen er längst hinaus, sondern aus dem des Locke-Newton’schen Empirismus, in welchem er damals (1770) noch völlig befangen war. Dass es auf dem von Hume eingeschlagenen Wege, der auch ihm als die natürliche Fortsetzung der Bahn seiner Vorgänger galt, schliesslich dahin kommen müsse, dass auch die allgemeinen Naturgesetze, durch welche der Gang der Natur und die Einheit des Weltalls zusammengehalten wird, ihre strenge und ausnahmslose Nothwendigkeit und Allgemeinheit einbüssen und sich in blosse, mehr oder weniger wahrscheinliche und mit mehr oder weniger Zuversicht ausgesprochene Vermuthungen des die Natur auffassenden und in seiner Vorstellung zusammenfassenden Subjects verkehren müssen, erschien Kant so unausweichlich, zugleich aber für ein auf Erkenntniss des Wirklichen, wie es ist, statt auf Einbildung einer blossen Scheinwelt gerichtetes Denken, wie das seinige, so unerträglich, dass er um deswillen mit dem zum Skepticismus entarteten Empirismus brach und von dem Ergebniss einer nicht nur subjectiven, sondern auch nur particulär giltigen und blos wahrscheinlichen Naturauffassung zu der sofortigen Erforschung und Feststellung der Bedingungen einer zwar gleichfalls nur subjectiven, aber schlechterdings allgemeinen und nothwendigen Erfahrung überging.247. Wie die bisherige Betrachtung das allmälige Eindringen des idealistischen Elements in den Realismus und dessen allmälige, schliesslich denselben überfluthende Ausbreitung in diesem blossgelegt hat, so legt die Entwicklungsgeschichte des Idealismus in umgekehrter Weise nicht nur das Eindringen, sondern das stetige Anwachsen des realistischen Elements im Idealismus als unvermeidlich dar. Schon dem Vater des gemeinen Idealismus, Berkeley, ist die Schwierigkeit nicht entgangen, die für denjenigen, der die gesammte wirklich scheinende Welt nur als im vorstellenden Subject vorhandenen Schein einer wirklichen Welt ansieht, aus dem Umstande erwächst, dass in den verschiedenen vorstellenden Subjecten, wenn unter denselben Uebereinstimmung und Mittheilung möglich sein soll, diese nur in ihrem jeweiligen Vorstellen existirende Scheinwelt in sämmtlichen Vorstellenden die nämliche, nach Inhalt und Form unter sich harmonirende Welt sein muss, ohne dass sich die Frage beantwortenliesse, warum, da in jedem seine eigene Welt entsteht, diese Welt in allen als die gleiche entstehen müsse. Leibnitz hat diese Frage, die sich auch ihm aufdrängen musste, weil jede „fensterlose†Monas in ihrem Innern eine „Welt als Vorstellung†enthält, mit der Berufung auf die durch Gott prästabilirte Harmonie aller Monaden und somit auch ihrer sämmtlichen, obgleich von einander unabhängigen inneren Vorstellungswelten beantwortet. Der Bischof von Cloyne, von dem es zweifelhaft ist, ob er von Leibnitz etwas wusste, sucht die Lösung des Problems, wie die vorgestellten Welten der einzelnen Vorstellenden unter einander correspondirend gedacht werden können, gleichfalls in Gott, welchen er als den Urheber der im Vorstellenden vorhandenen Vorstellungswelt und dadurch zugleich als Veranstalter der Uebereinstimmung zwischen den in den verschiedenen Vorstellenden vorhandenen Vorstellungswelten bezeichnet. Die nur als Schein eines Wirklichen im Bewusstsein vorhandene wirkliche d. i. der Schein einer wirklichen Welt, ist sonach schon bei Berkeley, dem Urheber des Idealismus, nicht das einzige Wirkliche, sondern derselbe setzt nicht nur das vorstellende Subject (den Geist), in dem er existirt d. i. dem er scheint, sondern überdies seinen Urheber, Gott, durch den er existirt d. i. der in ihm scheint, als Wirkliche voraus d. h. der Schein ist weder, wie der strenge Idealismus will, das einzige Wirkliche, noch mit jenen beiden Wirklichen, dem vorstellenden Subject einer- und der den Schein erzeugenden Gottheit andererseits verglichen, überhaupt wirklich (real), sondern nur ideal (unwirklich), während der Geist und Gott die eigentlich Wirklichen d. i. real Existirenden sind.248. Das realistische Element, das Wirkliche neben dem Schein, als einzigem Wirklichen, ist sonach schon in die ursprünglichste Gestalt des Idealismus, und zwar so von Seite des Subjects, dem er scheint (des Geistes), wie von jener des Objects, das ihm scheint (der Gottheit), eingedrungen. Von jener aus angesehen, tritt das Wirkliche auf als Träger, von dieser aus angesehen, als Ursache des im Bewusstsein schwebenden Scheins. Während aber in dieser Gestalt des mit realistischen Elementen versetzten Idealismus der Träger des Scheins sich leidend (receptiv), die Ursache des Scheins allein thätig (spontan) sich verhält, sind daneben Auffassungen denkbar, nach welchen entweder der Träger sich gleichfalls wie die Ursache thätig, oder der Träger sich thätig, aber zugleich als einzige Ursache sich verhält, während eine dritte von jener ursprünglichen nur dadurch sich unterscheidet, dass als die Ursache des Scheinsnicht ein geistiges d. i. ein solches Object, in dessen Natur es liegt, Subject d. i. vorstellendes Wesen zu sein, sondern ein seiner Qualität nach beliebiges Wirkliches betrachtet wird, dessen Beschaffenheit unbekannt bleibt, dessen Existenz jedoch von derjenigen des Subjects als Träger des Scheins völlig unabhängig ist.249. Wird der Träger des Scheins d. i. das vorstellende Subject ebenso wie die Ursache des Scheins d. i. das vorgestellte Object als thätig d. i. jedes derselben als wirklich d. i. wirkend betrachtet, so stellt der im Bewusstsein schwebende Schein eines Wirklichen, die scheinbar wirkliche Welt (die Welt als Phänomenon), ein Product aus zwei Factoren, dem Subject des Vorstellens und dem Object der Vorstellung, dar, dessen Beschaffenheit sonach als solches von der Beschaffenheit seiner Factoren als solcher nothwendig abhängen muss. In dem Einfluss des Subjects auf die Beschaffenheit dieses Products besteht die Herrschaft des idealistischen, in dem Einfluss des Objects auf dieselbe jene des realistischen Elements in der phänomenalen Welt. Je nachdem jener Einfluss zur Vorherrschaft des einen oder des andern wird, nimmt diese Scheinwelt selbst vorwiegend idealistischen, auf die Seite blossen Scheines der Wirklichkeit, oder realistischen, auf die Seite der Wirklichkeit selbst hindeutenden Charakter an.250. Der Einfluss des realistischen Objects auf das Zustandekommen der phänomenalen Welt im Bewusstsein ist der geringste, wenn dasselbe als Wirkliches durch seine Thätigkeit nichts weiter bewirkt, als dass überhaupt Schein, der als Material zum Aufbau einer phänomenalen Welt durch das vorstellende Subject verwendet werden kann, im Bewusstsein vorhanden ist. Dieser Fall tritt in jener Gestalt zu Tage, welche Kant dem Idealismus gegeben hat, und die Rolle, die das Object in obiger Darstellung spielt, ist die nämliche, die Kant seinem „Ding an sich†zugewiesen hat. Dasselbe hat ihm zufolge keine andere Bestimmung, als die Existenz, keineswegs aber die Qualität des im Bewusstsein schwebenden Scheins eines Wirklichen begreiflich zu machen.Dassein Wirkliches ausser und neben dem vorstellenden Subjecte sei, wird durch die Thatsache der Existenz des Scheins eines solchen im Bewusstsein unzweifelhaft gemacht.Wasdas Wirkliche, dasnebstundausserdem vorstellenden Subjecte existirt, seiner Qualität nach sei, dagegen kann aus der Qualität des im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht ausgemacht werden, weil diese letztere lediglich von der Qualität des vorstellenden Subjects abhängig ist. Dasreale Object, „das Ding an sichâ€, ist der Grund, dass überhaupt im Bewusstsein Sinnesempfindungen (wie Gesichts-, Gehörs-, Geruchs-, Geschmacks- und Tastempfindungen)vorhanden sind; die Qualität des realen vorstellenden Subjects dagegen ist der Grund, dass im Bewusstsein geradeEmpfindungen(wie Farben, Töne, Wohlgerüche, Wohlgeschmäcke, Härte, Weichheit) vorhanden sind. Wäre das erste nicht, so entstünde überhaupt kein Schein, wäre das letztere ein anderes, als es ist, so entstünde anderer Schein. Wie die Existenz des Scheins von jener des Objects, so hängt die Qualität des Scheins von jener des Subjects ab; der im Bewusstsein wirkliche Schein in seiner qualitativen Eigenthümlichkeit ist daher nur durch das gemeinsame Zusammenwirken des Dings an sich und der specifischen Organisation des vorstellenden Subjects d. i. (wie Kant nach der alten Terminologie seiner Wolf’schen Schulung sich ausdrückte) „des Erkenntnissvermögens†erklärlich.251. Erklärlich aber auch, dass bei dieser Sachlage der jeweiligen thatsächlichen Beschaffenheit des sogenannten Erkenntnissvermögens an dem Zustandekommen und der Gestaltung der phänomenalen Welt der Löwenantheil zufallen muss. Liefert der objective Factor, das Ding an sich, nichts weiter als den Stoff, ja nicht einmal diesen selbst, sondern nur die Veranlassung, dass ein solcher, aus welchem die phänomenale Welt aufgebaut werden soll, überhaupt im Bewusstsein vorhanden ist, so muss der Grund der gesammten Form, in welcher der Stoff zum Aufbau zusammengeordnet, ja sogar der Form, in welcher derselbe zum Baue verwendet wird, gänzlich in dem subjectiven Factor d. i. in der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes d. i. in jener seines sogenannten Erkenntnissvermögens gesucht werden. Letzteres, als Baumeister der phänomenalen Welt, baut sozusagen auf eigene Hand, nicht nur nach eigenem Plan, sondern auch mit selbstgeformtem Material; das „Ding an sich†als Bauherr ist nur die Ursache, dass überhaupt gebaut wird und dass die erforderlichen Mittel zum Baue vorhanden sind.252. Der Organismus des sogenannten Erkenntnissvermögens ist es, welchen Kant seiner „Kritik der reinen Vernunft†zu Grunde gelegt und als dessen nothwendige Folgen die kritischen Ergebnisse dieser letzteren entsprungen sind. Insofern derselbe den idealistischen Factor der phänomenalen Welt repräsentirt, hat Kant seine Philosophie als Idealismus, insofern deren Ergebnisse auf die Betrachtung desselben als der Quelle der Bedingungen aller Erkenntniss gestützt sind,als Transcendentalphilosophie, und jenen Idealismus selbst (im Gegensatz zu dem gemeinen, empirischen) als transcendentalen Idealismus bezeichnet. Die Differenz seines und des empirischen Idealismus beschränkte sich jedoch nicht auf den genannten Unterschied, sondern wurzelte zugleich in der Verschiedenheit des vorstellenden Subjectes, welches den idealistischen Factor der phänomenalen Welt ausmacht, und welches im empirischen Idealismus das individuelle Einzelsubject, in dem seinen dagegen das allgemeine Gattungssubject, oder, nach Kant’s Ausdruck, das sogenannte transcendentale Subject ist. Folge davon ist, dass die Form der phänomenalen Welt, insofern dieselbe aus der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes stammt, im empirischen Idealismus nur eine individuelle, zufällige, für die Vorstellungswelt des Einzelsubjectes bestimmende, im transcendentalen Idealismus dagegen eine allgemeine und nothwendige, die Vorstellungswelt aller vorstellenden Einzelsubjecte derselben Gattung bestimmende sein muss. Durch diese Einführung der Form als einer allgemeinen und nothwendigen an der Stelle der blos zufälligen und singulären überwindet Kant den Hume’schen Skepticismus, der sich an die Sohlen des empirischen Idealismus geheftet hat, und verwandelt die phänomenale Welt d. i. die Welt der Erfahrung aus einer nur für den Einzelnen giltigen und nur zufällig (durch dessen individuelle Gewöhnung) entstandenen in eine für Alle identische und nothwendig (d. i. als unausbleibliche Folge der allen gemeinsamen Organisation des Erkenntnissvermögens) entstehende Erfahrung.253. Die beziehungsweisen Antheile des idealistischen Factors d. i. des in Allen identischen transcendentalen Subjectes einer- und des realistischen Factors d. i. des für Alle identischen (als seiner Qualität nach unbekanntes x hinter der phänomenalen Welt stehenden) Dings an sich an dem Zustandekommen einer allgemein giltigen Erfahrung sind es, welche Kant als das a priori und das a posteriori der Erfahrung bezeichnet. Zu dem letzteren gehört nach der Auffassung Kant’s nichts weiter als der sinnliche Stoff, zu welchem das „Ding an sich†den äusseren Anstoss gegeben hat; zu dem ersteren gehören sämmtliche Formen, welche demselben in aufsteigender Reihe durch die (im Sinne der alten Wolf’schen psychologischen Theorie) einander übergeordneten Stufen des sogenannten Erkenntnissvermögens, des Sinnes, des Verstandes und der Vernunft zu Theil werden sollen. Als solche betrachtete Kant bekanntlich die zwei von ihm sogenannten „reinen Anschauungsformenâ€, welche dem Sinn, die (zwölf) von ihm construirten „Urtheilsformenâ€,welche dem Verstande, und die (drei) von ihm anerkannten (Schlussformen), welche der Vernunft erb und eigen seien. Durch die Anwendung der erstgenannten, und zwar der reinen Anschauungsform des Raumes d. i. des Nebeneinander auf den durch die äusseren Sinne, der reinen Anschauungsform der Zeit d. i. des Nacheinander auf den durch den sogenannten inneren Sinn gegebenen Stoff entstehtder Scheinräumlich und zeitlich verschieden angeordneter Gruppen sinnlichen Vorstellungsmaterials, welche durch die Anwendung der reinen Urtheilsformen und der daraus deducirten Stammbegriffe (Kategorien) des Verstandes denScheinwirklicher Einzeldinge, und zwar solcher erhalten, die als Substanzen Träger von Eigenschaften, und entweder als Ursachen Urheber von anderen ihresgleichen als Wirkungen, oder selbst als Wirkungen durch andere ihresgleichen als Ursachen hervorgebracht sind. Durch die Anwendung endlich der reinen Schlussformen und der daraus abgeleiteten Ideen der Vernunft entsteht derScheinsolcher Wirklicher, die entweder (wie die Seele) das einheitliche Subject zu allen möglichen Prädicaten, oder (wie die Welt) die Totalität aller Ursachen und Wirkungen, oder (wie die Gottheit) als ens realissimum die Summe aller möglichen Prädicate darstellen.254. In dem Nachweis der Nothwendigkeit der Entstehung obiger Gattungen des wirklich Scheinenden besteht das positive, in dem gleichzeitigen Erweis, dass obige Gattungen deswirklich Scheinendennur eben so viele GattungenvomScheineines Wirklichen seien, das negative Resultat des Transcendentalidealismus. Hauptsächlich um des letzteren willen ist Kant der „alles Zermalmer†genannt worden. Es ist aber nicht zu übersehen, dass von anderer Seite aus angesehen Kant’s Philosophie dem negativen Ergebniss des Idealismus, der alles sogenannte Wirkliche in Schein auflöst, gegenüber ein sehr positives Ergebniss durch die nachdrückliche Betonung der Unentbehrlichkeit einer realen Unterlage der phänomenalen Welt in der Existenz des „Dings an sich†bietet, durch welche sich, wie Schopenhauer richtig gesehen hat, die zweite Auflage der „Kritik der reinen Vernunft†sehr merklich von der ersten, welche fast ausschliesslich der Hervorkehrung des idealistischen Factors gewidmet ist, unterscheidet. Nachdem diejenigen Wirklichen, welche Kant selbst als die eigentlichen Gegenstände der alten Metaphysik bezeichnet hat, Seele, Welt und Gott, sich unter dem Prisma der Kritik in blosse Scheinwirkliche aufgelöst haben, bleibt als Rest des Wirklichen das Ding an sich allein übrig, welches manmit Recht als den Rest der alten Metaphysik in Kant’s Philosophie, und dessen zu einem Minimum zusammengeschrumpfte Beschreibung man als den Inhalt dessen betrachten kann, was im eigentlichen Sinne des Wortes Kant’s Metaphysik heissen darf.255. Dieselbe setzt sich mit Ausnahme der Behauptung der leeren Existenz durchaus aus negativen Prädicaten zusammen. Dem Ding an sich können weder quantitative noch qualitative Bestimmungen beigelegt werden. Dasselbe kann in ersterer Hinsicht weder als Eins, noch als Vieles, in letzterer Hinsicht weder als raumlos, noch als räumlich (also auch weder als unendlich, noch als endlich, weder als ausgedehnt, noch als unausgedehnt), noch als zeitlos, oder zeitlich (also auch weder als in der Zeit entstanden, noch als ewig), noch als geistig (immateriell) oder körperlich (materiell) bezeichnet werden. Alles, was der transcendentale Idealismus von demselben weiss und auszusagen berechtigt ist, beschränkt sich darauf, zu behaupten,dasses sei, aber nicht,wases sei.256. Aber auch dies nur aus dem Grunde, weil der sinnliche Stoff als wirklicher Schein eine im Bewusstsein vorhandene Wirkung ist und daher als solche zur Ursache ein Wirkliches haben muss. Die Voraussetzung, dass jede Wirkung ihre zureichende Ursache haben müsse (das von Leibnitz sogenannte principium rationis sufficientis) gehört zu den fundamentalen Axiomen des Denkens, nach Kant insbesondere zu den dem Organismus des Erkenntnissvermögens wesentlichen Urtheilsformen des Verstandes. Aus ersterem folgt, dass sich ein Denken, für welches obiger Satz fundamentale Geltung besitzt, von einem in dieser Hinsicht anders geartet sein sollenden Denken d. i. einem solchen, für welches derselbe jene Giltigkeit nicht besässe, schlechterdings keine Vorstellung zu machen im Stande sei. Aus letzterem folgt, dass ein im Kantschen Sinn organisirtes Erkenntnissvermögen der Folgerung, dass jeder angeblichen Wirkung eine derselben genügende Ursache entsprechen müsse, schlechterdings nicht zu entrathen vermag, ohne sich selbst aufzuheben. Beides zusammen macht einleuchtend, dass die auch vom Idealismus unbestrittene Thatsache der Existenz wirklichen Scheins zu dem Schlusse führen muss, dass auch als Ursache desselben irgend ein Wirkliches existire.257. „Wie der Rauch auf die Flamme, deutet Schein auf Seinâ€; in diesen Worten Herbart’s ist obiger Schluss am prägnantesten ausgesprochen. Allerdings mit dem Seitenblick, dass dieses angedeutete Sein nicht inner-, sondern ausserhalb desjenigen Wirklichen,welches den Träger des Scheins darstellt, d. i. des vorstellenden Subjects zu suchen sein möchte. Hier ist der Punkt, wo die Nachfolger Kant’s, die, wie er, auf dem Boden des Transcendentalidealismus stehen, in die einander entgegengesetzten Richtungen eines Idealismus, der sich auf das Subject des Scheins (den idealistischen Factor) d. i. eines idealistischen, und eines solchen, der sich auf das Object des Scheins (den realistischen Factor) stützt, d. i. eines realistischen Idealismus (der im Vergleiche mit jenem auch Realismus heissen kann) aus einander gehen. Aber auch die Stelle, wo diejenigen, die nicht wie Kant auf dem Boden des transcendentalen Idealismus beharren, sondern mit Umgehung des idealistischen Factors das Wirkliche unmittelbar, weder durch einen Schluss von der Wirkung auf die Ursache, noch überhaupt durch einen Act eines wie immer gearteten Denkens, sondern auf einem von diesem gänzlich verschiedenen Wege (etwa durch das Gefühl wie Jacobi, oder durch den Willen wie Schopenhauer) ergreifen zu können glauben, sich von jenen trennen und zu einem das Denken transcendirenden (deshalb fälschlichtranscendentalgenannten) Realismus gelangt sind.258. Darin stimmen beide, der idealistische und der realistische Idealismus, mit einander überein, dass der Schein als wirklicher eine Ursache und zwar ein Wirkliches zur Ursache haben müsse; aber darin gehen sie beide aus einander, dass der erstere diese Ursache innerhalb, der andere dieselbe ausserhalb des Bewusstseins sucht. Der „Jude Kant’sâ€, Salomon Maimon, war es, der zuerst die Bemerkung machte, dass die Annahme des Dings an sich von Seite Kant’s auf einem Fehlschluss beruhe. Wenn der Satz, dass jede Wirkung eine Ursache haben müsse, wie die kritische Organisation des Erkenntnissvermögens lehrt, nichts anderes ist als eine dem vorstellenden Subject, und zwar dessen Verstande innewohnende Urtheilsform, so folgt, dass das Subject zwar niemals umhin kann, wo es eine Erscheinung als Wirkung betrachtet, eine Ursache derselben vorauszusetzen, dass aber daraus, dass das Subject durch die Natur seines Erkenntnissvermögens zu diesem Vorgang gezwungen ist, auf keine Weise gefolgert werden darf, dass eine derartige Ursache auch wirklich vorhanden sei. Wenn daher Kant aus der Existenz der Empfindungen auf die nothwendige Existenz des Dings an sich als deren Ursache schliesse, so begehe derselbe eine mit seinen eigenen Principien im Widerspruch stehende Erschleichung, indem aus den letzteren keineswegs die Existenz des Objects,sondern höchstens für das Subject die Nothwendigkeit sich ableiten lasse, ein solches vorauszusetzen. Als Fichte’s Wissenschaftslehre mit der Behauptung hervortrat, dass Kant durch die Zulassung des Dings an sich als Ursache des Stoffs der phänomenalen Welt mit sich selbst in unhaltbaren Widerspruch gerathe, war ihm jener mit der gleichen schon vorangegangen. Fichte aber war es, welcher aus obigem Selbstwiderspruch zuerst die Folgerung zog, dass die Annahme der Existenz eines Dings an sich als eines vom Träger des im Bewusstsein wirklichen Scheins unterschiedenen Wirklichen gänzlich fallen gelassen d. h. dass der realistische Factor des Transcendentalidealismus, das Object, welchesscheint, entfernt werden müsse.259. Nach dem Verschwinden des realistischen bleibt von den beiden Factoren, durch deren Zusammenwirken die phänomenale Welt des transcendentalen Idealismus entsteht, nur der idealistische Factor, nach der Entfernung des Objects,welchesscheint, von den beiden Wirklichen, deren gemeinsames Product die Welt des Bewusstseins ist, nur das Subject,welchemscheint, übrig, geht der transcendentale Idealismus in einen solchen desSubjects(subjectiver Idealismus) über. Statt zweier Wirklicher, welche die Basis des transcendentalen Idealismus bilden, hat der subjective Idealismus zu seinem Substrat ein einziges Wirkliches, welches zugleich die Rolle des idealistischen und des realistischen Factors der phänomenalen Welt übernimmt d. h. der phänomenalen Welt nicht nur (wie der erste) die Form gibt, sondern auch (wie der letztere) den erforderlichen Stoff (das sinnliche Empfindungsmaterial) selbst erzeugt. Während daher im transcendentalen Idealismus der Träger des Scheins, das wirkliche Subject, gegen die Ursache desselben, das wirkliche Object, sich leidend, letzteres gegen ersteres sich thätig verhält, stellt derselbe im subjectiven Idealismus als Träger (Subject) zugleich die Ursache (Object) des Scheins in einem identischen Wirklichen dar, verhält sich das nämliche Wirkliche zugleich als Subject leidend gegen sich selbst als Object und thätig als Object gegen sich selbst als Subject d. h. als Subject-Object. Den Anstoss, welchen im transcendentalen Idealismus das Subject vom Object empfing, um Empfindung d. i. Material der phänomenalen Welt im Bewusstsein hervortreten zu lassen, empfängt dasselbe nunmehr nicht von einem von ihm unterschiedenen Andern, sondern von sich selbst. Das von ihm unterschiedene Andere (Object), welches der transcendentale Idealismus noch als ein wirklich Anderes (d. i. als ein anderes Wirkliches) ansah, ist in den Augen des subjectivenIdealismus nur mehr ein scheinbar Anderes, in Wirklichkeit kein Anderes als das Subject, welches das erste und einzige Wirkliche zugleich ist. Dasselbe, insofern es die Rolle des wirklichen realistischen Factors, des Objects, spielt, producirt nicht blos sämmtlichen Stoff der phänomenalen Welt, sondern es schafft auch den Schein, als sei dieser Stoff durch ein Anderes als es selbst d. h. es schafft den Schein eines realen Objects, welches den Stoff der phänomenalen Welt producirt. Letzterer, als vom Subject geschaffener Schein eines von diesem unterschiedenen Objects und daher dieses selbst, ist sonach in der That nichts weiter als eine Schöpfung d. i. eine durch einen Setzungsact des Subjects entstandene und daher von diesem abhängige Setzung desselben, eine Fiction, aber nichts Wirkliches. Wird diese seine fictive Natur vorübergehend verkannt, der Schein eines Objects für dessen Wirklichkeit genommen, das scheinbare Object, als ob es ein Wirkliches wäre, dem Subject entgegengesetzt, so muss diese Täuschung, welche, weil das Subject das einzige Wirkliche ist, nur eine Selbsttäuschung des Subjects sein kann, einmal ein Ende nehmen, das scheinbare Object als blosser Schein eines Objects erkannt und das vermeintlich vom Subject unterschiedene, als von ihm unabhängig wirklich bestehendes gedachte Object als von ihm abhängiges und nur durch dessen eigene Setzung entstandenes vom Subjecte zurückgenommen werden.260. Setzung des Objects durch das Subject, Verkennung des scheinbaren Objects, indem dasselbe für wirklich gehalten wird, und Wiedererkennung des fälschlich für wirklich gehaltenen Objects als eines nur scheinbar vom Subject Verschiedenen sind die drei Momente, in welchen die innere Entwickelungsgeschichte des einzigen Wirklichen, welches der subjective Idealismus stehen gelassen hat, des Trägers des Scheins im Bewusstsein sich vollzieht. Dieselbe stellt gleichsam den Fortschritt einer dramatischen Handlung dar, in welcher das ursprünglich Geschehene durch den Schein des Gegentheils vorübergehend verdunkelt und am Schlusse aus der Verdunkelung wieder hergestellt wird. Wie in der letzteren das wirklich Geschehene vor dem Beginn d. i. ausserhalb der sichtbaren Handlung gelegen, also der Kenntniss des Zuschauers anfänglich entzogen ist, so liegt im obigen Process innerhalb des Bewusstseins das wirklich Geschehene, die Setzung des scheinbaren Objects durch das Subject, vor dem Beginn d. i. ausserhalb des erwachten Bewusstseins und bleibt auf diese Weise der Kenntniss des Subjects d. i. dessen eigenem Bewusstsein über sich selbst verborgen. Aus ersterem folgt,dass beim Beginne des Dramas die sichtbare Handlung das Gegentheil dessen zeigt, was wirklich geschehen ist; aus dem letzteren folgt, dass beim Erwachen des Bewusstseins der Inhalt desselben das Gegentheil dessen aufweist, was wirklich der Fall ist; jene stellt das Geschehene als nicht geschehen, diese stellt das vom Subject gesetzte Object als nicht gesetzt durch das Subject dar. Die schliessliche Lösung erfolgt, wie in der dramatischen Handlung durch die Aufhellung des Geschehenen, so in obigem Bewusstseinsprocess durch die Selbstaufhellung d. i. durch das Bewusstwerden des Subjects über sich selbst und seine eigene Setzung des Objects, d. i. durch das Selbstbewusstsein.261. Dieses Subject, das einzige Wirkliche und folglich Wirkende ist es, welches der Urheber der Wissenschaftslehre das „Ich†genannt und dessen in den drei auf einander folgenden Stufen der Thesis, Antithesis und Synthesis sich entwickelnde Natur derselbe als niemals rastendes Thun (d. i. unablässiges Wirken) bezeichnet hat. Dasselbe setzt im Lauf seiner Entwickelung sein eigenes Gegentheil, das Nicht-Ich, und nimmt es im Verfolge derselben als von ihm selbst gesetztes d. h. als Ich in sich wieder zurück. Der erste Theil dieses Processes, welcher sich vor dem Bewusstwerden vollzieht, stellt die bewusstlose d. i. die Naturseite (Nachtseite) der Entwickelung des Ich, der zweite Theil desselben, weil er sich bei Bewusstsein vollzieht, stellt die bewusste d. i. die Geistesseite (Tagseite) derselben und, da das Ich das einzige Wirkliche ist, jener Abschnitt zugleich die Entwickelung des Wirklichen als eines bewusstlosen d. i. als Natur, dieser jene des nämlichen Wirklichen als eines bewussten d. i. als Geist dar. Die Gliederung der gesammten Wissenschaft vom Wirklichen vom Standpunkt des subjectiven Idealismus aus in eine solche vom Ich als Natur (Naturphilosophie) und vom Ich als Geist (Geistesphilosophie), aber auch die Möglichkeit einer solchen, welche beide Seiten der Entwickelung des Ich als Entwickelungsseiten eines und des nämlichen Ich, als identisch betrachtet (Identitätsphilosophie), so wie einer weitern, welche die Betrachtung des Entwickelungsgesetzes des Ich als eines nicht nur selbst innerlich nothwendigen, sondern diese Entwickelung nothwendig fordernden, der Betrachtung des wirklichen Entwickelungsganges desselben als Natur und Geist voranstellt (Dialektik, metaphysische Logik) ist dadurch vorgezeichnet.262. Je nachdem das Ich als Wirkliches (agens), oder als blosser Infinitiv, als Wirken (agere) bestimmt, das erstere entwederals endliches oder als unendliches (absolutes) Ich aufgefasst wird, gliedert sich der Idealismus des Subjects in die drei Stufen des (im engeren Sinn sogenannten) subjectiven Idealismus (Fichte), absoluten Idealismus (Schelling) und Panlogismus (Hegel). Jener besteht darin, dass als einziges Wirkliches ein endliches Ich (das transcendentale Subject); der zweite darin, dass als einziges Wirkliches ein absolutes Ich (die Gottheit, das absolute Subject); der dritte darin, dass als einziges Wirkliches das unpersönliche Wirken und zwar, da das einzige Wirkliche des Idealismus das vorstellende (denkende) Subject ist, das unpersönliche Denken, die Vernunft angesehen wird. Die Entwickelungsgeschichte des ersten d. i. der Inhalt der gesammten Wissenschaft stellt den Bewusstseinsprocess dar, mittels dessen das endliche Ich zum Bewusstsein seiner selbst, zum Selbstbewusstsein gelangt d. i. Geist wird. Jene des zweiten macht den immanenten Entwickelungsprocess aus, mittels dessen das absolute Subject durch die vorläufigen Phasen der Natur- und der Weltgeschichte hindurch zum Bewusstsein seiner selbst d. i. zum Bewusstsein seiner Göttlichkeit, zum absoluten Bewusstsein gelangt d. i. absoluter Geist, Gott wird. („Am Ende der Weltgeschichteâ€, sagte Schelling, „wird Gott seinâ€.) Der Panlogismus endlich repräsentirt den dialektischen Process, mittels dessen die unpersönliche (objective) Vernunft (die logische Idee) durch ihr Gegentheil, das vernunftlose Sein (die Natur), hindurch zur persönlichen (subjectiven) Vernunft (zum absoluten Geiste) wird. („Aufgabe der Philosophie istâ€, sagte Hegel, „die Substanz zum Subjecte zu machenâ€.)263. Alle drei Formen des Idealismus des Subjects kommen darin überein, das Wirkliche sei, aber auch, dass nur ein Einziges wirklich sei. Wird daher dieses als einziges Wirkliches von einem Widerspruch betroffen, welcher entweder verhindert, dasselbe überhaupt anzunehmen, oder doch hindert, dasselbe als wirklich gelten zu lassen, so werden sämmtliche Formen jenes Idealismus von demselben zugleich betroffen. Derselbe ging von dem Satze aus, dass der Schluss des transcendentalen Idealismus von dem Schein als Wirkung auf ein Object als Ursache desselben ein Selbstwiderspruch sei, aus dem Grunde, weil die Folgerung von der Wirkung auf die Ursache nur eine Urtheilsform des Verstandes, und daher die Consequenz, dass der Schein im Bewusstsein eine Ursache haben müsse, zwar für den Verstand unvermeidlich, aber darum nichts weniger als (objectiv) giltig sei. Gleichwol hat diese Einsicht, wenn sie den Namen verdient, den Idealismus nicht gehindert, von der Thatsachedes im Bewusstsein schwebenden Scheins auf eine erzeugende Ursache desselben zurückzuschliessen, nur mit dem Unterschied, dass er dieselbe nichtausserhalbdes Bewusstseins (in ein Object), sondern in den Träger des Bewusstseins (in das Subject) verlegt d. h. dieses selbst zur Ursache des Scheines macht. Wenn nun, wie der Idealismus behauptet, der Schluss von der Wirkung auf eine Ursache als blosse Verstandesform überhaupt unberechtigt ist, so ist der Schluss von der Wirkung auf eine innerhalb des Bewusstseins gelegene, sogenannte innere Ursache mindestens ebenso unberechtigt, wie jener von der Wirkung auf eine ausserhalb des Bewusstseins gelegene, sogenannte äussere Ursache. Der subjective Idealismus hat daher von diesem Gesichtspunkt aus ebensowenig das Recht, das Subject als Wirkliches, wie der objective Idealismus seiner Meinung nach ein solches besitzt, ein vom Subject unterschiedenes Object als Wirkliches anzunehmen.264. Wie man sieht, hat der Idealismus des Subjects, der gewöhnlich kurzweg mit dem Namen Idealismus bezeichnet wird, in diesem Punkt dem Idealismus des Objects, kurzweg Realismus genannt, nichts vorzuwerfen. Derselbe hat nicht nur nicht mehr und nicht weniger ein Recht, als erzeugende Ursache des Scheins ein Wirkliches, er hat überdies, was bedenklicher ist, kein Recht, das von ihm angenommene Wirkliche als wirklich anzunehmen. Letztere Annahme fällt, wenn dasjenige, was als wirklich gedacht werden soll, mit einer Eigenschaft behaftet ist, welche verhindert, dasselbe als wirklich zu denken. Dieser Fall tritt aber ein, wenn dasjenige, was als wirklich gedacht werden soll, in sich einen Widerspruch einschliesst. So gewiss aus dem Umstand, dass ein als wirklich zu Denkendes keinen Widerspruch einschliesst, nur geschlossen werden kann, dass es möglich, keineswegs, dass es wirklich sei, so gewiss muss aus dem Umstand, dass ein als wirklich zu Denkendes in sich einen Widerspruch enthält, die Folgerung gezogen werden, dass dasselbe unmöglich d. i. auf keine Weise je wirklich sei. Das einzige Wirkliche des Idealismus, das Ich, nun soll in der Weise gedacht werden, dass dasselbe zugleich sein eigenes Object und sein eigenes Subject sei, den Stoff seiner phänomenalen Welt zugleich empfange und erzeuge, also zugleich gegen sich selbst als Leidendes und auf sich selbst als Thätiges sich verhalte d. h. es soll so gedacht werden, dass es zugleich seine eigene Ursache und seine eigene Wirkung (causa sui), also dass es im strengsten logischen Sinn des Wortes Entgegengesetztes d. i. sichunter einander Ausschliessendes zugleich und als jedes von beiden sein eigenes Gegentheil, um es mit einem Wort zu sagen, der lebendige Widerspruch sei. Ein solcher aber kann nicht als wirklich gedacht werden.265. Auch dann nicht, wenn die Erfahrung ihn zu bestätigen scheint. Die Thatsache, welche der Idealismus anzuführen liebt, um durch dieselbe zu erweisen, dass ein sich zugleich als Thätiges und Leidendes Verhaltendes, eine causa sui, wirklich, und daher, was auch die Logik dagegen einwenden möge, möglich sei, ist das Phänomen des Selbstbewusstseins. Dasselbe, so schliesst der Idealismus, als factisches Bewusstsein des Selbst von sich selbst, ist thatsächlich Subject und Object, Leidendes und Thätiges, Ursache und Wirkung zugleich: dasIchstellt sich vor und das Ich stelltsichvor. Als jenes ist es das Vorstellende (Subject), als dieses das Vorgestellte (Object), als beider Identität ist das Ich Vorstellendes und Vorgestelltes zugleich (Subject-Object). Durch diese unbestreitbar scheinende psychologische Thatsache, d. i. durch die Wirklichkeit eines im logischen Sinn mit einem inneren Widerspruch Behafteten ist nach der Meinung des Idealismus die Möglichkeit, ein in sich Widersprechendes als wirklich zu denken, erwiesen; der Einspruch der Logik, dass Widersprechendes nicht als wirklich gedacht werden könne, abgewiesen.266. Gegenüber dem Canon: a non posse valet conclusio ad non esse, geht der Idealismus von dementgegengesetztenaus: ab esse valet conclusio ad posse. Die Richtigkeit seiner Folgerung hängt von dem Umstande ab, ob und dass die angebliche Thatsache des Selbstbewusstseins wirklich eine Thatsache, oder, was eben so viel ist, ob und dass die Behauptung, dasIchstellesichvor, auf einer wirklichen Erfahrung oder auf einer blossen Einbildung beruhe. Die Thatsache, welche den Widerspruch zustürzenbestimmt ist, darf nicht selbst wieder auf einen Widerspruch sichstützen. Dieselbe muss, um gegen die Einrede der Logik Stand zu halten, eine selbst widerspruchsfreie, evidente, nicht nichtanzuerkennende Thatsache sein.267. Es fehlt viel, dass die sogenannte Thatsache des Selbstbewusstseins dieser Forderung genügte. Wenn, wie der Idealismus einräumt, das Phänomen des Selbstbewusstseins nichts weiteres in sich schliesst als das „Sich sich Vorstellen†(se sibi repraesentare) des Ichs, so enthält das Sich (se) abermals nichts anderes als das Ich d. h. das Sich sich Vorstellen, das Sich (se) in diesem aberdas nämliche „Sich sich Vorstellen†zum dritten, und das sich darin wiederholende Sich dasselbe zum vierten Male u. s. f., d. h. es entsteht ein regressus in infinitum. Das Ich erweist sich als eine mit der Forderung, eine unendliche Reihe vorzustellen, behaftete, demnach als eine im wirklichen Vorstellen schlechthin unvollendbare Vorstellung d. h. als eine solche, die niemals Thatsache d. i. wirkliche Vorstellung sein kann. Einer Thatsache aber, die keine sein kann, gegenüber steht der Einwand der Logik, dass in sich Widersprechendes niemals wirklich sein könne, aufrecht.268. Der Widerspruch, welcher den Idealismus ausschliesst, liegt sonach nicht darin, dass er als Ursache des im Bewusstsein schwebenden Scheins ein Wirkliches setzt, sondern darin, dass er als solche ein in sich Widersprechendes d. h. ein Wirkliches setzt, das nicht als wirklich gedacht werden darf. Indem derIdealismus des Objects, derRealismus, von dem im Bewusstsein schwebenden Schein als Wirkung auf eine denselben erzeugende Ursache schliesst, thut er nichts anderes, als, wie oben gezeigt, auch der Idealismus thut; indem derselbe als solche jedoch nicht ein in sich Widersprechendes, sondern ein solches setzt, das ohne Einsprache der Logik als wirklich gedacht werden kann, thut er wirklichanderesund besseres, als jener that. Derselbe begnügt sich weder, im Gegensatz zum Idealismus des Subjects, die Annahme des Ich als des einzigen Wirklichen abzulehnen, noch, in Uebereinstimmung mit Kant, die Unerlässlichkeit der Annahme eines übrigens in jeder Hinsicht unbekannten realen x, des von jeder denkbaren quantitativen und qualitativen Bestimmtheit entblössten „Dings an sichâ€, zuzugeben, sondern schreitet im Gegensatze zu beiden zu der eben so wol realistischen als pluralistischen Behauptung fort, dass nicht nur Wirkliches sei, sondern unbestimmt viele Wirkliche seien d. h. dass die Voraussetzung solcher auf Grundlage und zur Erklärung des thatsächlich im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht nur nicht widersprechend, sondern im Gegentheil, das Gegentheil derselben der Forderung eines logischen Denkens widersprechend sei.269. Weshalb die Annahme, es gebe Wirkliches, nicht nur nicht widersprechend, sondern vielmehr die gegentheilige Annahme, es gebe kein Wirkliches, widersprechend sei, ist schon oben gezeigt worden. Von dem „Rauche†des Scheins gilt der Schluss auf die „Flamme†des Seins. Wo nichts Wirkliches wäre, könnte auch keines scheinen; keineswegs aber gilt auch der umgekehrte Satz,dass, wo kein Wirkliches scheint, auch kein Wirkliches vorhanden sei. Denn es lässt sich sehr wol denken, dass Wirkliches sei, auch ohne zu scheinen. Die Setzung des Wirklichen auf Grundlage des vorhandenen Scheins ist eine bedingte; das Gesetztsein des Wirklichen aber ist ein durch dessen Setzung auf Grundlage des Scheins nicht bedingtes, also unbedingtes. Dasselbewirdgesetzt, weil der Schein gesetzt ist; aber eswäregesetzt, auch wenn der Schein nicht gesetzt wäre. Die Setzung desselben erfolgt nicht, wie jene des (scheinbaren) Objects im Idealismus, durch das Ich, welches setzt, sondern besteht, wie der von seinem Gedachtwerden unabhängige Denkinhalt, auch ohne Subject, welches setzt. Die Position des (scheinbaren) Objects durch das Subject (im Idealismus) ist eine relative; mit dem Subject fällt auch das Object. Die Position des Wirklichen im Realismus ist eineabsolute; dieselbe hört nicht auf, auch wenn das Subject aufhört.270. Nur die letztere Position ist wahre, die relative ist keine Position. Das eigentlich Ponirte ist in der relativen Position nicht das Gesetzte (das Object), sondern das Setzende (das Subject); die Position des Ponirten ist daher nur eine scheinbare; die wahre Position ist die des Ponirenden. Dieses allein ist wahrhaft, das von ihm Gesetzte nur dem Anschein nach wirklich; das einzige Wirkliche sonach nicht das Gesetzte, das Object, sondern das Setzende, das Subject. Soll das Object das Wirkliche d. i. nicht nur dem Schein nach, sondern in Wahrheit wirklich sein, so muss es von seiner Setzung durch das Subject unabhängig gesetzt d. h. es muss als das, was es ist, auch dann gesetzt sein, wenn weder eine Setzung desselben durch ein Subject, noch überhaupt ein von demselben unterschiedenes Subject je wirklich vorhanden ist.271. Die absolute Position ist der Ausdruck des Seins. Durch dieselbe ist das Sein, wie von jeder Setzung durch das Subject, so auch von der Setzung durch jedes, wie immer geartete Denken unabhängig. Dasselbe ist, wie Bonaparte zu Campoformio von der französischen Republik sagte: „wie die Sonne, wehe dem, der sie nicht sieht!†Dem Denken bleibt nichts übrig, als das Sein als das, was es von vornherein ist, als Sein anzuerkennen; das Sein aber als solches bedarf dieser Anerkennung durch das Denken nicht. Das Sein ist nicht, wie Schelling sagte, „vor†dem Denken, aber es bestünde auchohnedas Denken.272. Ein Denken, welches das Wirkliche nicht als absolut d. i. als von ihm unabhängig gesetzt dächte, hätte dasselbe nicht alsSein, sondern als Schein gedacht. Derselbe Grund, welcher das Denken nöthigt, ein Wirkliches zu denken, nöthigt es auch, dieses letztere als unbedingt gesetzt d. i. als seiend zu denken. Der Grund aber, der für das Denken die Annahme eines Wirklichen unvermeidlich macht, ist die Thatsache des Scheins des Wirklichen d. i. das — nicht willkürlich durch den Willen des Denkenden, sondern unwillkürlich,ohne, ja selbstwiderden Willen des Denkenden — Gegebensein des Scheins des Wirklichen. Der Inhalt dieser durch die Thatsache des Scheins des Wirklichen d. i. durch die ErfahrungbedingtenSetzung ist dasunbedingtGesetzte.273.Dassdas Wirkliche, was es auch immer sei, unbedingt gesetzt, nicht aber,wasdas Wirkliche,wenngesetzt, seinemWasnach sei, ist damit ausgesprochen. Nur so viel lässt sich folgern, dass, wie auch das Was des Wirklichen gedacht werden möge, dasselbe nicht so gedacht werden dürfe, dass dessen unbedingtes Gesetztsein dadurch unmöglich gemacht wäre. Dies aber würde der Fall sein, nicht nur wenn das Was des Wirklichen in irgend einer Weise von der Natur eines dasselbe Setzenden abhängig gedacht, sondern auch dann, wenn dasselbe durch das Gesetztsein eines Andern bedingt gedacht würde. Dasselbe darf in ersterer Hinsicht daher nicht so beschaffen gedacht werden, wie das vermeintlich Setzende (z. B. das vorstellende Subject) seiner Beschaffenheit nach ist d. h. etwa als vorstellend, weil dieses letztere vorstellt, oder als fühlend, oder wollend, weil dieses letztere fühlt und will. Es darf aber auch in letzterer Hinsicht nicht so gedacht werden, dass dessen Gesetztsein das Gesetztsein eines Anderen bedingt, also nicht als zusammengesetzt d. i. aus Theilen bestehend, weil dann dessen Gesetztsein durch das Gesetztsein jedes einzelnen dieser Theile bedingt, also nicht unbedingt wäre. Aus ersterem folgt, dass das Was des Wirklichen in keiner Weise aus dem Was etwa des vorstellenden Subjects als des vermeintlich dasselbe Setzenden erschlossen werden könne. Aus dem letzteren folgt, dass das Was des Wirklichen, weil unbedingt gesetzt, nicht zusammengesetzt d. i. nicht aus Theilen bestehend sein dürfe, sondern strengeinfachsein müsse.274. Jedes wahrhaft Wirkliche ist daher einfaches Wirkliches. Dasselbe ist nicht nur, wie das sogenannte physikalische Atom, scheinbar, sondern wirklich „atom†d. i. untheilbar; nicht blos, wie jenes, weil es mit den vorhandenen Werkzeugen nicht mehr getheilt werden kann, oder für den gegebenen Zweck nicht mehrweiter getheilt zu werden braucht, sondern, weil es schlechthin keine Theile hat. Dasselbe schliesst seiner Einfachheit halber zwar nichtjedeVielheit, aber doch jede Vielheit einander coordinirter Glieder von sich aus d. h. dasselbe ist weder ein Bündel einander nebengeordneter Eigenschaften, noch eine Summe ebensolcher sogenannter Kräfte oder Vermögen. Es kann sein Was weder verlieren noch verändern, ohne (was unmöglich ist bei einem unbedingt Gesetzten) selbst aufzuhören. Dasselbe kann daher weder qualitativ ein anderes als, noch quantitativ ein mehr oder weniger dessen werden, was es ist; dasselbe ist, sobald es ist, sowol ewig als unveränderlich; weder dessen (unbedingtes, also von jeder Bedingung unabhängiges) Gesetztsein, noch dessen einfaches, jeder Zuthat oder Abtrennung von Theilen, jedes Wachsthums wie jeder Abnahme unfähiges Was kann einen Wechsel erleiden. Die unvermeidliche Consequenz der absoluten Position und der Einfachheit des Was ist dieErhaltungdes wandellosenSelbstjedes Wirklichen.275. Im Begriffe des Wirklichen liegt, dass es Wirkendes ist d. i. wirkt d. h. dass dessen Sein und dessen einfache Qualität von dessen Wirken d. i. sich Bethätigen unabtrennlich ist. Weder ein Wirkliches, das nicht wäre, noch ein Seiendes, das nicht wirkte, wäre ein wahrhaft Wirkliches; jenes wäre nur der Schein eines Wirklichen, dieses wäre ein Todtes, also nicht Wirkliches. Die Zusammengehörigkeit beider darf nicht so gedacht werden, als wäre das Sein und die Qualität das Substrat des Wirkens d. h. als besässe das Wirkliche alsseiende, aber nichtwirkendeQualität seine besondere, alsseiende, aberwirksameQualität wieder seine abgesonderte Wirklichkeit d. h. als stellte die seiende Qualität nach Abzug des Wirkens gleichsam das Residuum, das caput mortuum des Wirklichen dar. Die unbedingt gesetzte einfache Qualität und das Wirken sind nicht nur im Begriffe des Wirklichen, sondern in diesem selbst unzertrennlich eins, so dass das Wirkliche weder gedacht werden kann, ohne dasselbe als wirkend zu denken, noch als Wirkliches sein d. h. wirklich sein kann, ohne zu wirken.276. Ebensowenig wie die absolute Position, das unbedingte d. i. bedingungslose Gesetztsein, darf das mit derselben im Wirklichen in Eins verschmolzene Wirken von einer, wie immer gearteten Bedingung abhängig gedacht werden. Weder kann dessen Beginn, noch dessen Aufhören an einen Zeitpunkt geknüpft werden, vor welchem und nach welchem zwar das unbedingt Gesetzte, aber nicht als Wirkendes, sondern als Wirkungsloses bestünde, noch darfdasselbe so verstanden werden, als setzte es einen besondern, noch weniger einen von ihm, dem Wirklichen, unterschiedenen Stoff voraus, um sich als Wirken zu bewähren. Die Frucht des mit der absolut gesetzten einfachen Qualität unauflöslich und unablösbar verbundenen Wirkens des Wirklichen ist dessen Wirklichkeit.277. Nothwendige Wirkung des mit dem Wirklichen seiner Natur nach verbundenen Wirkens ist, dass etwas geschieht. Das Gegentheil, die Annahme, dass nichts geschehe, ungeachtet gewirkt wird, widerspricht sich selbst. Denn ein Wirken ohne wie immer beschaffenen Erfolg hätte nichts bewirkt d. h. wäre kein Wirken gewesen. Nothwendige Folge der Einfachheit und Unveränderlichkeit der Qualität des Wirklichen ist, dass, was immer geschehe, weder eine Setzung, noch Aufhebung der absoluten Position eines Wirklichen, noch die, sei es quantitative, sei es qualitative Abänderung der Qualität eines Wirklichen, weder der eigenen, noch einer fremden sein kann; daher alles, was wirklich geschieht, weder die Qualität, noch das Gesetztsein des Wirklichen, sondern nur das mit demselben unablöslich verschmolzene Wirken des Wirklichen angehen kann d. h. dass alles, was wirklich in Folge des Wirkens geschieht, nur eine Aenderung (Modification) dieses Wirkens selbst, beziehungsweise dessen Zunahme oder Abnahme, Förderung oder Hemmung, Erhaltung in der bisherigen, oder Ablenkung nach einer andern Richtung bedeuten kann.278. Dass überhaupt Wirkliches ist und, was wirklich ist, wirkt, macht die realistische, dass mehr als ein einziges Wirkliches, eine unbestimmbare Menge von Wirklichen sei, die pluralistische Seite des Realismus aus. Wie das erstere aus dem Satze, dass scheinbar Wirkliches, so folgt das letztere aus der Thatsache, dass der Schein eines vielfachen Wirklichen gegeben ist. Während der Schluss dort lautet: ohne Sein kein Schein, lautet er hier: ohne Vielheit und Vielfachheit des Seins keine Vielheit und Vielfachheit des Scheins. Die entgegengesetzte Annahme, dass aus der Einheit und Einfachheit des Seins der Schein der Vielheit und Vielfachheit des Seins hervorgehe, widerspricht sich selbst. Dieselbe lässt unerklärt, warum, wenn das Erzeugende, der realistische Factor, die Ursache der Empfindung, das nämliche ist, die Wirkung derselben, die Empfindung, bald diese, bald jene sei, das „Ding an sichâ€, von welchem der Anstoss zur Empfindung ausgeht, bald eine Gesichts-, bald eine Gehörsempfindung, und wieder einmal die Empfindung des Blauen, ein anderes mal die des Rothen verursache, dabei aber selbst alsUrsache immer dasselbe bleibe. Wird an die Stelle des Dings an sich das Wirkliche d. i. eine absolut gesetzte, einfache Qualität substituirt, so erhöht sich die Schwierigkeit, zu begreifen, wie diese letztere, welche als einfach jede Vielheit coordinirter, aber unter einander qualitativ verschiedener Wirkungsweisen ausschliesst, doch zugleich Ursache qualitativ verschiedener Wirkungen d. i. z. B. qualitativ unterschiedener Empfindungen werden könne; dieselbe führt daher mit Nothwendigkeit dazu, so viele und so vielerlei qualitativ verschiedene Ursachen vorauszusetzen, als und so vielerlei qualitativ verschiedene Wirkungen gegeben sind d. h. wo die Thatsache vielfachen qualitativ unterschiedenen Scheins gegeben ist, auch die Existenz eines vielfachen und qualitativ unterschiedenen Wirklichen zu postuliren.
231. Was überhaupt Wirkliches, dass irgendwie Wirkliches, und was oder welcher Art das Wirkliche sei, ist weder so ausgemacht, noch so leicht auszumachen, als diejenigen, welche es lieben, die Wissenschaft vom Wirklichen als allein wirkliche Wissenschaft den „hohlen Träumen der Speculation†entgegenzusetzen, zu glauben sich anstellen oder Andere gern überreden möchten. Sofern und so lange es gewiss ist, dass der Weg zum Wirklichen für das wirkliche Vorstellen nur durch das wirklich Scheinende d. i. durch den Schein des Wirklichen führt, der Schein der Wirklichkeit für das Bewusstsein früher gegeben ist und demselben näher steht als die, wenn überhaupt vorhandene, hinter demselben stehende Wirklichkeit selbst: so lange bleibt es unbestreitbar, dass die Wissenschaft vom Wirklichen zunächst und vor allem mit dem anscheinend Wirklichen sich aus einander zu setzen hat, wenn sie nicht in Gefahr gerathen soll, blos scheinbar Wirkliches für das Wirkliche selbst, oder, was in den Ohren der Freunde der Wirklichkeit noch befremdender klingen müsste, den Schein für das einzige Wirkliche zu halten.
232. Ersteres ist die Ansicht des (gemeinen empirischen) Realismus, letzteres jene des (gleichfalls empirischen, obgleich nicht eben gemeinen) Idealismus. Jener geht davon aus, dass das wirklich Scheinende das Wirkliche, dieser davon, dass der Schein eines Wirklichen das einzige Wirkliche sei. Vom Gesichtspunkt des Realismus aussinddie Dinge nicht nur,wenn, sondern sie sind auchdas,wassie zu seinscheinen; von dem Gesichtspunkt des Idealismus aus sind die Dinge, diescheinen, die einzigen, welchesind.Jener schliesst jede Möglichkeit eines Zwiespaltes zwischen Schein und Wirklichkeit aus dem Grunde aus, weil das scheinbar Wirkliche mit dem Wirklichen identisch, dieser dagegen aus dem Grund, weil ausser dem Schein kein Wirkliches vorhanden ist.
233. Ersterem steht die Thatsache im Wege, dass eswirklichScheinendes gibt, dem doch keine Wirklichkeit entspricht, letzterem der Umstand, dass, wenn dem Schein kein Wirkliches gegenübersteht, es auch keinen Schein geben kann. Der Mond, der am Horizont emporsteigt, scheint wirklich grösser als derselbe Mond, wenn er im Zenith steht, ohne dass daraus folgte, dass er wirklich grösser sei. Der wirklich vorhandene Schein ist in diesem Fall eine nothwendige Täuschung, welche dadurch, dass sie nothwendig ist, nicht aufhört, Täuschung zu sein. Die scheinbare Bewegung des gestirnten Himmels um die Erde, welche der wirklichen Bewegung der Erde um ihre Axe gerade entgegengesetzt ist, ist der Schein einer Wirklichkeit, aber nicht diese selbst. Wie in den angeführten Fällen vertreten in allen sogenannten Sinnestäuschungen, denen entweder ein Anderes als das scheinbare Wirkliche (Illusionen), oder überhaupt kein Wirkliches entspricht (Hallucinationen),anscheinendedie Stelle der wirklichen Dinge, während in den sogenannten Sinnesqualitäten (Färbung, Klang, Geruch, Geschmack, Härte, Weichheit u. dgl.) anscheinende Eigenschaften, die ihren Grund nur in der Beschaffenheit des wahrnehmenden Sinnesorgans, die Stelle wirklicher Eigenschaften vertreten, die ihren Grund in der Zusammensetzung, inneren und äusseren Structur, oder in der Beschaffenheit der Oberfläche der Körper selbst haben. So ist die Farbe, die dem gemeinen Realismus als eine wirkliche Eigenschaft der Körper gilt, in Wahrheit nur eine scheinbare Eigenschaft derselben, weil sie denselben nur insofern und nur unter der Voraussetzung zukommt, inwiefern und dass ein sehendes Auge vorhanden sei, welches den Eindruck des von der Oberfläche des Körpers reflectirten Lichts auf der empfindlichen Netzhaut empfängt und in Empfindung der Farbe verwandelt. So ist der Klang, der nach derselben Anschauungsweise zu den realen Eigenschaften des tönenden Körpers gehört, nichts weiter, als die in Folge innerer oder äusserer Erschütterung der kleinsten Theile desselben hervorgebrachte periodische Wellenbewegung der atmosphärischen Luft, welche dem Hörnerven sich mittheilt und im Centralorgan des empfindlichen Nervensystems in die Sprache des Bewusstseins, in dem Reiz heterogene aber correspondirendeEmpfindung, aus Gehörreiz in Gehörsempfindung sich umsetzt. Ohne Augen, lässt sich sagen, wäre das All der Dinge dunkel, ohne Gehörsorgan stumm. Sämmtliche sogenannte wirkliche Eigenschaften, welche der Körperwelt Sinnlichkeit, sichtbare Gestalt für das Auge, hörbaren Reiz für das Ohr und entsprechende Wahrnehmbarkeit für die übrigen Sinnesorgane verleihen, werden denselben viel mehr von dem aufnehmenden mit Sinnesorganen ausgerüsteten Träger des Bewusstseins aufgeprägt, als diesem von jenem übermittelt, und verdienen daher mit weit grösserem Recht anscheinende d. h. den Dingen nur scheinbar anhaftende, in Wirklichkeit denselben nur angedichtete Eigenschaften zu heissen.
234. Folgt aus obiger Betrachtung, dass nicht alleswirklichScheinende wirklich, so folgt daraus doch nicht, dass derScheindes Wirklichen das einzige Wirkliche sei. Jene Erwägung begründet den Unterschied eines scheinbar Wirklichen, dem Wirkliches, und eines ebensolchen, dem kein Wirkliches entspricht; letztere Behauptung möchte denselben verwischen und alles wirklich Scheinende in blossen Schein eines Wirklichen, somit das Wirkliche selbst in ein Unwirkliches verwandeln. Dieselbe geht von der Ansicht aus, dass, was nicht im Bewusstsein gegenwärtig, auch nicht für dasselbe vorhanden sei; dass aber, weil das im Bewusstsein vorhandene nichts anderes sein kann als Bewusstseinsvorgang, auch das für dasselbe Vorhandene ausschliesslich Bewusstseinsvorgänge sein können. Da nun, was im Bewusstsein (also als Vorstellung) vorhanden sein kann, nicht das Wirkliche selbst (die von der Vorstellung der Sache verschiedene Sache), sondern nur der Schein eines solchen (die als wirklich gedachte Sache d. i. der Gedanke der Sache) zu sein vermag, so könne alles für das Bewusstsein Vorhandene unmöglich das Wirkliche selbst, sondern nur dessen Schein, somit für dasselbe das einzige Wirkliche ausschliesslich der Schein eines Wirklichen sein. Statt daher hinter dem Schein ein imaginäres Wirkliches zu suchen, trachtet der Idealismus den Schein als nur scheinbar Unwirkliches, in Wahrheit als einziges Wirkliches festzuhalten, so dass, mit dem Realismus verglichen, das Verhältniss des Scheinbaren zum Wirklichen sich umkehrt, das in den Augen des Realismus Unwirkliche (der Schein, die Vorstellung, idea) für wirklich, dagegen das in dessen Augen Wirkliche (die Sache, dasjenige, was mehr als blosse Vorstellung ist, res) für unwirklich erklärt wird.
235. Die Widerlegung des Realismus bestand darin, dass in dem scheinbar Wirklichen, welches derselbe seinem Grundsatz gemäss,dass zwischen dem Inhalt des wirklich Scheinenden und jenem des Wirklichen kein Unterschied bestehe, für wirklich erklärt, Fälle aufgezeigt wurden, in welchen das anscheinend Wirkliche unmöglich für wirklich genommen werden konnte. Die Widerlegung des Idealismus, wenn sie denselben Weg einschlüge und in dem Inhalt des Scheins, den der letztere für das einzig Wirkliche erklärt, Widersprüche nachwiese, hätte damit nur dargethan, dass sich im Schein, also im Unwirklichen, keineswegs aber, dass sich im Wirklichen, also in dem, was mehr ist als Schein, Widersprüche vorfinden. Die bekannten Antinomien, welche Kant in Bezug auf die Möglichkeit aufstellt, dass die Welt Grenzen im Raum und einen Anfang in der Zeit, aber auch, dass sie keine Grenzen im Raume und keinen Anfang in der Zeit habe, stammen daher, weil die eine wie die andere beider einander ausschliessender Behauptungen einem Gegenstande gilt, welcher als solcher nicht der realen, sondern der Scheinwelt angehört, von einem solchen aber sich gleichzeitig einander Ausschliessendes behaupten lässt, ohne dadurch mit der Natur des Scheines, der ja als solcher ein Unwirkliches ist, also das Widersprechende erträgt, in Widerstreit zu gerathen.
236. Die Widerlegung des Idealismus, wenn überhaupt möglich, muss auf anderem Wege gesucht werden. Kann dieselbe nicht aus dem Umstande geschöpft werden, dass der Inhalt des Scheines in seinen Bestandtheilen sich unter sich selbst, so kann sie vielleicht ihren Ausgangspunkt nehmen von der Betrachtung, dass der Begriff eines Scheines, der neben sich selbst kein Wirkliches zulässt, sich selbst widerspricht. Da nun ein Scheinen undenkbar ist ohne ein Etwas, welches scheint (objectiver Schein) oder ein Etwas, welchem es scheint (subjectiver Schein) vorauszusetzen, so muss entweder dasjenige, welches scheint (das Object) und dasjenige, welchem scheint (das Subject) abermals Schein und als solcher eines weiteren, sei es Objects, sei es Subjects des Scheinens bedürftig sein, welcher Regressus sich sofort in infinitum wiederholt, oder es muss, sei es das Object, sei es das Subject, näher oder entfernter etwas anderes als Schein d. i. ein Wirkliches sein, womit die Behauptung des Idealismus, dass Schein daseinzigeWirkliche sei, sich von selbst aufhebt.
237. Allerdings nur unter der Annahme, dass das nach den Gesetzen des Denkens Undenkbare unmöglich d. h. dass das nach den Gesetzen des Denkens nicht als wirklich Denkbare auch nicht wirklich sei. Folgt aus der Natur des Denkens zwar, dass derDenkende einen gewissen Denkinhalt mit Nothwendigkeit denken müsse, so folgt daraus keineswegs, dass der Seinsinhalt mit diesem nothwendigen Inhalt des Denkens eins sein müsse. So lange es kein Mittel gibt, den Inhalt des Seins mit dem Inhalt des Denkens zu vergleichen, um denjenigen Denkinhalt, der mit dem Seinsinhalt als congruent sich herausstellt, als Wissen zu fixiren (und dass es kein solches gibt, hat die Betrachtung der logischen Ideen zur Evidenz gebracht), so lange bleibt die Möglichkeit offen, dass die Dinge in der Wirklichkeit sich anders verhalten, als die Gesetze des Denkens letzteres nöthigen, das Verhalten derselben mit Nothwendigkeit zu denken d. h. dass der unvermeidliche und durch die Gesetze des Denkens demselben aufgenöthigte Denkinhalt des Denkens und der um seiner Unzugänglichkeit willen stets unbekannt bleibende Inhalt des Seins unter einander nicht übereinstimmen, ja vielleicht, was weder wahrscheinlich, noch unwahrscheinlich, sondern eben nur möglich ist, sich unter einander sogar widersprechen.
238. Erst ein späterer Anlass wird Gelegenheit bieten, von der aus obiger Betrachtung fliessenden Einschränkung Gebrauch zu machen. Aus der Widerlegung des Realismus folgt, dass die Wissenschaft des Wirklichen, wenn sie nur Wirkliches besitzen will, aus dem wirklich Scheinenden alles dasjenige ausscheiden muss, was nur den Schein der Wirklichkeit hat. Aus der Widerlegung des Idealismus folgt, dass der „Traum der Speculationâ€, wenn er aufhören soll, „Traum†zu sein, zu dem Schein, der ihm zufolge das einzige Wirkliche ist, ein Wirkliches, sei es im subjectiven Sinne, als Träger des Scheins, sei es im objectiven Sinne, als Ursache des Scheins, hinzufügen muss. Erstere Operation, durch welche imwirklichScheinenden der Schein des Wirklichen vom Wirklichen gesondert wird, ist eine kritische, letztere, durch welche zu dem ursprünglich allein vorhandenen Schein des Wirklichen ein Wirkliches hinzugethan wird, ist eine ergänzende. Jene führt in daswirklichScheinendenebender Betrachtung des Wirklichen, welches scheint (des Objects), die Betrachtung eines anderen Wirklichen ein, welchem es scheint (des Subjects); diese geht von der Betrachtung des ihrer ursprünglichen Ansicht nach allein wirklichen Scheins zu dessen Erklärung, sei esauseinem Wirklichen (dem Subject) oderdurchein Wirkliches (Object) fort.
239. Die Einführung des Subjects, welchem das Wirkliche scheint, um aus dem Zusammenwirken beider, des Objects, welches scheint, und des Subjects, dem es scheint, das wirklich Scheinendeals deren Product begreiflich zu machen, bedeutet die Einfügung eines idealistischen Elements in die realistische Betrachtung. Die Hinzufügung eines Wirklichen, sei es als Träger (Subject), sei es als Ursache (Object) des Scheins zu diesem selbst, um, sei es durch jenen, sei es durch diese, dessen Schein der Wirklichkeit begreiflich zu machen, bedeutet die Einführung eines realistischen Elements in die idealistische Betrachtungsweise. Durch die allmälige Ausbreitung des ersteren im Realismus wird dieser dem Idealismus, durch die allmälige Vertiefung des letzteren im Idealismus wird dieser dem Realismus näher gebracht. Der gemeine oder empirische Realismus nimmt in Folge kritischer d. i. philosophisch sichtender Behandlung idealistischen, der gemeine oder empirische Idealismus nimmt in Folge der ergänzenden d. i. philosophisch erklärenden Behandlung realistischen Charakter an.
240. Schon der Vater des gemeinen Realismus, Bacon, hat die Bemerkung gemacht, dass das wirklich Scheinende Elemente umschliesst, welche nicht aus dem Wirklichen, sondern aus dem dasselbe wahrnehmenden und auffassenden Subjecte stammen, und, weil sie jenem als wirklich von diesem nur angedichtet sind, dieselben treffend als „Idole†(Fictionen) bezeichnet. Dass unter denselben auch solche sich vorfinden, welche, wie die von ihm sogenannten „Idola tribusâ€, dem auffassenden (menschlichen) Subject vermöge dessen Gattungscharakter angehören und daher bei sämmtlichen Individuen derselben Gattung (also zum Beispiel bei allen Menschen) zu deren Auffassung des ihnen wirklich Scheinenden in stets gleicher Weise beitragen müssen, kann als ein Vorspiel zu der von Kant nachdrücklich hervorgehobenen Betheiligung des transcendentalen (d. i. des Gattungs-) Subjects an dem Zustandekommen der Erfahrung, als des Productes zweier Factoren, eines subjectiven und eines objectiven, angesehen werden. Wie diesem zufolge „die Welt der Erscheinung†d. i. das wirklich Scheinende zwar der „Materie†d. i. dem Stoffe nach aus dem Object, welches scheint, der „Form†nach jedoch aus dem transcendentalen Subjecte stammt, dem es scheint, so setzt sich nach Bacon die Welt des wirklich Scheinenden zusammen einerseits aus demjenigen, was aus dem Wirklichen stammt (der Erfahrung), und demjenigen, was diesem von dem auffassenden Gattungssubject nur angedichtet wird (der Scheinerfahrung der „Idola tribusâ€).
241. Allerdings mit dem Unterschied, dass der eine, der Realist, diese subjective Hinzuthatim wirklichScheinenden als eineVerunreinigung der Wissenschaft vom Wirklichen angesehen hat, von welcher dieselbe so bald und so gründlich als möglich befreit werden müsse, um die Erfahrung d. i. das Wirkliche rein zu erhalten, während der andere, der Idealist, gerade in dieser aus dem Gattungssubject herkommenden und daher allen auffassenden Individuen derselben Gattung in gleicher Weise eigenen subjectiven Hinzuthat im wirklich Scheinenden das Mittel erblickt hat, dieses aus einer nur individuellen in eine für alle Individuen derselben Gattung der Form nach identische Scheinwelt und dadurch aus einer nur individuell giltigen in eine allgemeine und nothwendige Erfahrung zu verwandeln. Bacon ging darauf aus, das subjective, also, vom Standpunkt des Realismus aus angesehen, idealistische Element im wirklich Scheinenden gänzlich aus demselben zu entfernen, und nur dasjenige, was in demselben nicht sowolScheineines Wirklichen, als ScheindesWirklichen ist, für Erfahrung gelten zu lassen. Aber schon dessen Nachfolger Locke hat gezeigt, dass die sogenannten secundären Eigenschaften der Körper, wie Farbe, Klang, welche jener als Schein des Wirklichen gelten liess, nur alsScheineines Wirklichen gelten dürfen d. h. nicht, wie jener glaubte, am Wirklichen wirklich vorhanden, sondern von einem anderen Wirklichen, dem auffassenden Subject, als scheinbare Eigenschaften den Körpern angedichtet seien. Werden dieselben, als blosser Schein eines Wirklichen, aus dem wirklich Scheinenden ausgeschieden, so bleiben in diesem als Schein des Wirklichen nur mehr die sogenannten primären Eigenschaften (wie Gestalt, Ausdehnung, Grösse) und als Kern alles wirklich Scheinenden undκατ’ á¼Î¾Î¿Ï‡Î®Î½Wirkliches das (übrigens unbekannte) Substrat des Scheins und Träger der Eigenschaften, die sogenannte Substanz, als alleiniges Object einer wirklichen Wissenschaft vom Wirklichen übrig. Das von Bacon vergebens zu verdrängen gesuchte idealistische Element hat seine Stelle im Realismus mit Gewinn zurück erobert.
242. Aber auch ein skeptisches ist damit in den Vordergrund getreten. Wenn die sogenannten secundären Eigenschaften nur den Schein eines Wirklichen, aber nicht eine Erscheinung des Wirklichen darstellen, dann ist die sinnliche Erfahrung, welche dieselben als Schein des Wirklichen zeigt, eine trügerische, den Schein an die Stelle der Wirklichkeit setzende Vorstellung des Wirklichen, nicht sowol eine Erkenntniss der, als eine fortgesetzte Täuschung über die Wirklichkeit. Die nächste Folge dieser Einsicht kann keine andere sein, als dem Sinnenschein, welcher die Basis allersinnlichen Erfahrung ausmacht, und damit dieser selbst, die auf so ungewisser Grundlage sich aufbaut, mit Misstrauen entgegen zu kommen.
243. Dasselbe muss sich naturgemäss in demselben Grade steigern, als sich der Umfang des idealistischen Elementes d. i. der subjectiven Hinzuthat im wirklich Scheinenden erweitert. Die Ausbreitung desselben hat zuerst Locke’s idealistischer Fortsetzer Berkeley herbeigeführt durch die Behauptung, dass die sogenannten primären Eigenschaften der Körper, welche derselbe als wirkliche ansah, nicht weniger scheinbar als die sogenannten secundären Eigenschaften, und, ebenso wie diese, Hinzuthaten des vorstellenden Subjects im wirklich Scheinenden d. i. durch das vorstellende Subject, keineswegs durch das Object des Vorgestellten hervorgebrachter Schein, also zwar Schein eines Wirklichen, aber nicht selbst Wirkliches seien. Dieselbe erreichte den höchsten Grad dadurch, dass Berkeley die weitere Bemerkung hinzufügte, dass der Körper nichts anderes als die Summe seiner Eigenschaften, die Annahme einer den Kern desselben ausmachenden Substanz als Träger der Eigenschaften eine an sich völlig überflüssige, von dem vorstellenden Subject, wenn auch nicht willkürlich, aber doch unwillkürlich gemachte grundlose Voraussetzung, die sogenannte Substanz daher eben so wol wie die sogenannten primären und secundären Eigenschaften zwar der Schein eines Wirklichen, aber eben so wenig wie diese ein Wirkliches sei. Letztere Behauptung verwandelte, da der Körper fortan nichts weiter als die Summe seiner (primären und secundären) Eigenschaften, diese aber als Summe von nicht wirklichen, sondern nur scheinbaren Eigenschaften selbst nur eine Scheinsumme sein sollte, den angeblich wirklichen Körper in blossen Schein eines Körpers, die sogenannte Welt des Wirklichen in blossen Schein einer wirklichen Welt und löste somit den gesammten Realismus in Idealismus, die gesammte Sinneswahrnehmung als Basis der sinnlichen Erfahrung in Sinnestrug, und damit jene selbst aus einem Spiegel der wirklichen Welt in die leere Vorspiegelung einer solchen auf.
244. Diese äusserste mögliche Ausdehnung des idealistischen Elementes im Gebiete des Realismus musste die Ausdehnung der Skepsis auf den ganzen Umfang der sinnlichen Erfahrung zur unausbleiblichen Folge haben. Hatte der Idealismus sämmtliches wirklich Scheinende in innerlich hohlen Schein eines Wirklichen verkehrt, so musste die Aussicht auf Erkenntniss des Wirklichen auf demWege der Erfahrung sich in die trostlose Einsicht in die Unmöglichkeit einer solchen, auf Grund völligen Mangels eines Wirklichen verwandeln. Nicht nur die Bestandtheile des wirklich Scheinenden d. i. die Elemente, aus welchen die scheinbare Welt bestand, waren sofort zu blossem Schein eines Wirklichen herabgesetzt, sondern auch die Verknüpfung derselben unter einander und zu einem Ganzen konnte nur eine scheinbare, das durch dieselbe hergestellte Ganze nur dem Schein nach ein Ganzes sein d. h. die gesammte angeblich wirkliche Welt mit ihren vermeintlich wirklichen Bestandtheilen und deren vermeintlich wirklichem und wirksamem Zusammenhang unter einander (dem Causalverband) musste sich dem Auge des Denkers als eine Scheinwelt, deren Bestandtheile als elementarer Schein, deren Zusammenhang unter einander als zwar anscheinend, aber nicht wirklich vorhandener d. i. vom vorstellenden Subject in die Welt der Phänomene hineingelegter, keineswegs (wie die Erfahrung von ihren sogenannten Naturgesetzen behauptet) aus derselben herausgelesener Zusammenhang darstellen.
245. Hume ist es, der diese Consequenz des Skepticismus aus dem in bodenlosen Idealismus umgewandelten Realismus seiner Vorgänger gezogen hat. Dieselbe wird nicht verbessert dadurch, dass an die Stelle des realen Zusammenhanges zwischen den Erscheinungen von ihm die subjective Gewöhnung des vorstellenden Subjectes gesetzt wird, in Folge wiederholten nach einander Auftretens gewisser Phänomene jedesmal, sobald das eine derselben (das antecedens) wiederkehrt, das andere (das consequens) zu erwarten und daher ersteres als Ursache, letzteres als Wirkung zu bezeichnen. Denn es muss einleuchten, dass zwar, wenn der eine jener Vorgänge der reale Grund, der andere die reale Folge ist, das Eintreten des ersten jedesmal jenes des zweiten nach sich ziehen muss, keineswegs aber, dass in umgekehrter Weise das (vielleicht ganz zufällige) Vorausgehen der einen, Nachfolgen der andern Erscheinung als genügender Beweis dafür gelten darf, dass die erste die Ursache der zweiten sei. Während dieAuseinanderfolgezweier Phänomene derenAufeinanderfolgenothwendig, macht deren Aufeinanderfolge den Schluss auf die Auseinanderfolge nur möglich; die Behauptung der letzteren (des Causalzusammenhanges) in Folge einer durch öfter beobachtete Succession beider Erscheinungen im Vorstellenden erzeugten Gewohnheit, beide unter einander in Verbindung stehend zu denken, kann daher niemals völlige (apodiktische), sondern höchstens sogenannte moralische (problematische)Gewissheit d. i. mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit erlangen.
246. Diese Folgerung war es, welche Kant, wie er selbst sagt, „aus seinem dogmatischen Schlummer geweckt hatâ€, nicht aus dem des Wolf’schen Rationalismus, über welchen er längst hinaus, sondern aus dem des Locke-Newton’schen Empirismus, in welchem er damals (1770) noch völlig befangen war. Dass es auf dem von Hume eingeschlagenen Wege, der auch ihm als die natürliche Fortsetzung der Bahn seiner Vorgänger galt, schliesslich dahin kommen müsse, dass auch die allgemeinen Naturgesetze, durch welche der Gang der Natur und die Einheit des Weltalls zusammengehalten wird, ihre strenge und ausnahmslose Nothwendigkeit und Allgemeinheit einbüssen und sich in blosse, mehr oder weniger wahrscheinliche und mit mehr oder weniger Zuversicht ausgesprochene Vermuthungen des die Natur auffassenden und in seiner Vorstellung zusammenfassenden Subjects verkehren müssen, erschien Kant so unausweichlich, zugleich aber für ein auf Erkenntniss des Wirklichen, wie es ist, statt auf Einbildung einer blossen Scheinwelt gerichtetes Denken, wie das seinige, so unerträglich, dass er um deswillen mit dem zum Skepticismus entarteten Empirismus brach und von dem Ergebniss einer nicht nur subjectiven, sondern auch nur particulär giltigen und blos wahrscheinlichen Naturauffassung zu der sofortigen Erforschung und Feststellung der Bedingungen einer zwar gleichfalls nur subjectiven, aber schlechterdings allgemeinen und nothwendigen Erfahrung überging.
247. Wie die bisherige Betrachtung das allmälige Eindringen des idealistischen Elements in den Realismus und dessen allmälige, schliesslich denselben überfluthende Ausbreitung in diesem blossgelegt hat, so legt die Entwicklungsgeschichte des Idealismus in umgekehrter Weise nicht nur das Eindringen, sondern das stetige Anwachsen des realistischen Elements im Idealismus als unvermeidlich dar. Schon dem Vater des gemeinen Idealismus, Berkeley, ist die Schwierigkeit nicht entgangen, die für denjenigen, der die gesammte wirklich scheinende Welt nur als im vorstellenden Subject vorhandenen Schein einer wirklichen Welt ansieht, aus dem Umstande erwächst, dass in den verschiedenen vorstellenden Subjecten, wenn unter denselben Uebereinstimmung und Mittheilung möglich sein soll, diese nur in ihrem jeweiligen Vorstellen existirende Scheinwelt in sämmtlichen Vorstellenden die nämliche, nach Inhalt und Form unter sich harmonirende Welt sein muss, ohne dass sich die Frage beantwortenliesse, warum, da in jedem seine eigene Welt entsteht, diese Welt in allen als die gleiche entstehen müsse. Leibnitz hat diese Frage, die sich auch ihm aufdrängen musste, weil jede „fensterlose†Monas in ihrem Innern eine „Welt als Vorstellung†enthält, mit der Berufung auf die durch Gott prästabilirte Harmonie aller Monaden und somit auch ihrer sämmtlichen, obgleich von einander unabhängigen inneren Vorstellungswelten beantwortet. Der Bischof von Cloyne, von dem es zweifelhaft ist, ob er von Leibnitz etwas wusste, sucht die Lösung des Problems, wie die vorgestellten Welten der einzelnen Vorstellenden unter einander correspondirend gedacht werden können, gleichfalls in Gott, welchen er als den Urheber der im Vorstellenden vorhandenen Vorstellungswelt und dadurch zugleich als Veranstalter der Uebereinstimmung zwischen den in den verschiedenen Vorstellenden vorhandenen Vorstellungswelten bezeichnet. Die nur als Schein eines Wirklichen im Bewusstsein vorhandene wirkliche d. i. der Schein einer wirklichen Welt, ist sonach schon bei Berkeley, dem Urheber des Idealismus, nicht das einzige Wirkliche, sondern derselbe setzt nicht nur das vorstellende Subject (den Geist), in dem er existirt d. i. dem er scheint, sondern überdies seinen Urheber, Gott, durch den er existirt d. i. der in ihm scheint, als Wirkliche voraus d. h. der Schein ist weder, wie der strenge Idealismus will, das einzige Wirkliche, noch mit jenen beiden Wirklichen, dem vorstellenden Subject einer- und der den Schein erzeugenden Gottheit andererseits verglichen, überhaupt wirklich (real), sondern nur ideal (unwirklich), während der Geist und Gott die eigentlich Wirklichen d. i. real Existirenden sind.
248. Das realistische Element, das Wirkliche neben dem Schein, als einzigem Wirklichen, ist sonach schon in die ursprünglichste Gestalt des Idealismus, und zwar so von Seite des Subjects, dem er scheint (des Geistes), wie von jener des Objects, das ihm scheint (der Gottheit), eingedrungen. Von jener aus angesehen, tritt das Wirkliche auf als Träger, von dieser aus angesehen, als Ursache des im Bewusstsein schwebenden Scheins. Während aber in dieser Gestalt des mit realistischen Elementen versetzten Idealismus der Träger des Scheins sich leidend (receptiv), die Ursache des Scheins allein thätig (spontan) sich verhält, sind daneben Auffassungen denkbar, nach welchen entweder der Träger sich gleichfalls wie die Ursache thätig, oder der Träger sich thätig, aber zugleich als einzige Ursache sich verhält, während eine dritte von jener ursprünglichen nur dadurch sich unterscheidet, dass als die Ursache des Scheinsnicht ein geistiges d. i. ein solches Object, in dessen Natur es liegt, Subject d. i. vorstellendes Wesen zu sein, sondern ein seiner Qualität nach beliebiges Wirkliches betrachtet wird, dessen Beschaffenheit unbekannt bleibt, dessen Existenz jedoch von derjenigen des Subjects als Träger des Scheins völlig unabhängig ist.
249. Wird der Träger des Scheins d. i. das vorstellende Subject ebenso wie die Ursache des Scheins d. i. das vorgestellte Object als thätig d. i. jedes derselben als wirklich d. i. wirkend betrachtet, so stellt der im Bewusstsein schwebende Schein eines Wirklichen, die scheinbar wirkliche Welt (die Welt als Phänomenon), ein Product aus zwei Factoren, dem Subject des Vorstellens und dem Object der Vorstellung, dar, dessen Beschaffenheit sonach als solches von der Beschaffenheit seiner Factoren als solcher nothwendig abhängen muss. In dem Einfluss des Subjects auf die Beschaffenheit dieses Products besteht die Herrschaft des idealistischen, in dem Einfluss des Objects auf dieselbe jene des realistischen Elements in der phänomenalen Welt. Je nachdem jener Einfluss zur Vorherrschaft des einen oder des andern wird, nimmt diese Scheinwelt selbst vorwiegend idealistischen, auf die Seite blossen Scheines der Wirklichkeit, oder realistischen, auf die Seite der Wirklichkeit selbst hindeutenden Charakter an.
250. Der Einfluss des realistischen Objects auf das Zustandekommen der phänomenalen Welt im Bewusstsein ist der geringste, wenn dasselbe als Wirkliches durch seine Thätigkeit nichts weiter bewirkt, als dass überhaupt Schein, der als Material zum Aufbau einer phänomenalen Welt durch das vorstellende Subject verwendet werden kann, im Bewusstsein vorhanden ist. Dieser Fall tritt in jener Gestalt zu Tage, welche Kant dem Idealismus gegeben hat, und die Rolle, die das Object in obiger Darstellung spielt, ist die nämliche, die Kant seinem „Ding an sich†zugewiesen hat. Dasselbe hat ihm zufolge keine andere Bestimmung, als die Existenz, keineswegs aber die Qualität des im Bewusstsein schwebenden Scheins eines Wirklichen begreiflich zu machen.Dassein Wirkliches ausser und neben dem vorstellenden Subjecte sei, wird durch die Thatsache der Existenz des Scheins eines solchen im Bewusstsein unzweifelhaft gemacht.Wasdas Wirkliche, dasnebstundausserdem vorstellenden Subjecte existirt, seiner Qualität nach sei, dagegen kann aus der Qualität des im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht ausgemacht werden, weil diese letztere lediglich von der Qualität des vorstellenden Subjects abhängig ist. Dasreale Object, „das Ding an sichâ€, ist der Grund, dass überhaupt im Bewusstsein Sinnesempfindungen (wie Gesichts-, Gehörs-, Geruchs-, Geschmacks- und Tastempfindungen)vorhanden sind; die Qualität des realen vorstellenden Subjects dagegen ist der Grund, dass im Bewusstsein geradeEmpfindungen(wie Farben, Töne, Wohlgerüche, Wohlgeschmäcke, Härte, Weichheit) vorhanden sind. Wäre das erste nicht, so entstünde überhaupt kein Schein, wäre das letztere ein anderes, als es ist, so entstünde anderer Schein. Wie die Existenz des Scheins von jener des Objects, so hängt die Qualität des Scheins von jener des Subjects ab; der im Bewusstsein wirkliche Schein in seiner qualitativen Eigenthümlichkeit ist daher nur durch das gemeinsame Zusammenwirken des Dings an sich und der specifischen Organisation des vorstellenden Subjects d. i. (wie Kant nach der alten Terminologie seiner Wolf’schen Schulung sich ausdrückte) „des Erkenntnissvermögens†erklärlich.
251. Erklärlich aber auch, dass bei dieser Sachlage der jeweiligen thatsächlichen Beschaffenheit des sogenannten Erkenntnissvermögens an dem Zustandekommen und der Gestaltung der phänomenalen Welt der Löwenantheil zufallen muss. Liefert der objective Factor, das Ding an sich, nichts weiter als den Stoff, ja nicht einmal diesen selbst, sondern nur die Veranlassung, dass ein solcher, aus welchem die phänomenale Welt aufgebaut werden soll, überhaupt im Bewusstsein vorhanden ist, so muss der Grund der gesammten Form, in welcher der Stoff zum Aufbau zusammengeordnet, ja sogar der Form, in welcher derselbe zum Baue verwendet wird, gänzlich in dem subjectiven Factor d. i. in der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes d. i. in jener seines sogenannten Erkenntnissvermögens gesucht werden. Letzteres, als Baumeister der phänomenalen Welt, baut sozusagen auf eigene Hand, nicht nur nach eigenem Plan, sondern auch mit selbstgeformtem Material; das „Ding an sich†als Bauherr ist nur die Ursache, dass überhaupt gebaut wird und dass die erforderlichen Mittel zum Baue vorhanden sind.
252. Der Organismus des sogenannten Erkenntnissvermögens ist es, welchen Kant seiner „Kritik der reinen Vernunft†zu Grunde gelegt und als dessen nothwendige Folgen die kritischen Ergebnisse dieser letzteren entsprungen sind. Insofern derselbe den idealistischen Factor der phänomenalen Welt repräsentirt, hat Kant seine Philosophie als Idealismus, insofern deren Ergebnisse auf die Betrachtung desselben als der Quelle der Bedingungen aller Erkenntniss gestützt sind,als Transcendentalphilosophie, und jenen Idealismus selbst (im Gegensatz zu dem gemeinen, empirischen) als transcendentalen Idealismus bezeichnet. Die Differenz seines und des empirischen Idealismus beschränkte sich jedoch nicht auf den genannten Unterschied, sondern wurzelte zugleich in der Verschiedenheit des vorstellenden Subjectes, welches den idealistischen Factor der phänomenalen Welt ausmacht, und welches im empirischen Idealismus das individuelle Einzelsubject, in dem seinen dagegen das allgemeine Gattungssubject, oder, nach Kant’s Ausdruck, das sogenannte transcendentale Subject ist. Folge davon ist, dass die Form der phänomenalen Welt, insofern dieselbe aus der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes stammt, im empirischen Idealismus nur eine individuelle, zufällige, für die Vorstellungswelt des Einzelsubjectes bestimmende, im transcendentalen Idealismus dagegen eine allgemeine und nothwendige, die Vorstellungswelt aller vorstellenden Einzelsubjecte derselben Gattung bestimmende sein muss. Durch diese Einführung der Form als einer allgemeinen und nothwendigen an der Stelle der blos zufälligen und singulären überwindet Kant den Hume’schen Skepticismus, der sich an die Sohlen des empirischen Idealismus geheftet hat, und verwandelt die phänomenale Welt d. i. die Welt der Erfahrung aus einer nur für den Einzelnen giltigen und nur zufällig (durch dessen individuelle Gewöhnung) entstandenen in eine für Alle identische und nothwendig (d. i. als unausbleibliche Folge der allen gemeinsamen Organisation des Erkenntnissvermögens) entstehende Erfahrung.
253. Die beziehungsweisen Antheile des idealistischen Factors d. i. des in Allen identischen transcendentalen Subjectes einer- und des realistischen Factors d. i. des für Alle identischen (als seiner Qualität nach unbekanntes x hinter der phänomenalen Welt stehenden) Dings an sich an dem Zustandekommen einer allgemein giltigen Erfahrung sind es, welche Kant als das a priori und das a posteriori der Erfahrung bezeichnet. Zu dem letzteren gehört nach der Auffassung Kant’s nichts weiter als der sinnliche Stoff, zu welchem das „Ding an sich†den äusseren Anstoss gegeben hat; zu dem ersteren gehören sämmtliche Formen, welche demselben in aufsteigender Reihe durch die (im Sinne der alten Wolf’schen psychologischen Theorie) einander übergeordneten Stufen des sogenannten Erkenntnissvermögens, des Sinnes, des Verstandes und der Vernunft zu Theil werden sollen. Als solche betrachtete Kant bekanntlich die zwei von ihm sogenannten „reinen Anschauungsformenâ€, welche dem Sinn, die (zwölf) von ihm construirten „Urtheilsformenâ€,welche dem Verstande, und die (drei) von ihm anerkannten (Schlussformen), welche der Vernunft erb und eigen seien. Durch die Anwendung der erstgenannten, und zwar der reinen Anschauungsform des Raumes d. i. des Nebeneinander auf den durch die äusseren Sinne, der reinen Anschauungsform der Zeit d. i. des Nacheinander auf den durch den sogenannten inneren Sinn gegebenen Stoff entstehtder Scheinräumlich und zeitlich verschieden angeordneter Gruppen sinnlichen Vorstellungsmaterials, welche durch die Anwendung der reinen Urtheilsformen und der daraus deducirten Stammbegriffe (Kategorien) des Verstandes denScheinwirklicher Einzeldinge, und zwar solcher erhalten, die als Substanzen Träger von Eigenschaften, und entweder als Ursachen Urheber von anderen ihresgleichen als Wirkungen, oder selbst als Wirkungen durch andere ihresgleichen als Ursachen hervorgebracht sind. Durch die Anwendung endlich der reinen Schlussformen und der daraus abgeleiteten Ideen der Vernunft entsteht derScheinsolcher Wirklicher, die entweder (wie die Seele) das einheitliche Subject zu allen möglichen Prädicaten, oder (wie die Welt) die Totalität aller Ursachen und Wirkungen, oder (wie die Gottheit) als ens realissimum die Summe aller möglichen Prädicate darstellen.
254. In dem Nachweis der Nothwendigkeit der Entstehung obiger Gattungen des wirklich Scheinenden besteht das positive, in dem gleichzeitigen Erweis, dass obige Gattungen deswirklich Scheinendennur eben so viele GattungenvomScheineines Wirklichen seien, das negative Resultat des Transcendentalidealismus. Hauptsächlich um des letzteren willen ist Kant der „alles Zermalmer†genannt worden. Es ist aber nicht zu übersehen, dass von anderer Seite aus angesehen Kant’s Philosophie dem negativen Ergebniss des Idealismus, der alles sogenannte Wirkliche in Schein auflöst, gegenüber ein sehr positives Ergebniss durch die nachdrückliche Betonung der Unentbehrlichkeit einer realen Unterlage der phänomenalen Welt in der Existenz des „Dings an sich†bietet, durch welche sich, wie Schopenhauer richtig gesehen hat, die zweite Auflage der „Kritik der reinen Vernunft†sehr merklich von der ersten, welche fast ausschliesslich der Hervorkehrung des idealistischen Factors gewidmet ist, unterscheidet. Nachdem diejenigen Wirklichen, welche Kant selbst als die eigentlichen Gegenstände der alten Metaphysik bezeichnet hat, Seele, Welt und Gott, sich unter dem Prisma der Kritik in blosse Scheinwirkliche aufgelöst haben, bleibt als Rest des Wirklichen das Ding an sich allein übrig, welches manmit Recht als den Rest der alten Metaphysik in Kant’s Philosophie, und dessen zu einem Minimum zusammengeschrumpfte Beschreibung man als den Inhalt dessen betrachten kann, was im eigentlichen Sinne des Wortes Kant’s Metaphysik heissen darf.
255. Dieselbe setzt sich mit Ausnahme der Behauptung der leeren Existenz durchaus aus negativen Prädicaten zusammen. Dem Ding an sich können weder quantitative noch qualitative Bestimmungen beigelegt werden. Dasselbe kann in ersterer Hinsicht weder als Eins, noch als Vieles, in letzterer Hinsicht weder als raumlos, noch als räumlich (also auch weder als unendlich, noch als endlich, weder als ausgedehnt, noch als unausgedehnt), noch als zeitlos, oder zeitlich (also auch weder als in der Zeit entstanden, noch als ewig), noch als geistig (immateriell) oder körperlich (materiell) bezeichnet werden. Alles, was der transcendentale Idealismus von demselben weiss und auszusagen berechtigt ist, beschränkt sich darauf, zu behaupten,dasses sei, aber nicht,wases sei.
256. Aber auch dies nur aus dem Grunde, weil der sinnliche Stoff als wirklicher Schein eine im Bewusstsein vorhandene Wirkung ist und daher als solche zur Ursache ein Wirkliches haben muss. Die Voraussetzung, dass jede Wirkung ihre zureichende Ursache haben müsse (das von Leibnitz sogenannte principium rationis sufficientis) gehört zu den fundamentalen Axiomen des Denkens, nach Kant insbesondere zu den dem Organismus des Erkenntnissvermögens wesentlichen Urtheilsformen des Verstandes. Aus ersterem folgt, dass sich ein Denken, für welches obiger Satz fundamentale Geltung besitzt, von einem in dieser Hinsicht anders geartet sein sollenden Denken d. i. einem solchen, für welches derselbe jene Giltigkeit nicht besässe, schlechterdings keine Vorstellung zu machen im Stande sei. Aus letzterem folgt, dass ein im Kantschen Sinn organisirtes Erkenntnissvermögen der Folgerung, dass jeder angeblichen Wirkung eine derselben genügende Ursache entsprechen müsse, schlechterdings nicht zu entrathen vermag, ohne sich selbst aufzuheben. Beides zusammen macht einleuchtend, dass die auch vom Idealismus unbestrittene Thatsache der Existenz wirklichen Scheins zu dem Schlusse führen muss, dass auch als Ursache desselben irgend ein Wirkliches existire.
257. „Wie der Rauch auf die Flamme, deutet Schein auf Seinâ€; in diesen Worten Herbart’s ist obiger Schluss am prägnantesten ausgesprochen. Allerdings mit dem Seitenblick, dass dieses angedeutete Sein nicht inner-, sondern ausserhalb desjenigen Wirklichen,welches den Träger des Scheins darstellt, d. i. des vorstellenden Subjects zu suchen sein möchte. Hier ist der Punkt, wo die Nachfolger Kant’s, die, wie er, auf dem Boden des Transcendentalidealismus stehen, in die einander entgegengesetzten Richtungen eines Idealismus, der sich auf das Subject des Scheins (den idealistischen Factor) d. i. eines idealistischen, und eines solchen, der sich auf das Object des Scheins (den realistischen Factor) stützt, d. i. eines realistischen Idealismus (der im Vergleiche mit jenem auch Realismus heissen kann) aus einander gehen. Aber auch die Stelle, wo diejenigen, die nicht wie Kant auf dem Boden des transcendentalen Idealismus beharren, sondern mit Umgehung des idealistischen Factors das Wirkliche unmittelbar, weder durch einen Schluss von der Wirkung auf die Ursache, noch überhaupt durch einen Act eines wie immer gearteten Denkens, sondern auf einem von diesem gänzlich verschiedenen Wege (etwa durch das Gefühl wie Jacobi, oder durch den Willen wie Schopenhauer) ergreifen zu können glauben, sich von jenen trennen und zu einem das Denken transcendirenden (deshalb fälschlichtranscendentalgenannten) Realismus gelangt sind.
258. Darin stimmen beide, der idealistische und der realistische Idealismus, mit einander überein, dass der Schein als wirklicher eine Ursache und zwar ein Wirkliches zur Ursache haben müsse; aber darin gehen sie beide aus einander, dass der erstere diese Ursache innerhalb, der andere dieselbe ausserhalb des Bewusstseins sucht. Der „Jude Kant’sâ€, Salomon Maimon, war es, der zuerst die Bemerkung machte, dass die Annahme des Dings an sich von Seite Kant’s auf einem Fehlschluss beruhe. Wenn der Satz, dass jede Wirkung eine Ursache haben müsse, wie die kritische Organisation des Erkenntnissvermögens lehrt, nichts anderes ist als eine dem vorstellenden Subject, und zwar dessen Verstande innewohnende Urtheilsform, so folgt, dass das Subject zwar niemals umhin kann, wo es eine Erscheinung als Wirkung betrachtet, eine Ursache derselben vorauszusetzen, dass aber daraus, dass das Subject durch die Natur seines Erkenntnissvermögens zu diesem Vorgang gezwungen ist, auf keine Weise gefolgert werden darf, dass eine derartige Ursache auch wirklich vorhanden sei. Wenn daher Kant aus der Existenz der Empfindungen auf die nothwendige Existenz des Dings an sich als deren Ursache schliesse, so begehe derselbe eine mit seinen eigenen Principien im Widerspruch stehende Erschleichung, indem aus den letzteren keineswegs die Existenz des Objects,sondern höchstens für das Subject die Nothwendigkeit sich ableiten lasse, ein solches vorauszusetzen. Als Fichte’s Wissenschaftslehre mit der Behauptung hervortrat, dass Kant durch die Zulassung des Dings an sich als Ursache des Stoffs der phänomenalen Welt mit sich selbst in unhaltbaren Widerspruch gerathe, war ihm jener mit der gleichen schon vorangegangen. Fichte aber war es, welcher aus obigem Selbstwiderspruch zuerst die Folgerung zog, dass die Annahme der Existenz eines Dings an sich als eines vom Träger des im Bewusstsein wirklichen Scheins unterschiedenen Wirklichen gänzlich fallen gelassen d. h. dass der realistische Factor des Transcendentalidealismus, das Object, welchesscheint, entfernt werden müsse.
259. Nach dem Verschwinden des realistischen bleibt von den beiden Factoren, durch deren Zusammenwirken die phänomenale Welt des transcendentalen Idealismus entsteht, nur der idealistische Factor, nach der Entfernung des Objects,welchesscheint, von den beiden Wirklichen, deren gemeinsames Product die Welt des Bewusstseins ist, nur das Subject,welchemscheint, übrig, geht der transcendentale Idealismus in einen solchen desSubjects(subjectiver Idealismus) über. Statt zweier Wirklicher, welche die Basis des transcendentalen Idealismus bilden, hat der subjective Idealismus zu seinem Substrat ein einziges Wirkliches, welches zugleich die Rolle des idealistischen und des realistischen Factors der phänomenalen Welt übernimmt d. h. der phänomenalen Welt nicht nur (wie der erste) die Form gibt, sondern auch (wie der letztere) den erforderlichen Stoff (das sinnliche Empfindungsmaterial) selbst erzeugt. Während daher im transcendentalen Idealismus der Träger des Scheins, das wirkliche Subject, gegen die Ursache desselben, das wirkliche Object, sich leidend, letzteres gegen ersteres sich thätig verhält, stellt derselbe im subjectiven Idealismus als Träger (Subject) zugleich die Ursache (Object) des Scheins in einem identischen Wirklichen dar, verhält sich das nämliche Wirkliche zugleich als Subject leidend gegen sich selbst als Object und thätig als Object gegen sich selbst als Subject d. h. als Subject-Object. Den Anstoss, welchen im transcendentalen Idealismus das Subject vom Object empfing, um Empfindung d. i. Material der phänomenalen Welt im Bewusstsein hervortreten zu lassen, empfängt dasselbe nunmehr nicht von einem von ihm unterschiedenen Andern, sondern von sich selbst. Das von ihm unterschiedene Andere (Object), welches der transcendentale Idealismus noch als ein wirklich Anderes (d. i. als ein anderes Wirkliches) ansah, ist in den Augen des subjectivenIdealismus nur mehr ein scheinbar Anderes, in Wirklichkeit kein Anderes als das Subject, welches das erste und einzige Wirkliche zugleich ist. Dasselbe, insofern es die Rolle des wirklichen realistischen Factors, des Objects, spielt, producirt nicht blos sämmtlichen Stoff der phänomenalen Welt, sondern es schafft auch den Schein, als sei dieser Stoff durch ein Anderes als es selbst d. h. es schafft den Schein eines realen Objects, welches den Stoff der phänomenalen Welt producirt. Letzterer, als vom Subject geschaffener Schein eines von diesem unterschiedenen Objects und daher dieses selbst, ist sonach in der That nichts weiter als eine Schöpfung d. i. eine durch einen Setzungsact des Subjects entstandene und daher von diesem abhängige Setzung desselben, eine Fiction, aber nichts Wirkliches. Wird diese seine fictive Natur vorübergehend verkannt, der Schein eines Objects für dessen Wirklichkeit genommen, das scheinbare Object, als ob es ein Wirkliches wäre, dem Subject entgegengesetzt, so muss diese Täuschung, welche, weil das Subject das einzige Wirkliche ist, nur eine Selbsttäuschung des Subjects sein kann, einmal ein Ende nehmen, das scheinbare Object als blosser Schein eines Objects erkannt und das vermeintlich vom Subject unterschiedene, als von ihm unabhängig wirklich bestehendes gedachte Object als von ihm abhängiges und nur durch dessen eigene Setzung entstandenes vom Subjecte zurückgenommen werden.
260. Setzung des Objects durch das Subject, Verkennung des scheinbaren Objects, indem dasselbe für wirklich gehalten wird, und Wiedererkennung des fälschlich für wirklich gehaltenen Objects als eines nur scheinbar vom Subject Verschiedenen sind die drei Momente, in welchen die innere Entwickelungsgeschichte des einzigen Wirklichen, welches der subjective Idealismus stehen gelassen hat, des Trägers des Scheins im Bewusstsein sich vollzieht. Dieselbe stellt gleichsam den Fortschritt einer dramatischen Handlung dar, in welcher das ursprünglich Geschehene durch den Schein des Gegentheils vorübergehend verdunkelt und am Schlusse aus der Verdunkelung wieder hergestellt wird. Wie in der letzteren das wirklich Geschehene vor dem Beginn d. i. ausserhalb der sichtbaren Handlung gelegen, also der Kenntniss des Zuschauers anfänglich entzogen ist, so liegt im obigen Process innerhalb des Bewusstseins das wirklich Geschehene, die Setzung des scheinbaren Objects durch das Subject, vor dem Beginn d. i. ausserhalb des erwachten Bewusstseins und bleibt auf diese Weise der Kenntniss des Subjects d. i. dessen eigenem Bewusstsein über sich selbst verborgen. Aus ersterem folgt,dass beim Beginne des Dramas die sichtbare Handlung das Gegentheil dessen zeigt, was wirklich geschehen ist; aus dem letzteren folgt, dass beim Erwachen des Bewusstseins der Inhalt desselben das Gegentheil dessen aufweist, was wirklich der Fall ist; jene stellt das Geschehene als nicht geschehen, diese stellt das vom Subject gesetzte Object als nicht gesetzt durch das Subject dar. Die schliessliche Lösung erfolgt, wie in der dramatischen Handlung durch die Aufhellung des Geschehenen, so in obigem Bewusstseinsprocess durch die Selbstaufhellung d. i. durch das Bewusstwerden des Subjects über sich selbst und seine eigene Setzung des Objects, d. i. durch das Selbstbewusstsein.
261. Dieses Subject, das einzige Wirkliche und folglich Wirkende ist es, welches der Urheber der Wissenschaftslehre das „Ich†genannt und dessen in den drei auf einander folgenden Stufen der Thesis, Antithesis und Synthesis sich entwickelnde Natur derselbe als niemals rastendes Thun (d. i. unablässiges Wirken) bezeichnet hat. Dasselbe setzt im Lauf seiner Entwickelung sein eigenes Gegentheil, das Nicht-Ich, und nimmt es im Verfolge derselben als von ihm selbst gesetztes d. h. als Ich in sich wieder zurück. Der erste Theil dieses Processes, welcher sich vor dem Bewusstwerden vollzieht, stellt die bewusstlose d. i. die Naturseite (Nachtseite) der Entwickelung des Ich, der zweite Theil desselben, weil er sich bei Bewusstsein vollzieht, stellt die bewusste d. i. die Geistesseite (Tagseite) derselben und, da das Ich das einzige Wirkliche ist, jener Abschnitt zugleich die Entwickelung des Wirklichen als eines bewusstlosen d. i. als Natur, dieser jene des nämlichen Wirklichen als eines bewussten d. i. als Geist dar. Die Gliederung der gesammten Wissenschaft vom Wirklichen vom Standpunkt des subjectiven Idealismus aus in eine solche vom Ich als Natur (Naturphilosophie) und vom Ich als Geist (Geistesphilosophie), aber auch die Möglichkeit einer solchen, welche beide Seiten der Entwickelung des Ich als Entwickelungsseiten eines und des nämlichen Ich, als identisch betrachtet (Identitätsphilosophie), so wie einer weitern, welche die Betrachtung des Entwickelungsgesetzes des Ich als eines nicht nur selbst innerlich nothwendigen, sondern diese Entwickelung nothwendig fordernden, der Betrachtung des wirklichen Entwickelungsganges desselben als Natur und Geist voranstellt (Dialektik, metaphysische Logik) ist dadurch vorgezeichnet.
262. Je nachdem das Ich als Wirkliches (agens), oder als blosser Infinitiv, als Wirken (agere) bestimmt, das erstere entwederals endliches oder als unendliches (absolutes) Ich aufgefasst wird, gliedert sich der Idealismus des Subjects in die drei Stufen des (im engeren Sinn sogenannten) subjectiven Idealismus (Fichte), absoluten Idealismus (Schelling) und Panlogismus (Hegel). Jener besteht darin, dass als einziges Wirkliches ein endliches Ich (das transcendentale Subject); der zweite darin, dass als einziges Wirkliches ein absolutes Ich (die Gottheit, das absolute Subject); der dritte darin, dass als einziges Wirkliches das unpersönliche Wirken und zwar, da das einzige Wirkliche des Idealismus das vorstellende (denkende) Subject ist, das unpersönliche Denken, die Vernunft angesehen wird. Die Entwickelungsgeschichte des ersten d. i. der Inhalt der gesammten Wissenschaft stellt den Bewusstseinsprocess dar, mittels dessen das endliche Ich zum Bewusstsein seiner selbst, zum Selbstbewusstsein gelangt d. i. Geist wird. Jene des zweiten macht den immanenten Entwickelungsprocess aus, mittels dessen das absolute Subject durch die vorläufigen Phasen der Natur- und der Weltgeschichte hindurch zum Bewusstsein seiner selbst d. i. zum Bewusstsein seiner Göttlichkeit, zum absoluten Bewusstsein gelangt d. i. absoluter Geist, Gott wird. („Am Ende der Weltgeschichteâ€, sagte Schelling, „wird Gott seinâ€.) Der Panlogismus endlich repräsentirt den dialektischen Process, mittels dessen die unpersönliche (objective) Vernunft (die logische Idee) durch ihr Gegentheil, das vernunftlose Sein (die Natur), hindurch zur persönlichen (subjectiven) Vernunft (zum absoluten Geiste) wird. („Aufgabe der Philosophie istâ€, sagte Hegel, „die Substanz zum Subjecte zu machenâ€.)
263. Alle drei Formen des Idealismus des Subjects kommen darin überein, das Wirkliche sei, aber auch, dass nur ein Einziges wirklich sei. Wird daher dieses als einziges Wirkliches von einem Widerspruch betroffen, welcher entweder verhindert, dasselbe überhaupt anzunehmen, oder doch hindert, dasselbe als wirklich gelten zu lassen, so werden sämmtliche Formen jenes Idealismus von demselben zugleich betroffen. Derselbe ging von dem Satze aus, dass der Schluss des transcendentalen Idealismus von dem Schein als Wirkung auf ein Object als Ursache desselben ein Selbstwiderspruch sei, aus dem Grunde, weil die Folgerung von der Wirkung auf die Ursache nur eine Urtheilsform des Verstandes, und daher die Consequenz, dass der Schein im Bewusstsein eine Ursache haben müsse, zwar für den Verstand unvermeidlich, aber darum nichts weniger als (objectiv) giltig sei. Gleichwol hat diese Einsicht, wenn sie den Namen verdient, den Idealismus nicht gehindert, von der Thatsachedes im Bewusstsein schwebenden Scheins auf eine erzeugende Ursache desselben zurückzuschliessen, nur mit dem Unterschied, dass er dieselbe nichtausserhalbdes Bewusstseins (in ein Object), sondern in den Träger des Bewusstseins (in das Subject) verlegt d. h. dieses selbst zur Ursache des Scheines macht. Wenn nun, wie der Idealismus behauptet, der Schluss von der Wirkung auf eine Ursache als blosse Verstandesform überhaupt unberechtigt ist, so ist der Schluss von der Wirkung auf eine innerhalb des Bewusstseins gelegene, sogenannte innere Ursache mindestens ebenso unberechtigt, wie jener von der Wirkung auf eine ausserhalb des Bewusstseins gelegene, sogenannte äussere Ursache. Der subjective Idealismus hat daher von diesem Gesichtspunkt aus ebensowenig das Recht, das Subject als Wirkliches, wie der objective Idealismus seiner Meinung nach ein solches besitzt, ein vom Subject unterschiedenes Object als Wirkliches anzunehmen.
264. Wie man sieht, hat der Idealismus des Subjects, der gewöhnlich kurzweg mit dem Namen Idealismus bezeichnet wird, in diesem Punkt dem Idealismus des Objects, kurzweg Realismus genannt, nichts vorzuwerfen. Derselbe hat nicht nur nicht mehr und nicht weniger ein Recht, als erzeugende Ursache des Scheins ein Wirkliches, er hat überdies, was bedenklicher ist, kein Recht, das von ihm angenommene Wirkliche als wirklich anzunehmen. Letztere Annahme fällt, wenn dasjenige, was als wirklich gedacht werden soll, mit einer Eigenschaft behaftet ist, welche verhindert, dasselbe als wirklich zu denken. Dieser Fall tritt aber ein, wenn dasjenige, was als wirklich gedacht werden soll, in sich einen Widerspruch einschliesst. So gewiss aus dem Umstand, dass ein als wirklich zu Denkendes keinen Widerspruch einschliesst, nur geschlossen werden kann, dass es möglich, keineswegs, dass es wirklich sei, so gewiss muss aus dem Umstand, dass ein als wirklich zu Denkendes in sich einen Widerspruch enthält, die Folgerung gezogen werden, dass dasselbe unmöglich d. i. auf keine Weise je wirklich sei. Das einzige Wirkliche des Idealismus, das Ich, nun soll in der Weise gedacht werden, dass dasselbe zugleich sein eigenes Object und sein eigenes Subject sei, den Stoff seiner phänomenalen Welt zugleich empfange und erzeuge, also zugleich gegen sich selbst als Leidendes und auf sich selbst als Thätiges sich verhalte d. h. es soll so gedacht werden, dass es zugleich seine eigene Ursache und seine eigene Wirkung (causa sui), also dass es im strengsten logischen Sinn des Wortes Entgegengesetztes d. i. sichunter einander Ausschliessendes zugleich und als jedes von beiden sein eigenes Gegentheil, um es mit einem Wort zu sagen, der lebendige Widerspruch sei. Ein solcher aber kann nicht als wirklich gedacht werden.
265. Auch dann nicht, wenn die Erfahrung ihn zu bestätigen scheint. Die Thatsache, welche der Idealismus anzuführen liebt, um durch dieselbe zu erweisen, dass ein sich zugleich als Thätiges und Leidendes Verhaltendes, eine causa sui, wirklich, und daher, was auch die Logik dagegen einwenden möge, möglich sei, ist das Phänomen des Selbstbewusstseins. Dasselbe, so schliesst der Idealismus, als factisches Bewusstsein des Selbst von sich selbst, ist thatsächlich Subject und Object, Leidendes und Thätiges, Ursache und Wirkung zugleich: dasIchstellt sich vor und das Ich stelltsichvor. Als jenes ist es das Vorstellende (Subject), als dieses das Vorgestellte (Object), als beider Identität ist das Ich Vorstellendes und Vorgestelltes zugleich (Subject-Object). Durch diese unbestreitbar scheinende psychologische Thatsache, d. i. durch die Wirklichkeit eines im logischen Sinn mit einem inneren Widerspruch Behafteten ist nach der Meinung des Idealismus die Möglichkeit, ein in sich Widersprechendes als wirklich zu denken, erwiesen; der Einspruch der Logik, dass Widersprechendes nicht als wirklich gedacht werden könne, abgewiesen.
266. Gegenüber dem Canon: a non posse valet conclusio ad non esse, geht der Idealismus von dementgegengesetztenaus: ab esse valet conclusio ad posse. Die Richtigkeit seiner Folgerung hängt von dem Umstande ab, ob und dass die angebliche Thatsache des Selbstbewusstseins wirklich eine Thatsache, oder, was eben so viel ist, ob und dass die Behauptung, dasIchstellesichvor, auf einer wirklichen Erfahrung oder auf einer blossen Einbildung beruhe. Die Thatsache, welche den Widerspruch zustürzenbestimmt ist, darf nicht selbst wieder auf einen Widerspruch sichstützen. Dieselbe muss, um gegen die Einrede der Logik Stand zu halten, eine selbst widerspruchsfreie, evidente, nicht nichtanzuerkennende Thatsache sein.
267. Es fehlt viel, dass die sogenannte Thatsache des Selbstbewusstseins dieser Forderung genügte. Wenn, wie der Idealismus einräumt, das Phänomen des Selbstbewusstseins nichts weiteres in sich schliesst als das „Sich sich Vorstellen†(se sibi repraesentare) des Ichs, so enthält das Sich (se) abermals nichts anderes als das Ich d. h. das Sich sich Vorstellen, das Sich (se) in diesem aberdas nämliche „Sich sich Vorstellen†zum dritten, und das sich darin wiederholende Sich dasselbe zum vierten Male u. s. f., d. h. es entsteht ein regressus in infinitum. Das Ich erweist sich als eine mit der Forderung, eine unendliche Reihe vorzustellen, behaftete, demnach als eine im wirklichen Vorstellen schlechthin unvollendbare Vorstellung d. h. als eine solche, die niemals Thatsache d. i. wirkliche Vorstellung sein kann. Einer Thatsache aber, die keine sein kann, gegenüber steht der Einwand der Logik, dass in sich Widersprechendes niemals wirklich sein könne, aufrecht.
268. Der Widerspruch, welcher den Idealismus ausschliesst, liegt sonach nicht darin, dass er als Ursache des im Bewusstsein schwebenden Scheins ein Wirkliches setzt, sondern darin, dass er als solche ein in sich Widersprechendes d. h. ein Wirkliches setzt, das nicht als wirklich gedacht werden darf. Indem derIdealismus des Objects, derRealismus, von dem im Bewusstsein schwebenden Schein als Wirkung auf eine denselben erzeugende Ursache schliesst, thut er nichts anderes, als, wie oben gezeigt, auch der Idealismus thut; indem derselbe als solche jedoch nicht ein in sich Widersprechendes, sondern ein solches setzt, das ohne Einsprache der Logik als wirklich gedacht werden kann, thut er wirklichanderesund besseres, als jener that. Derselbe begnügt sich weder, im Gegensatz zum Idealismus des Subjects, die Annahme des Ich als des einzigen Wirklichen abzulehnen, noch, in Uebereinstimmung mit Kant, die Unerlässlichkeit der Annahme eines übrigens in jeder Hinsicht unbekannten realen x, des von jeder denkbaren quantitativen und qualitativen Bestimmtheit entblössten „Dings an sichâ€, zuzugeben, sondern schreitet im Gegensatze zu beiden zu der eben so wol realistischen als pluralistischen Behauptung fort, dass nicht nur Wirkliches sei, sondern unbestimmt viele Wirkliche seien d. h. dass die Voraussetzung solcher auf Grundlage und zur Erklärung des thatsächlich im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht nur nicht widersprechend, sondern im Gegentheil, das Gegentheil derselben der Forderung eines logischen Denkens widersprechend sei.
269. Weshalb die Annahme, es gebe Wirkliches, nicht nur nicht widersprechend, sondern vielmehr die gegentheilige Annahme, es gebe kein Wirkliches, widersprechend sei, ist schon oben gezeigt worden. Von dem „Rauche†des Scheins gilt der Schluss auf die „Flamme†des Seins. Wo nichts Wirkliches wäre, könnte auch keines scheinen; keineswegs aber gilt auch der umgekehrte Satz,dass, wo kein Wirkliches scheint, auch kein Wirkliches vorhanden sei. Denn es lässt sich sehr wol denken, dass Wirkliches sei, auch ohne zu scheinen. Die Setzung des Wirklichen auf Grundlage des vorhandenen Scheins ist eine bedingte; das Gesetztsein des Wirklichen aber ist ein durch dessen Setzung auf Grundlage des Scheins nicht bedingtes, also unbedingtes. Dasselbewirdgesetzt, weil der Schein gesetzt ist; aber eswäregesetzt, auch wenn der Schein nicht gesetzt wäre. Die Setzung desselben erfolgt nicht, wie jene des (scheinbaren) Objects im Idealismus, durch das Ich, welches setzt, sondern besteht, wie der von seinem Gedachtwerden unabhängige Denkinhalt, auch ohne Subject, welches setzt. Die Position des (scheinbaren) Objects durch das Subject (im Idealismus) ist eine relative; mit dem Subject fällt auch das Object. Die Position des Wirklichen im Realismus ist eineabsolute; dieselbe hört nicht auf, auch wenn das Subject aufhört.
270. Nur die letztere Position ist wahre, die relative ist keine Position. Das eigentlich Ponirte ist in der relativen Position nicht das Gesetzte (das Object), sondern das Setzende (das Subject); die Position des Ponirten ist daher nur eine scheinbare; die wahre Position ist die des Ponirenden. Dieses allein ist wahrhaft, das von ihm Gesetzte nur dem Anschein nach wirklich; das einzige Wirkliche sonach nicht das Gesetzte, das Object, sondern das Setzende, das Subject. Soll das Object das Wirkliche d. i. nicht nur dem Schein nach, sondern in Wahrheit wirklich sein, so muss es von seiner Setzung durch das Subject unabhängig gesetzt d. h. es muss als das, was es ist, auch dann gesetzt sein, wenn weder eine Setzung desselben durch ein Subject, noch überhaupt ein von demselben unterschiedenes Subject je wirklich vorhanden ist.
271. Die absolute Position ist der Ausdruck des Seins. Durch dieselbe ist das Sein, wie von jeder Setzung durch das Subject, so auch von der Setzung durch jedes, wie immer geartete Denken unabhängig. Dasselbe ist, wie Bonaparte zu Campoformio von der französischen Republik sagte: „wie die Sonne, wehe dem, der sie nicht sieht!†Dem Denken bleibt nichts übrig, als das Sein als das, was es von vornherein ist, als Sein anzuerkennen; das Sein aber als solches bedarf dieser Anerkennung durch das Denken nicht. Das Sein ist nicht, wie Schelling sagte, „vor†dem Denken, aber es bestünde auchohnedas Denken.
272. Ein Denken, welches das Wirkliche nicht als absolut d. i. als von ihm unabhängig gesetzt dächte, hätte dasselbe nicht alsSein, sondern als Schein gedacht. Derselbe Grund, welcher das Denken nöthigt, ein Wirkliches zu denken, nöthigt es auch, dieses letztere als unbedingt gesetzt d. i. als seiend zu denken. Der Grund aber, der für das Denken die Annahme eines Wirklichen unvermeidlich macht, ist die Thatsache des Scheins des Wirklichen d. i. das — nicht willkürlich durch den Willen des Denkenden, sondern unwillkürlich,ohne, ja selbstwiderden Willen des Denkenden — Gegebensein des Scheins des Wirklichen. Der Inhalt dieser durch die Thatsache des Scheins des Wirklichen d. i. durch die ErfahrungbedingtenSetzung ist dasunbedingtGesetzte.
273.Dassdas Wirkliche, was es auch immer sei, unbedingt gesetzt, nicht aber,wasdas Wirkliche,wenngesetzt, seinemWasnach sei, ist damit ausgesprochen. Nur so viel lässt sich folgern, dass, wie auch das Was des Wirklichen gedacht werden möge, dasselbe nicht so gedacht werden dürfe, dass dessen unbedingtes Gesetztsein dadurch unmöglich gemacht wäre. Dies aber würde der Fall sein, nicht nur wenn das Was des Wirklichen in irgend einer Weise von der Natur eines dasselbe Setzenden abhängig gedacht, sondern auch dann, wenn dasselbe durch das Gesetztsein eines Andern bedingt gedacht würde. Dasselbe darf in ersterer Hinsicht daher nicht so beschaffen gedacht werden, wie das vermeintlich Setzende (z. B. das vorstellende Subject) seiner Beschaffenheit nach ist d. h. etwa als vorstellend, weil dieses letztere vorstellt, oder als fühlend, oder wollend, weil dieses letztere fühlt und will. Es darf aber auch in letzterer Hinsicht nicht so gedacht werden, dass dessen Gesetztsein das Gesetztsein eines Anderen bedingt, also nicht als zusammengesetzt d. i. aus Theilen bestehend, weil dann dessen Gesetztsein durch das Gesetztsein jedes einzelnen dieser Theile bedingt, also nicht unbedingt wäre. Aus ersterem folgt, dass das Was des Wirklichen in keiner Weise aus dem Was etwa des vorstellenden Subjects als des vermeintlich dasselbe Setzenden erschlossen werden könne. Aus dem letzteren folgt, dass das Was des Wirklichen, weil unbedingt gesetzt, nicht zusammengesetzt d. i. nicht aus Theilen bestehend sein dürfe, sondern strengeinfachsein müsse.
274. Jedes wahrhaft Wirkliche ist daher einfaches Wirkliches. Dasselbe ist nicht nur, wie das sogenannte physikalische Atom, scheinbar, sondern wirklich „atom†d. i. untheilbar; nicht blos, wie jenes, weil es mit den vorhandenen Werkzeugen nicht mehr getheilt werden kann, oder für den gegebenen Zweck nicht mehrweiter getheilt zu werden braucht, sondern, weil es schlechthin keine Theile hat. Dasselbe schliesst seiner Einfachheit halber zwar nichtjedeVielheit, aber doch jede Vielheit einander coordinirter Glieder von sich aus d. h. dasselbe ist weder ein Bündel einander nebengeordneter Eigenschaften, noch eine Summe ebensolcher sogenannter Kräfte oder Vermögen. Es kann sein Was weder verlieren noch verändern, ohne (was unmöglich ist bei einem unbedingt Gesetzten) selbst aufzuhören. Dasselbe kann daher weder qualitativ ein anderes als, noch quantitativ ein mehr oder weniger dessen werden, was es ist; dasselbe ist, sobald es ist, sowol ewig als unveränderlich; weder dessen (unbedingtes, also von jeder Bedingung unabhängiges) Gesetztsein, noch dessen einfaches, jeder Zuthat oder Abtrennung von Theilen, jedes Wachsthums wie jeder Abnahme unfähiges Was kann einen Wechsel erleiden. Die unvermeidliche Consequenz der absoluten Position und der Einfachheit des Was ist dieErhaltungdes wandellosenSelbstjedes Wirklichen.
275. Im Begriffe des Wirklichen liegt, dass es Wirkendes ist d. i. wirkt d. h. dass dessen Sein und dessen einfache Qualität von dessen Wirken d. i. sich Bethätigen unabtrennlich ist. Weder ein Wirkliches, das nicht wäre, noch ein Seiendes, das nicht wirkte, wäre ein wahrhaft Wirkliches; jenes wäre nur der Schein eines Wirklichen, dieses wäre ein Todtes, also nicht Wirkliches. Die Zusammengehörigkeit beider darf nicht so gedacht werden, als wäre das Sein und die Qualität das Substrat des Wirkens d. h. als besässe das Wirkliche alsseiende, aber nichtwirkendeQualität seine besondere, alsseiende, aberwirksameQualität wieder seine abgesonderte Wirklichkeit d. h. als stellte die seiende Qualität nach Abzug des Wirkens gleichsam das Residuum, das caput mortuum des Wirklichen dar. Die unbedingt gesetzte einfache Qualität und das Wirken sind nicht nur im Begriffe des Wirklichen, sondern in diesem selbst unzertrennlich eins, so dass das Wirkliche weder gedacht werden kann, ohne dasselbe als wirkend zu denken, noch als Wirkliches sein d. h. wirklich sein kann, ohne zu wirken.
276. Ebensowenig wie die absolute Position, das unbedingte d. i. bedingungslose Gesetztsein, darf das mit derselben im Wirklichen in Eins verschmolzene Wirken von einer, wie immer gearteten Bedingung abhängig gedacht werden. Weder kann dessen Beginn, noch dessen Aufhören an einen Zeitpunkt geknüpft werden, vor welchem und nach welchem zwar das unbedingt Gesetzte, aber nicht als Wirkendes, sondern als Wirkungsloses bestünde, noch darfdasselbe so verstanden werden, als setzte es einen besondern, noch weniger einen von ihm, dem Wirklichen, unterschiedenen Stoff voraus, um sich als Wirken zu bewähren. Die Frucht des mit der absolut gesetzten einfachen Qualität unauflöslich und unablösbar verbundenen Wirkens des Wirklichen ist dessen Wirklichkeit.
277. Nothwendige Wirkung des mit dem Wirklichen seiner Natur nach verbundenen Wirkens ist, dass etwas geschieht. Das Gegentheil, die Annahme, dass nichts geschehe, ungeachtet gewirkt wird, widerspricht sich selbst. Denn ein Wirken ohne wie immer beschaffenen Erfolg hätte nichts bewirkt d. h. wäre kein Wirken gewesen. Nothwendige Folge der Einfachheit und Unveränderlichkeit der Qualität des Wirklichen ist, dass, was immer geschehe, weder eine Setzung, noch Aufhebung der absoluten Position eines Wirklichen, noch die, sei es quantitative, sei es qualitative Abänderung der Qualität eines Wirklichen, weder der eigenen, noch einer fremden sein kann; daher alles, was wirklich geschieht, weder die Qualität, noch das Gesetztsein des Wirklichen, sondern nur das mit demselben unablöslich verschmolzene Wirken des Wirklichen angehen kann d. h. dass alles, was wirklich in Folge des Wirkens geschieht, nur eine Aenderung (Modification) dieses Wirkens selbst, beziehungsweise dessen Zunahme oder Abnahme, Förderung oder Hemmung, Erhaltung in der bisherigen, oder Ablenkung nach einer andern Richtung bedeuten kann.
278. Dass überhaupt Wirkliches ist und, was wirklich ist, wirkt, macht die realistische, dass mehr als ein einziges Wirkliches, eine unbestimmbare Menge von Wirklichen sei, die pluralistische Seite des Realismus aus. Wie das erstere aus dem Satze, dass scheinbar Wirkliches, so folgt das letztere aus der Thatsache, dass der Schein eines vielfachen Wirklichen gegeben ist. Während der Schluss dort lautet: ohne Sein kein Schein, lautet er hier: ohne Vielheit und Vielfachheit des Seins keine Vielheit und Vielfachheit des Scheins. Die entgegengesetzte Annahme, dass aus der Einheit und Einfachheit des Seins der Schein der Vielheit und Vielfachheit des Seins hervorgehe, widerspricht sich selbst. Dieselbe lässt unerklärt, warum, wenn das Erzeugende, der realistische Factor, die Ursache der Empfindung, das nämliche ist, die Wirkung derselben, die Empfindung, bald diese, bald jene sei, das „Ding an sichâ€, von welchem der Anstoss zur Empfindung ausgeht, bald eine Gesichts-, bald eine Gehörsempfindung, und wieder einmal die Empfindung des Blauen, ein anderes mal die des Rothen verursache, dabei aber selbst alsUrsache immer dasselbe bleibe. Wird an die Stelle des Dings an sich das Wirkliche d. i. eine absolut gesetzte, einfache Qualität substituirt, so erhöht sich die Schwierigkeit, zu begreifen, wie diese letztere, welche als einfach jede Vielheit coordinirter, aber unter einander qualitativ verschiedener Wirkungsweisen ausschliesst, doch zugleich Ursache qualitativ verschiedener Wirkungen d. i. z. B. qualitativ unterschiedener Empfindungen werden könne; dieselbe führt daher mit Nothwendigkeit dazu, so viele und so vielerlei qualitativ verschiedene Ursachen vorauszusetzen, als und so vielerlei qualitativ verschiedene Wirkungen gegeben sind d. h. wo die Thatsache vielfachen qualitativ unterschiedenen Scheins gegeben ist, auch die Existenz eines vielfachen und qualitativ unterschiedenen Wirklichen zu postuliren.