An diesem Nachmittag erschien ihm Lina angenehmer als sonst. Ihre Güte und Unterwürfigkeit tat ihm wohl, schon die weiche klagende Stimme verscheuchte ein wenig seine Sorgen. Das war doch ein befreundeter Mensch, auf den man sich verlassen konnte. O, ein Glück, daß er die hatte, so ein braves anständiges Mädchen! Er drückte ihr warm die Hand, doch eilig, denn heute hatte er ihr besonders viel zu diktieren und anzuregen, ihre Feder flog nur so. Es fiel ihm zugleich ein, daß er Unrecht tat, ihre Liebe so auszubeuten, sein moralischer Sinn war gleichsam durch die Unterredung mit Philipp geschärft. Sie tat ihm leid. Doch heftiger erfüllte ihn wie ein Nebel die Angst um die eigene nächste Zukunft, tausend Rettungspläne, das Notwendigste für den Moment. Es war, als entfache das drohende Fiasko nun noch die letzten Reserven seiner Willenskraft und Anspannung, seine äußersten Gedanken. Heute bewunderte er sichselbst, und als er gegen Abend den Haufen der fertiggestellten Briefe überschaute, darunter ein paar wirklich gelungene, – um vorzubeugen, Rückzug zu sichern – atmete er zufrieden auf … Ein Schrei Linas erschreckte ihn. Der kleine Gerhart war nicht da, verschwunden. Sie suchte vor der Hütte, überblickte von den Stufen des Amphitheaters aus die Rennbahn, vergebens. Verzweifelnd gab sie sich, nur sich selbst alle Schuld an dem gräßlichen Unfall, sie hatte heute weniger aufgepaßt als sonst, das Kind mochte sich verirrt haben, ins Wasser gefallen sein, Gott im Himmel, was war da zu tun! – Arnold forschte indessen die Arbeiter in der Nähe aus. Ja, man hatte den Kleinen auf dem Wege zum Weidengestrüpp gesehn, das auf der andern Seite der Flugwiese in menschenleerer Öde sich erstreckte, gegen den Fluß zu. Schon eilte Lina in dieser Richtung, Arnold ihr nach. Sie kreuzten durch die niedrige Wildnis, bückten sich unter verflochtenen Ästen durch, rissen sich wund, schwitzten. Der Boden wurde schwarz und fett; setzte man den Fuß auf ihn, so quoll kotiges Wasser hervor. Die Weiden standen dicht wie ein Kornfeld beisammen, Lina bog sie auseinander, hielt sie fest, um dem Nachfolgenden Raum zu geben, ließ sie aber doch noch einen Augenblick zu früh los, so daß sie ihm gerade recht ins Gesicht peitschten. Gereizt bat er sie umzukehren. Sie waren über glitschrige Steine an das Schilfufer des Flusses gelangt. Man sah fast gar nichts mehr, denn der Tag war regnerisch gewesen und jetzt gegen Abend erfüllte warmer aufsteigender Dunst die Luft. Nun wateten sie durch Binsen und Röhricht zurück, gerieten wieder in die Bäume … plötzlich erblickten sie, beide zugleich, durch eine dichte Brombeerhecke von ihnen getrennt, das Kind,das arglos ruhig auf einem steinigen Plätzchen einen Sandturm aufbaute. Ein Anblick, so voll Kontrast zu der angstzerrissenen Stimmung der beiden, daß sie trotz Ärgers und Kopfschüttelns und Hastens wie auf einen Schlag stehn blieben und, wie man es einer Vision gegenüber tun mag, unter langsamem Händeaufheben beide die Lippen zu einem notwendigen, gar nicht lustigen Lächeln dehnten … Den Sand hatte das Kind offenbar in seinem kleinen Blechkübel vom Flugplatz hierhergetragen, beschwerlich, in mehrmaligen Gängen, und es gefiel ihm so gut, in dieser neuen Umgebung zu schippen, wo es eigentlich von rechtswegen gar keinen Sand gab, als ein kleiner Herrgott also, daß es Augen und Ohren an sein Spiel verloren hatte … Lina, aus dem Bann erwachend, unterdrückte einen Jubelschrei, ihre Augen glänzten dankbar gegen Arnold, als schulde sie ihm den glücklichen Ausgang dieses Zwischenfalls. Einen Moment lang fand er sie wirklich schön, in diesem feuchten dunklen grünen Laubwerk, mit ihren glänzenden roten Wangen, der klopfenden Brust. Lau brodelte es aus dem Moos, den alten Stämmen, wie ein Bad, das alle Glieder in Wohlbehagen löst. Dicke Fliegen setzten sich ihm auf die Stirn, die Augenlider, und wenn er sie verscheuchte, fielen sie wie besinnungslos wieder auf ihn zurück, berührten ihn heftig zitternd, kleinen schweren Händchen gleich. Es schien ihm, als trügen sie ihm Linas Körperduft näher, als balle er sich um diese schwarzen Körperchen, ja als seien die Fliegen nichts als kompakte Pillen dieses betäubenden Geruches, o dieses gar nicht mehr fremden, nein wohlvertrauten Geruches einer Frau, die er schon oft geküßt, geküßt, aber nur geküßt hatte, … die jetzt so dicht bei ihm war, wie in einem Zimmer bei ihm. Und das spielende gerettete Kind so nah, so nichtsahnend, so unwissend, blind gegen das, was jetzt sofort neben ihm geschehn wird: diese eigentümliche Vorstellung, die ihn wie mit der allerdurchtriebensten Freude erfüllte, entschied. Vielleicht wirkten auch die vielen überstandenen Aufregungen dieses Tages mit. Plötzlich fühlte er sich sicher, nicht wie sonst im Kurwäldchen von Menschen bedrängt. Eine seltsam qualvolle Lust ergriff ihn, wie ein letzter Ausläufer der raschen Gehbewegungen vorhin, die nicht unvermittelt abbrechen wollten, er strauchelte vorwärts, über eine Wurzel, er faßte mit beiden Händen geradeaus langend, die beiden Brüste des Mädchens, diese vorstehendennachgiebig-festen Brüste, die ihn immer so gelockt hatten, faßte sie mit einem Griff, dem man hätte anmerken können, daß er ihn in eben dieser Art und mit dem glühendsten Feuer in Gedanken oft schon ausgeführt hatte, er drückte sie wie Ballons, wie um sie auszupressen, wie um sich an ihnen festzuhalten, über einem Abgrund schwebend gleichsam, und nun, keuchend, heiß, außer sich, mit hüpfenden Augen, die Haare gesträubt, singend, matt, verzückt, drängte er Lina an den nächsten Baum, dessen trockene Rinde in kleinen Stückchen herabsplitterte. Einen Augenblick später war sie sein.
Seine Empfindung sofort nachher war ohne jeden Übergang: eine maßlose Wut gegen sich selbst. Also doch, also doch war es geschehn, trotz allen Inachtnehmens, also doch, also doch … Er war still, während Lina sich abwandte und nach einer Weile, da nichts mehr geschah, das Kind holte. Das Geschrei des kleinen Lausbuben, der seine Bauten nicht verlassen wollte, zergellte ihm die Ohren. Er begleitete sie nach Hause, niedergeschlagen, doch so weit gefaßt, daß er noch einiges sprach, was sanft klang, weil seine Wut sich inzwischen in eine unsäglicheTraurigkeit verwandelt hatte. Lina flößte ihm mit jeder ihrer Bewegungen Furcht ein, sie war ihm unheimlich, bald weil sie nach seiner Meinung eine Wendung ins Zärtliche machte, bald weil er sich von ihr verachtet glaubte. Und dieses Kind, dieses Teufelskind war schuld an allem, diesen Gerhart hätte er kaltsinnig erwürgen mögen. Los werden die zwei, das war sein einziger Wunsch, den er durch Rücksichtnahme und galante, dankbare Anwandlungen verfälschte, der aber zum Schluß den Abschied doch bedeutend abkürzte. Arnold hatte das Gefühl, als müsse er auf die Erde stampfen und mit gerecktem Arm die beiden weit von sich wegschicken. Er zwang sich noch zu einigen Phrasen; als aber Lina immer noch nicht ging, drehte er sich auf dem Absatz herum und geriet rasch in immer schnelleren Schritt … über die dunkle Ebene jagte er seiner Baracke zu. Dort stürzte er nieder, konnte nicht mehr weiter. O ein Wigwam, fragte er sich höhnisch, nein ein Brettersarg ist das! Er trat ein. Ohnmacht und Reue erfüllten seine Seele, doch zugleich erschienen wie von einem tieferen Grunde herauf unzusammenhängende Bilder, halb vergessene, ungerufen zogen sie vorbei und lenkten den armen wirren Geist in ihre Träumerei … Da sah er sich, sah sich als kleinen Knaben, an der Hand der teuren Mama im Schulsaal zum erstenmal, bei der Aufnahme in die Schule. Und während ihn der Lehrer für die erste Klasse einschrieb, hatte das Knirpschen schon den Mund offen: warum hier zwei Tafeln übereinander seien, nicht eine, wie er es in Puppenschulen bisher gesehn. Freundlich belehrte ihn der Herr Lehrer: »Ja, wenn die eine vollgeschrieben ist, dann ziehn wir eben die obere leere hinunter, nichtwahr. Siehst du, so macht man das, so …« und hatte es ihm gezeigt, während ersich zugleich lobend zur Mutter wandte: »Ein aufgeweckter Junge.« O Gott, warum hatte ihn denn damals jeder lieb gehabt und jeder gestreichelt, sich über ihn gefreut, und so unschuldig, spielend alles – und jetzt war es doch nur derselbe Trieb, der ihn in Schuld und Schande verstrickt hatte, genau ebendieselbe Glut, die damals allen so wohl getan hatte, er konnte gar nicht mehr dafür als damals für seinen kindlichen Reiz … Zum erstenmal überblickte er sein ganzes Leben und fand es erschreckend wie ein Gewitter in der Nacht, fand es sinnlos, trostlos und sich selbst immer unter demselben Stachel ungerecht leidend, preisgegeben, verschmachtend, ein Spielzeug übermächtigen himmlischen Zorns. O wer kannte seine Qualen! Wer stand ihm bei! Wer hatte Mitleid mit der Unbesonnenheit des verblendeten Kindes, mit dem Unseligen Mitleid!… Hätte er nur ein Herz gehabt, einen Freund, Eltern, die ihn verständen! O auf die Berge hätte er steigen mögen und wie Gießbäche seine Arme ausstrecken nach einem guten menschlichen Herzen … Doch nein, da hatte man ihn immer weiter rennen lassen, zurück übersah er es bis hinab zu seiner dunklen Fußballeidenschaft, zu den ersten Tollheiten, immer weiter hatte man ihn rennen lassen, den Hitzigen, und so war er bis hierher gerannt, niemand hatte ihn gewarnt, bis hierher auf diesen Fleck und auf diese Stunde, wie blind, während von allen Seiten die Wände des Engpasses immer näher und drohender zusammenrückten, aber blind immer weitergerannt, bis hierher, wo es kein Zurück mehr gab … Tränen entströmten ihm bei diesem Gedanken, er weinte, ein tiefes Erbarmen mit sich selbst hatte ihn erfaßt, mit seiner reinen verlorenen Jugend, ja mit der ganzen Welt … Nur eine Weile. Dann kehrte der Zorn zurück. Er erinnerte sich – o war das nicht Warnung genug gewesen?– daß er schon mitten in dem kurzen Genuß vorhin den Widerwillen gespürt hatte, den dieses verdammte Weib ihm einflößte, einen Ekel und eine Notwendigkeit zugleich, wie wenn man etwa früh in den noch ungespülten Mund ein Glas Wasser aus Durst hinunterschlucken muß. Er spie aus … Da lagen ja noch die Briefe, ein ganzes Paket. Er verfluchte seine Energie, sie war zu nichts nutze. Und mit einem gewaltigen Druck riß er mitten an dem Stoß, es ging nicht, da teilte er ihn in zwei Lagen, hierin wenigstens konsequent, und zerfetzte jede in kleine Stücke. Mochte alles werden, wie es wollte, er gab's auf …
Eine Idee kam ihm. Die Markensammlung verkaufen, und nach Amerika!… Da waren doch fünfzehntausend Mark nach Senff, ein Kapital, ein Anfang!… Er fuhr in die Stadt, und obwohl schon bald zehn Uhr war, beschloß er, Lambert zu besuchen. Der hatte kommissionsweise die Einkäufe vermittelt, sicher wußte er einen Käufer, vielleicht war er sogar selbst geneigt … Er klingelte. Jetzt erst bemerkte er, wie unschicklich es war, mitten in der Nacht mit dieser Verkaufsangelegenheit einzudringen; er faßte schnell den Plan, seine Absicht zu maskieren. »Ich habe da ein Angebot«, rief er, »es muß sofort entschieden werden, telegraphisch. Soll ich zwanzig Sätze Jubiläumsmarken bestellen? Das macht so etwa fünfhundert Kronen.« Lambert, geschmeichelt durch dieses Zutraun zu seiner Fachkenntnis, rückte sich zurecht. In seinem taubengrauen Schlafrock mit dunkleren Schnüren, im Lederfauteuil, jetzt Zigaretten anbietend und der Sitte gemäß sofort sich erhebend, um einen Likör aus dem Kästchen zu holen, war er ein Musterbild reifer, gesetzter Jugend, ein Beispiel für jene merkwürdige Leichtigkeit und Unbedingtheit,mit der gewisse Naturen (es sind nicht immer die wertvollsten) den Übergang von unverantwortlichem Knabentum zur würdigen repräsentativen Mannheit vollziehn. Arnold, so tief unterlegen gerade in diesem wirren Moment er dem Gefestigten war, fühlte doch eine gewisse lächerliche Schwäche an ihm heraus, in der er sich instinktiv sofort festnistete: »Ich komme zu Ihnen als einem Kenner, Sie wissen ja …« »Nun, ich glaube«, holte Lambert aus, »das ist ein gutes Geschäft. Die Verwaltung gibt nur eine sehr beschränkte Anzahl aus. Schließlich ist doch Bayern kein Costa Rica oder sonst ein exotischer Staat, der an Jubiläen Geld verdienen will.« … Wie langweilig waren für Arnold diese selbstverständlichen Gedankengänge, mit denen Lambert sich ein Ansehen gab. Seine aufgeregte Hast kämpfte mit der Klugheit, den Schwätzer ausreden zu lassen, endlich fiel er doch ein: »Ich weiß. Gut, aber das hat man bei der vorigen Emission auch gesagt. Und da kamen Nachträge. Von Raritäten ist nicht viel zu spüren … Schlechte Spekulation. Ich hab's überhaupt satt. Wissen Sie nicht, wie ich die ganze Sammlung loswerden könnte?« … Lambert blieb noch eine Weile im alten Geleise, sei es, daß er Arnolds Wendung für eine bloße Gesprächslaune hielt, sei es, daß er auf eine so fernliegende Abschweifung überhaupt nicht aufgepaßt hatte. Er redete also weiter von steigenden Werten, Neudrucken, Facsimilien, bis ihn ein nochmaliges Andrängen Arnolds aufhielt. Nun erst ging er mit gleichgiltiger Miene (auch Arnold blieb äußerlich ruhig) auf das neue Thema ein: »Ja, das ist eine schwere Sache. Man müßte die Sammlung ausschreiben, in Fachzeitungen, das dauert lang und dann werden Ihnen die besten Stücke herausgeklaubt und der Schund bleibt. Oder Sie tragen dasGanze zum Händler, der gibt Ihnen gar einen Pappenstiel. Es bleibt also nur irgend ein großer Privatsammler.« … »Ja, ein Privatsammler«, wiederholte Arnold gierig. »Wissen Sie also einen?« … Lambert überlegte … »Für zehntausend,« begann Arnold, und da Lambert überrascht lächelnd aufblickte, fuhr er fort: »Für zweitausend Kronen gebe ich alles. Denken Sie, Altsachsen vollständig.« … Lambert machte ein spitzfindiges Gesicht, wie am Schlusse seiner Überlegung angelangt, als habe er es jetzt herausgebracht: »Ja, wer legt aber so leicht zweitausend Kronen auf den Tisch? Das ist ein schönes Geld. Das tut einem weh.« … »Wie kommt das aber?« fragte Arnold betrübt und kindlich … Lambert erging sich in Vergleichen. Sammelwert sei etwas anderes als Wert im Allgemeinen. Und wenn man einen neuen Pelz kaufe oder ein Schmuckstück, ein Möbelstück, wieviel bekomme man beim Weiterverkauf, auch für die besten, wie neuen Stücke … Das Gespräch verlor sich ins Allgemeine, Arnold lobte Lamberts Einrichtung, eine echte Junggesellenwohnung, dabei sah er im Innern ein, daß hier nichts zu holen war. Erschöpft und bleich blieb er noch ein Weilchen sitzen, fand nicht die Kraft, aufzustehn und wegzugehn, seine Gewandtheit hatte eben auch ihre Grenzen. Endlich empfahl er sich. Lambert meinte imWeggehen: »Also wegen der Jubiläumsmarken können Sie ganz unbesorgt sein. Dabei riskieren Sie nichts. Eventuell beteilige ich mich.« … Arnold hätte am liebsten laut aufgelacht. »Und unser Meeting morgen«, fügte er noch hinzu, probierend, »das wird ein schöner Humbug, was?« Er zwinkerte dabei. Auch Lambert lächelte verschmitzt und kniff ein Auge halb zu, mit kleinen Fältchen: »No, das glaub ich.« Sie schüttelten einander die Hände, wiein vergnügtem Einverständnis … »Und gegen dieses niederträchtige Leben«, sagte sich Arnold, indem er Stufe um Stufe hinunterschritt – Lambert leuchtete, über die Geländerbrüstung gebeugt, klingelte dem Hausmeister, im finstern Gang unten erschien etwas Undeutliches, Warmhauchendes, Mann oder Weib, führte Arnold ans große Eisentor, stellte die Laterne auf den Steinboden, steckte den Schlüssel ein und gab endlich mit leichter Hand der massiven Pforte einen ganz kleinen Stoß – »und gegen dieses niederträchtige durchdachte kolossale Leben habe ich mit Spielereien ankämpfen wollen, mit Papierschnitzeln. Da seh' ich erst, wie ahnungslos ich war … ein Kind, in allem …« Von neuem traten ihm Tränen in die Augen.
AufseinemSchreibtisch zu Hause lag ein Brief. Gottfried Eisig, der vor einigen Tagen einen Journalistenposten in Berlin angenommen hatte, schrieb ihm begeistert (Arnold erkannte den eigenen Stil darin) von seinem jetzigen Leben, von der Weltstadt. Ob er nicht hinkommen wolle? Ein dritter Feuilletonredakteur werde eben gesucht. – Ärgerlich warf Arnold den Brief weg. Ja, neue Wirren, neue Verlockungen, das wäre so das Rechte! Man kannte ihn ja, man hielt ihn schon für fähig zu jeder Dummheit.
Da trat sein Vater herein: »Weißt du es schon? Die Großmutter liegt im Sterben … Pst! Die Mama darf es nicht wissen. Ich hab sie nur ein bißchen vorbereitet. Da lies die Karte von Lichtnegger.«
Arnold las, ohne Bewegung, gedankenlos.
»Den letzten Satz hab ich ihr gar nicht gezeigt. Trotzdem fährt sie morgen Nachmittag nach Wintertal. Ich kann nicht mit, jetzt in der Hochsaison. Wenn sie sich nur nicht zu sehr aufregt …«
So viel Lärm wegen einer alten Frau, dachte Arnold. Plötzlich fiel ihm ein: »Wenn du willst, begleite ich die Mama …«
»Du wolltest?… Aber morgen ist ja euer Schauflug.«
»Ja richtig, der Schauflug!« Arnold machte, als ob er sich erst jetzt darauf besänne. Dann zog er mit dem letzten Rest seiner Energie den Mund männlich zusammen: »Das kommt nicht in Betracht. Ich fahre mit der Mama nach Wintertal.«
Der Vater sprach noch eine Weile, bereitete nun auch ihn gleichsam auf das Unvermeidliche vor: Die Großmutter sei ja schon vierundneunzig Jahre alt, was für ein Leben … man könne sich denken … man müsse froh sein … einmal wäre sie jetzt so wie so eingeschlafen, aus Altersschwäche … nun diese Lungenentzündung, das würde sie wohl nicht überstehn. – Und in allem Sanftmut schien er dieses baldige Ende förmlich von der Natur zu fordern, als Bestätigung seiner regelmäßigen Ansichten … »Sie wird sich freun, wenn sie dich noch einmal sehn kann« schloß er »du bist ja ihr besonderer Liebling.«
Arnold wich zurück: »Ich – ihr Liebling? Ist das ein Witz?«
»Natürlich. Wie sie vor fünfzehn Jahren hier war, hat sie sich mit niemandem vertragen, nur mit dir. Sie ist ja, unter uns gesagt, eine wahre Furie … Immer noch erzählt sie von dir, was für ein braver Junge du warst.«
Um Arnold sauste es. Er mußte die Fäuste ballen, um diesem Sturmwind standzuhalten. »Die auch,« murmelte er und seine gleißnerische Stellung in der Welt, all der lügenhafte gute Ruf, der so ungerechtfertigt seinhirnloses Zappeln umgab, fiel ihm wie höhnischer Vorwurf auf die Seele.
Der Vater trat besorgt näher. »Was sagst du?«
»Nichts, Papa. Gute Nacht also. Ich bin todmüde. Morgen weiter.«
Erst im Eisenbahnkoupee wurde Arnold ruhiger. Nur ein dunkler Mißmut blieb ihm zurück, unten auf dem Grund, den auch die Stöße des Zuges nicht aufrüttelten und nach dessen einzelnen Bestandteilen zu forschen er sich wohl hütete.
Die Mutter hatte eine Unzahl von Paketchen mitgebracht, die er tätig ins Netz schlichten half: Obst und Buttersemmeln als Reisekost, für die treue Frau Lichtnegger Würste und einen großen Schinken, für die Großmutter Magenlikör, den sie immer verlangte, Brustbonbons und andere Kleinigkeiten … Erst als sie alles in Ordnung wußte, heiterte sich ihr Gesicht auf, und indem sie sich bequem zurechtsetzte, gab sie Arnold Anweisungen, wie er sich verhalten müsse. Laut reden, natürlich – und sich nichts draus machen, wenn er manches nicht verstehe, die Mutter spreche eben noch wie die alten Leute – er solle nur recht lustig sein, ihr Witze erzählen, auch sagen, daß er schon Geld erspart habe, das sei die Hauptsache – und warum er so eine schlechte Krawatte anhabe, er solle in Wintertal gleich eine bessere kaufen, darauf gebe die Mutter sehr viel, letzthin habe sie zum Beispiel ihr Reisekleid nicht elegant genug gefunden.
»Auf solche Sachen gibt sie noch acht?« meinte Arnold zerstreut. Jetzt etwa begann der Flug in Waldbrunn.
»O sie gibt auf alles acht. Du würdest staunen. Überhaupt, gescheit ist sie …« Es klang so wie: Ja wenn alles an ihr so gut wäre …
»Ist sie wirklich so bös?« fragte Arnold gleich, etwas übereilt, da er eben nicht ganz bei der Sache war, trotz innerer Anstrengung.
Der Mutter aber schien diese Wendung nicht unangenehm zu sein; sie begann gleich von ihrer Jugend zu erzählen, als gingen ihr alle diese Dinge schon recht eifrig im Kopf herum. Durch die Reise in ihre Heimatstadt war die Vergangenheit näher an sie herangerückt. Was für Qualen!… Sie hatten eine Glasperlenerzeugung gehabt, die Mutter am Platz, der Vater immer auf der Reise, denn zu Hause war ja die Hölle. Oft mußten die Kinder Nächte und Tage lang Knöpfe auf kleine Kartons befestigen, bis ihnen die Augen zufielen. Wenn nicht so und so viel Gros fertig waren, mußten sie auf Erbsen knien und weiterarbeiten. »Wir haben mehr Schläge gekriegt als zu essen.« Und dabei war solcher Fleiß gar nicht nötig, denn das Geschäft ging ja damals noch sehr gut, sie kauften sogar später ein eigenes Haus. Aber die Kinder mußten weiter arbeiten, nur aus Geiz, daß ihnen die Finger wund wurden, auf einem Schammerl stehn und große Kisten packen und wehe, wenn etwas zerbrach! Dann auf den Markt fahren, nach Pilsen. Und immer Lärm,Schimpf,Prügel, daß schon die Nachbarn sich dessen annahmen. Einmal wurde die älteste Schwester, die Marie, im Hemd hinausgejagt, mitten im Winter, weil sie geantwortet hatte. Und niemand da, um die Kinder zu schützen. Nur der Vater sandte manchmal aus der Ferne zehn Kreuzer, ein Papierzehnerl an jedes Kind, das war alles. Marie lief denn auch bald fort in die Fremde, sie wollte Kindergärtnerin werden, war gebildet, an einem gewissen Ort hatte sie heimlich zu Hause Bücher gelesen – anderswo, das wäre ihr schlecht bekommen! Aber unbehütet, unerfahren, wie sie war, geriet sie an einen Kellner, einen Schwadroneur – nie hatte sie mit einem Mann reden dürfen, immer zu Hauseeingesperrt, kein Tanz, kein Vergnügen, jetzt war sie natürlich von dem ersten besten entzückt – der hatte sie geheiratet, in Not und Elend, und so war sie untergegangen, gestorben – so schöne Zähne, schöne Haare, alles weg – und wie oft hatten die Geschwister, auch der Bruder, der Poldi, die Alte auf den Knien gebeten, mit aufgehobenen Händen, ihr doch mit etwas beizustehn. Die hatte ja immer Geld. Nein, nur ihre Flüche waren der verbotenen Ehe gefolgt, als Mitgift. Und ebenso der Ehe des Poldi. Indessen hatte auch der Vater das Heim verlassen, eine andere Frau in Serbien irgendwo genommen, Prozesse waren gefolgt, wegen Bigamie, und lauter solche schreckliche Sachen, dann hatte man vom Vater nichts mehr gehört; verschollen. Die Hütte aber in Wintertal hatten irgendwelche Feinde angezündet, so sagte wenigstens die Großmutter, kurz sie war abgebrannt. Das ganze Vermögen ging zu Grunde, nur noch Herr Beer als Bräutigam, der das gänzlich hilflose Mädchen nahm, rettete etwas. Denn auch sie – Mama, als letzte – war einmal auf dem Pilsner Markt der Großmutter entwichen: »Und wenn du jetzt machst, was du willst, wenn du dich auf den Kopf stellst, ich gehe nicht mehr mit nach Hause« … Sie hatte zuerst bei Marie gewohnt und mittags, statt zu essen, hatten die zwei armen Mädchen halt ein bißl geweint. Mit Näharbeiten auf der Maschine sich das Brot verdienen, das ging nicht so leicht. Glücklich waren sie, wenn sie täglich fünf Kreuzer auf eine Wurst hatten. Und drei Jahre lang kümmerte sich niemand um sie, nicht Vater, nicht Mutter, Waisen waren sie in der großen Stadt bei lebendigen Eltern, niemand fragte, ob sie einen Bissen in den Mund zu nehmen hätten, ob sie noch anständig seien. Jetzt freilich, wenn mander Großmutter zuhöre, habe sie sich den Kopf für sie ausgesorgt. »Meine süße Marie, was hast du sterben müssen.« Sie könne solche Reden gar nicht anhören … Bestürzt blickte Arnold in den dunklen Abgrund, aus dem er selbst emporgetaucht war, zu rätselhaftem Geschick. Er kannte ja diese Familiengeschichte, aber nur unvollständig, nur aus dritter Hand. Nie noch hatte er die Mutter so erzählen gehört, jetzt war er ergriffen, und während der Zug an reizenden Wäldchen, heiteren Villen vorbeilief, tappte er wie im Finstern nach ihrer Hand.
Auch die Mutter meinte: »Nun, das ist ja alles jetzt vorbei und ich trag ihr's nicht nach. Kann sie denn dafür? Schließlich ist sie ja doch nur die Mutter. – Wenn man nur mit ihr auskommen könnt. Neulich, vor zwei Monaten, wie ich dort war, bin ich doch auch im Bösen fortgefahren …«
»Warum denn?« Arnold bewunderte immer mehr die unendliche Güte seiner Mama, die er ja kannte, die sich ihm aber noch nie in so ausführlicher Entwicklung gezeigt hatte. Gegen die alte Frau dagegen, seine Großmutter, verspürte er immer entschiedenere Abneigung, ja Haß.
»Sie ärgert sich halt vielleicht, daß wir sie nicht zu uns nehmen. Aber geht das denn? Könnte das ein Mensch aushalten?… Und dann spricht so vieles dagegen. Der Doktor meint, daß nur die Landluft da draußen sie so lang gesund erhält; sie würde nicht einmal mehr die lange Fahrt vertragen.« Sie schloß in einiger Verlegenheit.
Arnold verstand sie wohl, und um auf ein anderes Thema zu kommen, aber nicht auffällig, erkundigte er sich, wovon denn die Frau da draußen lebe.
Man schickte ihr Geld, doch erstseitheuer, bis dahin hatte sie eigensinnig keins angenommen und sich selbständig ernährt, Gott weiß, womit. Sie mache Geschäfte unter den Leuten, verborge Geld, kaufe und verkaufe allerlei. Und das treibe sie auch jetzt noch, unverdrossen, nur halte sie es nicht mehr so aus. Wahrscheinlich beschwindelten sie ja auch die Leute, sie könne ja weder lesen, noch schreiben, noch rechnen, für sich selbst stelle sie an der Stubentür mit Kreide irgendwelcheseltsameZeichen zusammen. – Überdies habe sie Geld in der Sparkasse, fünf Büchel zu zweihundert Gulden, aber das rühre sie um keinen Preis der Welt an, das sei ihr größter Stolz, daß sie einmal jedem ihrer Enkerlen zweihundert Gulden hinterlassen würde, was nach ihren Begriffen eine enorme Summe sei. »Besonders dir, Arnold, du bist ja ihr Liebling.«
Arnold war, wie gestern Abend, nicht angenehm berührt. Er beichtete der Mutter seine Erinnerung, den Streit mit der Großmutter vor Jahren.
»Aber das ist eine Kleinigkeit. Solche Sachen macht sie hundert im Tag. Das hat sie längst vergessen. – Jedenfalls bist du jetzt ihr Gott. Und dein Papa, das ist der Obergott.«
»Warum?«
»Ich weiß nicht. O ja, er war ja die gute Partie. Marie und Poldi haben arm geheiratet … Nicht hören kann sie noch jetzt von ihren Familien. Und wie sie schimpft.«
Die arme Mama schauerte zusammen. Doch angeregt durch die schöne Landschaft draußen, den Tiergarten und das Schloß von Sichrov, erinnerte sie sich an heitere Dinge ihrer Jugend, an die spärlichen Lichtblicke – einmalhatte sie an einer Dilettantenbühne mitgewirkt. »Der Herr Registrator auf Reisen«, das war der Titel des Stückes. O, sie könne noch die Rolle auswendig, das würde sie wohl nie vergessen. Was für Mühen waren das aber gewesen, um die Großmutter zur Zustimmung zu überreden. Das ganze Dorf mußte bitten kommen. Der Lehrer selbst. Auf Lehrer habe die Großmutter überhaupt sehr viel gegeben, und daß einmal einer, der selige Herr Schmidt, die kleine Schülerin gerühmt, das vergesse sie niemals zu erzählen. Nun, er werde ja diese Anekdote morgen selbst hören. – Diese Wendung brachte sie auf die nahe Zukunft zurück. Sie äußerte Besorgnisse. »Wie werden wir sie antreffen.« Und Arnold, der besser unterrichtet war, dachte im Stillen, ohne besondere Regung, nur um die Mutter besorgt, man werde diesmal wohl gerade zum Begräbnis zurechtkommen.
Gleich nach der Ankunft, noch Abends, als man kaum das Gepäck im Hotel untergebracht hatte, gingen sie zu Lichtneggers. Die Mutter eilte so, voll Ängstlichkeit, und Arnold, der sie nur als friedliches und ziemlich ausdrucksloses Gestirn durch geglättete Zimmer wandeln gesehn hatte, wunderte sich, wie erregt sie hier und dort auftauchenden Lauten des schlesischen Dialekts nachlauschte: »Ai der Bohne – hörst du – das heißt: an der Bahn – ja, so spricht man bei uns, ich kann's aber nicht mehr, ich versteh's nur.« Sie sprach von der Heimat, den Örtlichkeiten, an denen sie vorbeigingen. Alles kannte sie genau, auch die letzten Veränderungen, da sie mindestens alle Vierteljahre einmal hierher zu Besuch kam. Sie erklärte Arnold, wer diese Lichtnegger eigentlich seien, eine Maurerfamilie hier, Jugendfreunde, Christen, nur aus Gefälligkeit hätten sie den schweren Dienst übernommen, täglich bei der Großmutter nachzusehn und vonZeit zu Zeit Nachricht von ihr zu geben. Und sie danke es ihnen schlecht, es sei ein Malheur halt. So habe sie neulich in der Stadt herumerzählt, Frau Lichtnegger komme nur deshalb zu ihr, weil Herr Beer ihr das kleine Seifengeschäft eingerichtet habe. Eine vollständige Lüge, solche Dinge setze sich die alte Frau ganz aus sich selbst zusammen. Und diese Launen … Nun, er solle nur bei Lichtneggers recht freundlich sein, man könne ihnen gar nicht genug danken … Und Arnold fand ganz erstaunt, mit was für Dingen, die er noch gar nicht kannte, er im Grunde zusammenhing. Nun gar mit einer Maurersfamilie. Davor hatte er doch einen kleinen aristokratischen Abscheu und fragte: warum Mama nicht lieber gleich zur Großmutter nachschauen gehe. – »Nein, ich muß mich zuerst erkundigen. Sie ist vielleicht im Spital. Und das ist sehr weit von ihrer Wohnung und auf dem Berg, hoch oben. Ja, hier geht das nicht wie in unserer Stadt, alles hübsch gradaus, in Wintertal geht's bergauf, bergab.« Und als hätte sie damit etwas sehr Lobendes gesagt, in großem Stolz zeigte sie die Reihen winziger Lichter, die sich in der schwarzen Ferne hoch oben zeigten, wie mit einer Nadelspitze in den Nachthimmel gestochen. Sie standen in einer Richtung, in der man Sterne, nicht Häuser vermutet hätte, auf hohen Bergen rings um den Kessel. Und auch die Straße, die Mutter und Sohn jetzt durchschritten, war steil, an vielen Ecken führten Stiegen zum Trottoir empor, um die Steigung auszugleichen, der kalte Gebirgswind ergoß sich wie durch eine Röhre längs der Häuserwände herab. Frau Beer lief immer erregter, und obwohl Arnold ihre Liebe zu dieser alten bösen Frau unbegreiflich fand, sagte er sich, daß er seiner Mutter zuliebe einen vergeblichen Weg bergauf nicht gescheut hätte. Diese Halbheit, dieseMäßigung in der Besorgtheit verstand er nicht.
Er konnte sich nicht überwinden und, vor dem Haus der Familie Lichtnegger angelangt, bat er die Mutter, warten zu dürfen. Seine goldenen Manschettenknöpfe raschelten, und irgend ein hoher adeliger Offizier, mit dem er noch gestern angelegentlich sich unterhalten hatte, trat ihm vor die Augen … Die Mutter kam bald wieder: »Mir scheint, diesmal ist es arg. Sie hustet und hat Schmerzen, hat auch schon heute zweimal nach mir gefragt, warum ich noch immer nicht komme und man soll nur noch einmal schreiben.« … Arnold dachte: Also sie lebt noch, wirklich unverwüstlich … »Aber denk dir nur. Gestern noch hat sie der Frau Lichtnegger, die sich so um sie bemüht und sie pflegt, einen Skandal gemacht. Die hat geweint, die Ärmste, wie sie mir's erzählt hat. Frau Lichtnegger, hat die Mutter gesagt, Sie haben da eine schöne Schürze, genau so eine ist mir vor ein paar Tagen gestohlen worden … Was soll man da sagen?… Und dabei würde sie doch elend zugrunde gehn, wenn sie die Frau nicht hätte, kein Mensch wüßte was davon.« – »Hast du ihnen den Schinken und das andere gegeben?« – »Sie wollten nichts nehmen, erst nach langen Reden. Es sind so anständige gute Menschen.« – Arnold bekam aufs Neue Wut gegen die Alte: »Gehn wir jetzt noch hin?« Er wollte ihr mal seine Meinung sagen. – »Nein, sie schläft jetzt. Und das ist recht, da soll man sie nicht stören. Frau Lichtnegger ist eben dortgewesen …«
Im eisigen Hotelbett erst überfielen ihn die eigenen Sorgen. Unruhig träumend sah er den mißglückenden Flug, die ganze Stadt hinausgelockt nach Waldbrunn, die Regierung, die Spitzen der Vornehmheit, und alle murrend in einem einzigen tiefen Donnerlaut; danneine Photographie: sich selbst, das Aerodrom verlassend, in großen Schritten mit gehobenen Schuhsohlen, und sein Gesicht mit emporgehobener Handfläche vor dem Photographen schützend, wie er dies bei Bildern von Prozeßberühmtheiten gesehn hatte –, in diesem Schreck wurde er ein wenig wach, haderte mit sich wegen aller Dinge, aber noch ganz besonders wegen seines phantastischen Rückhalts an Lambert und der Sammlung – jetzt war der Flug längst entschieden – ein ganz klarer Gedanke: morgen früh gleich die Zeitung lesen, nicht vergessen – er schlummerte wieder ein wenig, da trat Lina ins Zimmer, sie hatte ein Kind geboren, nein, Zwillinge mit ebensolchenGlotzaugen,wie sie sie hatte, große gesunde rote Kerle von Kindern, so groß wie Gerhart, dieser dumme Bursch, auch ihm ziemlich ähnlich, wenn man's recht nahm – von neuem riß es Arnold empor, und die einsamen kahlen Wände anstarrend, die sich schon im Morgengrauen erhellten, überlegte er hastig, wozu er eigentlich nach Wintertal gekommen sei, wieder so ein unsinniger Streich, denn hier sich verbergen, bis zu Hause alle die Geschichten vergessen seien, das ginge doch nicht – aber vielleicht ins Gebirge fliehn – er begann von Lawinen zu träumen, die sich in Stöße blauen Briefpapiers verwandelten, auf seine Baracke losstürmend; nun war das Hüttchen überschüttet, ein paar Schnörkel einer Mädchenhandschrift stiegen aus dem Papier, tanzten wie Rauch über den Trümmern, sie wollten sich zu Worten ordnen, ein Wind aber trieb sie immer wieder auseinander, sie waren Schilfrohr, nein, ein Fußball fuhr zwischen sie, ein roter, die Sonnenkugel … Am Morgen erwachte Arnold ganz gedemütigt und sanft; fast ohne zu reden, folgte er derMutter durch die sonnigen kühlen Straßen.
Sie bog hinter einem zweistöckigen Häuschen ein, das, in einer Nebenstraße gelegen, noch ganz das Aussehn eines Großstadthauses hatte, mit Fensterkrönungen, Quadern, Balkonen, nur etwas verkleinert. Dahinter lief ein grasiger Fußpfad steil bergab, zwischen freien und bewachsenen Erdhügeln, wie man sie auf Bauplätzen sieht. Eine Ziege, an einen Baumstamm gebunden, weidete da. Links führte ein Nebenweg zu einem verzäunten Garten, der auf einem Hügel lag, neben ihm die stattliche Hütte. Eine unansehnlichere trat quer gegen den Fußpfad vor, so daß sie ihn mit einer Spitze berührte. Zu dieser bog die Mutter ein … »Hier also?« fragte er beklommen. Er zitterte ein wenig, in so etwas dörfisch Armem, Zusammengeducktem lebte also etwas wie sein eigen Fleisch und Blut. »Warte ein bißchen« sagte die Mutter »ich will sie doch vorbereiten.« Während sie vorausging, betrachtete Arnold, fast mitfühlend, den dunklen niedrigen Holzbau, die Wände aus Balken und Latten, in denen nur die kleinen Fensterchen, weiß eingerahmt und mit Blumen, eine Farbe hatten, darüber dann das große, mit schwarzer alter Pappe bezogene Dach, rußig und wie zerfallen; wie eine faltige Haube, höher als das ganze übrige Gebäude, drückte es mit unverhältnismäßiger Kraft herab und armselig sah eben deshalb solch ein Bauwerk aus, dessen Hauptkraft in dem unwohnlichen, sich verjüngenden Dache liegt. Und die kurze Treppe, die zu einer Art Plattform vor der Türe heraufführte, o diese Plattform aus großen rohen Steinen, mit einem ureinfachen Geländer – wie wenig bequem, wie ländlich das alles!… Die Mutter stand nun wieder in der engen Türe, in ihrer Stadtjacke undim Hut seltsam abstechend. Sie winkte. Arnold betrat die Treppe, durchschritt ein von dunklem Gerät verstelltes modriges Vorhaus, durch das eine mächtige Holzleiter, zum Boden vielleicht, emporführte; etwas Helles und Dunkles, Undeutliches, verwirrte seine Augen, jetzt eine wie mit einem Sofapolster verlegte Tür, an der ein Anklopfen unhörbar geblieben wäre und die die Mutter vor ihm öffnete, während sie ihm nochmals zuflüsterte: »Sei nur hübsch lustig …«
Er trat ein, sich bückend.
Im Bett der Tür gegenüber, unterschied er ein winziges gelbes, von Falten unendlich tief zerdrücktes Gesicht, das der Zimmerdecke zugekehrt auf dem Kissen lag, wie im Schlaf oder Tode. Aber eine leise deutliche Stimme sagte, während er zögernd sich näherte: »Arnoldele, mei Gold, gesünd sollst de sein bis über hündert Jahr. Soll dir Gott geben, was du werst brauchen, mei Gold …« Er beugte sich, um eine kleine Hand zu küssen, die warm war. Da sah er nebenan seine Mutter das Taschentuch ziehn und schnell an die Augen pressen. Und auch die Augen der Großmutter veränderten sich, diese beinahe hundert Jahre alten Augen, sie weinte nicht, aber die Augen wurden trübe wie graue Regentropfen, loschen ganz aus – und dieser Anblick rührte ihn so, daß er seine Kehle, den Hals noch tiefer unten sich zusammenziehn fühlte … Wie ein Gebet murmelte die Großmutter leise fort, aber durchaus nicht erregt: »Groß bist de geworden, unberufen, e Gewure von e Menschen, Gott soll …« Er verstand einige Worte nicht und sagte nun selbst: »Küß die Hand, Großmutter, no du siehst ja gut aus, es fehlt dir also nichts, nichtwahr …« Sie flüsterte weiter, wie in sich hinein, mehrmals wiederholte siemit einem ganz schwach singenden, einschmeichelnden Ton: »Was tu ich dir nur für e Kowed an, Arnoldele?…«
Die Mutter soufflierte ihm die Übersetzung: »Kowed – Ehre –«, und während er sich an sie wandte: »Ich weiß ja«, steckte sie ihm die Düte mit Brustzelteln in die Hand.
»Ich bin froh, daß ich bei dir bin« sagte Arnold laut und seine reine Aussprache erschien ihm gegenüber dem stets modulierten, undeutlichen Herzensmurmeln der Greisin hart und geziert: »Schau, was ich dir mitgebracht hab. Ich hab gehört, daß du das gern hast …« Er wollte sagen: »magst«, doch erschien es ihm plötzlich notwendig, die einfachsten Worte zu gebrauchen.
»Ich hob immer gewüßt, daß du e braves Kind bist …« Auf mehrere deutliche Worte folgten immer ein paar unverständliche. Dann, an die Mama gewendet, erhob sie ein wenig den Kopf: »Ich sog dir, Regie, von dem Kind wirst de ka Herzlad haben und immer Freiden sollst de erleben. Er hat Herz und Gemüt.«
Arnold reichte ihr die Düte.
»Nimm dir, du wirst doch jetzt etwas essen, von deinem Enkerl« sagte die Mutter, die Gelegenheit benützend, und zu Arnold leise: »Sie hat zwei Tage lang nichts zu sich genommen.«
»Ich hab ka Appetit.«
»No eine Kleinigkeit« schmeichelte er »wenn ich dich schön drum bitt.«
Sie kam mit ihrer Hand der seinen, die das Bonbon reichte, schwach entgegen und steckte es in den Mund. Resigniert schloß sie die Augen, wie eben ein Wohlerfahrener, der dem minder Erfahrenen zumSpaß einmal nachgibt. Darauf fiel ihre Hand langsam wieder auf die Decke zurück: »E Mensch soll nix essen, wo er ka Appetit hat … für e kranken Menschen is das nix …« Sie seufzte auf. »Nur herümgehn wenn ich könnt …«
»Es wird schon wieder werden« tröstete die Mutter. »Nur Geduld. Eine gute Patientin, was? Noch ein bißchen Fieber?« Sie tastete ihr auf die Stirn. »Nicht so arg.«
»Das verfluchte Fieber, ja ja …« Die Kranke keuchte wieder und hustete ein wenig, wobei es den Anschein hatte, als übertreibe sie, aus Zorn, nicht völlig gesund zu sein oder als spiele sie die Wehleidige, wie ein Kind, um sich interessant zu machen. Dieses regelmäßige Keuchen erweckte jedenfalls keine Besorgnis. »Wie ich voriges Jahr operiert bin worden, hab ich gar ka Fieber gehabt, und jetzt diese Geseres. Alle Kränk auf krumm Gitel …«
»Das ist die Medizin, nichtwahr.« Die Mutter kramte am Fensterbrett »wo ist aber das Löfferl?«
»Ich hab ka Löfferl – ich trink mir e bissel aus dem Fläschel.«
»Aber da kannst du doch nie wissen, wie viel.«
»Mei Deige! Bis ich halt genug hab.«
Die Mutter kramte weiter: »Und das Thermometer, zerbrochen!«
»Mit dem Stückele Glas wird er mich gesünd machen, soll er so leben.« Die Großmutter, die immer erregter gesprochen hatte, faltete bei diesen Worten die Stirne mit einer Energie, die Arnolds Herz wie ein Glockenton ganz erfüllte. Wie magisch angezogen legte nun auch er die Hand auf ihre Stirn, drängte die Hand der Mutter zart weg … Da war Wärme wie unter einerdünnen Schichte, und dieselben wohlgerundeten Knollen über den Augen, die er auch an sich wußte … Ein Gefühl unbeschreiblichen Behagens erfüllte ihn, vielleicht verstärkt durch das stete Pochen der Adern an seiner Hand, durch die Fieberwärme oder die Ahnung, daß er hier etwas wie ärztliche Hilfe leiste, ganz entfernt etwas Liebendes, Sachverständiges. »Hitze, ein bißchen Hitze« nickte er wie im Traum. Die Großmutter schloß die Augen wieder. »Was hat der Doktor gesagt?…«
Die Mutter hatte sich indessen im Zimmer weiter umgeschaut: »Was für eine Wirtschaft, Gott im Himmel … Mutter, ein bißl Kaffee, nicht?« und näherte sich mit einer Tasse, die sie vom Ofen nahm, schmeichlerisch: »Koffi, nicht?«
Die Großmutter nahm eben das nur ein wenig verkleinerte, jetzt glänzende Bonbon aus dem Mund, und legte es aufs Federbett. Ein Schleimfaden zog sich daran. »Geh loß mich, wenn ich dir schon emol gesagt hab« und ihre Augen bekamen plötzlich zwei glänzende scharfe Punkte wie Dolchspitzen. Dann wandte sie sich an Arnold, der noch immer, die Hand an ihrer Stirn, dastand: »Nü, setz dich henidder, mei Kind, was tu ich dir nur für e Kowed an.« Er zog den groben Stuhl aus weißem Holz ans Bett.
»Brauchst dich nicht zu kümmern, Mutter, wir haben uns schon alles selbst mitgebracht.« Die Mutter entfaltete aus Papieren kleine Würstchen. »Ich muß nur Feuer machen. Hab nur keine Angst, wir sorgen schon für uns.«
Arnold wiederholte, halb zur Mutter gekehrt: »Wann kommt der Doktor,« da er darauf noch keine Antwort hatte. – »Um zwei Uhr, hat Frau Lichtnegger versprochen.« –Und nun beugte er sich, beruhigt, zärtlich, zu der alten Frau nieder, scherzhaft: »Nun also, was gibt es denn? Schöne Geschichten! Krank sein, das würde dir so passen, nichtwahr …«
»Ich kann nimmer gehn« jammerte sieschwach.»Ich hab mr ja gewünscht, ich könnt zwa Täge vor mei Tod hausieren gehn. Aber jetzt dos daliggen … Ich kömm scho gar nicht mehr vom Fleck. Wenn ich üm zehn weggeh, bin ich umme zwölf dort, wo ich hab hingewellt …«
»No es wird schon wieder besser werden. Natürlich es kann nicht immer so sein wie neulich. Da hast du uns geschrieben, die Mama soll nur schnell kommen. Und wie sie gekommen ist, war das Zimmer zugesperrt und du bist erst Mittag gesund von irgend einem weiten Weg nach Haus spaziert …«
»Sei haben geschrieben« sagte die Altestill.»Ich hab ihnen nix gesagt.«
Die Mutter, die beim Ofen kniete, machte ihm ein Zeichen. Er erinnerte sich, daß sie ihn schon unterwegs auf diese Eigenheit aufmerksam gemacht hatte, und schwieg …
»Sei haben geschrieben« wiederholte die Großmutter »Aber jetzt geh i nimmer aus … Jetzt bin ich echtfärbig.«
»Echtfärbig?« Er hatte vielleicht falsch gehört.
Ein ganz schwaches Lächeln suchte die Falten zu durchbrechen: »No ja, weil's nicht ausgeht …«
Er lachte auf und lachte dann noch einmal, um ihr eine Freude zu machen. Wie dieser Funke von Geist ihm entgegenleuchtete, er begriff es kaum. Aber sie sah schon wieder ruhig vor sich hin. Nur ihre Wangen röteten sich, war es Fieber oder schon Erholung? Jedenfallskeine Spur eines erregten Wiedersehns, nein, erregt war sie nicht, während er sich immer noch nicht fassen konnte, und diese ihre Ruhe, vereint mit ihrer Frische, machte den Eindruck verhaltener Kraft und einer Weisheit, die schon jenseits der menschlichen Zeit stand.
»Ich sog immer, sei sollen nicht schreiben. Haben sei enk leicht wieder geschrieben, diesmal, die Ludern. Was sie nur wollen …«
»Nein, wir sind von selbst gekommen, Großmutter. Oder bist du vielleicht nicht froh, daß wir da sind, no schau …«
Sie antwortete nicht, vielleicht weil die Antwort selbstverständlich war. Doch hatte er manchmal die Empfindung, daß sie ihn nicht verstehe oder er sie nicht. Auch ihre Müdigkeit schien da mitzuspielen, die Krankheit, wie eine Wand fühlte er das manchen Moment lang. Hatte er doch, beispielsweise, einen Vorwurf gefürchtet, daß er noch nie zu ihr zu Besuch gekommen war. Doch in diesen Bahnen bewegte sich ihr Denken eben nicht. Er staunte; aber das Bewußtsein einer Verständigung war ihm so süß, wenn es ihm wieder kam, daß er alles andere übersah, so wie man etwa bei kleinen Kindern nur ihre Zeichen von Vernunft bemerkt und daher alle für gescheit hält. »Schau an« meinte sie plötzlich und ihm schwoll das Herz »dei Mutter, wie se den Hut nicht auszieht bei mir … no er paßt ihr auch gut, was nur wahr is.«
»Wenn ich Dir nur gefall« erwiderte die Mutter, und Arnold fand ihren überlegenen Ton nicht ganz berechtigt. Sie nahm übrigens den Hut ab.
»Schöne Frisur.« Ganz schwach kamen die Bemerkungen und doch mit der intelligentesten Deutlichkeit, die aus diesem verfallenen Gesicht erstaunlich tönte wie eine Prophezeiung.
»Gott sei Dank, ich gefall Dir heut …« Auch etwas Eigensinniges lag in diesem Ton, wie wenn ein halbwüchsiges Mäderl gegen ihre Eltern die Erfahrene machen wollte.
»Aber dick biste geworden, eppes dick, Regieleben.«
»Paß nur auf, gleich wird ihr etwas nicht recht sein«, wandte sich die Mutter an Arnold, doch mit lauter Stimme.
»Die Dicke taugt nischt. Das ist ungesund … Ich war ach emol so dick, haben do die Kinderl e Freid gehabt, daß ich dick bin. So die Ärme haben sie mr gedrückt. Aber es war nix gut … Und e dörre Nachbarin haben wir gehabt, die hat gesogt damals: Mei Mo tut mich auslachen, weil ich so dörr bin. Ich will Dich mit e Zündholz anzünden, sogt er. Da könnten Sie mir eppes abgeben, Frau Goldberger, hat sie gesogt, Na ja, wenns geht, so nehmen Se sich nur e Stückele, hab ich gesogt. Do wär uns beiden recht …« Die Großmutter wurde zusehends munter. Sie plauderte mit sichtlicher Lust. Arnold, der immer nur einige Worte verstand, labte sich an ihrem Feuer, den ausdrucksvollen Biegungen der Stimme, die jetzt, ohne stärker geworden zu sein, ohne sich geändert zu haben, wie ihm schien, etwas Metallisches, Helles wie bei guten Schauspielern hatte und etwas so Jugendliches, wenn sie Freundliches schildern wollte. Diese Stimme mochte aus dem Halse kommen, obenhin, nicht aus den Tiefen der Brust, und dennoch klang sie stark, mannigfaltig, mühelos, sie war süß.
»Es brennt schon« rief die Mutter vom Ofen her. »Das ist halt Dein Kuksöwile, was, Mutter.« Sie wollte der Großmutter einen Gefallen machen, indem sie ihren Ausdruck gebrauchte. Die Großmutter merktees aber gar nicht, sondern meinte nur ganz ernst: »Ja das is mei Kuksöwile, e guts Öwile.« – »Da brauchst Du Dich wenigstens mit keinem Dienstmädchen abzuärgern.«
»Willst Du Dich nicht auch hersetzen, Mama?«
»Loß se gehn« sagte die Großmutter, mit einem vertraulichen klugen Zwinkern zu ihm »sei is doch glücklich mit ihrem Gegeh und Geschwindel und Geputz. Das hat se von der Tante Lise noch. Die hat auch allemal geputzt und geramt. Wenn man is zu der gekommen, hat alles geblinkt und gefinkelt und der Fußboden war genau eso rein wie das Tischtüchele. Meschugge, metorf. Hat ihr emol der alte Schlojme gesagt, aus Petschau der, kannst Dich erinnern, Regie, – sei soll emol die Zimmerdeck ach abwaschen, aber da is ihr das Wasser über den Kopf geschütt …« Arnold verlor den Faden von hier an, doch glücklich, als sehe er sein eigenes Anekdoten- und Unterhaltungswesen leibhaftig vor sich, blickte er ihr ins Gesicht, aus dem das Kinn scharf hervortrat. Dieses Kinn war mit vielen großen Poren besetzt, wie durchlöchert, als hätten die Falten auf dem Kinn die Gestalt von Löchern angenommen, diese Falten, die auf der Stirn in gleichmäßigen Krümmungen hinzogen und über die Wangen hin nach allen Richtungen wie ein Netz lagen, das sich um die Mundwinkel herum undurchdringlich zusammenschnürte. Hier drängten die Linien so dicht an einander, daß die schwächeren von den tieferen durchschnitten oder als Hügel an die Oberfläche gedrängt wurden, und diese tieferen schienen gar keine Hügel mehr, sondern Einschnitte ins Fleisch, unbeweglich. Die Nase dagegen hob sich ziemlich glatt und schön gebogen aus dem Wirrwarr. Mit unendlicher Wehmut betrachtete Arnolddiesen beredten Mund, der keine Zähne mehr hatte; seine Lippen bildeten dafür zackige Erhöhungen und Ausbuchtungen, die sich an einander schlossen und wieder auseinander zogen, je nachdem der Mund sich schloß oder öffnete. Die Augen blitzten. Das Schönste jedoch war das schneeweiße Haar, reich und ohne jede Beimischung von Gelb an der Stirn beginnend, übrigens vom Liegen jetzt ein wenig zerrauft … Arnold begann es leise zu streicheln; eine Ruhe, noch nie empfunden, eine gänzliche Sorglosigkeit beschlich ihn dabei, wie am Ende aller Dinge, er hörte nicht mehr genau zu und doch war ihm, als verstehe er alles, sein Ohr füllte sich mit verworrenen Tönen, mit Erzählungen ohne Ende, deren Zusammenhang ihm fragwürdig war, deren Ausgang in nichts verlief, ohne Pointe, die aber so lebhaft klangen und auch offenbar der Erzählerin die Erinnerung an so lebhafte Dinge nahebrachten, daß ein jugendliches warmes Licht durch das ganze Zimmer aufzustrahlen schien. Plötzlich unterbrach ein stärkerer Husten und die Großmutter drehte sich der Wand zu …
»Was ist?« rief die Mutter und kam herbei.
Die Großmutter klagte, mit heftigen Zuckungen des Gesichts, über Schmerzen. Der Husten reize ihr altes Leiden wieder. Arnold, der wußte, daß sie einen neulich operierten Bruch habe – auch schmutzige Bandagen, unter dem Kopfpolster zusammengerollt, erinnerten ihn daran – wandte sich ab, seinen Sitz der Mutter überlassend. Während die beiden Frauen mit einander flüsterten, ging er durch das Zimmer. Es war so schmal und klein, daß das Bett beinahe ein Viertel des Raumes wegnahm. Gleich an die Türe stieß ein Küchenofen, dessen Platte, mit einem Gewirr von Schüsseln und Töpfchen, dennoch nie benützt zu werden schien, dennauch alte Papiere, Kleider wälzten sich über sie und dicht daneben hing an einer Schnur ein Bündel neuer Schürzen, das Warenlager vielleicht. Über ihn weg ging überdies zu dem wirklich benützten, kleinen, so beliebten Eisenöfchen, das auch jetzt brannte, ein schwarzes Rohr, das in zwei herabhängenden wackligen Drahtschlingen wie etwas Schlafendes schwebte. Und schlafend lagen auch, in angemessener Entfernung dem Ofen gegenüber, mehrere Koffer und Kisten auf der Erde, alle in Eisenreifen mit Schlössern, aber alt und verfallen. Seltsam genug machte sich neben ihnen die Pracht eines ganz neuen Kanapees, das zwischen sich und dem Bett nur einen ganz schmalen Durchgang ließ, so breit war es mit seinem roten Leder, den gepolsterten Armlehnen, den zum Schmuck tief eingenähten Knöpfen. Es paßte gar nicht herein und, als werde dies auch gefühlt, stand es mit der Rücklehne nicht ganz an der Wand, sondern fremdartig suchte es nach Stützpunkten … Arnold erinnerte sich denn auch, daß die Mutter es erst neulich angeschafft hatte, damit die Großmutter zu Mittag darauf ausruhn könne, zum großen Ärger der Sparsamen übrigens, die alle Geldausgaben verabscheute … Nur noch ein Möbelstück außer dem Kanapee gab es in dem kahlen und doch überfüllten Zimmer: ein mageres Glaskästchen, wieder mit Geschirr gefüllt; obenauf lagen viele Brillen (Arnold nahm sich vor zu fragen, warum so viele, vergaß es aber) und Gebetbücher (Also konnte sie doch lesen. Oder nur hebräisch?). Die Kleider dagegen hingen nicht in Kästen, sondern frei an der Wand, nur von einem schmutzigen weißen Tuch, das oben mit zwei Nägeln befestigt war, verhüllt. Das war dasArmseligste, diese nackten graugestrichenen Wände, mit zwei winzigenquadratischen Fensterchen nur, deren Bretter wieder allerlei Porzellanzeug füllte – und die niedrige Decke, nicht glatt, sondern mit offenem Gebälk, mit Spinnweben und Gott weiß was noch – und alle Gegenstände hier nicht etwa Mann für Mann und sauber hingestellt, sondern durcheinandergeworfen, wie in Schwächeanfällen, mit einander verbunden durch hingestreute Haufen von Gerümpel, durch Fliegen mit ihrem unerträglichen Gesumm und Niedersitzen und wieder Kreisen, durch zerbrochenes Holz, Fetzen, Abfälle, noch hinter dem Bett lugte ein ganzer Sack mit abgetragener Wäsche hervor. Und dieses Bett, ganz eng, schwachfüßig, die Federbettdecke grau statt weiß, mit großen eingesetzten Flecken von andern Leinwandsorten, betropft mit rötlichen Spuren … Wenn Arnold an seine Wohnung zu Hause dachte, mit ihren aufgeputzten hübschen großen Stuben, Palasträumlichkeiten förmlich, erschrak er. Und wie mochte es im Winter hier aussehn, im Schnee. Oder die langen einsamen Nächte einer Kranken … Und kein Mittel, dem abzuhelfen, denn die alte Frau duldete aus Mißtrauen (alle Leute bestahlen sie, in dieser Einrichtung!) keine Bedienung, holte sich lieber selbst das Wasser und wusch sogar noch den Fußboden allein auf … In sein Graun mischte sich Bewunderung für diesen heißen eigensinnigen Kopf, und Liebe, Mitleid. Wie fremd und wie vertraut dies alles. Was mochte sie machen, während er die elektrische Lampe an seinem schönen Schreibtisch spielen ließ oder wenn er im Ruderboot saß, mit Millionärssöhnen, in demselben Moment, was tat da die Großmutter? Gab es gar keine Fäden? War es seine Schuld? Irgend jemandes Schuld?… O er hing doch mit dieser Bettlerin zusammen und war stolzer darauf als auf seinen Umgangmit allen Bürgern der Stadt. Wie kam das alles? So wahr und so sagenhaft. Er hätte weinen mögen, in seinem Herzen zitterte und klang eine ganze Harfe von Zärtlichkeiten undKosenamen. Namentlich aber dem Prunkkanapee näherte er sich mit jenem tief schweigsamen Blick, der manchmal in einem einzigen Gegenstand das Symbol ganzerSchicksaleerkennt.
»Setz dich nur hernidder« seufzte die Großmutter vom Bett her »auf dei Kanapee. Das ist doch enkerer Kanapee, das gehört enk und ich will's nicht. Setz dich nur auf dei Kanapee. Wenn ich nicht mehr bin, so nehmts enk nur wieder, den Dingerich do.«
Er setzte sich wieder auf den Küchensessel, während die Mutter an ihre Arbeit zurücklief: »Aber was redest du denn? Davon redet man nicht. Was fällt dir ein.«
Sie murmelte etwas.
»Ich sitz lieber so bei dir, recht nahe, Großmutter. Das ist mir lieber.« Obwohl er alles, was er sagte, herzlich fühlte, ja herzlicher, als er es aussprach, kam ihm doch vor, als rede er nur, um ihr das Stichwort zu geben.
Sie wandte ihm denn auch das Gesicht zu, in dem wieder der Zug von Schmerz, eigentlich mehr von Ungeduld, sich zeigte: »Ich möcht scho gern unten sei, unter der Erd. Oben war ich halt scho genüg, es freut mich nimmer, ich hob genüg gehabt, glaub mir. E Sof möcht ich machen.« Plötzlich aber erhob sie sich aus dem Klageton und ein wenig stärker, für die Mutter berechnet, begann sie zu schelten: »Awere, mit den Würstlach wärech scho lang fertig. Das is e Kocherei.«
»Ich bin ja auch schon fertig« antwortete die Mama, sichtlich stolz darauf, daß sie ihren Humor nicht verlor »deine Kocherei natürlich, da hast du's leicht. ImmerKoffi und Koffi noch und wieder.« Wie ein Dolmetsch wandte sie sich an Arnold: »Die Mutter trinkt nichts als Kaffee, das ist ihr Liebstes …« und leiser »Gut, daß sie uns heut keinen kochen kann. Mich ekelt's, aus dem Zeug da zu trinken.«
Arnold, der die Reden seiner Mutter überflüssig fand und diesen Ton eigentlich weniger verstand als den der Großmutter – offenbar lagen da Verhältnisse zu Grunde, die er nicht kannte, noch aus alten Zeiten her – sagte ihr leise scherzend ins Ohr, wie ein Verbündeter: »Daraus machen wir uns nichts, was?«
Die Alte drehte ihr Händchen, das auf dem Federbett lag, um, mit der Handfläche nach oben und dann wieder zurück – eine stumme Verachtung oder Hoffnungslosigkeit.
»Was macht denn Deine Maus, Mutter, tanzt sie Dir immer noch zwischen den Kochtöpfen« spottete die Mama weiter, offenbar um zu belustigen. »Da ist ja die Falle …« Sie zog aus einem der für Arnold unergründlichen Haufen ein Gitterwerk: »Leer …«
»Das Mäusile« lächelte die Großmutter, fast gutmütig. »Was macht denn mei Mäusile. Do hab ich 'r Speck 'reigetue und sie frißt en weg und läuft heraus. Is sie nicht drin?… Hast e Chutzpe gehabt.«
»Auf Dich wird sie warten, wenn Du ihr so altes Zeug hinstellst. Aber ich hab Dir doch unlängst eine ganz neue gekauft, wo ist sie denn?« Sie stieß Arnold leise an, aber doch so, daß die Großmutter es hören mußte: »Sie wird sie verkauft haben …«
»Der Maurer hat mir geraten« schwenkte diese mit natürlicher Überlegenheit ab »ich soll ihr Glas vor das Loch streuen. Also hab ich Glas gesammelt und ihr gestrien, do stechen se sich herch.« Sie ächzte. »Wennich nur wieder gesünd wär und aufstehn könnt. Das is ka Naches, so zu liegen. Nur gesünd sein, wenn mir Gott gibt.« –
Es klopfte.
Herein trat Frau Lichtnegger, eine große hellblonde Frau im Kopftuch, mit ihrem Buben, der schnell beim Eintritt den Finger in den Mund steckte. Sie wollte sich, wie täglich, nach dem Befinden der Frau Goldberg erkundigen; vorsichtig und bescheiden kam sie näher, stieß aber plötzlich einen Freudenschrei aus: »Nein, das ist ja unmöglich. Wenn Sie sie gestern gesehn hätten, Frau Beer. Das ist ja gar kein Vergleich. No geh's nicht besser, Frau Goldbergen … Sie hat halt Freude, daß Sie da sind … Und das ist der Herr Sohn, nichtwahr.« Arnold verbeugte sich befangen. Die Großmutter sprach zu ihr wie zu etwas Fremdem, nicht ganz auf gleicher Stufe Stehendem: »Nehmen Sie doch Platz, liebe Frau …« und redete überhaupt so still und sanft mit ihr, daß man sich ein Zanken von diesem Ton aus gar nicht recht vorstellen konnte »wie geht's denn?« Und zum Buben: »No, mei kleins Schekitzele.« Auf die wiederholte Frage der Frau Lichtnegger, wie sie sich heute fühle, antwortete sie mit einem traurigen, sehr absichtlich scheinenden Kopfschütteln. »Kein Vergleich mit gestern« flüsterte die Maurersfrau der Mutter zu.
Die Mutter brachte eben die warmen Würstchen vom Herd, lud auch die Gäste ein. Man aß von einemausgebreitetenPapier weg … »Nun, Mutter, was wirst du essen?«
»Ich hab ka Appetit.«
»Ein bißchen Himbeersaft mit Kuchen.«
»Ich hab ka Appetit.«
»Aber du mußt doch etwas essen, – eine Grieskasch?«
»Vielleicht eine Omelette« mischte sich Frau Lichtnegger ein und die zwei Frauen bedrängten mit wohlgemeintem Eifer die Greisin, so daß Arnold sie bemitleidete, doch zugleich, da sie fest blieb, anstaunte. Sie hatte nun einmal keinen Hunger, als Fieberkranke. Er sagte es laut.
Die Mutter war bös: »Hat man dich gefragt?«
»Eppes hat mir heint geträumt« sagte die Großmutter, an so unvermittelte Übergänge mußte man sich hier gewöhnen »Sie können auch zuhören, Frau Lichtneggern, von dei seligen Lehrer Schmidt, nebbich, daß er mir hat erzählt, wie damals, von dir, Regie …«
»Das ist es« machte ihn die Mutter lachend aufmerksam.
»Er hat gerechnet auf der großen Tafel und gesagt, keiner soll jetzt reden von die Schüler. Da is die kleine Goldberg aufgestanden: Derf ich nicht aber doch etwas sagen? – Aber was willst du denn sagen, Kind? – Ich möcht Ihnen was ins Ohr sagen, Herr Lehrer – Aber jetzt sagt man nichts – Derf ich aber nicht doch e kleins bißl was sagen?… und sagt ihm, die Regie, daß irgendwo e Fehler is, auf der Tafel. Also hast du ihm einen Fehler ausgebessert, dem Herrn Lehrer Schmidt, und warst doch die jüngste in der Klasse. Er hat sich aber dann auch gewundert: Mir hat se selbst e Fehler gezeigt, so e Tam von e Kind – derf ich aber nicht doch e kleins bißl was sagen, so hat er dir nachgemacht … Und hat es dem hochwürdigen Herrn selber erzählt, wie sie do zusammsitzen auf die Bierbänk, und der hochwürdige Herr hats dann mir erzählt.«
Die Mutter hatte nicht zugehört und erkundigte sich, während Arnold der Großmutter die Hand drückte, bei FrauLichtnegger, was denn der Doktor gestern gesagt habe … Er war eine halbe Stunde geblieben, so gut habe er sich mit dem Mutterl unterhalten. Was sie denn für Schätze in all den Kisten hat, habe er gefragt … »Ja, das mußt du dir anschaun« sagte die Mutter zu Arnold, wie in einem Museum, indem sie unter dem Kopfpolster einen Schlüsselbund hervorzog. »Acht Schlüssel und nur drei ganze Schlösser im ganzen Zimmer« sie zeigte auf die Kisten »und was ist drin: ein bißchen stinkige Kohle – und das glaubst du, Mutter, daß dir irgendjemand wegtragen wird – und dabei kannst du die Kisten nur so aufheben, daß dir der Deckel in der Hand bleibt, so alt sind sie – aber wenn sie nur hübsch zugesperrt sind …«
Arnold, nun wirklich neugierig, glaubte die Gelegenheit gekommen, in einem Einzelfall zu sehn, wie es mit diesem Wahn stehe, und fragte ganz harmlos die Großmutter: »Wozu hast du denn die hübschenSchlüssel?«
Sie hatte, es schien ihre Gewohnheit, nicht gehört oder beachtet, was über sie gesprochen wurde, und zählte nun langsam, aber präzis auf: »Der is für die Almer, der für das Fach in enkerem Kanapee …« bis alle acht richtig herum waren. »Nun also« warf er den Kopf gegen die Mutter auf »Was redest du also? Nichtwahr, Großmama …«
Indessen fuhr Frau Lichtnegger fort, zu erzählen, wie beschäftigt dieser Arzt sei, Herr Heiger, er mache nirgends hier Besuche, nur der alten Frau Goldberg zu Liebe …
»Er kommt ja bald … Wir müssen, ich muß aufräumen, das ist ein Skandal« fuhr die Mutter verzweifelt in die Höhe, sie hatte jetzt schon zu lange geplauscht »die Betten überziehn …«
Leise erwiderte die Großmutter, obwohl man sie diesmal nicht direkt angeredet hatte: »Mei Deige is der Doktor. Er wird zu Haus auch nicht alles so akrat haben.« – Trotzdem stimmte sie, ganz wonniglich sanft, zu, als die Frauen ihr nahelegten, sich zu kämmen. Nur allein wollte sie es machen. Sie setzte sich im Bett auf, man rückte ihr als Stütze die Kissen an den Rücken. Vom nahen Fensterbrett nahm sie den gelben, fast zahnlosen Kamm und fuhr sich heftig, ihre Hand zitterte nicht, ins Haar. Es war noch voll und ziemlich lang und ordnete sich schnell. Dann teilte sie es in zwei Teile und flocht aus jedem einen Zopf, dessen letzte, ganz enge Maschen sie offen ließ, so daß sie sich wie kleine Fingerchen emporkrümmten. Arnold wußte nicht, was ihn bewegte, beim Anblick dieser zarten Flechten, deren äußerste Enden nun doch einen gelblichen Schimmer zeigten … Mühevoll legte nun die Großmutter ihre schwarze dicke Winterjacke ab, die sie bisher angehabt hatte, alle drei mußten sie halten, an dem gebrechlichen krummen Rücken, unter den weichen Schultern, und endlich die vielfach Seufzende wieder hinlegen. Indessen erging sich Frau Lichtnegger in Beschreibungen von Großmutters Krankheitszuständen, als sei sie gar nicht anwesend. »Wenn nur der Schüttel nicht wiederkommt.« Damit meinte sie den Schüttelfrost. »Gestern hat sie wieder so einen Schüttel gehabt« und die immerwährende, selbstverständliche Wiederholung dieses Wortes dünkte Arnold sehr einfältig, keines der komischen Worte, die er heute von der Großmutter gehört, zum erstenmal in seinem Leben, hatte diesen kindischen unernsten Eindruck auf ihn gemacht. – Frau Lichtnegger fuhr fort: No Mutterle, habe der Doktor gesagt, ich seh, Sie sind eine saubere Frau, – als ihm die Großmutter erzählthatte, zur Entschuldigung, sie habe sich heute nicht waschen können … Und wieviel er zu tun habe, noch einmal. »Bis zehn Uhr nachts, von früh sieben. So beliebt ist er. Wenn er nicht bald von hier wegzieht, so vergeht er.« – Plötzlich legte sie den Finger an den Mund und hielt ein. Die Großmutter atmete langsam, sie war eingeschlafen. Leise schloß sie: »Das tut sie gern, wenn man vor ihr spricht. Das tut ihr wohl.« – Und die beiden Frauen berieten, eine Suppe mußte für die Kranke gekocht werden, eine kräftige Fleischsuppe. Arnold, der erst jetzt den Sessel am Bett verließ, trat auf Fußspitzen zu ihnen. Ob sie nicht lieber zum Doktor sehn wollten, daß er recht bald komme. Er werde schon kommen, war die Antwort, und der Husten sei ja nur heilsam, weil er den Schleim entferne, und nun dieser gute Schlaf, – es sei nicht mehr so gefährlich. Frau Beer beschloß, ein gutes Stück Rindfleisch kaufen zu gehn. Frau Lichtnegger wollte ihr einen billigen guten Laden zeigen. Sie winkte dem Jungen, der lautlos in der Ecke gesessen war. Arnold reichte ihm ein paar Zuckerl. Der Bursch nahm sie verlegen und wollte ihm, ohne Worte, seine bunte Holzflöte dafür schenken, die er fest in der Hand hielt. Arnold schob ihn lächelnd hinaus.
Nun allein mit der Schlafenden schlich er wieder zum Sessel zurück, wagte aber nicht, sich zu setzen … Sie war schön. Das Alter hatte nichts Entstellendes, Unregelmäßiges in ihre verschrumpfenden Züge bringen können. Man sah förmlich noch durch die Runzeln hindurch, wie durch viele matte Glasschichten, unten das schöne junge lebensfrische Mädchen – und Arnold dachte daran, was ihm die Mutter manchmal erzählt hatte: daß die Großmutter viele Verehrer gehabt, aberaus Trotz, vielmehr Gleichgiltigkeit alle abgewiesen habe, von Jugend an nur auf Gelderwerb bedacht, endlich hatte sie den reichsten genommen, der aber um zehn Jahre jünger war als sie, den Großvater, und mit ihm so unglücklich gelebt … Was lag an all dem, dachte er. Nach so viel Kampf, nach so viel Leidenschaften, jetzt lag sie ruhig und schlief nicht anders, als sie in ihrer Jugend vor all den wilden Erlebnissen geschlafen haben mochte, und wie er sie ansah, die Unberührte, überfiel ihn auf einmal der Gedanke, wie leicht eigentlich das Leben sei und wie es so von selbst und allen Anfechtungen zum Trotz bis ans Ende fortschreite, ganz einerlei, was man treibe. Nichts ist da, als daß die Zeit vergeht, mehr kann ja überhaupt nicht geschehn!… Und von hier aus gesehn, schien ihm nun auch plötzlich die so verwirrte und trostlose Situation, in der er sich augenblicklich befand, gar nicht mehr so wichtig und so trostlos – er nannte sich feig, weil er den kleinen Unannehmlichkeiten durch diese Reise, diese Flucht besser gesagt, ausgewichen war, das war es – beim Anblick dieser arbeitsamen wilden Greisin bekam er aufs Neue Lust, sich ins Leben zu stürzen, aus dem er mit vorschneller Erfahrung schon hatte entweichen wollen; bekam Lust, wieder zu toben und zu schaffen, wie es in seiner Art lag. Ein süßes verlockendes Gefühl von Unverantwortlichkeitbefielihn, als würde er aus einem Hohlweg blitzschnell vor eine riesige Aussicht fruchtbarer Ebenen entrafft und als lenke sich ihm doch alles zum Schluß ehrbar ein, moralisch beinahe, in allem Ausschweifen sinnvoll begrenzt wie diese Dorfstube. Denn wohl fühlte er sich der Schlummernden verwandt, das verstand er nun, dieselben Stürme pochten auch in seinem Blut. Mochtensie losbrechen und ihre verderblichen Ziele suchen, was lag daran – nach allen Verwüstungen würde man seinem ergrauten Haar doch nichts anderes nachsagen als: er ist ein Original, und nicht einmal mehr recht bös auf ihn sein – so wie bei der Großmutter – und die Ruhe in seinem Innern dann, o wie auf dem Gesicht dieser schlafenden lieben Frau, wie ohne Gedächtnis … Nun erfüllte ihn Stolz sogar, daß er auf seine lebensvolle Manier die Zeit verbrachte. Er mußte nur nach dem Vergleich mit der Großmutter zu solchen halbtoten Puppen zurückkehren wie diese Frau Lichtnegger eine war, wie sein Bobenheim zu Hause. … Ehrlich waren sie, aber das ist ja keine Kunst, ehrlich zu sein … Diese dagegen, dieser Starrkopf, war eine bedeutende Person, die Bedeutendste der Familie nannte er sie, nach seiner intensiven Art fast schon verliebt in das neue Erlebnis, – etwas Großes fühlte er aus ihr strahlen, etwas bis zum letzten Tropfen Selbstständiges und Unbewußtes dabei. – Sie mochte eine Heldin sein, eine Deborah, aus jener alten Zeit noch, in der es so viele Helden gab, in der jeder Mensch den Kopf so hoch trug, daß man aus ein bißchen Heldentum gar nicht so viel machte wie jetzt und daß das Andenken der Starken unter tausend andern, ebenso Starken vergessen ward. – Nein, die langen einsamen Nächte konnten diesem furchtlosen Geist nichts anhaben, der Tod hatte keinen Schrecken für sie, so erfüllt von ihrem eigentümlichen Leben war sie, von ihrer leuchtenden Gescheitheit, die alle ihre Fehler von Grund aus verklärte, o noch viel mehr als ein paar Schwächen gutgemacht hätte. Und Arnold sagte sich, in einer leichten Freude: »Ja, ja, dem Klugen wird vieles vergeben, Klugheit ist ja das Licht der Welt« – und wieineinemglänzenden Strom von Selbstentschuldigungen und neuem Selbstbewußtsein löste sich seine Schmach auf … Plötzlich fand er sich selbst wieder ganz passabel, all dem Bösen in ihm zum Trotz, fand sich beschwingt und leuchtend. Aus dieser Wendung heraus betrachtete er noch einmal das Gesicht der Schlafenden, wie um sich jeden ihrer Züge zu merken. Die Lippen waren in den Mund tief hineingesogen, so daß an Stelle der Mundöffnung in einer dunklen Vertiefung die senkrecht verlaufenden Runzeln unter der Nase und die über dem Kinn aneinanderstießen und sie paßten auch zu einander, schienen einander fortzusetzen, die kleinen Rinnen. Der Hals, jetzt entblößt, da die Großmutter nur eine lose Nachtjacke anhatte, war nichts als eine Reihe welker fallender Hautlappen, deren Anblick den jungen Mann tief erschütterte. Und das Erschrecklichste: die Augen waren nicht ganz geschlossen, sondern starrten halboffen, wie etwas Schleimigtrübes, geradeaus … Arnold bekam Angst; die Nase erschien ihm spitz, vom tiefeingepreßten Mund aus aufragend, … vielleicht war die Großmutter tot. Er beugte sich überihrGesicht, sie atmete. Zugleich spürte er den dumpfen Geruch, den er im ganzen Zimmer bemerkt hatte, gepreßt, schmutzig, lebensvoll – und wie ein Verbrechenerschienihm nun in momentanem Zusammenhang die Rede seines Vaters: Sie wird einmal einschlafen … Und was würde er jetzt sagen, der Vater von seinem Komptoirtisch her: Du übertreibst alles … Nun natürlich, er übertrieb, Gott sei Dank … Er pries die Großmutter schon wie eine Heilige. Seit er hier eingetreten war, hatte sich sein Schmerz beruhigt, – vielleicht auch deshalb, weil es hier so viel Neues zu sehn, zu bemerken gab, gemütvoll zu umfassen – oder nein, nicht deshalb, das Überquellendewar ja vielmehr diese Wurzelliebe, dieses Gefühl – Seine Vorstellungen begannen sich zu verwirren, so viel hatte er zu überlegen. Es war ihm, als sitze er an diesem Bett bei der Schlafenden, seit er überhaupt begonnen habe zu denken, seit frühester Kindheit, als habe er nie etwas anderes erlebt als immer nur dies eine, als gebe es kein Vorher und kein Nachher mehr für ihn …
Die Mutter trat ein, wieder mit Paketen beladen, die Gute. Fleisch trug sie, Wein, eine Sardinenbüchse, – das wünschte die Großmutter immer – sie trat ans Bett, musterte es mit einem nachdenklichen Blick: »Flöhe mag es da geben, nicht wenig …« Dann war sie wieder durch ein Bündel mit Strümpfen beleidigt, das vom Sofa fiel, als sie sich setzte. »Wo nur die neuen Hemden hin sind, die ich ihr gekauft hab. – Ich muß ihr wieder ein paar alte Hadern verbrennen, sonst trägt sie sie ewig. Ihre Blusen mußt du mal sehn. Geflickt, wie ein Regenbogen …« Unter solchen Reden begann sie, auf dem kleinen Ofen eine Suppe zu kochen.
Arnold wagte es: »Mir scheint, Mama, du behandelst sie nicht ganz richtig. So alte Leute haben ihren eigenen Kopf. Sie möchte sich halt lieber mit dir ruhig aussprechen, wenn du schon herkommst, als daß du ihr die Ordnung störst …«
»Aber wer soll's denn machen! Sie würde ja im Schmutz ersticken« erwiderte die Mutter mit viel Berechtigung.
Da erwachte die Großmutter: »Ich hab e Naches, daß se fort is.«
»Wer denn?«
»Die Orlte, die dumme, die Reschainte …«
Die Mutter nahm alle ihre Geduld zusammen:»Aber so darfst du doch nicht reden. Was fällt dir ein. – Frau Lichtnegger ist so gut zu dir.«
»Der Schlag soll sie treffen« zürnte die Greisin, jetzt lauter als bisher während des ganzen Tages. »Was kommt se her und redt und redt! Lauter Stuß. E Patsch von e Chochem is m'r lieber wie e Kisch von e Chamer. Das Gebitz nemmt se einem heraus mit ihrem Gebember und Geschmus.« Sie griff sich jammernd an den Kopf: »Mei Seide-Möach.«
»Mir scheint, es geht dir schon wieder gut. Du wirst schon wieder lustig.« Die Mutter fühlte ihr den Puls. »Das Fieber hat nachgelassen. No, geht's nicht besser?«