Chapter 13

279. Wie durch die Betonung der realistischen Grundlage des Scheins dem Idealismus, so ist durch die Betonung der pluralistischen Grundlage des Scheins der Realismus jedem wie immer gearteten Monismus d. i. jeder All-Eins-Lehre entgegengesetzt. Jener, er sei subjectiver, absoluter oder Panlogismus, entbehrt eines wahrhaft Wirklichen; dieser, er sei idealistisch oder selbst realistisch, entbehrt einer wahren Vielheit des Wirklichen. Jenem zufolge ist das Wirkliche blosser Schein (Phantasmagorie) welchen sich entweder das endliche oder das absolute Ich, oder die absolute Vernunft vorspiegelt, um mittels desselben zum Bewusstsein seiner, beziehungsweise ihrer selbst zu kommen d. i. Geist zu werden. Diesem zufolge ist jede Vielheit und Individuation des Seins blosser Schein (Phantasmagorie), welchen das eine und einzige Wirkliche (es sei nun Spinozistische Substanz oder Schopenhauer’scher Allwille) entweder (wie die beiden genannten) mit blinder Nothwendigkeit, oder (wie das Hartmann’sche „Unbewusste”) zu dem Zwecke sich vorgaukelt, um mittels desselben zum Bewusstsein und sei es durch Selbstverneinung oder durch werkthätigen Anschluss zur Realisirung des Weltzwecks zu gelangen. Während der erstere begreiflich zu machen unterlässt, wie aus demjenigen, was selbst nicht einmal den Schatten der Wirklichkeit besitzt, auch nur der Schein einer solchen entspringen könne, setzt der letztere dem Bedenken, wie aus demjenigen, was selbst nicht einmal eine Spur der Vielheit in sich schliesst, auch nur der Schein einer solchen und der Vielfachheit des Wirklichen hervorgehen könne, vorsichtiges Stillschweigen entgegen.280. So viel wirklicher Schein, so viel wirkliches Sein — lautet der Satz des Realismus, aber nicht, wie viel wirkliches Sein. Derselbebegnügt sich, zu behaupten, dass um der Vielheit und Mannigfaltigkeit des durch die Erfahrung gegebenen Scheins willen eine eben solche Vielheit und Mannigfaltigkeit des Wirklichen gesetzt, aber er enthält sich, der Versuchung nachzugeben, bestimmen zu wollen, welche (ob endliche oder unendliche) Vielheit des Wirklichen gesetzt werden müsse. Eben so wenig wie das Quantum, wagt er das Quale des Wirklichen anders als durch die schon oben angeführte, aus dem Begriff der absoluten Position abgeleitete Folgerung der qualitativen Einfachheit zu bestimmen. Wie die Vielheit des Scheins zwar die Annahme einer Vielheit des Wirklichen, aber nicht die Bestimmung der Vielheit des Wirklichen, so erlaubt die Mannigfaltigkeit des Scheins zwar die Annahme einer Mannigfaltigkeit des Wirklichen, aber nicht die Bestimmung des Mannigfaltigen des Wirklichen. Dass vieles und mannigfaltiges Wirkliches sei, weder aber wie vieles, noch welcherlei Art das Wirkliche sei, vermisst sich der Realismus anzugeben.281. Die Mannigfaltigkeit ist die geringste d. h. die Gleichartigkeit des Wirklichen ist die denkbar grösste, wenn dessen Verschiedenheit nicht in einer sogenannten inneren (Eigenschaft), sondern nur in einer sogenannten äusseren Beschaffenheit, also in einer solchen gelegen ist, welche weder Aehnlichkeit noch Gegensatz, überhaupt keinerlei Verwandtschaft des Wirklichen voraussetzt, sondern auch bei übrigens völlig disparaten Wirklichen stattfinden kann. Von dieser Art sind die räumlichen und zeitlichen d. i. diejenigen Bestimmungen eines Wirklichen, welche sich ändern können, ohne dass dieses letztere selbst dadurch eine Aenderung erfährt, obgleich andere Wirkliche dadurch eine solche erfahren mögen. Der in seiner Umlaufsbahn und Umlaufszeit sich um die Sonne bewegende Planet erleidet durch seine Fortbewegung in seinen inneren Eigenschaften keinerlei Veränderungen, während die Wirkungen, welche er selbst auf andere Planeten ausübt (z. B. die sogenannten Störungen) wesentlich durch die Stellung d. i. durch den Ort bedingt werden, welchen derselbe in einem jeweiligen Zeitpunkt im Verhältniss zu ihnen im Weltraum einnimmt. Eben so wenig erleidet der Weltkörper, wenn nicht andere Ursachen in und an demselben Veränderungen bewirken, durch den blossen Abfluss der Zeit, innerhalb welcher er seine Bahn zurücklegt, eine Veränderung, obgleich, wenn eine solche an ihm vorgegangen und er demungeachtet derselbe geblieben sein soll, dies nur unter der Voraussetzung denkbar ist, dass seine Beschaffenheit vor und seineBeschaffenheit nach obiger Veränderung in verschiedene Zeitpunkte fallen. Die vielen und verschiedenen Wirklichen sind daher am wenigsten verschieden, jedoch in keiner Weise nicht verschieden, wenn deren Verschiedenheit lediglich in der Verschiedenheit d. i. in der Nichtidentität ihrer räumlichen und zeitlichen Bestimmungen d. i. des Wo und des Wann ihrer Wirklichkeit d. i. ihres Wirkens gelegen ist. Dieselben sind verschieden, insofern ihre Orte im Raum verschieden d. h. ausser einander, dagegen nicht verschieden, insofern sie Wirkliche d. i. Wirkende sind. Dieselben sind verschieden, insofern je nach der Verschiedenheit ihres Aussereinander (d. h. der räumlichen Distanz ihrer Orte) ihr Wirken verschieden, dagegen nicht verschieden, insofern sie Wirkende sind. In Bezug auf die Zeit sind sämmtliche Wirkliche als unbedingt Gesetzte insofern nicht verschieden, als ihr Gesetztsein von jeder, also auch von jeder zeitlichen Bedingung unabhängig ist; dagegen können sie als Wirkende insofern verschieden sein, als ihr Wirken sich ändert, während sie selbst dieselben bleiben und diese Aenderung nur unter der Annahme möglich ist, dass das eine zu einer, das anders geartete Wirken dagegen zu einer andern Zeit stattfindet.282. Wirkliche, die sich durch räumliche und zeitliche Bestimmungen unterscheiden, können im Uebrigen eben so wol unterschieden als nicht unterschieden, sie werden trotzdem unterschiedene d. i. Einzelwesen und, da dieselben als unbedingt gesetzte, einfache Qualitäten, Atome d. i. untheilbare Wesen sind, Individuen sein. Dieselben müssen als räumlich (d. i. dem Ort nach) verschiedene, ausser einander, beziehungsweise neben einander sein; das Wirken derselben, insofern es in einem und demselben Individuum ein verschiedenes sein soll, kann nur nach einander, beziehungsweise auf einander erfolgen. Da dieselben ausser einander d. h. da ihre Orte, wenn sie selbst unterschiedene sein sollen, nicht dieselben sein sollen, so muss es der Orte wenigstens eben so viele geben, als es Wirkliche gibt. Da das Wirken eines jeden derselben, wenn es ein anderes sein soll, in einen anderen Zeitpunkt fallen muss, so muss es der Zeitpunkte wenigstens eben so viele geben, als in demselben Wirklichen Abänderungen seines Wirkens gegeben sind. Mit der Unbestimmbarkeit der Zahl der Wirklichen ist daher zugleich die Unbestimmbarkeit der Zahl der Orte, mit der Unbestimmbarkeit der Zahl möglicher Abänderungen des Wirkens eines und desselben Wirklichen zugleich die Unbestimmbarkeit der Zahl der Zeitpunkte gegeben. Wie die Menge des auf Grundlage des durch die Erfahrunggegebenen Scheins anzunehmenden Wirklichen, so lässt sich die Menge der auf Grundlage des angenommenen Wirklichen anzunehmenden Orte,sowie jene der auf Grundlage der durch Erfahrung gegebenen Abänderungen des Wirkens des Wirklichen anzunehmenden Zeitpunkte je nach Bedürfniss ins Unbestimmte erweitern.283. Der Inbegriff des gesammten auf Grundlage des durch die Erfahrung gegebenen Scheins jeweilig anzunehmenden Wirklichen d. i. der Inbegriff sämmtlicher Atome macht den Stoff, der Inbegriff des von sämmtlichen Wirklichen ausgehenden Wirkens die Kraft, der Inbegriff sämmtlicher Orte den Raum, und jener sämmtlicher Zeitpunkte die Zeit aus. Da der in jedem gegebenen Augenblick dem Bewusstsein durch Erfahrung aufgedrungene Schein eines Wirklichen ein bestimmter, und insofern endlich, in jedem gegebenen Augenblick aber ein anderer seinerseits abermals bestimmter und insofern endlicher ist, so folgt, dass das Quantum des Wirklichen, da dessen Annahme nur auf Grund des gegebenen Scheins eines solchen erfolgt, nur dann ein unendliches sein muss, wenn der gegebene Schein die Annahme eines solchen fordert, im Uebrigen aber über dasselbe keine andere Bestimmung möglich ist, als dass das Quantum des Stoffs dem Quantum des durch Erfahrung gegebenen Scheins proportional sein muss. Da nun der Schluss vom Schein auf das Sein keineswegs verlangt, dass unendlich, sondern nur, dass unbestimmt viele Wirkliche dessen reale Grundlage ausmachen sollen, so kann auf Grund der gegebenen Erfahrung über das Quantum des anzunehmenden Stoffs nichts weiter ausgesagt werden, als dass dasselbe ein verhältnissmässiges, mit dem Wachsthum des durch Erfahrung gegebenen Scheins für das Bewusstsein in stetem Wachsen begriffenes, an sich aber, da das Wirkliche als unbedingt gesetztes keinerlei Abänderung seines Gesetztseins fähig ist, ein unveränderliches sein muss.284. Wie das Quantum des Stoffs, so ist das Quantum der Kraft zugleich alsveränderlichd. i. der Zunahme fähig, und alsunveränderlich, einer solchen unfähig anzusehen. Ersteres, insofern die Annahme wirklichen Wirkens nur auf Grund des durch die Erfahrung dargebotenen scheinbaren Wirkens und sonach die Bestimmung des Quantums des ersteren nur im Verhältniss zu dem erfahrungsmässig gegebenen Quantum des letzteren statthat, letzteres, insofern das Wirken nichts anderes als die Verwirklichung der im Wirklichen unbedingt gesetzten einfachen Qualität und folglich, da diese letztere unveränderlich ist, die Summe der Verwirklichungensämmtlicher einfacher Qualitäten des Wirklichen eben so wie die Summe dieser selbst immer dieselbe bleiben muss. Das Gesetz der Unveränderlichkeit des Quantums wirklichen Wirkens d. i. derErhaltung der Kraftist nur die unvermeidliche Folge des Gesetzes der Unveränderlichkeit des Quantums des Wirklichen d. i. derErhaltung des Stoffs. Dagegen ist das Quantum der aus dem jeweilig durch Erfahrung gegebenen scheinbaren Wirken erschlossenen Kraft eben so wie das Quantum des auf Grund des durch die jeweilige Erfahrung dargebotenen scheinbaren Wirklichen erschlossenen Stoffs der Veränderung, und zwar eines im richtigen Verhältniss zu der allmälig anwachsenden Erfahrung zunehmenden Wachsthums bedürftig und fähig.285. Der Grund, weswegen letzteres, das jeweilige Quantum des scheinbaren mit dem des wirklichen Wirkens weder jemals identisch ist, noch werden kann, liegt in der Verschiedenheit, beziehungsweise dem Gegensatz der individuellen Wirklichen und der daraus fliessenden Verschiedenheit, beziehungsweise des Widerstreits ihres Wirkens. In der Natur der Sache liegt es, dass verschiedene, ganz oder theilweise der Qualität nach entgegengesetzte Wirkliche auch in ihrem Wirken ganz oder theilweise einander entgegengesetzt sind d. h. dass ihr Wirken sich gegenseitig ganz oder theilweise zwar nicht vernichtet, weil die unbedingt gesetzte und selbst unveränderliche Qualität des Wirklichen der Vernichtung unfähig ist, aber ganz oder theilweise hemmt, so dass der Schein entsteht, als werde nichts oder als werde weniger gewirkt, während thatsächlich gewirkt, und zwar mehr gewirkt wird als gewirkt zu werden scheint. Das auf diese Weise gehemmte, also scheinbar nicht wirklich, in der That aber wirklich, jedoch im — durch entgegengesetztes Wirken — gebundenen Zustande vorhandene Wirken ist gleichsamlatentes,schlummerndes, dagegen das ungehemmte, durch ganz oder theilweise Entgegengesetztes nicht gebundene, also freie Wirkenoffenbares,lebendigesWirken. Die Summe des letzteren muss, da unter der Summe des Wirkenden jedesmal ein bestimmter Bruchtheil unter sich entgegengesetzten Wirkens vorhanden sein muss, nothwendig kleiner ausfallen als die Summe des überhaupt (im gehemmten und ungehemmten Zustande) vorhandenen Wirkens und zwar desto kleiner, je grösser die Summe des unter sich entgegengesetzten, also sich hemmenden Wirkens im Verhältniss zur Summe des Wirkens überhaupt ist. Die Wirklichen selbst, deren Wirken gehemmt ist, die also, um dieses Gehemmtseinswillen, nicht zu wirken, also nicht wirklich zu sein scheinen, während sie doch wirkend, also wirklich sind, stellen zusammengenommen den Inbegriff desjenigen Wirklichen dar, welches zwar wirklich, dem Scheine nach aber nicht wirklich d. h. für die aus dem Scheine des Wirklichen auf die Wirklichkeit folgernde Beobachtung so gut wie nicht vorhanden ist d. h. den Inbegriff des latenten, jeweilig nicht nur seiner Qualität nach unbekannten, sondern auch seiner Existenz nach ungekannten Wirklichen.286. Letzterer liefert den Vorrath sowol zur Vermehrung des sichtbaren, wie zur Erweiterung des Umfanges des aus gegebenem scheinbaren erschlossenen wirklichen Wirkens. Indem bisher gebundenes Wirken aus irgend einem Anlass frei d. h. ungehemmtes Wirken wird, tritt es aus dem latenten in den Zustand offenbaren Wirkens d. h. es tritt selbst, wenigstens scheinbar, als neues, bisher nicht wahrgenommenes Wirken zu der Summe des bisher sichtbar gewesenen Wirkens hinzu; indem es als offenbar gewordenes, also den Schein des Wirkens erzeugendes Wirken vor das Bewusstsein tritt, ruft es in diesem den unvermeidlichen Schluss auf wirkliches Wirken d. i. eine Erweiterung des bisherigen Umfanges bekannten Wirkens hervor. Wie durch den ersteren Umstand die Summe des sichtbaren Wirkens, so wird durch den letzteren die Kenntniss wirklichen Wirkens vermehrt, durch jenen die Summe der in der Totalität des Wirklichen lebendig thätigen, im Verhältniss zur Summe der in derselben leblos schlummernden Kräfte, durch diesen die Summe des auf Grund erweiterter Erfahrung erschlossenen Wirklichen gegenüber dem auf Grund der bisherigen Erfahrung als wirklich gekannten, ebenmässig vergrössert.287. Da das Quantum des überhaupt vorhandenen Wirkens nach Obigem unveränderlich, die Summe des jeweilig ungehemmten Wirkens aber veränderlich ist, so folgt, dass jede Zunahme der Summe des sichtbaren von einer entsprechenden Abnahme der Summe des gebundenen Wirkens und umgekehrt jede Zunahme dieser von einer Verminderung jener begleitet sein muss. Könnte die Abnahme sichtbaren Wirkens je so weit sich erstrecken, dass jedes ungehemmte Wirken sich in gehemmtes, also jedes wirkliche Wirken in scheinbares Nichtwirken verkehrte, so müsste an Stelle des Scheins eines Wirklichen vielmehr der entgegengesetzte Schein der Abwesenheit irgend eines Wirklichen d. h. es müsste der Schein der Wirklichkeit des Nichts (Nihilismus) entstehen, welches sich selbst widerspricht. Sollte dagegen in umgekehrter Weise die Zunahmedes sichtbaren Wirkens so weit fortschreiten, dass sämmtliches gebundenes sich in freies Wirken verwandelte, also jeder Schein eines Nichtwirkens sich in den entgegengesetzten Schein des Wirkens auflöste, so müsste, da jede Hemmung eines Wirkens nur aus der Verschiedenheit, beziehungsweise dem Gegensatze der Wirkenden entspringt, der Schein entstehen, als sei zwischen den Wirkenden überhaupt keine Verschiedenheit d. h. als seien überhaupt nicht unterschiedene Wirkliche (Pluralismus, Individualismus), sondern nur ein einziges, schlechterdings unterschiedloses Wirkliches (Monismus, All-Eins-Lehre) vorhanden; welcher Schein, da, wie oben gezeigt, die Annahme eines einzigen Wirklichen auch nicht einmal die Entstehung des Scheins einer Vielheit ermöglicht, sich selbst widerspricht. Da sonach von diesen beiden Fällen keiner als jemals möglicher Weise eintretend gedacht werden darf, ohne etwas sich selbst Widersprechendes zu denken, so folgt, dass weder die Abnahme des sichtbaren Wirkens jemals so weit gehen kann, dass völlige Ruhe (Leblosigkeit), noch die Zunahme desselben je so hoch sich steigern kann, dass durchgängige Lebendigkeit (Bewegung) im ganzen Umkreis des Wirklichen herrsche, sondern dass immer Ruhe und Bewegung, Leblosigkeit und Lebendigkeit zugleich, jedes in einem mehr oder weniger weit reichenden Theile des Wirklichen vorhanden sei.288. Wie den Quantis des Stoffs und der Kraft, kommt den Quantis des Raumes und der Zeit Wandelbarkeit zugleich und Wandellosigkeit zu. Wenn der erstere nichts anderes ist als der Inbegriff der Orte des Wirklichen, so folgt, dass dessen Quantum weder grösser noch kleiner sein kann als das Quantum des Wirklichen. Da nun das letztere, wie gezeigt, in einer Hinsicht veränderlich, in einer andern dagegen unveränderlich ist, so folgt, dass in Bezug auf das Quantum des Raumes dasselbe stattfinden muss. Jede Erweiterung des bisher bekannten Umfanges des Wirklichen durch die Annahme neuer Wirklicher macht die Annahme neuer Orte und damit die Vermehrung des bisherigen Quantums des Raums nöthig. Die Erhaltung des Quantums des Stoffs d. i. des Inbegriffs aller Wirklichen, deren jedes seines von dem jedes andern unterschiedenen Orts bedarf, macht die Erhaltung des Quantums des Raums unvermeidlich. Wenn die Zeit nichts anderes ist als der Inbegriff der Zeitpunkte d. i. derjenigen Bedingungen, unter welchen allein das Wirken eines Wirklichen jeweilig ein anderes geworden, das Wirkliche selbst aber dasselbe geblieben sein kann,so folgt, dass jedes Anderswerden der Wirkung mindestens zwei Zeitpunkte, denjenigen, in welchen das unveränderte, und denjenigen, in welchen das veränderte Wirken fällt, fordere, und daher das Quantum der Zeitpunkte nicht kleiner sein könne als das Quantum der eingetretenen Veränderungen des Wirkens. Da nun das Quantum des Wirkens überhaupt, also auch das Quantum der in demselben enthaltenen Abänderungen des Wirkens einerseits, wie aus der Erhaltung des Stoffs folgt, immer dasselbe, andererseits, wie aus der Veränderlichkeit des scheinbaren Wirkens folgt, veränderlich ist, so folgt, dass auch das Quantum der Zeit einerseits, so weit dasselbe durch das Quantum der überhaupt wirklichen Abänderungen des Wirkens bedingt ist, immer dasselbe, dagegen, so weit dasselbe von dem jeweilig im Bewusstsein schwebenden Quantum scheinbaren Wirkens abhängig ist, veränderlich sein muss.289. Aus dem Begriff des Raumes folgt, dass er erfüllter Raum sei d. h. dass es einen sogenannten leeren Raum nicht geben könne. Da derselbe nichts anderes ist, als der Inbegriff der Orte, die Setzung eines Orts aber nur auf Veranlassung und im Gefolge der Setzung eines Wirklichen, dessen Ort er ist, erfolgt, so kann es weder Orte geben, in welchen kein Wirkliches, noch Wirkliche, für welche kein Ort gesetzt ist. Die an verschiedenen Orten befindlichen Wirklichen können daher zwar nicht nurausser einander, sondern es können auch zwischen ihren Orten andere Orte gelegen d. h. sie müssen nichtan einandersein; keineswegs aber dürfen die zwischen ihren Orten gelegenen Orte als leer d. h. als solche gedacht werden, in welchen kein Wirkliches befindlich ist. Folge davon ist, dass eine sogenannteactio in distansd. h. ein Wirken durch den leeren Raum hindurch schon aus dem Grunde unmöglich wird, weil die Voraussetzung derselben, der leere d. h. mit Wirklichen nicht erfüllte Raum eine in sich widersprechende, folglich im Umfang des auf Grundlage des Wirklichen gesetzten Raums niemals zutreffende Annahme ist.290. Da der Ort jedes Wirklichen, so lange deren individuelle Unterschiedenheit von ihren räumlichen und zeitlichen Bestimmungen abhängig gedacht wird, nur ein einziger sein kann, so bleibt derselbe so lange unbestimmt, als sich auch nur ein einziger Ort angeben lässt, welcher demselben Wirklichen mit gleichem Recht zugesprochen werden kann. Dieses aber ist der Fall, wenn das Wirken des Wirklichen als eine Function seines Aussereinander mit anderen Wirklichen gedacht und sonach der Ort desselben alslediglich durch die Entfernung von dem Ort eines anderen Wirklichen bestimmt vorgestellt wird. Denn sodann findet sich nicht nur ein einziger Ort, sondern es finden sich unzählige Orte, welche mit gleichem Recht als Ort jenes Wirklichen angenommen werden können, da sie alle von dem zweiten die gleiche Entfernung haben, nämlich alle diejenigen, welche die Oberfläche einer Kugel bilden, deren Mittelpunkt das zweite Wirkliche und deren Radius der Abstand des ersten vom zweiten ist. Soll daher aus diesen unzähligen ein einzelner als Ort des Wirklichen ausgeschieden werden, so müssen zu der Angabe der Entfernung weitere Angaben hinzukommen, deren eine darin besteht, in welcher der unzähligen Kreisebenen, welche durch den Mittelpunkt jener Kugel gelegt werden können, deren zweite dahin lautet, in welchem der in jener Kreisebene vom Mittelpunkt an die Peripherie gezogenen Radien der Ort jenes Wirklichen zu suchen sei. Erst durch die letztgenannte dieser Angaben ist der Ort des Wirklichen völlig und dergestalt bestimmt, dass schlechterdings kein zweiter angebbar ist, welcher mit ihm die nämlichen räumlichen Bestimmungen theilte. Dieselben sind daher für jeden unter obigen Bedingungen gesetzten Ort eines Wirklichen dreifach und zwar durch dessen Beziehungen zu drei auf einander in demselben Punkte senkrechten Richtungen (den sogenannten Coordinaten) fixirt, der auf solche Weise gedachte Raum daher als ein dreidimensionaler, nach den Richtungen der Länge, Breite und Tiefe ausgedehnter, vorgestellt.291. Da letztere Vorstellung nur unter der Annahme erfolgt, dass das Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung desselben von einem anderen Wirklichen sei, so leuchtet ein, dass deren Nothwendigkeit schwindet, sobald an die Stelle obiger Annahme eine andere gesetzt, das Wirken des Wirklichen z. B. statt von der Entfernung desselben von einem andern Wirklichen, von dessen Nichtentferntsein von letzterem d. h. statt von dem räumlichen Aussereinander von dem örtlichen Ineinander beider Wirklichen abhängig gedacht wird. In diesem Falle wäre nämlich der Ort des Wirklichen auch durch die Angabe seiner Lage im Raume nach allen drei Dimensionen desselben noch nicht bestimmt, da sich noch immer ein zweiter Ort angeben liesse, welcher ganz die nämliche Lage im Raume besässe, nämlich jener des zweiten Wirklichen, von welchem das erste der Annahme zufolge „nicht entfernt”, sondern mit welchem dasselbe „in einander” sein soll. Es müsste also, wenn die Wirklichen dennoch verschieden sein sollten, entwederder Raum eine weitere, sogenannte vierte Dimension besitzen, nach welcher Orte desselben, deren Lage nach Länge, Breite und Tiefe identisch ist, dennoch verschieden sein könnten, oder die Verschiedenheit der Wirklichen dürfte nicht mehr blos in deren räumlichen (oder zeitlichen) Bestimmungen, sondern sie müsste in deren sogenannter innerer Beschaffenheit gelegen sein. Obige Annahme, dass das Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung, um so mehr die fernere enger begrenzte, dass dieselbe in einer Abnahme der Wirkung mit der Entfernung, so wie die engste, dass diese Abnahme im Quadrat der Entfernung erfolge, hat schon Kant in seinen „Gedanken von der wahren Schätzung lebendiger Kräfte” (Werke Hart. VIII. 26) für eine „willkürliche” erklärt, an deren statt an sich eben so gut eine andere, z. B. dass mit der Entfernung eine Zunahme des Wirkens eintrete, oder die Abnahme im Cubus der Entfernung erfolge etc. hätte gedacht werden können. Dieselbe wird eben nur deshalb gedacht, weil wir uns von einem Raume, der unter einer anderen Annahme entsteht, z. B. von einem vierdimensionalen, eben, wie Kant gleichfalls p. 27 bemerkt, keine Vorstellung zu machen im Stande sind, und die gegebene Erfahrung des scheinbar Wirklichen mit der Annahme des dreidimensionalen Raums und der Abnahme der Wirkung im Quadrate der Entfernung am vollkommensten übereinstimmt.292. Wie der Raum unter der Annahme, dass das Wirken eine Function der Entfernung sei, eine dreidimensionale, so hat die Zeit unter der Annahme dass das Wirkende vor und nach der Abänderung seines Wirkens dasselbe sei, nur eine eindimensionale Ausdehnung. Wie jeder Ort im Raum durch sein Verhältniss zu einem andern nach drei in demselben auf einander senkrechten Richtungen, so ist jeder Punkt in der Zeit durch sein Verhältniss zu zwei andern mit ihm in derselben Richtung gelegenen, deren einer vor, der andere hinter ihm liegt, so lange vollkommen bestimmt, als nicht an die Stelle des ersten ein zweites Wirkliches getreten ist. Denn nur unter der letztern Voraussetzung, dass es sich nicht mehr um eine Abänderung des Wirkens desselben, sondern eines anderen Wirklichen handelt, ist es möglich, dass es noch einen zweiten Zeitpunkt gibt, welcher in der nämlichen Richtung von einem vor und einem hinter ihm gelegenen Punkte die nämliche Entfernung besitzt wie jener erste.293. Mit der Annahme, dass das Wirken überhaupt keine Function der Entfernung, also von dieser unabhängig, jedes Massder Entfernung für das Mass der Wirkung gleichgiltig sei, hat sich der Mysticismus, der an die „Wirkung in die Ferne” glaubt, mit der Voraussetzung, dass der Raum eine vierte Dimension besitze, der moderne in ein exactes Gewand sich drapirende Spiritismus, mit der Hypothese endlich, dass die Verschiedenheit der individuellen Wirklichen nicht sowol in deren räumlicher und zeitlicher Bestimmtheit, als vielmehr in deren innerer qualitativer Unterschiedenheit zu suchen sei, der (im Unterschied vom quantitativen sogenannte) qualitative Atomismus (Leibnitz, Herbart, Lotze) zu schaffen gemacht. Der erste geht von dem Grundsatz aus, dass zwar die Orte der Wirklichen verschieden, also die Wirklichen ausser einander, das eine z. B. wie Ennemosers magnetisirte Frau in St. Petersburg, das andere, der Magnetiseur, in München seien, die Entfernung beider Orte jedoch für die Wirkung gleichgiltig d. h. diese auch bei der grössten Entfernung ungeschwächt und die nämliche sei. Der zweite lässt, und darin besteht seine Uebereinstimmung mit der einmal angenommenen Basis der exacten Naturwissenschaft, welche bewirkt, dass derselbe auch für Naturforscher verlockende Kraft besitzt — der zweite lässt die Annahme, dass das Wirken eine Function der Entfernung d. h. der Verschiedenheit der Orte der Wirklichen sei, gelten, besteht aber darauf, dass die Orte zweier Wirklichen, deren räumliche Lage nach allen drei bekannten Abmessungen des Raumes identisch ist, dennoch verschiedene seien d. h. dass der Raum eben noch eine, die vierte Dimension, besitze. Der qualitative Atomismus aber, welcher die räumliche und zeitliche Verschiedenheit der Wirklichen nur als eine Folge der qualitativen Verschiedenheit derselben ansieht d. h. deren räumliches Ausser- und zeitliches Nacheinander nicht als die Bedingung, sondern als die Folge der Wechselwirkung der letzteren betrachtet, daher statt die Wirkung als eine Function der Entfernung zu definiren, dieselbe vielmehr (wie der Mysticismus) nur unter Voraussetzung völligen „Ineinanders” der Wirklichen für möglich hält, kommt dadurch dahin, die räumliche und zeitliche Ausdehnung für blossen (wenngleich objectiven) Schein, die Totalität sämmtlicher individueller Wirklichen für räumlich und zeitlich ungeschieden, sonach (in räumlicher und zeitlicher, also quantitativer Hinsicht) als eins und doch ihrer Beschaffenheit nach als geschieden: d. h. (in qualitativer Hinsicht) als vieles zu setzen.294. Mit der Entwickelung der Dreidimensionalität des Raums aus der „willkürlichen Annahme”, dass das Wirken Function derEntfernung sei, hat die Wissenschaft vom Wirklichen die Grenze desjenigen, was sich aus der Thatsache des Scheins des Vielen und Vielfachen auf philosophische d. i. auf nothwendige Weise, oder so aussagen lässt, dass eine gegentheilige Behauptung das Denken selbst aufheben würde, überschritten. Dass Wirkliches, und zwar Vieles und Vielfaches, demnach, wenn nicht anders, doch wenigstens als durch seine räumliche und zeitliche Bestimmtheit Unterschiedenes gedacht werden müsse und nicht nicht gedacht werden könne, ohne das Denken mit sich selbst d. i. mit seinen eigenen Normen in Widerspruch zu versetzen, folgert der Realismus aus der Thatsache des Scheins vieler und vielfacher Wirklichen mit Nothwendigkeit; dass das Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung der Orte des Wirklichen, zu der Erklärung des ersteren demnach die Annahme der Dreidimensionalität des Raumes erforderlich sei, folgert derselbe aber nur als Möglichkeit, neben welcher andere Möglichkeiten, und auf Grund der gegebenen Erfahrung als eine Wahrscheinlichkeit, neben welcher diese anderen als Unwahrscheinlichkeiten bestehen. Weder die Annahme des Mysticismus, dass das Wirken keine Function der Entfernung, noch jene des Spiritismus, dass der Raum vierdimensional sei, hat, so lange nicht zahlreichere und besser als die bisherigen beglaubigte Thatsachen deren Möglichkeit erweisen, die Wahrscheinlichkeit für sich; der qualitative Atomismus, welcher dahin gelangt, die Vielen (quantitativ) als eins und (qualitativ) als viele zu setzen, hat den Widerspruch, dass eins = vieles und vieles = eins sein soll, und damit die Möglichkeit gegen sich.295. Aber auch der Versuch, das Denken selbst zu verleugnen und mit dessen Umgehung auf einem anderen Wege des Wirklichen sich zu bemächtigen, wie ihn der das Denken transcendirende und darum wol auch (obgleich, wie oben bemerkt, fälschlich) sogenannte transcendentale Realismus wagt, führt zu keinem andern Ziel. Derselbe stützt sich entweder, um der Nothwendigkeit zu entgehen, dasjenige, was vom Denken als seiend anzunehmen verboten wird, ablehnen, oder, was von diesem als wirklich anzunehmen geboten wird, annehmen zu müssen, auf den trivialen Satz, dass dasjenige, was durch das Zeugniss der Sinne bestätigt, wahr, was durch dasselbe verworfen werde, falsch sei, gleichviel ob das erstere den Normen des Denkens entgegen, das letztere durch dieselben zu denken geboten sei, und fällt dadurch auf den längst kritisch überwundenen Standpunkt des gemeinen empirischen Realismus zurück. Oder erberuft sich, um den Forderungen des Denkens auszuweichen, auf ein vom Vorstellen (dem Intellect) wesentlich und der Art nach verschiedenes Organ, über welches die Gesetze des logischen Vorstellens (die Normen des Intellects) keine Gewalt haben, dem sie daher auch weder zu gebieten, noch zu verbieten berechtigt sein sollen. Als ein solches wird von der einen Schule des transcendenten Realismus (Gefühlsphilosophie: Jacobi) das Gefühl, von der andern (Willensphilosophie: Schopenhauer) das Wollen bezeichnet. Jener zufolge ergreift im Gefühl der Fühlende das Wirkliche (übersinnlich Reale) unmittelbar, ohne Dazwischenkunft und folglich zwar ohne die Hilfe, aber auch ohne die Mängel des Intellects; dieser zufolge weiss das Subject, indem es sich selbst als wollendes weiss, damit zugleich das einzige wahrhaft Wirkliche, den Willen, unmittelbar, ohne Dazwischenkunft und folglich auch ohne das Trügerische der Vorstellung. Von der ersteren gilt, dass, da im Gefühl Gefühltes und Fühlen ununterscheidbar zusammenrinnt, derjenige, der blos fühlt, eben darum nicht weiss, und daher blosses Fühlen eben so wenig wie blosses „Ahnen” (Fries) Princip und Grundlage einer Wissenschaft werden kann. Von der letzteren gilt, dass, wie schon Herbart treffend bemerkt hat, unmittelbares Wissen wie seiner selbst als Wollenden, so des Wirklichen als Willen, ein Wissen, folglich die Möglichkeit zu wissen, und schliesslich, da Wissen eben nichts anderes als eine Art des Denkens d. i. wahres Denken ist, das angeblich mit Umgehung des Denkens erfolgte Ergreifen des Wirklichen, um überhaupt möglich zu sein, das Denken voraussetzt.296. Letzterer Einwand, welcher die Möglichkeit, mit Umgehung des Denkens zu dem transcendenten Sein, dem Wirklichen selbst zu gelangen, überhaupt trifft, wird nicht widerlegt, sondern nur umgangen durch die Behauptung, dass die Natur des Wirklichen auf dem Erfahrungswege zwar nicht der gemeinen, sinnenfälligen, aber einer nicht gemeinen, mystischen Empirie erkannt d. h. dass das „speculative Resultat” die Erkenntniss des Wirklichen seinem Wesen nach, „auf inductivem Wege” d. i. an der Hand exacter Thatsachen erreicht werde. Ersteres wäre nur dann der Fall, wenn entweder der „Erfahrungsweg” das Denken aus- oder der angeblich „inductive Weg” exacte Thatsachen einschlösse. Jenes findet so wenig statt, dass vielmehr die Kritik des sogenannten empirischen Realismus eben nichts anderes betrifft als das Verbot, sich des sogenannten Erfahrungsweges ohne vorläufige Sichtungnach den Normen des logischen Denkens zu bedienen, dieses aber bleibt wenigstens so lange und für alle diejenigen zweifelhaft, als und für welche die angeblichen Erscheinungen der Naturheilkraft des Hellsehens, des Instincts u. s. w. den Werth unbestrittener Erfahrungsthatsache entweder noch nicht erreicht haben, oder, was eben so möglich, ja vielleicht wahrscheinlicher ist, niemals erreichen werden.297. Mit obiger Grenzüberschreitung ist aber auch der Punkt erreicht, wo die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen der Erfahrungswissenschaft von demselben die Hand zu bieten vermag. Jene, die von der Erfahrung aus-, aber auf Grund in deren Inhalt gelegener Nöthigung über dieselbe hinausgeht, hat mit der letzteren, die nicht nur wie jene auf der Erfahrung fusst, sondern auch innerhalb derselben verharrt, die Aufgabe gemein, die Erfahrung begreiflich zu machen. Seitens der letzteren geschieht dies, indem sie das gesammte Wissen vom Wirklichen auf den Boden der Erfahrung zu stellen, seitens der ersteren, indem sie den Boden der Erfahrung selbst sicher zu legen unternimmt. Beide, die philosophische und die empirische Wissenschaft vom Wirklichen gleichen Arbeitern, welche von den entgegengesetzten Seiten eines Berges her, unsichtbar für einander, aber auf gemeinsamen Voraussetzungen fussend und einer gemeinsamen Methode sich bedienend, einen Tunnel durch das Innere desselben zu bohren unternehmen, in der Hoffnung, wenn ihre Voraussetzungen giltig und ihre Berechnungen richtig sind, irgendwo in der Höhlung desselben zusammenzutreffen. Jene schreitet von den allgemeinen Begriffen und Principien des Wirklichen und seines Wirkens in der Richtung gegen die erfahrungsmässig gegebenen Erscheinungen der scheinbaren Wirklichkeit nach vorwärts, diese, von der Erscheinungswelt der Erfahrung in der Richtung gegen deren allgemeinste und oberste reale und gesetzliche Voraussetzungen nach rückwärts. Wenn beider methodische Grundsätze giltig und ihre Folgerungen zutreffend sind, werden beide früher oder später irgendwo an der Grenze einerseits des Denknothwendigen, andererseits des Erfahrbaren einander begegnen müssen.298. Einen thatsächlichen Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme liefert die Herrschaft, welche die Atomistik einerseits als philosophische über die philosophische, andererseits als physikalische über die empirische Wissenschaft vom Wirklichen gewonnen hat. In der ersteren ist dieselbe als zugleich realistische und pluralistischeGrundlegung der phänomenalen Welt an die Stelle der sowol idealistischen als monistischen einstigen „Naturphilosophie”, in der letzteren ist sie, wie Fechner eben so gründlich als scharfsinnig ausgeführt hat, längst mit Recht an die Stelle der (noch von Kant begünstigten) einstigen dynamischen Naturauffassung getreten. So wenig, wie Fechner selbst zugestanden hat, die philosophische Atomenlehre mit der physikalischen identisch, so gewiss ist dieselbe mit der letzteren verträglich d. h. bietet die Existenz einer unbestimmten Vielheit einfacher wirklicher und unausgesetzt wirkender Wesen einen realen Anknüpfungspunkt dar für die Zurückführung der gesammten Phänomene der körperlichen Welt auf die Existenz unbestimmt vieler untheilbarer und daher gleichfalls „einfach” genannter, mit rastlos thätigen Kräften ausgestatteter Elemente. Dass die letzteren ihrer behaupteten Einfachheit ungeachtet von Fechner als „körperliche” bezeichnet werden, ist nur als Beleg anzusehen, dass die empirische Wissenschaft vom Wirklichen, welche innerhalb der Grenzen des sinnlich Erfahrbaren bleibt, der philosophischen, welche von Haus aus über dieselben hinaus führt, zwar stetig sich nähert, aber sie noch nicht berührt.299. Aber nicht nur der empirischen Wissenschaft von der körperlichen, auch jener von der Bewusstseinswelt sowol des Einzel- wie des gesellschaftlichen Subjects bietet die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen, jener in dem einfachen Wirklichen eine reale, dieser in der unbestimmten Menge realer Bewusstseinsträger eine reale und pluralistische Grundlage dar. Wie die unbestimmte Vielheit einfacher Wirklicher den haltbaren Boden für den aus einer eben so unbestimmten Vielheit atomistischer Elemente zusammengesetztenStoffderphysischenWelt, so bildet das einzelne individuelle Wirkliche den haltbaren Mittelpunkt, in welchem der aus einer unbestimmten Menge elementarer Bewusstseinsvorgänge bestehendeStoffderpsychischenWelt im Phänomen der Einheit des Ich’s wie in einem Brennpunkt zusammenfliesst, und macht die Vielheit individueller Wirklichen der letztgenannten Art, deren jedes für sich ein Bewusstseinscentrum abgibt, die unentbehrliche Grundlage dessen aus, was als Vereinigung durch ein gemeinsames Band unter einander verknüpfter, bewusster oder doch bewusstseinsfähiger Individuen denStoffderGesellschaftund der Entwickelung derselben in den Grenzen des Raums und in der Folge der Zeit d. i. derGeschichteausmacht.300. Letzteren, den dreifachen Stoff, den die Betrachtung der körperlichen, der Bewusstseins- und der geschichtlichen Welt liefert, aber vermag die Wissenschaft vom Wirklichen nicht der philosophischen, sondern nur der empirischen Wissenschaft von diesem zu entlehnen. Der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen kann es nicht beikommen, die unausgefüllte Kluft, welche zwischen den äussersten erlaubten Consequenzen des Denknothwendigen und den äussersten Grenzen des Erfahrbaren übrig bleibt, durch Conjecturen ausfüllen, oder den Uebergang von dem einen zum andern durch Einbildungen ebnen zu wollen, welche weder mehr in der Nothwendigkeit des Denkens, noch schon in der Möglichkeit der Erfahrung eine Rechtfertigung zu finden im Stande sind. Dieselbe hat zwar die Aufgabe, die Erfahrung zu befragen und, wenn deren Antwort ihr unbefriedigend, sei es der Form nach unvollkommen, sei es dem Inhalt nach unvollständig dünkt, dieselbe den Normen des Denknothwendigen gemäss der ersten nach zu berichtigen, dem zweiten nach deren Ergänzung abzuwarten, aber sie hat weder die Mittel dieselbe aus Eigenem zu ersetzen, noch, wenn sie nicht vom Taumel orphischen Hochmuths ergriffen ist, jemals die Anmassung, die Erfahrung überflüssig machen zu wollen. Indem sie sonach an die selbst aus der Erfahrung geschöpfte Eintheilung des erfahrbaren Wirklichen in ein solches, dessen Kenntniss aus der sogenannten äusseren (Physisches) ein solches, dessen Kenntniss aus der sogenannten inneren (Psychisches), und in ein solches, dessen Kenntniss aus der äussern und innern Erfahrung zugleich stammt (Sociales, Geschichtliches) sich unbedenklich anschliesst, begnügt sie sich, jedes der drei genannten Gebiete des Erfahrbaren mit dem auf Grund der Erfahrung, aber durch Hinausgehen über dieselbe als denknothwendig erkannten, wahren Wirklichen zu vermitteln und in einer an logischem Faden ungezwungen fortlaufenden Anordnung des durch die Erfahrung gebotenen Stoffs eine systematische Uebersicht des erfahrbaren Wirklichen in der Körper-, in der Geistes- und in der geschichtlichen Welt zu entwerfen. Jenes macht den Inhalt der philosophischen Betrachtung der sogenannten bewusstlosen Welt, oder des Nicht-Ich, das zweite den Inhalt der Betrachtung der bewussten Welt, des Ich, das dritte den Inhalt der Betrachtung einer gleichfalls bewussten, aber in dem Bewusstsein einer Mehrheit zur Einheit verknüpfter, bewusster Individuen d. i. einer Gesellschaft sich abspielenden Welt des socialen oder geschichtlichen Ich aus.301. Die Betrachtung des Nicht-Ich beginnt mit jener des letzten, was auf dem Wege der Erfahrung, oder vielmehr schon nur durch einen Sprung, der über die wirkliche Erfahrung hinausführt, erreichbar ist, des Atoms. Dasselbe ist nach der Ansicht der Physiker (Ampère, Moigno u. A.) zwar einfach aber doch „körperlich” (Fechner); jenes bedeutet, dass dasselbe untheilbar oder doch wenigstens für jetzt nicht weiter als getheilt angesehen sein soll, dieses, dass dasselbe nichts desto weniger als materiell d. i. dem körperlichen Stoff (Materie), dessen letzten Bestandtheil es ausmacht, als gleichartig gelten soll. Erstere Eigenschaft nähert, letztere dagegen entfernt das physikalische Atom von dem philosophischen, welches letztere zwar im strengsten Sinn des Wortes seiner Qualität nach als einfach, dessen Qualität selbst aber als schlechterdings unbekannt d. h. auch nicht, wie jene des physikalischen Atoms, etwa als materiell zu denken ist. Je nachdem empirische Naturbetrachtung von der Ansicht ausgeht, dass sämmtliche Atome unter einander der Qualität nach gleich, oder einige derselben ursprünglich und unveränderlich ihrer qualitativen Beschaffenheit nach von jener der anderen verschieden sind, scheidet sich dieselbe in eine rein quantitative und in eine ganz oder doch zum Theile qualitative Atomistik, deren erstere nicht nur alle Verschiedenheiten der Körper, sondern auch sämmtliche Erscheinungen der körperlichen Welt aus den Verschiedenheiten rein quantitativer Beziehungen unter der Qualität nach homogenen, die letztere dagegen dieselben ganz oder doch theilweise aus der verschiedenen qualitativen Natur die Elemente der Körper, so wie die Grundlage körperlicher Erscheinungen ausmachender, unter einander heterogener Atome abzuleiten bemüht ist.302. Die erfahrungsmässig gegebenen Verschiedenheiten der Körperd. i.der räumlich und zeitlich begrenzten zusammengehörigen Gruppen von Atomen, also die Unterschiede einerseits des belebten (organischen) oder leblosen (unorganischen) Körpers, ferner die Unterschiede der letzteren, als zusammengesetzte, die sich in weitere, der Qualität nach verschiedene Bestandtheile zerlegen, und einfache (die sogenannten einfachen Stoffe der Chemie), die sich in solche nicht weiter auflösen lassen, ferner die Unterschiede der letzteren selbst je nach ihrer qualitativen Beschaffenheit (z. B. des Sauerstoffs vom Wasserstoff, des Stickstoffs vom Kohlenstoff, des Calcium vom Magnesium u. s. w.) werden von der qualitativen Atomistik auf eine fundamentale qualitative Verschiedenheit der den Stoff derKörper ausmachenden letzten Elemente zurückgeführt, so dass dieselben bei den organischen Körpern andere als bei den unorganischen und ebenso bei jedem der einfachen Körper, welche die letzten qualitativ unterschiedenen Bestandtheile der zusammengesetzten abgeben, andere als bei den übrigen seien. Dieselbe betrachtet als sogenannte biologische Atomistik jeden belebten Körper als bestehend aus gleichfalls lebendigen Atomen, den sogenannten Zellen, während der leblose Körper bis in seine letzten Elemente hinab aus gleichfalls leblosen Elementen bestehend vorgestellt wird. Als sogenannte chemische Atomistik sieht dieselbe nicht nur den zusammengesetzten Körper, z. B. das Wasser, für bestehend aus qualitativ verschiedenen und zwar aus Atomen von zweierlei Art an, davon die einen sauerstoff-, die andern wasserstoffartig und davon jene mit diesen nach einem bestimmten Verhältniss, so dass auf je zwei Atome Wasserstoff ein Atom Sauerstoff (H2O) gerechnet wird (dem sogenannten stöchiometrischen Verhältniss), unter einander verbunden sind. Wird letztere Ansicht auch auf die sogenannten organischen Körper ausgedehnt, so dass diese als zusammengesetzt aus einfachen Stoffen gedacht werden, welche unter andern Verhältnissen die Bestandtheile unorganischer Körper ausmachen z. B. aus Sauerstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff und hauptsächlich Stickstoff, so schwindet zwar der qualitative Unterschied zwischen belebten und unbelebten Körpern, aber derjenige zwischen den einfachen Körpern bleibt bestehen d. h. die Atome des Sauerstoffs sind nach wie vor qualitativ verschieden von jenen des Wasserstoffs, die des Azots von jenen des Carbons u. s. w. Zeigen nun Körper, ungeachtet die qualitativen Bestandtheile derselben die nämlichen sind, dennoch verschiedene Eigenschaften (die sogenannte Isomerie), so werden, da diese Verschiedenheit nicht mehr aus der Verschiedenheit der qualitativen Beschaffenheit der Elemente sich erklären lässt, quantitative Verschiedenheiten der (qualitativ gleichen) Körper und zwar solche, welche entweder aus dem arithmetischen Gesichtspunkt der Menge oder aus dem geometrischen der (räumlichen) Lage der Elemente entlehnt sind, zur Erklärung herangezogen. (Wie dies z. B. bei der Weinsteinsäure, welche auf die Polarisationsebene des Lichtes eine drehende Wirkung ausübt, bei der Thatsache der Fall ist, dass eine Gattung derselben unter übrigens ganz gleichen Verhältnissen jene Ebene nach rechts, eine andere dagegen dieselbe nach links dreht. In diesem Falle wird angenommen, dass die Atome der rechtsdrehenden Weinsteinsäureeine Lagerung nach rechts, jene der letzteren eine solche nach links besitzen.)303. Das Charakteristische der quantitativen Atomistik besteht darin, dass sie diejenige Hypothese, welche die qualitative nur in Ausnahmsfällen, wie z. B. in jenem der Isomerie, zu Hilfe ruft, der gesammten Erklärung der Körperwelt als alleinige zu Grunde legt. Während dieser zufolge die Verschiedenheit der Körper in der Regel auf der qualitativen Verschiedenheit ihrer Elemente d. h. auf der Verschiedenheit ihresStoffesund nur in einigen Fällen auf der Verschiedenheit der Zusammensetzung ihrer übrigens gleichen Elemente d. i. auf jener derFormberuht, macht jene letztere Ausnahme zur Regel d. h. betrachtet die Isomerie als eine Grund- und gemeinsame Eigenschaft aller sonst wie immer unterschiedenen Körper und leitet sämmtliche Verschiedenheiten der letztern ausschliesslich aus der Verschiedenheit ihrer Zusammensetzung aus übrigens gleichen Elementen d. i. aus der Form ab. Ihr zufolge sind daher nicht nur die Elemente des belebten nicht von jenen des unbelebten Körpers, sondern auch die Elemente irgend eines einfachen Stoffes nicht von jenen jedes beliebigen andern Stoffes verschieden. Letzteres setzt voraus, dass die gleichwol unbestreitbare Unterschiedenheit sowol der nächsten — durch die Analyse organischer Körper erreichbaren — Bestandtheile von den — durch Analyse sogenannter unorganischer Körper darstellbaren — Stoffen (z. B. des Eiweissstoffes, des Proteïns, des Caffeïns, Theïns u. dgl. von Oxygen, Hydrogen, Gold, Eisen, Platin u. s. w.) wie die gleichfalls unleugbare Unterschiedenheit der einfachen Stoffe selbst gleichwol nur eine scheinbare, der Grund derselben lediglich in der verschiedenen Art der Verbindung ursprünglich durchaus homogener Elemente zu einem Ganzen zu suchen, der sogenannte organische Körper zwar in seinen nächsten und näheren, keineswegs aber in seinen entfernten und entferntesten Bestandtheilen von den unbelebten unterschieden, so wie dass die ganze bekannte und noch zu ergänzende Reihe sogenannter einfacher d. i. weiter nicht zerlegbarer Stoffe nur als eine Reihe der Form nach unterschiedener Umbildungen eines einzigen (sei es eines der bereits bekannten Stoffe oder eines bisher unbekannten Stoffes) anzusehen sei. Erstere Behauptung, die der stofflichen Identität der lebendigen und leblosen Körper, hat in der Naturwissenschaft unserer Tage bereits weite Verbreitung gefunden; letztere Behauptung, welche auf einem weiten Umwege in exacter Weise die Ansicht der Urmutter der Chemie,der Alchymie, von der Transformationsfähigkeit der verschiedenen Körper in einander erneuert, hat in der sogenannten „Philosophie der Chemie” (J. B. Dumas) ihren Platz und durch die Aufstellung der sogenanntenTypentheorie und die Entdeckung der sogenannten typischen Körper, durch welche von Einigen die grosse Zahl der bisher als einfach angenommenen Stoffe bereits bis auf acht herabgemindert scheint (Ciancian), bereits eine empirische, wenigstens annähernde Bestätigung erhalten.304. Die Aufgabe einer logischen Uebersicht des empirischen Stoffs kann es nicht sein, über die Geltung der einen oder der andern beider entgegengesetzten Formen der Atomistik, über welche nur Thatsachen zu entscheiden vermögen, einen Ausspruch zu thun. Die logische Consequenz d. i. die innere Uebereinstimmung mit der durch die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen gelegten realen Grundlage der phänomenalen Welt hat, wie es augenscheinlich ist, die quantitative Atomistik in höherem Grade als die qualitative für sich. Ist es überhaupt richtig, dass die vielen unbedingt gesetzten einfachen Wirklichen unter einander die kleinste denkbare qualitative Verschiedenheit d. i. keine andere besitzen als diejenige, welche in deren räumlichen und zeitlichen Bestimmtheiten sich ausdrückt, so ist es nur folgerichtig, auch die Gesammtheit der letzten realen Elemente, welche zusammengenommen den Stoff der Körperwelt ausmachen, der physikalischen Atome, als einen Inbegriff qualitativ gleichartiger Elementarbestandtheile der Körper zu betrachten. Das elementare Atom, dessen Qualität eben diejenige des einzigen wirklichen Grundstoffs ist, wird sodann gleichsam die unterste Stufe einer aufsteigenden Reihe bilden, als deren einzelne Glieder nach einander die Atome der bisher sogenannten einfachen Stoffe (das Sauerstoff-Atom, das Stickstoff-Atom, das Gold-Atom u. s. w.) auftreten würden, deren jedes für sich durch eine eigenthümliche Combination, sei es von Atomen des Urstoffs, sei es von solchen, die selbst schon durch dergleichen gewonnen wären, repräsentirt würde. Die Aufstellung dieser Reihe, welche die übliche Zerlegung organischer und unorganischer Körper in deren sogenannte einfache Bestandtheile über die Grenze der bis zu diesem Augenblicke als einfach betrachteten Stoffe hinaus durch die erreichte oder doch versuchte Zerlegung dieser selbst bis zu dem schlechterdings letzten nicht blos relativ, sondern absolut einfachen Grundstoff ausdehnt, würde sodann das Ziel der Chemie als Wissenschaft ausmachen.305. Wie der quantitativen Atomistik für die stoffliche Beschaffenheit sämmtlicher Elemente der Körperwelt eine einzige Qualität, so genügt ihr für die Art und Weise des Wirkens derselben ein einziges Gesetz; die qualitative Atomistik, insofern sie eine Mehrheit qualitativ unterschiedener Classen körperlicher Bestandtheile zulässt, bedarf für die qualitativ verschiedene Art des Wirkens jeder einzelnen derselben eben so vieler specifisch verschiedener Gesetze. So lange die Elemente organischer Körper selbst als organisch, die unorganischer Körper dagegen als unorganisch gelten, kann das Gesetz, welches das Wirken der erstern, mit jenem, welches das der letzteren beherrscht, so wenig wie das Wirken jener „lebendigen” Elemente (die Lebenskraft) mit jenem der „leblosen” Elemente (der todten Naturkraft) identisch sein. Eben so wenig kann das Wirken, welches seinen Grund in der qualitativen Verwandtschaft (Affinität) der Körper hat (chemische Anziehung) das nämliche sein mit demjenigen, das auch bei völliger Nichtverwandtschaft (Disparatheit, Heterogeneität) der Körper erfolgt (mechanische Anziehung) und folglich eben so wenig das Gesetz, welches jenes (Affinitätsgesetz, Wahlverwandtschaft), identisch mit demjenigen, welches dieses regelt (Gravitationsgesetz, Schwere). Mit der Aufhebung qualitativer Verschiedenheit der Körper tritt der umgekehrte Fall ein. Das Gesetz, welches das Wirken der Elemente organischer Körper bestimmt, braucht fortan von demjenigen, von welchem das Wirken der Elemente unorganischer Körper abhängt, eben so wenig verschieden zu sein, als das Wirken, das seinen Grund in der Verwandtschaft der Körper hat, als das Wirken der ursprünglichen Elemente d. h. als dasjenige betrachtet werden kann, für welches Gleichartigkeit oder Ungleichartigkeit derselben gleichgiltig und das daher eben so wenig durch die qualitative Aehnlichkeit wie durch den qualitativen Gegensatz der Körper bedingt ist. Sind die Elemente belebter und unbelebter Körper qualitativ dieselben, so ist auch deren Wirken und folglich dessen Gesetz dasselbe; ist das Wirken in Folge der Verwandtschaft nicht dasjenige der ursprünglichen Elemente, so ist auch dessen Gesetz nicht mit dem Gesetz des Wirkens dieser letzteren, und da diese die wahren, weil letzten Elemente der Körper sind, nicht mit jenem der wahren Körperelemente identisch. Wird daher, wie die quantitative Atomistik thut, auf die in der That letzten Bestandtheile der Körperwelt, die unter einander qualitativ nicht weiter unterschiedenen Atome zurückgegangen, so muss das Gesetz, welches das Wirken dieser letzterenregelt, das nämliche und einzige für das Wirken der gesammten Körperwelt sein. Die Aufstellung dieses Gesetzes, welches die Zerlegung der scheinbar unter einander grundverschiedenen Wirkungsweisen der scheinbar von einander qualitativ unterschiedenen Körper bis zur Auflösung der ersteren in die überall in gleicher Weise erfolgende Wirkungsweise der wahren d. i. in allen Körpern qualitativ identischen Elemente der Körperwelt verfolgt und dadurch die gesammte phänomenale Welt als unter der Herrschaft eines und desselben, wenn gleich nicht selten in so verwickelter Form auftretenden Gesetzes, dass es den Anschein eines neuen Gesetzes erhält, stehend erweist, müsste das Ziel der Physik als mechanischer Wissenschaft ausmachen.306. Als dieses Gesetz sieht die moderne Naturwissenschaft das Gravitationsgesetz Newton’s an. Die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen bestimmt, wie oben gezeigt, das Wirken der Atome als eine Function ihres räumlichen Abstandes von einander. Die empirische geht über diese Allgemeinheit des Inhalts hinaus und bestimmt letztere näher als Abnahme des Wirkens im Quadrate der Entfernung. Dieselbe bleibt jedoch keineswegs bei der Bestimmung des Wirkens seinem Quantum nach stehen, sondern schreitet zu der Erweiterung derselben seinem Quale nach fort, indem sie dasselbe in den relativ grössten Abständen der Atome von einander als Anziehung, Attraction, in den relativ kleinsten als Abstossung, Repulsion charakterisirt. Erstere bewirkt, dass die Atome auch in den relativ weitesten Abständen von einander noch zusammengehalten, letztere macht, dass dieselben in Eins zusammen zu fallen verhindert werden. In Folge der Attraction bilden sämmtliche durch dieselbe an einander geknüpfte Atome ein nicht nur in Gedanken, sondern durch ein physisches Band zusammenhängendes Ganzes; in Folge der Repulsion bilden dieselben, weil die letztere die Annäherung der Atome an einander über das Mass einer gewissen (kleinsten) Entfernung hinaus unmöglich macht, ein discretes Ganzes. Während der Raum, der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen zufolge, demnach stetig mit „philosophischen” Atomen d. i. im strengsten Sinne des Wortes einfachen Wirklichen erfüllt gedacht werden muss, erscheint derselbe in der empirischen Wissenschaft vom Wirklichen nur in der Weise mit „physikalischen” Atomen d. i. mit im physikalischen Sinn letzten Elementen der Körperwelt erfüllt, dass zwischen je zwei derselben leerer Raum d. h. ein Zwischenraum vorhanden ist, in dem keine weiteren„physikalischen” Atome sich befinden. Dass mit der Einschiebung desselben die Schwierigkeit des Begreifens einer actio in distans d. i. eines Wirkens durch den leeren Raum hindurch wiederkehrt, pflegt, da dieselbe ja nur eine „philosophische” ist, der empirischen Physik selten Verlegenheit zu bereiten.307. Dagegen hat sich dieselbe auf Grund der sogenannten „Imponderabilien” veranlasst gesehen, durch die Einführung eines weiteren gleichfalls körperlichen, jedoch, mit den physikalischen Atomen verglichen, relativ „unkörperlichen” Stoffs, des sogenannten „Aethers”, in die leer gelassenen Zwischenräume der physikalischen Atome, welche letzteren in demselben gleichsam, wie die Sterne am Firmament, zerstreut zu schweben, oder, wie die Fische im Wasser, in unregelmässigen Abständen zu schwimmen scheinen, der Ansicht der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen von dem stetigen Erfülltsein des Raumes durch einfache Wirkliche, um einen beträchtlichen Schritt näher zu kommen. Die Elemente desselben, die sogenannten Aetheratome, verhalten sich zu den physikalischen gleichsam wie Atome zweiter zu solchen erster Ordnung. Dieselben werden zwar eben so wenig wie diese ohne leere Zwischenräume, letztere selbst aber werden im Verhältniss zu diesen als „unendlich klein” und das von den Aetheratomen ausgehende Wirken wird zwar gleichfalls wie das der Körperatome als Anziehung und Abstossung, jedoch als nur in der kleinsten Entfernung wirksam vorgestellt. Jedes Körperatom erscheint wie von Aetheratomen eingehüllt, welche dasselbe in Gestalt einer Sphäre von allen Seiten umgeben und mit jenem zusammen unter der Form winziger Kügelchen, deren vergleichsweise dichten Kern das Körperatom, deren dünnere Peripherie die Aetheratome ausmachen, die reale durch den Raum discret vertheilte Grundlage der sogenannten Materie bilden.308. Je nachdem die erfahrungsmässig gegebenen Phänomene der körperlichen Welt auf die Körperatome allein ohne Berücksichtigung des deren Zwischenräume ausfüllenden Aethers, oder auf die Aetheratome allein als Bestandtheile des die Zwischenräume der physikalischen Atome ausfüllenden Stoffs zurückgeführt werden, ergeben sich zwei Hauptclassen physischer Phänomene, deren eine das Wirken und die Zustände des im engern Sinn sogenannten körperlichen Stoffs, die andere das Wirken und die Zustände des Zwischenstoffs d. i. des Aethers umfasst. Jene begreift, je nach der Grösse der Abstände der Körperatome unter einander und der davon abhängigen Menge dieser letzteren selbst innerhalbbestimmter räumlicher Grenzen (Volumen), dreierlei Gattungen von Körpern, deren eine bei einem gewissen Volumen die relativ grösste, deren dritte bei demselben Volumen die relativ kleinste Menge von Körperatomen enthält, während die zweite eine im Verhältniss zu jenem Volumen mittlere Menge von Atomen einschliesst. Folge davon ist, dass in den Körpern der ersten Gattung die Abstände der einzelnen Atome von einander relativ die kleinsten, dagegen bei Körpern der dritten Gattung relativ die grössten sein müssen, während bei den Körpern der Mittelgattung die Distanz der Atome eine mittlere ist. Die Atome von Körpern der ersten Gattung werden daher, da die anziehende Kraft je kleiner die Entfernung desto stärker wirkt, am festesten, die Atome von Körpern der dritten Gattung werden, da die Anziehung mit der Entfernung abnimmt, am lockersten unter einander zusammenhängen; die Atome der Körper der Mittelgattung werden, da die Entfernung und folglich die Anziehung eine mittlere ist, einen mittleren Grad des Zusammenhangs darstellen. Bei Körpern der ersten Art wird daher nicht nur das Verhältniss der Menge der Atome (der Masse) zu der räumlich begrenzten Grösse des Inhalts (dem Volumen) d. i. die relativeDichtigkeitdie grösste, sondern auch der Widerstand, welchen dieselben der Trennung der Atome entgegensetzen, in Folge der starken Anziehung der Theile unter einander (der Cohäsion) der relativ bedeutendste, bei Körpern der dritten Art dagegen aus demselben Grunde die Dichtigkeit die geringste und der Widerstand gegen die Trennung der mindestbedeutende sein, während den Körpern der zweiten Art mit einer mittleren Dichtigkeit auch ein mittlerer Widerstand d. h. ein solcher, welcher die Trennung der Atome weder erschwert noch erleichtert, also gegen dieselbe sich gleichgiltig verhält, eigen ist. Körper der ersten Art, als deren Repräsentant die Erde angesehen wird, werden als feste, Körper der dritten Art, als deren Repräsentant die atmosphärische Luft gilt, als luft- oder gasförmige, Körper der mittleren Art, deren Typus das Wasser darstellt, werden als flüssige bezeichnet.309. Weder die Grösse des räumlichen Volumens, noch jene der Masse, oder der Abstände der Atome von einander, absolut betrachtet, macht hiebei einen Unterschied. Das Gesetz, welches die Atome der grossen Weltkörper, der Nebelflecke und Sternhaufen zusammenhält, ist genau das nämliche, welches auch die Atome des kleinsten Bruchtheils eines festen Körpers auf der Erde an einander bindet; die Atome des Weltmeeres hängen in keinerandern Weise zusammen, als jene des Wassertropfens; und die Atmosphäre, welche entfernte Weltkörper umhüllt, ja die ganze durch den Weltraum ausgebreitete, verdünnte Luftmasse zeigt mit jener der irdischen Lufthülle verglichen nur graduell verschiedene Structur. Zwischen den drei genannten Gattungen von Körpern aber herrscht dabei das Verhältniss, dass einerseits der luftförmige Körper durch Verminderung der Abstände seiner Atome unter einander zuerst, wenn dieselbe den mittleren Grad der Entfernung erreicht, in flüssigen, wenn sie denselben überschreitet, allmälig in festen Zustand übergehen d. h. sich verdichten, umgekehrt der feste Körper durch Vergrösserung jener Abstände seinerseits in flüssigen und allmälig in luftförmigen Zustand übergehen d. h. sich verdünnen kann. Je nachdem hiebei die zeitliche Aufeinanderfolge der genannten Zustände verschieden, also entweder der feste, oder der luftförmige, oder der flüssige als der (zeitlich) erste gedacht wird, aus welchem die andern sich entwickelt haben, so dass im ersten Fall aus der Verdichtung allmälig die Verdünnung, im zweiten aus der Verdünnung allmälig (durch Niederschlag) die Verdichtung, im dritten aus einer mittleren Dichtigkeit durch Verdichtung einerseits das Feste, durch Verdünnung andererseits das Luftförmige hervorgeht, gliedern sich die verschiedenen physikalischen Kosmogonien, als deren Repräsentanten schon im Alterthum erscheinen: die Atomistiker, welche das Feste (die körperlichen Atome), die jonischen Naturphilosophen Anaximenes und Diogenes von Apollonia, welche das Luftartige, und Thales, welcher das Flüssige für das der Zeit nach Erste erklärten, aus dem alles Uebrige entstanden sei.310. In allen genannten Fällen ist die Verbindung der Atome unter einander eine mechanische, durch ein und dasselbe allgemeine Gesetz der Anziehung nach dem umgekehrten Quadrate der Entfernung beherrschte, welche so lange besteht, als dieses seine Geltung behauptet, und daher jeder willkürlichen Aufhebung, sie komme von welcher Seite immer, entzogen ist. Die zum Körper vereinten Atome erscheinen unter der Pression dieses Gesetzes selbst zu einem mehr oder minder lockern Gefüge comprimirt, also gleichsam einem von aussen kommenden Drucke unterworfen. Die Elemente der Körper selbst stellen zusammengenommen einen durch Vereinigung (Association) entstandenen räumlich begrenzten Haufen, eine Menge gemengter (nicht gemischter) Bestandtheile dar, deren jeder undurchdrungen von dem andern und undurchdringlich für dieandern für sich und zugleich im Verbande mit den andern als Glied eines physischen Ganzen besteht. Auf qualitative Verschiedenheit der zum Ganzen des Körpers verbundenen Theile konnte bisher schon aus dem Grunde keine Rücksicht genommen werden, weil die quantitative Atomistik eine solche bei den ursprünglichen Elementen der Körperwelt, den primitiven Körperatomen, nicht kennt. Soll daher dennoch von qualitativ unterschiedenen Elementen der Körper die Rede sein, so können diese nicht selbst primitiv, sondern sie müssen aus der allerdings primären Verbindung primitiver Atome gleichsam als Atome höherer Ordnung entstanden sein. Von dieser Art wären, wenn die Ansicht der quantitativen Atomistik die richtige und die darauf fussende Behauptung der „philosophischen” Chemie, dass alle scheinbar heterogenen Stoffe Umbildungen eines Grundstoffs seien, giltig sein sollte, die bisher sogenannten einfachen Stoffe d. i. Körper wie Sauerstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff u. s. w. aufzufassen, deren jeder demzufolge aus Atomen bestehend gedacht würde, welche selbst eine eigenartige Gruppirung der primitiven Atome in sich schlössen. Das sogenannte Sauerstoffatom wäre sonach zwar im Verhältniss zu dem sogenannten Kohlenstoffatom, keineswegs aber im Verhältniss zu den primitiven Atomen als wirklich atom d. i. als theillos zu bezeichnen, da dasselbe zwar eben so wenig aus weiteren Sauerstoffatomen wie das Kohlenstoffatom aus weiteren Kohlenstoffatomen, keineswegs aber, wie es im Begriff des primitiven Atoms liegt, überhaupt nicht aus weiteren Atomen bestehend gedacht wird. Wie das primitive einfaches, so wäre demnach das Sauerstoffatom zusammengesetztes d. i. aus zu einem Ganzen verbundenen primitiven Atomen bestehendes Atom (Molecul) und der (feste, flüssige oder luftförmige) Körper, bei dessen Zusammensetzung die qualitative Beschaffenheit seiner Bestandtheile in Frage kommt, ist sonach als ein in seinen nächsten Bestandtheilen nicht aus einfachen, sondern aus zusammengesetzten Atomen bestehender anzusehen.311. Wie die Verbindung der Atome im mechanisch zusammengesetzten Körper eine mechanische, so ist sie in dem chemisch zusammengesetzten Körper, derselbe bestehe nun aus einander homogenen oder heterogenen Elementen, eine chemische, auf der Anziehung derselben in Folge ihrer qualitativen Verwandtschaft (Affinität) beruhende. Dieselben stehen wie die Bestandtheile des mechanischen Körpers unter der Herrschaft eines allgemeinen Gesetzes, nur dass dieselbe nicht sowol, wie dort, einem von aussenausgeübtenDrucke, als vielmehr einem von innen aus der Beschaffenheit der Atome stammendenZugesich vergleichen lässt, vermöge dessen die Atome wie Glieder einer und derselben Familie sich zu einander hingezogen, oder wie Glieder heterogener Rassen (z. B. Weisse und Farbige) sich von einander abgestossen fühlen. Wie die Verbindung blutsverwandter Familienglieder eine innigere ist als die blos gesellige Zusammenkunft einander gleichgiltiger Genossen, so ist die chemische Vereinigung qualitativ Verwandter inniger, als jene blos mechanische indifferenter Atome und wird deshalb als Verschmelzung im Gegensatz zur blossen Summation, als „Mischung” im Gegensatz zur blossen Mengung bezeichnet. Letzterer Ausdruck ist insofern ungenau, als er zu dem Irrthum verleiten kann, eine völlige „Durchdringung” der einzelnen Atome als möglich anzunehmen, während doch nur eine „Durchdringung” der sich unter einander verschmelzenden Körper (z. B. Kohlenstoff und Sauerstoff zu Kohlensäure) in der Weise stattfindet, dass mit jedem Atom des ersteren zwei Atome des letzteren sich verbinden, also ein neues Gemenge gleichsam höherer Art entsteht, dessen Atome je eine binäre Verbindung zwischen O und C darstellen, die einzelnen, sowol Kohlenstoff- als Sauerstoffatome, dagegen für einander undurchdringlich bleiben.312. Sowol der mechanisch wie der chemisch zusammengesetzte Körper hat die Eigenschaft, dass, sobald der dessen Bestandtheile zusammenhaltende Druck oder Zug aus was immer für einem Grunde erlischt, derselbe in seine Elemente zerfallen oder sich auflösen muss. Wird statt dessen auf Grund einer im Körper selbst enthaltenen Veranlassung jene zusammenhaltende Kraft ununterbrochen erneuert, entweder indem überhaupt neuer Stoff, welchem dieselbe Anziehung, oder neuer qualitativ verwandter Stoff, welchem derselbe Zug innewohnt, von neuem herbeigeschafft wird, so entsteht im Gegensatz zu jenem aus Mangel an Erneuerung abgestorbenen leblosen (unorganischen) der belebte (organische) Körper. Die Eigenthümlichkeit, welche denselben von dem mechanischen Körper unterscheidet, besteht darin, dass der letztere, sobald die Bestandtheile desselben durch andere ersetzt werden, nicht mehr derselbe, sondern ein neuer, wenngleich dem vorigen gleicher, der organische Körper dagegen auch nach dem Ersatz derjenigen seiner Bestandtheile, deren Anziehung unter einander erloschen ist, durch andere, noch immer derselbe wie früher d. h. ein blos erneuerter ist. Die Eigenthümlichkeit, welche denselben vom chemischen Körperunterscheidet, dagegen besteht darin, dass der organische Körper niemals, wie der einfache chemische homogen, sondern stets heterogen d. h. aus verschiedenen Stoffen zusammengesetzt sein muss, aber nicht, wie andere chemische Körper, aus beliebigen (z. B. Wasser aus Sauerstoff und Wasserstoff, atmosphärische Luft aus Sauerstoff und Stickstoff, Kalk aus Calcium und Sauerstoff, Kochsalz aus Chlor und Natrium), sondern jedesmal nur aus gewissen Stoffen zusammengesetzt sein darf. Folge der ersteren Eigenschaft ist, dass ein Theil des organischen Körpers, nämlich derjenige, in dem die Veranlassung liegt, dass sich der übrige Theil ohne Schädigung des Ganzen zu erneuern vermag, diesem letzteren gegenüber eine ausgezeichnete Stellung behauptet, insofern er den bleibenden, dieser dagegen den wechselnden Bestandtheil des Körpers ausmacht, jener also denjenigen, durch welchen der Körper immer derselbe bleibt, dieser denjenigen, durch welchen derselbe unaufhörlich ein anderer wird. Folge der letzteren Eigenschaft ist, dass, wo gewisse einfache chemische Körper mangeln, als welche die Erfahrung bisher Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff und hauptsächlich Kohlenstoff hervorzuheben gelehrt hat, die Entstehung organischer Körper, auch wenn alle übrigen Bedingungen und die grösste Fülle anderweitiger chemischer Körper vorhanden wäre, unmöglich ist. Finden beide Bedingungen vereinigt bei der kleinstmöglichen Anzahl körperlicher Atome Erfüllung, so entsteht der denkbar kleinste belebte Körper, das organische Atom, die sogenannte Zelle, während aus der Verbindung von solchen, sei es mit, sei es ohne Zuhilfenahme unorganischer Bestandtheile, der Zellenorganismus d. i. der — wie der mechanische Körper aus mechanisch verbundenen mechanischen, wie der chemische Körper aus chemisch verbundenen chemischen, so aus organisch verbundenen organischen Elementen bestehende — organische Körper hervorgeht.313. Die ausgezeichnete Stellung des beharrenden Theils gegenüber dem wechselnden im belebten Körper äussert sich nicht blos darin, dass er selbst (er sei nun ein einzelnes Atom oder eine Gruppe von solchen) während der ganzen Dauer des organischen Körpers (Lebensdauer) immer derselbe bleibt, sondern auch darin, dass in ihm die Ursache enthalten ist, um welcher willen und durch welche nicht nur stets neuer und zwar zu seiner Erhaltung passender Stoff (Leibesnahrung) herbeigeschafft, sondern auch der Neuheit des Materiales zum Trotz die ursprüngliche Form (Leibesform) im Wesentlichen unverändert erhalten wird. Derselbe stelltdaher gleichsam den beherrschenden Mittelpunkt („die Seele”) dar, zu welchem die Gesammtheit des übrigen den Körper jeweilig ausmachenden Stoffs sich als beherrschtes, zur Erhaltung des Ganzen verbrauchbares Material („als Leib”) verhält. Da derselbe beherrschend nur im Verhältniss zu dem von ihm Beherrschten, mit dem Aufhören der Herrschaft aber zwar Beherrschendes wie Beherrschtes nach wie vor vorhanden, aber nicht mehr als Herrscher und Beherrschtes vorhanden sind, so hört mit dem Erlöschen des organischen Bandes zwischen der „Seele” und dem „Leibe” des belebten Körpers d. i. mit dem Tode auch der bisher herrschend gewesene Bestandtheil desselben auf, Seele eines Leibes, wie der bisher beherrscht gewesene Bestandtheil desselben aufhört, Leib einer Seele zu sein; das Atom oder die Atome, welche bisher den bleibenden, so wie diejenigen, welche bisher den jeweiligen veränderlichen Bestandtheil des organischen Körpers ausgemacht haben, hören jedoch dadurch keineswegs auf, als Atome d. i. zwar aus ihrer bisherigen Verbindung ausgelöst, aber fähig und bereit, neue Verbindungen einzugehen, sei es wieder als „Seele” eines Leibes (Metempsychose) oder als Leibtheil einer Seele (Palingenesie), zu existiren.314. Je nachdem der organische Körper als am Orte haftend, oder mit der Fähigkeit begabt, denselben beliebig zu wechseln, so wie, je nachdem derselbe als sich oder anderes vorstellend oder überhaupt nicht als vorstellend gedacht wird, wird derselbe im ersten Falle, da die Erfahrung an der sogenannten Pflanze weder freie Bewegung, noch Zeichen vorstellender Thätigkeit aufweist, alspflanzenartiger, im zweiten Fall, da die Erfahrung am sogenannten Thiere zwar freie Beweglichkeit, aber (wenigstens bei den niedersten Thiergattungen) keine Spur von vorstellender Thätigkeit zeigt, alsthierartiger, im dritten Fall, wenn sich nicht nur die Fähigkeit, anderes, sondern (wie schon bei den höheren Thiergattungen) sogar die Fähigkeit äussert, bis zu einem gewissen Grade sich selbst vorzustellen, da die Erfahrung letztere Eigenschaft (die Vorstellung des Ich) hauptsächlich am Menschen kennt, alsmenschenähnlicherbezeichnet werden. Mit dem Erwachen des Ich d. i. derjenigen Vorstellung, durch welche der belebte Körper andere, sei es belebte oder leblose Körper, von sich unterscheidet d. h. als Anderes als er selbst, als Nicht-Ich sich gegenüberstellt und dadurch sich zu diesem und dieses zu sich in ein Verhältniss bringt, welches je nach dem Mass seiner im Vergleich zu der Kraft jenes Andern und nach der Beschaffenheit seiner Bedürfnisse im Vergleichzu den Bedürfnissen jenes Andern zu einem überlegenen oder unterliegenden, zu einem freundlichen oder feindseligen, zu friedlichem Genuss oder zum Kampfe ums Dasein werden kann, ist das Reich des Bewusstlosen, des Nicht-Ich, abgeschlossen.

279. Wie durch die Betonung der realistischen Grundlage des Scheins dem Idealismus, so ist durch die Betonung der pluralistischen Grundlage des Scheins der Realismus jedem wie immer gearteten Monismus d. i. jeder All-Eins-Lehre entgegengesetzt. Jener, er sei subjectiver, absoluter oder Panlogismus, entbehrt eines wahrhaft Wirklichen; dieser, er sei idealistisch oder selbst realistisch, entbehrt einer wahren Vielheit des Wirklichen. Jenem zufolge ist das Wirkliche blosser Schein (Phantasmagorie) welchen sich entweder das endliche oder das absolute Ich, oder die absolute Vernunft vorspiegelt, um mittels desselben zum Bewusstsein seiner, beziehungsweise ihrer selbst zu kommen d. i. Geist zu werden. Diesem zufolge ist jede Vielheit und Individuation des Seins blosser Schein (Phantasmagorie), welchen das eine und einzige Wirkliche (es sei nun Spinozistische Substanz oder Schopenhauer’scher Allwille) entweder (wie die beiden genannten) mit blinder Nothwendigkeit, oder (wie das Hartmann’sche „Unbewusste”) zu dem Zwecke sich vorgaukelt, um mittels desselben zum Bewusstsein und sei es durch Selbstverneinung oder durch werkthätigen Anschluss zur Realisirung des Weltzwecks zu gelangen. Während der erstere begreiflich zu machen unterlässt, wie aus demjenigen, was selbst nicht einmal den Schatten der Wirklichkeit besitzt, auch nur der Schein einer solchen entspringen könne, setzt der letztere dem Bedenken, wie aus demjenigen, was selbst nicht einmal eine Spur der Vielheit in sich schliesst, auch nur der Schein einer solchen und der Vielfachheit des Wirklichen hervorgehen könne, vorsichtiges Stillschweigen entgegen.280. So viel wirklicher Schein, so viel wirkliches Sein — lautet der Satz des Realismus, aber nicht, wie viel wirkliches Sein. Derselbebegnügt sich, zu behaupten, dass um der Vielheit und Mannigfaltigkeit des durch die Erfahrung gegebenen Scheins willen eine eben solche Vielheit und Mannigfaltigkeit des Wirklichen gesetzt, aber er enthält sich, der Versuchung nachzugeben, bestimmen zu wollen, welche (ob endliche oder unendliche) Vielheit des Wirklichen gesetzt werden müsse. Eben so wenig wie das Quantum, wagt er das Quale des Wirklichen anders als durch die schon oben angeführte, aus dem Begriff der absoluten Position abgeleitete Folgerung der qualitativen Einfachheit zu bestimmen. Wie die Vielheit des Scheins zwar die Annahme einer Vielheit des Wirklichen, aber nicht die Bestimmung der Vielheit des Wirklichen, so erlaubt die Mannigfaltigkeit des Scheins zwar die Annahme einer Mannigfaltigkeit des Wirklichen, aber nicht die Bestimmung des Mannigfaltigen des Wirklichen. Dass vieles und mannigfaltiges Wirkliches sei, weder aber wie vieles, noch welcherlei Art das Wirkliche sei, vermisst sich der Realismus anzugeben.281. Die Mannigfaltigkeit ist die geringste d. h. die Gleichartigkeit des Wirklichen ist die denkbar grösste, wenn dessen Verschiedenheit nicht in einer sogenannten inneren (Eigenschaft), sondern nur in einer sogenannten äusseren Beschaffenheit, also in einer solchen gelegen ist, welche weder Aehnlichkeit noch Gegensatz, überhaupt keinerlei Verwandtschaft des Wirklichen voraussetzt, sondern auch bei übrigens völlig disparaten Wirklichen stattfinden kann. Von dieser Art sind die räumlichen und zeitlichen d. i. diejenigen Bestimmungen eines Wirklichen, welche sich ändern können, ohne dass dieses letztere selbst dadurch eine Aenderung erfährt, obgleich andere Wirkliche dadurch eine solche erfahren mögen. Der in seiner Umlaufsbahn und Umlaufszeit sich um die Sonne bewegende Planet erleidet durch seine Fortbewegung in seinen inneren Eigenschaften keinerlei Veränderungen, während die Wirkungen, welche er selbst auf andere Planeten ausübt (z. B. die sogenannten Störungen) wesentlich durch die Stellung d. i. durch den Ort bedingt werden, welchen derselbe in einem jeweiligen Zeitpunkt im Verhältniss zu ihnen im Weltraum einnimmt. Eben so wenig erleidet der Weltkörper, wenn nicht andere Ursachen in und an demselben Veränderungen bewirken, durch den blossen Abfluss der Zeit, innerhalb welcher er seine Bahn zurücklegt, eine Veränderung, obgleich, wenn eine solche an ihm vorgegangen und er demungeachtet derselbe geblieben sein soll, dies nur unter der Voraussetzung denkbar ist, dass seine Beschaffenheit vor und seineBeschaffenheit nach obiger Veränderung in verschiedene Zeitpunkte fallen. Die vielen und verschiedenen Wirklichen sind daher am wenigsten verschieden, jedoch in keiner Weise nicht verschieden, wenn deren Verschiedenheit lediglich in der Verschiedenheit d. i. in der Nichtidentität ihrer räumlichen und zeitlichen Bestimmungen d. i. des Wo und des Wann ihrer Wirklichkeit d. i. ihres Wirkens gelegen ist. Dieselben sind verschieden, insofern ihre Orte im Raum verschieden d. h. ausser einander, dagegen nicht verschieden, insofern sie Wirkliche d. i. Wirkende sind. Dieselben sind verschieden, insofern je nach der Verschiedenheit ihres Aussereinander (d. h. der räumlichen Distanz ihrer Orte) ihr Wirken verschieden, dagegen nicht verschieden, insofern sie Wirkende sind. In Bezug auf die Zeit sind sämmtliche Wirkliche als unbedingt Gesetzte insofern nicht verschieden, als ihr Gesetztsein von jeder, also auch von jeder zeitlichen Bedingung unabhängig ist; dagegen können sie als Wirkende insofern verschieden sein, als ihr Wirken sich ändert, während sie selbst dieselben bleiben und diese Aenderung nur unter der Annahme möglich ist, dass das eine zu einer, das anders geartete Wirken dagegen zu einer andern Zeit stattfindet.282. Wirkliche, die sich durch räumliche und zeitliche Bestimmungen unterscheiden, können im Uebrigen eben so wol unterschieden als nicht unterschieden, sie werden trotzdem unterschiedene d. i. Einzelwesen und, da dieselben als unbedingt gesetzte, einfache Qualitäten, Atome d. i. untheilbare Wesen sind, Individuen sein. Dieselben müssen als räumlich (d. i. dem Ort nach) verschiedene, ausser einander, beziehungsweise neben einander sein; das Wirken derselben, insofern es in einem und demselben Individuum ein verschiedenes sein soll, kann nur nach einander, beziehungsweise auf einander erfolgen. Da dieselben ausser einander d. h. da ihre Orte, wenn sie selbst unterschiedene sein sollen, nicht dieselben sein sollen, so muss es der Orte wenigstens eben so viele geben, als es Wirkliche gibt. Da das Wirken eines jeden derselben, wenn es ein anderes sein soll, in einen anderen Zeitpunkt fallen muss, so muss es der Zeitpunkte wenigstens eben so viele geben, als in demselben Wirklichen Abänderungen seines Wirkens gegeben sind. Mit der Unbestimmbarkeit der Zahl der Wirklichen ist daher zugleich die Unbestimmbarkeit der Zahl der Orte, mit der Unbestimmbarkeit der Zahl möglicher Abänderungen des Wirkens eines und desselben Wirklichen zugleich die Unbestimmbarkeit der Zahl der Zeitpunkte gegeben. Wie die Menge des auf Grundlage des durch die Erfahrunggegebenen Scheins anzunehmenden Wirklichen, so lässt sich die Menge der auf Grundlage des angenommenen Wirklichen anzunehmenden Orte,sowie jene der auf Grundlage der durch Erfahrung gegebenen Abänderungen des Wirkens des Wirklichen anzunehmenden Zeitpunkte je nach Bedürfniss ins Unbestimmte erweitern.283. Der Inbegriff des gesammten auf Grundlage des durch die Erfahrung gegebenen Scheins jeweilig anzunehmenden Wirklichen d. i. der Inbegriff sämmtlicher Atome macht den Stoff, der Inbegriff des von sämmtlichen Wirklichen ausgehenden Wirkens die Kraft, der Inbegriff sämmtlicher Orte den Raum, und jener sämmtlicher Zeitpunkte die Zeit aus. Da der in jedem gegebenen Augenblick dem Bewusstsein durch Erfahrung aufgedrungene Schein eines Wirklichen ein bestimmter, und insofern endlich, in jedem gegebenen Augenblick aber ein anderer seinerseits abermals bestimmter und insofern endlicher ist, so folgt, dass das Quantum des Wirklichen, da dessen Annahme nur auf Grund des gegebenen Scheins eines solchen erfolgt, nur dann ein unendliches sein muss, wenn der gegebene Schein die Annahme eines solchen fordert, im Uebrigen aber über dasselbe keine andere Bestimmung möglich ist, als dass das Quantum des Stoffs dem Quantum des durch Erfahrung gegebenen Scheins proportional sein muss. Da nun der Schluss vom Schein auf das Sein keineswegs verlangt, dass unendlich, sondern nur, dass unbestimmt viele Wirkliche dessen reale Grundlage ausmachen sollen, so kann auf Grund der gegebenen Erfahrung über das Quantum des anzunehmenden Stoffs nichts weiter ausgesagt werden, als dass dasselbe ein verhältnissmässiges, mit dem Wachsthum des durch Erfahrung gegebenen Scheins für das Bewusstsein in stetem Wachsen begriffenes, an sich aber, da das Wirkliche als unbedingt gesetztes keinerlei Abänderung seines Gesetztseins fähig ist, ein unveränderliches sein muss.284. Wie das Quantum des Stoffs, so ist das Quantum der Kraft zugleich alsveränderlichd. i. der Zunahme fähig, und alsunveränderlich, einer solchen unfähig anzusehen. Ersteres, insofern die Annahme wirklichen Wirkens nur auf Grund des durch die Erfahrung dargebotenen scheinbaren Wirkens und sonach die Bestimmung des Quantums des ersteren nur im Verhältniss zu dem erfahrungsmässig gegebenen Quantum des letzteren statthat, letzteres, insofern das Wirken nichts anderes als die Verwirklichung der im Wirklichen unbedingt gesetzten einfachen Qualität und folglich, da diese letztere unveränderlich ist, die Summe der Verwirklichungensämmtlicher einfacher Qualitäten des Wirklichen eben so wie die Summe dieser selbst immer dieselbe bleiben muss. Das Gesetz der Unveränderlichkeit des Quantums wirklichen Wirkens d. i. derErhaltung der Kraftist nur die unvermeidliche Folge des Gesetzes der Unveränderlichkeit des Quantums des Wirklichen d. i. derErhaltung des Stoffs. Dagegen ist das Quantum der aus dem jeweilig durch Erfahrung gegebenen scheinbaren Wirken erschlossenen Kraft eben so wie das Quantum des auf Grund des durch die jeweilige Erfahrung dargebotenen scheinbaren Wirklichen erschlossenen Stoffs der Veränderung, und zwar eines im richtigen Verhältniss zu der allmälig anwachsenden Erfahrung zunehmenden Wachsthums bedürftig und fähig.285. Der Grund, weswegen letzteres, das jeweilige Quantum des scheinbaren mit dem des wirklichen Wirkens weder jemals identisch ist, noch werden kann, liegt in der Verschiedenheit, beziehungsweise dem Gegensatz der individuellen Wirklichen und der daraus fliessenden Verschiedenheit, beziehungsweise des Widerstreits ihres Wirkens. In der Natur der Sache liegt es, dass verschiedene, ganz oder theilweise der Qualität nach entgegengesetzte Wirkliche auch in ihrem Wirken ganz oder theilweise einander entgegengesetzt sind d. h. dass ihr Wirken sich gegenseitig ganz oder theilweise zwar nicht vernichtet, weil die unbedingt gesetzte und selbst unveränderliche Qualität des Wirklichen der Vernichtung unfähig ist, aber ganz oder theilweise hemmt, so dass der Schein entsteht, als werde nichts oder als werde weniger gewirkt, während thatsächlich gewirkt, und zwar mehr gewirkt wird als gewirkt zu werden scheint. Das auf diese Weise gehemmte, also scheinbar nicht wirklich, in der That aber wirklich, jedoch im — durch entgegengesetztes Wirken — gebundenen Zustande vorhandene Wirken ist gleichsamlatentes,schlummerndes, dagegen das ungehemmte, durch ganz oder theilweise Entgegengesetztes nicht gebundene, also freie Wirkenoffenbares,lebendigesWirken. Die Summe des letzteren muss, da unter der Summe des Wirkenden jedesmal ein bestimmter Bruchtheil unter sich entgegengesetzten Wirkens vorhanden sein muss, nothwendig kleiner ausfallen als die Summe des überhaupt (im gehemmten und ungehemmten Zustande) vorhandenen Wirkens und zwar desto kleiner, je grösser die Summe des unter sich entgegengesetzten, also sich hemmenden Wirkens im Verhältniss zur Summe des Wirkens überhaupt ist. Die Wirklichen selbst, deren Wirken gehemmt ist, die also, um dieses Gehemmtseinswillen, nicht zu wirken, also nicht wirklich zu sein scheinen, während sie doch wirkend, also wirklich sind, stellen zusammengenommen den Inbegriff desjenigen Wirklichen dar, welches zwar wirklich, dem Scheine nach aber nicht wirklich d. h. für die aus dem Scheine des Wirklichen auf die Wirklichkeit folgernde Beobachtung so gut wie nicht vorhanden ist d. h. den Inbegriff des latenten, jeweilig nicht nur seiner Qualität nach unbekannten, sondern auch seiner Existenz nach ungekannten Wirklichen.286. Letzterer liefert den Vorrath sowol zur Vermehrung des sichtbaren, wie zur Erweiterung des Umfanges des aus gegebenem scheinbaren erschlossenen wirklichen Wirkens. Indem bisher gebundenes Wirken aus irgend einem Anlass frei d. h. ungehemmtes Wirken wird, tritt es aus dem latenten in den Zustand offenbaren Wirkens d. h. es tritt selbst, wenigstens scheinbar, als neues, bisher nicht wahrgenommenes Wirken zu der Summe des bisher sichtbar gewesenen Wirkens hinzu; indem es als offenbar gewordenes, also den Schein des Wirkens erzeugendes Wirken vor das Bewusstsein tritt, ruft es in diesem den unvermeidlichen Schluss auf wirkliches Wirken d. i. eine Erweiterung des bisherigen Umfanges bekannten Wirkens hervor. Wie durch den ersteren Umstand die Summe des sichtbaren Wirkens, so wird durch den letzteren die Kenntniss wirklichen Wirkens vermehrt, durch jenen die Summe der in der Totalität des Wirklichen lebendig thätigen, im Verhältniss zur Summe der in derselben leblos schlummernden Kräfte, durch diesen die Summe des auf Grund erweiterter Erfahrung erschlossenen Wirklichen gegenüber dem auf Grund der bisherigen Erfahrung als wirklich gekannten, ebenmässig vergrössert.287. Da das Quantum des überhaupt vorhandenen Wirkens nach Obigem unveränderlich, die Summe des jeweilig ungehemmten Wirkens aber veränderlich ist, so folgt, dass jede Zunahme der Summe des sichtbaren von einer entsprechenden Abnahme der Summe des gebundenen Wirkens und umgekehrt jede Zunahme dieser von einer Verminderung jener begleitet sein muss. Könnte die Abnahme sichtbaren Wirkens je so weit sich erstrecken, dass jedes ungehemmte Wirken sich in gehemmtes, also jedes wirkliche Wirken in scheinbares Nichtwirken verkehrte, so müsste an Stelle des Scheins eines Wirklichen vielmehr der entgegengesetzte Schein der Abwesenheit irgend eines Wirklichen d. h. es müsste der Schein der Wirklichkeit des Nichts (Nihilismus) entstehen, welches sich selbst widerspricht. Sollte dagegen in umgekehrter Weise die Zunahmedes sichtbaren Wirkens so weit fortschreiten, dass sämmtliches gebundenes sich in freies Wirken verwandelte, also jeder Schein eines Nichtwirkens sich in den entgegengesetzten Schein des Wirkens auflöste, so müsste, da jede Hemmung eines Wirkens nur aus der Verschiedenheit, beziehungsweise dem Gegensatze der Wirkenden entspringt, der Schein entstehen, als sei zwischen den Wirkenden überhaupt keine Verschiedenheit d. h. als seien überhaupt nicht unterschiedene Wirkliche (Pluralismus, Individualismus), sondern nur ein einziges, schlechterdings unterschiedloses Wirkliches (Monismus, All-Eins-Lehre) vorhanden; welcher Schein, da, wie oben gezeigt, die Annahme eines einzigen Wirklichen auch nicht einmal die Entstehung des Scheins einer Vielheit ermöglicht, sich selbst widerspricht. Da sonach von diesen beiden Fällen keiner als jemals möglicher Weise eintretend gedacht werden darf, ohne etwas sich selbst Widersprechendes zu denken, so folgt, dass weder die Abnahme des sichtbaren Wirkens jemals so weit gehen kann, dass völlige Ruhe (Leblosigkeit), noch die Zunahme desselben je so hoch sich steigern kann, dass durchgängige Lebendigkeit (Bewegung) im ganzen Umkreis des Wirklichen herrsche, sondern dass immer Ruhe und Bewegung, Leblosigkeit und Lebendigkeit zugleich, jedes in einem mehr oder weniger weit reichenden Theile des Wirklichen vorhanden sei.288. Wie den Quantis des Stoffs und der Kraft, kommt den Quantis des Raumes und der Zeit Wandelbarkeit zugleich und Wandellosigkeit zu. Wenn der erstere nichts anderes ist als der Inbegriff der Orte des Wirklichen, so folgt, dass dessen Quantum weder grösser noch kleiner sein kann als das Quantum des Wirklichen. Da nun das letztere, wie gezeigt, in einer Hinsicht veränderlich, in einer andern dagegen unveränderlich ist, so folgt, dass in Bezug auf das Quantum des Raumes dasselbe stattfinden muss. Jede Erweiterung des bisher bekannten Umfanges des Wirklichen durch die Annahme neuer Wirklicher macht die Annahme neuer Orte und damit die Vermehrung des bisherigen Quantums des Raums nöthig. Die Erhaltung des Quantums des Stoffs d. i. des Inbegriffs aller Wirklichen, deren jedes seines von dem jedes andern unterschiedenen Orts bedarf, macht die Erhaltung des Quantums des Raums unvermeidlich. Wenn die Zeit nichts anderes ist als der Inbegriff der Zeitpunkte d. i. derjenigen Bedingungen, unter welchen allein das Wirken eines Wirklichen jeweilig ein anderes geworden, das Wirkliche selbst aber dasselbe geblieben sein kann,so folgt, dass jedes Anderswerden der Wirkung mindestens zwei Zeitpunkte, denjenigen, in welchen das unveränderte, und denjenigen, in welchen das veränderte Wirken fällt, fordere, und daher das Quantum der Zeitpunkte nicht kleiner sein könne als das Quantum der eingetretenen Veränderungen des Wirkens. Da nun das Quantum des Wirkens überhaupt, also auch das Quantum der in demselben enthaltenen Abänderungen des Wirkens einerseits, wie aus der Erhaltung des Stoffs folgt, immer dasselbe, andererseits, wie aus der Veränderlichkeit des scheinbaren Wirkens folgt, veränderlich ist, so folgt, dass auch das Quantum der Zeit einerseits, so weit dasselbe durch das Quantum der überhaupt wirklichen Abänderungen des Wirkens bedingt ist, immer dasselbe, dagegen, so weit dasselbe von dem jeweilig im Bewusstsein schwebenden Quantum scheinbaren Wirkens abhängig ist, veränderlich sein muss.289. Aus dem Begriff des Raumes folgt, dass er erfüllter Raum sei d. h. dass es einen sogenannten leeren Raum nicht geben könne. Da derselbe nichts anderes ist, als der Inbegriff der Orte, die Setzung eines Orts aber nur auf Veranlassung und im Gefolge der Setzung eines Wirklichen, dessen Ort er ist, erfolgt, so kann es weder Orte geben, in welchen kein Wirkliches, noch Wirkliche, für welche kein Ort gesetzt ist. Die an verschiedenen Orten befindlichen Wirklichen können daher zwar nicht nurausser einander, sondern es können auch zwischen ihren Orten andere Orte gelegen d. h. sie müssen nichtan einandersein; keineswegs aber dürfen die zwischen ihren Orten gelegenen Orte als leer d. h. als solche gedacht werden, in welchen kein Wirkliches befindlich ist. Folge davon ist, dass eine sogenannteactio in distansd. h. ein Wirken durch den leeren Raum hindurch schon aus dem Grunde unmöglich wird, weil die Voraussetzung derselben, der leere d. h. mit Wirklichen nicht erfüllte Raum eine in sich widersprechende, folglich im Umfang des auf Grundlage des Wirklichen gesetzten Raums niemals zutreffende Annahme ist.290. Da der Ort jedes Wirklichen, so lange deren individuelle Unterschiedenheit von ihren räumlichen und zeitlichen Bestimmungen abhängig gedacht wird, nur ein einziger sein kann, so bleibt derselbe so lange unbestimmt, als sich auch nur ein einziger Ort angeben lässt, welcher demselben Wirklichen mit gleichem Recht zugesprochen werden kann. Dieses aber ist der Fall, wenn das Wirken des Wirklichen als eine Function seines Aussereinander mit anderen Wirklichen gedacht und sonach der Ort desselben alslediglich durch die Entfernung von dem Ort eines anderen Wirklichen bestimmt vorgestellt wird. Denn sodann findet sich nicht nur ein einziger Ort, sondern es finden sich unzählige Orte, welche mit gleichem Recht als Ort jenes Wirklichen angenommen werden können, da sie alle von dem zweiten die gleiche Entfernung haben, nämlich alle diejenigen, welche die Oberfläche einer Kugel bilden, deren Mittelpunkt das zweite Wirkliche und deren Radius der Abstand des ersten vom zweiten ist. Soll daher aus diesen unzähligen ein einzelner als Ort des Wirklichen ausgeschieden werden, so müssen zu der Angabe der Entfernung weitere Angaben hinzukommen, deren eine darin besteht, in welcher der unzähligen Kreisebenen, welche durch den Mittelpunkt jener Kugel gelegt werden können, deren zweite dahin lautet, in welchem der in jener Kreisebene vom Mittelpunkt an die Peripherie gezogenen Radien der Ort jenes Wirklichen zu suchen sei. Erst durch die letztgenannte dieser Angaben ist der Ort des Wirklichen völlig und dergestalt bestimmt, dass schlechterdings kein zweiter angebbar ist, welcher mit ihm die nämlichen räumlichen Bestimmungen theilte. Dieselben sind daher für jeden unter obigen Bedingungen gesetzten Ort eines Wirklichen dreifach und zwar durch dessen Beziehungen zu drei auf einander in demselben Punkte senkrechten Richtungen (den sogenannten Coordinaten) fixirt, der auf solche Weise gedachte Raum daher als ein dreidimensionaler, nach den Richtungen der Länge, Breite und Tiefe ausgedehnter, vorgestellt.291. Da letztere Vorstellung nur unter der Annahme erfolgt, dass das Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung desselben von einem anderen Wirklichen sei, so leuchtet ein, dass deren Nothwendigkeit schwindet, sobald an die Stelle obiger Annahme eine andere gesetzt, das Wirken des Wirklichen z. B. statt von der Entfernung desselben von einem andern Wirklichen, von dessen Nichtentferntsein von letzterem d. h. statt von dem räumlichen Aussereinander von dem örtlichen Ineinander beider Wirklichen abhängig gedacht wird. In diesem Falle wäre nämlich der Ort des Wirklichen auch durch die Angabe seiner Lage im Raume nach allen drei Dimensionen desselben noch nicht bestimmt, da sich noch immer ein zweiter Ort angeben liesse, welcher ganz die nämliche Lage im Raume besässe, nämlich jener des zweiten Wirklichen, von welchem das erste der Annahme zufolge „nicht entfernt”, sondern mit welchem dasselbe „in einander” sein soll. Es müsste also, wenn die Wirklichen dennoch verschieden sein sollten, entwederder Raum eine weitere, sogenannte vierte Dimension besitzen, nach welcher Orte desselben, deren Lage nach Länge, Breite und Tiefe identisch ist, dennoch verschieden sein könnten, oder die Verschiedenheit der Wirklichen dürfte nicht mehr blos in deren räumlichen (oder zeitlichen) Bestimmungen, sondern sie müsste in deren sogenannter innerer Beschaffenheit gelegen sein. Obige Annahme, dass das Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung, um so mehr die fernere enger begrenzte, dass dieselbe in einer Abnahme der Wirkung mit der Entfernung, so wie die engste, dass diese Abnahme im Quadrat der Entfernung erfolge, hat schon Kant in seinen „Gedanken von der wahren Schätzung lebendiger Kräfte” (Werke Hart. VIII. 26) für eine „willkürliche” erklärt, an deren statt an sich eben so gut eine andere, z. B. dass mit der Entfernung eine Zunahme des Wirkens eintrete, oder die Abnahme im Cubus der Entfernung erfolge etc. hätte gedacht werden können. Dieselbe wird eben nur deshalb gedacht, weil wir uns von einem Raume, der unter einer anderen Annahme entsteht, z. B. von einem vierdimensionalen, eben, wie Kant gleichfalls p. 27 bemerkt, keine Vorstellung zu machen im Stande sind, und die gegebene Erfahrung des scheinbar Wirklichen mit der Annahme des dreidimensionalen Raums und der Abnahme der Wirkung im Quadrate der Entfernung am vollkommensten übereinstimmt.292. Wie der Raum unter der Annahme, dass das Wirken eine Function der Entfernung sei, eine dreidimensionale, so hat die Zeit unter der Annahme dass das Wirkende vor und nach der Abänderung seines Wirkens dasselbe sei, nur eine eindimensionale Ausdehnung. Wie jeder Ort im Raum durch sein Verhältniss zu einem andern nach drei in demselben auf einander senkrechten Richtungen, so ist jeder Punkt in der Zeit durch sein Verhältniss zu zwei andern mit ihm in derselben Richtung gelegenen, deren einer vor, der andere hinter ihm liegt, so lange vollkommen bestimmt, als nicht an die Stelle des ersten ein zweites Wirkliches getreten ist. Denn nur unter der letztern Voraussetzung, dass es sich nicht mehr um eine Abänderung des Wirkens desselben, sondern eines anderen Wirklichen handelt, ist es möglich, dass es noch einen zweiten Zeitpunkt gibt, welcher in der nämlichen Richtung von einem vor und einem hinter ihm gelegenen Punkte die nämliche Entfernung besitzt wie jener erste.293. Mit der Annahme, dass das Wirken überhaupt keine Function der Entfernung, also von dieser unabhängig, jedes Massder Entfernung für das Mass der Wirkung gleichgiltig sei, hat sich der Mysticismus, der an die „Wirkung in die Ferne” glaubt, mit der Voraussetzung, dass der Raum eine vierte Dimension besitze, der moderne in ein exactes Gewand sich drapirende Spiritismus, mit der Hypothese endlich, dass die Verschiedenheit der individuellen Wirklichen nicht sowol in deren räumlicher und zeitlicher Bestimmtheit, als vielmehr in deren innerer qualitativer Unterschiedenheit zu suchen sei, der (im Unterschied vom quantitativen sogenannte) qualitative Atomismus (Leibnitz, Herbart, Lotze) zu schaffen gemacht. Der erste geht von dem Grundsatz aus, dass zwar die Orte der Wirklichen verschieden, also die Wirklichen ausser einander, das eine z. B. wie Ennemosers magnetisirte Frau in St. Petersburg, das andere, der Magnetiseur, in München seien, die Entfernung beider Orte jedoch für die Wirkung gleichgiltig d. h. diese auch bei der grössten Entfernung ungeschwächt und die nämliche sei. Der zweite lässt, und darin besteht seine Uebereinstimmung mit der einmal angenommenen Basis der exacten Naturwissenschaft, welche bewirkt, dass derselbe auch für Naturforscher verlockende Kraft besitzt — der zweite lässt die Annahme, dass das Wirken eine Function der Entfernung d. h. der Verschiedenheit der Orte der Wirklichen sei, gelten, besteht aber darauf, dass die Orte zweier Wirklichen, deren räumliche Lage nach allen drei bekannten Abmessungen des Raumes identisch ist, dennoch verschiedene seien d. h. dass der Raum eben noch eine, die vierte Dimension, besitze. Der qualitative Atomismus aber, welcher die räumliche und zeitliche Verschiedenheit der Wirklichen nur als eine Folge der qualitativen Verschiedenheit derselben ansieht d. h. deren räumliches Ausser- und zeitliches Nacheinander nicht als die Bedingung, sondern als die Folge der Wechselwirkung der letzteren betrachtet, daher statt die Wirkung als eine Function der Entfernung zu definiren, dieselbe vielmehr (wie der Mysticismus) nur unter Voraussetzung völligen „Ineinanders” der Wirklichen für möglich hält, kommt dadurch dahin, die räumliche und zeitliche Ausdehnung für blossen (wenngleich objectiven) Schein, die Totalität sämmtlicher individueller Wirklichen für räumlich und zeitlich ungeschieden, sonach (in räumlicher und zeitlicher, also quantitativer Hinsicht) als eins und doch ihrer Beschaffenheit nach als geschieden: d. h. (in qualitativer Hinsicht) als vieles zu setzen.294. Mit der Entwickelung der Dreidimensionalität des Raums aus der „willkürlichen Annahme”, dass das Wirken Function derEntfernung sei, hat die Wissenschaft vom Wirklichen die Grenze desjenigen, was sich aus der Thatsache des Scheins des Vielen und Vielfachen auf philosophische d. i. auf nothwendige Weise, oder so aussagen lässt, dass eine gegentheilige Behauptung das Denken selbst aufheben würde, überschritten. Dass Wirkliches, und zwar Vieles und Vielfaches, demnach, wenn nicht anders, doch wenigstens als durch seine räumliche und zeitliche Bestimmtheit Unterschiedenes gedacht werden müsse und nicht nicht gedacht werden könne, ohne das Denken mit sich selbst d. i. mit seinen eigenen Normen in Widerspruch zu versetzen, folgert der Realismus aus der Thatsache des Scheins vieler und vielfacher Wirklichen mit Nothwendigkeit; dass das Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung der Orte des Wirklichen, zu der Erklärung des ersteren demnach die Annahme der Dreidimensionalität des Raumes erforderlich sei, folgert derselbe aber nur als Möglichkeit, neben welcher andere Möglichkeiten, und auf Grund der gegebenen Erfahrung als eine Wahrscheinlichkeit, neben welcher diese anderen als Unwahrscheinlichkeiten bestehen. Weder die Annahme des Mysticismus, dass das Wirken keine Function der Entfernung, noch jene des Spiritismus, dass der Raum vierdimensional sei, hat, so lange nicht zahlreichere und besser als die bisherigen beglaubigte Thatsachen deren Möglichkeit erweisen, die Wahrscheinlichkeit für sich; der qualitative Atomismus, welcher dahin gelangt, die Vielen (quantitativ) als eins und (qualitativ) als viele zu setzen, hat den Widerspruch, dass eins = vieles und vieles = eins sein soll, und damit die Möglichkeit gegen sich.295. Aber auch der Versuch, das Denken selbst zu verleugnen und mit dessen Umgehung auf einem anderen Wege des Wirklichen sich zu bemächtigen, wie ihn der das Denken transcendirende und darum wol auch (obgleich, wie oben bemerkt, fälschlich) sogenannte transcendentale Realismus wagt, führt zu keinem andern Ziel. Derselbe stützt sich entweder, um der Nothwendigkeit zu entgehen, dasjenige, was vom Denken als seiend anzunehmen verboten wird, ablehnen, oder, was von diesem als wirklich anzunehmen geboten wird, annehmen zu müssen, auf den trivialen Satz, dass dasjenige, was durch das Zeugniss der Sinne bestätigt, wahr, was durch dasselbe verworfen werde, falsch sei, gleichviel ob das erstere den Normen des Denkens entgegen, das letztere durch dieselben zu denken geboten sei, und fällt dadurch auf den längst kritisch überwundenen Standpunkt des gemeinen empirischen Realismus zurück. Oder erberuft sich, um den Forderungen des Denkens auszuweichen, auf ein vom Vorstellen (dem Intellect) wesentlich und der Art nach verschiedenes Organ, über welches die Gesetze des logischen Vorstellens (die Normen des Intellects) keine Gewalt haben, dem sie daher auch weder zu gebieten, noch zu verbieten berechtigt sein sollen. Als ein solches wird von der einen Schule des transcendenten Realismus (Gefühlsphilosophie: Jacobi) das Gefühl, von der andern (Willensphilosophie: Schopenhauer) das Wollen bezeichnet. Jener zufolge ergreift im Gefühl der Fühlende das Wirkliche (übersinnlich Reale) unmittelbar, ohne Dazwischenkunft und folglich zwar ohne die Hilfe, aber auch ohne die Mängel des Intellects; dieser zufolge weiss das Subject, indem es sich selbst als wollendes weiss, damit zugleich das einzige wahrhaft Wirkliche, den Willen, unmittelbar, ohne Dazwischenkunft und folglich auch ohne das Trügerische der Vorstellung. Von der ersteren gilt, dass, da im Gefühl Gefühltes und Fühlen ununterscheidbar zusammenrinnt, derjenige, der blos fühlt, eben darum nicht weiss, und daher blosses Fühlen eben so wenig wie blosses „Ahnen” (Fries) Princip und Grundlage einer Wissenschaft werden kann. Von der letzteren gilt, dass, wie schon Herbart treffend bemerkt hat, unmittelbares Wissen wie seiner selbst als Wollenden, so des Wirklichen als Willen, ein Wissen, folglich die Möglichkeit zu wissen, und schliesslich, da Wissen eben nichts anderes als eine Art des Denkens d. i. wahres Denken ist, das angeblich mit Umgehung des Denkens erfolgte Ergreifen des Wirklichen, um überhaupt möglich zu sein, das Denken voraussetzt.296. Letzterer Einwand, welcher die Möglichkeit, mit Umgehung des Denkens zu dem transcendenten Sein, dem Wirklichen selbst zu gelangen, überhaupt trifft, wird nicht widerlegt, sondern nur umgangen durch die Behauptung, dass die Natur des Wirklichen auf dem Erfahrungswege zwar nicht der gemeinen, sinnenfälligen, aber einer nicht gemeinen, mystischen Empirie erkannt d. h. dass das „speculative Resultat” die Erkenntniss des Wirklichen seinem Wesen nach, „auf inductivem Wege” d. i. an der Hand exacter Thatsachen erreicht werde. Ersteres wäre nur dann der Fall, wenn entweder der „Erfahrungsweg” das Denken aus- oder der angeblich „inductive Weg” exacte Thatsachen einschlösse. Jenes findet so wenig statt, dass vielmehr die Kritik des sogenannten empirischen Realismus eben nichts anderes betrifft als das Verbot, sich des sogenannten Erfahrungsweges ohne vorläufige Sichtungnach den Normen des logischen Denkens zu bedienen, dieses aber bleibt wenigstens so lange und für alle diejenigen zweifelhaft, als und für welche die angeblichen Erscheinungen der Naturheilkraft des Hellsehens, des Instincts u. s. w. den Werth unbestrittener Erfahrungsthatsache entweder noch nicht erreicht haben, oder, was eben so möglich, ja vielleicht wahrscheinlicher ist, niemals erreichen werden.297. Mit obiger Grenzüberschreitung ist aber auch der Punkt erreicht, wo die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen der Erfahrungswissenschaft von demselben die Hand zu bieten vermag. Jene, die von der Erfahrung aus-, aber auf Grund in deren Inhalt gelegener Nöthigung über dieselbe hinausgeht, hat mit der letzteren, die nicht nur wie jene auf der Erfahrung fusst, sondern auch innerhalb derselben verharrt, die Aufgabe gemein, die Erfahrung begreiflich zu machen. Seitens der letzteren geschieht dies, indem sie das gesammte Wissen vom Wirklichen auf den Boden der Erfahrung zu stellen, seitens der ersteren, indem sie den Boden der Erfahrung selbst sicher zu legen unternimmt. Beide, die philosophische und die empirische Wissenschaft vom Wirklichen gleichen Arbeitern, welche von den entgegengesetzten Seiten eines Berges her, unsichtbar für einander, aber auf gemeinsamen Voraussetzungen fussend und einer gemeinsamen Methode sich bedienend, einen Tunnel durch das Innere desselben zu bohren unternehmen, in der Hoffnung, wenn ihre Voraussetzungen giltig und ihre Berechnungen richtig sind, irgendwo in der Höhlung desselben zusammenzutreffen. Jene schreitet von den allgemeinen Begriffen und Principien des Wirklichen und seines Wirkens in der Richtung gegen die erfahrungsmässig gegebenen Erscheinungen der scheinbaren Wirklichkeit nach vorwärts, diese, von der Erscheinungswelt der Erfahrung in der Richtung gegen deren allgemeinste und oberste reale und gesetzliche Voraussetzungen nach rückwärts. Wenn beider methodische Grundsätze giltig und ihre Folgerungen zutreffend sind, werden beide früher oder später irgendwo an der Grenze einerseits des Denknothwendigen, andererseits des Erfahrbaren einander begegnen müssen.298. Einen thatsächlichen Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme liefert die Herrschaft, welche die Atomistik einerseits als philosophische über die philosophische, andererseits als physikalische über die empirische Wissenschaft vom Wirklichen gewonnen hat. In der ersteren ist dieselbe als zugleich realistische und pluralistischeGrundlegung der phänomenalen Welt an die Stelle der sowol idealistischen als monistischen einstigen „Naturphilosophie”, in der letzteren ist sie, wie Fechner eben so gründlich als scharfsinnig ausgeführt hat, längst mit Recht an die Stelle der (noch von Kant begünstigten) einstigen dynamischen Naturauffassung getreten. So wenig, wie Fechner selbst zugestanden hat, die philosophische Atomenlehre mit der physikalischen identisch, so gewiss ist dieselbe mit der letzteren verträglich d. h. bietet die Existenz einer unbestimmten Vielheit einfacher wirklicher und unausgesetzt wirkender Wesen einen realen Anknüpfungspunkt dar für die Zurückführung der gesammten Phänomene der körperlichen Welt auf die Existenz unbestimmt vieler untheilbarer und daher gleichfalls „einfach” genannter, mit rastlos thätigen Kräften ausgestatteter Elemente. Dass die letzteren ihrer behaupteten Einfachheit ungeachtet von Fechner als „körperliche” bezeichnet werden, ist nur als Beleg anzusehen, dass die empirische Wissenschaft vom Wirklichen, welche innerhalb der Grenzen des sinnlich Erfahrbaren bleibt, der philosophischen, welche von Haus aus über dieselben hinaus führt, zwar stetig sich nähert, aber sie noch nicht berührt.299. Aber nicht nur der empirischen Wissenschaft von der körperlichen, auch jener von der Bewusstseinswelt sowol des Einzel- wie des gesellschaftlichen Subjects bietet die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen, jener in dem einfachen Wirklichen eine reale, dieser in der unbestimmten Menge realer Bewusstseinsträger eine reale und pluralistische Grundlage dar. Wie die unbestimmte Vielheit einfacher Wirklicher den haltbaren Boden für den aus einer eben so unbestimmten Vielheit atomistischer Elemente zusammengesetztenStoffderphysischenWelt, so bildet das einzelne individuelle Wirkliche den haltbaren Mittelpunkt, in welchem der aus einer unbestimmten Menge elementarer Bewusstseinsvorgänge bestehendeStoffderpsychischenWelt im Phänomen der Einheit des Ich’s wie in einem Brennpunkt zusammenfliesst, und macht die Vielheit individueller Wirklichen der letztgenannten Art, deren jedes für sich ein Bewusstseinscentrum abgibt, die unentbehrliche Grundlage dessen aus, was als Vereinigung durch ein gemeinsames Band unter einander verknüpfter, bewusster oder doch bewusstseinsfähiger Individuen denStoffderGesellschaftund der Entwickelung derselben in den Grenzen des Raums und in der Folge der Zeit d. i. derGeschichteausmacht.300. Letzteren, den dreifachen Stoff, den die Betrachtung der körperlichen, der Bewusstseins- und der geschichtlichen Welt liefert, aber vermag die Wissenschaft vom Wirklichen nicht der philosophischen, sondern nur der empirischen Wissenschaft von diesem zu entlehnen. Der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen kann es nicht beikommen, die unausgefüllte Kluft, welche zwischen den äussersten erlaubten Consequenzen des Denknothwendigen und den äussersten Grenzen des Erfahrbaren übrig bleibt, durch Conjecturen ausfüllen, oder den Uebergang von dem einen zum andern durch Einbildungen ebnen zu wollen, welche weder mehr in der Nothwendigkeit des Denkens, noch schon in der Möglichkeit der Erfahrung eine Rechtfertigung zu finden im Stande sind. Dieselbe hat zwar die Aufgabe, die Erfahrung zu befragen und, wenn deren Antwort ihr unbefriedigend, sei es der Form nach unvollkommen, sei es dem Inhalt nach unvollständig dünkt, dieselbe den Normen des Denknothwendigen gemäss der ersten nach zu berichtigen, dem zweiten nach deren Ergänzung abzuwarten, aber sie hat weder die Mittel dieselbe aus Eigenem zu ersetzen, noch, wenn sie nicht vom Taumel orphischen Hochmuths ergriffen ist, jemals die Anmassung, die Erfahrung überflüssig machen zu wollen. Indem sie sonach an die selbst aus der Erfahrung geschöpfte Eintheilung des erfahrbaren Wirklichen in ein solches, dessen Kenntniss aus der sogenannten äusseren (Physisches) ein solches, dessen Kenntniss aus der sogenannten inneren (Psychisches), und in ein solches, dessen Kenntniss aus der äussern und innern Erfahrung zugleich stammt (Sociales, Geschichtliches) sich unbedenklich anschliesst, begnügt sie sich, jedes der drei genannten Gebiete des Erfahrbaren mit dem auf Grund der Erfahrung, aber durch Hinausgehen über dieselbe als denknothwendig erkannten, wahren Wirklichen zu vermitteln und in einer an logischem Faden ungezwungen fortlaufenden Anordnung des durch die Erfahrung gebotenen Stoffs eine systematische Uebersicht des erfahrbaren Wirklichen in der Körper-, in der Geistes- und in der geschichtlichen Welt zu entwerfen. Jenes macht den Inhalt der philosophischen Betrachtung der sogenannten bewusstlosen Welt, oder des Nicht-Ich, das zweite den Inhalt der Betrachtung der bewussten Welt, des Ich, das dritte den Inhalt der Betrachtung einer gleichfalls bewussten, aber in dem Bewusstsein einer Mehrheit zur Einheit verknüpfter, bewusster Individuen d. i. einer Gesellschaft sich abspielenden Welt des socialen oder geschichtlichen Ich aus.301. Die Betrachtung des Nicht-Ich beginnt mit jener des letzten, was auf dem Wege der Erfahrung, oder vielmehr schon nur durch einen Sprung, der über die wirkliche Erfahrung hinausführt, erreichbar ist, des Atoms. Dasselbe ist nach der Ansicht der Physiker (Ampère, Moigno u. A.) zwar einfach aber doch „körperlich” (Fechner); jenes bedeutet, dass dasselbe untheilbar oder doch wenigstens für jetzt nicht weiter als getheilt angesehen sein soll, dieses, dass dasselbe nichts desto weniger als materiell d. i. dem körperlichen Stoff (Materie), dessen letzten Bestandtheil es ausmacht, als gleichartig gelten soll. Erstere Eigenschaft nähert, letztere dagegen entfernt das physikalische Atom von dem philosophischen, welches letztere zwar im strengsten Sinn des Wortes seiner Qualität nach als einfach, dessen Qualität selbst aber als schlechterdings unbekannt d. h. auch nicht, wie jene des physikalischen Atoms, etwa als materiell zu denken ist. Je nachdem empirische Naturbetrachtung von der Ansicht ausgeht, dass sämmtliche Atome unter einander der Qualität nach gleich, oder einige derselben ursprünglich und unveränderlich ihrer qualitativen Beschaffenheit nach von jener der anderen verschieden sind, scheidet sich dieselbe in eine rein quantitative und in eine ganz oder doch zum Theile qualitative Atomistik, deren erstere nicht nur alle Verschiedenheiten der Körper, sondern auch sämmtliche Erscheinungen der körperlichen Welt aus den Verschiedenheiten rein quantitativer Beziehungen unter der Qualität nach homogenen, die letztere dagegen dieselben ganz oder doch theilweise aus der verschiedenen qualitativen Natur die Elemente der Körper, so wie die Grundlage körperlicher Erscheinungen ausmachender, unter einander heterogener Atome abzuleiten bemüht ist.302. Die erfahrungsmässig gegebenen Verschiedenheiten der Körperd. i.der räumlich und zeitlich begrenzten zusammengehörigen Gruppen von Atomen, also die Unterschiede einerseits des belebten (organischen) oder leblosen (unorganischen) Körpers, ferner die Unterschiede der letzteren, als zusammengesetzte, die sich in weitere, der Qualität nach verschiedene Bestandtheile zerlegen, und einfache (die sogenannten einfachen Stoffe der Chemie), die sich in solche nicht weiter auflösen lassen, ferner die Unterschiede der letzteren selbst je nach ihrer qualitativen Beschaffenheit (z. B. des Sauerstoffs vom Wasserstoff, des Stickstoffs vom Kohlenstoff, des Calcium vom Magnesium u. s. w.) werden von der qualitativen Atomistik auf eine fundamentale qualitative Verschiedenheit der den Stoff derKörper ausmachenden letzten Elemente zurückgeführt, so dass dieselben bei den organischen Körpern andere als bei den unorganischen und ebenso bei jedem der einfachen Körper, welche die letzten qualitativ unterschiedenen Bestandtheile der zusammengesetzten abgeben, andere als bei den übrigen seien. Dieselbe betrachtet als sogenannte biologische Atomistik jeden belebten Körper als bestehend aus gleichfalls lebendigen Atomen, den sogenannten Zellen, während der leblose Körper bis in seine letzten Elemente hinab aus gleichfalls leblosen Elementen bestehend vorgestellt wird. Als sogenannte chemische Atomistik sieht dieselbe nicht nur den zusammengesetzten Körper, z. B. das Wasser, für bestehend aus qualitativ verschiedenen und zwar aus Atomen von zweierlei Art an, davon die einen sauerstoff-, die andern wasserstoffartig und davon jene mit diesen nach einem bestimmten Verhältniss, so dass auf je zwei Atome Wasserstoff ein Atom Sauerstoff (H2O) gerechnet wird (dem sogenannten stöchiometrischen Verhältniss), unter einander verbunden sind. Wird letztere Ansicht auch auf die sogenannten organischen Körper ausgedehnt, so dass diese als zusammengesetzt aus einfachen Stoffen gedacht werden, welche unter andern Verhältnissen die Bestandtheile unorganischer Körper ausmachen z. B. aus Sauerstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff und hauptsächlich Stickstoff, so schwindet zwar der qualitative Unterschied zwischen belebten und unbelebten Körpern, aber derjenige zwischen den einfachen Körpern bleibt bestehen d. h. die Atome des Sauerstoffs sind nach wie vor qualitativ verschieden von jenen des Wasserstoffs, die des Azots von jenen des Carbons u. s. w. Zeigen nun Körper, ungeachtet die qualitativen Bestandtheile derselben die nämlichen sind, dennoch verschiedene Eigenschaften (die sogenannte Isomerie), so werden, da diese Verschiedenheit nicht mehr aus der Verschiedenheit der qualitativen Beschaffenheit der Elemente sich erklären lässt, quantitative Verschiedenheiten der (qualitativ gleichen) Körper und zwar solche, welche entweder aus dem arithmetischen Gesichtspunkt der Menge oder aus dem geometrischen der (räumlichen) Lage der Elemente entlehnt sind, zur Erklärung herangezogen. (Wie dies z. B. bei der Weinsteinsäure, welche auf die Polarisationsebene des Lichtes eine drehende Wirkung ausübt, bei der Thatsache der Fall ist, dass eine Gattung derselben unter übrigens ganz gleichen Verhältnissen jene Ebene nach rechts, eine andere dagegen dieselbe nach links dreht. In diesem Falle wird angenommen, dass die Atome der rechtsdrehenden Weinsteinsäureeine Lagerung nach rechts, jene der letzteren eine solche nach links besitzen.)303. Das Charakteristische der quantitativen Atomistik besteht darin, dass sie diejenige Hypothese, welche die qualitative nur in Ausnahmsfällen, wie z. B. in jenem der Isomerie, zu Hilfe ruft, der gesammten Erklärung der Körperwelt als alleinige zu Grunde legt. Während dieser zufolge die Verschiedenheit der Körper in der Regel auf der qualitativen Verschiedenheit ihrer Elemente d. h. auf der Verschiedenheit ihresStoffesund nur in einigen Fällen auf der Verschiedenheit der Zusammensetzung ihrer übrigens gleichen Elemente d. i. auf jener derFormberuht, macht jene letztere Ausnahme zur Regel d. h. betrachtet die Isomerie als eine Grund- und gemeinsame Eigenschaft aller sonst wie immer unterschiedenen Körper und leitet sämmtliche Verschiedenheiten der letztern ausschliesslich aus der Verschiedenheit ihrer Zusammensetzung aus übrigens gleichen Elementen d. i. aus der Form ab. Ihr zufolge sind daher nicht nur die Elemente des belebten nicht von jenen des unbelebten Körpers, sondern auch die Elemente irgend eines einfachen Stoffes nicht von jenen jedes beliebigen andern Stoffes verschieden. Letzteres setzt voraus, dass die gleichwol unbestreitbare Unterschiedenheit sowol der nächsten — durch die Analyse organischer Körper erreichbaren — Bestandtheile von den — durch Analyse sogenannter unorganischer Körper darstellbaren — Stoffen (z. B. des Eiweissstoffes, des Proteïns, des Caffeïns, Theïns u. dgl. von Oxygen, Hydrogen, Gold, Eisen, Platin u. s. w.) wie die gleichfalls unleugbare Unterschiedenheit der einfachen Stoffe selbst gleichwol nur eine scheinbare, der Grund derselben lediglich in der verschiedenen Art der Verbindung ursprünglich durchaus homogener Elemente zu einem Ganzen zu suchen, der sogenannte organische Körper zwar in seinen nächsten und näheren, keineswegs aber in seinen entfernten und entferntesten Bestandtheilen von den unbelebten unterschieden, so wie dass die ganze bekannte und noch zu ergänzende Reihe sogenannter einfacher d. i. weiter nicht zerlegbarer Stoffe nur als eine Reihe der Form nach unterschiedener Umbildungen eines einzigen (sei es eines der bereits bekannten Stoffe oder eines bisher unbekannten Stoffes) anzusehen sei. Erstere Behauptung, die der stofflichen Identität der lebendigen und leblosen Körper, hat in der Naturwissenschaft unserer Tage bereits weite Verbreitung gefunden; letztere Behauptung, welche auf einem weiten Umwege in exacter Weise die Ansicht der Urmutter der Chemie,der Alchymie, von der Transformationsfähigkeit der verschiedenen Körper in einander erneuert, hat in der sogenannten „Philosophie der Chemie” (J. B. Dumas) ihren Platz und durch die Aufstellung der sogenanntenTypentheorie und die Entdeckung der sogenannten typischen Körper, durch welche von Einigen die grosse Zahl der bisher als einfach angenommenen Stoffe bereits bis auf acht herabgemindert scheint (Ciancian), bereits eine empirische, wenigstens annähernde Bestätigung erhalten.304. Die Aufgabe einer logischen Uebersicht des empirischen Stoffs kann es nicht sein, über die Geltung der einen oder der andern beider entgegengesetzten Formen der Atomistik, über welche nur Thatsachen zu entscheiden vermögen, einen Ausspruch zu thun. Die logische Consequenz d. i. die innere Uebereinstimmung mit der durch die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen gelegten realen Grundlage der phänomenalen Welt hat, wie es augenscheinlich ist, die quantitative Atomistik in höherem Grade als die qualitative für sich. Ist es überhaupt richtig, dass die vielen unbedingt gesetzten einfachen Wirklichen unter einander die kleinste denkbare qualitative Verschiedenheit d. i. keine andere besitzen als diejenige, welche in deren räumlichen und zeitlichen Bestimmtheiten sich ausdrückt, so ist es nur folgerichtig, auch die Gesammtheit der letzten realen Elemente, welche zusammengenommen den Stoff der Körperwelt ausmachen, der physikalischen Atome, als einen Inbegriff qualitativ gleichartiger Elementarbestandtheile der Körper zu betrachten. Das elementare Atom, dessen Qualität eben diejenige des einzigen wirklichen Grundstoffs ist, wird sodann gleichsam die unterste Stufe einer aufsteigenden Reihe bilden, als deren einzelne Glieder nach einander die Atome der bisher sogenannten einfachen Stoffe (das Sauerstoff-Atom, das Stickstoff-Atom, das Gold-Atom u. s. w.) auftreten würden, deren jedes für sich durch eine eigenthümliche Combination, sei es von Atomen des Urstoffs, sei es von solchen, die selbst schon durch dergleichen gewonnen wären, repräsentirt würde. Die Aufstellung dieser Reihe, welche die übliche Zerlegung organischer und unorganischer Körper in deren sogenannte einfache Bestandtheile über die Grenze der bis zu diesem Augenblicke als einfach betrachteten Stoffe hinaus durch die erreichte oder doch versuchte Zerlegung dieser selbst bis zu dem schlechterdings letzten nicht blos relativ, sondern absolut einfachen Grundstoff ausdehnt, würde sodann das Ziel der Chemie als Wissenschaft ausmachen.305. Wie der quantitativen Atomistik für die stoffliche Beschaffenheit sämmtlicher Elemente der Körperwelt eine einzige Qualität, so genügt ihr für die Art und Weise des Wirkens derselben ein einziges Gesetz; die qualitative Atomistik, insofern sie eine Mehrheit qualitativ unterschiedener Classen körperlicher Bestandtheile zulässt, bedarf für die qualitativ verschiedene Art des Wirkens jeder einzelnen derselben eben so vieler specifisch verschiedener Gesetze. So lange die Elemente organischer Körper selbst als organisch, die unorganischer Körper dagegen als unorganisch gelten, kann das Gesetz, welches das Wirken der erstern, mit jenem, welches das der letzteren beherrscht, so wenig wie das Wirken jener „lebendigen” Elemente (die Lebenskraft) mit jenem der „leblosen” Elemente (der todten Naturkraft) identisch sein. Eben so wenig kann das Wirken, welches seinen Grund in der qualitativen Verwandtschaft (Affinität) der Körper hat (chemische Anziehung) das nämliche sein mit demjenigen, das auch bei völliger Nichtverwandtschaft (Disparatheit, Heterogeneität) der Körper erfolgt (mechanische Anziehung) und folglich eben so wenig das Gesetz, welches jenes (Affinitätsgesetz, Wahlverwandtschaft), identisch mit demjenigen, welches dieses regelt (Gravitationsgesetz, Schwere). Mit der Aufhebung qualitativer Verschiedenheit der Körper tritt der umgekehrte Fall ein. Das Gesetz, welches das Wirken der Elemente organischer Körper bestimmt, braucht fortan von demjenigen, von welchem das Wirken der Elemente unorganischer Körper abhängt, eben so wenig verschieden zu sein, als das Wirken, das seinen Grund in der Verwandtschaft der Körper hat, als das Wirken der ursprünglichen Elemente d. h. als dasjenige betrachtet werden kann, für welches Gleichartigkeit oder Ungleichartigkeit derselben gleichgiltig und das daher eben so wenig durch die qualitative Aehnlichkeit wie durch den qualitativen Gegensatz der Körper bedingt ist. Sind die Elemente belebter und unbelebter Körper qualitativ dieselben, so ist auch deren Wirken und folglich dessen Gesetz dasselbe; ist das Wirken in Folge der Verwandtschaft nicht dasjenige der ursprünglichen Elemente, so ist auch dessen Gesetz nicht mit dem Gesetz des Wirkens dieser letzteren, und da diese die wahren, weil letzten Elemente der Körper sind, nicht mit jenem der wahren Körperelemente identisch. Wird daher, wie die quantitative Atomistik thut, auf die in der That letzten Bestandtheile der Körperwelt, die unter einander qualitativ nicht weiter unterschiedenen Atome zurückgegangen, so muss das Gesetz, welches das Wirken dieser letzterenregelt, das nämliche und einzige für das Wirken der gesammten Körperwelt sein. Die Aufstellung dieses Gesetzes, welches die Zerlegung der scheinbar unter einander grundverschiedenen Wirkungsweisen der scheinbar von einander qualitativ unterschiedenen Körper bis zur Auflösung der ersteren in die überall in gleicher Weise erfolgende Wirkungsweise der wahren d. i. in allen Körpern qualitativ identischen Elemente der Körperwelt verfolgt und dadurch die gesammte phänomenale Welt als unter der Herrschaft eines und desselben, wenn gleich nicht selten in so verwickelter Form auftretenden Gesetzes, dass es den Anschein eines neuen Gesetzes erhält, stehend erweist, müsste das Ziel der Physik als mechanischer Wissenschaft ausmachen.306. Als dieses Gesetz sieht die moderne Naturwissenschaft das Gravitationsgesetz Newton’s an. Die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen bestimmt, wie oben gezeigt, das Wirken der Atome als eine Function ihres räumlichen Abstandes von einander. Die empirische geht über diese Allgemeinheit des Inhalts hinaus und bestimmt letztere näher als Abnahme des Wirkens im Quadrate der Entfernung. Dieselbe bleibt jedoch keineswegs bei der Bestimmung des Wirkens seinem Quantum nach stehen, sondern schreitet zu der Erweiterung derselben seinem Quale nach fort, indem sie dasselbe in den relativ grössten Abständen der Atome von einander als Anziehung, Attraction, in den relativ kleinsten als Abstossung, Repulsion charakterisirt. Erstere bewirkt, dass die Atome auch in den relativ weitesten Abständen von einander noch zusammengehalten, letztere macht, dass dieselben in Eins zusammen zu fallen verhindert werden. In Folge der Attraction bilden sämmtliche durch dieselbe an einander geknüpfte Atome ein nicht nur in Gedanken, sondern durch ein physisches Band zusammenhängendes Ganzes; in Folge der Repulsion bilden dieselben, weil die letztere die Annäherung der Atome an einander über das Mass einer gewissen (kleinsten) Entfernung hinaus unmöglich macht, ein discretes Ganzes. Während der Raum, der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen zufolge, demnach stetig mit „philosophischen” Atomen d. i. im strengsten Sinne des Wortes einfachen Wirklichen erfüllt gedacht werden muss, erscheint derselbe in der empirischen Wissenschaft vom Wirklichen nur in der Weise mit „physikalischen” Atomen d. i. mit im physikalischen Sinn letzten Elementen der Körperwelt erfüllt, dass zwischen je zwei derselben leerer Raum d. h. ein Zwischenraum vorhanden ist, in dem keine weiteren„physikalischen” Atome sich befinden. Dass mit der Einschiebung desselben die Schwierigkeit des Begreifens einer actio in distans d. i. eines Wirkens durch den leeren Raum hindurch wiederkehrt, pflegt, da dieselbe ja nur eine „philosophische” ist, der empirischen Physik selten Verlegenheit zu bereiten.307. Dagegen hat sich dieselbe auf Grund der sogenannten „Imponderabilien” veranlasst gesehen, durch die Einführung eines weiteren gleichfalls körperlichen, jedoch, mit den physikalischen Atomen verglichen, relativ „unkörperlichen” Stoffs, des sogenannten „Aethers”, in die leer gelassenen Zwischenräume der physikalischen Atome, welche letzteren in demselben gleichsam, wie die Sterne am Firmament, zerstreut zu schweben, oder, wie die Fische im Wasser, in unregelmässigen Abständen zu schwimmen scheinen, der Ansicht der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen von dem stetigen Erfülltsein des Raumes durch einfache Wirkliche, um einen beträchtlichen Schritt näher zu kommen. Die Elemente desselben, die sogenannten Aetheratome, verhalten sich zu den physikalischen gleichsam wie Atome zweiter zu solchen erster Ordnung. Dieselben werden zwar eben so wenig wie diese ohne leere Zwischenräume, letztere selbst aber werden im Verhältniss zu diesen als „unendlich klein” und das von den Aetheratomen ausgehende Wirken wird zwar gleichfalls wie das der Körperatome als Anziehung und Abstossung, jedoch als nur in der kleinsten Entfernung wirksam vorgestellt. Jedes Körperatom erscheint wie von Aetheratomen eingehüllt, welche dasselbe in Gestalt einer Sphäre von allen Seiten umgeben und mit jenem zusammen unter der Form winziger Kügelchen, deren vergleichsweise dichten Kern das Körperatom, deren dünnere Peripherie die Aetheratome ausmachen, die reale durch den Raum discret vertheilte Grundlage der sogenannten Materie bilden.308. Je nachdem die erfahrungsmässig gegebenen Phänomene der körperlichen Welt auf die Körperatome allein ohne Berücksichtigung des deren Zwischenräume ausfüllenden Aethers, oder auf die Aetheratome allein als Bestandtheile des die Zwischenräume der physikalischen Atome ausfüllenden Stoffs zurückgeführt werden, ergeben sich zwei Hauptclassen physischer Phänomene, deren eine das Wirken und die Zustände des im engern Sinn sogenannten körperlichen Stoffs, die andere das Wirken und die Zustände des Zwischenstoffs d. i. des Aethers umfasst. Jene begreift, je nach der Grösse der Abstände der Körperatome unter einander und der davon abhängigen Menge dieser letzteren selbst innerhalbbestimmter räumlicher Grenzen (Volumen), dreierlei Gattungen von Körpern, deren eine bei einem gewissen Volumen die relativ grösste, deren dritte bei demselben Volumen die relativ kleinste Menge von Körperatomen enthält, während die zweite eine im Verhältniss zu jenem Volumen mittlere Menge von Atomen einschliesst. Folge davon ist, dass in den Körpern der ersten Gattung die Abstände der einzelnen Atome von einander relativ die kleinsten, dagegen bei Körpern der dritten Gattung relativ die grössten sein müssen, während bei den Körpern der Mittelgattung die Distanz der Atome eine mittlere ist. Die Atome von Körpern der ersten Gattung werden daher, da die anziehende Kraft je kleiner die Entfernung desto stärker wirkt, am festesten, die Atome von Körpern der dritten Gattung werden, da die Anziehung mit der Entfernung abnimmt, am lockersten unter einander zusammenhängen; die Atome der Körper der Mittelgattung werden, da die Entfernung und folglich die Anziehung eine mittlere ist, einen mittleren Grad des Zusammenhangs darstellen. Bei Körpern der ersten Art wird daher nicht nur das Verhältniss der Menge der Atome (der Masse) zu der räumlich begrenzten Grösse des Inhalts (dem Volumen) d. i. die relativeDichtigkeitdie grösste, sondern auch der Widerstand, welchen dieselben der Trennung der Atome entgegensetzen, in Folge der starken Anziehung der Theile unter einander (der Cohäsion) der relativ bedeutendste, bei Körpern der dritten Art dagegen aus demselben Grunde die Dichtigkeit die geringste und der Widerstand gegen die Trennung der mindestbedeutende sein, während den Körpern der zweiten Art mit einer mittleren Dichtigkeit auch ein mittlerer Widerstand d. h. ein solcher, welcher die Trennung der Atome weder erschwert noch erleichtert, also gegen dieselbe sich gleichgiltig verhält, eigen ist. Körper der ersten Art, als deren Repräsentant die Erde angesehen wird, werden als feste, Körper der dritten Art, als deren Repräsentant die atmosphärische Luft gilt, als luft- oder gasförmige, Körper der mittleren Art, deren Typus das Wasser darstellt, werden als flüssige bezeichnet.309. Weder die Grösse des räumlichen Volumens, noch jene der Masse, oder der Abstände der Atome von einander, absolut betrachtet, macht hiebei einen Unterschied. Das Gesetz, welches die Atome der grossen Weltkörper, der Nebelflecke und Sternhaufen zusammenhält, ist genau das nämliche, welches auch die Atome des kleinsten Bruchtheils eines festen Körpers auf der Erde an einander bindet; die Atome des Weltmeeres hängen in keinerandern Weise zusammen, als jene des Wassertropfens; und die Atmosphäre, welche entfernte Weltkörper umhüllt, ja die ganze durch den Weltraum ausgebreitete, verdünnte Luftmasse zeigt mit jener der irdischen Lufthülle verglichen nur graduell verschiedene Structur. Zwischen den drei genannten Gattungen von Körpern aber herrscht dabei das Verhältniss, dass einerseits der luftförmige Körper durch Verminderung der Abstände seiner Atome unter einander zuerst, wenn dieselbe den mittleren Grad der Entfernung erreicht, in flüssigen, wenn sie denselben überschreitet, allmälig in festen Zustand übergehen d. h. sich verdichten, umgekehrt der feste Körper durch Vergrösserung jener Abstände seinerseits in flüssigen und allmälig in luftförmigen Zustand übergehen d. h. sich verdünnen kann. Je nachdem hiebei die zeitliche Aufeinanderfolge der genannten Zustände verschieden, also entweder der feste, oder der luftförmige, oder der flüssige als der (zeitlich) erste gedacht wird, aus welchem die andern sich entwickelt haben, so dass im ersten Fall aus der Verdichtung allmälig die Verdünnung, im zweiten aus der Verdünnung allmälig (durch Niederschlag) die Verdichtung, im dritten aus einer mittleren Dichtigkeit durch Verdichtung einerseits das Feste, durch Verdünnung andererseits das Luftförmige hervorgeht, gliedern sich die verschiedenen physikalischen Kosmogonien, als deren Repräsentanten schon im Alterthum erscheinen: die Atomistiker, welche das Feste (die körperlichen Atome), die jonischen Naturphilosophen Anaximenes und Diogenes von Apollonia, welche das Luftartige, und Thales, welcher das Flüssige für das der Zeit nach Erste erklärten, aus dem alles Uebrige entstanden sei.310. In allen genannten Fällen ist die Verbindung der Atome unter einander eine mechanische, durch ein und dasselbe allgemeine Gesetz der Anziehung nach dem umgekehrten Quadrate der Entfernung beherrschte, welche so lange besteht, als dieses seine Geltung behauptet, und daher jeder willkürlichen Aufhebung, sie komme von welcher Seite immer, entzogen ist. Die zum Körper vereinten Atome erscheinen unter der Pression dieses Gesetzes selbst zu einem mehr oder minder lockern Gefüge comprimirt, also gleichsam einem von aussen kommenden Drucke unterworfen. Die Elemente der Körper selbst stellen zusammengenommen einen durch Vereinigung (Association) entstandenen räumlich begrenzten Haufen, eine Menge gemengter (nicht gemischter) Bestandtheile dar, deren jeder undurchdrungen von dem andern und undurchdringlich für dieandern für sich und zugleich im Verbande mit den andern als Glied eines physischen Ganzen besteht. Auf qualitative Verschiedenheit der zum Ganzen des Körpers verbundenen Theile konnte bisher schon aus dem Grunde keine Rücksicht genommen werden, weil die quantitative Atomistik eine solche bei den ursprünglichen Elementen der Körperwelt, den primitiven Körperatomen, nicht kennt. Soll daher dennoch von qualitativ unterschiedenen Elementen der Körper die Rede sein, so können diese nicht selbst primitiv, sondern sie müssen aus der allerdings primären Verbindung primitiver Atome gleichsam als Atome höherer Ordnung entstanden sein. Von dieser Art wären, wenn die Ansicht der quantitativen Atomistik die richtige und die darauf fussende Behauptung der „philosophischen” Chemie, dass alle scheinbar heterogenen Stoffe Umbildungen eines Grundstoffs seien, giltig sein sollte, die bisher sogenannten einfachen Stoffe d. i. Körper wie Sauerstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff u. s. w. aufzufassen, deren jeder demzufolge aus Atomen bestehend gedacht würde, welche selbst eine eigenartige Gruppirung der primitiven Atome in sich schlössen. Das sogenannte Sauerstoffatom wäre sonach zwar im Verhältniss zu dem sogenannten Kohlenstoffatom, keineswegs aber im Verhältniss zu den primitiven Atomen als wirklich atom d. i. als theillos zu bezeichnen, da dasselbe zwar eben so wenig aus weiteren Sauerstoffatomen wie das Kohlenstoffatom aus weiteren Kohlenstoffatomen, keineswegs aber, wie es im Begriff des primitiven Atoms liegt, überhaupt nicht aus weiteren Atomen bestehend gedacht wird. Wie das primitive einfaches, so wäre demnach das Sauerstoffatom zusammengesetztes d. i. aus zu einem Ganzen verbundenen primitiven Atomen bestehendes Atom (Molecul) und der (feste, flüssige oder luftförmige) Körper, bei dessen Zusammensetzung die qualitative Beschaffenheit seiner Bestandtheile in Frage kommt, ist sonach als ein in seinen nächsten Bestandtheilen nicht aus einfachen, sondern aus zusammengesetzten Atomen bestehender anzusehen.311. Wie die Verbindung der Atome im mechanisch zusammengesetzten Körper eine mechanische, so ist sie in dem chemisch zusammengesetzten Körper, derselbe bestehe nun aus einander homogenen oder heterogenen Elementen, eine chemische, auf der Anziehung derselben in Folge ihrer qualitativen Verwandtschaft (Affinität) beruhende. Dieselben stehen wie die Bestandtheile des mechanischen Körpers unter der Herrschaft eines allgemeinen Gesetzes, nur dass dieselbe nicht sowol, wie dort, einem von aussenausgeübtenDrucke, als vielmehr einem von innen aus der Beschaffenheit der Atome stammendenZugesich vergleichen lässt, vermöge dessen die Atome wie Glieder einer und derselben Familie sich zu einander hingezogen, oder wie Glieder heterogener Rassen (z. B. Weisse und Farbige) sich von einander abgestossen fühlen. Wie die Verbindung blutsverwandter Familienglieder eine innigere ist als die blos gesellige Zusammenkunft einander gleichgiltiger Genossen, so ist die chemische Vereinigung qualitativ Verwandter inniger, als jene blos mechanische indifferenter Atome und wird deshalb als Verschmelzung im Gegensatz zur blossen Summation, als „Mischung” im Gegensatz zur blossen Mengung bezeichnet. Letzterer Ausdruck ist insofern ungenau, als er zu dem Irrthum verleiten kann, eine völlige „Durchdringung” der einzelnen Atome als möglich anzunehmen, während doch nur eine „Durchdringung” der sich unter einander verschmelzenden Körper (z. B. Kohlenstoff und Sauerstoff zu Kohlensäure) in der Weise stattfindet, dass mit jedem Atom des ersteren zwei Atome des letzteren sich verbinden, also ein neues Gemenge gleichsam höherer Art entsteht, dessen Atome je eine binäre Verbindung zwischen O und C darstellen, die einzelnen, sowol Kohlenstoff- als Sauerstoffatome, dagegen für einander undurchdringlich bleiben.312. Sowol der mechanisch wie der chemisch zusammengesetzte Körper hat die Eigenschaft, dass, sobald der dessen Bestandtheile zusammenhaltende Druck oder Zug aus was immer für einem Grunde erlischt, derselbe in seine Elemente zerfallen oder sich auflösen muss. Wird statt dessen auf Grund einer im Körper selbst enthaltenen Veranlassung jene zusammenhaltende Kraft ununterbrochen erneuert, entweder indem überhaupt neuer Stoff, welchem dieselbe Anziehung, oder neuer qualitativ verwandter Stoff, welchem derselbe Zug innewohnt, von neuem herbeigeschafft wird, so entsteht im Gegensatz zu jenem aus Mangel an Erneuerung abgestorbenen leblosen (unorganischen) der belebte (organische) Körper. Die Eigenthümlichkeit, welche denselben von dem mechanischen Körper unterscheidet, besteht darin, dass der letztere, sobald die Bestandtheile desselben durch andere ersetzt werden, nicht mehr derselbe, sondern ein neuer, wenngleich dem vorigen gleicher, der organische Körper dagegen auch nach dem Ersatz derjenigen seiner Bestandtheile, deren Anziehung unter einander erloschen ist, durch andere, noch immer derselbe wie früher d. h. ein blos erneuerter ist. Die Eigenthümlichkeit, welche denselben vom chemischen Körperunterscheidet, dagegen besteht darin, dass der organische Körper niemals, wie der einfache chemische homogen, sondern stets heterogen d. h. aus verschiedenen Stoffen zusammengesetzt sein muss, aber nicht, wie andere chemische Körper, aus beliebigen (z. B. Wasser aus Sauerstoff und Wasserstoff, atmosphärische Luft aus Sauerstoff und Stickstoff, Kalk aus Calcium und Sauerstoff, Kochsalz aus Chlor und Natrium), sondern jedesmal nur aus gewissen Stoffen zusammengesetzt sein darf. Folge der ersteren Eigenschaft ist, dass ein Theil des organischen Körpers, nämlich derjenige, in dem die Veranlassung liegt, dass sich der übrige Theil ohne Schädigung des Ganzen zu erneuern vermag, diesem letzteren gegenüber eine ausgezeichnete Stellung behauptet, insofern er den bleibenden, dieser dagegen den wechselnden Bestandtheil des Körpers ausmacht, jener also denjenigen, durch welchen der Körper immer derselbe bleibt, dieser denjenigen, durch welchen derselbe unaufhörlich ein anderer wird. Folge der letzteren Eigenschaft ist, dass, wo gewisse einfache chemische Körper mangeln, als welche die Erfahrung bisher Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff und hauptsächlich Kohlenstoff hervorzuheben gelehrt hat, die Entstehung organischer Körper, auch wenn alle übrigen Bedingungen und die grösste Fülle anderweitiger chemischer Körper vorhanden wäre, unmöglich ist. Finden beide Bedingungen vereinigt bei der kleinstmöglichen Anzahl körperlicher Atome Erfüllung, so entsteht der denkbar kleinste belebte Körper, das organische Atom, die sogenannte Zelle, während aus der Verbindung von solchen, sei es mit, sei es ohne Zuhilfenahme unorganischer Bestandtheile, der Zellenorganismus d. i. der — wie der mechanische Körper aus mechanisch verbundenen mechanischen, wie der chemische Körper aus chemisch verbundenen chemischen, so aus organisch verbundenen organischen Elementen bestehende — organische Körper hervorgeht.313. Die ausgezeichnete Stellung des beharrenden Theils gegenüber dem wechselnden im belebten Körper äussert sich nicht blos darin, dass er selbst (er sei nun ein einzelnes Atom oder eine Gruppe von solchen) während der ganzen Dauer des organischen Körpers (Lebensdauer) immer derselbe bleibt, sondern auch darin, dass in ihm die Ursache enthalten ist, um welcher willen und durch welche nicht nur stets neuer und zwar zu seiner Erhaltung passender Stoff (Leibesnahrung) herbeigeschafft, sondern auch der Neuheit des Materiales zum Trotz die ursprüngliche Form (Leibesform) im Wesentlichen unverändert erhalten wird. Derselbe stelltdaher gleichsam den beherrschenden Mittelpunkt („die Seele”) dar, zu welchem die Gesammtheit des übrigen den Körper jeweilig ausmachenden Stoffs sich als beherrschtes, zur Erhaltung des Ganzen verbrauchbares Material („als Leib”) verhält. Da derselbe beherrschend nur im Verhältniss zu dem von ihm Beherrschten, mit dem Aufhören der Herrschaft aber zwar Beherrschendes wie Beherrschtes nach wie vor vorhanden, aber nicht mehr als Herrscher und Beherrschtes vorhanden sind, so hört mit dem Erlöschen des organischen Bandes zwischen der „Seele” und dem „Leibe” des belebten Körpers d. i. mit dem Tode auch der bisher herrschend gewesene Bestandtheil desselben auf, Seele eines Leibes, wie der bisher beherrscht gewesene Bestandtheil desselben aufhört, Leib einer Seele zu sein; das Atom oder die Atome, welche bisher den bleibenden, so wie diejenigen, welche bisher den jeweiligen veränderlichen Bestandtheil des organischen Körpers ausgemacht haben, hören jedoch dadurch keineswegs auf, als Atome d. i. zwar aus ihrer bisherigen Verbindung ausgelöst, aber fähig und bereit, neue Verbindungen einzugehen, sei es wieder als „Seele” eines Leibes (Metempsychose) oder als Leibtheil einer Seele (Palingenesie), zu existiren.314. Je nachdem der organische Körper als am Orte haftend, oder mit der Fähigkeit begabt, denselben beliebig zu wechseln, so wie, je nachdem derselbe als sich oder anderes vorstellend oder überhaupt nicht als vorstellend gedacht wird, wird derselbe im ersten Falle, da die Erfahrung an der sogenannten Pflanze weder freie Bewegung, noch Zeichen vorstellender Thätigkeit aufweist, alspflanzenartiger, im zweiten Fall, da die Erfahrung am sogenannten Thiere zwar freie Beweglichkeit, aber (wenigstens bei den niedersten Thiergattungen) keine Spur von vorstellender Thätigkeit zeigt, alsthierartiger, im dritten Fall, wenn sich nicht nur die Fähigkeit, anderes, sondern (wie schon bei den höheren Thiergattungen) sogar die Fähigkeit äussert, bis zu einem gewissen Grade sich selbst vorzustellen, da die Erfahrung letztere Eigenschaft (die Vorstellung des Ich) hauptsächlich am Menschen kennt, alsmenschenähnlicherbezeichnet werden. Mit dem Erwachen des Ich d. i. derjenigen Vorstellung, durch welche der belebte Körper andere, sei es belebte oder leblose Körper, von sich unterscheidet d. h. als Anderes als er selbst, als Nicht-Ich sich gegenüberstellt und dadurch sich zu diesem und dieses zu sich in ein Verhältniss bringt, welches je nach dem Mass seiner im Vergleich zu der Kraft jenes Andern und nach der Beschaffenheit seiner Bedürfnisse im Vergleichzu den Bedürfnissen jenes Andern zu einem überlegenen oder unterliegenden, zu einem freundlichen oder feindseligen, zu friedlichem Genuss oder zum Kampfe ums Dasein werden kann, ist das Reich des Bewusstlosen, des Nicht-Ich, abgeschlossen.

279. Wie durch die Betonung der realistischen Grundlage des Scheins dem Idealismus, so ist durch die Betonung der pluralistischen Grundlage des Scheins der Realismus jedem wie immer gearteten Monismus d. i. jeder All-Eins-Lehre entgegengesetzt. Jener, er sei subjectiver, absoluter oder Panlogismus, entbehrt eines wahrhaft Wirklichen; dieser, er sei idealistisch oder selbst realistisch, entbehrt einer wahren Vielheit des Wirklichen. Jenem zufolge ist das Wirkliche blosser Schein (Phantasmagorie) welchen sich entweder das endliche oder das absolute Ich, oder die absolute Vernunft vorspiegelt, um mittels desselben zum Bewusstsein seiner, beziehungsweise ihrer selbst zu kommen d. i. Geist zu werden. Diesem zufolge ist jede Vielheit und Individuation des Seins blosser Schein (Phantasmagorie), welchen das eine und einzige Wirkliche (es sei nun Spinozistische Substanz oder Schopenhauer’scher Allwille) entweder (wie die beiden genannten) mit blinder Nothwendigkeit, oder (wie das Hartmann’sche „Unbewusste”) zu dem Zwecke sich vorgaukelt, um mittels desselben zum Bewusstsein und sei es durch Selbstverneinung oder durch werkthätigen Anschluss zur Realisirung des Weltzwecks zu gelangen. Während der erstere begreiflich zu machen unterlässt, wie aus demjenigen, was selbst nicht einmal den Schatten der Wirklichkeit besitzt, auch nur der Schein einer solchen entspringen könne, setzt der letztere dem Bedenken, wie aus demjenigen, was selbst nicht einmal eine Spur der Vielheit in sich schliesst, auch nur der Schein einer solchen und der Vielfachheit des Wirklichen hervorgehen könne, vorsichtiges Stillschweigen entgegen.280. So viel wirklicher Schein, so viel wirkliches Sein — lautet der Satz des Realismus, aber nicht, wie viel wirkliches Sein. Derselbebegnügt sich, zu behaupten, dass um der Vielheit und Mannigfaltigkeit des durch die Erfahrung gegebenen Scheins willen eine eben solche Vielheit und Mannigfaltigkeit des Wirklichen gesetzt, aber er enthält sich, der Versuchung nachzugeben, bestimmen zu wollen, welche (ob endliche oder unendliche) Vielheit des Wirklichen gesetzt werden müsse. Eben so wenig wie das Quantum, wagt er das Quale des Wirklichen anders als durch die schon oben angeführte, aus dem Begriff der absoluten Position abgeleitete Folgerung der qualitativen Einfachheit zu bestimmen. Wie die Vielheit des Scheins zwar die Annahme einer Vielheit des Wirklichen, aber nicht die Bestimmung der Vielheit des Wirklichen, so erlaubt die Mannigfaltigkeit des Scheins zwar die Annahme einer Mannigfaltigkeit des Wirklichen, aber nicht die Bestimmung des Mannigfaltigen des Wirklichen. Dass vieles und mannigfaltiges Wirkliches sei, weder aber wie vieles, noch welcherlei Art das Wirkliche sei, vermisst sich der Realismus anzugeben.281. Die Mannigfaltigkeit ist die geringste d. h. die Gleichartigkeit des Wirklichen ist die denkbar grösste, wenn dessen Verschiedenheit nicht in einer sogenannten inneren (Eigenschaft), sondern nur in einer sogenannten äusseren Beschaffenheit, also in einer solchen gelegen ist, welche weder Aehnlichkeit noch Gegensatz, überhaupt keinerlei Verwandtschaft des Wirklichen voraussetzt, sondern auch bei übrigens völlig disparaten Wirklichen stattfinden kann. Von dieser Art sind die räumlichen und zeitlichen d. i. diejenigen Bestimmungen eines Wirklichen, welche sich ändern können, ohne dass dieses letztere selbst dadurch eine Aenderung erfährt, obgleich andere Wirkliche dadurch eine solche erfahren mögen. Der in seiner Umlaufsbahn und Umlaufszeit sich um die Sonne bewegende Planet erleidet durch seine Fortbewegung in seinen inneren Eigenschaften keinerlei Veränderungen, während die Wirkungen, welche er selbst auf andere Planeten ausübt (z. B. die sogenannten Störungen) wesentlich durch die Stellung d. i. durch den Ort bedingt werden, welchen derselbe in einem jeweiligen Zeitpunkt im Verhältniss zu ihnen im Weltraum einnimmt. Eben so wenig erleidet der Weltkörper, wenn nicht andere Ursachen in und an demselben Veränderungen bewirken, durch den blossen Abfluss der Zeit, innerhalb welcher er seine Bahn zurücklegt, eine Veränderung, obgleich, wenn eine solche an ihm vorgegangen und er demungeachtet derselbe geblieben sein soll, dies nur unter der Voraussetzung denkbar ist, dass seine Beschaffenheit vor und seineBeschaffenheit nach obiger Veränderung in verschiedene Zeitpunkte fallen. Die vielen und verschiedenen Wirklichen sind daher am wenigsten verschieden, jedoch in keiner Weise nicht verschieden, wenn deren Verschiedenheit lediglich in der Verschiedenheit d. i. in der Nichtidentität ihrer räumlichen und zeitlichen Bestimmungen d. i. des Wo und des Wann ihrer Wirklichkeit d. i. ihres Wirkens gelegen ist. Dieselben sind verschieden, insofern ihre Orte im Raum verschieden d. h. ausser einander, dagegen nicht verschieden, insofern sie Wirkliche d. i. Wirkende sind. Dieselben sind verschieden, insofern je nach der Verschiedenheit ihres Aussereinander (d. h. der räumlichen Distanz ihrer Orte) ihr Wirken verschieden, dagegen nicht verschieden, insofern sie Wirkende sind. In Bezug auf die Zeit sind sämmtliche Wirkliche als unbedingt Gesetzte insofern nicht verschieden, als ihr Gesetztsein von jeder, also auch von jeder zeitlichen Bedingung unabhängig ist; dagegen können sie als Wirkende insofern verschieden sein, als ihr Wirken sich ändert, während sie selbst dieselben bleiben und diese Aenderung nur unter der Annahme möglich ist, dass das eine zu einer, das anders geartete Wirken dagegen zu einer andern Zeit stattfindet.282. Wirkliche, die sich durch räumliche und zeitliche Bestimmungen unterscheiden, können im Uebrigen eben so wol unterschieden als nicht unterschieden, sie werden trotzdem unterschiedene d. i. Einzelwesen und, da dieselben als unbedingt gesetzte, einfache Qualitäten, Atome d. i. untheilbare Wesen sind, Individuen sein. Dieselben müssen als räumlich (d. i. dem Ort nach) verschiedene, ausser einander, beziehungsweise neben einander sein; das Wirken derselben, insofern es in einem und demselben Individuum ein verschiedenes sein soll, kann nur nach einander, beziehungsweise auf einander erfolgen. Da dieselben ausser einander d. h. da ihre Orte, wenn sie selbst unterschiedene sein sollen, nicht dieselben sein sollen, so muss es der Orte wenigstens eben so viele geben, als es Wirkliche gibt. Da das Wirken eines jeden derselben, wenn es ein anderes sein soll, in einen anderen Zeitpunkt fallen muss, so muss es der Zeitpunkte wenigstens eben so viele geben, als in demselben Wirklichen Abänderungen seines Wirkens gegeben sind. Mit der Unbestimmbarkeit der Zahl der Wirklichen ist daher zugleich die Unbestimmbarkeit der Zahl der Orte, mit der Unbestimmbarkeit der Zahl möglicher Abänderungen des Wirkens eines und desselben Wirklichen zugleich die Unbestimmbarkeit der Zahl der Zeitpunkte gegeben. Wie die Menge des auf Grundlage des durch die Erfahrunggegebenen Scheins anzunehmenden Wirklichen, so lässt sich die Menge der auf Grundlage des angenommenen Wirklichen anzunehmenden Orte,sowie jene der auf Grundlage der durch Erfahrung gegebenen Abänderungen des Wirkens des Wirklichen anzunehmenden Zeitpunkte je nach Bedürfniss ins Unbestimmte erweitern.283. Der Inbegriff des gesammten auf Grundlage des durch die Erfahrung gegebenen Scheins jeweilig anzunehmenden Wirklichen d. i. der Inbegriff sämmtlicher Atome macht den Stoff, der Inbegriff des von sämmtlichen Wirklichen ausgehenden Wirkens die Kraft, der Inbegriff sämmtlicher Orte den Raum, und jener sämmtlicher Zeitpunkte die Zeit aus. Da der in jedem gegebenen Augenblick dem Bewusstsein durch Erfahrung aufgedrungene Schein eines Wirklichen ein bestimmter, und insofern endlich, in jedem gegebenen Augenblick aber ein anderer seinerseits abermals bestimmter und insofern endlicher ist, so folgt, dass das Quantum des Wirklichen, da dessen Annahme nur auf Grund des gegebenen Scheins eines solchen erfolgt, nur dann ein unendliches sein muss, wenn der gegebene Schein die Annahme eines solchen fordert, im Uebrigen aber über dasselbe keine andere Bestimmung möglich ist, als dass das Quantum des Stoffs dem Quantum des durch Erfahrung gegebenen Scheins proportional sein muss. Da nun der Schluss vom Schein auf das Sein keineswegs verlangt, dass unendlich, sondern nur, dass unbestimmt viele Wirkliche dessen reale Grundlage ausmachen sollen, so kann auf Grund der gegebenen Erfahrung über das Quantum des anzunehmenden Stoffs nichts weiter ausgesagt werden, als dass dasselbe ein verhältnissmässiges, mit dem Wachsthum des durch Erfahrung gegebenen Scheins für das Bewusstsein in stetem Wachsen begriffenes, an sich aber, da das Wirkliche als unbedingt gesetztes keinerlei Abänderung seines Gesetztseins fähig ist, ein unveränderliches sein muss.284. Wie das Quantum des Stoffs, so ist das Quantum der Kraft zugleich alsveränderlichd. i. der Zunahme fähig, und alsunveränderlich, einer solchen unfähig anzusehen. Ersteres, insofern die Annahme wirklichen Wirkens nur auf Grund des durch die Erfahrung dargebotenen scheinbaren Wirkens und sonach die Bestimmung des Quantums des ersteren nur im Verhältniss zu dem erfahrungsmässig gegebenen Quantum des letzteren statthat, letzteres, insofern das Wirken nichts anderes als die Verwirklichung der im Wirklichen unbedingt gesetzten einfachen Qualität und folglich, da diese letztere unveränderlich ist, die Summe der Verwirklichungensämmtlicher einfacher Qualitäten des Wirklichen eben so wie die Summe dieser selbst immer dieselbe bleiben muss. Das Gesetz der Unveränderlichkeit des Quantums wirklichen Wirkens d. i. derErhaltung der Kraftist nur die unvermeidliche Folge des Gesetzes der Unveränderlichkeit des Quantums des Wirklichen d. i. derErhaltung des Stoffs. Dagegen ist das Quantum der aus dem jeweilig durch Erfahrung gegebenen scheinbaren Wirken erschlossenen Kraft eben so wie das Quantum des auf Grund des durch die jeweilige Erfahrung dargebotenen scheinbaren Wirklichen erschlossenen Stoffs der Veränderung, und zwar eines im richtigen Verhältniss zu der allmälig anwachsenden Erfahrung zunehmenden Wachsthums bedürftig und fähig.285. Der Grund, weswegen letzteres, das jeweilige Quantum des scheinbaren mit dem des wirklichen Wirkens weder jemals identisch ist, noch werden kann, liegt in der Verschiedenheit, beziehungsweise dem Gegensatz der individuellen Wirklichen und der daraus fliessenden Verschiedenheit, beziehungsweise des Widerstreits ihres Wirkens. In der Natur der Sache liegt es, dass verschiedene, ganz oder theilweise der Qualität nach entgegengesetzte Wirkliche auch in ihrem Wirken ganz oder theilweise einander entgegengesetzt sind d. h. dass ihr Wirken sich gegenseitig ganz oder theilweise zwar nicht vernichtet, weil die unbedingt gesetzte und selbst unveränderliche Qualität des Wirklichen der Vernichtung unfähig ist, aber ganz oder theilweise hemmt, so dass der Schein entsteht, als werde nichts oder als werde weniger gewirkt, während thatsächlich gewirkt, und zwar mehr gewirkt wird als gewirkt zu werden scheint. Das auf diese Weise gehemmte, also scheinbar nicht wirklich, in der That aber wirklich, jedoch im — durch entgegengesetztes Wirken — gebundenen Zustande vorhandene Wirken ist gleichsamlatentes,schlummerndes, dagegen das ungehemmte, durch ganz oder theilweise Entgegengesetztes nicht gebundene, also freie Wirkenoffenbares,lebendigesWirken. Die Summe des letzteren muss, da unter der Summe des Wirkenden jedesmal ein bestimmter Bruchtheil unter sich entgegengesetzten Wirkens vorhanden sein muss, nothwendig kleiner ausfallen als die Summe des überhaupt (im gehemmten und ungehemmten Zustande) vorhandenen Wirkens und zwar desto kleiner, je grösser die Summe des unter sich entgegengesetzten, also sich hemmenden Wirkens im Verhältniss zur Summe des Wirkens überhaupt ist. Die Wirklichen selbst, deren Wirken gehemmt ist, die also, um dieses Gehemmtseinswillen, nicht zu wirken, also nicht wirklich zu sein scheinen, während sie doch wirkend, also wirklich sind, stellen zusammengenommen den Inbegriff desjenigen Wirklichen dar, welches zwar wirklich, dem Scheine nach aber nicht wirklich d. h. für die aus dem Scheine des Wirklichen auf die Wirklichkeit folgernde Beobachtung so gut wie nicht vorhanden ist d. h. den Inbegriff des latenten, jeweilig nicht nur seiner Qualität nach unbekannten, sondern auch seiner Existenz nach ungekannten Wirklichen.286. Letzterer liefert den Vorrath sowol zur Vermehrung des sichtbaren, wie zur Erweiterung des Umfanges des aus gegebenem scheinbaren erschlossenen wirklichen Wirkens. Indem bisher gebundenes Wirken aus irgend einem Anlass frei d. h. ungehemmtes Wirken wird, tritt es aus dem latenten in den Zustand offenbaren Wirkens d. h. es tritt selbst, wenigstens scheinbar, als neues, bisher nicht wahrgenommenes Wirken zu der Summe des bisher sichtbar gewesenen Wirkens hinzu; indem es als offenbar gewordenes, also den Schein des Wirkens erzeugendes Wirken vor das Bewusstsein tritt, ruft es in diesem den unvermeidlichen Schluss auf wirkliches Wirken d. i. eine Erweiterung des bisherigen Umfanges bekannten Wirkens hervor. Wie durch den ersteren Umstand die Summe des sichtbaren Wirkens, so wird durch den letzteren die Kenntniss wirklichen Wirkens vermehrt, durch jenen die Summe der in der Totalität des Wirklichen lebendig thätigen, im Verhältniss zur Summe der in derselben leblos schlummernden Kräfte, durch diesen die Summe des auf Grund erweiterter Erfahrung erschlossenen Wirklichen gegenüber dem auf Grund der bisherigen Erfahrung als wirklich gekannten, ebenmässig vergrössert.287. Da das Quantum des überhaupt vorhandenen Wirkens nach Obigem unveränderlich, die Summe des jeweilig ungehemmten Wirkens aber veränderlich ist, so folgt, dass jede Zunahme der Summe des sichtbaren von einer entsprechenden Abnahme der Summe des gebundenen Wirkens und umgekehrt jede Zunahme dieser von einer Verminderung jener begleitet sein muss. Könnte die Abnahme sichtbaren Wirkens je so weit sich erstrecken, dass jedes ungehemmte Wirken sich in gehemmtes, also jedes wirkliche Wirken in scheinbares Nichtwirken verkehrte, so müsste an Stelle des Scheins eines Wirklichen vielmehr der entgegengesetzte Schein der Abwesenheit irgend eines Wirklichen d. h. es müsste der Schein der Wirklichkeit des Nichts (Nihilismus) entstehen, welches sich selbst widerspricht. Sollte dagegen in umgekehrter Weise die Zunahmedes sichtbaren Wirkens so weit fortschreiten, dass sämmtliches gebundenes sich in freies Wirken verwandelte, also jeder Schein eines Nichtwirkens sich in den entgegengesetzten Schein des Wirkens auflöste, so müsste, da jede Hemmung eines Wirkens nur aus der Verschiedenheit, beziehungsweise dem Gegensatze der Wirkenden entspringt, der Schein entstehen, als sei zwischen den Wirkenden überhaupt keine Verschiedenheit d. h. als seien überhaupt nicht unterschiedene Wirkliche (Pluralismus, Individualismus), sondern nur ein einziges, schlechterdings unterschiedloses Wirkliches (Monismus, All-Eins-Lehre) vorhanden; welcher Schein, da, wie oben gezeigt, die Annahme eines einzigen Wirklichen auch nicht einmal die Entstehung des Scheins einer Vielheit ermöglicht, sich selbst widerspricht. Da sonach von diesen beiden Fällen keiner als jemals möglicher Weise eintretend gedacht werden darf, ohne etwas sich selbst Widersprechendes zu denken, so folgt, dass weder die Abnahme des sichtbaren Wirkens jemals so weit gehen kann, dass völlige Ruhe (Leblosigkeit), noch die Zunahme desselben je so hoch sich steigern kann, dass durchgängige Lebendigkeit (Bewegung) im ganzen Umkreis des Wirklichen herrsche, sondern dass immer Ruhe und Bewegung, Leblosigkeit und Lebendigkeit zugleich, jedes in einem mehr oder weniger weit reichenden Theile des Wirklichen vorhanden sei.288. Wie den Quantis des Stoffs und der Kraft, kommt den Quantis des Raumes und der Zeit Wandelbarkeit zugleich und Wandellosigkeit zu. Wenn der erstere nichts anderes ist als der Inbegriff der Orte des Wirklichen, so folgt, dass dessen Quantum weder grösser noch kleiner sein kann als das Quantum des Wirklichen. Da nun das letztere, wie gezeigt, in einer Hinsicht veränderlich, in einer andern dagegen unveränderlich ist, so folgt, dass in Bezug auf das Quantum des Raumes dasselbe stattfinden muss. Jede Erweiterung des bisher bekannten Umfanges des Wirklichen durch die Annahme neuer Wirklicher macht die Annahme neuer Orte und damit die Vermehrung des bisherigen Quantums des Raums nöthig. Die Erhaltung des Quantums des Stoffs d. i. des Inbegriffs aller Wirklichen, deren jedes seines von dem jedes andern unterschiedenen Orts bedarf, macht die Erhaltung des Quantums des Raums unvermeidlich. Wenn die Zeit nichts anderes ist als der Inbegriff der Zeitpunkte d. i. derjenigen Bedingungen, unter welchen allein das Wirken eines Wirklichen jeweilig ein anderes geworden, das Wirkliche selbst aber dasselbe geblieben sein kann,so folgt, dass jedes Anderswerden der Wirkung mindestens zwei Zeitpunkte, denjenigen, in welchen das unveränderte, und denjenigen, in welchen das veränderte Wirken fällt, fordere, und daher das Quantum der Zeitpunkte nicht kleiner sein könne als das Quantum der eingetretenen Veränderungen des Wirkens. Da nun das Quantum des Wirkens überhaupt, also auch das Quantum der in demselben enthaltenen Abänderungen des Wirkens einerseits, wie aus der Erhaltung des Stoffs folgt, immer dasselbe, andererseits, wie aus der Veränderlichkeit des scheinbaren Wirkens folgt, veränderlich ist, so folgt, dass auch das Quantum der Zeit einerseits, so weit dasselbe durch das Quantum der überhaupt wirklichen Abänderungen des Wirkens bedingt ist, immer dasselbe, dagegen, so weit dasselbe von dem jeweilig im Bewusstsein schwebenden Quantum scheinbaren Wirkens abhängig ist, veränderlich sein muss.289. Aus dem Begriff des Raumes folgt, dass er erfüllter Raum sei d. h. dass es einen sogenannten leeren Raum nicht geben könne. Da derselbe nichts anderes ist, als der Inbegriff der Orte, die Setzung eines Orts aber nur auf Veranlassung und im Gefolge der Setzung eines Wirklichen, dessen Ort er ist, erfolgt, so kann es weder Orte geben, in welchen kein Wirkliches, noch Wirkliche, für welche kein Ort gesetzt ist. Die an verschiedenen Orten befindlichen Wirklichen können daher zwar nicht nurausser einander, sondern es können auch zwischen ihren Orten andere Orte gelegen d. h. sie müssen nichtan einandersein; keineswegs aber dürfen die zwischen ihren Orten gelegenen Orte als leer d. h. als solche gedacht werden, in welchen kein Wirkliches befindlich ist. Folge davon ist, dass eine sogenannteactio in distansd. h. ein Wirken durch den leeren Raum hindurch schon aus dem Grunde unmöglich wird, weil die Voraussetzung derselben, der leere d. h. mit Wirklichen nicht erfüllte Raum eine in sich widersprechende, folglich im Umfang des auf Grundlage des Wirklichen gesetzten Raums niemals zutreffende Annahme ist.290. Da der Ort jedes Wirklichen, so lange deren individuelle Unterschiedenheit von ihren räumlichen und zeitlichen Bestimmungen abhängig gedacht wird, nur ein einziger sein kann, so bleibt derselbe so lange unbestimmt, als sich auch nur ein einziger Ort angeben lässt, welcher demselben Wirklichen mit gleichem Recht zugesprochen werden kann. Dieses aber ist der Fall, wenn das Wirken des Wirklichen als eine Function seines Aussereinander mit anderen Wirklichen gedacht und sonach der Ort desselben alslediglich durch die Entfernung von dem Ort eines anderen Wirklichen bestimmt vorgestellt wird. Denn sodann findet sich nicht nur ein einziger Ort, sondern es finden sich unzählige Orte, welche mit gleichem Recht als Ort jenes Wirklichen angenommen werden können, da sie alle von dem zweiten die gleiche Entfernung haben, nämlich alle diejenigen, welche die Oberfläche einer Kugel bilden, deren Mittelpunkt das zweite Wirkliche und deren Radius der Abstand des ersten vom zweiten ist. Soll daher aus diesen unzähligen ein einzelner als Ort des Wirklichen ausgeschieden werden, so müssen zu der Angabe der Entfernung weitere Angaben hinzukommen, deren eine darin besteht, in welcher der unzähligen Kreisebenen, welche durch den Mittelpunkt jener Kugel gelegt werden können, deren zweite dahin lautet, in welchem der in jener Kreisebene vom Mittelpunkt an die Peripherie gezogenen Radien der Ort jenes Wirklichen zu suchen sei. Erst durch die letztgenannte dieser Angaben ist der Ort des Wirklichen völlig und dergestalt bestimmt, dass schlechterdings kein zweiter angebbar ist, welcher mit ihm die nämlichen räumlichen Bestimmungen theilte. Dieselben sind daher für jeden unter obigen Bedingungen gesetzten Ort eines Wirklichen dreifach und zwar durch dessen Beziehungen zu drei auf einander in demselben Punkte senkrechten Richtungen (den sogenannten Coordinaten) fixirt, der auf solche Weise gedachte Raum daher als ein dreidimensionaler, nach den Richtungen der Länge, Breite und Tiefe ausgedehnter, vorgestellt.291. Da letztere Vorstellung nur unter der Annahme erfolgt, dass das Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung desselben von einem anderen Wirklichen sei, so leuchtet ein, dass deren Nothwendigkeit schwindet, sobald an die Stelle obiger Annahme eine andere gesetzt, das Wirken des Wirklichen z. B. statt von der Entfernung desselben von einem andern Wirklichen, von dessen Nichtentferntsein von letzterem d. h. statt von dem räumlichen Aussereinander von dem örtlichen Ineinander beider Wirklichen abhängig gedacht wird. In diesem Falle wäre nämlich der Ort des Wirklichen auch durch die Angabe seiner Lage im Raume nach allen drei Dimensionen desselben noch nicht bestimmt, da sich noch immer ein zweiter Ort angeben liesse, welcher ganz die nämliche Lage im Raume besässe, nämlich jener des zweiten Wirklichen, von welchem das erste der Annahme zufolge „nicht entfernt”, sondern mit welchem dasselbe „in einander” sein soll. Es müsste also, wenn die Wirklichen dennoch verschieden sein sollten, entwederder Raum eine weitere, sogenannte vierte Dimension besitzen, nach welcher Orte desselben, deren Lage nach Länge, Breite und Tiefe identisch ist, dennoch verschieden sein könnten, oder die Verschiedenheit der Wirklichen dürfte nicht mehr blos in deren räumlichen (oder zeitlichen) Bestimmungen, sondern sie müsste in deren sogenannter innerer Beschaffenheit gelegen sein. Obige Annahme, dass das Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung, um so mehr die fernere enger begrenzte, dass dieselbe in einer Abnahme der Wirkung mit der Entfernung, so wie die engste, dass diese Abnahme im Quadrat der Entfernung erfolge, hat schon Kant in seinen „Gedanken von der wahren Schätzung lebendiger Kräfte” (Werke Hart. VIII. 26) für eine „willkürliche” erklärt, an deren statt an sich eben so gut eine andere, z. B. dass mit der Entfernung eine Zunahme des Wirkens eintrete, oder die Abnahme im Cubus der Entfernung erfolge etc. hätte gedacht werden können. Dieselbe wird eben nur deshalb gedacht, weil wir uns von einem Raume, der unter einer anderen Annahme entsteht, z. B. von einem vierdimensionalen, eben, wie Kant gleichfalls p. 27 bemerkt, keine Vorstellung zu machen im Stande sind, und die gegebene Erfahrung des scheinbar Wirklichen mit der Annahme des dreidimensionalen Raums und der Abnahme der Wirkung im Quadrate der Entfernung am vollkommensten übereinstimmt.292. Wie der Raum unter der Annahme, dass das Wirken eine Function der Entfernung sei, eine dreidimensionale, so hat die Zeit unter der Annahme dass das Wirkende vor und nach der Abänderung seines Wirkens dasselbe sei, nur eine eindimensionale Ausdehnung. Wie jeder Ort im Raum durch sein Verhältniss zu einem andern nach drei in demselben auf einander senkrechten Richtungen, so ist jeder Punkt in der Zeit durch sein Verhältniss zu zwei andern mit ihm in derselben Richtung gelegenen, deren einer vor, der andere hinter ihm liegt, so lange vollkommen bestimmt, als nicht an die Stelle des ersten ein zweites Wirkliches getreten ist. Denn nur unter der letztern Voraussetzung, dass es sich nicht mehr um eine Abänderung des Wirkens desselben, sondern eines anderen Wirklichen handelt, ist es möglich, dass es noch einen zweiten Zeitpunkt gibt, welcher in der nämlichen Richtung von einem vor und einem hinter ihm gelegenen Punkte die nämliche Entfernung besitzt wie jener erste.293. Mit der Annahme, dass das Wirken überhaupt keine Function der Entfernung, also von dieser unabhängig, jedes Massder Entfernung für das Mass der Wirkung gleichgiltig sei, hat sich der Mysticismus, der an die „Wirkung in die Ferne” glaubt, mit der Voraussetzung, dass der Raum eine vierte Dimension besitze, der moderne in ein exactes Gewand sich drapirende Spiritismus, mit der Hypothese endlich, dass die Verschiedenheit der individuellen Wirklichen nicht sowol in deren räumlicher und zeitlicher Bestimmtheit, als vielmehr in deren innerer qualitativer Unterschiedenheit zu suchen sei, der (im Unterschied vom quantitativen sogenannte) qualitative Atomismus (Leibnitz, Herbart, Lotze) zu schaffen gemacht. Der erste geht von dem Grundsatz aus, dass zwar die Orte der Wirklichen verschieden, also die Wirklichen ausser einander, das eine z. B. wie Ennemosers magnetisirte Frau in St. Petersburg, das andere, der Magnetiseur, in München seien, die Entfernung beider Orte jedoch für die Wirkung gleichgiltig d. h. diese auch bei der grössten Entfernung ungeschwächt und die nämliche sei. Der zweite lässt, und darin besteht seine Uebereinstimmung mit der einmal angenommenen Basis der exacten Naturwissenschaft, welche bewirkt, dass derselbe auch für Naturforscher verlockende Kraft besitzt — der zweite lässt die Annahme, dass das Wirken eine Function der Entfernung d. h. der Verschiedenheit der Orte der Wirklichen sei, gelten, besteht aber darauf, dass die Orte zweier Wirklichen, deren räumliche Lage nach allen drei bekannten Abmessungen des Raumes identisch ist, dennoch verschiedene seien d. h. dass der Raum eben noch eine, die vierte Dimension, besitze. Der qualitative Atomismus aber, welcher die räumliche und zeitliche Verschiedenheit der Wirklichen nur als eine Folge der qualitativen Verschiedenheit derselben ansieht d. h. deren räumliches Ausser- und zeitliches Nacheinander nicht als die Bedingung, sondern als die Folge der Wechselwirkung der letzteren betrachtet, daher statt die Wirkung als eine Function der Entfernung zu definiren, dieselbe vielmehr (wie der Mysticismus) nur unter Voraussetzung völligen „Ineinanders” der Wirklichen für möglich hält, kommt dadurch dahin, die räumliche und zeitliche Ausdehnung für blossen (wenngleich objectiven) Schein, die Totalität sämmtlicher individueller Wirklichen für räumlich und zeitlich ungeschieden, sonach (in räumlicher und zeitlicher, also quantitativer Hinsicht) als eins und doch ihrer Beschaffenheit nach als geschieden: d. h. (in qualitativer Hinsicht) als vieles zu setzen.294. Mit der Entwickelung der Dreidimensionalität des Raums aus der „willkürlichen Annahme”, dass das Wirken Function derEntfernung sei, hat die Wissenschaft vom Wirklichen die Grenze desjenigen, was sich aus der Thatsache des Scheins des Vielen und Vielfachen auf philosophische d. i. auf nothwendige Weise, oder so aussagen lässt, dass eine gegentheilige Behauptung das Denken selbst aufheben würde, überschritten. Dass Wirkliches, und zwar Vieles und Vielfaches, demnach, wenn nicht anders, doch wenigstens als durch seine räumliche und zeitliche Bestimmtheit Unterschiedenes gedacht werden müsse und nicht nicht gedacht werden könne, ohne das Denken mit sich selbst d. i. mit seinen eigenen Normen in Widerspruch zu versetzen, folgert der Realismus aus der Thatsache des Scheins vieler und vielfacher Wirklichen mit Nothwendigkeit; dass das Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung der Orte des Wirklichen, zu der Erklärung des ersteren demnach die Annahme der Dreidimensionalität des Raumes erforderlich sei, folgert derselbe aber nur als Möglichkeit, neben welcher andere Möglichkeiten, und auf Grund der gegebenen Erfahrung als eine Wahrscheinlichkeit, neben welcher diese anderen als Unwahrscheinlichkeiten bestehen. Weder die Annahme des Mysticismus, dass das Wirken keine Function der Entfernung, noch jene des Spiritismus, dass der Raum vierdimensional sei, hat, so lange nicht zahlreichere und besser als die bisherigen beglaubigte Thatsachen deren Möglichkeit erweisen, die Wahrscheinlichkeit für sich; der qualitative Atomismus, welcher dahin gelangt, die Vielen (quantitativ) als eins und (qualitativ) als viele zu setzen, hat den Widerspruch, dass eins = vieles und vieles = eins sein soll, und damit die Möglichkeit gegen sich.295. Aber auch der Versuch, das Denken selbst zu verleugnen und mit dessen Umgehung auf einem anderen Wege des Wirklichen sich zu bemächtigen, wie ihn der das Denken transcendirende und darum wol auch (obgleich, wie oben bemerkt, fälschlich) sogenannte transcendentale Realismus wagt, führt zu keinem andern Ziel. Derselbe stützt sich entweder, um der Nothwendigkeit zu entgehen, dasjenige, was vom Denken als seiend anzunehmen verboten wird, ablehnen, oder, was von diesem als wirklich anzunehmen geboten wird, annehmen zu müssen, auf den trivialen Satz, dass dasjenige, was durch das Zeugniss der Sinne bestätigt, wahr, was durch dasselbe verworfen werde, falsch sei, gleichviel ob das erstere den Normen des Denkens entgegen, das letztere durch dieselben zu denken geboten sei, und fällt dadurch auf den längst kritisch überwundenen Standpunkt des gemeinen empirischen Realismus zurück. Oder erberuft sich, um den Forderungen des Denkens auszuweichen, auf ein vom Vorstellen (dem Intellect) wesentlich und der Art nach verschiedenes Organ, über welches die Gesetze des logischen Vorstellens (die Normen des Intellects) keine Gewalt haben, dem sie daher auch weder zu gebieten, noch zu verbieten berechtigt sein sollen. Als ein solches wird von der einen Schule des transcendenten Realismus (Gefühlsphilosophie: Jacobi) das Gefühl, von der andern (Willensphilosophie: Schopenhauer) das Wollen bezeichnet. Jener zufolge ergreift im Gefühl der Fühlende das Wirkliche (übersinnlich Reale) unmittelbar, ohne Dazwischenkunft und folglich zwar ohne die Hilfe, aber auch ohne die Mängel des Intellects; dieser zufolge weiss das Subject, indem es sich selbst als wollendes weiss, damit zugleich das einzige wahrhaft Wirkliche, den Willen, unmittelbar, ohne Dazwischenkunft und folglich auch ohne das Trügerische der Vorstellung. Von der ersteren gilt, dass, da im Gefühl Gefühltes und Fühlen ununterscheidbar zusammenrinnt, derjenige, der blos fühlt, eben darum nicht weiss, und daher blosses Fühlen eben so wenig wie blosses „Ahnen” (Fries) Princip und Grundlage einer Wissenschaft werden kann. Von der letzteren gilt, dass, wie schon Herbart treffend bemerkt hat, unmittelbares Wissen wie seiner selbst als Wollenden, so des Wirklichen als Willen, ein Wissen, folglich die Möglichkeit zu wissen, und schliesslich, da Wissen eben nichts anderes als eine Art des Denkens d. i. wahres Denken ist, das angeblich mit Umgehung des Denkens erfolgte Ergreifen des Wirklichen, um überhaupt möglich zu sein, das Denken voraussetzt.296. Letzterer Einwand, welcher die Möglichkeit, mit Umgehung des Denkens zu dem transcendenten Sein, dem Wirklichen selbst zu gelangen, überhaupt trifft, wird nicht widerlegt, sondern nur umgangen durch die Behauptung, dass die Natur des Wirklichen auf dem Erfahrungswege zwar nicht der gemeinen, sinnenfälligen, aber einer nicht gemeinen, mystischen Empirie erkannt d. h. dass das „speculative Resultat” die Erkenntniss des Wirklichen seinem Wesen nach, „auf inductivem Wege” d. i. an der Hand exacter Thatsachen erreicht werde. Ersteres wäre nur dann der Fall, wenn entweder der „Erfahrungsweg” das Denken aus- oder der angeblich „inductive Weg” exacte Thatsachen einschlösse. Jenes findet so wenig statt, dass vielmehr die Kritik des sogenannten empirischen Realismus eben nichts anderes betrifft als das Verbot, sich des sogenannten Erfahrungsweges ohne vorläufige Sichtungnach den Normen des logischen Denkens zu bedienen, dieses aber bleibt wenigstens so lange und für alle diejenigen zweifelhaft, als und für welche die angeblichen Erscheinungen der Naturheilkraft des Hellsehens, des Instincts u. s. w. den Werth unbestrittener Erfahrungsthatsache entweder noch nicht erreicht haben, oder, was eben so möglich, ja vielleicht wahrscheinlicher ist, niemals erreichen werden.297. Mit obiger Grenzüberschreitung ist aber auch der Punkt erreicht, wo die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen der Erfahrungswissenschaft von demselben die Hand zu bieten vermag. Jene, die von der Erfahrung aus-, aber auf Grund in deren Inhalt gelegener Nöthigung über dieselbe hinausgeht, hat mit der letzteren, die nicht nur wie jene auf der Erfahrung fusst, sondern auch innerhalb derselben verharrt, die Aufgabe gemein, die Erfahrung begreiflich zu machen. Seitens der letzteren geschieht dies, indem sie das gesammte Wissen vom Wirklichen auf den Boden der Erfahrung zu stellen, seitens der ersteren, indem sie den Boden der Erfahrung selbst sicher zu legen unternimmt. Beide, die philosophische und die empirische Wissenschaft vom Wirklichen gleichen Arbeitern, welche von den entgegengesetzten Seiten eines Berges her, unsichtbar für einander, aber auf gemeinsamen Voraussetzungen fussend und einer gemeinsamen Methode sich bedienend, einen Tunnel durch das Innere desselben zu bohren unternehmen, in der Hoffnung, wenn ihre Voraussetzungen giltig und ihre Berechnungen richtig sind, irgendwo in der Höhlung desselben zusammenzutreffen. Jene schreitet von den allgemeinen Begriffen und Principien des Wirklichen und seines Wirkens in der Richtung gegen die erfahrungsmässig gegebenen Erscheinungen der scheinbaren Wirklichkeit nach vorwärts, diese, von der Erscheinungswelt der Erfahrung in der Richtung gegen deren allgemeinste und oberste reale und gesetzliche Voraussetzungen nach rückwärts. Wenn beider methodische Grundsätze giltig und ihre Folgerungen zutreffend sind, werden beide früher oder später irgendwo an der Grenze einerseits des Denknothwendigen, andererseits des Erfahrbaren einander begegnen müssen.298. Einen thatsächlichen Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme liefert die Herrschaft, welche die Atomistik einerseits als philosophische über die philosophische, andererseits als physikalische über die empirische Wissenschaft vom Wirklichen gewonnen hat. In der ersteren ist dieselbe als zugleich realistische und pluralistischeGrundlegung der phänomenalen Welt an die Stelle der sowol idealistischen als monistischen einstigen „Naturphilosophie”, in der letzteren ist sie, wie Fechner eben so gründlich als scharfsinnig ausgeführt hat, längst mit Recht an die Stelle der (noch von Kant begünstigten) einstigen dynamischen Naturauffassung getreten. So wenig, wie Fechner selbst zugestanden hat, die philosophische Atomenlehre mit der physikalischen identisch, so gewiss ist dieselbe mit der letzteren verträglich d. h. bietet die Existenz einer unbestimmten Vielheit einfacher wirklicher und unausgesetzt wirkender Wesen einen realen Anknüpfungspunkt dar für die Zurückführung der gesammten Phänomene der körperlichen Welt auf die Existenz unbestimmt vieler untheilbarer und daher gleichfalls „einfach” genannter, mit rastlos thätigen Kräften ausgestatteter Elemente. Dass die letzteren ihrer behaupteten Einfachheit ungeachtet von Fechner als „körperliche” bezeichnet werden, ist nur als Beleg anzusehen, dass die empirische Wissenschaft vom Wirklichen, welche innerhalb der Grenzen des sinnlich Erfahrbaren bleibt, der philosophischen, welche von Haus aus über dieselben hinaus führt, zwar stetig sich nähert, aber sie noch nicht berührt.299. Aber nicht nur der empirischen Wissenschaft von der körperlichen, auch jener von der Bewusstseinswelt sowol des Einzel- wie des gesellschaftlichen Subjects bietet die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen, jener in dem einfachen Wirklichen eine reale, dieser in der unbestimmten Menge realer Bewusstseinsträger eine reale und pluralistische Grundlage dar. Wie die unbestimmte Vielheit einfacher Wirklicher den haltbaren Boden für den aus einer eben so unbestimmten Vielheit atomistischer Elemente zusammengesetztenStoffderphysischenWelt, so bildet das einzelne individuelle Wirkliche den haltbaren Mittelpunkt, in welchem der aus einer unbestimmten Menge elementarer Bewusstseinsvorgänge bestehendeStoffderpsychischenWelt im Phänomen der Einheit des Ich’s wie in einem Brennpunkt zusammenfliesst, und macht die Vielheit individueller Wirklichen der letztgenannten Art, deren jedes für sich ein Bewusstseinscentrum abgibt, die unentbehrliche Grundlage dessen aus, was als Vereinigung durch ein gemeinsames Band unter einander verknüpfter, bewusster oder doch bewusstseinsfähiger Individuen denStoffderGesellschaftund der Entwickelung derselben in den Grenzen des Raums und in der Folge der Zeit d. i. derGeschichteausmacht.300. Letzteren, den dreifachen Stoff, den die Betrachtung der körperlichen, der Bewusstseins- und der geschichtlichen Welt liefert, aber vermag die Wissenschaft vom Wirklichen nicht der philosophischen, sondern nur der empirischen Wissenschaft von diesem zu entlehnen. Der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen kann es nicht beikommen, die unausgefüllte Kluft, welche zwischen den äussersten erlaubten Consequenzen des Denknothwendigen und den äussersten Grenzen des Erfahrbaren übrig bleibt, durch Conjecturen ausfüllen, oder den Uebergang von dem einen zum andern durch Einbildungen ebnen zu wollen, welche weder mehr in der Nothwendigkeit des Denkens, noch schon in der Möglichkeit der Erfahrung eine Rechtfertigung zu finden im Stande sind. Dieselbe hat zwar die Aufgabe, die Erfahrung zu befragen und, wenn deren Antwort ihr unbefriedigend, sei es der Form nach unvollkommen, sei es dem Inhalt nach unvollständig dünkt, dieselbe den Normen des Denknothwendigen gemäss der ersten nach zu berichtigen, dem zweiten nach deren Ergänzung abzuwarten, aber sie hat weder die Mittel dieselbe aus Eigenem zu ersetzen, noch, wenn sie nicht vom Taumel orphischen Hochmuths ergriffen ist, jemals die Anmassung, die Erfahrung überflüssig machen zu wollen. Indem sie sonach an die selbst aus der Erfahrung geschöpfte Eintheilung des erfahrbaren Wirklichen in ein solches, dessen Kenntniss aus der sogenannten äusseren (Physisches) ein solches, dessen Kenntniss aus der sogenannten inneren (Psychisches), und in ein solches, dessen Kenntniss aus der äussern und innern Erfahrung zugleich stammt (Sociales, Geschichtliches) sich unbedenklich anschliesst, begnügt sie sich, jedes der drei genannten Gebiete des Erfahrbaren mit dem auf Grund der Erfahrung, aber durch Hinausgehen über dieselbe als denknothwendig erkannten, wahren Wirklichen zu vermitteln und in einer an logischem Faden ungezwungen fortlaufenden Anordnung des durch die Erfahrung gebotenen Stoffs eine systematische Uebersicht des erfahrbaren Wirklichen in der Körper-, in der Geistes- und in der geschichtlichen Welt zu entwerfen. Jenes macht den Inhalt der philosophischen Betrachtung der sogenannten bewusstlosen Welt, oder des Nicht-Ich, das zweite den Inhalt der Betrachtung der bewussten Welt, des Ich, das dritte den Inhalt der Betrachtung einer gleichfalls bewussten, aber in dem Bewusstsein einer Mehrheit zur Einheit verknüpfter, bewusster Individuen d. i. einer Gesellschaft sich abspielenden Welt des socialen oder geschichtlichen Ich aus.301. Die Betrachtung des Nicht-Ich beginnt mit jener des letzten, was auf dem Wege der Erfahrung, oder vielmehr schon nur durch einen Sprung, der über die wirkliche Erfahrung hinausführt, erreichbar ist, des Atoms. Dasselbe ist nach der Ansicht der Physiker (Ampère, Moigno u. A.) zwar einfach aber doch „körperlich” (Fechner); jenes bedeutet, dass dasselbe untheilbar oder doch wenigstens für jetzt nicht weiter als getheilt angesehen sein soll, dieses, dass dasselbe nichts desto weniger als materiell d. i. dem körperlichen Stoff (Materie), dessen letzten Bestandtheil es ausmacht, als gleichartig gelten soll. Erstere Eigenschaft nähert, letztere dagegen entfernt das physikalische Atom von dem philosophischen, welches letztere zwar im strengsten Sinn des Wortes seiner Qualität nach als einfach, dessen Qualität selbst aber als schlechterdings unbekannt d. h. auch nicht, wie jene des physikalischen Atoms, etwa als materiell zu denken ist. Je nachdem empirische Naturbetrachtung von der Ansicht ausgeht, dass sämmtliche Atome unter einander der Qualität nach gleich, oder einige derselben ursprünglich und unveränderlich ihrer qualitativen Beschaffenheit nach von jener der anderen verschieden sind, scheidet sich dieselbe in eine rein quantitative und in eine ganz oder doch zum Theile qualitative Atomistik, deren erstere nicht nur alle Verschiedenheiten der Körper, sondern auch sämmtliche Erscheinungen der körperlichen Welt aus den Verschiedenheiten rein quantitativer Beziehungen unter der Qualität nach homogenen, die letztere dagegen dieselben ganz oder doch theilweise aus der verschiedenen qualitativen Natur die Elemente der Körper, so wie die Grundlage körperlicher Erscheinungen ausmachender, unter einander heterogener Atome abzuleiten bemüht ist.302. Die erfahrungsmässig gegebenen Verschiedenheiten der Körperd. i.der räumlich und zeitlich begrenzten zusammengehörigen Gruppen von Atomen, also die Unterschiede einerseits des belebten (organischen) oder leblosen (unorganischen) Körpers, ferner die Unterschiede der letzteren, als zusammengesetzte, die sich in weitere, der Qualität nach verschiedene Bestandtheile zerlegen, und einfache (die sogenannten einfachen Stoffe der Chemie), die sich in solche nicht weiter auflösen lassen, ferner die Unterschiede der letzteren selbst je nach ihrer qualitativen Beschaffenheit (z. B. des Sauerstoffs vom Wasserstoff, des Stickstoffs vom Kohlenstoff, des Calcium vom Magnesium u. s. w.) werden von der qualitativen Atomistik auf eine fundamentale qualitative Verschiedenheit der den Stoff derKörper ausmachenden letzten Elemente zurückgeführt, so dass dieselben bei den organischen Körpern andere als bei den unorganischen und ebenso bei jedem der einfachen Körper, welche die letzten qualitativ unterschiedenen Bestandtheile der zusammengesetzten abgeben, andere als bei den übrigen seien. Dieselbe betrachtet als sogenannte biologische Atomistik jeden belebten Körper als bestehend aus gleichfalls lebendigen Atomen, den sogenannten Zellen, während der leblose Körper bis in seine letzten Elemente hinab aus gleichfalls leblosen Elementen bestehend vorgestellt wird. Als sogenannte chemische Atomistik sieht dieselbe nicht nur den zusammengesetzten Körper, z. B. das Wasser, für bestehend aus qualitativ verschiedenen und zwar aus Atomen von zweierlei Art an, davon die einen sauerstoff-, die andern wasserstoffartig und davon jene mit diesen nach einem bestimmten Verhältniss, so dass auf je zwei Atome Wasserstoff ein Atom Sauerstoff (H2O) gerechnet wird (dem sogenannten stöchiometrischen Verhältniss), unter einander verbunden sind. Wird letztere Ansicht auch auf die sogenannten organischen Körper ausgedehnt, so dass diese als zusammengesetzt aus einfachen Stoffen gedacht werden, welche unter andern Verhältnissen die Bestandtheile unorganischer Körper ausmachen z. B. aus Sauerstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff und hauptsächlich Stickstoff, so schwindet zwar der qualitative Unterschied zwischen belebten und unbelebten Körpern, aber derjenige zwischen den einfachen Körpern bleibt bestehen d. h. die Atome des Sauerstoffs sind nach wie vor qualitativ verschieden von jenen des Wasserstoffs, die des Azots von jenen des Carbons u. s. w. Zeigen nun Körper, ungeachtet die qualitativen Bestandtheile derselben die nämlichen sind, dennoch verschiedene Eigenschaften (die sogenannte Isomerie), so werden, da diese Verschiedenheit nicht mehr aus der Verschiedenheit der qualitativen Beschaffenheit der Elemente sich erklären lässt, quantitative Verschiedenheiten der (qualitativ gleichen) Körper und zwar solche, welche entweder aus dem arithmetischen Gesichtspunkt der Menge oder aus dem geometrischen der (räumlichen) Lage der Elemente entlehnt sind, zur Erklärung herangezogen. (Wie dies z. B. bei der Weinsteinsäure, welche auf die Polarisationsebene des Lichtes eine drehende Wirkung ausübt, bei der Thatsache der Fall ist, dass eine Gattung derselben unter übrigens ganz gleichen Verhältnissen jene Ebene nach rechts, eine andere dagegen dieselbe nach links dreht. In diesem Falle wird angenommen, dass die Atome der rechtsdrehenden Weinsteinsäureeine Lagerung nach rechts, jene der letzteren eine solche nach links besitzen.)303. Das Charakteristische der quantitativen Atomistik besteht darin, dass sie diejenige Hypothese, welche die qualitative nur in Ausnahmsfällen, wie z. B. in jenem der Isomerie, zu Hilfe ruft, der gesammten Erklärung der Körperwelt als alleinige zu Grunde legt. Während dieser zufolge die Verschiedenheit der Körper in der Regel auf der qualitativen Verschiedenheit ihrer Elemente d. h. auf der Verschiedenheit ihresStoffesund nur in einigen Fällen auf der Verschiedenheit der Zusammensetzung ihrer übrigens gleichen Elemente d. i. auf jener derFormberuht, macht jene letztere Ausnahme zur Regel d. h. betrachtet die Isomerie als eine Grund- und gemeinsame Eigenschaft aller sonst wie immer unterschiedenen Körper und leitet sämmtliche Verschiedenheiten der letztern ausschliesslich aus der Verschiedenheit ihrer Zusammensetzung aus übrigens gleichen Elementen d. i. aus der Form ab. Ihr zufolge sind daher nicht nur die Elemente des belebten nicht von jenen des unbelebten Körpers, sondern auch die Elemente irgend eines einfachen Stoffes nicht von jenen jedes beliebigen andern Stoffes verschieden. Letzteres setzt voraus, dass die gleichwol unbestreitbare Unterschiedenheit sowol der nächsten — durch die Analyse organischer Körper erreichbaren — Bestandtheile von den — durch Analyse sogenannter unorganischer Körper darstellbaren — Stoffen (z. B. des Eiweissstoffes, des Proteïns, des Caffeïns, Theïns u. dgl. von Oxygen, Hydrogen, Gold, Eisen, Platin u. s. w.) wie die gleichfalls unleugbare Unterschiedenheit der einfachen Stoffe selbst gleichwol nur eine scheinbare, der Grund derselben lediglich in der verschiedenen Art der Verbindung ursprünglich durchaus homogener Elemente zu einem Ganzen zu suchen, der sogenannte organische Körper zwar in seinen nächsten und näheren, keineswegs aber in seinen entfernten und entferntesten Bestandtheilen von den unbelebten unterschieden, so wie dass die ganze bekannte und noch zu ergänzende Reihe sogenannter einfacher d. i. weiter nicht zerlegbarer Stoffe nur als eine Reihe der Form nach unterschiedener Umbildungen eines einzigen (sei es eines der bereits bekannten Stoffe oder eines bisher unbekannten Stoffes) anzusehen sei. Erstere Behauptung, die der stofflichen Identität der lebendigen und leblosen Körper, hat in der Naturwissenschaft unserer Tage bereits weite Verbreitung gefunden; letztere Behauptung, welche auf einem weiten Umwege in exacter Weise die Ansicht der Urmutter der Chemie,der Alchymie, von der Transformationsfähigkeit der verschiedenen Körper in einander erneuert, hat in der sogenannten „Philosophie der Chemie” (J. B. Dumas) ihren Platz und durch die Aufstellung der sogenanntenTypentheorie und die Entdeckung der sogenannten typischen Körper, durch welche von Einigen die grosse Zahl der bisher als einfach angenommenen Stoffe bereits bis auf acht herabgemindert scheint (Ciancian), bereits eine empirische, wenigstens annähernde Bestätigung erhalten.304. Die Aufgabe einer logischen Uebersicht des empirischen Stoffs kann es nicht sein, über die Geltung der einen oder der andern beider entgegengesetzten Formen der Atomistik, über welche nur Thatsachen zu entscheiden vermögen, einen Ausspruch zu thun. Die logische Consequenz d. i. die innere Uebereinstimmung mit der durch die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen gelegten realen Grundlage der phänomenalen Welt hat, wie es augenscheinlich ist, die quantitative Atomistik in höherem Grade als die qualitative für sich. Ist es überhaupt richtig, dass die vielen unbedingt gesetzten einfachen Wirklichen unter einander die kleinste denkbare qualitative Verschiedenheit d. i. keine andere besitzen als diejenige, welche in deren räumlichen und zeitlichen Bestimmtheiten sich ausdrückt, so ist es nur folgerichtig, auch die Gesammtheit der letzten realen Elemente, welche zusammengenommen den Stoff der Körperwelt ausmachen, der physikalischen Atome, als einen Inbegriff qualitativ gleichartiger Elementarbestandtheile der Körper zu betrachten. Das elementare Atom, dessen Qualität eben diejenige des einzigen wirklichen Grundstoffs ist, wird sodann gleichsam die unterste Stufe einer aufsteigenden Reihe bilden, als deren einzelne Glieder nach einander die Atome der bisher sogenannten einfachen Stoffe (das Sauerstoff-Atom, das Stickstoff-Atom, das Gold-Atom u. s. w.) auftreten würden, deren jedes für sich durch eine eigenthümliche Combination, sei es von Atomen des Urstoffs, sei es von solchen, die selbst schon durch dergleichen gewonnen wären, repräsentirt würde. Die Aufstellung dieser Reihe, welche die übliche Zerlegung organischer und unorganischer Körper in deren sogenannte einfache Bestandtheile über die Grenze der bis zu diesem Augenblicke als einfach betrachteten Stoffe hinaus durch die erreichte oder doch versuchte Zerlegung dieser selbst bis zu dem schlechterdings letzten nicht blos relativ, sondern absolut einfachen Grundstoff ausdehnt, würde sodann das Ziel der Chemie als Wissenschaft ausmachen.305. Wie der quantitativen Atomistik für die stoffliche Beschaffenheit sämmtlicher Elemente der Körperwelt eine einzige Qualität, so genügt ihr für die Art und Weise des Wirkens derselben ein einziges Gesetz; die qualitative Atomistik, insofern sie eine Mehrheit qualitativ unterschiedener Classen körperlicher Bestandtheile zulässt, bedarf für die qualitativ verschiedene Art des Wirkens jeder einzelnen derselben eben so vieler specifisch verschiedener Gesetze. So lange die Elemente organischer Körper selbst als organisch, die unorganischer Körper dagegen als unorganisch gelten, kann das Gesetz, welches das Wirken der erstern, mit jenem, welches das der letzteren beherrscht, so wenig wie das Wirken jener „lebendigen” Elemente (die Lebenskraft) mit jenem der „leblosen” Elemente (der todten Naturkraft) identisch sein. Eben so wenig kann das Wirken, welches seinen Grund in der qualitativen Verwandtschaft (Affinität) der Körper hat (chemische Anziehung) das nämliche sein mit demjenigen, das auch bei völliger Nichtverwandtschaft (Disparatheit, Heterogeneität) der Körper erfolgt (mechanische Anziehung) und folglich eben so wenig das Gesetz, welches jenes (Affinitätsgesetz, Wahlverwandtschaft), identisch mit demjenigen, welches dieses regelt (Gravitationsgesetz, Schwere). Mit der Aufhebung qualitativer Verschiedenheit der Körper tritt der umgekehrte Fall ein. Das Gesetz, welches das Wirken der Elemente organischer Körper bestimmt, braucht fortan von demjenigen, von welchem das Wirken der Elemente unorganischer Körper abhängt, eben so wenig verschieden zu sein, als das Wirken, das seinen Grund in der Verwandtschaft der Körper hat, als das Wirken der ursprünglichen Elemente d. h. als dasjenige betrachtet werden kann, für welches Gleichartigkeit oder Ungleichartigkeit derselben gleichgiltig und das daher eben so wenig durch die qualitative Aehnlichkeit wie durch den qualitativen Gegensatz der Körper bedingt ist. Sind die Elemente belebter und unbelebter Körper qualitativ dieselben, so ist auch deren Wirken und folglich dessen Gesetz dasselbe; ist das Wirken in Folge der Verwandtschaft nicht dasjenige der ursprünglichen Elemente, so ist auch dessen Gesetz nicht mit dem Gesetz des Wirkens dieser letzteren, und da diese die wahren, weil letzten Elemente der Körper sind, nicht mit jenem der wahren Körperelemente identisch. Wird daher, wie die quantitative Atomistik thut, auf die in der That letzten Bestandtheile der Körperwelt, die unter einander qualitativ nicht weiter unterschiedenen Atome zurückgegangen, so muss das Gesetz, welches das Wirken dieser letzterenregelt, das nämliche und einzige für das Wirken der gesammten Körperwelt sein. Die Aufstellung dieses Gesetzes, welches die Zerlegung der scheinbar unter einander grundverschiedenen Wirkungsweisen der scheinbar von einander qualitativ unterschiedenen Körper bis zur Auflösung der ersteren in die überall in gleicher Weise erfolgende Wirkungsweise der wahren d. i. in allen Körpern qualitativ identischen Elemente der Körperwelt verfolgt und dadurch die gesammte phänomenale Welt als unter der Herrschaft eines und desselben, wenn gleich nicht selten in so verwickelter Form auftretenden Gesetzes, dass es den Anschein eines neuen Gesetzes erhält, stehend erweist, müsste das Ziel der Physik als mechanischer Wissenschaft ausmachen.306. Als dieses Gesetz sieht die moderne Naturwissenschaft das Gravitationsgesetz Newton’s an. Die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen bestimmt, wie oben gezeigt, das Wirken der Atome als eine Function ihres räumlichen Abstandes von einander. Die empirische geht über diese Allgemeinheit des Inhalts hinaus und bestimmt letztere näher als Abnahme des Wirkens im Quadrate der Entfernung. Dieselbe bleibt jedoch keineswegs bei der Bestimmung des Wirkens seinem Quantum nach stehen, sondern schreitet zu der Erweiterung derselben seinem Quale nach fort, indem sie dasselbe in den relativ grössten Abständen der Atome von einander als Anziehung, Attraction, in den relativ kleinsten als Abstossung, Repulsion charakterisirt. Erstere bewirkt, dass die Atome auch in den relativ weitesten Abständen von einander noch zusammengehalten, letztere macht, dass dieselben in Eins zusammen zu fallen verhindert werden. In Folge der Attraction bilden sämmtliche durch dieselbe an einander geknüpfte Atome ein nicht nur in Gedanken, sondern durch ein physisches Band zusammenhängendes Ganzes; in Folge der Repulsion bilden dieselben, weil die letztere die Annäherung der Atome an einander über das Mass einer gewissen (kleinsten) Entfernung hinaus unmöglich macht, ein discretes Ganzes. Während der Raum, der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen zufolge, demnach stetig mit „philosophischen” Atomen d. i. im strengsten Sinne des Wortes einfachen Wirklichen erfüllt gedacht werden muss, erscheint derselbe in der empirischen Wissenschaft vom Wirklichen nur in der Weise mit „physikalischen” Atomen d. i. mit im physikalischen Sinn letzten Elementen der Körperwelt erfüllt, dass zwischen je zwei derselben leerer Raum d. h. ein Zwischenraum vorhanden ist, in dem keine weiteren„physikalischen” Atome sich befinden. Dass mit der Einschiebung desselben die Schwierigkeit des Begreifens einer actio in distans d. i. eines Wirkens durch den leeren Raum hindurch wiederkehrt, pflegt, da dieselbe ja nur eine „philosophische” ist, der empirischen Physik selten Verlegenheit zu bereiten.307. Dagegen hat sich dieselbe auf Grund der sogenannten „Imponderabilien” veranlasst gesehen, durch die Einführung eines weiteren gleichfalls körperlichen, jedoch, mit den physikalischen Atomen verglichen, relativ „unkörperlichen” Stoffs, des sogenannten „Aethers”, in die leer gelassenen Zwischenräume der physikalischen Atome, welche letzteren in demselben gleichsam, wie die Sterne am Firmament, zerstreut zu schweben, oder, wie die Fische im Wasser, in unregelmässigen Abständen zu schwimmen scheinen, der Ansicht der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen von dem stetigen Erfülltsein des Raumes durch einfache Wirkliche, um einen beträchtlichen Schritt näher zu kommen. Die Elemente desselben, die sogenannten Aetheratome, verhalten sich zu den physikalischen gleichsam wie Atome zweiter zu solchen erster Ordnung. Dieselben werden zwar eben so wenig wie diese ohne leere Zwischenräume, letztere selbst aber werden im Verhältniss zu diesen als „unendlich klein” und das von den Aetheratomen ausgehende Wirken wird zwar gleichfalls wie das der Körperatome als Anziehung und Abstossung, jedoch als nur in der kleinsten Entfernung wirksam vorgestellt. Jedes Körperatom erscheint wie von Aetheratomen eingehüllt, welche dasselbe in Gestalt einer Sphäre von allen Seiten umgeben und mit jenem zusammen unter der Form winziger Kügelchen, deren vergleichsweise dichten Kern das Körperatom, deren dünnere Peripherie die Aetheratome ausmachen, die reale durch den Raum discret vertheilte Grundlage der sogenannten Materie bilden.308. Je nachdem die erfahrungsmässig gegebenen Phänomene der körperlichen Welt auf die Körperatome allein ohne Berücksichtigung des deren Zwischenräume ausfüllenden Aethers, oder auf die Aetheratome allein als Bestandtheile des die Zwischenräume der physikalischen Atome ausfüllenden Stoffs zurückgeführt werden, ergeben sich zwei Hauptclassen physischer Phänomene, deren eine das Wirken und die Zustände des im engern Sinn sogenannten körperlichen Stoffs, die andere das Wirken und die Zustände des Zwischenstoffs d. i. des Aethers umfasst. Jene begreift, je nach der Grösse der Abstände der Körperatome unter einander und der davon abhängigen Menge dieser letzteren selbst innerhalbbestimmter räumlicher Grenzen (Volumen), dreierlei Gattungen von Körpern, deren eine bei einem gewissen Volumen die relativ grösste, deren dritte bei demselben Volumen die relativ kleinste Menge von Körperatomen enthält, während die zweite eine im Verhältniss zu jenem Volumen mittlere Menge von Atomen einschliesst. Folge davon ist, dass in den Körpern der ersten Gattung die Abstände der einzelnen Atome von einander relativ die kleinsten, dagegen bei Körpern der dritten Gattung relativ die grössten sein müssen, während bei den Körpern der Mittelgattung die Distanz der Atome eine mittlere ist. Die Atome von Körpern der ersten Gattung werden daher, da die anziehende Kraft je kleiner die Entfernung desto stärker wirkt, am festesten, die Atome von Körpern der dritten Gattung werden, da die Anziehung mit der Entfernung abnimmt, am lockersten unter einander zusammenhängen; die Atome der Körper der Mittelgattung werden, da die Entfernung und folglich die Anziehung eine mittlere ist, einen mittleren Grad des Zusammenhangs darstellen. Bei Körpern der ersten Art wird daher nicht nur das Verhältniss der Menge der Atome (der Masse) zu der räumlich begrenzten Grösse des Inhalts (dem Volumen) d. i. die relativeDichtigkeitdie grösste, sondern auch der Widerstand, welchen dieselben der Trennung der Atome entgegensetzen, in Folge der starken Anziehung der Theile unter einander (der Cohäsion) der relativ bedeutendste, bei Körpern der dritten Art dagegen aus demselben Grunde die Dichtigkeit die geringste und der Widerstand gegen die Trennung der mindestbedeutende sein, während den Körpern der zweiten Art mit einer mittleren Dichtigkeit auch ein mittlerer Widerstand d. h. ein solcher, welcher die Trennung der Atome weder erschwert noch erleichtert, also gegen dieselbe sich gleichgiltig verhält, eigen ist. Körper der ersten Art, als deren Repräsentant die Erde angesehen wird, werden als feste, Körper der dritten Art, als deren Repräsentant die atmosphärische Luft gilt, als luft- oder gasförmige, Körper der mittleren Art, deren Typus das Wasser darstellt, werden als flüssige bezeichnet.309. Weder die Grösse des räumlichen Volumens, noch jene der Masse, oder der Abstände der Atome von einander, absolut betrachtet, macht hiebei einen Unterschied. Das Gesetz, welches die Atome der grossen Weltkörper, der Nebelflecke und Sternhaufen zusammenhält, ist genau das nämliche, welches auch die Atome des kleinsten Bruchtheils eines festen Körpers auf der Erde an einander bindet; die Atome des Weltmeeres hängen in keinerandern Weise zusammen, als jene des Wassertropfens; und die Atmosphäre, welche entfernte Weltkörper umhüllt, ja die ganze durch den Weltraum ausgebreitete, verdünnte Luftmasse zeigt mit jener der irdischen Lufthülle verglichen nur graduell verschiedene Structur. Zwischen den drei genannten Gattungen von Körpern aber herrscht dabei das Verhältniss, dass einerseits der luftförmige Körper durch Verminderung der Abstände seiner Atome unter einander zuerst, wenn dieselbe den mittleren Grad der Entfernung erreicht, in flüssigen, wenn sie denselben überschreitet, allmälig in festen Zustand übergehen d. h. sich verdichten, umgekehrt der feste Körper durch Vergrösserung jener Abstände seinerseits in flüssigen und allmälig in luftförmigen Zustand übergehen d. h. sich verdünnen kann. Je nachdem hiebei die zeitliche Aufeinanderfolge der genannten Zustände verschieden, also entweder der feste, oder der luftförmige, oder der flüssige als der (zeitlich) erste gedacht wird, aus welchem die andern sich entwickelt haben, so dass im ersten Fall aus der Verdichtung allmälig die Verdünnung, im zweiten aus der Verdünnung allmälig (durch Niederschlag) die Verdichtung, im dritten aus einer mittleren Dichtigkeit durch Verdichtung einerseits das Feste, durch Verdünnung andererseits das Luftförmige hervorgeht, gliedern sich die verschiedenen physikalischen Kosmogonien, als deren Repräsentanten schon im Alterthum erscheinen: die Atomistiker, welche das Feste (die körperlichen Atome), die jonischen Naturphilosophen Anaximenes und Diogenes von Apollonia, welche das Luftartige, und Thales, welcher das Flüssige für das der Zeit nach Erste erklärten, aus dem alles Uebrige entstanden sei.310. In allen genannten Fällen ist die Verbindung der Atome unter einander eine mechanische, durch ein und dasselbe allgemeine Gesetz der Anziehung nach dem umgekehrten Quadrate der Entfernung beherrschte, welche so lange besteht, als dieses seine Geltung behauptet, und daher jeder willkürlichen Aufhebung, sie komme von welcher Seite immer, entzogen ist. Die zum Körper vereinten Atome erscheinen unter der Pression dieses Gesetzes selbst zu einem mehr oder minder lockern Gefüge comprimirt, also gleichsam einem von aussen kommenden Drucke unterworfen. Die Elemente der Körper selbst stellen zusammengenommen einen durch Vereinigung (Association) entstandenen räumlich begrenzten Haufen, eine Menge gemengter (nicht gemischter) Bestandtheile dar, deren jeder undurchdrungen von dem andern und undurchdringlich für dieandern für sich und zugleich im Verbande mit den andern als Glied eines physischen Ganzen besteht. Auf qualitative Verschiedenheit der zum Ganzen des Körpers verbundenen Theile konnte bisher schon aus dem Grunde keine Rücksicht genommen werden, weil die quantitative Atomistik eine solche bei den ursprünglichen Elementen der Körperwelt, den primitiven Körperatomen, nicht kennt. Soll daher dennoch von qualitativ unterschiedenen Elementen der Körper die Rede sein, so können diese nicht selbst primitiv, sondern sie müssen aus der allerdings primären Verbindung primitiver Atome gleichsam als Atome höherer Ordnung entstanden sein. Von dieser Art wären, wenn die Ansicht der quantitativen Atomistik die richtige und die darauf fussende Behauptung der „philosophischen” Chemie, dass alle scheinbar heterogenen Stoffe Umbildungen eines Grundstoffs seien, giltig sein sollte, die bisher sogenannten einfachen Stoffe d. i. Körper wie Sauerstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff u. s. w. aufzufassen, deren jeder demzufolge aus Atomen bestehend gedacht würde, welche selbst eine eigenartige Gruppirung der primitiven Atome in sich schlössen. Das sogenannte Sauerstoffatom wäre sonach zwar im Verhältniss zu dem sogenannten Kohlenstoffatom, keineswegs aber im Verhältniss zu den primitiven Atomen als wirklich atom d. i. als theillos zu bezeichnen, da dasselbe zwar eben so wenig aus weiteren Sauerstoffatomen wie das Kohlenstoffatom aus weiteren Kohlenstoffatomen, keineswegs aber, wie es im Begriff des primitiven Atoms liegt, überhaupt nicht aus weiteren Atomen bestehend gedacht wird. Wie das primitive einfaches, so wäre demnach das Sauerstoffatom zusammengesetztes d. i. aus zu einem Ganzen verbundenen primitiven Atomen bestehendes Atom (Molecul) und der (feste, flüssige oder luftförmige) Körper, bei dessen Zusammensetzung die qualitative Beschaffenheit seiner Bestandtheile in Frage kommt, ist sonach als ein in seinen nächsten Bestandtheilen nicht aus einfachen, sondern aus zusammengesetzten Atomen bestehender anzusehen.311. Wie die Verbindung der Atome im mechanisch zusammengesetzten Körper eine mechanische, so ist sie in dem chemisch zusammengesetzten Körper, derselbe bestehe nun aus einander homogenen oder heterogenen Elementen, eine chemische, auf der Anziehung derselben in Folge ihrer qualitativen Verwandtschaft (Affinität) beruhende. Dieselben stehen wie die Bestandtheile des mechanischen Körpers unter der Herrschaft eines allgemeinen Gesetzes, nur dass dieselbe nicht sowol, wie dort, einem von aussenausgeübtenDrucke, als vielmehr einem von innen aus der Beschaffenheit der Atome stammendenZugesich vergleichen lässt, vermöge dessen die Atome wie Glieder einer und derselben Familie sich zu einander hingezogen, oder wie Glieder heterogener Rassen (z. B. Weisse und Farbige) sich von einander abgestossen fühlen. Wie die Verbindung blutsverwandter Familienglieder eine innigere ist als die blos gesellige Zusammenkunft einander gleichgiltiger Genossen, so ist die chemische Vereinigung qualitativ Verwandter inniger, als jene blos mechanische indifferenter Atome und wird deshalb als Verschmelzung im Gegensatz zur blossen Summation, als „Mischung” im Gegensatz zur blossen Mengung bezeichnet. Letzterer Ausdruck ist insofern ungenau, als er zu dem Irrthum verleiten kann, eine völlige „Durchdringung” der einzelnen Atome als möglich anzunehmen, während doch nur eine „Durchdringung” der sich unter einander verschmelzenden Körper (z. B. Kohlenstoff und Sauerstoff zu Kohlensäure) in der Weise stattfindet, dass mit jedem Atom des ersteren zwei Atome des letzteren sich verbinden, also ein neues Gemenge gleichsam höherer Art entsteht, dessen Atome je eine binäre Verbindung zwischen O und C darstellen, die einzelnen, sowol Kohlenstoff- als Sauerstoffatome, dagegen für einander undurchdringlich bleiben.312. Sowol der mechanisch wie der chemisch zusammengesetzte Körper hat die Eigenschaft, dass, sobald der dessen Bestandtheile zusammenhaltende Druck oder Zug aus was immer für einem Grunde erlischt, derselbe in seine Elemente zerfallen oder sich auflösen muss. Wird statt dessen auf Grund einer im Körper selbst enthaltenen Veranlassung jene zusammenhaltende Kraft ununterbrochen erneuert, entweder indem überhaupt neuer Stoff, welchem dieselbe Anziehung, oder neuer qualitativ verwandter Stoff, welchem derselbe Zug innewohnt, von neuem herbeigeschafft wird, so entsteht im Gegensatz zu jenem aus Mangel an Erneuerung abgestorbenen leblosen (unorganischen) der belebte (organische) Körper. Die Eigenthümlichkeit, welche denselben von dem mechanischen Körper unterscheidet, besteht darin, dass der letztere, sobald die Bestandtheile desselben durch andere ersetzt werden, nicht mehr derselbe, sondern ein neuer, wenngleich dem vorigen gleicher, der organische Körper dagegen auch nach dem Ersatz derjenigen seiner Bestandtheile, deren Anziehung unter einander erloschen ist, durch andere, noch immer derselbe wie früher d. h. ein blos erneuerter ist. Die Eigenthümlichkeit, welche denselben vom chemischen Körperunterscheidet, dagegen besteht darin, dass der organische Körper niemals, wie der einfache chemische homogen, sondern stets heterogen d. h. aus verschiedenen Stoffen zusammengesetzt sein muss, aber nicht, wie andere chemische Körper, aus beliebigen (z. B. Wasser aus Sauerstoff und Wasserstoff, atmosphärische Luft aus Sauerstoff und Stickstoff, Kalk aus Calcium und Sauerstoff, Kochsalz aus Chlor und Natrium), sondern jedesmal nur aus gewissen Stoffen zusammengesetzt sein darf. Folge der ersteren Eigenschaft ist, dass ein Theil des organischen Körpers, nämlich derjenige, in dem die Veranlassung liegt, dass sich der übrige Theil ohne Schädigung des Ganzen zu erneuern vermag, diesem letzteren gegenüber eine ausgezeichnete Stellung behauptet, insofern er den bleibenden, dieser dagegen den wechselnden Bestandtheil des Körpers ausmacht, jener also denjenigen, durch welchen der Körper immer derselbe bleibt, dieser denjenigen, durch welchen derselbe unaufhörlich ein anderer wird. Folge der letzteren Eigenschaft ist, dass, wo gewisse einfache chemische Körper mangeln, als welche die Erfahrung bisher Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff und hauptsächlich Kohlenstoff hervorzuheben gelehrt hat, die Entstehung organischer Körper, auch wenn alle übrigen Bedingungen und die grösste Fülle anderweitiger chemischer Körper vorhanden wäre, unmöglich ist. Finden beide Bedingungen vereinigt bei der kleinstmöglichen Anzahl körperlicher Atome Erfüllung, so entsteht der denkbar kleinste belebte Körper, das organische Atom, die sogenannte Zelle, während aus der Verbindung von solchen, sei es mit, sei es ohne Zuhilfenahme unorganischer Bestandtheile, der Zellenorganismus d. i. der — wie der mechanische Körper aus mechanisch verbundenen mechanischen, wie der chemische Körper aus chemisch verbundenen chemischen, so aus organisch verbundenen organischen Elementen bestehende — organische Körper hervorgeht.313. Die ausgezeichnete Stellung des beharrenden Theils gegenüber dem wechselnden im belebten Körper äussert sich nicht blos darin, dass er selbst (er sei nun ein einzelnes Atom oder eine Gruppe von solchen) während der ganzen Dauer des organischen Körpers (Lebensdauer) immer derselbe bleibt, sondern auch darin, dass in ihm die Ursache enthalten ist, um welcher willen und durch welche nicht nur stets neuer und zwar zu seiner Erhaltung passender Stoff (Leibesnahrung) herbeigeschafft, sondern auch der Neuheit des Materiales zum Trotz die ursprüngliche Form (Leibesform) im Wesentlichen unverändert erhalten wird. Derselbe stelltdaher gleichsam den beherrschenden Mittelpunkt („die Seele”) dar, zu welchem die Gesammtheit des übrigen den Körper jeweilig ausmachenden Stoffs sich als beherrschtes, zur Erhaltung des Ganzen verbrauchbares Material („als Leib”) verhält. Da derselbe beherrschend nur im Verhältniss zu dem von ihm Beherrschten, mit dem Aufhören der Herrschaft aber zwar Beherrschendes wie Beherrschtes nach wie vor vorhanden, aber nicht mehr als Herrscher und Beherrschtes vorhanden sind, so hört mit dem Erlöschen des organischen Bandes zwischen der „Seele” und dem „Leibe” des belebten Körpers d. i. mit dem Tode auch der bisher herrschend gewesene Bestandtheil desselben auf, Seele eines Leibes, wie der bisher beherrscht gewesene Bestandtheil desselben aufhört, Leib einer Seele zu sein; das Atom oder die Atome, welche bisher den bleibenden, so wie diejenigen, welche bisher den jeweiligen veränderlichen Bestandtheil des organischen Körpers ausgemacht haben, hören jedoch dadurch keineswegs auf, als Atome d. i. zwar aus ihrer bisherigen Verbindung ausgelöst, aber fähig und bereit, neue Verbindungen einzugehen, sei es wieder als „Seele” eines Leibes (Metempsychose) oder als Leibtheil einer Seele (Palingenesie), zu existiren.314. Je nachdem der organische Körper als am Orte haftend, oder mit der Fähigkeit begabt, denselben beliebig zu wechseln, so wie, je nachdem derselbe als sich oder anderes vorstellend oder überhaupt nicht als vorstellend gedacht wird, wird derselbe im ersten Falle, da die Erfahrung an der sogenannten Pflanze weder freie Bewegung, noch Zeichen vorstellender Thätigkeit aufweist, alspflanzenartiger, im zweiten Fall, da die Erfahrung am sogenannten Thiere zwar freie Beweglichkeit, aber (wenigstens bei den niedersten Thiergattungen) keine Spur von vorstellender Thätigkeit zeigt, alsthierartiger, im dritten Fall, wenn sich nicht nur die Fähigkeit, anderes, sondern (wie schon bei den höheren Thiergattungen) sogar die Fähigkeit äussert, bis zu einem gewissen Grade sich selbst vorzustellen, da die Erfahrung letztere Eigenschaft (die Vorstellung des Ich) hauptsächlich am Menschen kennt, alsmenschenähnlicherbezeichnet werden. Mit dem Erwachen des Ich d. i. derjenigen Vorstellung, durch welche der belebte Körper andere, sei es belebte oder leblose Körper, von sich unterscheidet d. h. als Anderes als er selbst, als Nicht-Ich sich gegenüberstellt und dadurch sich zu diesem und dieses zu sich in ein Verhältniss bringt, welches je nach dem Mass seiner im Vergleich zu der Kraft jenes Andern und nach der Beschaffenheit seiner Bedürfnisse im Vergleichzu den Bedürfnissen jenes Andern zu einem überlegenen oder unterliegenden, zu einem freundlichen oder feindseligen, zu friedlichem Genuss oder zum Kampfe ums Dasein werden kann, ist das Reich des Bewusstlosen, des Nicht-Ich, abgeschlossen.

279. Wie durch die Betonung der realistischen Grundlage des Scheins dem Idealismus, so ist durch die Betonung der pluralistischen Grundlage des Scheins der Realismus jedem wie immer gearteten Monismus d. i. jeder All-Eins-Lehre entgegengesetzt. Jener, er sei subjectiver, absoluter oder Panlogismus, entbehrt eines wahrhaft Wirklichen; dieser, er sei idealistisch oder selbst realistisch, entbehrt einer wahren Vielheit des Wirklichen. Jenem zufolge ist das Wirkliche blosser Schein (Phantasmagorie) welchen sich entweder das endliche oder das absolute Ich, oder die absolute Vernunft vorspiegelt, um mittels desselben zum Bewusstsein seiner, beziehungsweise ihrer selbst zu kommen d. i. Geist zu werden. Diesem zufolge ist jede Vielheit und Individuation des Seins blosser Schein (Phantasmagorie), welchen das eine und einzige Wirkliche (es sei nun Spinozistische Substanz oder Schopenhauer’scher Allwille) entweder (wie die beiden genannten) mit blinder Nothwendigkeit, oder (wie das Hartmann’sche „Unbewusste”) zu dem Zwecke sich vorgaukelt, um mittels desselben zum Bewusstsein und sei es durch Selbstverneinung oder durch werkthätigen Anschluss zur Realisirung des Weltzwecks zu gelangen. Während der erstere begreiflich zu machen unterlässt, wie aus demjenigen, was selbst nicht einmal den Schatten der Wirklichkeit besitzt, auch nur der Schein einer solchen entspringen könne, setzt der letztere dem Bedenken, wie aus demjenigen, was selbst nicht einmal eine Spur der Vielheit in sich schliesst, auch nur der Schein einer solchen und der Vielfachheit des Wirklichen hervorgehen könne, vorsichtiges Stillschweigen entgegen.280. So viel wirklicher Schein, so viel wirkliches Sein — lautet der Satz des Realismus, aber nicht, wie viel wirkliches Sein. Derselbebegnügt sich, zu behaupten, dass um der Vielheit und Mannigfaltigkeit des durch die Erfahrung gegebenen Scheins willen eine eben solche Vielheit und Mannigfaltigkeit des Wirklichen gesetzt, aber er enthält sich, der Versuchung nachzugeben, bestimmen zu wollen, welche (ob endliche oder unendliche) Vielheit des Wirklichen gesetzt werden müsse. Eben so wenig wie das Quantum, wagt er das Quale des Wirklichen anders als durch die schon oben angeführte, aus dem Begriff der absoluten Position abgeleitete Folgerung der qualitativen Einfachheit zu bestimmen. Wie die Vielheit des Scheins zwar die Annahme einer Vielheit des Wirklichen, aber nicht die Bestimmung der Vielheit des Wirklichen, so erlaubt die Mannigfaltigkeit des Scheins zwar die Annahme einer Mannigfaltigkeit des Wirklichen, aber nicht die Bestimmung des Mannigfaltigen des Wirklichen. Dass vieles und mannigfaltiges Wirkliches sei, weder aber wie vieles, noch welcherlei Art das Wirkliche sei, vermisst sich der Realismus anzugeben.281. Die Mannigfaltigkeit ist die geringste d. h. die Gleichartigkeit des Wirklichen ist die denkbar grösste, wenn dessen Verschiedenheit nicht in einer sogenannten inneren (Eigenschaft), sondern nur in einer sogenannten äusseren Beschaffenheit, also in einer solchen gelegen ist, welche weder Aehnlichkeit noch Gegensatz, überhaupt keinerlei Verwandtschaft des Wirklichen voraussetzt, sondern auch bei übrigens völlig disparaten Wirklichen stattfinden kann. Von dieser Art sind die räumlichen und zeitlichen d. i. diejenigen Bestimmungen eines Wirklichen, welche sich ändern können, ohne dass dieses letztere selbst dadurch eine Aenderung erfährt, obgleich andere Wirkliche dadurch eine solche erfahren mögen. Der in seiner Umlaufsbahn und Umlaufszeit sich um die Sonne bewegende Planet erleidet durch seine Fortbewegung in seinen inneren Eigenschaften keinerlei Veränderungen, während die Wirkungen, welche er selbst auf andere Planeten ausübt (z. B. die sogenannten Störungen) wesentlich durch die Stellung d. i. durch den Ort bedingt werden, welchen derselbe in einem jeweiligen Zeitpunkt im Verhältniss zu ihnen im Weltraum einnimmt. Eben so wenig erleidet der Weltkörper, wenn nicht andere Ursachen in und an demselben Veränderungen bewirken, durch den blossen Abfluss der Zeit, innerhalb welcher er seine Bahn zurücklegt, eine Veränderung, obgleich, wenn eine solche an ihm vorgegangen und er demungeachtet derselbe geblieben sein soll, dies nur unter der Voraussetzung denkbar ist, dass seine Beschaffenheit vor und seineBeschaffenheit nach obiger Veränderung in verschiedene Zeitpunkte fallen. Die vielen und verschiedenen Wirklichen sind daher am wenigsten verschieden, jedoch in keiner Weise nicht verschieden, wenn deren Verschiedenheit lediglich in der Verschiedenheit d. i. in der Nichtidentität ihrer räumlichen und zeitlichen Bestimmungen d. i. des Wo und des Wann ihrer Wirklichkeit d. i. ihres Wirkens gelegen ist. Dieselben sind verschieden, insofern ihre Orte im Raum verschieden d. h. ausser einander, dagegen nicht verschieden, insofern sie Wirkliche d. i. Wirkende sind. Dieselben sind verschieden, insofern je nach der Verschiedenheit ihres Aussereinander (d. h. der räumlichen Distanz ihrer Orte) ihr Wirken verschieden, dagegen nicht verschieden, insofern sie Wirkende sind. In Bezug auf die Zeit sind sämmtliche Wirkliche als unbedingt Gesetzte insofern nicht verschieden, als ihr Gesetztsein von jeder, also auch von jeder zeitlichen Bedingung unabhängig ist; dagegen können sie als Wirkende insofern verschieden sein, als ihr Wirken sich ändert, während sie selbst dieselben bleiben und diese Aenderung nur unter der Annahme möglich ist, dass das eine zu einer, das anders geartete Wirken dagegen zu einer andern Zeit stattfindet.282. Wirkliche, die sich durch räumliche und zeitliche Bestimmungen unterscheiden, können im Uebrigen eben so wol unterschieden als nicht unterschieden, sie werden trotzdem unterschiedene d. i. Einzelwesen und, da dieselben als unbedingt gesetzte, einfache Qualitäten, Atome d. i. untheilbare Wesen sind, Individuen sein. Dieselben müssen als räumlich (d. i. dem Ort nach) verschiedene, ausser einander, beziehungsweise neben einander sein; das Wirken derselben, insofern es in einem und demselben Individuum ein verschiedenes sein soll, kann nur nach einander, beziehungsweise auf einander erfolgen. Da dieselben ausser einander d. h. da ihre Orte, wenn sie selbst unterschiedene sein sollen, nicht dieselben sein sollen, so muss es der Orte wenigstens eben so viele geben, als es Wirkliche gibt. Da das Wirken eines jeden derselben, wenn es ein anderes sein soll, in einen anderen Zeitpunkt fallen muss, so muss es der Zeitpunkte wenigstens eben so viele geben, als in demselben Wirklichen Abänderungen seines Wirkens gegeben sind. Mit der Unbestimmbarkeit der Zahl der Wirklichen ist daher zugleich die Unbestimmbarkeit der Zahl der Orte, mit der Unbestimmbarkeit der Zahl möglicher Abänderungen des Wirkens eines und desselben Wirklichen zugleich die Unbestimmbarkeit der Zahl der Zeitpunkte gegeben. Wie die Menge des auf Grundlage des durch die Erfahrunggegebenen Scheins anzunehmenden Wirklichen, so lässt sich die Menge der auf Grundlage des angenommenen Wirklichen anzunehmenden Orte,sowie jene der auf Grundlage der durch Erfahrung gegebenen Abänderungen des Wirkens des Wirklichen anzunehmenden Zeitpunkte je nach Bedürfniss ins Unbestimmte erweitern.283. Der Inbegriff des gesammten auf Grundlage des durch die Erfahrung gegebenen Scheins jeweilig anzunehmenden Wirklichen d. i. der Inbegriff sämmtlicher Atome macht den Stoff, der Inbegriff des von sämmtlichen Wirklichen ausgehenden Wirkens die Kraft, der Inbegriff sämmtlicher Orte den Raum, und jener sämmtlicher Zeitpunkte die Zeit aus. Da der in jedem gegebenen Augenblick dem Bewusstsein durch Erfahrung aufgedrungene Schein eines Wirklichen ein bestimmter, und insofern endlich, in jedem gegebenen Augenblick aber ein anderer seinerseits abermals bestimmter und insofern endlicher ist, so folgt, dass das Quantum des Wirklichen, da dessen Annahme nur auf Grund des gegebenen Scheins eines solchen erfolgt, nur dann ein unendliches sein muss, wenn der gegebene Schein die Annahme eines solchen fordert, im Uebrigen aber über dasselbe keine andere Bestimmung möglich ist, als dass das Quantum des Stoffs dem Quantum des durch Erfahrung gegebenen Scheins proportional sein muss. Da nun der Schluss vom Schein auf das Sein keineswegs verlangt, dass unendlich, sondern nur, dass unbestimmt viele Wirkliche dessen reale Grundlage ausmachen sollen, so kann auf Grund der gegebenen Erfahrung über das Quantum des anzunehmenden Stoffs nichts weiter ausgesagt werden, als dass dasselbe ein verhältnissmässiges, mit dem Wachsthum des durch Erfahrung gegebenen Scheins für das Bewusstsein in stetem Wachsen begriffenes, an sich aber, da das Wirkliche als unbedingt gesetztes keinerlei Abänderung seines Gesetztseins fähig ist, ein unveränderliches sein muss.284. Wie das Quantum des Stoffs, so ist das Quantum der Kraft zugleich alsveränderlichd. i. der Zunahme fähig, und alsunveränderlich, einer solchen unfähig anzusehen. Ersteres, insofern die Annahme wirklichen Wirkens nur auf Grund des durch die Erfahrung dargebotenen scheinbaren Wirkens und sonach die Bestimmung des Quantums des ersteren nur im Verhältniss zu dem erfahrungsmässig gegebenen Quantum des letzteren statthat, letzteres, insofern das Wirken nichts anderes als die Verwirklichung der im Wirklichen unbedingt gesetzten einfachen Qualität und folglich, da diese letztere unveränderlich ist, die Summe der Verwirklichungensämmtlicher einfacher Qualitäten des Wirklichen eben so wie die Summe dieser selbst immer dieselbe bleiben muss. Das Gesetz der Unveränderlichkeit des Quantums wirklichen Wirkens d. i. derErhaltung der Kraftist nur die unvermeidliche Folge des Gesetzes der Unveränderlichkeit des Quantums des Wirklichen d. i. derErhaltung des Stoffs. Dagegen ist das Quantum der aus dem jeweilig durch Erfahrung gegebenen scheinbaren Wirken erschlossenen Kraft eben so wie das Quantum des auf Grund des durch die jeweilige Erfahrung dargebotenen scheinbaren Wirklichen erschlossenen Stoffs der Veränderung, und zwar eines im richtigen Verhältniss zu der allmälig anwachsenden Erfahrung zunehmenden Wachsthums bedürftig und fähig.285. Der Grund, weswegen letzteres, das jeweilige Quantum des scheinbaren mit dem des wirklichen Wirkens weder jemals identisch ist, noch werden kann, liegt in der Verschiedenheit, beziehungsweise dem Gegensatz der individuellen Wirklichen und der daraus fliessenden Verschiedenheit, beziehungsweise des Widerstreits ihres Wirkens. In der Natur der Sache liegt es, dass verschiedene, ganz oder theilweise der Qualität nach entgegengesetzte Wirkliche auch in ihrem Wirken ganz oder theilweise einander entgegengesetzt sind d. h. dass ihr Wirken sich gegenseitig ganz oder theilweise zwar nicht vernichtet, weil die unbedingt gesetzte und selbst unveränderliche Qualität des Wirklichen der Vernichtung unfähig ist, aber ganz oder theilweise hemmt, so dass der Schein entsteht, als werde nichts oder als werde weniger gewirkt, während thatsächlich gewirkt, und zwar mehr gewirkt wird als gewirkt zu werden scheint. Das auf diese Weise gehemmte, also scheinbar nicht wirklich, in der That aber wirklich, jedoch im — durch entgegengesetztes Wirken — gebundenen Zustande vorhandene Wirken ist gleichsamlatentes,schlummerndes, dagegen das ungehemmte, durch ganz oder theilweise Entgegengesetztes nicht gebundene, also freie Wirkenoffenbares,lebendigesWirken. Die Summe des letzteren muss, da unter der Summe des Wirkenden jedesmal ein bestimmter Bruchtheil unter sich entgegengesetzten Wirkens vorhanden sein muss, nothwendig kleiner ausfallen als die Summe des überhaupt (im gehemmten und ungehemmten Zustande) vorhandenen Wirkens und zwar desto kleiner, je grösser die Summe des unter sich entgegengesetzten, also sich hemmenden Wirkens im Verhältniss zur Summe des Wirkens überhaupt ist. Die Wirklichen selbst, deren Wirken gehemmt ist, die also, um dieses Gehemmtseinswillen, nicht zu wirken, also nicht wirklich zu sein scheinen, während sie doch wirkend, also wirklich sind, stellen zusammengenommen den Inbegriff desjenigen Wirklichen dar, welches zwar wirklich, dem Scheine nach aber nicht wirklich d. h. für die aus dem Scheine des Wirklichen auf die Wirklichkeit folgernde Beobachtung so gut wie nicht vorhanden ist d. h. den Inbegriff des latenten, jeweilig nicht nur seiner Qualität nach unbekannten, sondern auch seiner Existenz nach ungekannten Wirklichen.286. Letzterer liefert den Vorrath sowol zur Vermehrung des sichtbaren, wie zur Erweiterung des Umfanges des aus gegebenem scheinbaren erschlossenen wirklichen Wirkens. Indem bisher gebundenes Wirken aus irgend einem Anlass frei d. h. ungehemmtes Wirken wird, tritt es aus dem latenten in den Zustand offenbaren Wirkens d. h. es tritt selbst, wenigstens scheinbar, als neues, bisher nicht wahrgenommenes Wirken zu der Summe des bisher sichtbar gewesenen Wirkens hinzu; indem es als offenbar gewordenes, also den Schein des Wirkens erzeugendes Wirken vor das Bewusstsein tritt, ruft es in diesem den unvermeidlichen Schluss auf wirkliches Wirken d. i. eine Erweiterung des bisherigen Umfanges bekannten Wirkens hervor. Wie durch den ersteren Umstand die Summe des sichtbaren Wirkens, so wird durch den letzteren die Kenntniss wirklichen Wirkens vermehrt, durch jenen die Summe der in der Totalität des Wirklichen lebendig thätigen, im Verhältniss zur Summe der in derselben leblos schlummernden Kräfte, durch diesen die Summe des auf Grund erweiterter Erfahrung erschlossenen Wirklichen gegenüber dem auf Grund der bisherigen Erfahrung als wirklich gekannten, ebenmässig vergrössert.287. Da das Quantum des überhaupt vorhandenen Wirkens nach Obigem unveränderlich, die Summe des jeweilig ungehemmten Wirkens aber veränderlich ist, so folgt, dass jede Zunahme der Summe des sichtbaren von einer entsprechenden Abnahme der Summe des gebundenen Wirkens und umgekehrt jede Zunahme dieser von einer Verminderung jener begleitet sein muss. Könnte die Abnahme sichtbaren Wirkens je so weit sich erstrecken, dass jedes ungehemmte Wirken sich in gehemmtes, also jedes wirkliche Wirken in scheinbares Nichtwirken verkehrte, so müsste an Stelle des Scheins eines Wirklichen vielmehr der entgegengesetzte Schein der Abwesenheit irgend eines Wirklichen d. h. es müsste der Schein der Wirklichkeit des Nichts (Nihilismus) entstehen, welches sich selbst widerspricht. Sollte dagegen in umgekehrter Weise die Zunahmedes sichtbaren Wirkens so weit fortschreiten, dass sämmtliches gebundenes sich in freies Wirken verwandelte, also jeder Schein eines Nichtwirkens sich in den entgegengesetzten Schein des Wirkens auflöste, so müsste, da jede Hemmung eines Wirkens nur aus der Verschiedenheit, beziehungsweise dem Gegensatze der Wirkenden entspringt, der Schein entstehen, als sei zwischen den Wirkenden überhaupt keine Verschiedenheit d. h. als seien überhaupt nicht unterschiedene Wirkliche (Pluralismus, Individualismus), sondern nur ein einziges, schlechterdings unterschiedloses Wirkliches (Monismus, All-Eins-Lehre) vorhanden; welcher Schein, da, wie oben gezeigt, die Annahme eines einzigen Wirklichen auch nicht einmal die Entstehung des Scheins einer Vielheit ermöglicht, sich selbst widerspricht. Da sonach von diesen beiden Fällen keiner als jemals möglicher Weise eintretend gedacht werden darf, ohne etwas sich selbst Widersprechendes zu denken, so folgt, dass weder die Abnahme des sichtbaren Wirkens jemals so weit gehen kann, dass völlige Ruhe (Leblosigkeit), noch die Zunahme desselben je so hoch sich steigern kann, dass durchgängige Lebendigkeit (Bewegung) im ganzen Umkreis des Wirklichen herrsche, sondern dass immer Ruhe und Bewegung, Leblosigkeit und Lebendigkeit zugleich, jedes in einem mehr oder weniger weit reichenden Theile des Wirklichen vorhanden sei.288. Wie den Quantis des Stoffs und der Kraft, kommt den Quantis des Raumes und der Zeit Wandelbarkeit zugleich und Wandellosigkeit zu. Wenn der erstere nichts anderes ist als der Inbegriff der Orte des Wirklichen, so folgt, dass dessen Quantum weder grösser noch kleiner sein kann als das Quantum des Wirklichen. Da nun das letztere, wie gezeigt, in einer Hinsicht veränderlich, in einer andern dagegen unveränderlich ist, so folgt, dass in Bezug auf das Quantum des Raumes dasselbe stattfinden muss. Jede Erweiterung des bisher bekannten Umfanges des Wirklichen durch die Annahme neuer Wirklicher macht die Annahme neuer Orte und damit die Vermehrung des bisherigen Quantums des Raums nöthig. Die Erhaltung des Quantums des Stoffs d. i. des Inbegriffs aller Wirklichen, deren jedes seines von dem jedes andern unterschiedenen Orts bedarf, macht die Erhaltung des Quantums des Raums unvermeidlich. Wenn die Zeit nichts anderes ist als der Inbegriff der Zeitpunkte d. i. derjenigen Bedingungen, unter welchen allein das Wirken eines Wirklichen jeweilig ein anderes geworden, das Wirkliche selbst aber dasselbe geblieben sein kann,so folgt, dass jedes Anderswerden der Wirkung mindestens zwei Zeitpunkte, denjenigen, in welchen das unveränderte, und denjenigen, in welchen das veränderte Wirken fällt, fordere, und daher das Quantum der Zeitpunkte nicht kleiner sein könne als das Quantum der eingetretenen Veränderungen des Wirkens. Da nun das Quantum des Wirkens überhaupt, also auch das Quantum der in demselben enthaltenen Abänderungen des Wirkens einerseits, wie aus der Erhaltung des Stoffs folgt, immer dasselbe, andererseits, wie aus der Veränderlichkeit des scheinbaren Wirkens folgt, veränderlich ist, so folgt, dass auch das Quantum der Zeit einerseits, so weit dasselbe durch das Quantum der überhaupt wirklichen Abänderungen des Wirkens bedingt ist, immer dasselbe, dagegen, so weit dasselbe von dem jeweilig im Bewusstsein schwebenden Quantum scheinbaren Wirkens abhängig ist, veränderlich sein muss.289. Aus dem Begriff des Raumes folgt, dass er erfüllter Raum sei d. h. dass es einen sogenannten leeren Raum nicht geben könne. Da derselbe nichts anderes ist, als der Inbegriff der Orte, die Setzung eines Orts aber nur auf Veranlassung und im Gefolge der Setzung eines Wirklichen, dessen Ort er ist, erfolgt, so kann es weder Orte geben, in welchen kein Wirkliches, noch Wirkliche, für welche kein Ort gesetzt ist. Die an verschiedenen Orten befindlichen Wirklichen können daher zwar nicht nurausser einander, sondern es können auch zwischen ihren Orten andere Orte gelegen d. h. sie müssen nichtan einandersein; keineswegs aber dürfen die zwischen ihren Orten gelegenen Orte als leer d. h. als solche gedacht werden, in welchen kein Wirkliches befindlich ist. Folge davon ist, dass eine sogenannteactio in distansd. h. ein Wirken durch den leeren Raum hindurch schon aus dem Grunde unmöglich wird, weil die Voraussetzung derselben, der leere d. h. mit Wirklichen nicht erfüllte Raum eine in sich widersprechende, folglich im Umfang des auf Grundlage des Wirklichen gesetzten Raums niemals zutreffende Annahme ist.290. Da der Ort jedes Wirklichen, so lange deren individuelle Unterschiedenheit von ihren räumlichen und zeitlichen Bestimmungen abhängig gedacht wird, nur ein einziger sein kann, so bleibt derselbe so lange unbestimmt, als sich auch nur ein einziger Ort angeben lässt, welcher demselben Wirklichen mit gleichem Recht zugesprochen werden kann. Dieses aber ist der Fall, wenn das Wirken des Wirklichen als eine Function seines Aussereinander mit anderen Wirklichen gedacht und sonach der Ort desselben alslediglich durch die Entfernung von dem Ort eines anderen Wirklichen bestimmt vorgestellt wird. Denn sodann findet sich nicht nur ein einziger Ort, sondern es finden sich unzählige Orte, welche mit gleichem Recht als Ort jenes Wirklichen angenommen werden können, da sie alle von dem zweiten die gleiche Entfernung haben, nämlich alle diejenigen, welche die Oberfläche einer Kugel bilden, deren Mittelpunkt das zweite Wirkliche und deren Radius der Abstand des ersten vom zweiten ist. Soll daher aus diesen unzähligen ein einzelner als Ort des Wirklichen ausgeschieden werden, so müssen zu der Angabe der Entfernung weitere Angaben hinzukommen, deren eine darin besteht, in welcher der unzähligen Kreisebenen, welche durch den Mittelpunkt jener Kugel gelegt werden können, deren zweite dahin lautet, in welchem der in jener Kreisebene vom Mittelpunkt an die Peripherie gezogenen Radien der Ort jenes Wirklichen zu suchen sei. Erst durch die letztgenannte dieser Angaben ist der Ort des Wirklichen völlig und dergestalt bestimmt, dass schlechterdings kein zweiter angebbar ist, welcher mit ihm die nämlichen räumlichen Bestimmungen theilte. Dieselben sind daher für jeden unter obigen Bedingungen gesetzten Ort eines Wirklichen dreifach und zwar durch dessen Beziehungen zu drei auf einander in demselben Punkte senkrechten Richtungen (den sogenannten Coordinaten) fixirt, der auf solche Weise gedachte Raum daher als ein dreidimensionaler, nach den Richtungen der Länge, Breite und Tiefe ausgedehnter, vorgestellt.291. Da letztere Vorstellung nur unter der Annahme erfolgt, dass das Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung desselben von einem anderen Wirklichen sei, so leuchtet ein, dass deren Nothwendigkeit schwindet, sobald an die Stelle obiger Annahme eine andere gesetzt, das Wirken des Wirklichen z. B. statt von der Entfernung desselben von einem andern Wirklichen, von dessen Nichtentferntsein von letzterem d. h. statt von dem räumlichen Aussereinander von dem örtlichen Ineinander beider Wirklichen abhängig gedacht wird. In diesem Falle wäre nämlich der Ort des Wirklichen auch durch die Angabe seiner Lage im Raume nach allen drei Dimensionen desselben noch nicht bestimmt, da sich noch immer ein zweiter Ort angeben liesse, welcher ganz die nämliche Lage im Raume besässe, nämlich jener des zweiten Wirklichen, von welchem das erste der Annahme zufolge „nicht entfernt”, sondern mit welchem dasselbe „in einander” sein soll. Es müsste also, wenn die Wirklichen dennoch verschieden sein sollten, entwederder Raum eine weitere, sogenannte vierte Dimension besitzen, nach welcher Orte desselben, deren Lage nach Länge, Breite und Tiefe identisch ist, dennoch verschieden sein könnten, oder die Verschiedenheit der Wirklichen dürfte nicht mehr blos in deren räumlichen (oder zeitlichen) Bestimmungen, sondern sie müsste in deren sogenannter innerer Beschaffenheit gelegen sein. Obige Annahme, dass das Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung, um so mehr die fernere enger begrenzte, dass dieselbe in einer Abnahme der Wirkung mit der Entfernung, so wie die engste, dass diese Abnahme im Quadrat der Entfernung erfolge, hat schon Kant in seinen „Gedanken von der wahren Schätzung lebendiger Kräfte” (Werke Hart. VIII. 26) für eine „willkürliche” erklärt, an deren statt an sich eben so gut eine andere, z. B. dass mit der Entfernung eine Zunahme des Wirkens eintrete, oder die Abnahme im Cubus der Entfernung erfolge etc. hätte gedacht werden können. Dieselbe wird eben nur deshalb gedacht, weil wir uns von einem Raume, der unter einer anderen Annahme entsteht, z. B. von einem vierdimensionalen, eben, wie Kant gleichfalls p. 27 bemerkt, keine Vorstellung zu machen im Stande sind, und die gegebene Erfahrung des scheinbar Wirklichen mit der Annahme des dreidimensionalen Raums und der Abnahme der Wirkung im Quadrate der Entfernung am vollkommensten übereinstimmt.292. Wie der Raum unter der Annahme, dass das Wirken eine Function der Entfernung sei, eine dreidimensionale, so hat die Zeit unter der Annahme dass das Wirkende vor und nach der Abänderung seines Wirkens dasselbe sei, nur eine eindimensionale Ausdehnung. Wie jeder Ort im Raum durch sein Verhältniss zu einem andern nach drei in demselben auf einander senkrechten Richtungen, so ist jeder Punkt in der Zeit durch sein Verhältniss zu zwei andern mit ihm in derselben Richtung gelegenen, deren einer vor, der andere hinter ihm liegt, so lange vollkommen bestimmt, als nicht an die Stelle des ersten ein zweites Wirkliches getreten ist. Denn nur unter der letztern Voraussetzung, dass es sich nicht mehr um eine Abänderung des Wirkens desselben, sondern eines anderen Wirklichen handelt, ist es möglich, dass es noch einen zweiten Zeitpunkt gibt, welcher in der nämlichen Richtung von einem vor und einem hinter ihm gelegenen Punkte die nämliche Entfernung besitzt wie jener erste.293. Mit der Annahme, dass das Wirken überhaupt keine Function der Entfernung, also von dieser unabhängig, jedes Massder Entfernung für das Mass der Wirkung gleichgiltig sei, hat sich der Mysticismus, der an die „Wirkung in die Ferne” glaubt, mit der Voraussetzung, dass der Raum eine vierte Dimension besitze, der moderne in ein exactes Gewand sich drapirende Spiritismus, mit der Hypothese endlich, dass die Verschiedenheit der individuellen Wirklichen nicht sowol in deren räumlicher und zeitlicher Bestimmtheit, als vielmehr in deren innerer qualitativer Unterschiedenheit zu suchen sei, der (im Unterschied vom quantitativen sogenannte) qualitative Atomismus (Leibnitz, Herbart, Lotze) zu schaffen gemacht. Der erste geht von dem Grundsatz aus, dass zwar die Orte der Wirklichen verschieden, also die Wirklichen ausser einander, das eine z. B. wie Ennemosers magnetisirte Frau in St. Petersburg, das andere, der Magnetiseur, in München seien, die Entfernung beider Orte jedoch für die Wirkung gleichgiltig d. h. diese auch bei der grössten Entfernung ungeschwächt und die nämliche sei. Der zweite lässt, und darin besteht seine Uebereinstimmung mit der einmal angenommenen Basis der exacten Naturwissenschaft, welche bewirkt, dass derselbe auch für Naturforscher verlockende Kraft besitzt — der zweite lässt die Annahme, dass das Wirken eine Function der Entfernung d. h. der Verschiedenheit der Orte der Wirklichen sei, gelten, besteht aber darauf, dass die Orte zweier Wirklichen, deren räumliche Lage nach allen drei bekannten Abmessungen des Raumes identisch ist, dennoch verschiedene seien d. h. dass der Raum eben noch eine, die vierte Dimension, besitze. Der qualitative Atomismus aber, welcher die räumliche und zeitliche Verschiedenheit der Wirklichen nur als eine Folge der qualitativen Verschiedenheit derselben ansieht d. h. deren räumliches Ausser- und zeitliches Nacheinander nicht als die Bedingung, sondern als die Folge der Wechselwirkung der letzteren betrachtet, daher statt die Wirkung als eine Function der Entfernung zu definiren, dieselbe vielmehr (wie der Mysticismus) nur unter Voraussetzung völligen „Ineinanders” der Wirklichen für möglich hält, kommt dadurch dahin, die räumliche und zeitliche Ausdehnung für blossen (wenngleich objectiven) Schein, die Totalität sämmtlicher individueller Wirklichen für räumlich und zeitlich ungeschieden, sonach (in räumlicher und zeitlicher, also quantitativer Hinsicht) als eins und doch ihrer Beschaffenheit nach als geschieden: d. h. (in qualitativer Hinsicht) als vieles zu setzen.294. Mit der Entwickelung der Dreidimensionalität des Raums aus der „willkürlichen Annahme”, dass das Wirken Function derEntfernung sei, hat die Wissenschaft vom Wirklichen die Grenze desjenigen, was sich aus der Thatsache des Scheins des Vielen und Vielfachen auf philosophische d. i. auf nothwendige Weise, oder so aussagen lässt, dass eine gegentheilige Behauptung das Denken selbst aufheben würde, überschritten. Dass Wirkliches, und zwar Vieles und Vielfaches, demnach, wenn nicht anders, doch wenigstens als durch seine räumliche und zeitliche Bestimmtheit Unterschiedenes gedacht werden müsse und nicht nicht gedacht werden könne, ohne das Denken mit sich selbst d. i. mit seinen eigenen Normen in Widerspruch zu versetzen, folgert der Realismus aus der Thatsache des Scheins vieler und vielfacher Wirklichen mit Nothwendigkeit; dass das Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung der Orte des Wirklichen, zu der Erklärung des ersteren demnach die Annahme der Dreidimensionalität des Raumes erforderlich sei, folgert derselbe aber nur als Möglichkeit, neben welcher andere Möglichkeiten, und auf Grund der gegebenen Erfahrung als eine Wahrscheinlichkeit, neben welcher diese anderen als Unwahrscheinlichkeiten bestehen. Weder die Annahme des Mysticismus, dass das Wirken keine Function der Entfernung, noch jene des Spiritismus, dass der Raum vierdimensional sei, hat, so lange nicht zahlreichere und besser als die bisherigen beglaubigte Thatsachen deren Möglichkeit erweisen, die Wahrscheinlichkeit für sich; der qualitative Atomismus, welcher dahin gelangt, die Vielen (quantitativ) als eins und (qualitativ) als viele zu setzen, hat den Widerspruch, dass eins = vieles und vieles = eins sein soll, und damit die Möglichkeit gegen sich.295. Aber auch der Versuch, das Denken selbst zu verleugnen und mit dessen Umgehung auf einem anderen Wege des Wirklichen sich zu bemächtigen, wie ihn der das Denken transcendirende und darum wol auch (obgleich, wie oben bemerkt, fälschlich) sogenannte transcendentale Realismus wagt, führt zu keinem andern Ziel. Derselbe stützt sich entweder, um der Nothwendigkeit zu entgehen, dasjenige, was vom Denken als seiend anzunehmen verboten wird, ablehnen, oder, was von diesem als wirklich anzunehmen geboten wird, annehmen zu müssen, auf den trivialen Satz, dass dasjenige, was durch das Zeugniss der Sinne bestätigt, wahr, was durch dasselbe verworfen werde, falsch sei, gleichviel ob das erstere den Normen des Denkens entgegen, das letztere durch dieselben zu denken geboten sei, und fällt dadurch auf den längst kritisch überwundenen Standpunkt des gemeinen empirischen Realismus zurück. Oder erberuft sich, um den Forderungen des Denkens auszuweichen, auf ein vom Vorstellen (dem Intellect) wesentlich und der Art nach verschiedenes Organ, über welches die Gesetze des logischen Vorstellens (die Normen des Intellects) keine Gewalt haben, dem sie daher auch weder zu gebieten, noch zu verbieten berechtigt sein sollen. Als ein solches wird von der einen Schule des transcendenten Realismus (Gefühlsphilosophie: Jacobi) das Gefühl, von der andern (Willensphilosophie: Schopenhauer) das Wollen bezeichnet. Jener zufolge ergreift im Gefühl der Fühlende das Wirkliche (übersinnlich Reale) unmittelbar, ohne Dazwischenkunft und folglich zwar ohne die Hilfe, aber auch ohne die Mängel des Intellects; dieser zufolge weiss das Subject, indem es sich selbst als wollendes weiss, damit zugleich das einzige wahrhaft Wirkliche, den Willen, unmittelbar, ohne Dazwischenkunft und folglich auch ohne das Trügerische der Vorstellung. Von der ersteren gilt, dass, da im Gefühl Gefühltes und Fühlen ununterscheidbar zusammenrinnt, derjenige, der blos fühlt, eben darum nicht weiss, und daher blosses Fühlen eben so wenig wie blosses „Ahnen” (Fries) Princip und Grundlage einer Wissenschaft werden kann. Von der letzteren gilt, dass, wie schon Herbart treffend bemerkt hat, unmittelbares Wissen wie seiner selbst als Wollenden, so des Wirklichen als Willen, ein Wissen, folglich die Möglichkeit zu wissen, und schliesslich, da Wissen eben nichts anderes als eine Art des Denkens d. i. wahres Denken ist, das angeblich mit Umgehung des Denkens erfolgte Ergreifen des Wirklichen, um überhaupt möglich zu sein, das Denken voraussetzt.296. Letzterer Einwand, welcher die Möglichkeit, mit Umgehung des Denkens zu dem transcendenten Sein, dem Wirklichen selbst zu gelangen, überhaupt trifft, wird nicht widerlegt, sondern nur umgangen durch die Behauptung, dass die Natur des Wirklichen auf dem Erfahrungswege zwar nicht der gemeinen, sinnenfälligen, aber einer nicht gemeinen, mystischen Empirie erkannt d. h. dass das „speculative Resultat” die Erkenntniss des Wirklichen seinem Wesen nach, „auf inductivem Wege” d. i. an der Hand exacter Thatsachen erreicht werde. Ersteres wäre nur dann der Fall, wenn entweder der „Erfahrungsweg” das Denken aus- oder der angeblich „inductive Weg” exacte Thatsachen einschlösse. Jenes findet so wenig statt, dass vielmehr die Kritik des sogenannten empirischen Realismus eben nichts anderes betrifft als das Verbot, sich des sogenannten Erfahrungsweges ohne vorläufige Sichtungnach den Normen des logischen Denkens zu bedienen, dieses aber bleibt wenigstens so lange und für alle diejenigen zweifelhaft, als und für welche die angeblichen Erscheinungen der Naturheilkraft des Hellsehens, des Instincts u. s. w. den Werth unbestrittener Erfahrungsthatsache entweder noch nicht erreicht haben, oder, was eben so möglich, ja vielleicht wahrscheinlicher ist, niemals erreichen werden.297. Mit obiger Grenzüberschreitung ist aber auch der Punkt erreicht, wo die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen der Erfahrungswissenschaft von demselben die Hand zu bieten vermag. Jene, die von der Erfahrung aus-, aber auf Grund in deren Inhalt gelegener Nöthigung über dieselbe hinausgeht, hat mit der letzteren, die nicht nur wie jene auf der Erfahrung fusst, sondern auch innerhalb derselben verharrt, die Aufgabe gemein, die Erfahrung begreiflich zu machen. Seitens der letzteren geschieht dies, indem sie das gesammte Wissen vom Wirklichen auf den Boden der Erfahrung zu stellen, seitens der ersteren, indem sie den Boden der Erfahrung selbst sicher zu legen unternimmt. Beide, die philosophische und die empirische Wissenschaft vom Wirklichen gleichen Arbeitern, welche von den entgegengesetzten Seiten eines Berges her, unsichtbar für einander, aber auf gemeinsamen Voraussetzungen fussend und einer gemeinsamen Methode sich bedienend, einen Tunnel durch das Innere desselben zu bohren unternehmen, in der Hoffnung, wenn ihre Voraussetzungen giltig und ihre Berechnungen richtig sind, irgendwo in der Höhlung desselben zusammenzutreffen. Jene schreitet von den allgemeinen Begriffen und Principien des Wirklichen und seines Wirkens in der Richtung gegen die erfahrungsmässig gegebenen Erscheinungen der scheinbaren Wirklichkeit nach vorwärts, diese, von der Erscheinungswelt der Erfahrung in der Richtung gegen deren allgemeinste und oberste reale und gesetzliche Voraussetzungen nach rückwärts. Wenn beider methodische Grundsätze giltig und ihre Folgerungen zutreffend sind, werden beide früher oder später irgendwo an der Grenze einerseits des Denknothwendigen, andererseits des Erfahrbaren einander begegnen müssen.298. Einen thatsächlichen Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme liefert die Herrschaft, welche die Atomistik einerseits als philosophische über die philosophische, andererseits als physikalische über die empirische Wissenschaft vom Wirklichen gewonnen hat. In der ersteren ist dieselbe als zugleich realistische und pluralistischeGrundlegung der phänomenalen Welt an die Stelle der sowol idealistischen als monistischen einstigen „Naturphilosophie”, in der letzteren ist sie, wie Fechner eben so gründlich als scharfsinnig ausgeführt hat, längst mit Recht an die Stelle der (noch von Kant begünstigten) einstigen dynamischen Naturauffassung getreten. So wenig, wie Fechner selbst zugestanden hat, die philosophische Atomenlehre mit der physikalischen identisch, so gewiss ist dieselbe mit der letzteren verträglich d. h. bietet die Existenz einer unbestimmten Vielheit einfacher wirklicher und unausgesetzt wirkender Wesen einen realen Anknüpfungspunkt dar für die Zurückführung der gesammten Phänomene der körperlichen Welt auf die Existenz unbestimmt vieler untheilbarer und daher gleichfalls „einfach” genannter, mit rastlos thätigen Kräften ausgestatteter Elemente. Dass die letzteren ihrer behaupteten Einfachheit ungeachtet von Fechner als „körperliche” bezeichnet werden, ist nur als Beleg anzusehen, dass die empirische Wissenschaft vom Wirklichen, welche innerhalb der Grenzen des sinnlich Erfahrbaren bleibt, der philosophischen, welche von Haus aus über dieselben hinaus führt, zwar stetig sich nähert, aber sie noch nicht berührt.299. Aber nicht nur der empirischen Wissenschaft von der körperlichen, auch jener von der Bewusstseinswelt sowol des Einzel- wie des gesellschaftlichen Subjects bietet die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen, jener in dem einfachen Wirklichen eine reale, dieser in der unbestimmten Menge realer Bewusstseinsträger eine reale und pluralistische Grundlage dar. Wie die unbestimmte Vielheit einfacher Wirklicher den haltbaren Boden für den aus einer eben so unbestimmten Vielheit atomistischer Elemente zusammengesetztenStoffderphysischenWelt, so bildet das einzelne individuelle Wirkliche den haltbaren Mittelpunkt, in welchem der aus einer unbestimmten Menge elementarer Bewusstseinsvorgänge bestehendeStoffderpsychischenWelt im Phänomen der Einheit des Ich’s wie in einem Brennpunkt zusammenfliesst, und macht die Vielheit individueller Wirklichen der letztgenannten Art, deren jedes für sich ein Bewusstseinscentrum abgibt, die unentbehrliche Grundlage dessen aus, was als Vereinigung durch ein gemeinsames Band unter einander verknüpfter, bewusster oder doch bewusstseinsfähiger Individuen denStoffderGesellschaftund der Entwickelung derselben in den Grenzen des Raums und in der Folge der Zeit d. i. derGeschichteausmacht.300. Letzteren, den dreifachen Stoff, den die Betrachtung der körperlichen, der Bewusstseins- und der geschichtlichen Welt liefert, aber vermag die Wissenschaft vom Wirklichen nicht der philosophischen, sondern nur der empirischen Wissenschaft von diesem zu entlehnen. Der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen kann es nicht beikommen, die unausgefüllte Kluft, welche zwischen den äussersten erlaubten Consequenzen des Denknothwendigen und den äussersten Grenzen des Erfahrbaren übrig bleibt, durch Conjecturen ausfüllen, oder den Uebergang von dem einen zum andern durch Einbildungen ebnen zu wollen, welche weder mehr in der Nothwendigkeit des Denkens, noch schon in der Möglichkeit der Erfahrung eine Rechtfertigung zu finden im Stande sind. Dieselbe hat zwar die Aufgabe, die Erfahrung zu befragen und, wenn deren Antwort ihr unbefriedigend, sei es der Form nach unvollkommen, sei es dem Inhalt nach unvollständig dünkt, dieselbe den Normen des Denknothwendigen gemäss der ersten nach zu berichtigen, dem zweiten nach deren Ergänzung abzuwarten, aber sie hat weder die Mittel dieselbe aus Eigenem zu ersetzen, noch, wenn sie nicht vom Taumel orphischen Hochmuths ergriffen ist, jemals die Anmassung, die Erfahrung überflüssig machen zu wollen. Indem sie sonach an die selbst aus der Erfahrung geschöpfte Eintheilung des erfahrbaren Wirklichen in ein solches, dessen Kenntniss aus der sogenannten äusseren (Physisches) ein solches, dessen Kenntniss aus der sogenannten inneren (Psychisches), und in ein solches, dessen Kenntniss aus der äussern und innern Erfahrung zugleich stammt (Sociales, Geschichtliches) sich unbedenklich anschliesst, begnügt sie sich, jedes der drei genannten Gebiete des Erfahrbaren mit dem auf Grund der Erfahrung, aber durch Hinausgehen über dieselbe als denknothwendig erkannten, wahren Wirklichen zu vermitteln und in einer an logischem Faden ungezwungen fortlaufenden Anordnung des durch die Erfahrung gebotenen Stoffs eine systematische Uebersicht des erfahrbaren Wirklichen in der Körper-, in der Geistes- und in der geschichtlichen Welt zu entwerfen. Jenes macht den Inhalt der philosophischen Betrachtung der sogenannten bewusstlosen Welt, oder des Nicht-Ich, das zweite den Inhalt der Betrachtung der bewussten Welt, des Ich, das dritte den Inhalt der Betrachtung einer gleichfalls bewussten, aber in dem Bewusstsein einer Mehrheit zur Einheit verknüpfter, bewusster Individuen d. i. einer Gesellschaft sich abspielenden Welt des socialen oder geschichtlichen Ich aus.301. Die Betrachtung des Nicht-Ich beginnt mit jener des letzten, was auf dem Wege der Erfahrung, oder vielmehr schon nur durch einen Sprung, der über die wirkliche Erfahrung hinausführt, erreichbar ist, des Atoms. Dasselbe ist nach der Ansicht der Physiker (Ampère, Moigno u. A.) zwar einfach aber doch „körperlich” (Fechner); jenes bedeutet, dass dasselbe untheilbar oder doch wenigstens für jetzt nicht weiter als getheilt angesehen sein soll, dieses, dass dasselbe nichts desto weniger als materiell d. i. dem körperlichen Stoff (Materie), dessen letzten Bestandtheil es ausmacht, als gleichartig gelten soll. Erstere Eigenschaft nähert, letztere dagegen entfernt das physikalische Atom von dem philosophischen, welches letztere zwar im strengsten Sinn des Wortes seiner Qualität nach als einfach, dessen Qualität selbst aber als schlechterdings unbekannt d. h. auch nicht, wie jene des physikalischen Atoms, etwa als materiell zu denken ist. Je nachdem empirische Naturbetrachtung von der Ansicht ausgeht, dass sämmtliche Atome unter einander der Qualität nach gleich, oder einige derselben ursprünglich und unveränderlich ihrer qualitativen Beschaffenheit nach von jener der anderen verschieden sind, scheidet sich dieselbe in eine rein quantitative und in eine ganz oder doch zum Theile qualitative Atomistik, deren erstere nicht nur alle Verschiedenheiten der Körper, sondern auch sämmtliche Erscheinungen der körperlichen Welt aus den Verschiedenheiten rein quantitativer Beziehungen unter der Qualität nach homogenen, die letztere dagegen dieselben ganz oder doch theilweise aus der verschiedenen qualitativen Natur die Elemente der Körper, so wie die Grundlage körperlicher Erscheinungen ausmachender, unter einander heterogener Atome abzuleiten bemüht ist.302. Die erfahrungsmässig gegebenen Verschiedenheiten der Körperd. i.der räumlich und zeitlich begrenzten zusammengehörigen Gruppen von Atomen, also die Unterschiede einerseits des belebten (organischen) oder leblosen (unorganischen) Körpers, ferner die Unterschiede der letzteren, als zusammengesetzte, die sich in weitere, der Qualität nach verschiedene Bestandtheile zerlegen, und einfache (die sogenannten einfachen Stoffe der Chemie), die sich in solche nicht weiter auflösen lassen, ferner die Unterschiede der letzteren selbst je nach ihrer qualitativen Beschaffenheit (z. B. des Sauerstoffs vom Wasserstoff, des Stickstoffs vom Kohlenstoff, des Calcium vom Magnesium u. s. w.) werden von der qualitativen Atomistik auf eine fundamentale qualitative Verschiedenheit der den Stoff derKörper ausmachenden letzten Elemente zurückgeführt, so dass dieselben bei den organischen Körpern andere als bei den unorganischen und ebenso bei jedem der einfachen Körper, welche die letzten qualitativ unterschiedenen Bestandtheile der zusammengesetzten abgeben, andere als bei den übrigen seien. Dieselbe betrachtet als sogenannte biologische Atomistik jeden belebten Körper als bestehend aus gleichfalls lebendigen Atomen, den sogenannten Zellen, während der leblose Körper bis in seine letzten Elemente hinab aus gleichfalls leblosen Elementen bestehend vorgestellt wird. Als sogenannte chemische Atomistik sieht dieselbe nicht nur den zusammengesetzten Körper, z. B. das Wasser, für bestehend aus qualitativ verschiedenen und zwar aus Atomen von zweierlei Art an, davon die einen sauerstoff-, die andern wasserstoffartig und davon jene mit diesen nach einem bestimmten Verhältniss, so dass auf je zwei Atome Wasserstoff ein Atom Sauerstoff (H2O) gerechnet wird (dem sogenannten stöchiometrischen Verhältniss), unter einander verbunden sind. Wird letztere Ansicht auch auf die sogenannten organischen Körper ausgedehnt, so dass diese als zusammengesetzt aus einfachen Stoffen gedacht werden, welche unter andern Verhältnissen die Bestandtheile unorganischer Körper ausmachen z. B. aus Sauerstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff und hauptsächlich Stickstoff, so schwindet zwar der qualitative Unterschied zwischen belebten und unbelebten Körpern, aber derjenige zwischen den einfachen Körpern bleibt bestehen d. h. die Atome des Sauerstoffs sind nach wie vor qualitativ verschieden von jenen des Wasserstoffs, die des Azots von jenen des Carbons u. s. w. Zeigen nun Körper, ungeachtet die qualitativen Bestandtheile derselben die nämlichen sind, dennoch verschiedene Eigenschaften (die sogenannte Isomerie), so werden, da diese Verschiedenheit nicht mehr aus der Verschiedenheit der qualitativen Beschaffenheit der Elemente sich erklären lässt, quantitative Verschiedenheiten der (qualitativ gleichen) Körper und zwar solche, welche entweder aus dem arithmetischen Gesichtspunkt der Menge oder aus dem geometrischen der (räumlichen) Lage der Elemente entlehnt sind, zur Erklärung herangezogen. (Wie dies z. B. bei der Weinsteinsäure, welche auf die Polarisationsebene des Lichtes eine drehende Wirkung ausübt, bei der Thatsache der Fall ist, dass eine Gattung derselben unter übrigens ganz gleichen Verhältnissen jene Ebene nach rechts, eine andere dagegen dieselbe nach links dreht. In diesem Falle wird angenommen, dass die Atome der rechtsdrehenden Weinsteinsäureeine Lagerung nach rechts, jene der letzteren eine solche nach links besitzen.)303. Das Charakteristische der quantitativen Atomistik besteht darin, dass sie diejenige Hypothese, welche die qualitative nur in Ausnahmsfällen, wie z. B. in jenem der Isomerie, zu Hilfe ruft, der gesammten Erklärung der Körperwelt als alleinige zu Grunde legt. Während dieser zufolge die Verschiedenheit der Körper in der Regel auf der qualitativen Verschiedenheit ihrer Elemente d. h. auf der Verschiedenheit ihresStoffesund nur in einigen Fällen auf der Verschiedenheit der Zusammensetzung ihrer übrigens gleichen Elemente d. i. auf jener derFormberuht, macht jene letztere Ausnahme zur Regel d. h. betrachtet die Isomerie als eine Grund- und gemeinsame Eigenschaft aller sonst wie immer unterschiedenen Körper und leitet sämmtliche Verschiedenheiten der letztern ausschliesslich aus der Verschiedenheit ihrer Zusammensetzung aus übrigens gleichen Elementen d. i. aus der Form ab. Ihr zufolge sind daher nicht nur die Elemente des belebten nicht von jenen des unbelebten Körpers, sondern auch die Elemente irgend eines einfachen Stoffes nicht von jenen jedes beliebigen andern Stoffes verschieden. Letzteres setzt voraus, dass die gleichwol unbestreitbare Unterschiedenheit sowol der nächsten — durch die Analyse organischer Körper erreichbaren — Bestandtheile von den — durch Analyse sogenannter unorganischer Körper darstellbaren — Stoffen (z. B. des Eiweissstoffes, des Proteïns, des Caffeïns, Theïns u. dgl. von Oxygen, Hydrogen, Gold, Eisen, Platin u. s. w.) wie die gleichfalls unleugbare Unterschiedenheit der einfachen Stoffe selbst gleichwol nur eine scheinbare, der Grund derselben lediglich in der verschiedenen Art der Verbindung ursprünglich durchaus homogener Elemente zu einem Ganzen zu suchen, der sogenannte organische Körper zwar in seinen nächsten und näheren, keineswegs aber in seinen entfernten und entferntesten Bestandtheilen von den unbelebten unterschieden, so wie dass die ganze bekannte und noch zu ergänzende Reihe sogenannter einfacher d. i. weiter nicht zerlegbarer Stoffe nur als eine Reihe der Form nach unterschiedener Umbildungen eines einzigen (sei es eines der bereits bekannten Stoffe oder eines bisher unbekannten Stoffes) anzusehen sei. Erstere Behauptung, die der stofflichen Identität der lebendigen und leblosen Körper, hat in der Naturwissenschaft unserer Tage bereits weite Verbreitung gefunden; letztere Behauptung, welche auf einem weiten Umwege in exacter Weise die Ansicht der Urmutter der Chemie,der Alchymie, von der Transformationsfähigkeit der verschiedenen Körper in einander erneuert, hat in der sogenannten „Philosophie der Chemie” (J. B. Dumas) ihren Platz und durch die Aufstellung der sogenanntenTypentheorie und die Entdeckung der sogenannten typischen Körper, durch welche von Einigen die grosse Zahl der bisher als einfach angenommenen Stoffe bereits bis auf acht herabgemindert scheint (Ciancian), bereits eine empirische, wenigstens annähernde Bestätigung erhalten.304. Die Aufgabe einer logischen Uebersicht des empirischen Stoffs kann es nicht sein, über die Geltung der einen oder der andern beider entgegengesetzten Formen der Atomistik, über welche nur Thatsachen zu entscheiden vermögen, einen Ausspruch zu thun. Die logische Consequenz d. i. die innere Uebereinstimmung mit der durch die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen gelegten realen Grundlage der phänomenalen Welt hat, wie es augenscheinlich ist, die quantitative Atomistik in höherem Grade als die qualitative für sich. Ist es überhaupt richtig, dass die vielen unbedingt gesetzten einfachen Wirklichen unter einander die kleinste denkbare qualitative Verschiedenheit d. i. keine andere besitzen als diejenige, welche in deren räumlichen und zeitlichen Bestimmtheiten sich ausdrückt, so ist es nur folgerichtig, auch die Gesammtheit der letzten realen Elemente, welche zusammengenommen den Stoff der Körperwelt ausmachen, der physikalischen Atome, als einen Inbegriff qualitativ gleichartiger Elementarbestandtheile der Körper zu betrachten. Das elementare Atom, dessen Qualität eben diejenige des einzigen wirklichen Grundstoffs ist, wird sodann gleichsam die unterste Stufe einer aufsteigenden Reihe bilden, als deren einzelne Glieder nach einander die Atome der bisher sogenannten einfachen Stoffe (das Sauerstoff-Atom, das Stickstoff-Atom, das Gold-Atom u. s. w.) auftreten würden, deren jedes für sich durch eine eigenthümliche Combination, sei es von Atomen des Urstoffs, sei es von solchen, die selbst schon durch dergleichen gewonnen wären, repräsentirt würde. Die Aufstellung dieser Reihe, welche die übliche Zerlegung organischer und unorganischer Körper in deren sogenannte einfache Bestandtheile über die Grenze der bis zu diesem Augenblicke als einfach betrachteten Stoffe hinaus durch die erreichte oder doch versuchte Zerlegung dieser selbst bis zu dem schlechterdings letzten nicht blos relativ, sondern absolut einfachen Grundstoff ausdehnt, würde sodann das Ziel der Chemie als Wissenschaft ausmachen.305. Wie der quantitativen Atomistik für die stoffliche Beschaffenheit sämmtlicher Elemente der Körperwelt eine einzige Qualität, so genügt ihr für die Art und Weise des Wirkens derselben ein einziges Gesetz; die qualitative Atomistik, insofern sie eine Mehrheit qualitativ unterschiedener Classen körperlicher Bestandtheile zulässt, bedarf für die qualitativ verschiedene Art des Wirkens jeder einzelnen derselben eben so vieler specifisch verschiedener Gesetze. So lange die Elemente organischer Körper selbst als organisch, die unorganischer Körper dagegen als unorganisch gelten, kann das Gesetz, welches das Wirken der erstern, mit jenem, welches das der letzteren beherrscht, so wenig wie das Wirken jener „lebendigen” Elemente (die Lebenskraft) mit jenem der „leblosen” Elemente (der todten Naturkraft) identisch sein. Eben so wenig kann das Wirken, welches seinen Grund in der qualitativen Verwandtschaft (Affinität) der Körper hat (chemische Anziehung) das nämliche sein mit demjenigen, das auch bei völliger Nichtverwandtschaft (Disparatheit, Heterogeneität) der Körper erfolgt (mechanische Anziehung) und folglich eben so wenig das Gesetz, welches jenes (Affinitätsgesetz, Wahlverwandtschaft), identisch mit demjenigen, welches dieses regelt (Gravitationsgesetz, Schwere). Mit der Aufhebung qualitativer Verschiedenheit der Körper tritt der umgekehrte Fall ein. Das Gesetz, welches das Wirken der Elemente organischer Körper bestimmt, braucht fortan von demjenigen, von welchem das Wirken der Elemente unorganischer Körper abhängt, eben so wenig verschieden zu sein, als das Wirken, das seinen Grund in der Verwandtschaft der Körper hat, als das Wirken der ursprünglichen Elemente d. h. als dasjenige betrachtet werden kann, für welches Gleichartigkeit oder Ungleichartigkeit derselben gleichgiltig und das daher eben so wenig durch die qualitative Aehnlichkeit wie durch den qualitativen Gegensatz der Körper bedingt ist. Sind die Elemente belebter und unbelebter Körper qualitativ dieselben, so ist auch deren Wirken und folglich dessen Gesetz dasselbe; ist das Wirken in Folge der Verwandtschaft nicht dasjenige der ursprünglichen Elemente, so ist auch dessen Gesetz nicht mit dem Gesetz des Wirkens dieser letzteren, und da diese die wahren, weil letzten Elemente der Körper sind, nicht mit jenem der wahren Körperelemente identisch. Wird daher, wie die quantitative Atomistik thut, auf die in der That letzten Bestandtheile der Körperwelt, die unter einander qualitativ nicht weiter unterschiedenen Atome zurückgegangen, so muss das Gesetz, welches das Wirken dieser letzterenregelt, das nämliche und einzige für das Wirken der gesammten Körperwelt sein. Die Aufstellung dieses Gesetzes, welches die Zerlegung der scheinbar unter einander grundverschiedenen Wirkungsweisen der scheinbar von einander qualitativ unterschiedenen Körper bis zur Auflösung der ersteren in die überall in gleicher Weise erfolgende Wirkungsweise der wahren d. i. in allen Körpern qualitativ identischen Elemente der Körperwelt verfolgt und dadurch die gesammte phänomenale Welt als unter der Herrschaft eines und desselben, wenn gleich nicht selten in so verwickelter Form auftretenden Gesetzes, dass es den Anschein eines neuen Gesetzes erhält, stehend erweist, müsste das Ziel der Physik als mechanischer Wissenschaft ausmachen.306. Als dieses Gesetz sieht die moderne Naturwissenschaft das Gravitationsgesetz Newton’s an. Die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen bestimmt, wie oben gezeigt, das Wirken der Atome als eine Function ihres räumlichen Abstandes von einander. Die empirische geht über diese Allgemeinheit des Inhalts hinaus und bestimmt letztere näher als Abnahme des Wirkens im Quadrate der Entfernung. Dieselbe bleibt jedoch keineswegs bei der Bestimmung des Wirkens seinem Quantum nach stehen, sondern schreitet zu der Erweiterung derselben seinem Quale nach fort, indem sie dasselbe in den relativ grössten Abständen der Atome von einander als Anziehung, Attraction, in den relativ kleinsten als Abstossung, Repulsion charakterisirt. Erstere bewirkt, dass die Atome auch in den relativ weitesten Abständen von einander noch zusammengehalten, letztere macht, dass dieselben in Eins zusammen zu fallen verhindert werden. In Folge der Attraction bilden sämmtliche durch dieselbe an einander geknüpfte Atome ein nicht nur in Gedanken, sondern durch ein physisches Band zusammenhängendes Ganzes; in Folge der Repulsion bilden dieselben, weil die letztere die Annäherung der Atome an einander über das Mass einer gewissen (kleinsten) Entfernung hinaus unmöglich macht, ein discretes Ganzes. Während der Raum, der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen zufolge, demnach stetig mit „philosophischen” Atomen d. i. im strengsten Sinne des Wortes einfachen Wirklichen erfüllt gedacht werden muss, erscheint derselbe in der empirischen Wissenschaft vom Wirklichen nur in der Weise mit „physikalischen” Atomen d. i. mit im physikalischen Sinn letzten Elementen der Körperwelt erfüllt, dass zwischen je zwei derselben leerer Raum d. h. ein Zwischenraum vorhanden ist, in dem keine weiteren„physikalischen” Atome sich befinden. Dass mit der Einschiebung desselben die Schwierigkeit des Begreifens einer actio in distans d. i. eines Wirkens durch den leeren Raum hindurch wiederkehrt, pflegt, da dieselbe ja nur eine „philosophische” ist, der empirischen Physik selten Verlegenheit zu bereiten.307. Dagegen hat sich dieselbe auf Grund der sogenannten „Imponderabilien” veranlasst gesehen, durch die Einführung eines weiteren gleichfalls körperlichen, jedoch, mit den physikalischen Atomen verglichen, relativ „unkörperlichen” Stoffs, des sogenannten „Aethers”, in die leer gelassenen Zwischenräume der physikalischen Atome, welche letzteren in demselben gleichsam, wie die Sterne am Firmament, zerstreut zu schweben, oder, wie die Fische im Wasser, in unregelmässigen Abständen zu schwimmen scheinen, der Ansicht der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen von dem stetigen Erfülltsein des Raumes durch einfache Wirkliche, um einen beträchtlichen Schritt näher zu kommen. Die Elemente desselben, die sogenannten Aetheratome, verhalten sich zu den physikalischen gleichsam wie Atome zweiter zu solchen erster Ordnung. Dieselben werden zwar eben so wenig wie diese ohne leere Zwischenräume, letztere selbst aber werden im Verhältniss zu diesen als „unendlich klein” und das von den Aetheratomen ausgehende Wirken wird zwar gleichfalls wie das der Körperatome als Anziehung und Abstossung, jedoch als nur in der kleinsten Entfernung wirksam vorgestellt. Jedes Körperatom erscheint wie von Aetheratomen eingehüllt, welche dasselbe in Gestalt einer Sphäre von allen Seiten umgeben und mit jenem zusammen unter der Form winziger Kügelchen, deren vergleichsweise dichten Kern das Körperatom, deren dünnere Peripherie die Aetheratome ausmachen, die reale durch den Raum discret vertheilte Grundlage der sogenannten Materie bilden.308. Je nachdem die erfahrungsmässig gegebenen Phänomene der körperlichen Welt auf die Körperatome allein ohne Berücksichtigung des deren Zwischenräume ausfüllenden Aethers, oder auf die Aetheratome allein als Bestandtheile des die Zwischenräume der physikalischen Atome ausfüllenden Stoffs zurückgeführt werden, ergeben sich zwei Hauptclassen physischer Phänomene, deren eine das Wirken und die Zustände des im engern Sinn sogenannten körperlichen Stoffs, die andere das Wirken und die Zustände des Zwischenstoffs d. i. des Aethers umfasst. Jene begreift, je nach der Grösse der Abstände der Körperatome unter einander und der davon abhängigen Menge dieser letzteren selbst innerhalbbestimmter räumlicher Grenzen (Volumen), dreierlei Gattungen von Körpern, deren eine bei einem gewissen Volumen die relativ grösste, deren dritte bei demselben Volumen die relativ kleinste Menge von Körperatomen enthält, während die zweite eine im Verhältniss zu jenem Volumen mittlere Menge von Atomen einschliesst. Folge davon ist, dass in den Körpern der ersten Gattung die Abstände der einzelnen Atome von einander relativ die kleinsten, dagegen bei Körpern der dritten Gattung relativ die grössten sein müssen, während bei den Körpern der Mittelgattung die Distanz der Atome eine mittlere ist. Die Atome von Körpern der ersten Gattung werden daher, da die anziehende Kraft je kleiner die Entfernung desto stärker wirkt, am festesten, die Atome von Körpern der dritten Gattung werden, da die Anziehung mit der Entfernung abnimmt, am lockersten unter einander zusammenhängen; die Atome der Körper der Mittelgattung werden, da die Entfernung und folglich die Anziehung eine mittlere ist, einen mittleren Grad des Zusammenhangs darstellen. Bei Körpern der ersten Art wird daher nicht nur das Verhältniss der Menge der Atome (der Masse) zu der räumlich begrenzten Grösse des Inhalts (dem Volumen) d. i. die relativeDichtigkeitdie grösste, sondern auch der Widerstand, welchen dieselben der Trennung der Atome entgegensetzen, in Folge der starken Anziehung der Theile unter einander (der Cohäsion) der relativ bedeutendste, bei Körpern der dritten Art dagegen aus demselben Grunde die Dichtigkeit die geringste und der Widerstand gegen die Trennung der mindestbedeutende sein, während den Körpern der zweiten Art mit einer mittleren Dichtigkeit auch ein mittlerer Widerstand d. h. ein solcher, welcher die Trennung der Atome weder erschwert noch erleichtert, also gegen dieselbe sich gleichgiltig verhält, eigen ist. Körper der ersten Art, als deren Repräsentant die Erde angesehen wird, werden als feste, Körper der dritten Art, als deren Repräsentant die atmosphärische Luft gilt, als luft- oder gasförmige, Körper der mittleren Art, deren Typus das Wasser darstellt, werden als flüssige bezeichnet.309. Weder die Grösse des räumlichen Volumens, noch jene der Masse, oder der Abstände der Atome von einander, absolut betrachtet, macht hiebei einen Unterschied. Das Gesetz, welches die Atome der grossen Weltkörper, der Nebelflecke und Sternhaufen zusammenhält, ist genau das nämliche, welches auch die Atome des kleinsten Bruchtheils eines festen Körpers auf der Erde an einander bindet; die Atome des Weltmeeres hängen in keinerandern Weise zusammen, als jene des Wassertropfens; und die Atmosphäre, welche entfernte Weltkörper umhüllt, ja die ganze durch den Weltraum ausgebreitete, verdünnte Luftmasse zeigt mit jener der irdischen Lufthülle verglichen nur graduell verschiedene Structur. Zwischen den drei genannten Gattungen von Körpern aber herrscht dabei das Verhältniss, dass einerseits der luftförmige Körper durch Verminderung der Abstände seiner Atome unter einander zuerst, wenn dieselbe den mittleren Grad der Entfernung erreicht, in flüssigen, wenn sie denselben überschreitet, allmälig in festen Zustand übergehen d. h. sich verdichten, umgekehrt der feste Körper durch Vergrösserung jener Abstände seinerseits in flüssigen und allmälig in luftförmigen Zustand übergehen d. h. sich verdünnen kann. Je nachdem hiebei die zeitliche Aufeinanderfolge der genannten Zustände verschieden, also entweder der feste, oder der luftförmige, oder der flüssige als der (zeitlich) erste gedacht wird, aus welchem die andern sich entwickelt haben, so dass im ersten Fall aus der Verdichtung allmälig die Verdünnung, im zweiten aus der Verdünnung allmälig (durch Niederschlag) die Verdichtung, im dritten aus einer mittleren Dichtigkeit durch Verdichtung einerseits das Feste, durch Verdünnung andererseits das Luftförmige hervorgeht, gliedern sich die verschiedenen physikalischen Kosmogonien, als deren Repräsentanten schon im Alterthum erscheinen: die Atomistiker, welche das Feste (die körperlichen Atome), die jonischen Naturphilosophen Anaximenes und Diogenes von Apollonia, welche das Luftartige, und Thales, welcher das Flüssige für das der Zeit nach Erste erklärten, aus dem alles Uebrige entstanden sei.310. In allen genannten Fällen ist die Verbindung der Atome unter einander eine mechanische, durch ein und dasselbe allgemeine Gesetz der Anziehung nach dem umgekehrten Quadrate der Entfernung beherrschte, welche so lange besteht, als dieses seine Geltung behauptet, und daher jeder willkürlichen Aufhebung, sie komme von welcher Seite immer, entzogen ist. Die zum Körper vereinten Atome erscheinen unter der Pression dieses Gesetzes selbst zu einem mehr oder minder lockern Gefüge comprimirt, also gleichsam einem von aussen kommenden Drucke unterworfen. Die Elemente der Körper selbst stellen zusammengenommen einen durch Vereinigung (Association) entstandenen räumlich begrenzten Haufen, eine Menge gemengter (nicht gemischter) Bestandtheile dar, deren jeder undurchdrungen von dem andern und undurchdringlich für dieandern für sich und zugleich im Verbande mit den andern als Glied eines physischen Ganzen besteht. Auf qualitative Verschiedenheit der zum Ganzen des Körpers verbundenen Theile konnte bisher schon aus dem Grunde keine Rücksicht genommen werden, weil die quantitative Atomistik eine solche bei den ursprünglichen Elementen der Körperwelt, den primitiven Körperatomen, nicht kennt. Soll daher dennoch von qualitativ unterschiedenen Elementen der Körper die Rede sein, so können diese nicht selbst primitiv, sondern sie müssen aus der allerdings primären Verbindung primitiver Atome gleichsam als Atome höherer Ordnung entstanden sein. Von dieser Art wären, wenn die Ansicht der quantitativen Atomistik die richtige und die darauf fussende Behauptung der „philosophischen” Chemie, dass alle scheinbar heterogenen Stoffe Umbildungen eines Grundstoffs seien, giltig sein sollte, die bisher sogenannten einfachen Stoffe d. i. Körper wie Sauerstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff u. s. w. aufzufassen, deren jeder demzufolge aus Atomen bestehend gedacht würde, welche selbst eine eigenartige Gruppirung der primitiven Atome in sich schlössen. Das sogenannte Sauerstoffatom wäre sonach zwar im Verhältniss zu dem sogenannten Kohlenstoffatom, keineswegs aber im Verhältniss zu den primitiven Atomen als wirklich atom d. i. als theillos zu bezeichnen, da dasselbe zwar eben so wenig aus weiteren Sauerstoffatomen wie das Kohlenstoffatom aus weiteren Kohlenstoffatomen, keineswegs aber, wie es im Begriff des primitiven Atoms liegt, überhaupt nicht aus weiteren Atomen bestehend gedacht wird. Wie das primitive einfaches, so wäre demnach das Sauerstoffatom zusammengesetztes d. i. aus zu einem Ganzen verbundenen primitiven Atomen bestehendes Atom (Molecul) und der (feste, flüssige oder luftförmige) Körper, bei dessen Zusammensetzung die qualitative Beschaffenheit seiner Bestandtheile in Frage kommt, ist sonach als ein in seinen nächsten Bestandtheilen nicht aus einfachen, sondern aus zusammengesetzten Atomen bestehender anzusehen.311. Wie die Verbindung der Atome im mechanisch zusammengesetzten Körper eine mechanische, so ist sie in dem chemisch zusammengesetzten Körper, derselbe bestehe nun aus einander homogenen oder heterogenen Elementen, eine chemische, auf der Anziehung derselben in Folge ihrer qualitativen Verwandtschaft (Affinität) beruhende. Dieselben stehen wie die Bestandtheile des mechanischen Körpers unter der Herrschaft eines allgemeinen Gesetzes, nur dass dieselbe nicht sowol, wie dort, einem von aussenausgeübtenDrucke, als vielmehr einem von innen aus der Beschaffenheit der Atome stammendenZugesich vergleichen lässt, vermöge dessen die Atome wie Glieder einer und derselben Familie sich zu einander hingezogen, oder wie Glieder heterogener Rassen (z. B. Weisse und Farbige) sich von einander abgestossen fühlen. Wie die Verbindung blutsverwandter Familienglieder eine innigere ist als die blos gesellige Zusammenkunft einander gleichgiltiger Genossen, so ist die chemische Vereinigung qualitativ Verwandter inniger, als jene blos mechanische indifferenter Atome und wird deshalb als Verschmelzung im Gegensatz zur blossen Summation, als „Mischung” im Gegensatz zur blossen Mengung bezeichnet. Letzterer Ausdruck ist insofern ungenau, als er zu dem Irrthum verleiten kann, eine völlige „Durchdringung” der einzelnen Atome als möglich anzunehmen, während doch nur eine „Durchdringung” der sich unter einander verschmelzenden Körper (z. B. Kohlenstoff und Sauerstoff zu Kohlensäure) in der Weise stattfindet, dass mit jedem Atom des ersteren zwei Atome des letzteren sich verbinden, also ein neues Gemenge gleichsam höherer Art entsteht, dessen Atome je eine binäre Verbindung zwischen O und C darstellen, die einzelnen, sowol Kohlenstoff- als Sauerstoffatome, dagegen für einander undurchdringlich bleiben.312. Sowol der mechanisch wie der chemisch zusammengesetzte Körper hat die Eigenschaft, dass, sobald der dessen Bestandtheile zusammenhaltende Druck oder Zug aus was immer für einem Grunde erlischt, derselbe in seine Elemente zerfallen oder sich auflösen muss. Wird statt dessen auf Grund einer im Körper selbst enthaltenen Veranlassung jene zusammenhaltende Kraft ununterbrochen erneuert, entweder indem überhaupt neuer Stoff, welchem dieselbe Anziehung, oder neuer qualitativ verwandter Stoff, welchem derselbe Zug innewohnt, von neuem herbeigeschafft wird, so entsteht im Gegensatz zu jenem aus Mangel an Erneuerung abgestorbenen leblosen (unorganischen) der belebte (organische) Körper. Die Eigenthümlichkeit, welche denselben von dem mechanischen Körper unterscheidet, besteht darin, dass der letztere, sobald die Bestandtheile desselben durch andere ersetzt werden, nicht mehr derselbe, sondern ein neuer, wenngleich dem vorigen gleicher, der organische Körper dagegen auch nach dem Ersatz derjenigen seiner Bestandtheile, deren Anziehung unter einander erloschen ist, durch andere, noch immer derselbe wie früher d. h. ein blos erneuerter ist. Die Eigenthümlichkeit, welche denselben vom chemischen Körperunterscheidet, dagegen besteht darin, dass der organische Körper niemals, wie der einfache chemische homogen, sondern stets heterogen d. h. aus verschiedenen Stoffen zusammengesetzt sein muss, aber nicht, wie andere chemische Körper, aus beliebigen (z. B. Wasser aus Sauerstoff und Wasserstoff, atmosphärische Luft aus Sauerstoff und Stickstoff, Kalk aus Calcium und Sauerstoff, Kochsalz aus Chlor und Natrium), sondern jedesmal nur aus gewissen Stoffen zusammengesetzt sein darf. Folge der ersteren Eigenschaft ist, dass ein Theil des organischen Körpers, nämlich derjenige, in dem die Veranlassung liegt, dass sich der übrige Theil ohne Schädigung des Ganzen zu erneuern vermag, diesem letzteren gegenüber eine ausgezeichnete Stellung behauptet, insofern er den bleibenden, dieser dagegen den wechselnden Bestandtheil des Körpers ausmacht, jener also denjenigen, durch welchen der Körper immer derselbe bleibt, dieser denjenigen, durch welchen derselbe unaufhörlich ein anderer wird. Folge der letzteren Eigenschaft ist, dass, wo gewisse einfache chemische Körper mangeln, als welche die Erfahrung bisher Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff und hauptsächlich Kohlenstoff hervorzuheben gelehrt hat, die Entstehung organischer Körper, auch wenn alle übrigen Bedingungen und die grösste Fülle anderweitiger chemischer Körper vorhanden wäre, unmöglich ist. Finden beide Bedingungen vereinigt bei der kleinstmöglichen Anzahl körperlicher Atome Erfüllung, so entsteht der denkbar kleinste belebte Körper, das organische Atom, die sogenannte Zelle, während aus der Verbindung von solchen, sei es mit, sei es ohne Zuhilfenahme unorganischer Bestandtheile, der Zellenorganismus d. i. der — wie der mechanische Körper aus mechanisch verbundenen mechanischen, wie der chemische Körper aus chemisch verbundenen chemischen, so aus organisch verbundenen organischen Elementen bestehende — organische Körper hervorgeht.313. Die ausgezeichnete Stellung des beharrenden Theils gegenüber dem wechselnden im belebten Körper äussert sich nicht blos darin, dass er selbst (er sei nun ein einzelnes Atom oder eine Gruppe von solchen) während der ganzen Dauer des organischen Körpers (Lebensdauer) immer derselbe bleibt, sondern auch darin, dass in ihm die Ursache enthalten ist, um welcher willen und durch welche nicht nur stets neuer und zwar zu seiner Erhaltung passender Stoff (Leibesnahrung) herbeigeschafft, sondern auch der Neuheit des Materiales zum Trotz die ursprüngliche Form (Leibesform) im Wesentlichen unverändert erhalten wird. Derselbe stelltdaher gleichsam den beherrschenden Mittelpunkt („die Seele”) dar, zu welchem die Gesammtheit des übrigen den Körper jeweilig ausmachenden Stoffs sich als beherrschtes, zur Erhaltung des Ganzen verbrauchbares Material („als Leib”) verhält. Da derselbe beherrschend nur im Verhältniss zu dem von ihm Beherrschten, mit dem Aufhören der Herrschaft aber zwar Beherrschendes wie Beherrschtes nach wie vor vorhanden, aber nicht mehr als Herrscher und Beherrschtes vorhanden sind, so hört mit dem Erlöschen des organischen Bandes zwischen der „Seele” und dem „Leibe” des belebten Körpers d. i. mit dem Tode auch der bisher herrschend gewesene Bestandtheil desselben auf, Seele eines Leibes, wie der bisher beherrscht gewesene Bestandtheil desselben aufhört, Leib einer Seele zu sein; das Atom oder die Atome, welche bisher den bleibenden, so wie diejenigen, welche bisher den jeweiligen veränderlichen Bestandtheil des organischen Körpers ausgemacht haben, hören jedoch dadurch keineswegs auf, als Atome d. i. zwar aus ihrer bisherigen Verbindung ausgelöst, aber fähig und bereit, neue Verbindungen einzugehen, sei es wieder als „Seele” eines Leibes (Metempsychose) oder als Leibtheil einer Seele (Palingenesie), zu existiren.314. Je nachdem der organische Körper als am Orte haftend, oder mit der Fähigkeit begabt, denselben beliebig zu wechseln, so wie, je nachdem derselbe als sich oder anderes vorstellend oder überhaupt nicht als vorstellend gedacht wird, wird derselbe im ersten Falle, da die Erfahrung an der sogenannten Pflanze weder freie Bewegung, noch Zeichen vorstellender Thätigkeit aufweist, alspflanzenartiger, im zweiten Fall, da die Erfahrung am sogenannten Thiere zwar freie Beweglichkeit, aber (wenigstens bei den niedersten Thiergattungen) keine Spur von vorstellender Thätigkeit zeigt, alsthierartiger, im dritten Fall, wenn sich nicht nur die Fähigkeit, anderes, sondern (wie schon bei den höheren Thiergattungen) sogar die Fähigkeit äussert, bis zu einem gewissen Grade sich selbst vorzustellen, da die Erfahrung letztere Eigenschaft (die Vorstellung des Ich) hauptsächlich am Menschen kennt, alsmenschenähnlicherbezeichnet werden. Mit dem Erwachen des Ich d. i. derjenigen Vorstellung, durch welche der belebte Körper andere, sei es belebte oder leblose Körper, von sich unterscheidet d. h. als Anderes als er selbst, als Nicht-Ich sich gegenüberstellt und dadurch sich zu diesem und dieses zu sich in ein Verhältniss bringt, welches je nach dem Mass seiner im Vergleich zu der Kraft jenes Andern und nach der Beschaffenheit seiner Bedürfnisse im Vergleichzu den Bedürfnissen jenes Andern zu einem überlegenen oder unterliegenden, zu einem freundlichen oder feindseligen, zu friedlichem Genuss oder zum Kampfe ums Dasein werden kann, ist das Reich des Bewusstlosen, des Nicht-Ich, abgeschlossen.

279. Wie durch die Betonung der realistischen Grundlage des Scheins dem Idealismus, so ist durch die Betonung der pluralistischen Grundlage des Scheins der Realismus jedem wie immer gearteten Monismus d. i. jeder All-Eins-Lehre entgegengesetzt. Jener, er sei subjectiver, absoluter oder Panlogismus, entbehrt eines wahrhaft Wirklichen; dieser, er sei idealistisch oder selbst realistisch, entbehrt einer wahren Vielheit des Wirklichen. Jenem zufolge ist das Wirkliche blosser Schein (Phantasmagorie) welchen sich entweder das endliche oder das absolute Ich, oder die absolute Vernunft vorspiegelt, um mittels desselben zum Bewusstsein seiner, beziehungsweise ihrer selbst zu kommen d. i. Geist zu werden. Diesem zufolge ist jede Vielheit und Individuation des Seins blosser Schein (Phantasmagorie), welchen das eine und einzige Wirkliche (es sei nun Spinozistische Substanz oder Schopenhauer’scher Allwille) entweder (wie die beiden genannten) mit blinder Nothwendigkeit, oder (wie das Hartmann’sche „Unbewusste”) zu dem Zwecke sich vorgaukelt, um mittels desselben zum Bewusstsein und sei es durch Selbstverneinung oder durch werkthätigen Anschluss zur Realisirung des Weltzwecks zu gelangen. Während der erstere begreiflich zu machen unterlässt, wie aus demjenigen, was selbst nicht einmal den Schatten der Wirklichkeit besitzt, auch nur der Schein einer solchen entspringen könne, setzt der letztere dem Bedenken, wie aus demjenigen, was selbst nicht einmal eine Spur der Vielheit in sich schliesst, auch nur der Schein einer solchen und der Vielfachheit des Wirklichen hervorgehen könne, vorsichtiges Stillschweigen entgegen.

280. So viel wirklicher Schein, so viel wirkliches Sein — lautet der Satz des Realismus, aber nicht, wie viel wirkliches Sein. Derselbebegnügt sich, zu behaupten, dass um der Vielheit und Mannigfaltigkeit des durch die Erfahrung gegebenen Scheins willen eine eben solche Vielheit und Mannigfaltigkeit des Wirklichen gesetzt, aber er enthält sich, der Versuchung nachzugeben, bestimmen zu wollen, welche (ob endliche oder unendliche) Vielheit des Wirklichen gesetzt werden müsse. Eben so wenig wie das Quantum, wagt er das Quale des Wirklichen anders als durch die schon oben angeführte, aus dem Begriff der absoluten Position abgeleitete Folgerung der qualitativen Einfachheit zu bestimmen. Wie die Vielheit des Scheins zwar die Annahme einer Vielheit des Wirklichen, aber nicht die Bestimmung der Vielheit des Wirklichen, so erlaubt die Mannigfaltigkeit des Scheins zwar die Annahme einer Mannigfaltigkeit des Wirklichen, aber nicht die Bestimmung des Mannigfaltigen des Wirklichen. Dass vieles und mannigfaltiges Wirkliches sei, weder aber wie vieles, noch welcherlei Art das Wirkliche sei, vermisst sich der Realismus anzugeben.

281. Die Mannigfaltigkeit ist die geringste d. h. die Gleichartigkeit des Wirklichen ist die denkbar grösste, wenn dessen Verschiedenheit nicht in einer sogenannten inneren (Eigenschaft), sondern nur in einer sogenannten äusseren Beschaffenheit, also in einer solchen gelegen ist, welche weder Aehnlichkeit noch Gegensatz, überhaupt keinerlei Verwandtschaft des Wirklichen voraussetzt, sondern auch bei übrigens völlig disparaten Wirklichen stattfinden kann. Von dieser Art sind die räumlichen und zeitlichen d. i. diejenigen Bestimmungen eines Wirklichen, welche sich ändern können, ohne dass dieses letztere selbst dadurch eine Aenderung erfährt, obgleich andere Wirkliche dadurch eine solche erfahren mögen. Der in seiner Umlaufsbahn und Umlaufszeit sich um die Sonne bewegende Planet erleidet durch seine Fortbewegung in seinen inneren Eigenschaften keinerlei Veränderungen, während die Wirkungen, welche er selbst auf andere Planeten ausübt (z. B. die sogenannten Störungen) wesentlich durch die Stellung d. i. durch den Ort bedingt werden, welchen derselbe in einem jeweiligen Zeitpunkt im Verhältniss zu ihnen im Weltraum einnimmt. Eben so wenig erleidet der Weltkörper, wenn nicht andere Ursachen in und an demselben Veränderungen bewirken, durch den blossen Abfluss der Zeit, innerhalb welcher er seine Bahn zurücklegt, eine Veränderung, obgleich, wenn eine solche an ihm vorgegangen und er demungeachtet derselbe geblieben sein soll, dies nur unter der Voraussetzung denkbar ist, dass seine Beschaffenheit vor und seineBeschaffenheit nach obiger Veränderung in verschiedene Zeitpunkte fallen. Die vielen und verschiedenen Wirklichen sind daher am wenigsten verschieden, jedoch in keiner Weise nicht verschieden, wenn deren Verschiedenheit lediglich in der Verschiedenheit d. i. in der Nichtidentität ihrer räumlichen und zeitlichen Bestimmungen d. i. des Wo und des Wann ihrer Wirklichkeit d. i. ihres Wirkens gelegen ist. Dieselben sind verschieden, insofern ihre Orte im Raum verschieden d. h. ausser einander, dagegen nicht verschieden, insofern sie Wirkliche d. i. Wirkende sind. Dieselben sind verschieden, insofern je nach der Verschiedenheit ihres Aussereinander (d. h. der räumlichen Distanz ihrer Orte) ihr Wirken verschieden, dagegen nicht verschieden, insofern sie Wirkende sind. In Bezug auf die Zeit sind sämmtliche Wirkliche als unbedingt Gesetzte insofern nicht verschieden, als ihr Gesetztsein von jeder, also auch von jeder zeitlichen Bedingung unabhängig ist; dagegen können sie als Wirkende insofern verschieden sein, als ihr Wirken sich ändert, während sie selbst dieselben bleiben und diese Aenderung nur unter der Annahme möglich ist, dass das eine zu einer, das anders geartete Wirken dagegen zu einer andern Zeit stattfindet.

282. Wirkliche, die sich durch räumliche und zeitliche Bestimmungen unterscheiden, können im Uebrigen eben so wol unterschieden als nicht unterschieden, sie werden trotzdem unterschiedene d. i. Einzelwesen und, da dieselben als unbedingt gesetzte, einfache Qualitäten, Atome d. i. untheilbare Wesen sind, Individuen sein. Dieselben müssen als räumlich (d. i. dem Ort nach) verschiedene, ausser einander, beziehungsweise neben einander sein; das Wirken derselben, insofern es in einem und demselben Individuum ein verschiedenes sein soll, kann nur nach einander, beziehungsweise auf einander erfolgen. Da dieselben ausser einander d. h. da ihre Orte, wenn sie selbst unterschiedene sein sollen, nicht dieselben sein sollen, so muss es der Orte wenigstens eben so viele geben, als es Wirkliche gibt. Da das Wirken eines jeden derselben, wenn es ein anderes sein soll, in einen anderen Zeitpunkt fallen muss, so muss es der Zeitpunkte wenigstens eben so viele geben, als in demselben Wirklichen Abänderungen seines Wirkens gegeben sind. Mit der Unbestimmbarkeit der Zahl der Wirklichen ist daher zugleich die Unbestimmbarkeit der Zahl der Orte, mit der Unbestimmbarkeit der Zahl möglicher Abänderungen des Wirkens eines und desselben Wirklichen zugleich die Unbestimmbarkeit der Zahl der Zeitpunkte gegeben. Wie die Menge des auf Grundlage des durch die Erfahrunggegebenen Scheins anzunehmenden Wirklichen, so lässt sich die Menge der auf Grundlage des angenommenen Wirklichen anzunehmenden Orte,sowie jene der auf Grundlage der durch Erfahrung gegebenen Abänderungen des Wirkens des Wirklichen anzunehmenden Zeitpunkte je nach Bedürfniss ins Unbestimmte erweitern.

283. Der Inbegriff des gesammten auf Grundlage des durch die Erfahrung gegebenen Scheins jeweilig anzunehmenden Wirklichen d. i. der Inbegriff sämmtlicher Atome macht den Stoff, der Inbegriff des von sämmtlichen Wirklichen ausgehenden Wirkens die Kraft, der Inbegriff sämmtlicher Orte den Raum, und jener sämmtlicher Zeitpunkte die Zeit aus. Da der in jedem gegebenen Augenblick dem Bewusstsein durch Erfahrung aufgedrungene Schein eines Wirklichen ein bestimmter, und insofern endlich, in jedem gegebenen Augenblick aber ein anderer seinerseits abermals bestimmter und insofern endlicher ist, so folgt, dass das Quantum des Wirklichen, da dessen Annahme nur auf Grund des gegebenen Scheins eines solchen erfolgt, nur dann ein unendliches sein muss, wenn der gegebene Schein die Annahme eines solchen fordert, im Uebrigen aber über dasselbe keine andere Bestimmung möglich ist, als dass das Quantum des Stoffs dem Quantum des durch Erfahrung gegebenen Scheins proportional sein muss. Da nun der Schluss vom Schein auf das Sein keineswegs verlangt, dass unendlich, sondern nur, dass unbestimmt viele Wirkliche dessen reale Grundlage ausmachen sollen, so kann auf Grund der gegebenen Erfahrung über das Quantum des anzunehmenden Stoffs nichts weiter ausgesagt werden, als dass dasselbe ein verhältnissmässiges, mit dem Wachsthum des durch Erfahrung gegebenen Scheins für das Bewusstsein in stetem Wachsen begriffenes, an sich aber, da das Wirkliche als unbedingt gesetztes keinerlei Abänderung seines Gesetztseins fähig ist, ein unveränderliches sein muss.

284. Wie das Quantum des Stoffs, so ist das Quantum der Kraft zugleich alsveränderlichd. i. der Zunahme fähig, und alsunveränderlich, einer solchen unfähig anzusehen. Ersteres, insofern die Annahme wirklichen Wirkens nur auf Grund des durch die Erfahrung dargebotenen scheinbaren Wirkens und sonach die Bestimmung des Quantums des ersteren nur im Verhältniss zu dem erfahrungsmässig gegebenen Quantum des letzteren statthat, letzteres, insofern das Wirken nichts anderes als die Verwirklichung der im Wirklichen unbedingt gesetzten einfachen Qualität und folglich, da diese letztere unveränderlich ist, die Summe der Verwirklichungensämmtlicher einfacher Qualitäten des Wirklichen eben so wie die Summe dieser selbst immer dieselbe bleiben muss. Das Gesetz der Unveränderlichkeit des Quantums wirklichen Wirkens d. i. derErhaltung der Kraftist nur die unvermeidliche Folge des Gesetzes der Unveränderlichkeit des Quantums des Wirklichen d. i. derErhaltung des Stoffs. Dagegen ist das Quantum der aus dem jeweilig durch Erfahrung gegebenen scheinbaren Wirken erschlossenen Kraft eben so wie das Quantum des auf Grund des durch die jeweilige Erfahrung dargebotenen scheinbaren Wirklichen erschlossenen Stoffs der Veränderung, und zwar eines im richtigen Verhältniss zu der allmälig anwachsenden Erfahrung zunehmenden Wachsthums bedürftig und fähig.

285. Der Grund, weswegen letzteres, das jeweilige Quantum des scheinbaren mit dem des wirklichen Wirkens weder jemals identisch ist, noch werden kann, liegt in der Verschiedenheit, beziehungsweise dem Gegensatz der individuellen Wirklichen und der daraus fliessenden Verschiedenheit, beziehungsweise des Widerstreits ihres Wirkens. In der Natur der Sache liegt es, dass verschiedene, ganz oder theilweise der Qualität nach entgegengesetzte Wirkliche auch in ihrem Wirken ganz oder theilweise einander entgegengesetzt sind d. h. dass ihr Wirken sich gegenseitig ganz oder theilweise zwar nicht vernichtet, weil die unbedingt gesetzte und selbst unveränderliche Qualität des Wirklichen der Vernichtung unfähig ist, aber ganz oder theilweise hemmt, so dass der Schein entsteht, als werde nichts oder als werde weniger gewirkt, während thatsächlich gewirkt, und zwar mehr gewirkt wird als gewirkt zu werden scheint. Das auf diese Weise gehemmte, also scheinbar nicht wirklich, in der That aber wirklich, jedoch im — durch entgegengesetztes Wirken — gebundenen Zustande vorhandene Wirken ist gleichsamlatentes,schlummerndes, dagegen das ungehemmte, durch ganz oder theilweise Entgegengesetztes nicht gebundene, also freie Wirkenoffenbares,lebendigesWirken. Die Summe des letzteren muss, da unter der Summe des Wirkenden jedesmal ein bestimmter Bruchtheil unter sich entgegengesetzten Wirkens vorhanden sein muss, nothwendig kleiner ausfallen als die Summe des überhaupt (im gehemmten und ungehemmten Zustande) vorhandenen Wirkens und zwar desto kleiner, je grösser die Summe des unter sich entgegengesetzten, also sich hemmenden Wirkens im Verhältniss zur Summe des Wirkens überhaupt ist. Die Wirklichen selbst, deren Wirken gehemmt ist, die also, um dieses Gehemmtseinswillen, nicht zu wirken, also nicht wirklich zu sein scheinen, während sie doch wirkend, also wirklich sind, stellen zusammengenommen den Inbegriff desjenigen Wirklichen dar, welches zwar wirklich, dem Scheine nach aber nicht wirklich d. h. für die aus dem Scheine des Wirklichen auf die Wirklichkeit folgernde Beobachtung so gut wie nicht vorhanden ist d. h. den Inbegriff des latenten, jeweilig nicht nur seiner Qualität nach unbekannten, sondern auch seiner Existenz nach ungekannten Wirklichen.

286. Letzterer liefert den Vorrath sowol zur Vermehrung des sichtbaren, wie zur Erweiterung des Umfanges des aus gegebenem scheinbaren erschlossenen wirklichen Wirkens. Indem bisher gebundenes Wirken aus irgend einem Anlass frei d. h. ungehemmtes Wirken wird, tritt es aus dem latenten in den Zustand offenbaren Wirkens d. h. es tritt selbst, wenigstens scheinbar, als neues, bisher nicht wahrgenommenes Wirken zu der Summe des bisher sichtbar gewesenen Wirkens hinzu; indem es als offenbar gewordenes, also den Schein des Wirkens erzeugendes Wirken vor das Bewusstsein tritt, ruft es in diesem den unvermeidlichen Schluss auf wirkliches Wirken d. i. eine Erweiterung des bisherigen Umfanges bekannten Wirkens hervor. Wie durch den ersteren Umstand die Summe des sichtbaren Wirkens, so wird durch den letzteren die Kenntniss wirklichen Wirkens vermehrt, durch jenen die Summe der in der Totalität des Wirklichen lebendig thätigen, im Verhältniss zur Summe der in derselben leblos schlummernden Kräfte, durch diesen die Summe des auf Grund erweiterter Erfahrung erschlossenen Wirklichen gegenüber dem auf Grund der bisherigen Erfahrung als wirklich gekannten, ebenmässig vergrössert.

287. Da das Quantum des überhaupt vorhandenen Wirkens nach Obigem unveränderlich, die Summe des jeweilig ungehemmten Wirkens aber veränderlich ist, so folgt, dass jede Zunahme der Summe des sichtbaren von einer entsprechenden Abnahme der Summe des gebundenen Wirkens und umgekehrt jede Zunahme dieser von einer Verminderung jener begleitet sein muss. Könnte die Abnahme sichtbaren Wirkens je so weit sich erstrecken, dass jedes ungehemmte Wirken sich in gehemmtes, also jedes wirkliche Wirken in scheinbares Nichtwirken verkehrte, so müsste an Stelle des Scheins eines Wirklichen vielmehr der entgegengesetzte Schein der Abwesenheit irgend eines Wirklichen d. h. es müsste der Schein der Wirklichkeit des Nichts (Nihilismus) entstehen, welches sich selbst widerspricht. Sollte dagegen in umgekehrter Weise die Zunahmedes sichtbaren Wirkens so weit fortschreiten, dass sämmtliches gebundenes sich in freies Wirken verwandelte, also jeder Schein eines Nichtwirkens sich in den entgegengesetzten Schein des Wirkens auflöste, so müsste, da jede Hemmung eines Wirkens nur aus der Verschiedenheit, beziehungsweise dem Gegensatze der Wirkenden entspringt, der Schein entstehen, als sei zwischen den Wirkenden überhaupt keine Verschiedenheit d. h. als seien überhaupt nicht unterschiedene Wirkliche (Pluralismus, Individualismus), sondern nur ein einziges, schlechterdings unterschiedloses Wirkliches (Monismus, All-Eins-Lehre) vorhanden; welcher Schein, da, wie oben gezeigt, die Annahme eines einzigen Wirklichen auch nicht einmal die Entstehung des Scheins einer Vielheit ermöglicht, sich selbst widerspricht. Da sonach von diesen beiden Fällen keiner als jemals möglicher Weise eintretend gedacht werden darf, ohne etwas sich selbst Widersprechendes zu denken, so folgt, dass weder die Abnahme des sichtbaren Wirkens jemals so weit gehen kann, dass völlige Ruhe (Leblosigkeit), noch die Zunahme desselben je so hoch sich steigern kann, dass durchgängige Lebendigkeit (Bewegung) im ganzen Umkreis des Wirklichen herrsche, sondern dass immer Ruhe und Bewegung, Leblosigkeit und Lebendigkeit zugleich, jedes in einem mehr oder weniger weit reichenden Theile des Wirklichen vorhanden sei.

288. Wie den Quantis des Stoffs und der Kraft, kommt den Quantis des Raumes und der Zeit Wandelbarkeit zugleich und Wandellosigkeit zu. Wenn der erstere nichts anderes ist als der Inbegriff der Orte des Wirklichen, so folgt, dass dessen Quantum weder grösser noch kleiner sein kann als das Quantum des Wirklichen. Da nun das letztere, wie gezeigt, in einer Hinsicht veränderlich, in einer andern dagegen unveränderlich ist, so folgt, dass in Bezug auf das Quantum des Raumes dasselbe stattfinden muss. Jede Erweiterung des bisher bekannten Umfanges des Wirklichen durch die Annahme neuer Wirklicher macht die Annahme neuer Orte und damit die Vermehrung des bisherigen Quantums des Raums nöthig. Die Erhaltung des Quantums des Stoffs d. i. des Inbegriffs aller Wirklichen, deren jedes seines von dem jedes andern unterschiedenen Orts bedarf, macht die Erhaltung des Quantums des Raums unvermeidlich. Wenn die Zeit nichts anderes ist als der Inbegriff der Zeitpunkte d. i. derjenigen Bedingungen, unter welchen allein das Wirken eines Wirklichen jeweilig ein anderes geworden, das Wirkliche selbst aber dasselbe geblieben sein kann,so folgt, dass jedes Anderswerden der Wirkung mindestens zwei Zeitpunkte, denjenigen, in welchen das unveränderte, und denjenigen, in welchen das veränderte Wirken fällt, fordere, und daher das Quantum der Zeitpunkte nicht kleiner sein könne als das Quantum der eingetretenen Veränderungen des Wirkens. Da nun das Quantum des Wirkens überhaupt, also auch das Quantum der in demselben enthaltenen Abänderungen des Wirkens einerseits, wie aus der Erhaltung des Stoffs folgt, immer dasselbe, andererseits, wie aus der Veränderlichkeit des scheinbaren Wirkens folgt, veränderlich ist, so folgt, dass auch das Quantum der Zeit einerseits, so weit dasselbe durch das Quantum der überhaupt wirklichen Abänderungen des Wirkens bedingt ist, immer dasselbe, dagegen, so weit dasselbe von dem jeweilig im Bewusstsein schwebenden Quantum scheinbaren Wirkens abhängig ist, veränderlich sein muss.

289. Aus dem Begriff des Raumes folgt, dass er erfüllter Raum sei d. h. dass es einen sogenannten leeren Raum nicht geben könne. Da derselbe nichts anderes ist, als der Inbegriff der Orte, die Setzung eines Orts aber nur auf Veranlassung und im Gefolge der Setzung eines Wirklichen, dessen Ort er ist, erfolgt, so kann es weder Orte geben, in welchen kein Wirkliches, noch Wirkliche, für welche kein Ort gesetzt ist. Die an verschiedenen Orten befindlichen Wirklichen können daher zwar nicht nurausser einander, sondern es können auch zwischen ihren Orten andere Orte gelegen d. h. sie müssen nichtan einandersein; keineswegs aber dürfen die zwischen ihren Orten gelegenen Orte als leer d. h. als solche gedacht werden, in welchen kein Wirkliches befindlich ist. Folge davon ist, dass eine sogenannteactio in distansd. h. ein Wirken durch den leeren Raum hindurch schon aus dem Grunde unmöglich wird, weil die Voraussetzung derselben, der leere d. h. mit Wirklichen nicht erfüllte Raum eine in sich widersprechende, folglich im Umfang des auf Grundlage des Wirklichen gesetzten Raums niemals zutreffende Annahme ist.

290. Da der Ort jedes Wirklichen, so lange deren individuelle Unterschiedenheit von ihren räumlichen und zeitlichen Bestimmungen abhängig gedacht wird, nur ein einziger sein kann, so bleibt derselbe so lange unbestimmt, als sich auch nur ein einziger Ort angeben lässt, welcher demselben Wirklichen mit gleichem Recht zugesprochen werden kann. Dieses aber ist der Fall, wenn das Wirken des Wirklichen als eine Function seines Aussereinander mit anderen Wirklichen gedacht und sonach der Ort desselben alslediglich durch die Entfernung von dem Ort eines anderen Wirklichen bestimmt vorgestellt wird. Denn sodann findet sich nicht nur ein einziger Ort, sondern es finden sich unzählige Orte, welche mit gleichem Recht als Ort jenes Wirklichen angenommen werden können, da sie alle von dem zweiten die gleiche Entfernung haben, nämlich alle diejenigen, welche die Oberfläche einer Kugel bilden, deren Mittelpunkt das zweite Wirkliche und deren Radius der Abstand des ersten vom zweiten ist. Soll daher aus diesen unzähligen ein einzelner als Ort des Wirklichen ausgeschieden werden, so müssen zu der Angabe der Entfernung weitere Angaben hinzukommen, deren eine darin besteht, in welcher der unzähligen Kreisebenen, welche durch den Mittelpunkt jener Kugel gelegt werden können, deren zweite dahin lautet, in welchem der in jener Kreisebene vom Mittelpunkt an die Peripherie gezogenen Radien der Ort jenes Wirklichen zu suchen sei. Erst durch die letztgenannte dieser Angaben ist der Ort des Wirklichen völlig und dergestalt bestimmt, dass schlechterdings kein zweiter angebbar ist, welcher mit ihm die nämlichen räumlichen Bestimmungen theilte. Dieselben sind daher für jeden unter obigen Bedingungen gesetzten Ort eines Wirklichen dreifach und zwar durch dessen Beziehungen zu drei auf einander in demselben Punkte senkrechten Richtungen (den sogenannten Coordinaten) fixirt, der auf solche Weise gedachte Raum daher als ein dreidimensionaler, nach den Richtungen der Länge, Breite und Tiefe ausgedehnter, vorgestellt.

291. Da letztere Vorstellung nur unter der Annahme erfolgt, dass das Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung desselben von einem anderen Wirklichen sei, so leuchtet ein, dass deren Nothwendigkeit schwindet, sobald an die Stelle obiger Annahme eine andere gesetzt, das Wirken des Wirklichen z. B. statt von der Entfernung desselben von einem andern Wirklichen, von dessen Nichtentferntsein von letzterem d. h. statt von dem räumlichen Aussereinander von dem örtlichen Ineinander beider Wirklichen abhängig gedacht wird. In diesem Falle wäre nämlich der Ort des Wirklichen auch durch die Angabe seiner Lage im Raume nach allen drei Dimensionen desselben noch nicht bestimmt, da sich noch immer ein zweiter Ort angeben liesse, welcher ganz die nämliche Lage im Raume besässe, nämlich jener des zweiten Wirklichen, von welchem das erste der Annahme zufolge „nicht entfernt”, sondern mit welchem dasselbe „in einander” sein soll. Es müsste also, wenn die Wirklichen dennoch verschieden sein sollten, entwederder Raum eine weitere, sogenannte vierte Dimension besitzen, nach welcher Orte desselben, deren Lage nach Länge, Breite und Tiefe identisch ist, dennoch verschieden sein könnten, oder die Verschiedenheit der Wirklichen dürfte nicht mehr blos in deren räumlichen (oder zeitlichen) Bestimmungen, sondern sie müsste in deren sogenannter innerer Beschaffenheit gelegen sein. Obige Annahme, dass das Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung, um so mehr die fernere enger begrenzte, dass dieselbe in einer Abnahme der Wirkung mit der Entfernung, so wie die engste, dass diese Abnahme im Quadrat der Entfernung erfolge, hat schon Kant in seinen „Gedanken von der wahren Schätzung lebendiger Kräfte” (Werke Hart. VIII. 26) für eine „willkürliche” erklärt, an deren statt an sich eben so gut eine andere, z. B. dass mit der Entfernung eine Zunahme des Wirkens eintrete, oder die Abnahme im Cubus der Entfernung erfolge etc. hätte gedacht werden können. Dieselbe wird eben nur deshalb gedacht, weil wir uns von einem Raume, der unter einer anderen Annahme entsteht, z. B. von einem vierdimensionalen, eben, wie Kant gleichfalls p. 27 bemerkt, keine Vorstellung zu machen im Stande sind, und die gegebene Erfahrung des scheinbar Wirklichen mit der Annahme des dreidimensionalen Raums und der Abnahme der Wirkung im Quadrate der Entfernung am vollkommensten übereinstimmt.

292. Wie der Raum unter der Annahme, dass das Wirken eine Function der Entfernung sei, eine dreidimensionale, so hat die Zeit unter der Annahme dass das Wirkende vor und nach der Abänderung seines Wirkens dasselbe sei, nur eine eindimensionale Ausdehnung. Wie jeder Ort im Raum durch sein Verhältniss zu einem andern nach drei in demselben auf einander senkrechten Richtungen, so ist jeder Punkt in der Zeit durch sein Verhältniss zu zwei andern mit ihm in derselben Richtung gelegenen, deren einer vor, der andere hinter ihm liegt, so lange vollkommen bestimmt, als nicht an die Stelle des ersten ein zweites Wirkliches getreten ist. Denn nur unter der letztern Voraussetzung, dass es sich nicht mehr um eine Abänderung des Wirkens desselben, sondern eines anderen Wirklichen handelt, ist es möglich, dass es noch einen zweiten Zeitpunkt gibt, welcher in der nämlichen Richtung von einem vor und einem hinter ihm gelegenen Punkte die nämliche Entfernung besitzt wie jener erste.

293. Mit der Annahme, dass das Wirken überhaupt keine Function der Entfernung, also von dieser unabhängig, jedes Massder Entfernung für das Mass der Wirkung gleichgiltig sei, hat sich der Mysticismus, der an die „Wirkung in die Ferne” glaubt, mit der Voraussetzung, dass der Raum eine vierte Dimension besitze, der moderne in ein exactes Gewand sich drapirende Spiritismus, mit der Hypothese endlich, dass die Verschiedenheit der individuellen Wirklichen nicht sowol in deren räumlicher und zeitlicher Bestimmtheit, als vielmehr in deren innerer qualitativer Unterschiedenheit zu suchen sei, der (im Unterschied vom quantitativen sogenannte) qualitative Atomismus (Leibnitz, Herbart, Lotze) zu schaffen gemacht. Der erste geht von dem Grundsatz aus, dass zwar die Orte der Wirklichen verschieden, also die Wirklichen ausser einander, das eine z. B. wie Ennemosers magnetisirte Frau in St. Petersburg, das andere, der Magnetiseur, in München seien, die Entfernung beider Orte jedoch für die Wirkung gleichgiltig d. h. diese auch bei der grössten Entfernung ungeschwächt und die nämliche sei. Der zweite lässt, und darin besteht seine Uebereinstimmung mit der einmal angenommenen Basis der exacten Naturwissenschaft, welche bewirkt, dass derselbe auch für Naturforscher verlockende Kraft besitzt — der zweite lässt die Annahme, dass das Wirken eine Function der Entfernung d. h. der Verschiedenheit der Orte der Wirklichen sei, gelten, besteht aber darauf, dass die Orte zweier Wirklichen, deren räumliche Lage nach allen drei bekannten Abmessungen des Raumes identisch ist, dennoch verschiedene seien d. h. dass der Raum eben noch eine, die vierte Dimension, besitze. Der qualitative Atomismus aber, welcher die räumliche und zeitliche Verschiedenheit der Wirklichen nur als eine Folge der qualitativen Verschiedenheit derselben ansieht d. h. deren räumliches Ausser- und zeitliches Nacheinander nicht als die Bedingung, sondern als die Folge der Wechselwirkung der letzteren betrachtet, daher statt die Wirkung als eine Function der Entfernung zu definiren, dieselbe vielmehr (wie der Mysticismus) nur unter Voraussetzung völligen „Ineinanders” der Wirklichen für möglich hält, kommt dadurch dahin, die räumliche und zeitliche Ausdehnung für blossen (wenngleich objectiven) Schein, die Totalität sämmtlicher individueller Wirklichen für räumlich und zeitlich ungeschieden, sonach (in räumlicher und zeitlicher, also quantitativer Hinsicht) als eins und doch ihrer Beschaffenheit nach als geschieden: d. h. (in qualitativer Hinsicht) als vieles zu setzen.

294. Mit der Entwickelung der Dreidimensionalität des Raums aus der „willkürlichen Annahme”, dass das Wirken Function derEntfernung sei, hat die Wissenschaft vom Wirklichen die Grenze desjenigen, was sich aus der Thatsache des Scheins des Vielen und Vielfachen auf philosophische d. i. auf nothwendige Weise, oder so aussagen lässt, dass eine gegentheilige Behauptung das Denken selbst aufheben würde, überschritten. Dass Wirkliches, und zwar Vieles und Vielfaches, demnach, wenn nicht anders, doch wenigstens als durch seine räumliche und zeitliche Bestimmtheit Unterschiedenes gedacht werden müsse und nicht nicht gedacht werden könne, ohne das Denken mit sich selbst d. i. mit seinen eigenen Normen in Widerspruch zu versetzen, folgert der Realismus aus der Thatsache des Scheins vieler und vielfacher Wirklichen mit Nothwendigkeit; dass das Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung der Orte des Wirklichen, zu der Erklärung des ersteren demnach die Annahme der Dreidimensionalität des Raumes erforderlich sei, folgert derselbe aber nur als Möglichkeit, neben welcher andere Möglichkeiten, und auf Grund der gegebenen Erfahrung als eine Wahrscheinlichkeit, neben welcher diese anderen als Unwahrscheinlichkeiten bestehen. Weder die Annahme des Mysticismus, dass das Wirken keine Function der Entfernung, noch jene des Spiritismus, dass der Raum vierdimensional sei, hat, so lange nicht zahlreichere und besser als die bisherigen beglaubigte Thatsachen deren Möglichkeit erweisen, die Wahrscheinlichkeit für sich; der qualitative Atomismus, welcher dahin gelangt, die Vielen (quantitativ) als eins und (qualitativ) als viele zu setzen, hat den Widerspruch, dass eins = vieles und vieles = eins sein soll, und damit die Möglichkeit gegen sich.

295. Aber auch der Versuch, das Denken selbst zu verleugnen und mit dessen Umgehung auf einem anderen Wege des Wirklichen sich zu bemächtigen, wie ihn der das Denken transcendirende und darum wol auch (obgleich, wie oben bemerkt, fälschlich) sogenannte transcendentale Realismus wagt, führt zu keinem andern Ziel. Derselbe stützt sich entweder, um der Nothwendigkeit zu entgehen, dasjenige, was vom Denken als seiend anzunehmen verboten wird, ablehnen, oder, was von diesem als wirklich anzunehmen geboten wird, annehmen zu müssen, auf den trivialen Satz, dass dasjenige, was durch das Zeugniss der Sinne bestätigt, wahr, was durch dasselbe verworfen werde, falsch sei, gleichviel ob das erstere den Normen des Denkens entgegen, das letztere durch dieselben zu denken geboten sei, und fällt dadurch auf den längst kritisch überwundenen Standpunkt des gemeinen empirischen Realismus zurück. Oder erberuft sich, um den Forderungen des Denkens auszuweichen, auf ein vom Vorstellen (dem Intellect) wesentlich und der Art nach verschiedenes Organ, über welches die Gesetze des logischen Vorstellens (die Normen des Intellects) keine Gewalt haben, dem sie daher auch weder zu gebieten, noch zu verbieten berechtigt sein sollen. Als ein solches wird von der einen Schule des transcendenten Realismus (Gefühlsphilosophie: Jacobi) das Gefühl, von der andern (Willensphilosophie: Schopenhauer) das Wollen bezeichnet. Jener zufolge ergreift im Gefühl der Fühlende das Wirkliche (übersinnlich Reale) unmittelbar, ohne Dazwischenkunft und folglich zwar ohne die Hilfe, aber auch ohne die Mängel des Intellects; dieser zufolge weiss das Subject, indem es sich selbst als wollendes weiss, damit zugleich das einzige wahrhaft Wirkliche, den Willen, unmittelbar, ohne Dazwischenkunft und folglich auch ohne das Trügerische der Vorstellung. Von der ersteren gilt, dass, da im Gefühl Gefühltes und Fühlen ununterscheidbar zusammenrinnt, derjenige, der blos fühlt, eben darum nicht weiss, und daher blosses Fühlen eben so wenig wie blosses „Ahnen” (Fries) Princip und Grundlage einer Wissenschaft werden kann. Von der letzteren gilt, dass, wie schon Herbart treffend bemerkt hat, unmittelbares Wissen wie seiner selbst als Wollenden, so des Wirklichen als Willen, ein Wissen, folglich die Möglichkeit zu wissen, und schliesslich, da Wissen eben nichts anderes als eine Art des Denkens d. i. wahres Denken ist, das angeblich mit Umgehung des Denkens erfolgte Ergreifen des Wirklichen, um überhaupt möglich zu sein, das Denken voraussetzt.

296. Letzterer Einwand, welcher die Möglichkeit, mit Umgehung des Denkens zu dem transcendenten Sein, dem Wirklichen selbst zu gelangen, überhaupt trifft, wird nicht widerlegt, sondern nur umgangen durch die Behauptung, dass die Natur des Wirklichen auf dem Erfahrungswege zwar nicht der gemeinen, sinnenfälligen, aber einer nicht gemeinen, mystischen Empirie erkannt d. h. dass das „speculative Resultat” die Erkenntniss des Wirklichen seinem Wesen nach, „auf inductivem Wege” d. i. an der Hand exacter Thatsachen erreicht werde. Ersteres wäre nur dann der Fall, wenn entweder der „Erfahrungsweg” das Denken aus- oder der angeblich „inductive Weg” exacte Thatsachen einschlösse. Jenes findet so wenig statt, dass vielmehr die Kritik des sogenannten empirischen Realismus eben nichts anderes betrifft als das Verbot, sich des sogenannten Erfahrungsweges ohne vorläufige Sichtungnach den Normen des logischen Denkens zu bedienen, dieses aber bleibt wenigstens so lange und für alle diejenigen zweifelhaft, als und für welche die angeblichen Erscheinungen der Naturheilkraft des Hellsehens, des Instincts u. s. w. den Werth unbestrittener Erfahrungsthatsache entweder noch nicht erreicht haben, oder, was eben so möglich, ja vielleicht wahrscheinlicher ist, niemals erreichen werden.

297. Mit obiger Grenzüberschreitung ist aber auch der Punkt erreicht, wo die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen der Erfahrungswissenschaft von demselben die Hand zu bieten vermag. Jene, die von der Erfahrung aus-, aber auf Grund in deren Inhalt gelegener Nöthigung über dieselbe hinausgeht, hat mit der letzteren, die nicht nur wie jene auf der Erfahrung fusst, sondern auch innerhalb derselben verharrt, die Aufgabe gemein, die Erfahrung begreiflich zu machen. Seitens der letzteren geschieht dies, indem sie das gesammte Wissen vom Wirklichen auf den Boden der Erfahrung zu stellen, seitens der ersteren, indem sie den Boden der Erfahrung selbst sicher zu legen unternimmt. Beide, die philosophische und die empirische Wissenschaft vom Wirklichen gleichen Arbeitern, welche von den entgegengesetzten Seiten eines Berges her, unsichtbar für einander, aber auf gemeinsamen Voraussetzungen fussend und einer gemeinsamen Methode sich bedienend, einen Tunnel durch das Innere desselben zu bohren unternehmen, in der Hoffnung, wenn ihre Voraussetzungen giltig und ihre Berechnungen richtig sind, irgendwo in der Höhlung desselben zusammenzutreffen. Jene schreitet von den allgemeinen Begriffen und Principien des Wirklichen und seines Wirkens in der Richtung gegen die erfahrungsmässig gegebenen Erscheinungen der scheinbaren Wirklichkeit nach vorwärts, diese, von der Erscheinungswelt der Erfahrung in der Richtung gegen deren allgemeinste und oberste reale und gesetzliche Voraussetzungen nach rückwärts. Wenn beider methodische Grundsätze giltig und ihre Folgerungen zutreffend sind, werden beide früher oder später irgendwo an der Grenze einerseits des Denknothwendigen, andererseits des Erfahrbaren einander begegnen müssen.

298. Einen thatsächlichen Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme liefert die Herrschaft, welche die Atomistik einerseits als philosophische über die philosophische, andererseits als physikalische über die empirische Wissenschaft vom Wirklichen gewonnen hat. In der ersteren ist dieselbe als zugleich realistische und pluralistischeGrundlegung der phänomenalen Welt an die Stelle der sowol idealistischen als monistischen einstigen „Naturphilosophie”, in der letzteren ist sie, wie Fechner eben so gründlich als scharfsinnig ausgeführt hat, längst mit Recht an die Stelle der (noch von Kant begünstigten) einstigen dynamischen Naturauffassung getreten. So wenig, wie Fechner selbst zugestanden hat, die philosophische Atomenlehre mit der physikalischen identisch, so gewiss ist dieselbe mit der letzteren verträglich d. h. bietet die Existenz einer unbestimmten Vielheit einfacher wirklicher und unausgesetzt wirkender Wesen einen realen Anknüpfungspunkt dar für die Zurückführung der gesammten Phänomene der körperlichen Welt auf die Existenz unbestimmt vieler untheilbarer und daher gleichfalls „einfach” genannter, mit rastlos thätigen Kräften ausgestatteter Elemente. Dass die letzteren ihrer behaupteten Einfachheit ungeachtet von Fechner als „körperliche” bezeichnet werden, ist nur als Beleg anzusehen, dass die empirische Wissenschaft vom Wirklichen, welche innerhalb der Grenzen des sinnlich Erfahrbaren bleibt, der philosophischen, welche von Haus aus über dieselben hinaus führt, zwar stetig sich nähert, aber sie noch nicht berührt.

299. Aber nicht nur der empirischen Wissenschaft von der körperlichen, auch jener von der Bewusstseinswelt sowol des Einzel- wie des gesellschaftlichen Subjects bietet die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen, jener in dem einfachen Wirklichen eine reale, dieser in der unbestimmten Menge realer Bewusstseinsträger eine reale und pluralistische Grundlage dar. Wie die unbestimmte Vielheit einfacher Wirklicher den haltbaren Boden für den aus einer eben so unbestimmten Vielheit atomistischer Elemente zusammengesetztenStoffderphysischenWelt, so bildet das einzelne individuelle Wirkliche den haltbaren Mittelpunkt, in welchem der aus einer unbestimmten Menge elementarer Bewusstseinsvorgänge bestehendeStoffderpsychischenWelt im Phänomen der Einheit des Ich’s wie in einem Brennpunkt zusammenfliesst, und macht die Vielheit individueller Wirklichen der letztgenannten Art, deren jedes für sich ein Bewusstseinscentrum abgibt, die unentbehrliche Grundlage dessen aus, was als Vereinigung durch ein gemeinsames Band unter einander verknüpfter, bewusster oder doch bewusstseinsfähiger Individuen denStoffderGesellschaftund der Entwickelung derselben in den Grenzen des Raums und in der Folge der Zeit d. i. derGeschichteausmacht.

300. Letzteren, den dreifachen Stoff, den die Betrachtung der körperlichen, der Bewusstseins- und der geschichtlichen Welt liefert, aber vermag die Wissenschaft vom Wirklichen nicht der philosophischen, sondern nur der empirischen Wissenschaft von diesem zu entlehnen. Der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen kann es nicht beikommen, die unausgefüllte Kluft, welche zwischen den äussersten erlaubten Consequenzen des Denknothwendigen und den äussersten Grenzen des Erfahrbaren übrig bleibt, durch Conjecturen ausfüllen, oder den Uebergang von dem einen zum andern durch Einbildungen ebnen zu wollen, welche weder mehr in der Nothwendigkeit des Denkens, noch schon in der Möglichkeit der Erfahrung eine Rechtfertigung zu finden im Stande sind. Dieselbe hat zwar die Aufgabe, die Erfahrung zu befragen und, wenn deren Antwort ihr unbefriedigend, sei es der Form nach unvollkommen, sei es dem Inhalt nach unvollständig dünkt, dieselbe den Normen des Denknothwendigen gemäss der ersten nach zu berichtigen, dem zweiten nach deren Ergänzung abzuwarten, aber sie hat weder die Mittel dieselbe aus Eigenem zu ersetzen, noch, wenn sie nicht vom Taumel orphischen Hochmuths ergriffen ist, jemals die Anmassung, die Erfahrung überflüssig machen zu wollen. Indem sie sonach an die selbst aus der Erfahrung geschöpfte Eintheilung des erfahrbaren Wirklichen in ein solches, dessen Kenntniss aus der sogenannten äusseren (Physisches) ein solches, dessen Kenntniss aus der sogenannten inneren (Psychisches), und in ein solches, dessen Kenntniss aus der äussern und innern Erfahrung zugleich stammt (Sociales, Geschichtliches) sich unbedenklich anschliesst, begnügt sie sich, jedes der drei genannten Gebiete des Erfahrbaren mit dem auf Grund der Erfahrung, aber durch Hinausgehen über dieselbe als denknothwendig erkannten, wahren Wirklichen zu vermitteln und in einer an logischem Faden ungezwungen fortlaufenden Anordnung des durch die Erfahrung gebotenen Stoffs eine systematische Uebersicht des erfahrbaren Wirklichen in der Körper-, in der Geistes- und in der geschichtlichen Welt zu entwerfen. Jenes macht den Inhalt der philosophischen Betrachtung der sogenannten bewusstlosen Welt, oder des Nicht-Ich, das zweite den Inhalt der Betrachtung der bewussten Welt, des Ich, das dritte den Inhalt der Betrachtung einer gleichfalls bewussten, aber in dem Bewusstsein einer Mehrheit zur Einheit verknüpfter, bewusster Individuen d. i. einer Gesellschaft sich abspielenden Welt des socialen oder geschichtlichen Ich aus.

301. Die Betrachtung des Nicht-Ich beginnt mit jener des letzten, was auf dem Wege der Erfahrung, oder vielmehr schon nur durch einen Sprung, der über die wirkliche Erfahrung hinausführt, erreichbar ist, des Atoms. Dasselbe ist nach der Ansicht der Physiker (Ampère, Moigno u. A.) zwar einfach aber doch „körperlich” (Fechner); jenes bedeutet, dass dasselbe untheilbar oder doch wenigstens für jetzt nicht weiter als getheilt angesehen sein soll, dieses, dass dasselbe nichts desto weniger als materiell d. i. dem körperlichen Stoff (Materie), dessen letzten Bestandtheil es ausmacht, als gleichartig gelten soll. Erstere Eigenschaft nähert, letztere dagegen entfernt das physikalische Atom von dem philosophischen, welches letztere zwar im strengsten Sinn des Wortes seiner Qualität nach als einfach, dessen Qualität selbst aber als schlechterdings unbekannt d. h. auch nicht, wie jene des physikalischen Atoms, etwa als materiell zu denken ist. Je nachdem empirische Naturbetrachtung von der Ansicht ausgeht, dass sämmtliche Atome unter einander der Qualität nach gleich, oder einige derselben ursprünglich und unveränderlich ihrer qualitativen Beschaffenheit nach von jener der anderen verschieden sind, scheidet sich dieselbe in eine rein quantitative und in eine ganz oder doch zum Theile qualitative Atomistik, deren erstere nicht nur alle Verschiedenheiten der Körper, sondern auch sämmtliche Erscheinungen der körperlichen Welt aus den Verschiedenheiten rein quantitativer Beziehungen unter der Qualität nach homogenen, die letztere dagegen dieselben ganz oder doch theilweise aus der verschiedenen qualitativen Natur die Elemente der Körper, so wie die Grundlage körperlicher Erscheinungen ausmachender, unter einander heterogener Atome abzuleiten bemüht ist.

302. Die erfahrungsmässig gegebenen Verschiedenheiten der Körperd. i.der räumlich und zeitlich begrenzten zusammengehörigen Gruppen von Atomen, also die Unterschiede einerseits des belebten (organischen) oder leblosen (unorganischen) Körpers, ferner die Unterschiede der letzteren, als zusammengesetzte, die sich in weitere, der Qualität nach verschiedene Bestandtheile zerlegen, und einfache (die sogenannten einfachen Stoffe der Chemie), die sich in solche nicht weiter auflösen lassen, ferner die Unterschiede der letzteren selbst je nach ihrer qualitativen Beschaffenheit (z. B. des Sauerstoffs vom Wasserstoff, des Stickstoffs vom Kohlenstoff, des Calcium vom Magnesium u. s. w.) werden von der qualitativen Atomistik auf eine fundamentale qualitative Verschiedenheit der den Stoff derKörper ausmachenden letzten Elemente zurückgeführt, so dass dieselben bei den organischen Körpern andere als bei den unorganischen und ebenso bei jedem der einfachen Körper, welche die letzten qualitativ unterschiedenen Bestandtheile der zusammengesetzten abgeben, andere als bei den übrigen seien. Dieselbe betrachtet als sogenannte biologische Atomistik jeden belebten Körper als bestehend aus gleichfalls lebendigen Atomen, den sogenannten Zellen, während der leblose Körper bis in seine letzten Elemente hinab aus gleichfalls leblosen Elementen bestehend vorgestellt wird. Als sogenannte chemische Atomistik sieht dieselbe nicht nur den zusammengesetzten Körper, z. B. das Wasser, für bestehend aus qualitativ verschiedenen und zwar aus Atomen von zweierlei Art an, davon die einen sauerstoff-, die andern wasserstoffartig und davon jene mit diesen nach einem bestimmten Verhältniss, so dass auf je zwei Atome Wasserstoff ein Atom Sauerstoff (H2O) gerechnet wird (dem sogenannten stöchiometrischen Verhältniss), unter einander verbunden sind. Wird letztere Ansicht auch auf die sogenannten organischen Körper ausgedehnt, so dass diese als zusammengesetzt aus einfachen Stoffen gedacht werden, welche unter andern Verhältnissen die Bestandtheile unorganischer Körper ausmachen z. B. aus Sauerstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff und hauptsächlich Stickstoff, so schwindet zwar der qualitative Unterschied zwischen belebten und unbelebten Körpern, aber derjenige zwischen den einfachen Körpern bleibt bestehen d. h. die Atome des Sauerstoffs sind nach wie vor qualitativ verschieden von jenen des Wasserstoffs, die des Azots von jenen des Carbons u. s. w. Zeigen nun Körper, ungeachtet die qualitativen Bestandtheile derselben die nämlichen sind, dennoch verschiedene Eigenschaften (die sogenannte Isomerie), so werden, da diese Verschiedenheit nicht mehr aus der Verschiedenheit der qualitativen Beschaffenheit der Elemente sich erklären lässt, quantitative Verschiedenheiten der (qualitativ gleichen) Körper und zwar solche, welche entweder aus dem arithmetischen Gesichtspunkt der Menge oder aus dem geometrischen der (räumlichen) Lage der Elemente entlehnt sind, zur Erklärung herangezogen. (Wie dies z. B. bei der Weinsteinsäure, welche auf die Polarisationsebene des Lichtes eine drehende Wirkung ausübt, bei der Thatsache der Fall ist, dass eine Gattung derselben unter übrigens ganz gleichen Verhältnissen jene Ebene nach rechts, eine andere dagegen dieselbe nach links dreht. In diesem Falle wird angenommen, dass die Atome der rechtsdrehenden Weinsteinsäureeine Lagerung nach rechts, jene der letzteren eine solche nach links besitzen.)

303. Das Charakteristische der quantitativen Atomistik besteht darin, dass sie diejenige Hypothese, welche die qualitative nur in Ausnahmsfällen, wie z. B. in jenem der Isomerie, zu Hilfe ruft, der gesammten Erklärung der Körperwelt als alleinige zu Grunde legt. Während dieser zufolge die Verschiedenheit der Körper in der Regel auf der qualitativen Verschiedenheit ihrer Elemente d. h. auf der Verschiedenheit ihresStoffesund nur in einigen Fällen auf der Verschiedenheit der Zusammensetzung ihrer übrigens gleichen Elemente d. i. auf jener derFormberuht, macht jene letztere Ausnahme zur Regel d. h. betrachtet die Isomerie als eine Grund- und gemeinsame Eigenschaft aller sonst wie immer unterschiedenen Körper und leitet sämmtliche Verschiedenheiten der letztern ausschliesslich aus der Verschiedenheit ihrer Zusammensetzung aus übrigens gleichen Elementen d. i. aus der Form ab. Ihr zufolge sind daher nicht nur die Elemente des belebten nicht von jenen des unbelebten Körpers, sondern auch die Elemente irgend eines einfachen Stoffes nicht von jenen jedes beliebigen andern Stoffes verschieden. Letzteres setzt voraus, dass die gleichwol unbestreitbare Unterschiedenheit sowol der nächsten — durch die Analyse organischer Körper erreichbaren — Bestandtheile von den — durch Analyse sogenannter unorganischer Körper darstellbaren — Stoffen (z. B. des Eiweissstoffes, des Proteïns, des Caffeïns, Theïns u. dgl. von Oxygen, Hydrogen, Gold, Eisen, Platin u. s. w.) wie die gleichfalls unleugbare Unterschiedenheit der einfachen Stoffe selbst gleichwol nur eine scheinbare, der Grund derselben lediglich in der verschiedenen Art der Verbindung ursprünglich durchaus homogener Elemente zu einem Ganzen zu suchen, der sogenannte organische Körper zwar in seinen nächsten und näheren, keineswegs aber in seinen entfernten und entferntesten Bestandtheilen von den unbelebten unterschieden, so wie dass die ganze bekannte und noch zu ergänzende Reihe sogenannter einfacher d. i. weiter nicht zerlegbarer Stoffe nur als eine Reihe der Form nach unterschiedener Umbildungen eines einzigen (sei es eines der bereits bekannten Stoffe oder eines bisher unbekannten Stoffes) anzusehen sei. Erstere Behauptung, die der stofflichen Identität der lebendigen und leblosen Körper, hat in der Naturwissenschaft unserer Tage bereits weite Verbreitung gefunden; letztere Behauptung, welche auf einem weiten Umwege in exacter Weise die Ansicht der Urmutter der Chemie,der Alchymie, von der Transformationsfähigkeit der verschiedenen Körper in einander erneuert, hat in der sogenannten „Philosophie der Chemie” (J. B. Dumas) ihren Platz und durch die Aufstellung der sogenanntenTypentheorie und die Entdeckung der sogenannten typischen Körper, durch welche von Einigen die grosse Zahl der bisher als einfach angenommenen Stoffe bereits bis auf acht herabgemindert scheint (Ciancian), bereits eine empirische, wenigstens annähernde Bestätigung erhalten.

304. Die Aufgabe einer logischen Uebersicht des empirischen Stoffs kann es nicht sein, über die Geltung der einen oder der andern beider entgegengesetzten Formen der Atomistik, über welche nur Thatsachen zu entscheiden vermögen, einen Ausspruch zu thun. Die logische Consequenz d. i. die innere Uebereinstimmung mit der durch die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen gelegten realen Grundlage der phänomenalen Welt hat, wie es augenscheinlich ist, die quantitative Atomistik in höherem Grade als die qualitative für sich. Ist es überhaupt richtig, dass die vielen unbedingt gesetzten einfachen Wirklichen unter einander die kleinste denkbare qualitative Verschiedenheit d. i. keine andere besitzen als diejenige, welche in deren räumlichen und zeitlichen Bestimmtheiten sich ausdrückt, so ist es nur folgerichtig, auch die Gesammtheit der letzten realen Elemente, welche zusammengenommen den Stoff der Körperwelt ausmachen, der physikalischen Atome, als einen Inbegriff qualitativ gleichartiger Elementarbestandtheile der Körper zu betrachten. Das elementare Atom, dessen Qualität eben diejenige des einzigen wirklichen Grundstoffs ist, wird sodann gleichsam die unterste Stufe einer aufsteigenden Reihe bilden, als deren einzelne Glieder nach einander die Atome der bisher sogenannten einfachen Stoffe (das Sauerstoff-Atom, das Stickstoff-Atom, das Gold-Atom u. s. w.) auftreten würden, deren jedes für sich durch eine eigenthümliche Combination, sei es von Atomen des Urstoffs, sei es von solchen, die selbst schon durch dergleichen gewonnen wären, repräsentirt würde. Die Aufstellung dieser Reihe, welche die übliche Zerlegung organischer und unorganischer Körper in deren sogenannte einfache Bestandtheile über die Grenze der bis zu diesem Augenblicke als einfach betrachteten Stoffe hinaus durch die erreichte oder doch versuchte Zerlegung dieser selbst bis zu dem schlechterdings letzten nicht blos relativ, sondern absolut einfachen Grundstoff ausdehnt, würde sodann das Ziel der Chemie als Wissenschaft ausmachen.

305. Wie der quantitativen Atomistik für die stoffliche Beschaffenheit sämmtlicher Elemente der Körperwelt eine einzige Qualität, so genügt ihr für die Art und Weise des Wirkens derselben ein einziges Gesetz; die qualitative Atomistik, insofern sie eine Mehrheit qualitativ unterschiedener Classen körperlicher Bestandtheile zulässt, bedarf für die qualitativ verschiedene Art des Wirkens jeder einzelnen derselben eben so vieler specifisch verschiedener Gesetze. So lange die Elemente organischer Körper selbst als organisch, die unorganischer Körper dagegen als unorganisch gelten, kann das Gesetz, welches das Wirken der erstern, mit jenem, welches das der letzteren beherrscht, so wenig wie das Wirken jener „lebendigen” Elemente (die Lebenskraft) mit jenem der „leblosen” Elemente (der todten Naturkraft) identisch sein. Eben so wenig kann das Wirken, welches seinen Grund in der qualitativen Verwandtschaft (Affinität) der Körper hat (chemische Anziehung) das nämliche sein mit demjenigen, das auch bei völliger Nichtverwandtschaft (Disparatheit, Heterogeneität) der Körper erfolgt (mechanische Anziehung) und folglich eben so wenig das Gesetz, welches jenes (Affinitätsgesetz, Wahlverwandtschaft), identisch mit demjenigen, welches dieses regelt (Gravitationsgesetz, Schwere). Mit der Aufhebung qualitativer Verschiedenheit der Körper tritt der umgekehrte Fall ein. Das Gesetz, welches das Wirken der Elemente organischer Körper bestimmt, braucht fortan von demjenigen, von welchem das Wirken der Elemente unorganischer Körper abhängt, eben so wenig verschieden zu sein, als das Wirken, das seinen Grund in der Verwandtschaft der Körper hat, als das Wirken der ursprünglichen Elemente d. h. als dasjenige betrachtet werden kann, für welches Gleichartigkeit oder Ungleichartigkeit derselben gleichgiltig und das daher eben so wenig durch die qualitative Aehnlichkeit wie durch den qualitativen Gegensatz der Körper bedingt ist. Sind die Elemente belebter und unbelebter Körper qualitativ dieselben, so ist auch deren Wirken und folglich dessen Gesetz dasselbe; ist das Wirken in Folge der Verwandtschaft nicht dasjenige der ursprünglichen Elemente, so ist auch dessen Gesetz nicht mit dem Gesetz des Wirkens dieser letzteren, und da diese die wahren, weil letzten Elemente der Körper sind, nicht mit jenem der wahren Körperelemente identisch. Wird daher, wie die quantitative Atomistik thut, auf die in der That letzten Bestandtheile der Körperwelt, die unter einander qualitativ nicht weiter unterschiedenen Atome zurückgegangen, so muss das Gesetz, welches das Wirken dieser letzterenregelt, das nämliche und einzige für das Wirken der gesammten Körperwelt sein. Die Aufstellung dieses Gesetzes, welches die Zerlegung der scheinbar unter einander grundverschiedenen Wirkungsweisen der scheinbar von einander qualitativ unterschiedenen Körper bis zur Auflösung der ersteren in die überall in gleicher Weise erfolgende Wirkungsweise der wahren d. i. in allen Körpern qualitativ identischen Elemente der Körperwelt verfolgt und dadurch die gesammte phänomenale Welt als unter der Herrschaft eines und desselben, wenn gleich nicht selten in so verwickelter Form auftretenden Gesetzes, dass es den Anschein eines neuen Gesetzes erhält, stehend erweist, müsste das Ziel der Physik als mechanischer Wissenschaft ausmachen.

306. Als dieses Gesetz sieht die moderne Naturwissenschaft das Gravitationsgesetz Newton’s an. Die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen bestimmt, wie oben gezeigt, das Wirken der Atome als eine Function ihres räumlichen Abstandes von einander. Die empirische geht über diese Allgemeinheit des Inhalts hinaus und bestimmt letztere näher als Abnahme des Wirkens im Quadrate der Entfernung. Dieselbe bleibt jedoch keineswegs bei der Bestimmung des Wirkens seinem Quantum nach stehen, sondern schreitet zu der Erweiterung derselben seinem Quale nach fort, indem sie dasselbe in den relativ grössten Abständen der Atome von einander als Anziehung, Attraction, in den relativ kleinsten als Abstossung, Repulsion charakterisirt. Erstere bewirkt, dass die Atome auch in den relativ weitesten Abständen von einander noch zusammengehalten, letztere macht, dass dieselben in Eins zusammen zu fallen verhindert werden. In Folge der Attraction bilden sämmtliche durch dieselbe an einander geknüpfte Atome ein nicht nur in Gedanken, sondern durch ein physisches Band zusammenhängendes Ganzes; in Folge der Repulsion bilden dieselben, weil die letztere die Annäherung der Atome an einander über das Mass einer gewissen (kleinsten) Entfernung hinaus unmöglich macht, ein discretes Ganzes. Während der Raum, der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen zufolge, demnach stetig mit „philosophischen” Atomen d. i. im strengsten Sinne des Wortes einfachen Wirklichen erfüllt gedacht werden muss, erscheint derselbe in der empirischen Wissenschaft vom Wirklichen nur in der Weise mit „physikalischen” Atomen d. i. mit im physikalischen Sinn letzten Elementen der Körperwelt erfüllt, dass zwischen je zwei derselben leerer Raum d. h. ein Zwischenraum vorhanden ist, in dem keine weiteren„physikalischen” Atome sich befinden. Dass mit der Einschiebung desselben die Schwierigkeit des Begreifens einer actio in distans d. i. eines Wirkens durch den leeren Raum hindurch wiederkehrt, pflegt, da dieselbe ja nur eine „philosophische” ist, der empirischen Physik selten Verlegenheit zu bereiten.

307. Dagegen hat sich dieselbe auf Grund der sogenannten „Imponderabilien” veranlasst gesehen, durch die Einführung eines weiteren gleichfalls körperlichen, jedoch, mit den physikalischen Atomen verglichen, relativ „unkörperlichen” Stoffs, des sogenannten „Aethers”, in die leer gelassenen Zwischenräume der physikalischen Atome, welche letzteren in demselben gleichsam, wie die Sterne am Firmament, zerstreut zu schweben, oder, wie die Fische im Wasser, in unregelmässigen Abständen zu schwimmen scheinen, der Ansicht der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen von dem stetigen Erfülltsein des Raumes durch einfache Wirkliche, um einen beträchtlichen Schritt näher zu kommen. Die Elemente desselben, die sogenannten Aetheratome, verhalten sich zu den physikalischen gleichsam wie Atome zweiter zu solchen erster Ordnung. Dieselben werden zwar eben so wenig wie diese ohne leere Zwischenräume, letztere selbst aber werden im Verhältniss zu diesen als „unendlich klein” und das von den Aetheratomen ausgehende Wirken wird zwar gleichfalls wie das der Körperatome als Anziehung und Abstossung, jedoch als nur in der kleinsten Entfernung wirksam vorgestellt. Jedes Körperatom erscheint wie von Aetheratomen eingehüllt, welche dasselbe in Gestalt einer Sphäre von allen Seiten umgeben und mit jenem zusammen unter der Form winziger Kügelchen, deren vergleichsweise dichten Kern das Körperatom, deren dünnere Peripherie die Aetheratome ausmachen, die reale durch den Raum discret vertheilte Grundlage der sogenannten Materie bilden.

308. Je nachdem die erfahrungsmässig gegebenen Phänomene der körperlichen Welt auf die Körperatome allein ohne Berücksichtigung des deren Zwischenräume ausfüllenden Aethers, oder auf die Aetheratome allein als Bestandtheile des die Zwischenräume der physikalischen Atome ausfüllenden Stoffs zurückgeführt werden, ergeben sich zwei Hauptclassen physischer Phänomene, deren eine das Wirken und die Zustände des im engern Sinn sogenannten körperlichen Stoffs, die andere das Wirken und die Zustände des Zwischenstoffs d. i. des Aethers umfasst. Jene begreift, je nach der Grösse der Abstände der Körperatome unter einander und der davon abhängigen Menge dieser letzteren selbst innerhalbbestimmter räumlicher Grenzen (Volumen), dreierlei Gattungen von Körpern, deren eine bei einem gewissen Volumen die relativ grösste, deren dritte bei demselben Volumen die relativ kleinste Menge von Körperatomen enthält, während die zweite eine im Verhältniss zu jenem Volumen mittlere Menge von Atomen einschliesst. Folge davon ist, dass in den Körpern der ersten Gattung die Abstände der einzelnen Atome von einander relativ die kleinsten, dagegen bei Körpern der dritten Gattung relativ die grössten sein müssen, während bei den Körpern der Mittelgattung die Distanz der Atome eine mittlere ist. Die Atome von Körpern der ersten Gattung werden daher, da die anziehende Kraft je kleiner die Entfernung desto stärker wirkt, am festesten, die Atome von Körpern der dritten Gattung werden, da die Anziehung mit der Entfernung abnimmt, am lockersten unter einander zusammenhängen; die Atome der Körper der Mittelgattung werden, da die Entfernung und folglich die Anziehung eine mittlere ist, einen mittleren Grad des Zusammenhangs darstellen. Bei Körpern der ersten Art wird daher nicht nur das Verhältniss der Menge der Atome (der Masse) zu der räumlich begrenzten Grösse des Inhalts (dem Volumen) d. i. die relativeDichtigkeitdie grösste, sondern auch der Widerstand, welchen dieselben der Trennung der Atome entgegensetzen, in Folge der starken Anziehung der Theile unter einander (der Cohäsion) der relativ bedeutendste, bei Körpern der dritten Art dagegen aus demselben Grunde die Dichtigkeit die geringste und der Widerstand gegen die Trennung der mindestbedeutende sein, während den Körpern der zweiten Art mit einer mittleren Dichtigkeit auch ein mittlerer Widerstand d. h. ein solcher, welcher die Trennung der Atome weder erschwert noch erleichtert, also gegen dieselbe sich gleichgiltig verhält, eigen ist. Körper der ersten Art, als deren Repräsentant die Erde angesehen wird, werden als feste, Körper der dritten Art, als deren Repräsentant die atmosphärische Luft gilt, als luft- oder gasförmige, Körper der mittleren Art, deren Typus das Wasser darstellt, werden als flüssige bezeichnet.

309. Weder die Grösse des räumlichen Volumens, noch jene der Masse, oder der Abstände der Atome von einander, absolut betrachtet, macht hiebei einen Unterschied. Das Gesetz, welches die Atome der grossen Weltkörper, der Nebelflecke und Sternhaufen zusammenhält, ist genau das nämliche, welches auch die Atome des kleinsten Bruchtheils eines festen Körpers auf der Erde an einander bindet; die Atome des Weltmeeres hängen in keinerandern Weise zusammen, als jene des Wassertropfens; und die Atmosphäre, welche entfernte Weltkörper umhüllt, ja die ganze durch den Weltraum ausgebreitete, verdünnte Luftmasse zeigt mit jener der irdischen Lufthülle verglichen nur graduell verschiedene Structur. Zwischen den drei genannten Gattungen von Körpern aber herrscht dabei das Verhältniss, dass einerseits der luftförmige Körper durch Verminderung der Abstände seiner Atome unter einander zuerst, wenn dieselbe den mittleren Grad der Entfernung erreicht, in flüssigen, wenn sie denselben überschreitet, allmälig in festen Zustand übergehen d. h. sich verdichten, umgekehrt der feste Körper durch Vergrösserung jener Abstände seinerseits in flüssigen und allmälig in luftförmigen Zustand übergehen d. h. sich verdünnen kann. Je nachdem hiebei die zeitliche Aufeinanderfolge der genannten Zustände verschieden, also entweder der feste, oder der luftförmige, oder der flüssige als der (zeitlich) erste gedacht wird, aus welchem die andern sich entwickelt haben, so dass im ersten Fall aus der Verdichtung allmälig die Verdünnung, im zweiten aus der Verdünnung allmälig (durch Niederschlag) die Verdichtung, im dritten aus einer mittleren Dichtigkeit durch Verdichtung einerseits das Feste, durch Verdünnung andererseits das Luftförmige hervorgeht, gliedern sich die verschiedenen physikalischen Kosmogonien, als deren Repräsentanten schon im Alterthum erscheinen: die Atomistiker, welche das Feste (die körperlichen Atome), die jonischen Naturphilosophen Anaximenes und Diogenes von Apollonia, welche das Luftartige, und Thales, welcher das Flüssige für das der Zeit nach Erste erklärten, aus dem alles Uebrige entstanden sei.

310. In allen genannten Fällen ist die Verbindung der Atome unter einander eine mechanische, durch ein und dasselbe allgemeine Gesetz der Anziehung nach dem umgekehrten Quadrate der Entfernung beherrschte, welche so lange besteht, als dieses seine Geltung behauptet, und daher jeder willkürlichen Aufhebung, sie komme von welcher Seite immer, entzogen ist. Die zum Körper vereinten Atome erscheinen unter der Pression dieses Gesetzes selbst zu einem mehr oder minder lockern Gefüge comprimirt, also gleichsam einem von aussen kommenden Drucke unterworfen. Die Elemente der Körper selbst stellen zusammengenommen einen durch Vereinigung (Association) entstandenen räumlich begrenzten Haufen, eine Menge gemengter (nicht gemischter) Bestandtheile dar, deren jeder undurchdrungen von dem andern und undurchdringlich für dieandern für sich und zugleich im Verbande mit den andern als Glied eines physischen Ganzen besteht. Auf qualitative Verschiedenheit der zum Ganzen des Körpers verbundenen Theile konnte bisher schon aus dem Grunde keine Rücksicht genommen werden, weil die quantitative Atomistik eine solche bei den ursprünglichen Elementen der Körperwelt, den primitiven Körperatomen, nicht kennt. Soll daher dennoch von qualitativ unterschiedenen Elementen der Körper die Rede sein, so können diese nicht selbst primitiv, sondern sie müssen aus der allerdings primären Verbindung primitiver Atome gleichsam als Atome höherer Ordnung entstanden sein. Von dieser Art wären, wenn die Ansicht der quantitativen Atomistik die richtige und die darauf fussende Behauptung der „philosophischen” Chemie, dass alle scheinbar heterogenen Stoffe Umbildungen eines Grundstoffs seien, giltig sein sollte, die bisher sogenannten einfachen Stoffe d. i. Körper wie Sauerstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff u. s. w. aufzufassen, deren jeder demzufolge aus Atomen bestehend gedacht würde, welche selbst eine eigenartige Gruppirung der primitiven Atome in sich schlössen. Das sogenannte Sauerstoffatom wäre sonach zwar im Verhältniss zu dem sogenannten Kohlenstoffatom, keineswegs aber im Verhältniss zu den primitiven Atomen als wirklich atom d. i. als theillos zu bezeichnen, da dasselbe zwar eben so wenig aus weiteren Sauerstoffatomen wie das Kohlenstoffatom aus weiteren Kohlenstoffatomen, keineswegs aber, wie es im Begriff des primitiven Atoms liegt, überhaupt nicht aus weiteren Atomen bestehend gedacht wird. Wie das primitive einfaches, so wäre demnach das Sauerstoffatom zusammengesetztes d. i. aus zu einem Ganzen verbundenen primitiven Atomen bestehendes Atom (Molecul) und der (feste, flüssige oder luftförmige) Körper, bei dessen Zusammensetzung die qualitative Beschaffenheit seiner Bestandtheile in Frage kommt, ist sonach als ein in seinen nächsten Bestandtheilen nicht aus einfachen, sondern aus zusammengesetzten Atomen bestehender anzusehen.

311. Wie die Verbindung der Atome im mechanisch zusammengesetzten Körper eine mechanische, so ist sie in dem chemisch zusammengesetzten Körper, derselbe bestehe nun aus einander homogenen oder heterogenen Elementen, eine chemische, auf der Anziehung derselben in Folge ihrer qualitativen Verwandtschaft (Affinität) beruhende. Dieselben stehen wie die Bestandtheile des mechanischen Körpers unter der Herrschaft eines allgemeinen Gesetzes, nur dass dieselbe nicht sowol, wie dort, einem von aussenausgeübtenDrucke, als vielmehr einem von innen aus der Beschaffenheit der Atome stammendenZugesich vergleichen lässt, vermöge dessen die Atome wie Glieder einer und derselben Familie sich zu einander hingezogen, oder wie Glieder heterogener Rassen (z. B. Weisse und Farbige) sich von einander abgestossen fühlen. Wie die Verbindung blutsverwandter Familienglieder eine innigere ist als die blos gesellige Zusammenkunft einander gleichgiltiger Genossen, so ist die chemische Vereinigung qualitativ Verwandter inniger, als jene blos mechanische indifferenter Atome und wird deshalb als Verschmelzung im Gegensatz zur blossen Summation, als „Mischung” im Gegensatz zur blossen Mengung bezeichnet. Letzterer Ausdruck ist insofern ungenau, als er zu dem Irrthum verleiten kann, eine völlige „Durchdringung” der einzelnen Atome als möglich anzunehmen, während doch nur eine „Durchdringung” der sich unter einander verschmelzenden Körper (z. B. Kohlenstoff und Sauerstoff zu Kohlensäure) in der Weise stattfindet, dass mit jedem Atom des ersteren zwei Atome des letzteren sich verbinden, also ein neues Gemenge gleichsam höherer Art entsteht, dessen Atome je eine binäre Verbindung zwischen O und C darstellen, die einzelnen, sowol Kohlenstoff- als Sauerstoffatome, dagegen für einander undurchdringlich bleiben.

312. Sowol der mechanisch wie der chemisch zusammengesetzte Körper hat die Eigenschaft, dass, sobald der dessen Bestandtheile zusammenhaltende Druck oder Zug aus was immer für einem Grunde erlischt, derselbe in seine Elemente zerfallen oder sich auflösen muss. Wird statt dessen auf Grund einer im Körper selbst enthaltenen Veranlassung jene zusammenhaltende Kraft ununterbrochen erneuert, entweder indem überhaupt neuer Stoff, welchem dieselbe Anziehung, oder neuer qualitativ verwandter Stoff, welchem derselbe Zug innewohnt, von neuem herbeigeschafft wird, so entsteht im Gegensatz zu jenem aus Mangel an Erneuerung abgestorbenen leblosen (unorganischen) der belebte (organische) Körper. Die Eigenthümlichkeit, welche denselben von dem mechanischen Körper unterscheidet, besteht darin, dass der letztere, sobald die Bestandtheile desselben durch andere ersetzt werden, nicht mehr derselbe, sondern ein neuer, wenngleich dem vorigen gleicher, der organische Körper dagegen auch nach dem Ersatz derjenigen seiner Bestandtheile, deren Anziehung unter einander erloschen ist, durch andere, noch immer derselbe wie früher d. h. ein blos erneuerter ist. Die Eigenthümlichkeit, welche denselben vom chemischen Körperunterscheidet, dagegen besteht darin, dass der organische Körper niemals, wie der einfache chemische homogen, sondern stets heterogen d. h. aus verschiedenen Stoffen zusammengesetzt sein muss, aber nicht, wie andere chemische Körper, aus beliebigen (z. B. Wasser aus Sauerstoff und Wasserstoff, atmosphärische Luft aus Sauerstoff und Stickstoff, Kalk aus Calcium und Sauerstoff, Kochsalz aus Chlor und Natrium), sondern jedesmal nur aus gewissen Stoffen zusammengesetzt sein darf. Folge der ersteren Eigenschaft ist, dass ein Theil des organischen Körpers, nämlich derjenige, in dem die Veranlassung liegt, dass sich der übrige Theil ohne Schädigung des Ganzen zu erneuern vermag, diesem letzteren gegenüber eine ausgezeichnete Stellung behauptet, insofern er den bleibenden, dieser dagegen den wechselnden Bestandtheil des Körpers ausmacht, jener also denjenigen, durch welchen der Körper immer derselbe bleibt, dieser denjenigen, durch welchen derselbe unaufhörlich ein anderer wird. Folge der letzteren Eigenschaft ist, dass, wo gewisse einfache chemische Körper mangeln, als welche die Erfahrung bisher Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff und hauptsächlich Kohlenstoff hervorzuheben gelehrt hat, die Entstehung organischer Körper, auch wenn alle übrigen Bedingungen und die grösste Fülle anderweitiger chemischer Körper vorhanden wäre, unmöglich ist. Finden beide Bedingungen vereinigt bei der kleinstmöglichen Anzahl körperlicher Atome Erfüllung, so entsteht der denkbar kleinste belebte Körper, das organische Atom, die sogenannte Zelle, während aus der Verbindung von solchen, sei es mit, sei es ohne Zuhilfenahme unorganischer Bestandtheile, der Zellenorganismus d. i. der — wie der mechanische Körper aus mechanisch verbundenen mechanischen, wie der chemische Körper aus chemisch verbundenen chemischen, so aus organisch verbundenen organischen Elementen bestehende — organische Körper hervorgeht.

313. Die ausgezeichnete Stellung des beharrenden Theils gegenüber dem wechselnden im belebten Körper äussert sich nicht blos darin, dass er selbst (er sei nun ein einzelnes Atom oder eine Gruppe von solchen) während der ganzen Dauer des organischen Körpers (Lebensdauer) immer derselbe bleibt, sondern auch darin, dass in ihm die Ursache enthalten ist, um welcher willen und durch welche nicht nur stets neuer und zwar zu seiner Erhaltung passender Stoff (Leibesnahrung) herbeigeschafft, sondern auch der Neuheit des Materiales zum Trotz die ursprüngliche Form (Leibesform) im Wesentlichen unverändert erhalten wird. Derselbe stelltdaher gleichsam den beherrschenden Mittelpunkt („die Seele”) dar, zu welchem die Gesammtheit des übrigen den Körper jeweilig ausmachenden Stoffs sich als beherrschtes, zur Erhaltung des Ganzen verbrauchbares Material („als Leib”) verhält. Da derselbe beherrschend nur im Verhältniss zu dem von ihm Beherrschten, mit dem Aufhören der Herrschaft aber zwar Beherrschendes wie Beherrschtes nach wie vor vorhanden, aber nicht mehr als Herrscher und Beherrschtes vorhanden sind, so hört mit dem Erlöschen des organischen Bandes zwischen der „Seele” und dem „Leibe” des belebten Körpers d. i. mit dem Tode auch der bisher herrschend gewesene Bestandtheil desselben auf, Seele eines Leibes, wie der bisher beherrscht gewesene Bestandtheil desselben aufhört, Leib einer Seele zu sein; das Atom oder die Atome, welche bisher den bleibenden, so wie diejenigen, welche bisher den jeweiligen veränderlichen Bestandtheil des organischen Körpers ausgemacht haben, hören jedoch dadurch keineswegs auf, als Atome d. i. zwar aus ihrer bisherigen Verbindung ausgelöst, aber fähig und bereit, neue Verbindungen einzugehen, sei es wieder als „Seele” eines Leibes (Metempsychose) oder als Leibtheil einer Seele (Palingenesie), zu existiren.

314. Je nachdem der organische Körper als am Orte haftend, oder mit der Fähigkeit begabt, denselben beliebig zu wechseln, so wie, je nachdem derselbe als sich oder anderes vorstellend oder überhaupt nicht als vorstellend gedacht wird, wird derselbe im ersten Falle, da die Erfahrung an der sogenannten Pflanze weder freie Bewegung, noch Zeichen vorstellender Thätigkeit aufweist, alspflanzenartiger, im zweiten Fall, da die Erfahrung am sogenannten Thiere zwar freie Beweglichkeit, aber (wenigstens bei den niedersten Thiergattungen) keine Spur von vorstellender Thätigkeit zeigt, alsthierartiger, im dritten Fall, wenn sich nicht nur die Fähigkeit, anderes, sondern (wie schon bei den höheren Thiergattungen) sogar die Fähigkeit äussert, bis zu einem gewissen Grade sich selbst vorzustellen, da die Erfahrung letztere Eigenschaft (die Vorstellung des Ich) hauptsächlich am Menschen kennt, alsmenschenähnlicherbezeichnet werden. Mit dem Erwachen des Ich d. i. derjenigen Vorstellung, durch welche der belebte Körper andere, sei es belebte oder leblose Körper, von sich unterscheidet d. h. als Anderes als er selbst, als Nicht-Ich sich gegenüberstellt und dadurch sich zu diesem und dieses zu sich in ein Verhältniss bringt, welches je nach dem Mass seiner im Vergleich zu der Kraft jenes Andern und nach der Beschaffenheit seiner Bedürfnisse im Vergleichzu den Bedürfnissen jenes Andern zu einem überlegenen oder unterliegenden, zu einem freundlichen oder feindseligen, zu friedlichem Genuss oder zum Kampfe ums Dasein werden kann, ist das Reich des Bewusstlosen, des Nicht-Ich, abgeschlossen.


Back to IndexNext