II.

Und gar wenn er sich niedersetzte und Briefe an seine Freunde aller Heerlager schrieb, in die Ferien hinaus zu Dutzenden! Denn das liebte er, diese Bulletins waren wieder eine Sache, in der er sein ganzes Orkantemperament austoben lassen konnte. So wie es Leute gibt, denen alle Sorgen einfallen, wenn sie einen Brief schreiben und deren Briefe daher ein wesentlich zu trauriges Abbild ihrer Situation geben: so wurde im Gegenteil vor Arnolds Blick, wenn er ihn auf das weiße geradebegrenzte Papier richtete, alles rosig und in gute Linien geklärt. Ihm war Briefeschreiben eine gesteigerte Form menschlicher Unterhaltung und alle seine Vorzüge flossen ihm willig in die Feder, ein Goldglanz ohne irdische Schwere, wenn er seine strammen, beinahe militärischen Loblieder auf das, was ihn gerade erregte, losließ. Gern beschrieb er Kunstgenüsse oder gefiel sich in rückhaltslosen Offenheiten oder schwelgte in gigantischen Vorsätzen, zu deren Ausführung es Jahre ernsthafter Arbeit bedurft hätte, in seinem feurigsten Stil, tat sie damit gleichsam für sich ab, obwohl er sich während des Schreibens gar nicht bewußt war, daß er sie nie werde in Taten verwandeln können, daß gerade dieser Brief als Energieableiter zwischen Plan und Ausführung trat. Nein, die Wahrheit selbst, hinreißende Tatkraft und ansteckend gute Laune sprachen aus solchen Episteln, die unmittelbar, ohne zu überlegen, mit allen Quersprüngenund den schlechtesten Witzen, die ihm gerade einfielen, hingerissen waren; und so verfehlten sie natürlich nicht, seine Freunde zu rühren und zu neuem Schaffen anzustacheln, während Arnold mitausgeschöpftemtrockenem Herzen zurückblieb. Überdies schwankten diese Ergüsse in ihrer Länge von der dreißigseitigen Dissertation, deren Erscheinen schon im Kuvert beim Adressaten Erstaunen und ehrfürchtige Schauer hervorrief, bis zum kurzen Zettel voll mit Gedankenstrichen, Rufzeichen, humoristischen Symbolen, verschiedenen Buchstabengrößen und Schriftarten, kurz allen Mitteln einer aufs Höchste gesteigerten Anschaulichkeit, wie sie aus seinem Hitzkopf explodierte. Die Schrift hatte pomphafte Schnörkel, große Bäuche, starke Schatten und weit auseinandergezogene Haarstriche, so daß manchmal ein etwas längeres Wort eine ganze Zeile einnahm. – Hier eine der unbedeutenderen Noten an Waldesau:

»Lieber Kerl,

Ich bin durch ununterbrochenesBACH-Spielen in den letzten Wochen endlich dahintergekommen, daß ich – ein Schöps bin, wenn ich nicht – endlich einmal – und zwar soforrrrrrt – dieganzeMusiktheorie gründlich durchnehme!! Mein Buchhändler bietet mir ein großes Werk zum Selbstunterricht, solche Hefte, weißt Du – mit hübschen Fragen und Antworten – Ermahnungen an den faulen Schüler u. s. f. – bißl kindisch, aber es gefällt mir vor-Leipzig – 60 Hefte, 50 Mark (!!!!) – Soll ich es kaufen. Bitte, schreibe soforrrrrt, genau und viel, empfiehl anderes! Ich mußALLEShaben, das ganze Gebiet – also Elementarlehre, Generalbaß, Formen – Du weißt ja – ich hab es satt, so ungebildet weiterzutrotteln – Also, auf, sattle den Hippogryphen, schicke mir Pläne – auch Instrumentationnatürlich – Wenn schon, denn schon – Ich habe jetzt riesige Lust. Also schreib nur schnell, damit das Feuer net auskühlt, Du kennst doch – Deinen Dichliebenden u. s. f. – Momentan fühle ich mich so stark, daß ich Berge bewegen könnte. Und Du auf Deinem Jeschkenberg? (Ein gebirgiger Brief!) – Ich arbeite täglich 9 Stunden, kann Abends nie einschlafen vorIdeen. Habe etwas merkwürdiges angefangen, eine neue Art von Kontrapunkt.Sei neugierig!Es steht dafür – Schrecklich glücklich bin ich dabei. Und Du? Und Du? Und Du? – Wieder mal die Flinte ins Korn geworfen?Porco maledetto!Wenn jetzt nicht bald mal eine fetteNotensendung(Manuskript!!) von Dir kommt, so treffe ich Dich wie der Blitz – der immer die Nabelbeschauer trifft – wo? Im Popo – weil sie so gebückt sitzen. Aber Spaß bei Seite: Was treibst Du – Ich bin sehr besorgt. – Servus!«

Ein Bildchen, die rauchende Jagdflinte, vervollständigte diesen auf einer halbzerrissenen Kuvert-Innenseite in schrägen Zeilen hingedonnerten Aufruf. Darunter eine Wolke, aus der zwei zackige Blitze schlagen; alles mit der Feder gekritzelt, beim Abtrocknen etwas verwischt …

Gottfried Eisig, der inzwischen (man mußte doch etwas machen) in die Redaktion eines heimatlichen Blattes eingetreten war, munterte nach solch einem Brief Arnold auf, doch einmal etwas »Selbstständiges« zu schreiben. Arnold brachte ein paar »Reisebriefe.« Sie wurden gedruckt, ohne aber besonderes Aufsehn zu erregen, außer in Arnolds nächster Umgebung; übrigens waren sie auch, da ihnen der persönliche Anlaß fehlte, ziemlich matt, ja schablonenhaft ausgefallen.

Eines Tages erklärte der Vater, das Söhnchen habe nun genug gebummelt – und am nächsten Morgen schon ging Arnold in dem großen Geschäft auf und ab, die Schachteln an den Wänden mit neugierigen Blicken musternd.

Der Abschied von der Universität wurde ihm nicht schwer. Daß aus den allenthalben verzettelten Kollegien nichts Gescheites werden könne, war ihm längst klar geworden. Nun hoffte er, durch eine vollständige Umwandlung seines Lebens, wie sie der Eintritt ins Geschäft bedeutete, sich zu konzentrieren; Dinge, die er nur aus Treue gegen das einmal Begonnene mit Unlust weiterbetrieb, abzuschütteln; ein Mann zu werden. Vielleicht im Geschäft. Doch täuschte er sich da nicht in der Voraussicht, daß der Vater in seinem pedantischen Geschäftseifer keinen wichtigen Teil des Betriebs selbst aus der Hand lassen würde. Zunächst versuchte Arnold allerdings Einfluß zu gewinnen, das Geschäft umzudrehn, da er natürlich sofort, noch ehe er den naturgemäßen Lauf der Sache kannte, schon Umwälzungsideen im Kopf hatte. Aber da war er an den Unrechten gekommen; mit nicht mißzuverstehender Verwunderung wehrte der Alte ab. Und so gewöhnte sich Arnold bald daran, Vormittags im Kontor Bücher seines Geschmacks zu lesen und an Nachmittagen sich überhaupt nicht mehr im Geschäft blicken zu lassen. Auf dem einförmigen Boden des Geschäfts- und Familienlebens wucherten seine Launen nun noch üppiger und bunter als vordem.

Doch stand er bei seinen Eltern nicht minder hoch als bei seinen Freunden im Wert. Schon seit seiner Jugend, da er als »Wunderkind« frühzeitig aufsagen,lesen und schreiben gelernt, hatte sich ein großer Stolz auf ihn in ihren Herzen eingebürgert. Dann war er der Einzige geblieben, und immer lebhaft, bei den Mahlzeiten gesprächig, heiter und ausgelassen, was den Eltern Freude machen mußte. Auch zärtlich wurde er zu angemessenen Zeiten. Sie lobten ihn überall deshalb, in den nahen Familien wurde sein Beispiel als eines hochbegabten Musterknaben im Munde geführt. Einen Zirkel älterer Damen, der sich an regelmäßigen Nachmittagen bei Frau Beer einfand, entzückte er durch sein Klavierspiel. Die Freunde seines Vaters unterhielt er, bei ihren Kartenabenden manchmal, mit den letzten Kuplets, die in seinem Jugendkreise eben aufkamen. Er war der Liebling, die Hoffnung aller. Und Arnold fragte sich vergebens, wodurch er so viel Enthusiasmus erregt haben konnte. Ja es nützte auch gar nichts, wenn er einmal sich vornahm unliebenswürdig zu sein. Ein Besuch kam aus Berlin, eine Geheimratswitwe, schwarzgekleidet, überlaut und temperamentvoll, vor der er in einem fort seine Arme, Beine und Wangen in Sicherheit bringen mußte. Zur Strafe sprach er kein Wort mit ihr,erwiderteihre mütterlich-verliebten Blicke mit möglichst gleichgiltigen. Es half nichts, einige Tage nachher schickte sie ihm, in einem Brief an Frau Beer, spezielle Grüße, zerschmelzende: »Dem lieben lieben liebenswürdigen Sohn, den ich so schnell liebgewonnen habe.« »Aber warum denn? – Ich hab sie gar nicht liebgewonnen. Ich war doch auch gar nicht lieb zu ihr« fragte er die Mama. »Du hast sie an ihren Sohn erinnert« war die Antwort. Er seufzte, sein guter Ruf war stärker als er … Nur einmal, erinnerte er sich, in frühester Jugend war diese Weihrauchwolke um ihnzerrissen worden – durch die Großmutter, die sonst in Wintertal lebte und nach einer von Spektakeln erfüllten kurzen Besuchszeit dahin wieder abreisen mußte. Sie hatte an allem etwas auszusetzen gefunden, auch ihm einmal einen Stoß vor die Brust gegeben, weil er ihr nicht schnell genug auswich, das wußte er noch genau … Doch da sie als unverträglich bekannt war, man sprach von ihr als von einer »Furie«, dem »bösen Geist der Familie«, tröstete er sich schnell über diesen Mißerfolg und die alte Glorie war bald wieder hergestellt. – Besondere Triumphe feierte er im Musikzimmer der Kurorte. Oder beim Kurkonzert, wo er in Potpourris die neuen, aber auch die altmodischen Opern wie»Zampa«,»Wasserträger« vom weiten erkannte, zum allgemeinen bewundernden Erstaunen, das ihn dann immermit Abscheuerfüllte. Von solchen Philistern gelobt werden, pfui! Beschämt gestand er sich selbst, daß das nur daher komme, weil er seinen Mund nicht halten könne, immer gleich sagte, was er wußte. Er überlegte eben nicht, vor wem er sprach; jedes Publikum war ihm recht. Dann fiel ihm ein, daß ja wiederum solche Leute in keine andere als eine höchst bewundernde Stellung ihm gegenüber gehörten. Wenngleich er selbst sich für nichts Besonderes halte, diese dürften schon von ihrem Standpunkt aus ruhig es tun, ja sie müßten es, und kniefällig dazu. So mischte sich bei ihm Stolz und Ekelgefühl, Schmeichelei und Überdruß, und diese Mischung beschwingte ihn zwar nicht, doch drückte sie ihn auch nicht nieder, sie wurde seine gewöhnliche Atmosphäre … Von allen Anfechtungen unbesiegt blieb er der charmante junge Mann, der gute Gesellschafter, die Seele des Heims, und selbst der Bruder der Mama, Poldi Goldberg, der als armer Verwandter mit derganzen Familie zerfallen war, machte ihm gegenüber eine Ausnahme, dankte ihm freundlich auf seinen Gruß … So hätte nicht viel gefehlt, daß er ganz in der Sphäre häuslichen Wohlgefallens eingeschlossen geblieben wäre, in der er so viel Beifall erntete; aber seine Eltern waren zu schwach, um ihn andauernd zu fesseln. Die Mutter eine sanfte Hausfrau, die alles in peinlichster Ordnung hielt, ohne daß man je ein lautes Wort aus ihrem Munde gehört hätte; der Vater mit all seiner nicht unbeträchtlichen Energie im Geschäft, sein einziges Glück »sich zu vergrößern«, daß heißt: den Laden jedes Jahr umzubauen, Wände durchzubrechen, Keller des Nachbarhauses mit seinem Hof zu verbinden oder wegen der Portale mit der Stadt zu prozessieren. Beide waren ordentliche gute gewissenhafte Leute, aber ohne jede Spur von Romantik, beide alt; und so wurde eben Arnold zunächst ins Eisigsche Haus, dann in die Kolonnen seiner Freunde getrieben, wo es so viel Resonanz für sein lautes Geschrei gab.

Sein Kreis hatte sich indessen in den wenigen Jahren nach dem Austritt aus der Hochschule einigermaßen geändert; Arnold wußte selbst nicht recht, wie es gekommen war. Da er nicht mehr in die Vorlesungen ging, hatte er die regelmäßigen Treffpunkte mit einigen verloren. Andere blieben aus, weil er die studentischen Vereine nicht mehr besuchte. Mit Krause, der immer fanatischer das Jüdische herauskehrte und gegen die »Assimilanten« loszog, hatte er sich nach einem Wortwechsel ganz zerschlagen. Dafür war Philipp Eisig nach mehrjährigem Aufenthalt in Amerika wieder aufgetaucht, gänzlich verändert in seinem Äußern, einem eingeborenen Ur-Chicagoer nicht nur in der Kleidung,sondern zum Erstaunen auch in den Gesichtszügen gleich, als hätte das fremde Land ihn von Grund aus umgeboren. Die alte Jugendliebe blühte unverwandelt wieder auf und mit ihr auch das alte Pumpverhältnis. Während nämlich Eisig für die väterliche Firma große Reisen unternahm und jedesmal mit einem dicken Haufen von Banknoten, die er sich angeblich erspart hatte, in die Stadt zurückkam, wurde Arnold für seine kärgliche Betätigung mit einem schmalen Taschengeldchen abgefunden und hatte immer unbefriedigte Bedürfnisse. Eisig stotterte nun auch nur unbedeutend, das hatte er in einer Anstalt drüben sich abgewöhnt, und behauptete überhaupt in allem die Oberhand, mit seiner tiefen mürrischen, aber sehr entschiedenen Stimme, seinem wankenden Korpus, dem sich der breite Kopf nur ungern nachschob, so daß er manchmal in der Luft zurückzubleiben schien, unsicher schwebend. Er hatte jetzt breite Schultern, ein reines Gesicht mit flachem braunem Haar in Wellen, das in der Mitte gescheitelt war, fast wagrechte Augenbrauen, helle mutige Augen, den Mund regelmäßig, die Stirn kindlich. Und dieses neue Gesicht trug er mit derselben Selbstverständlichkeit wie die neue überseeische Tracht, den niedrigen, wie ein weißer Ring ganz zusammenschließenden Kragen, die schön hellgelben Stiefel, die nach vorn in Keulen statt in Spitzen ausliefen. Unter seinem sehr langen Rock – er fiel bis fast ans Knie, ein unscheinbarer Stoff, doch von vollendetem Schnitt – konnte man keine Weste vermuten, eher den Leibgurt eines Trappers oder Patronenreihen. Und ebenso bequem wallten die Hosen herab, oben breit, am Fußgelenk schmal, wallten wie Fahnen im Wind und man hatte das Gefühl, daruntermüsse gleich das Fleisch nackt und gesund sich regen. So zog er mit Arnold durch die Nachtlokale der Stadt, von denen keines ihm wüst genug war, und statt diesen alltäglichen Dingen zuzuschauen, gab er lieber selbst einen Tanz zum Besten, einen lustigen Niggertanz, der ihm lauten Beifall eintrug. Da trappelte er mit kleinen Schritten, fast auf demselben Fleck, während die Arme aufwärts schwebten, sein Kopf sich langsam senkte, wie um den immer schnelleren Schritten immer genauer zuzusehn; dann warf sich der Kopf wieder empor, während die Füße abwechselnd im Cakewalk mit Spitze oder Absatz aufklopften; dann waren in die Hände plötzlich fremdartige Matrosenbewegungen gefahren, sie hoben ruckweise ein Tau oder sie schleuderten es unsichtbar in den Saal; zum Schluß glitten die Beine aus, ganz steif fiel der Körper hin, lag schon ganz schief dem Boden nah, hupfte aber unvermutet wieder gerade in die Höhe … Der Clown verwandelt sich in einen Gentleman, der, die Hände in den Taschen, ohne Lächeln, ja mit trüben Augen an seinen Tisch sich zurückbegab, den Applaus überhaupt nicht hörend. Er beklagte sich darüber, daß es hier kein starkes Bier gebe. Er probierte die schwersten dunklen Sorten. Nichts. Er hatte sich eben, Gott verdamme es, an Ale gewöhnt … Arnold war entzückt von solchen Kraftausbrüchen. Nun ließ er sich von Philipp in die Gesellschaft anderer Geschäftsleute und junger Börsengrößen führen, die Nachmittags in matten Glaszellen, hinten in einem großen Kaffeehause, an kleinen grünen Tischchen Karten spielten. Bald beteiligte sich Arnold, verbrachte mit dem größten Eifer Stunden um Stunden mit Mischen, Abheben und Aufschlagen, mit den lustigen Zwischenreden dabei,die überlaut klangen, weil sie kurz waren, fühlte sich gemütlich und doch kampflustig in den Hemdärmeln, schloß sich von keiner noch so gewagten Kombination aus. Er verliebte sich ganz in die schlechte aufregende Kaffeeluft; gab es keinen Tarock, so las er nächtelang Zeitungen. Alle Kellner kannten ihn schon und schütteten gleich Stöße von Tagesblättern neben ihn auf das Plüschsopha, wenn er sich niedersetzte. Eisig starrte neben ihm in die Luft oder malte Zahlen auf den Tisch, wie es überhaupt seine Art war, sich lange Weilen schweigsamen Berechnungen hinzugeben, über die er nie etwas Näheres verlautete, die aber den Eindruck von Verwicklung und oft auch Ärgerlichkeit machten, nach seinen dicken Falten auf der Stirn zu schließen. Oft kam auch Lambert und die Bummelclique ins Kaffeehaus, Arnold wunderte sich, wie bekannt Eisig mit allen war … Diese Art von Geselligkeit nahm ihn nun fast vollständig in Anspruch; dazu noch Bobenheims Ruderklub, dann Söhne von Geschäftsfreunden, die sich ihm nach und nach angeschlossen hatten, jeder mit irgend einer Passion, sei es Okkultismus oder Weiber oder Jagden, und die Arnold natürlich in der gewohnten Weise regierte. In Börsekreisen lernte er damals auch den jungen Walder Nornepygge kennen, einen Chemiker, der sich erfolgreich mit Erfindungen und Börsenspekulation befaßte. Die gemeinsamen Freunde, die das Zusammentreffen der beiden arrangiert hatten, waren überzeugt, daß die beiden so ähnlichen Charaktere, beide so tätig und so vielseitig, einander schnell verstehn würden. Dochunerwarteterweisestießen sie einander gegenseitig ab, Nornepygge äußerte später, daß er Arnold roh gefunden habe, und Arnold nannte den andern im vertrautenKreise »einen eingebildeten melancholischen Narren«. Überdies, so setzte er fort, habe er keine Zeit und Lust zu neuen Bekanntschaften. Und wirklich war er immer noch außerordentlich beschäftigt, in Anspruch genommen, und davon war noch lange keine Rede, daß er endlich einmal Zeit zu seinen eigenen Arbeiten gefunden hätte. Schon die paar Stunden im Geschäft, nicht viele, aber regelmäßig einzuhalten, nicht nach Belieben zu schwänzen wie die Universität, fielen ihm lästig, behinderten ihn aller Ende. Im Geschäft machte er übrigens bald gar nichts mehr, auch für sich nichts, schon der bloße Gedanke, daß er dort Gelegenheit habe, allein zu sein und seine innere Tüchtigkeit und wirkliche Arbeitskraft also zu erproben, reizte und verdroß ihn, – daß dies gewissermaßen ein Prüfstein sein könnte. Er erfand also allerlei Ausreden, wie den Lärm und die unziemliche Örtlichkeit, und nur in Briefen raffte er sich dazu auf, nebst schmetternden und daher eigentlich glanzvollen Klagen über den jetzigen Zustand baldige Änderungen in Aussicht zu stellen. Und im Anschluß an diese leeren Vormittagsstunden floß der ganze Tag wie von selbst schnell und lustig dahin, ohne daß Arnold jemals das ausgeführt hätte, was ihm im Sinne lag. »Ja, stärker wie Löschpapier bin ich eben nicht« seufzte er manchmal, in humoristischer und doch selbstanklägerischer Weise … Im ganzen war sein Umgang jetzt um einiges weniger geistig als vorher, doch er selbst war genau derselbe geblieben, immer tätig und befeuernd, auch mit großer Behaglichkeit, wenn er unter Menschen war; immer auf dem Sprung, sich in ein neues Abenteuer zu werfen, immer unterwegs, im Wagen oder zu Fuß, wie er sich denn auch eine eigene, besonders schnelle Gangart angewöhnte, mit weit gespreiztenBeinen, um den vielfachen Rendezvous halbwegs zu genügen – und da hatte die Mutter gut sagen: »Kleine Schritte machen, Arnold, kleine Schritte.« Sie fand nämlich, daß seine schöne aufrechte Statur unter diesemGaloppierenlitt … Welches Vergnügen fand er nun, beispielsweise, daran, eine regnerische Abendstunde bei seinem Schneider zu verbringen, in der hübschen und wohlgeheizten Probierstube, die eng wurde durch allseits anrückende Stellagen, behangen mit Röcken und Hosen. Lässig an den Pult gelehnt sah er dem alten Herrn zu, der mit geübter Hand die scharfe Kante seiner Talgkreide, dieser angenehm-klebrigen gelblichen Fläche, über die Stoffe wandern ließ und dann eine Schere – sie war so schwer, daß sie bei jedem Schnitt herabzusinken schien – die schnell geschwungenen Linien entlang in das Dunkel der hingebreiteten Stofflagen führte. Arnold bewunderte ihn, wie jede ausgezeichnete Tüchtigkeit, aufs innigste. Und dann kamen so viele Bekannte hin, um sich Maß nehmen zu lassen oder zu probieren wie er, man plauderte, der Schneider erzählte die neuesten Anekdoten, empfing neue von den Kunden dafür, es war ein heiteres erbauliches Stelldichein, in dem man doch immer durch den Anblick des Chefs, der bei aller Artigkeit und allen Scherzen eifrig sein ruhiges Geschäft weiter besorgte, vor dem Gedanken völligen Faulenzens, wie etwa im Kaffeehaus, bewahrt blieb. Man ging auf und ab, setzte sich auf die roten Holzsophas, die mit ihren dünnen Stäbchen (wie Möbel beim Photographen) einen zerbrechlichen Eindruck machten, stellte sich in Gruppen oder wandte sich in einer zierlichen Langweile ab, um ein Modegruppenbild an der Wand zum hundertstenmal zu studieren, über die Ideen und möglichenBeziehungen dieser Leute zu einander nachzudenken, die doch nur jeder wegen eines andern Kleidungsschnittes auf dasselbe Blatt gemalt waren, also im Grunde ebenso zufällig und ohne innern Trieb beisammen wie die wirklichen Menschen in diesem Raum; plötzlich aber lachte man auf über einen Witz, der hinter dem Rücken einem andern erzählt wurde, schwang sich wieder zu ihnen herum, fühlte wieder einen wärmenden menschlichen Zusammenhang in der beinahe starren Brust. O diese leisen Stimmen, das feine Kommen und Gehn über Teppiche hin, die gebeugten Köpfe, von denen der schöne Hut sich entfernt, diese Blicke, still und verbindlich, mit denen ein geeigneter Platz für den Schirm im Schirmständer gesucht wird, o diese Wunder einer zivilisierten Gegenwart, einer vornehmen reichen Stadt, diese laue Luftströmung unserer gefühlvollen Höflichkeiten! Und dazu klatschte der Regen an die Scheiben, es war nicht ratsam fortzugehn, man sah hinaus auf die belebte Gasse mit eilenden Menschen, deren Schirme im Wechsel der Beleuchtung sich unaufhörlich zu drehn schienen und wie schwarzes Glas funkelten, und in die gelberleuchteten Auslagen gegenüber, die mit all ihrer Pracht im Kot zu zerfließen drohten …

Arnold liebte jetzt solche Orte, an denen man viele Leute sah und Anregung hatte. Er besuchte alle Bälle, die Rennbahnen, die Tennisturniere. Ohne irgendwo als Mittelpunkt aufzufallen, eignete er sich schnell die entsprechenden Umgangsformen und Gewohnheiten an, entwickelte dann in ihrem Rahmen einen solchen Enthusiasmus, eine solche lustige Unbekümmertheit, daß stets ein Kreis bedürftiger und weniger erfinderischer Köpfe ihm Gefolgschaft leistete. Der harmlose Leichtsinn,mit dem er alles mitmachte, hatte von außen gesehn etwas Sympathisches, und graue würdevolle Herren klopften ihm manchmal auf die Schulter als einer Zierde und Hoffnung der Stadt, erfreut über sein frisches Gesicht, das gesunde Aussehn, die flotte Konversation, sie machten träumerische Augen, als dächten sie an ihre Jugend, als hätten sie eine Erinnerung ihm mitzuteilen, gerade ihm: daß sie früher mal es auch so getrieben, ach lange lange vorbei –, als unterdrückten sie eben das alles, um ihn nicht aufzuhalten und weil das ja keinen Zweck habe. Das alles lag manchmal in solch einem anerkennenden Auf-die-Schulter-Klopfen, mit dem sie ihn zugleich wegschoben, wieder in das Fest hinein … Arnold kannte bald alle wichtigeren Personen der Stadt, mehr oder weniger flüchtig. Einigen Spaßvögeln gegenüber, die ihm besonders gefielen und die ihn nicht minder schätzten, hatte er die Gewohnheit angenommen, sich gegenseitig in scheinbarer Rührung um den Hals zu fallen, so oft sie einander trafen. Dabei begleitete ihn immer noch der Ruf besonderer Bildung, besonderer Begabung; und wenn er hie und da ein kleines Klatsch- und Unterhaltungsfeuilleton im lokalen Blatt veröffentlichte, gleich hieß es: »Sie sind aber fleißig! Wo nehmen Sie nur all die Zeit her?« und neidisch fast: »Na, ich gratuliere.« Er erschrak immer bei so billigem Lob, fand aber zugleich etwas Angenehmes dabei, wie Betäubung, wie Halbschlaf. Selbst dachte er immer unlieber über sich nach. »Ich bin halt eine Fernwirkung« stellte er bei sich fest »von fern schaut's nach was aus, was ich treibe. Aber wenn man's näher anschaut …« Nun näherte er sich bald dem Dreißigerjahr und eigentlich hatte er noch immer keine irgendwiebegründete Lebensstellung, frettete sich so im Nebenberuf als Anhängsel seines Vaters durch, dessen Geschäft er ja später einmal erben würde – ja, aber eben so sicher auch ruinieren. Seine einzige Hoffnung, sein Rückzug gleichsam auf sich selbst, war in dieser Zeit – nichts anderes als seine Markensammlung, die er auf Lamberts Rat und mit dessen Vermittlung durch beträchtliche Ankäufe vermehrte. Die gedachte er gelegentlich vorteilhaft loszuschlagen, nach Senff besaß sie jetzt schon einen Wert von fünfzehntausend Mark, und mit dem auf diese Art selbstverdienten kleinen Kapital wollte er sodann etwas Selbständiges und Ehrenvolles beginnen, in irgend einem fremden Land, eine Buchdruckerei in Amerika vielleicht, endlich einmal Ruhe und wirkliche Unternehmungsfreude haben. Liebevoll pflegte er also diese Sammlung, mit großem Ernst schrieb er alljährlich in kleinen Bleistiftziffern den erfreulich steigenden Wert unter jede Marke; wobei er sich natürlich nicht verhehlte, daß der wirkliche Verkaufswert kaum mehr als die Hälfte des angegebenen Katalogwerts ausmachte. Aber auch er hatte ja die Marken nicht teurer als zum halben Wert gekauft, noch dazu bei niedrigeren Preisen, gegen diese Art von Kapitalsanlage war also nichts einzuwenden. Und mochte auch der Vater diese ganze Sammlerei als dumme Verschwendung, als hinausgeworfenes Geld beschimpfen, Arnold konnte mit gutem Recht einwenden: »Und wo wäre das Geld, wenn ich es nicht für Marken ausgegeben hätte? Ich hätte es für andere Dinge ausgegeben und jetzt hätte ich gar nichts davon.« »Und was hast du jetzt davon! Großartig! Du meinst doch nicht, daß dir irgendwer für die Papierl etwas gibt?« Arnold bestand darauf, daß Marken ein Wert wiejeder andere sei. »Aber die Zinsen?« jammerte der Vater, in die Enge getrieben. Arnold lachte ihn aus: »Vierzig Knöpfe jährlich!« und wußte überhaupt für jeden Grund Gegengründe in Masse, da war er ja in seinem Element. –

Einmal vertrat ihm Eisig den Weg, dessen Gewohnheit es war, von der Seite plötzlich heranzukommen und mit der ganzen Masse seines Leibes sich dem Angeredeten in den Weg zu stellen: »Du, was sagst du zu Blériot?«

Es war die Zeit, in der die Aviatik ihre ersten Erfolge zum Staunen der ganzen Welt errang. Die Brüder Wright hatten sich mit ihren Apparaten in beträchtliche Höhen erhoben, Zeppelin war mit seiner ersten Reise glücklich gewesen, Blériot hatte den Ärmelkanal überflogen … Eisig, der eben von einer Tour aus Frankreich kam, wußte Wunderdinge zu erzählen. Er hatte zum ersten Mal Aeroplane gesehn, ja es war so weit gekommen, daß er einmal in Reims, als man in die Restauration von der Gasse hereinrief, draußen fliege eben ein Luftschiff über die Stadt hin, gar nicht vom Tisch aufgestanden war, so sehr war er an diesen Anblick schon gewohnt. Er hatte auch bereits ein Projekt: man müsse Blériot einmal in der Heimatstadt fliegen lassen, wenn nicht ihn, so doch wenigstens einen Schüler. Das koste nicht viel und man könne damit ein gutes Geschäft machen.

Arnold wäre nicht er selbst gewesen, wenn ihn die Neuheit dieser Idee nicht sofort gepackt hätte. Er geriet in Entzückung, beschwor den Freund um nähere Einzelheiten. Wie sehe so ein Aeroplan aus? Wie ein Vogel? Sei er groß, so groß wie die Gasse, größer, nein kleiner? Eisig antwortete, mit seiner tiefenStimme, der die Langsamkeit der Aussprache stets einen Beiklang von Verdrossenheit gab, und damit kontrastierte merkwürdig genug die Zielbewußtheit, die List, die aus den Worten selbst sprach. Auch war sein Hals kurz und dick, beinahe null, so daß das dicke Kinn an die Brust stieß, und wollte er einmal lauter reden, ein Wort besonders betonen, so hob er nicht den Kopf, sondern senkte, um den Mund besser zu öffnen, mit fauler Miene das Kinn noch mehr, so daß es sich in Falten und mehreren Lagen über einander über die Kravatte hin ausbreitete. Für Arnold hatte dieses Stockende, Langsame, ihm so Entgegensetzte von jeher einen besondern Reiz gehabt…Heute bezauberte es ihn so, daß er einen Vereinsabend des »Bürgerklubs« ausließ, obwohl er dort neulich als jüngstes Mitglied in den Ausschuß gewählt worden war. Er nachtmahlte mit Eisig im »Schweizer Keller« und schon zwischen Vorspeise und Braten war der Plan fertig: ein Konsortium zu bilden, zwecks Veranstaltung des ersten hiesigen Schaufluges.

Am nächsten Nachmittag konstituierte man sich. Eisig hatte noch einige Herren mitgebracht, von denen Arnold nur Lambert näher kannte. Es wurden sofort Listen angelegt, um die reichsten Mitbürger zu einem Garantiefond heranzuziehn. Man mußte nun von einem zum andern fahren, ihm die Wichtigkeit, kulturelle und andere, des Unternehmens vorhalten, den sichern Gewinn, mußte die Regierung einladen, das Militär. Arnold überlegte gerade für sich, daß er sich da wieder in eine hübsch zeitraubende Geschichte verwickelt habe; da schlug Eisig vor, ihn zum Obmann zu wählen. Es geschah mit freudiger Akklamation.

Unser Held hatte, wiewohl er sich darüber nicht klarwar, im Grunde nichts anderes erwartet; pflegte er sich selbst doch manchmal in ironischer Laune den »geborenen Vereinsobmann« zu nennen. Wie vielen Ballkomitees, wie vielen Versammlungen hatte er schon präsidiert!… Nun rannte er in die Sache gleich mit dem frischesten, und doch gleichsam auch schon geübten Anlauf hinein. Zunächst die Presse. Man beherrschte sie durch Gottfried Eisig und da machte Arnold doch noch einmal eine Anleihe bei seiner ehemaligen jugendlich-gegenstandslosen Beredsamkeit, indem er gänzlich ohne Fachkenntnis, nur aus ein paar andern Zeitungsartikeln und dem Rest der Gymnasialbildung einen neuen Artikel zusammenkochte, und was für einen strahlenden, über die »Eroberung der Luft«. Er begann mit Ikarus, selbstverständlich, widmete sich in aller Kürze den Brüdern Montgolfier, wobei die drei in die Gondel mitgenommenen Tiere zu leichthumoristischer Wirkung gelangten, entfaltete sich behaglich über das Los der unglücklichen Erfinder von ehemals, über das Unmögliche und unmöglich Scheinende (Quadratur des Zirkels, Stein der Weisen, Röntgenstrahlen, drahtlose Telegraphie), gewann allgemach Donnerkräfte, besang in sparsamer Daten-Melodie, aber mit einer Begleitung rauschender vollgriffiger Begeisterungs-Akkorde die letzten Fortschritte der Menschheit, wobei einige Impressionen Eisigs zu geschickter Wirkung kamen, schüttete nun, oben angelangt, fast ohne Atem, wie aus einem Füllhorn auf die staunenden Heimatsgenossen die Verheißung nieder, daß man derartiges vielleicht bald auch in allernächster Nähe zu sehen bekommen werde, gipfelte aber klugerweise nicht in diesem Effekt, sondern in einer kurzen farblosen Bemerkung über die Flugwoche in Brescia. – An anderer Stelle des Blattes wurden sachlich die Namen der Arrangeureund ihr Programm bekannt gegeben. Anfragen und Nachrichten an die Adresse: Arnold Beer u. s. f.

In den nun hereinbrechenden Konferenzen bewies sich Arnold als fest und schlagfertig, geduldig und kühn, ja mit der Größe der Veranstaltung schienen sich seine Kräfte zu vervielfachen. Man hatte mit den Fliegern in Frankreich zu korrespondieren, die von allem Anfang die unverschämtesten Preise verlangten, wie beleidigt und zugleich stolz gemacht als echte Franzosen durch die Zumutung, daß sie ins Ausland sollten. Dagegen drängten sich Deputationen der Vororte heran, von denen jeder den schönen Vorrang und Profit des ersten heimatlichen Fluges einheimsen und jeder daher den geeignetsten Platz zur Verfügung stellen wollte. Indessen wählte das Komitee, um dieser Eifersucht auszuweichen und auch aus technischen Gründen angeblich, eine weite Wiesenfläche in der Nähe von Waldbrunn, dem kleinen Kurort nahe der Stadt. Jede Etappe der fortschreitenden Verhandlungen veröffentlichte Arnold in handfertigen Artikelchen; es wurde bald zum Stadtgespräch, daß die Eisenbahndirektion inentgegenkommendsterWeise eine eigene neue Station errichten wollte, während sonst die Züge nur in der nahegelegenen Stadt Bischofstein hielten, daß sogar ein Nebengeleise zum Flugplatz gelegt wurde, daß die Postverwaltung ebenso liebenswürdig die Aktivierung eines eigenen Post- und Telegraphenamtes mit der Stampiglie »Waldbrunn-Aerodrom« für die Dauer der Aufstiege zugesagt hatte. Die städtischen Omnibuslinien nahmen Sonderfahrten in Aussicht, die Hotels erwarteten großen Zuzug vom Lande und sicherten sich Privatzimmer, die Polizei entwarf Pläne für diese neue schwierige Aufgabe, auch die Militärbehörde wurde unruhig. An den Straßenecken,in den Wagen der Straßenbahnen machten sich die ersten Plakate bemerkbar, Witze begannen zu kursieren.

Und all dies im Zuge erhalten, bewegen, treiben und wieder beruhigen, war Arnolds Aufgabe. Eisig und die andern besorgten das Geschäftliche, die Verrechnungen, den Kampf mit den Lieferanten, das Engagement des Aviatikers, den Kern der Sache gleichsam, alles hingegen, was das Äußere betraf, Repräsentation und ehrenvolle Fassade gegen die Mitbürger, oblag Arnold, und es zeigte sich bald, daß das Komitee allen Grund gehabt hatte, ihm diesen Verkehr mit der Welt zu übertragen, denn an vielen Stellen, wo er vorfuhr und Anhänger warb, sagte man ihm: »Wir tun's nur Ihretwegen. Sonst scheint uns ja die ganze Sache nicht sehr reell.« Man fragte ihn nach der Solidität dieses und jenes Mitglieds, einer wollte sogar wissen, daß der Grund, den das Aerodrom beanspruchte, vorher von Lambert gekauft und durch einen Vormann dem eigenen Konsortium gegen gehörigen Preisaufschlag weiterverkauft worden sei. Entrüstet wies Arnold derartige Anwürfe zurück, was für Verleumdungen, und in seinem Innern war er eigentlich nur darüber verwundert, daß diese jungen Leute, die mir ihrem Schliff die vornehmsten Gesellschaften in Erstaunen zu setzen pflegten, doch irgendwie aus rätselhaften Gründen nicht für voll angesehen wurden, wie sich jetzt herausstellte, während er, Arnold, ein redliches Ansehn genoß. Doch dachte er darüber nicht weiter nach, nahm solches nur für die üblichen Schwierigkeiten, die sich großen unvorhergesehenen Unternehmungen seit jeher in den Weg stellen müßten, und nicht etwa in seinem Vertrauen machte es ihn wankend, sondern wie ein leises Prickeln der Gefahr drängte es ihn nur noch ungeduldigervorwärts, trieb ihn noch mehr, alle Kräfte aufzubieten, das Zerbröckelnde zu stützen mit den Armen eines Atlas, und zu leisten, was nur zu leisten war, in eigener Person. Er kam nun oft von früh bis Abend nicht aus dem Automobil. Das Telephon hörte nicht auf zu klingeln. Mittag war er einmal bei Tisch so zerstreut, daß er die Suppe mit der Gabel zu essen versuchte. Ängstlich sahn ihm die Eltern zu. »Ich warne dich«, sagte der Vater, »aber du machst ja doch nur immer, was du willst.« – »Er ärgert sich, weil ich jetzt überhaupt nicht mehr ins Geschäft komme,« registrierte der Sohn und war im Grunde seines Herzens froh, daß er nun auch die Vormittage mit geistsprühender geselliger Tätigkeit anfüllen konnte. Er schlief jetzt nur wenige Stunden, so daß er morgens vor dem Spiegel manchmal erstaunte, gleich nach dem Aufstehn, wie unversehrt noch seine Nachtfrisur auf dem Kopfe stand, noch gescheitelt und noch wie zusammengepreßt vom Rauch der Weinlokale. Aber unter der Stirn ging es wirr und polternd, die Ideen wie Steinlawinen. Er überredete Bobenheim und seine Sportsfreunde dem Komitee beizutreten und durch das Ansehn dieser wirklich patrizischen Familien, nicht solcher Windbeutel, befestigte sich nun die allgemeine Neigung, mit ihr die Sicherheit des Unternehmens. Die Beiträge liefen jetzt beträchtlicher ein. Der Landesausschuß gab eine Subvention. Man trug sich mit Unerhörtem, nach dem ersten Flug sollte ein ganzer Zyklus veranstaltet werden, ein Wettbewerb der verschiedenen Systeme, ein Rundflug über viele Städte hin, man wollte die Maschinen kaufen und eine Schule gründen, das Aerodrom sollte jedenfalls für ständige Veranstaltungen stehen bleiben. Kurz, Arnold glaubte endlich den Beruf gefunden zuhaben, für den er paßte. Wer weiß, vielleicht lernte er selbst fliegen, vielleicht gelang ihm eine epochemachende Verbesserung, und, von dort aus gesehn, würde dann sein ganzes Leben bisher einen Sinn bekommen, alle seine mannigfachen Kenntnisse und Beziehungen würden ihn dann wie nach einem Plan zu diesem großen Ziel hingeleitet haben. Er hatte jetzt nichts im Kopf wie diese ungeheure Zusammenfassung seines Seins in einer nahen stürmisch-blitzenden Zukunft, und nur wie ein dunkler Wind wälzte sich noch der Schwall anderer Lebensverknüpfungen hinter ihm her, die Vergangenheit mit ihren Ansprüchen, die er möglichst schnell und nebenher abtat.

Draußen in Waldbrunn erhoben sich schon die gelben rohen Holzplanken des Aerodroms, und für Arnold, der auch die ganze Korrespondenz besorgte, war aus ein paar Brettern mitten im Bauplatz ein kleines Zimmer errichtet worden, sein Bureau. Er arbeitete zwar das Wichtigste in der Stadt, im Palasthotel, in dem das Komitee über einige Zimmer verfügte, doch fuhr er gegen Abend täglich auf den Rennplatz hinaus, um sich vom Fortgang der Arbeiten selbst zu überzeugen, oft brachte er auch Journalisten, Offiziere, Sportsleute, Gönner mit. Und da fand er, daß ihm manchmal da draußen, im kühlen Abend, aus der wehenden duftenden Waldluft, die besten Gedanken kamen – sofort schreiben, Brief aufgeben, das war ihm Bedürfnis, und da man ja im Kleinen das Geld nicht sparte, das ganze Komitee vielmehr die herrlichsten Dinge je nach Geschmack der einzelnen, in Erwartung des sichern Glücks, herunterschluckte, hatte er eiligst dieses »Wigwam«, wie er es nannte, sich bauen lassen. Nirgends noch hatte er sich so wohl gefühlt wie zwischendiesen schnell zusammengenagelten, groben, harzig-riechenden Brettern, die man nicht anrühren durfte, ohne einen Span in die Finger zu kriegen, und die nicht einmal bis ganz auf den Boden reichten, so daß man untendurch den Wiesenboden sah, die Schuhe der Vorbeigehenden. Herein klangen unaufhörlich Hammerschläge und Kommandorufe, ein rhythmisches Pfeifen, schwache Stimmen verwirrt. Man fühlte förmlich das Werk, wie es rüstig wuchs, wie es mit wonnevollem Gebraus aus dem Tal gegen die Waldanhöhen hin emporstieg, und Arnold, der sich als das Herz dieses Lebens fühlte, seinen Willen im entferntesten Maurerjungen noch, schrieb auf elegantem bläulichen Briefpapier, das eine Art Wappen des Konsortiums in Reliefpressung trug, seine befehlshaberischen oder einschmeichelnden Manifeste. O hier war er zu Hause, hier hatte sein Leben, das fühlte er wohl, zum erstenmal einen Höhepunkt erreicht. O Gott, hier sich einklammern, dachte er, um diesen Mittelpunkt Zellen ansetzen, sonst komme ich nie zum Eigentlichen. Aber was ist es denn, das Eigentliche im Menschenleben, das, weshalb man lebt? Gibt es das überhaupt? Ist es nicht vielmehreinePhantasie von mir? Vielleicht habe ich dieses Eigentliche schon einmal in der Hand gehabt und habe es nicht gewußt. Vielleicht geht es allen Menschen so wie mir. O nein, vielleicht erlebe ich eben jetzt das Eigentliche oder marschiere geradeaus darauf los … Seine Angst verschwand, er atmete tief und kühl, er schaute einen Augenblick durch das kleine Fensterchen in die Sonne, die dem Untergang entgegenzitterte. »Die ist doch das größte Etablissement hier in der Nähe« sagte er leise vor sich hin, wie einen kleinen verliebten Witz, ein Kompliment, als stünde er auf duund du mit dem roten Gestirn, als streichle er diese Fläche, von der jetzt wie von einer ungeheuren Pfanne aus die letzte Hitze emporschlug. Und er errötete bei diesem Gedanken, als fühle er sich heute, in der Blüte seiner Energie, einer solchen Freundin nicht unwürdig. Man konnte jetzt den Glanz dieser Sonne mit dem Blick schon aushalten, man sah ihre Kreiseinfassung deutlich als dünne zitternde Linie, und die gelbe glänzende Fläche schien gleichsam tiefer in den Himmel hineingedrückt, wie eine Münze mit scharfem Rand …

Abends nach getaner Arbeit überfiel ihn ein ruhiger tiefer Glücksrausch. Er kreuzte die Arme und trat aus seiner Brettertüre ins Freie, fühlte den schwachen Waldwind an seinen Schläfen, in die Haare hinein, und obwohl er gar nicht wußte, wohin mit all der Kraft, machte er keine Bewegung, sie abzuleiten, ließ gleichsam den Deckel über seine inwendige Zufriedenheit stürzen und sie sorgsam gar kochen in ihrem eigenen Dunst … Manchmal rief er auch die Kinder zu sich, die von der Straße her dem bewegten Arbeitstreiben zusahn, und begann mit ihnen zu spielen. Es waren Dorfkinder und Kinder von Waldbrunner Kurgästen, alle freuten sich über das, was da gebaut wurde, waren gespannt auf das Kommende, verstanden am Ende mehr davon als ihre erwachsenen blasierten Eltern. Arnold liebte Kinder; unter ihnen erwachte seine noch kaum verschwundene Lust am Fußballspielen aufs neue, sein Vergnügen an jedem tollen Herumschrein und Vorwärtsstürmen, sein oft sinnloses Kommandieren und Kommandiertwerden. Von Zeit zu Zeit, wenn er zufällig in eine Kindergesellschaft geriet, fühlte er sich auch immer schnell als einer der ihren, fand unter ihnen Trost gegenüber dieser langsam klebrigen Welt, ohnejedoch ein Prinzip daraus zu machen, sondern von einem zum andern Mal vergaß er diesen Eindruck und war immer aufs neue überrascht … Einmal arrangierte er jetzt, in Waldbrunn, ein Wettrennen längs des Waldsaums. Der blonde Gerhart, ein großer Junge von etwa fünf Jahren, fiel über jede Baumwurzel hin, endlich aber so derb, daß er zu schrein anfing …

Eine Dame eilte heran und Arnold begann sich bei ihr zu entschuldigen.

»Im Gegenteil, sie haben ganz recht, Wichse verdient er, tüchtige.«

Jetzt erst, erstaunt über diese in devotem Ton hervorgebrachte und, wie ihm gleich auffiel, ziemlich unsinnige Rede, blickte Arnold die Dame an, während er bisher nur an dem kleinen quäkenden Kerlchen herumgearbeitet hatte, um ihm einen Schmutzfleck von der Nase zu wischen … Es war eine große auffallende Blondine, die er schon mehrmals gesehn haben mochte, und nun wußte er auch, wo: sie hatte ihm einigemal, wenn er hier auf Bauplätzen und Gerüsten herumregierte, mit einer Andacht zugesehn, die ihm zugleich schmeichelhaft und widerlich vorgekommen war, ohne daß er sich übrigens viel um sie bekümmert hätte.

»Aber verzeihn Sie, gnädige Frau …«

»Ich bin nur die Gouvernante« entgegnete sie in einem Ton, als könne sie sich nicht schnell genug demütigen. »Im Gegenteil, ich habe Ihnen zu danken, Herr Beer …«

»Sie kennen mich …«

Sie lächelte und nickte: »Par Renommée! Ich war einige Jahre bei Grünbaum, bei der jüngeren Schwester des Herrn Technikers Grünbaum. Da hat man so oft von Ihnen geredet und immer nur das beste …«

Etwas, was nicht oft geschah: Arnold wurde verlegen, errötete sogar ein wenig. Er konnte sich im Augenblick absolut nicht vorstellen, welches Gute denn die Schwester Grünbaums mit ihrer Gouvernante von ihm gesprochen haben dürfte … Als müsse er so unverdientes Lob abwehren, stotterte er: »Dafür treffen Sie mich jetzt in einer Situation …«

»O nein, ich bewundere Sie ja – wie Sie sich auch noch mit Kindern abgeben können, ein so beschäftigter Mann …«

»Ja, ich treibe viel unnützes Zeug,« seufzte er.

»Unnütz? O wer dürfte das sagen. Im Gegenteil …« Sie stockte, und Arnold fand es grausam süß, sie bei diesem Wort,dassie jetzt schon zweimal in der kurzen Weile gebraucht hatte, ein wenig zappeln zu lassen. Endlich fuhr sie fort: »Was Sie leisten, davon erzählt ja die ganze Stadt.«

»Was man erzählt, das ist nicht immer wahr.«

»Sie sind zu bescheiden, Herr Beer, ich habe es ja auch selbst gesehn … nur in den letzten Tagen zum Beispiel …«

»Das war ein hübscher Oberleutnant neulich … was?«

»Wollen Sie mich auslachen?« Sie machte ein beinah beleidigtes Gesicht, mit gerunzelter Stirn, doch etwas störte die Wirkung des Gekränkt-Aussehens: die Wichtigkeit und der durch nichts geforderte, allzu liebevolle Ernst, mit dem sie das Folgende erklärte: »Sie meinen, daß ich auf buntes Tuch fliege? O nein, das imponiert mir gar nicht …«

»So, so …« Arnold schüttelte den Kopf. Obwohl ihn diese Beobachtung wenig interessierte, fand er bei sich, daß das Fräulein allerdings so aussehe, wie er sichim allgemeinen Frauen oder Geliebte von Offizieren vorstellte. Sie war groß, blondhaarig, eine »Fernwirkung«. Ihr starker, doch nicht mehr als anmutig geschwellter Busen zog die Blicke auf sich. Im Gesicht aber lag eine eigentümliche Disharmonie. Arnold durchforschte es, kam jedoch zu keiner Erklärung dieses Eindrucks … Dabei hatte er sich langsam neben dem Mädchen, das den Knaben an der Hand führte, in Bewegung gesetzt. Er redete etwas vom Militär, ganz unklare Dinge, denen ein aufmerksames Lauschen seitens der Dame begegnete. Er wußte kaum, was er sprach. Vielmehr war er einzig damit beschäftigt, unter dem Vorwande, daß er die Mütze des Knaben studierte – der Knabe ging zwischen ihm und dem Fräulein – zu bemerken, wie bei jedem Schritte des Knaben über dem roten Bummerl der Mütze die schöne weibliche Hüftenrundung im blauen Rock auftauchte und wie eine Welle wieder versank, er sah das mit jenem Anflug willenloser Schläfrigkeit, die den Beginn sinnlicher Erregungen zu begleiten pflegt. Dabei hörte ein Widerstand, eine Art von Ekel, nicht auf, sich in seinem Innern fühlbar zu machen. Plötzlich hatte der Widerstand gesiegt, Arnold wachte auf, und begann nun die Scheinbeschäftigung mit dem Knaben in eine wirkliche umzuwandeln. Er brach mitten im Satz ab, neigte sich wieder, und während sie durch den Wald weiter dem Kurörtchen zuschritten, kitzelte er das Kind links am Ohr, indes er sich rechts von ihm hielt. Gerhart sah zum Fräulein auf. Nun zupfte ihn Arnold geschwind am rechten Ohr und schaute sofort in die Luft. Der Knabe aber verstand schon den Witz und drehte sich mit wütendem Gelächter gegen Arnold, um ihn ins Knie zu boxen. »Wirst du nicht unartig sein!« ermahntedie Bonne und wollte ihm in die Hand fallen. Inzwischen hatte aber auch Arnold eine Abwehrbewegung gemacht und so trafen sich vor seinem Bein plötzlich die drei Hände. Die des Kindes löste sich gleich wieder los, um mit aller Gewalt auf Arnolds zweites ungeschütztes Knie loszuschlagen; aber die Finger des Fräuleins und Arnolds blieben fest beisammen, verschlangen sich einen Augenblick lang ineinander, während auch ihre Blicke offen ineinander tauchten. Beide waren still; eine herrliche Gelegenheit für den kleinen Rangen, mit beiden Fäusten auf Arnolds Knie sich der Rache hinzugeben. Und er trommelte, bis Arnold mit gleichgültigem, gar nicht mehr kinderfreundlichem Schub ihn abschüttelte …

Sie hieß Feistnig und stammte aus Deutschböhmen, aus dem Erzgebirge. Ihre Eltern waren sehr arm, er solle nur ja nichts anderes dahinter vermuten, ein armer Bauer, eine arme Spitzenklöpplerin; und deshalb mußte sie dienen. Übrigens hatte sie die Lehrerinnenbildungsanstalt absolviert, ja gelernt hatte sie etwas, Gott sei Dank. Einer ihrer Lehrer habe sie heiraten wollen, aber das hatte sie ausgeschlagen, weil er ein Witwer war. »Ein Wittmann hat zwei Herzen.« Nein, das mochte sie nicht. An Heiratsanträgen war kein Mangel. Mochte Gott wissen, was die Leute an ihr fanden … Arnold machte ihr ein Kompliment … Sie erzählte schon etwas von einem Berg und einem Bach bei ihrem Heimatsdorfe. Wenn sich ein Mädchen in einer Märznacht in diesem Bach wasche, dann werde sie schön. »Und das habe ich ein paar Jahre hinter einander gemacht, so dumm war ich. Ja, wenn man jung ist. Ja die Heimat …« Diese sanfte Poesie fand Arnold unausstehlich, diese schwärmerischen Augen. Zudem bemerkteer mit Mißvergnügen, daß das Gespräch immer wieder stockte, daß es ihn solche Mühe kostete, als müsse er jeden Augenblick es von neuem anknüpfen. Er hatte das Gefühl, als mache er mit jeder seiner Fragen eine wichtige und schwierige Erfindung, die indes von seiner Partnerin nur ganz oberflächlich ausgeschöpft wurde; und im nächsten Moment stand er schon wieder vor der Notwendigkeit, etwas Neues zu erfinden. Also los, er gab sich einen Anlauf und fragte sie nach ihrem Vornamen. Sie wollte ihn nicht sagen. Er bestand darauf. Nun aber blieb sie seltsamerweise eigensinnig, gerade den Vornamen wollte sie nicht sagen. »Warum denn nicht?« »Sie müssen nicht so neugierig sein.« Er bat sie: »Nein, das ist aber nicht nett von Ihnen« und dachte dabei: Endlich ein Gesprächsstoff gefunden! Sie lachte: »Muß ich denn immer nett sein?« »Aber jetzt haben Sie mir schon so hübsch erzählt.« »Wer zu viel weiß, wird bald alt.« Endlich gab sie es ihm frei, zu raten. Er riet: Anna, Toni. »Das i wär richtig.« Er strengte sich an und jetzt erst zum erstenmal empfand er eine Art geistiger Erregung ihr gegenüber. Plötzlich wandte sie sich dem Kleinen zu, der auch beschäftigt sein wollte und unaufhörlich an ihrem Kleid riß. »Du, fang mich!« … Sie lief voraus. Ihre Gestalt war mächtig und dabei schlank in der Taille. Einfach, aber gerade infolge der Glätte wie durchsichtig zeichnete der Rock, in der Bewegung jetzt, ein reizendes Spiel langer Beine, das sich im Ungegliederten fast geheimnisvoll verlor und erst an den sich drehenden Hüften eine Fortsetzung fand. Der volle Busen lehnte sich wie ein kleiner Polster neben den Baumstamm, an den sie sich schmiegte, um sich umzudrehn und aus dem Versteckhervorzugucken, und zugleich wirbelte es unten am Rocksaum weiß wie Wellenschaum aus dem Innern hervor, um leichte spitze Füßchen. Dazu strömte der gewaltige Geruch der Tannen im Abendwind, als verstreue ihn das Mädchen mitihrenlebhaft hin und hergeworfenen Armen, mit ihren Wendungen, denn bald lief sie davon, bald stand sie und rief das Kind, machte einen Tanzschritt zur Seite. Arnold konnte es nicht lassen, er beteiligte sich am Spiel. Zunächst stellte er dem Knaben die Wahl, ihn oder das Fräulein zu fangen, und jauchzend trieb sich Gerhart hinter beiden her, ohne sich zu entschließen. Er war noch zu jung für vernünftiges Spiel, er wollte nur strampeln und schrein. Dann schrie Arnold – mehr um sich mit ihr als mit dem Knirps zu verständigen –: nun würden sie also beide das Fräulein fangen, und jagte schon hinter ihr drein. Und dabei hatte er eigentlich nur die Absicht, das Gespräch fortzusetzen, ihren Widerstand wegen des Namens zu brechen. Aber schnell blieb Gerhart zurück, das Fräulein floh immer entschiedener, Arnold bekam immer mehr Lust sie einzuholen, sie bog, da er schon ganz nahe bei ihr war, mit einem geschickten weiblichen Ruck zur Seite, ins Gehölz, er verfitzte sich zwischen den Ästen, ihr nach, die ihm ins Gesicht schlugen, – da öffnete sich eine freiere Stelle und sie konnte ihm nicht mehr entrinnen. Von hinten her umklammerte er sie, drückte sich an sie: »Also wie heißen Sie, schnell, wie heißen Sie?« Sie suchte sich loszumachen, ermattete und seufzte: »Lina,« wie besiegt … damit fiel ihr Rücken an seine Brust zurück, ihr Köpfchen hob sich, das bisher wild geduckte, während der seine über ihre Schulter herüberkam. Das hatte kaum eine Sekunde gedauert. Schon spürte erden fremdartigen Geruch ihrer Haare, ihres Atems, und in demselben Augenblick erschien es ihm widerstrebend bis zur Unmöglichkeit, einem unbekannten Menschen plötzlich, unvermittelt so nahe an die Haut zu geraten. Eine bittere Wolke schien ihm aus ihren dunkelroten, halbgeöffneten Lippen emporzuquellen, die er jetzt knapp vor den seinen hatte, und allem Widerstreben zum Trotz zog ihn dieser warme unangenehme ungesunde Dampf in sich hinein, wie man manchmal Freude daran findet, die Fingernägel über die eignen Finger schneidend und immer tiefer zu ziehn, vom Schmerz nicht ablassen kann … Er hatte sie auf den Mund geküßt. Sie stieß ihn zurück, nun energisch und mit einer ganz erstaunlichen Unfreundlichkeit, eilte wieder auf den Weg zurück … Arnold glaubte, sie beleidigt zu haben, folgte ihr langsam. Sie tat ihm leid. Eben hatte er noch in einer leichten Stimmung von Verführungskünsten und von Gedanken wie: »Na, man muß dem Mädel den Gefallen tun« herrschaftlich geschwelgt, jetzt sagte er sich: Ich bin ein Barbar, was mag sie sich von mir denken … Sie führte nun den kleinen Gerhart an der Hand und sprach kein Wort, die Augen niedergeschlagen. Er neckte wieder den Knaben, ziemlich geistesabwesend, nur weil es ihm peinlich war, ganz stumm zu sein. Allmählich redete auch sie: »Nun also, wirst du dem Herrn die Hand geben, wirst du hübsch artig sein?« Ein Stein fiel Arnold von Herzen, da er ihre unveränderte, etwas zu blendendweiche Stimme wieder hörte; er erhob den Kopf: »Er ist artiger als Sie, Fräulein Lina … Lina« wiederholte er leiser und fuhr fort »er hat keine Launen, benimmt sich artig, nicht war, du?« und bückte sich zu dem Gesicht des Kleinen herab. »O Sie sollten ihn nur sonst kennen, was, Geri? Er kann schon sein Stückl bestehn« …So kam das Gespräch wieder in Gang, ganz ruhig, als ob nichts geschehen wäre. Es war so dunkel geworden, daß man einander nicht mehr die Gemütszustände vom Gesicht ablesen konnte, das gab einen guten Übergang zur Unbefangenheit, in die sich übrigens das Fräulein, so schnell ging es, auch ohne Dunkelheit bald hinübergedreht hätte. Nun klang ihr Lachen wieder wie vorhin, etwas übertrieben und künstlich, bei jeder Wortwendung Arnolds, die nur ein wenig von der geraden Ausdrucksweise abwich. Es war ein gewissermaßen tiefernstes, beinahe tragisches Lachen und verwandt jenem speichelleckerischen, das Schulkinder bei den kleinen Witzen des Lehrers hervorstoßen. In seiner Pedanterie blieb es niemals aus, kroch einem wie ein Hund nach. Arnold, der sich durch Linas Zurückweichen nach dem Kuß angezogen gefühlt hatte, wurde wieder verdrießlich … Endlich mündete die Waldchaussee auf die Landstraße mit ihren Obstbäumen, bald war man bei den ersten Häuschen von Waldbrunn angelangt, wo sich Arnold mit einem Handkuß vom Fräulein, von Gerhart mit einem Backenzwickerl verabschiedete.

Am nächsten Tag dachte er nur mit Unlust an diesen Vorfall. Was für eine neue Störung!… Arnold war von wenig sinnlicher Anlage, sein rasches Leben schien tieferen Eindrücken der Frauenschönheit gleichsam zu entgleiten, so wie etwa ein reißender Bergbach von der Sonne nicht bis auf den Grund durchwärmt werden kann. Es sind ja meist die schwerblütigen Naturen, nicht, wie man meinen sollte, die lebhaften, die an den Frauen untröstlich kleben bleiben … Er hatte zwar die ganze nicht eben umfangreiche Skala großstädtischer Verderbtheit mitgemacht, mit den Freunden eben, war eine Zeit lang von einer Dirne mit mehr als bezahlter Liebegeliebt worden, hatte Stubenmädchen und Weinstubenkellnerinnen Sonntags ins Hotel geführt, oder hatte in der Garderobe eines Klubhauses ein Familienmädchen eilig abgeküßt, aber all dies ohne rechten inneren Anteil, nur schnell und stundenweise und mit dem stets wachen Bewußtsein, daß daran nicht viel sei. Das Vergnügen überhaupt war seine Sache nicht, er strebte nach Anstrengungen, Leistungen, Wirkungsmöglichkeiten. – Diesmal aber schien er an ein anständiges Mädchen geraten, die die Sache ernst nahm, und das machte ihn unruhig. Ein langes Verhältnis konnte etwa daraus entstehn, mit Zärtlichkeiten, Verpflichtungen, gebundenen Rendezvous, kurz all den Dingen, zu denen er keine Zeit und Lust hatte. Sie gefiel ihm auch nicht besonders. Er sagte sich, indem er ernst wie ein Kaufmann Aktiva und Passiva gegen einander hielt: No ja, ein fesches G'stell, aber das Gesicht mutet mich nicht an, eine typische Fernwirkung … Den Fehler ihres Gesichtes hatte er allerdings noch nicht herausgefunden, konnte sich überhaupt nichts mehr an ihr genau vorstellen, nur noch die feine dünne Empfindung seiner Fingerspitzen an ihrer leise aufrauschenden Seidenbluse, als er sie umfaßt hatte, und diese Erinnerung regte ihn freilich doch ein wenig auf. Ueberdies war sie ja so dumm, so simpel. Arnold hielt die Weiber überhaupt für unfeine inferiore Geschöpfe; lächerlich, mit ihnen sich abzugeben. Und mehrmals kam er erleichtert auf den Gedanken zurück, daß ja nichts Großes zwischen ihnen vorgefallen war, Gott sei Dank. Er stellte sich erschauernd sein Gefühl heute vor, wenn … Nein, das auf keinen Fall! Und doch wußte er, daß es dazu gekommen wäre; gut, daß der kleine Junge dabei war, o, er segnete ihn nachträglich. Und die ganze Sache wurde ihm mehrund mehr unheimlich, da er fand, daß sie ihn doch von seinen wichtigeren würdigeren Geschäften mehrfach in Träumereien abzog.

Am Nachmittag blieb er in seinem Wigwam, schrieb und kümmerte sich um nichts anderes … Da stand sie in der Tür, den Jungen an der Hand: »Ich mußte mir doch mal ansehn, wieSiewohnen«. Er fand kein Mittel unhöflich zu sein, auch nicht die Neigung dazu. Mit einem gewissen Stolz (wie ehemals vor den Kurkapellen) setzte er sich zwanglos vor ihr in Szene, zeigte ihr den beladenen Tisch, den riesigen Einlauf, das ganze einfache Gehäuse, das so recht seine eigene Schöpfung war, die einzige bisher. »Hier möchte ich ganz gerne wohnen« knüpfte er bedeutungsvoll an ihren Scherz an, mit einem tiefsinnigen Blick gleichsam in die eigene Seele »hier ist der einzige Ort auf Gottes weiter Welt, wo ich mich zu Hause fühle …« Sie fürchtete zu stören, er hatte so viel zu tun, nicht wahr. Diese Zurückhaltung rührte ihn, er erklärte, daß es nicht so arg sei, und las den halbfertigen Brief vor, der auf dem Tisch lag, um ihr zu zeigen, förmlich herablassend, daß das alles doch gar kein so besonderes Kunststück sei. »Das würde ich auch zusammenbringen«, lachte sie. Er ermunterte zu einer Probe. »Gerhart, spiel da draußen«, sie führte das Kind vor die Tür, wo noch große Sandlöcher um die eingerammten Pflöcke offen lagen, »da hast du Mehl und Zucker.« Und schnell kehrte sie zurück, entwarf ein paar Briefe, nach kurzen Andeutungen, die Arnold machte. Ihre Intelligenz überraschte ihn. »Da hätte ich ja einen perfekten Sekretär, das wünsche ich mir schon lange, nur hab ich's bisher nicht so weit gebracht.« »Ich komme jeden Nachmittag, wenn Sie wollen,« stimmte sie erfreut zu und eifrig schrieb sie weiter, sorgfältige Buchstaben,wobei sie ihre ohnedies großen hellgrauen Augen noch mehr herauswälzte. Arnold ging zuerst auf und ab, blieb aber dann stehen und betrachte sie von der Seite, irgend etwas fesselte seine Aufmerksamkeit, ohne daß er sich darüber Rechenschaft ablegte, erst nach geraumer Weile bemerkte er, daß es wieder diese im Verhältnis zur dünnen Taille reizend sich vorbiegende weiche Linie ihrer Brust war. Er bemerkte es ärgerlich, trat aber, noch halb im Taumel, hinter ihren Sessel und prüfte mit schwerem Ernst, ja mit Bekümmernis, die Wölbung ihres Rocks um die Hüften, dann die Falten der Bluse, denen man es anmerkte, daß darunter der Leib eng geschnürt war, betrachtete voll Interesse die scharfe, wenn auch nur wenig gehobene Kante, die der obere Rand des Mieders deutlich in den Blusenrücken preßte, glitt zum Gürtel mit seinem Blick und tiefer hinab, wo ihn das in jedem der zart eingewebten Rockstreifen ausgedrückte Anschwellen und dann das im finstersten Schatten ganz undeutliche Abschwellen zur Verzweiflung brachte. Endlich raffte er sich auf; ein Coupletrefrain, oder war es nur ein Spottvers, ging ihm im Kopf herum, immer lauter: »Er regt soch auf, hat nichts davon.« O pfui, wie ordinär war das, wie ordinär erschien er sich, ordinär, ordinär, und welch ein erbärmlicher Kontrast zu diesem Mädchen, die in ihrem Eifer und Schülerschreiben im Grunde einen so netten Anblick bieten mußte. – »… regt soch auf, hat nichts davon.« Wie ordinär! Die Schamröte stieg ihm ins Gesicht. Und so sind also die Männer. O wenn sie wüßte … Wahrscheinlich hatte sie gar keine Ahnung davon, welche ihr gewiß ganz entlegene Wirkung die Profilansicht ihres Körpers, ihr Rücken auf diesen – gebildeten jungen Mann ausübte. Sie arbeitete da, zeigte voll harmloser Beglücktheit, was für ein klugesMädchen sie war … Oder wußte sie es? Verstellte sie sich so gut? In diesem Gedanken legte ihr Arnold teuflische Krallenhände zu, Hörner unter der blonden, welligen Frisur. Er entfernte sich von ihr, bis in die entfernteste Ecke der Hütte, von wo aus er sie anrief: »Nun, sind Sie bald fertig?« – Jetzt erst bemerkte er, wie lange er nichts gesprochen hatte. Was war denn vorgegangen? Wieder stieg der Coupletrefrain in seinem Kopfe auf, so daß er sich schüttelte. – Sie nahm es für Ärger und beeilte sich noch mehr: »Ja, ja, gleich«, dabei legte sie eine Wange auf den linken Arm, schob das Papier weit nach rechts und jagte mit schräger Feder darüber hin. Als sie fertig war, bewegte sie den kleinen Finger der rechten Hand hin und her: »… tut weh.« »… regt soch auf«, dachte er unwillkürlich in demselben Moment, durch den Rhythmus ihres kurzen Sätzchens aufgestachelt, wie ein höhnisches Echo. »Bin's halt nicht gewöhnt«, setzte sie fort. Ihm fiel der zweite Teil des Couplets ein, unaufhaltsam. »Wird das so weitergehn?«, dachte er wütend. Zugleich spürte er eine kindliche Wichtigtuerei aus ihren Worten heraus, die ihm gefiel, aber nichtsdestoweniger seine Überlegenheit zurückgab. »Rufen Sie Gerhart«, befahl er und hütete sich, ein »Bitte« dazuzusetzen. Er sah sie streng an, mit einer energischen Miene, die eigentlich ihm selbst galt. Sie ging an ihm vorbei, durch die Türe hinaus. An seinem gespannten untätigen Stehnbleiben in diesem Moment merkte er, daß er, wieder verlockt, sie blöde anstarrte … Erst unterwegs dankte er ihr für die Mühe. »Jetzt sind Sie so lange gesessen, da müssen Sie Bewegung machen.« Das war natürlich der Übergang zu derselben Fang- und Kußszene wie gestern, nur erleichtert dadurch, daß Lina sofort von der Chaussee bereitwillig zwischen dieBaumstämme einbog.

Sie wurde ihm von nun an unentbehrlich. Sie schrieb seine Memoranden ins Reine, die er in flüchtiger Stenographie skizzierte, sie übersetzte Französisches, sie machte ihm die Korrespondenz so weit fertig, daß er nur noch lesen und unterschreiben mußte. So einen Diener, einen Ausführer konnte er gerade brauchen, dem er nur die Keime seiner zahllosen Ideen hinwarf, und schon wurden sie sorgsam aufgelesen, gereinigt, aufgezogen. Alles ging richtig, der kleine Gerhart spielte indessen draußen vor der Baracke, sie konnte sich mit einem Blick durch die Türe oder unten durch die Bretterluken durch schnell davon überzeugen … Doch mit all ihrer Dienstfertigkeit war sie Arnold nicht angenehm. Gerade dieses Nutzbringende an ihr, diese Sklavennatur stieß ihn ab, weil er fühlte, daß er dadurch an sie gefesselt war. Die Verehrung, mit der sie ihn umgab, fand er unsinnig, ganz anders als die Anbetung der Freunde, die er doch zu verdienen geglaubt hatte. Wie sie ihm von fern himmelnd mit den Blicken folgte, wenn er die Gerüste inspizierte oder Besichtigenden flink zur Hand war: das lähmte ihn fast. Ihre Kugelaugen waren wohl auch das entscheidend Häßliche im Gesicht, diese wässrigen, ausdruckslosen Glasbäuche, doch nicht minder mißfiel ihm, daß ihre Nase und die Kinnwölbung rot waren, die Backen derb und, aus der Nähe gesehn, nicht ganz glatt. Dafür entschädigte das reiche blonde Haar und die auffallend volle, doch biegsame Figur; jedoch, weiter betrachtet, war es gerade diese unlösliche Verbindung eines weichen, anmutigen Leibes mit einem so durchaus ungraziösen Gesicht, eines dämonisch Anziehenden mit einem eiskalt Abstoßenden, was Arnold unheimlich und widerwärtig wie eine ätzende übelriechende Flüssigkeit vorkam. Undmit diesem heillosen Eindruck wieder verbunden ihre offenbare Sanftmut, die Ergebenheit: o es war eine Disharmonie in allem. Und hatte er denn Zeit, das zu ordnen und zu entschuldigen, wie ein Verliebter etwa?… O, diese Liebe machte ihn ganz und gar nicht glücklich, nein, nur unruhig und niedergeschlagen. Er fühlte sich schwach gegen dieses Mädchen, er beneidete sie manchmal, denn sie war gewiß beseligt in ihrer aufrichtigen Neigung zu ihm. Sie sprachen überdies nie über Liebessachen, es fiel ihm nicht einmal ein, sie zu duzen. Als sie ihm gestand, sie sei einmal schon getäuscht worden, der Bräutigam habe sie nach schmählichem Tun im Stiche gelassen, erschrak er heftig. Zwar nicht wegen einer etwaigen Heirat, dieser Gedanke lag wohl beiden gleich fern; aber daß sie schon einem angehört hatte, mußte ihre Eroberung beschleunigen, und er selbst war, das wußte er, im gegebenen Moment zu unbesonnen, um aus eigenem Willen einzuhalten. So sah er die Gefahr vor sich und keine Möglichkeit, ihr auszuweichen … Zudem peinigte ihn der Gedanke, daß dieses Verhältnis wenig standesgemäß sei, daß er es zu wichtig nehme, und nur wenn ein Freund ihn neidisch fragte: »Du, wer war denn gestern diese Fesche?« beruhigte er sich ein wenig. Von außen her, durch die Wirkung auf andere mußte er sich ihre Schönheit und Begehrenswürdigkeit deutlich zu machen suchen. Auf ihn selbst blieb diese Wirkung erstaunlich oft aus. Dann mußte er sich ins Gedächtnis rufen, wie er sich gestern oder vorgestern in ihrer Nähe in Erregung wohlgefühlt hatte; sonst hätte er sie überhaupt nicht ertragen. Oder er hörte gern zu, wenn sie erzählte, wie ihr einer nachgegangen war, sie vergebens angesprochen hatte. Er forderte sie selbst zu solchen Berichten auf, die ihm ihren Wert ins Bewußtseinbrachten. Daher hielt sie ihn für eifersüchtig, freute sich darüber, wenn sie auch viel zu demütig war, um diese seine Schwäche irgendwie auszunützen. Sie verschwieg ihm also lieber solche Begebenheiten; er, der beinahe das Gegenteil von eifersüchtig war, mußte sie mit List hervorlocken. So war ein versteckter Krieg entbrannt, ohne daß sie es wußten … Es war nicht zu vermeiden, daß seine Leidenschaft, die auf bloße Sinnlichkeit ohne die leiseste Spur eines seelischen Anteils gestellt war, in ihrer Stärke heftige Schwankungen zeigte, je nach dem Wetter oder seinem Ausgeschlafensein. Sank sein Feuer, so war es ihm schmerzlich, denn dann kannte er sich in diesem Verhältnis überhaupt nicht mehr aus, wußte nicht, was er wollte und was das Ganze bedeutete. Deshalb geriet er auch jedesmal in Unruhe, wenn Lina hie und da schlecht aussah oder wenn ihr ein Kleid nicht paßte. Es verdroß ihn, wenn ihre Gestalt in gewissen Stellungen nicht vorteilhaft wirkte, er konnte dann den Gedanken nicht abweisen: Am Ende ist gar nichts an ihr – er fühlte sich wie betrogen. Manche Tage erschien sie ihm zur Verzweiflung unscheinbar, eine Pustel entstellte den Mundwinkel. Sorgsam kontrollierte er ihr Abmagern oder Zunehmen, bat sie, nun in dieser Fasson innezuhalten, scheinbar scherzhaft, mit verhülltem innerstem Ernst. Er fragte sie, ob sie gut schlafe, wie viel sie gegessen habe – alles nur zu dem einen Zwecke: um auf dem Umwege über ihre Schönheit seine Behaglichkeit zu erlangen. Er hatte auch einen gewissen zärtlichen unmerklichen Griff, um sie gleich beim Kommen an der Taille anzurühren und rasch festzustellen, ob die diesmalige gute Wirkung mit oder ohne Zuhilfenahme eines Korsetts zustande gebracht sei. Dabei geriet er halb unbewußt in inbrünstige Gedankengänge wie diese:»Da sie heute so wenig fesch aussieht, so hat sie doch hoffentlich wenigstens kein Mieder an« – oder: »Mein Glück wäre vollständig, wenn der heutige süße Effekt ohne Mieder hervorgebracht wäre.«

So kam es, daß er niemals an dem, was sie war, an ihrer natürlichen und begrenzten Organisation ein endgiltiges Wohlgefallen fand. Sondern oft, wenn er sie in Muße beobachten konnte (sie schrieb, er diktierte) stellte er sich vor, wie ihre Nase oder die Hände etwas besser zu machen wären, er probierte in Gedanken, ob ihre Brust noch etwas voller reizend wäre oder schon unschicklich und übertrieben, ob man ihr nicht mit Brillantohrgehängen oder mit einer Brille (o diese Augen!) beispringen könnte. Er kleidete sie in Trachten verschiedener Zeit, er operierte sie. Wie schwer war es doch, sich in die Liebe hineinzureden. Da er den naturgemäßen Zusammenhang ihrer Eigenschaften nicht kannte, auch sich keine Zeit dazu nahm, über ihn nachzudenken, hatte er Angst, es könnte eines Tages ihre ganze Schönheit plötzlich verschwunden sein. So war er stets angespannt, stets auf dem Posten, nervös und erregt. Sie jedoch, natürlich ohne jedes Verständnis für seine Qualen, störte ihn obendrein durch Reden wie: »An mir ist ja nichts« oder »Ich weiß, daß ich nicht schön bin«. Das war immer wie ein Fußtritt in seinen kunstvollen Ameisenbau, dann kribbelten schnell seine Ideen und Reden heran, um den Schaden wieder gut zu machen. Er stellte ihr vor, daß er solche Selbsterniedrigung hasse, daß sie ja damit ihn selbst angreife und blamiere, denn was sei er, wenn er mit einer, »an der nicht viel sei«, so viel verkehre. Sie versprach zerknirscht es nie mehr wieder zu tun, vergaß das aber schnell, da sie es im Grunde nicht begriff, lobte ihn: »Was bin ich gegenSie?«, sehr erstaunt, daß ihn das ärgerte. Dann weinte sie. Er mußte sie trösten, doch wiederum fand er bald den Unterschied gegenüber seiner früheren Trostwirkung auf Freunde: Damals hatte es sich um Taten und Ermutigungen zur Arbeit gehandelt, hier umfaßte der Trost die ganze Person und war eben deshalb ein leeres Gerede … Alles in allem empfand er ein Gemisch von Mitleid, Dankbarkeit, Neugierde, Unmut, Eitelkeit, auch ein wenig Hingezogenheit und starken Kitzel, all dies wechselnd und heftig, wie es sich für sein unstetes Gemüt eben schickte.

Inzwischen war auch das Flugunternehmen an einen kritischen Punkt gelangt. Aus nichtswürdigen Quellen häuften sich die Angriffe, anonyme Briefe flogen, die Sicherheitsbehörden schritten ein. Ein radikales Blatt sprach offen von »Schwindel und Bankrott«. Farman, Blériot sagten ab und so hatte sich der Ausschuß an den jungen hoffnungsvollen Aviatiker Ponterret gewendet, einen Belgier, der einen Apparat eigener Konstruktion vorführen sollte. Er war einverstanden und bald sah man in den Auslagen Photographien eines hübschen Herrn, frisiert und schlank, der aus dem Hohlsitz seines Monoplans die Mütze schwenkte oder kühn wie Latham Zigaretten rauchte oder aus kriegerischer Schutzbrille in die Luft starrte, die Hand am Lenkhebel. Die Zeitungen brachten seine Biographie, er hatte sich öffentlich noch wenig hervorgetan, umso mehr privat, auch zitierte man einen Ausspruch Paulhams, daß dieser junge Mann der Einzige sei, der ihm jemals gefährlich werden könnte. Auf den Plakaten führte er daher das ehrende Attribut »Der Rivale Paulhams«, und bald war sein Name so sehr in aller Munde, daß man ganz vergaß, ihn vor einer Woche noch gar nicht gekannt zu haben, daßman beim Aussprechen schon jenen illustren unbeschreiblichen Beiklang herausschmeckte, den die Namen der großen Helden und Meister haben: Ponterret!… Der Apparat kam, per Sonderzug, wurde ausgestellt, photographiert, erklärt, von Mittelschülern klassenweise offiziell besichtigt, unter sachverständiger Führung des Physikprofessors. Endlich traf der Champion selbst ein, von der Stadtvertretung begrüßt, übrigens sehr bescheiden und sympathisch, nur auf seine Arbeit bedacht. Man beschrieb ihn in den Zeitungen, wie er eigenhändig, selbst geschickter als seine Monteure, die niedrigsten Dienste an seiner Maschine zu leisten sich nicht scheute, keinen Bestandteil für unwichtig hielt, jede Schraube tausendmal ausprobierte. Schon am nächsten Tag versuchte er einen Flug, der Motor ging nicht, das Benzin war schuld daran. Bei der nächsten Probe geriet die wertvolle Dogge des Fliegers in die Schraube, die gerade angelassen wurde, die Schraube brach, die Dogge blieb auf der Stelle tot. Ohne mit der Wimper zu zucken, ließ Ponterret sofort eine neue Schraube anmontieren, doch setzte der Motor bald darauf aus, die Probe mußte abgebrochen werden. Die Journalisten konnten nichts tun als immer wieder den »Piloten« beschreiben, der nach solchem Mißgeschick mit kaltblütigem Lächeln vor dem Hangar auf- und abspazierte, winzigeZigarettenrauchte, dann aber gleich wieder im blauen Arbeitermantel, unter dem die gelben Lackstiefelspitzen hervorschauten, unverdrossen ans Werk ging, die Verbindungsdrähte wechselte oder das Traggestell ausbalanzierte. Ponterret plagte sich unermüdlich, er setzte sein Leben bei den fortgesetzten Proben mehrmals aufs Spiel, er war zugleich liebenswürdig und energisch, mutig und auf das Schlimmste gefaßt, er bot eine Vereinigung sämtlicherHeroentugenden; trotzdem erzielte er nicht den mindesten Erfolg, der Apparat funktionierte einfach nicht. Kurz und gut, Ponterret bot das unserer Zeit schon etwas entfremdete, aber für die damalige Kinderstammelperiode der Flugtechnik typische Bild des hingebungsvollen, tüchtigen, durchaus ehrenwerten Aviatikers, dem trotz aller Anstrengungen und Aufopferungen ein leiser Hauch von Komik anhaftet, weil ihm so gar nichts gelingt, dem vielleicht nur ein kleiner Handgriff fehlt oder am Ende gar nur unglückliche Zufälle im Weg stehn. Man wünscht ihm ja das Beste, man wünscht aber zugleich, peinlich berührt, der beweinenswerte Held wäre hübsch zu Hause geblieben, da man ja nicht die Möglichkeit hat, seine Handgriffe oder Zufälle irgendwie günstig zu beeinflussen. Er stellt, man mag ihn entschuldigen wie man will, das konzentrierteste Symbol menschlicher Unsicherheit und Machtlosigkeit dar; und das kann man ihm nie verzeihn … Drei Tage vor dem angesetzten Schauflug brach Ponterret einen Flügel seines Aeroplans, nun mußte man Ersatz aus Paris herantelegraphieren, den Flugtag um vierzehn Tage verschieben. Das Publikum wurde allmählig ungeduldig. Zwei Holzhändler ließen es aber bei akademischer Ungeduld nicht bewenden, sondern führten Exekution gegen das Konsortium, das sie auf den Flugtag vertröstet hatte, und ließen den Apparat mit Beschlag belegen. Die Pfändung mußte natürlich aufgehoben werden, denn der Apparat war Privateigentum des Fliegers. Die Sache aber machte Aufsehn, und nur wer finanziell nicht beteiligt war, lachte.

Jetzt erst begann Arnold stutzig zu werden. Er stürmte zu Philipp Eisig um Aufklärung. »Was für Aufklärungen« erklärte heiter der Dicke. »Es wirdnatürlich ein Reinfall.« – »Was, du meinst, Ponterret wird nicht aufsteigen.« – »Aufsteigen muß er, das steht im Kontrakt, das heißt: starten. Aber fliegen? Du hast es ja gesehn.« – »Du glaubst, nein?« – »Was willst du von mir.Ichkann nicht an seiner Stelle fliegen.« – »Aber wir sind doch verantwortlich, vor der Öffentlichkeit. Man wird das Entree zurückgeben müssen, dann liegen wir drin.« – »Keine Idee. Man wird natürlich das Entree nicht zurückgeben.« – »Man wird es. Das verlangt der Anstand.« – »Du bist ein Narr.« – »So, dann trete ich aus. Einem betrügerischen Unternehmen stehe ich nicht vor, das ist nicht meine Art.« – Nun aber wurde Eisig ganz ernst und kühl, während man das Bisherige immerhin noch als Ausdruck seiner spöttisch-mürrischen Sitten hätte erklären können: »Das wirst du nicht.« – »Ich werde es.« – »So, dann bitte ich doch, du Gerechtigkeitsprotz, zunächst auch einmal deine Verbindlichkeiten gegen mich zu erfüllen. Ich denke,« er blätterte in einem Notizbuch, das er merkwürdig schnell zur Hand hatte, »es sind jetzt bald tausend Gulden«. – »Nur achthundert« erwiderte Arnold betroffen, halb mechanisch. – »Ohne Zinsen!« – »Du weißt, daß ich momentan kein Geld …« – »Ach was, momentan, immer momentan …« – »Du hast mich doch heute zum erstenmal gemahnt.« – »Nun, und was folgt daraus? Ich brauche momentan Geld, das ist die Sache, verstehst du. Alles andere ist mir ganz wurscht. Sonst erfährt nämlich mein Alter, daß ich dort drüben Wechsel für ihn einkassiert und für mich behalten habe. Lange genug schieb ich's von einer Seite auf die andre, einmal muß das Loch zugeklebt werden. Und da wird man aufs Entree verzichten, schöner Gedanke!…«– Arnold erschauerte; je länger und begründeter Eisig sprach, desto klarer wurde ihm, daß es sich da um sehr schmutzige Geschäfte handelte. Jetzt erst sah er, in was er sich eingelassen hatte. Ja, hätte er's nicht gewußt, jetzt hätte er es an Philipps Gesicht erkannt, an diesen wulstigen Lippen, den breit wie gelbe Wandteller hinausgezogenen Wangen und den allzu dichten Haaren darüber, durch den Scheitel zu zwei gleichmäßigen dicken Polstern aufgeschichtet. Was Jahre dichtesten Umgangs nicht entschleiert hatten, entdeckte er jetzt: den verbrecherischen Zug in diesem Kropfgesicht, und verstand in einem Blitz den gründlichen Unterschied zwischen seinem eigenen Abenteuerwesen und dem des Freundes. Wütend machte er sich davon …


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