Chapter 3

Auf Mare Imbrium, dreihundertvierzig Stunden nach Sonnenaufgang.

Auf Mare Imbrium, dreihundertvierzig Stunden nach Sonnenaufgang.

Der Tag geht schon zur Neige. Bald in 14½ Stunden wird die Sonne untergehen, die jetzt über den fernen, runden Hügeln im Westen steht, — kaum einige Fuß über dem Horizonte. Jede Ungleichmäßigkeit des Terrains, jeder Stein, die kleinste Erhebung werfen lange, unbewegliche Schatten, die die mächtige Ebene, auf der wir uns befinden, in einer Richtung zerschneiden. Soweit das Auge reicht, nichts als eine endlose, tote Wüste, von Süden nach Norden in lange Steinfurchen gepflügt, die jene schwarzen Schattenstreifen kreuzen ... Weit, weit am Horizonte starren die höchsten Bergspitzen, die wir vomEratosthenesaus gesehen haben und deren Fuß jetzt durch die Kugelform des Mondglobus vor uns verhüllt ist.

In dem Maße wie wir uns vom Äquator entfernen, neigt sich die gläserne Erde über uns vom Zenit nach Süden. Sie nähert sich bereits dem ersten Viertel und leuchtet hell — wie sieben Vollmonde. Dort, wohin der schwächer werdende Glanz der Sonne nicht dringt, färbt sich ihr gespensterhaftes Licht in zartes Silbergrau. Wir haben zwei Himmelslichter, von denen durch den Kontrast das eine, stärkere, gelb und das andere blaßbläulich erscheint. Diese ganze Welt ist zur Hälfte grellgelb und zur Hälfte graublau. Wenn ich nach Osten sehe, färben sich die Wüste und die weit entfernten Gipfel des Mond-Apenninsgelb; von Westen, gegen die Sonne, ist alles kalt, bläulich und in Dämmerung gehüllt. Und über der zweifarbigen Wüste immer dieser schwarzsamtene Himmel, mit verschiedenfarbigen, funkelnden Steinen, mit wundervollem Staub vom feinsten goldenen Sand übersät ...

Die Nacht ist nahe. Sie hat schon ihren Verkünder ausgesandt, den einzigen, der ihr auf dieser Welt ohne Dämmerung und Abendröte geblieben ist ... Ihr voran geht die Kühle über die Wüste, setzt sich in jede Spalte, in jeden Schatten und wartet geduldig, — früh wird die Sonne vom Firmamente herabgleiten, ihr und der Nacht die Alleinherrschaft überlassend ...

Solange wir in dem vollen Glanze sind, ahnen wir nicht einmal die Gegenwart dieses Kameraden, aber im Schatten erfaßt unsere durchwärmten Glieder bereits ein leichter Schauer, der uns von seiner Nähe spricht ...

In unserem verschlossenen Wagen ist es nicht mehr so dumpf und uns allen ist etwas leichter und froher zumute.Varadol schmiedet hoffnungsvoll wieder Pläne oder spielt mit der Hündin und ihren Jungen; Woodbell ist bedeutend wohler; er unterhält sich jetzt, am Steuer stehend, mit Martha. Wenn ich den Blick vom Papier erhebe, sehe ich sie beide. Vor allem sehe ich Martha deutlich; sie lacht gerade. Sie lacht so seltsam. Ihre Lippen nehmen eine Form an, als wenn sie die Luft küßten. Ihre Augen sind voll von diesem Lachen wie ihre Brust, die sich in leichter, schneller Bewegung hebt und senkt. Während der Glut des Tages war ihre Brust entblößt; sogar für sie, die die indische Sonne braun gebrannt hat, war die Hitze unerträglich. Jetzt hüllt sie sich bis zum Halse ein ... Es ist unsinnig, daß ich so viel an diese Frau denke, — aber sie ist ja überall. Seit der Tod sich ein wenig von unserem Wagen entfernt hat, ist die ganze Atmosphäre von ihr durchtränkt. Sogar Varadol! Er spielt mit den Hunden, aber ich weiß, daß er sie verstohlen anblickt. Mich ärgert das. Warum bemerkt es Tomas nicht? Und übrigens — was geht es mich an?

Fast sechzig Stunden sind wir unterwegs. Der Wagen fährt ununterbrochen. Wir schlafen abwechselnd; jetzt will ich weiterschreiben. Wir blieben etwas stehen, die Akkumulatoren unseres Elektromotors zu füllen. Um Brennmaterial, das wir in der nächtlichen Kälte noch viel verbrauchen werden, zu sparen, setzten wir die Maschine mit Hilfe der sich ausdehnenden, verdichteten Luft in Bewegung. Die Akkumulatoren mußten wir füllen, weil die Batterien allein bei der schnellen Fahrt nicht genügen.

Wir bewegen uns so schnell vorwärts, wie es das Terrain irgend zuläßt. Größere Ungleichmäßigkeiten des Bodens erlaubten uns nicht, nachdem wir die „Spalte derErlösung“ verließen, uns sofort nach Norden zu wenden. (Wir bezeichneten jene Schlucht unter demEratosthenesmit diesem Namen, da sie uns durch ihre Kühle tatsächlich vom Tode erlöste.) Unter dem 12.° westlicher Länge stießen wir auf einen jener Lichtstreifen, die wie Strahlen vom Berge desKopernikus, auf Hunderte von Kilometern im Umkreis, ausgehen. Diese Streifen, die man sogar durch schwächere Teleskope von der Erde aus sehen kann, setzten die Astronomen immer in Staunen. Wie wir uns mit eigenen Augen überzeugt haben, sind dies einige Kilometer breite Streifen eines zu Glas geschmolzenen Felsengesteins. Ich kann mir das Entstehen dieser seltsamen Bildungen nicht erklären ... Überhaupt ist hier so vieles für uns ein Rätsel, selbst Dinge, die wir fast mit Händen greifen können. Wie ist jene Ebene entstanden, auf der wir uns befinden, — wie die Ringberge, von manchmal Hunderten von Kilometern im Durchmesser und einigen tausend Metern Höhe? Daß dies keine erloschenen Vulkankrater sind, wie man einst auf der Erde behauptete, steht wohl fest. Wir sahen in das Innere desEratosthenesund bemerkten dort vulkanische Kegel, die sich in nichts von den Erd-Vulkanen unterschieden; aber dieser mächtige Ring selbst war niemals ein Krater! Dagegen spricht — abgesehen von seinen riesigen Dimensionen — sowohl die Art des Felsens, aus dem der Wall gebildet ist, wie die Einsenkung des Bodens, der unter der Oberfläche der ihn umgebenden Ebenen liegt und viele andere Dinge, die bestätigt zu finden wir Gelegenheit hatten.

Ich glaube man muß, um diese Formation zu verstehen, im Geiste zu jenen grauen Zeiten zurückkehren, da der Mond noch eine flüssige, glühende Kugel war, die erstauf der Oberfläche in dem kalten, interplanetarischen Weltenraum zu erlöschen begann. Da haben diese ungeheuerlichen, die menschliche Vorstellungskraft überschreitenden Explosionen von Gasen, die durch die flüssige Masse verschlungen und während ihres Erlöschens ausgestoßen wurden, seine noch nachgiebige Oberfläche gedehnt und bildeten sozusagen riesige Blasen. Die Blasen erloschen beim Zerplatzen, ehe sie ganz auf die sie umgebende Ebene herabflossen und diese Ringberge sind ihre Spuren. Später hat die Sonne ihre Gipfel herausgebrannt, sie zerschnitten und zerrissen; vulkanische Kräfte bildeten in ihrem Innern kegelförmige Krater und so sind sie heute — durch das auf der Erde alles nivellierende Wasser nicht vernichtet — Zeugen der Schöpfermacht im Weltall, für die die Planeten und die feurigen Kugeln der Sonnen nur ein gehorsames Material in dem mächtigen Tiegel des ewigen Werdens sind.

So lebhaft sprechen die großen Berge und die kleinen, ähnlich wie sie entstandenen Mulden, die man am Wege antrifft, und diese ganze mich umgebende Landschaft zu mir, daß es mir manchmal scheinen will, die von der Sonne grellgelb gebrannten Steine seien noch jetzt eine glühende, flüssige und fast lebendige Masse; bald, dünkt mich, müsse die ganze Fläche wie ein Meer zu gären beginnen, sich biegen und beugen und wachsen und sich bäumen und unter dem Drange der inneren Gase zu dem schwarzen Himmel mit der ursprünglichen Lava emporschäumen, die zu mächtigen Ringbergen erstarrt ist.

Und wie viele Hunderte von Jahrtausenden sind seit jenen Zeiten dahingegangen. Die Mondkruste ist, sich fortwährend krümmend, erloschen und zersprungen; irgendwelche geheimnisvolle Feuerkräfte brannten riesige Strahlenstreifenvergläserten Gesteins in ihr aus und hier, wo einst entfachte Schöpferkräfte, wild miteinander ringend, rasend tobten, herrscht jetzt eine Stille und Starrheit, so furchtbar und beklemmend, daß uns in dieser Umgebung das eigene Leben beschämt und wunder nimmt ...

Bis zu diesem Augenblick bewegten wir uns immer auf dem hellen Lichtstreifen, der durch jene Ader des zu Glas geschmolzenen Gesteins gebildet wurde, die vomKopernikusausging. Sie dient uns als bequemer, gleichmäßiger Weg. Ihre nordöstliche Richtung ist uns sehr gelegen, da sie uns direkt auf die Fläche zwischen demArchimedesundTimocharis, die wir durchqueren müssen, führen wird. DenArchimedessieht man jetzt, wo wir uns auf der Fläche befinden, nicht mehr. Kleine, steile Erhebungen, Felseninseln im Meere ähnlich, verdecken ihn in dieser Richtung. Wahrscheinlich jene Gruppe der „Krater“, die sich unter dem 11.° westlicher Länge und dem 19.° nördlicher Mondbreite erhebt. Wir hoffen sie noch vor Sonnenuntergang zu umgehen und dann nach Norden, immer nach Norden, nur fort aus dieser furchtbaren Zone, wo sich, — neben der schlimmen Vorbedeutung der Erdsichel direkt über unseren Köpfen, — die mörderische Sonne wie ein rasendes Ungetüm am Zenite bäumt. Nein! Das ist nicht unsere lebenspendende, goldene Erden-Sonne, — diese träge, weiße, strahlenlose Kugel! Das ist irgendein Gott, ein höllischer und höhnender, ein Gott-Vernichter und Gott-Verschlinger! Und wir vier — wir sind die einzigen lebenden Opfer, auf die er es in dieser Welt des Todes abgesehen hat! Wir müssen ihm entfliehen, ehe er zum zweitenmal aus diesem schwarzen, edelsteindurchwirkten Firmament hervorbricht ...

Varadol, der Tomas ablöste, ruft mir vom Motor zu, daß jetzt die Reihe an mir ist, am Steuer des Wagens zu stehen. Die andern schlafen schon. Martha, wie gewöhnlich aus ihrer Hängematte geneigt, den Kopf auf der Brust dieses — unter uns einzigen glücklichen Menschen.

Den ersten Mondtag, vier Stunden nach Sonnenuntergang auf Mare Imbrium, 10° westlicher Länge, 20° 28’ nördlicher Mondbreite.

Den ersten Mondtag, vier Stunden nach Sonnenuntergang auf Mare Imbrium, 10° westlicher Länge, 20° 28’ nördlicher Mondbreite.

Schon hat die Nacht begonnen, die endlos lange, für die die Erdentage kleinere Teilchen sind als die Stunden für die ganze Erdennacht. Wie eine große, helle Uhr leuchtet, sich immer nach Süden neigend, die Erde über uns. Nach dem Gleiten des Schattens über ihre Scheibe können wir leicht die Zeit bestimmen. Sie war bei Sonnenuntergang im ersten Viertel, um Mitternacht wird sie voll sein und wiederum im Viertel sein bei Sonnenaufgang. Die Rolle des Minutenzeigers auf dieser Himmelsuhr spielen die Weltteile. Nach ihrem Untergang in den Schatten können wir die Stunden erkennen, die die Minuten für unsere siebenhundertneunstündige Zeit sind.

Nach Sonnenuntergang wurde es plötzlich so kalt, daß wir das Gefühl hatten, als wenn wir aus einem Dampfbad in ein Bassin mit Eiswasser gesprungen wären, doch wurde uns dabei eine wundervolle Überraschung bereitet: Wir erwarteten das sofortige Eintreten der Nacht, statt dessen sahen wir noch lange Zeit hindurch ein seltsames Leuchten, das mit dem Glanz der Erde rang und unseren Dämmerungen ähnlich war.

Jener Glasstreifen, auf dem wir über hundert Kilometer weit gefahren waren, nahm gerade sein Ende, alswir den Schatten der kleinen Krater, von denen ich vorher gesprochen hatte, verließen. Wir näherten uns, jetzt direkt nach Norden fahrend, schon dem zwanzigsten Parallelkreis, als die Sonnenscheibe, die vor dem Untergang nicht gerötet, sondern im Gegenteil hell und leuchtend war wie am Tage, langsam unter den Horizont zu sinken begann. Und plötzlich erfaßte uns eine furchtbare Sehnsucht nach dieser schwindenden Sonne, die sich uns erst in vierzehn Tagen wieder zeigen wird. Wir standen alle nebeneinander am westlichen Fenster unseres Wagens. Martha erhob ihre Hände zu dem untergehenden Gestirne und begann mit singender, monotoner Stimme indische Hymnen zu sprechen, mit denen die Fakire auf der Erde von dem Gotte des Lichtes Abschied nehmen.

Woodbell antwortete ihr manchmal mit unverständlichen Sätzen aus den heiligen Büchern, wahrscheinlich der Zeiten gedenkend, die er in Travancore verbracht hatte, wo er so oft die flammende Sonne in den uferlosen Ozean tauchen sah.

Die Sonne indessen, mit einem Teile der Scheibe vertieft, schien am Horizonte zu stehen und zu warten. Ihr Glanz bespiegelte die ausgestreckten Arme des Mädchens und flackerte auf ihren weißen Zähnen, die zwischen den sich öffnenden Lippen sichtbar wurden. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, daß sie beide miteinander sprechen müssen — dieses Mädchen und diese Sonne.

Nach einer halben Stunde war nur noch ein Segment der Sonnenscheibe sichtbar. Die Steinwüste verfinsterte sich unter diesem hellen Lichtstreifen, als hätte sie sich in ein Tintenmeer verwandelt. Hier und da nur schimmerten glatte Steine, die das blaßbläuliche Licht der Erde wiedergaben.Martha hatte den Hymnus bereits beendet; und stand, in die Wüste starrend, den Kopf an Tomas’ Schulter gelehnt.

Wir waren alle von einer seltsamen Trauer erfaßt; sogar Peter, der am wenigsten zur Rührung neigte, blickte finster vor sich hin und bewegte die Lippen, als wenn er leise mit seinen Gedanken Zwiesprache hielte.

Und ich selbst ... Ah ... wie wahnsinnig schnell ist mein Leben auf der Erde dahingeflogen. Ein seltsamer Reigen von Erinnerungen zog an meinem inneren Auge vorüber. Ich träumte von Weichselebenen und von den finsteren Gipfeln der Tatra — und alles war von einer unabsehbaren Menge teurer — für ewig verlorener Menschen bevölkert ... für ewig! ...

Da plötzlich erlosch die Sonne. Rote Protuberanzen flackerten wie kleine feurige Zungen noch eine Zeitlang über dem Horizont, endlich verschwanden auch sie — und in der über die Wüste hereinbrechenden Dämmerung geschah etwas so Unerwartetes, daß wir uns unwillkürlich aneinanderdrängten, als wenn wir uns vor etwas schützen wollten, das sich auf uns wirft wie eine wilde Katze. In diesem Augenblicke nämlich, als der letzte Sonnenstrahl verschwand, schoß im Westen eine lichte Säule empor, die wie eine Kuppel gewölbt war und einer wundervollen Fontäne schillernden Staubes ähnelte.

Das Zodiakallicht erglänzte vor uns in einer Erhabenheit, wie es auf der Erde menschliche Augen niemals sahen. Wir starrten lange auf diese glühende Säule, die leicht nach Süden geneigt, mit verschiedenfarbigen Sternen besät war; der kosmische Staub, durch den sie leuchteten,umkreiste die Sonne und warf nach ihrem Untergange ihr funkelndes Licht zurück.

Dann erlosch alles! Nur die Erde sahen wir noch über uns und die Sterne, — die seltsamen Sterne, ganz tief in dem schwarzen Himmel — nicht flackernd, doch verschiedenfarbig. Diese Verschiedenfarbigkeit der Sterne, die durch die hier fehlende Luft nicht verdunkelt werden ist so staunenerregend, daß ich mich nicht daran gewöhnen kann, obwohl sie doch während des ganzen Mondtages über uns glitzerten.

Die Erde gibt uns so viel Licht, daß wir bei ihrem Schein die Reise ohne Unterbrechung fortsetzen können. Das ist für uns ein sehr günstiger Umstand, da wir keine Zeit zu verlieren brauchen und während der Nacht so weit nach Norden vordringen können, daß wir den senkrechten Sonnenstrahlen des nächsten Tages nicht mehr ausgesetzt sein werden. Nur der Gedanke an die nächtliche Kälte, die uns schon zu schütteln beginnt, erfaßt uns mit Grauen.

Der Boden ist wieder ungleichmäßig, was uns zu vielen Abbiegungen und Umwegen veranlaßt, die die Reise verlangsamen. Vorn am Wagen brennen wir eine elektrische Laterne, die uns den Weg erleuchtet; ohne sie könnten wir leicht in irgendeine Spalte stürzen, die bei dem schwachen Licht der Erde nicht gut zu sehen ist. Wir richten unsere Fahrt nach den Sternen, da wir mit dem Kompaß nicht recht fertig werden können auf dieser seltsamen Welt. Dabei verändern die Metallwände des Wagens die Lage der Nadel.

Auf Mare Imbrium, 7° 45’ westlicher Länge 24° 1’ nördlicher Mondbreite, ein Uhr des zweiten Mondtages.

Auf Mare Imbrium, 7° 45’ westlicher Länge 24° 1’ nördlicher Mondbreite, ein Uhr des zweiten Mondtages.

Mitternacht ist schon vorüber und wir haben beinahe vergessen, wie die Sonne aussieht; wir begreifen kaum mehr, wie wir uns über ihre Glut beklagen konnten. Fast hundertachtzig Stunden, die seit Sonnenuntergang verflossen, sind wir einem so unerhörten Froste ausgesetzt, daß wir das Gefühl haben, die Gedanken im Hirne müßten uns einfrieren. Unsere Öfen arbeiten mit der ganzen Kraft und wir kauern um sie herum und zittern vor Kälte.

Schreibend lehnte ich mich an den Ofen. Die Glut bratet mir den Rücken und gleichzeitig fühle ich, wie mir das Blut in den Adern gerinnt und erstarrt. Die Hunde drängen sich an uns und bellen unaufhörlich, uns aber packt schon der Wahnsinn. Wir sehen uns schweigend mit einem merkwürdigen Haß an, als wenn einer von uns daran schuld wäre, daß die Sonne hier dreihundertvierundfünfzig und eine halbe Stunde lang nicht leuchtet und wärmt ...

Ich wollte mich aufraffen und einige Eindrücke von der Reise nach Sonnenuntergang niederschreiben, aber ich sehe, daß ich nicht fähig bin auch nur die einfachsten Vorstellungen auszudrücken ... Mein Gehirn ist eingefroren ... Verworrene Bilder gleiten mir lose, unzusammenhängend durch den Kopf; ich kann sie auf keine Weise miteinander verbinden. Manchmal habe ich die Empfindung, daß ich mit offenen Augen schlafe. Ich sehe Martha, Tomas, die Hunde, Peter, den Ofen — und ich weiß nicht, was das bedeutet, ich weiß nicht, wer ich bin, wie ich hierher komme, weshalb ...

Ja — weshalb ...

Ich wollte darüber nachdenken, mich daran erinnern, aber ich kann nicht. Es muß eine Ursache gewesen sein, daß ich mit diesen Menschen die Erde verlassen habe ... Ich erinnere mich nicht — das Denken erschöpft mich.

Es scheint mir, daß wir stehen. Ich höre das Zischen des Motors nicht, ich muß hingehen und nachsehen, was geschehen ist; aber ich weiß, daß weder ich noch sie — daß niemand dies tun wird. Wir müßten uns vom Ofen entfernen. Eine wahnsinnige Kälte!

Durch das Fenster sehe ich Felsen, die von der Erde hell beleuchtet sind. Vielleicht stehen wir deshalb, weil wir zwischen Felsen gerieten ...

Das ist alles seltsam und gleichgültig ...

Was schreibe ich? Habe ich wirklich den Verstand verloren? Ich bin sehr müde und ich weiß, daß ich erfrieren und nicht mehr aufwachen werde, wenn ich einschlafe ... Man muß den Schlaf abschütteln, zum Bewußtsein kommen ...

Es ist sonderbar, daß die Kälte während der ersten Nacht auf demSinus Aestuumnicht so furchtbar war. Scheinbar erstrecken sich unter jener Fläche vulkanische Adern, die den Boden etwas erwärmen.

Schreiben, schreiben, nur nicht einschlafen, denn das bedeutet sterben ...

Seit Sonnenuntergang fuhren wir immer nach Nordwesten — in stets stärkerem Lichte der zunehmenden Erde und in immer zunehmender Kälte. Unter dem 9.° westlicher Länge und dem 21.° nördlicher Breite durchdrangen wir die niedrigen, runden Wälle, die uns den Weg versperrten. Wir änderten den Kurs; statt direkt nach Norden wendetenwir uns nach Nordosten, in der Richtung der Berge, die sich um den Ring desArchimedesausdehnen, in der Hoffnung, daß wir hier irgendeinen tätigen Krater finden und in ihm ein wenig Wärme. Wir sind an der Grenze dieses gebirgigen Landes, aber alles bleibt starr und kalt. Wir fuhren in die Mitte des Halbmondes hinein, der von den amphitheatralisch sich erhebenden Felsen gebildet wird. Varadol machte astronomische Messungen, um die Lage dieser Berge zu bestimmen. Aus seinen Messungen geht hervor, daß dies eine Erhöhung ist, die auf den Mondkarten gewöhnlich mit dem BuchstabenEbezeichnet wird und unter dem 7.° 45’ westlicher Länge, 24.° 1’ nördlicher Mondbreite liegt.

Kälte, Kälte, Kälte ... Aber man muß sich überwinden und nicht schlafen. Nur nicht schlafen, das wäre der Tod! Dieser Tod muß hier irgendwo in der Nähe sein. Dort auf der Erde müßten sie ihn auf dem Monde sitzend malen, denn das ist sein Königreich ...

Weshalb stehen wir? Ach — richtig! Es ist alles einerlei!

Ja, man muß sich überwinden. Wovon schrieb ich? Aha! Diese Berge ... Das seltsame Amphitheater, zirka vier Kilometer breit, nach Süden geöffnet. Über ihm hängt, wie eine Lampe, die Erde. Der höchste Gipfel im Norden, direkt vor uns, ist wahrscheinlich gegen zwölfhundert Meter hoch. Das alles sieht so furchtbar aus. Ein Theater für Riesen, für Ungeheuer — für Skelette von Riesen. Ich würde mich gar nicht wundern, wenn sich diese Abhänge plötzlich mit einer Menge von riesigen Skeletten anfüllten, die langsam im Lichte der Erde dahinschreiten und die Plätze der Zuschauer einnehmen. DieRiesenschädel derjenigen, die am höchsten Platz genommen haben, würden am Hintergrunde des schwarzen, sternenbesäten Himmels weiß leuchten! Es scheint mir, daß ich das alles sehe. Die Skelette von Giganten sitzen und sprechen so zueinander: „Welche Stunde ist es? Es ist bereits Mitternacht; die Erde, unsere große, lichte Uhr, steht schon voll am Himmel — es ist Zeit, zu beginnen.“ Und dann zu uns: „Es ist Zeit, zu beginnen, sterbt also; wir sehen zu“ ...

Schauer schütteln mich ...

Palus Putredinis, auf dem Grund der Spalteδ, 7° 36’ westlicher Länge, 26° nördlicher Mondbreite. Zweiter Tag. 62 Stunden nach Mitternacht.

Palus Putredinis, auf dem Grund der Spalteδ, 7° 36’ westlicher Länge, 26° nördlicher Mondbreite. Zweiter Tag. 62 Stunden nach Mitternacht.

Es ist also geschehen. Wir sind zum Tode verurteilt, ohne jegliche Hoffnung auf Rettung. Wir wissen das seit sechzig Stunden; Zeit genug, sich mit dem Gedanken zu befreunden. Und dennoch — dieser Tod ...

Ruhe, Ruhe, das führt doch zu nichts. Man muß sich mit dem aussöhnen, was unabwendbar ist. Übrigens ist es für uns doch nichts Unerwartetes. Als wir diese Reise antraten — noch dort auf der Erde — wußten wir, daß wir uns dem Tode aussetzten. Aber warum ist dieser Tod nicht plötzlich über uns gekommen, wie ein Blitz, warum hat er sich vor uns gezeigt und nähert sich so langsam, daß man jeden seiner Schritte berechnen kann, — daß wir genau wissen, wann er uns mit der kalten Hand an der Gurgel packen und würgen wird ...

Ja, würgen. Wir werden alle ersticken. Der Vorrat an verdichteter Luft wird uns bei höchster Sparsamkeit noch für kaum dreihundert Stunden ausreichen. Unddann ... Nun ja, man muß sich beizeiten darauf vorbereiten, was dann sein wird ... Im Verlauf dieser Frist wird sich der letzte Behälter der verdichteten Luft ausleeren, der einzige, der uns noch geblieben ist. Nach dreihundert Stunden ... Das wird gerade der Mondmittag sein ... Die Sonne wird noch hoch oben stehen. Es wird hell und warm sein — sogar heiß, vielleicht zu heiß. Einige Zeit hindurch — mehrere Stunden — wird noch alles in Ordnung sein. Dann werden wir langsam eine Schwere fühlen, ein Sausen im Kopfe, ein Klopfen des Herzens ... Die Atmosphäre unseres Wagens, die mit Sauerstoff, der uns schon fehlt, nicht erfrischt worden ist, wird mit der von uns ausgeatmeten Kohlensäure überfüllt sein. Jetzt beseitigen wir sie künstlich, aber wozu soll man sie noch beseitigen, wenn wir keinen Sauerstoff mehr haben, um sie damit zu ersetzen? Wir werden dann beginnen, uns mit dieser Kohlensäure zu vergiften. Ein Blutandrang, — eine Schwere, — dumpfe Luft — Schlafsucht ... Ja, Schlafsucht, unüberwindbare Schlafsucht. Wir werden uns niederlegen und den Tod erwarten. Martha wird sich aus ihrer Hängematte wahrscheinlich herausbeugen und ihren Kopf an Tomas’ Brust lehnen, wie gewöhnlich ... Dann beginnen wir zu träumen ... Erde, heimatliche Länder, Wiesen, Luft — oh! Luft — viel, viel Luft, ein ganzes, grenzenloses, reines Meer! Und im Traum ein erstickender, furchtbarer Alp hier auf der Brust; es scheint mir, daß ich ihn schon fühle! Er zerbricht die Rippen, würgt an der Gurgel, schnürt das Herz zusammen. Eine wütende Angst erfaßt uns. Man möchte sie abschütteln, aufstehen, fliehen ... Endlich enden die Träume. Auf dem Monde, inmitten der mächtigen FlächeMareImbrium, werden vier Leichen im Wagen eingeschlossen sein.

Nein, nein, nicht so! Im Augenblick, in dem wir keine frische Luft mehr haben werden, öffnen wir die Tür des Wagens — sperrangelweit. Eine Sekunde — und wir werden uns in der Leere befinden. Das Blut wird aus dem Munde, den Ohren, den Augen, der Nase schießen; einige krampfartige, verzweifelte Bewegungen der Brust, ein wütendes Herzklopfen und — Schluß.

Weshalb schreibe ich das alles? Weshalb schreibe ich überhaupt? Das hat doch weder Sinn noch Zweck. In dreihundert Stunden werde ich sterben.

Eine Stunde später.

Eine Stunde später.

Ich kehre zum Schreiben zurück. Ich muß mich mit etwas beschäftigen, denn der Gedanke an den unabwendbaren Tod ist unerträglich. Wir gehen im Wagen auf und ab und lächeln sinnlos vor uns hin oder sprechen über ganz gleichgültige Dinge. Vor einer Weile sagte Varadol, wie man in Portugal eine gewisse Sauce aus Nieren von jungen Hühnern mit Kapern bereitet. Währenddessen dachten wir alle und auch er daran, daß wir in zweihundertneunundneunzig Stunden sterben werden.

Eigentlich ist der Tod gar nicht furchtbar — warum fürchten wir ihn so sehr? Er ist doch ...

Ach, wie hirnverbrannt ist diese ganze Philosophiererei über den Tod! Lauter als alle Gelehrten, die Gleichmut vor dem Sterben empfehlen, spricht das Ticken meiner Uhr in der Tasche. Ich höre ruhige, kleine Metallschläge und ich weiß, daß dies die Schritte des nahenden Todessind. Er wird hier sein, ehe die Sonne dieses bald beginnenden, langen Tages untergeht. Er wird sich nicht um eine Stunde verspäten ...

Wir befanden uns gerade zwischen jenen hufeisenförmigen Felsen, vor Kälte erstarrt, als Varadol, der zufällig auf den Manometerzeiger des Luftbehälters sah, einen markerschütternden Schrei ausstieß.

Wir sprangen alle wie elektrisiert in die Höhe, nach der Richtung blickend wohin Peter, der kein Wort hervorbringen konnte, mit zitternder Hand deutete.

Es überlief mich heiß und kalt: der Manometer zeigte innen keinen Druck an. Vielleicht hatte sich die Luft in dem Behälter, der in der Wand angebracht war, infolge der ungeheuren Kälte verflüssigt ... Ich öffnete den Hahn — der Behälter war leer. Ebenso der zweite, dritte, vierte und fünfte. Nur im sechsten, dem letzten, befand sich Luft.

Da packte uns das Entsetzen. Ohne über die Ursache der für uns rätselhaften Entleerung der Behälter nachzudenken, ohne zu wissen, was wir tun, was wir sagen und raten sollen, warfen wir uns plötzlich alle auf den Motor und fühlten keine Kälte, keine Erschöpfung, keinen Schlaf mehr — nichts, nichts — nur von dem einen Gedanken beseelt: fliehen, fliehen, fliehen — als wenn man vor dem Tode fliehen könnte.

In einigen Augenblicken war der Wagen in Bewegung. Aus der zwischen Felsen eingeschlossenen Fläche hinausgekommen, sausten wir mit der ganzen Kraft nach Norden, zwischen kleinen Bergen, die sich vom Ring desArchimedeserstrecken und über den ganzen westlichen Teil des hier an das Regenmeer grenzendenPalus Putredinisausbreiten. Das Terrain war außerordentlich ungleichmäßig. Der Wagen sprang auf und ab, erzitterte, hob sich oder fiel herab, uns unbarmherzig hin und her werfend; wir achteten nicht darauf, in der furchtbaren Angst und Verzweiflung und waren nur von dem einen Gedanken erfüllt, daß es uns gelingen könnte, auf die andere Seite des Mondes zu gelangen, ehe unser geringer Vorrat an Luft zu Ende geht!

Welch ein lächerlicher Gedanke! Die Luft wird kaum für dreihundert Stunden ausreichen und von dem Pol des Mondes trennen uns in gerader Linie fast zweitausend Kilometer Weges, wovon die Hälfte auf bergiges und undurchdringliches Land fällt!

Die Kälte machte uns das Blut in den Adern erstarren und hielt uns den Atem in der Brust zurück, aber wir fühlten es kaum; wir sausten unaufhörlich über Berge, die im Lichte der Erde silbern leuchteten, durch schwarze Mulden, über steinbesäte Ebenen — nur weiter, weiter, weiter! Sogar an den Schlaf, der uns vor kurzem zu überwältigen drohte, dachte niemand mehr.

In dieser höllischen Fahrt, die ebenso ziellos wie wahnsinnig war, hielt uns ein plötzliches Hindernis auf. Blindlings vorwärtsstürmend stießen wir auf eine Spalte, die der „Spalte der Erlösung“ unter demEratosthenesähnlich, nur bedeutend weiter und tiefer war. Wir bemerkten sie so spät, daß wir beinahe mit dem Wagen in ihre Tiefe hinabgesaust wären.

Der Wagen blieb stehen und eine grauenhafte Apathie ergriff uns. Die Energie der Verzweiflung, mit der wir so viele Stunden sinnlos dahinrasten, war plötzlich verschwunden, wie sie gekommen war, einer unaussprechlichen,ohnmächtigen Bedrückung Platz machend. Es war uns auf einmal alles vollständig gleichgültig. Warum sich anstrengen, wenn es doch zwecklos ist. Wir müssen sterben.

Wir setzten uns neben den Ofen, ohne etwas zu tun, in Schweigen versunken. Die Kälte quälte uns immer furchtbarer, aber wir kümmerten uns nicht mehr darum. Der Tod ist doch immer gleich, ob vor Kälte oder durch Ersticken. Viel Zeit ist so vorübergegangen. Wir wären zweifellos erfroren, wenn nicht Woodbell, der sich als erster faßte, uns beschworen hätte, ernst über unsere Situation nachzudenken.

— Suchen wir einen Ausweg, eine Möglichkeit der Rettung, sagte er, wenn wir sie auch nicht finden sollten, so haben wir wenigstens etwas, das uns beschäftigt, unsere Gedanken für einen Augenblick vom Tode abwendet, der wie ein Alp auf uns lastet.

Der Rat war gut, aber wir waren so erschöpft und erstarrt, daß wir ihn ganz gleichgültig hinnahmen und nicht einmal auf die Vorstellungen Tomas’ antworteten.

Ich erinnere mich, daß ich auf Tomas blickte und sah, wie er die Lippen bewegte, aber ich verstand kein Wort von dem, was er sagte. Das einzige, was mich in jenem Augenblick beschäftigte, war: wie wird er wohl nach dem Tode aussehen?

Mit irrsinniger Hartnäckigkeit starrte ich auf seine Kinnbacken und riß in Gedanken das Fleisch von ihnen herunter, dann entblößte ich ebenso seinen Schädel, seine Rippen, seine Knochen — und auf einen lebenden Menschen sehend, hatte ich plötzlich ein Gerippe vor Augen, das mit einer boshaften Grimasse zu sagen schien: So werdet ihr alle aussehen — in kurzer Zeit!

Als Tomas sich endlich überzeugte, daß mit uns nichts mehr anzufangen war, stellte er sich selbst an den Motor und bald bewegte sich unser Wagen längs des Randes der Spalte, deren Ende wir in einer halben Stunde erreicht hatten. Als Varadol dies bemerkte schrie er, von dem Mut der Verzweiflung erfaßt und fortgerissen, wie wahnsinnig:

— Wir können die Spalte umkreisen und weiter nach Norden fahren zum Pol, dort, wo es Luft gibt!

Er lachte und warf sich, als wenn er die Sinne verloren hätte, auf das Steuer; Tomas stieß ihn leicht beiseite und sagte kurz, aber entschieden:

— Wir werden die Spalte nicht umkreisen, sondern in sie hineinfahren.

Peter sah ihn eine Zeitlang mit starrem Blick an — dann stürzte er sich plötzlich, scheinbar einen neuen Nervenanfall bekommend, auf ihn und packte ihn bei der Gurgel.

— Mörder! brüllte er, Würger! Du willst uns töten, und ich will leben, leben! Hörst du? Nach Norden, nach Norden, zum Pol, dort ist Luft!

Er schäumte und schrie und da er stärker war als Tomas, warf er ihn, ehe wir es hindern konnten, zu Boden und kniete auf seiner Brust. Ich sprang mit Martha herbei, um den Wahnsinnigen festzuhalten und es begann eine Verwirrung, die das Bellen der verängstigten Hunde begleitete. Wir packten ihn endlich bei den Schultern, als er plötzlich aufschrie und unter unsern Händen schlaff zusammenfiel. Tomas erhob sich, erschöpft und blaß.

Da neigte sich der Wagen; ich fühlte eine gewaltsame Erschütterung und verlor das Bewußtsein.

Als ich wieder zu mir kam, bemerkte ich, daß ich aufmeiner Matte lag; Tomas stand über mich gebeugt und rieb mir die Schläfen mit Äther ein. Martha und Varadol saßen finster und schweigend neben mir.

Tomas ist wirklich ein tüchtiger Mensch. Während er mit Peter rang, fuhr der Wagen, dessen Steuer niemand lenkte, mit seinem Vorderteil an einen Felsen. Durch diese Erschütterung nach vorn geworfen, prallte ich mit dem Kopf an die Wand des Wagens und wurde ohnmächtig.

Tomas und Martha gingen aus diesem Unfall unversehrt, hervor; ebenso Varadol, der bewußtlos am Boden lag, von dem vorhergegangenen Anfall erschöpft. Tomas empfahl Martha, uns auf die Lagerstätten zu legen, und lenkte den Wagen in die Tiefe der Schlucht hinein. Hier erst, auf dem Grunde, wo es unvergleichlich wärmer ist als auf der Oberfläche, begann er uns zur Besinnung zu bringen. Zuerst erwachte Peter. Er erinnerte sich absolut nicht des Anfalls, der uns so sehr erschreckt hatte. Endlich kam auch ich wieder zu mir.

Für den Augenblick drohte uns der Tod durch Erfrieren nicht, da in dieser tiefen Spalte die Kälte nicht so übermäßig war. Scheinbar ist das Innere des Mondes, ähnlich wie das der Erde, noch nicht ganz um die eigene Wärme gebracht, obwohl er, neunundvierzigmal kleiner als die Erde, auch bedeutend früher erkalten mußte.

Tomas hatte das richtig angenommen und fuhr in die Spalte, um es uns zu ermöglichen, hier miteinander zu beraten, was nun anzufangen sei, nachdem wir vor der jeden Gedanken ertötenden Kälte Schutz gefunden.

Wir dachten hin und her. Es fiel uns ein, daß es vielleicht gelingen wird, mit Hilfe der Druckpumpe die uns umgebendeMondatmosphäre so weit zu verdichten, um damit die Luft im Wagen auffrischen zu können. Dieser Gedanke flammte wie ein Stern der Hoffnung auf. Wir machten uns auch sofort an seine Ausführung. Jedoch nach einer Stunde schweren und angestrengten Arbeitens überzeugten wir uns, daß sich dies nicht verwirklichen läßt. Die Mondatmosphäre ist hier so dünn, daß sie sich nach dem vollständigen Herablassen des Pumpenstempels nicht einmal so weit verdichtet, den Druck der Luft in unserem Wagen zu überwinden und die Klappe zu öffnen. Wir versuchten dann, sie mit Hilfe der Pumpe in einem der leeren Behälter zu verdichten, nachdem wir den Riß fest verschlossen hatten, durch den uns die Luft entwichen war; aber auch das erwies sich als unmöglich.

Nachdem wir allen Mut verloren hatten und gänzlich erschöpft waren, ließen wir endlich von der zwecklosen Arbeit ab. Tomas bemühte sich noch uns damit zu trösten, daß wir vielleicht etwas weiter gegen Norden dichtere Atmosphäre finden würden, bei der sich unsere Pumpe gebrauchen ließe, aber ich weiß, daß er selbst nicht daran glaubt. Auf der ganzen mächtigen Strecke desMare Imbriumwird sie gleich dünn sein und ehe wir diese zurücklegen, wird unser Luftvorrat ausgehen und kommen, was unabwendbar ist. In zweihundertneunzig Stunden müssen wir sterben.

Trotzdem werden wir, sobald es nur hell und wärmer wird, aus dieser Spalte herausfahren und weiter nach Norden eilen. Das führt freilich zu nichts, aber auch das Hierbleiben führt zu nichts. Und vielleicht ... vielleicht ... werden wir dennoch irgendwo etwas dichtere Atmosphäre finden ...

An derselben Stelle, siebzig Stunden nach Mitternacht.

An derselben Stelle, siebzig Stunden nach Mitternacht.

Endlich entdeckten wir die Ursache, durch die wir unsere Luftvorräte verloren haben. Die Behälter wurden während des Herabgleitens des Wagens von den Abhängen desEratosthenesbeschädigt. Ein scharfer Stein, der auf dem Wege, auf dem der Wagen hinabglitt, gelegen, hat sich tief eingezeichnet und der innere Druck des Gases tat das übrige. Die Risse sind sichtbar. Zwei Dinge setzen mich bei alledem in Erstaunen; erstens, daß der Druck der verdichteten Luft die beschädigten Behälter aus Erz nicht zersprengte, und zweitens, daß wir den Verlust nicht früher bemerkten ... Ich zerbreche mir über diese Rätsel den Kopf, als wenn ihre Lösung unsere Lage irgendwie ändern könnte.

Ich kann an nichts anderes denken; immer und immer steht mir dieses Gespenst des Todes vor Augen. Und das Schrecklichste dabei ist die Gewißheit, daß wir sterben müssen, und uns dabei vollständig gesund fühlen. Das vergrößert das Grauen dieses Furchtbaren, das über uns kommen soll. Tomas ist am ruhigsten von uns allen, aber ich sehe, besonders aus seinem Benehmen Martha gegenüber, daß auch er unaufhörlich daran denkt. Er läßt mit einer fast weiblichen Zartheit die Hand über ihr Haar gleiten und sieht sie dabei an, als wenn er sie um Verzeihung bitten wollte. Und sie küßt seine Hand, nur mit dieser Liebkosung und den Augen zu ihm sagend: Gräme dich nicht, Tom, — alles ist gut, wir werden ja zusammen sterben ...

Für sie ist das vielleicht ein Trost, daß sie zusammen sterben, aber für mich, ich gestehe es offen, verkleinert die Gemeinsamkeit des Schicksals in nichts seine Grausamkeit.Mein ganzes Innere bäumt sich so maßlos gegen dieses Ungeheuerliche auf, daß alle Reflexionen vergebens sind. Ich bemühe mich klar und nüchtern zu denken, — ich versuche mir über alles Rechenschaft zu geben; hundertmal wiederhole ich mir, daß ich zusammen mit diesen Menschen sterbe, als das freiwillige Opfer eines übermächtigen Dranges nach Erkenntnis, der uns von der Erde fortgerissen und auf diesen unwirtlichen Globus geworfen hat, ich rede mir gewaltsam ein, daß ich mich mit diesem Schicksal aussöhnen und Ruhe bewahren muß. Und trotz all dieser Reflexionen fühle ich immer nur eins: Angst, grenzenlose, verzweifelte Angst! Ah — es ist so grauenhaft, unerbittlich, und es nähert sich so langsam ...

Ich begreife wirklich nicht, warum wir nicht daran denken, diesem fürchterlichen Zustand ein Ende zu machen. Es liegt doch in unserer Macht, dieses Leben von uns zu werfen, jetzt, wo es nur noch eine lächerliche Parodie des Lebens ist! ...

Eine Stunde später.

Eine Stunde später.

Nein, ich kann es nicht! Ich weiß nicht, was mich zurückhält, aber ich kann nicht. Vielleicht ist es diese kindische Sehnsucht nach der Sonne, dem guten Stern des Tages, der bald über uns aufgehen soll, vielleicht ein lächerlicher, fast tierischer Trieb zum Leben, obwohl es nur noch einige Stunden zählen wird, vielleicht die Reste einer wahnsinnigen, gänzlich haltlosen Hoffnung ...

Ich weiß, daß nichts uns erretten kann und begehre so sehnsüchtig danach, zu leben — und so sehr ... ängstige ich mich ...

Meinetwegen! — Mag geschehen was will.

Ich bin entsetzlich müde, — möchte es doch endlich kommen, dieses Unabwendbare! Bei jedem Atemzug denke ich, daß ... Es ist einerlei ...

Bei Sonnenaufgang.

Bei Sonnenaufgang.

In einer Stunde fahren wir weiter. Der westliche Rand der Spalte glänzt schon über uns im Sonnenschein. Wir werden in die weite Wüste hinausfahren, um noch einmal die Sonne zu sehen, die Sterne und die Erde, die so ruhig leuchtend und still an diesem schwarzen Himmel steht ...

Und wir werden nach Norden fahren. Weshalb? Ich weiß es nicht. Niemand von uns weiß es; aber wir werden nach Norden fahren. Der Tod wird langsam neben uns gehen, über die Steinfelder, über die Berge und Täler, und wenn der Zeiger des Manometers im letzten Luftbehälter sich dem Nullpunkt nähert, wird der Tod in den Wagen kommen.

Wir sprechen nicht miteinander; wir haben von nichts zu sprechen. Jeder von uns bemüht sich nur, sich mit irgend etwas zu beschäftigen, vielleicht mehr aus falscher Scham vor den andern, als zur eigenen Zerstreuung; denn welche Arbeit kann einen Menschen beschäftigen, der weiß, daß alles was er tut, zwecklos ist?

Wir gehen also unserem Schicksal entgegen!

Zweiter Mondtag, vierzehn Stunden nach Mittag. Auf Mare Imbrium, 8° 54’ westlicher Länge, 32° 16’ nördlicher Mondbreite, zwischen den Kraternc—d.

Zweiter Mondtag, vierzehn Stunden nach Mittag. Auf Mare Imbrium, 8° 54’ westlicher Länge, 32° 16’ nördlicher Mondbreite, zwischen den Kraternc—d.

Wir sind gerettet! — Und die Rettung kam so plötzlich, so unerwartet und auf so seltsame und — schreckliche Weise, daß ich mich bis jetzt nicht erholen kann, obwohlschon zwanzig Stunden verflossen sind seit der Tod, der uns zwei Erdenwochen hindurch begleitete, sich von uns abgewandt und entfernt hat.

Er hat sich entfernt, — aber nicht ohne Beute ... Der Tod entfernt sich niemals ohne Beute. Wenn er aus Mitleid oder aus Zwang denjenigen zu leben erlaubt, die er schon in seinen Krallen hatte, so nimmt er ein Pfand für sie ... wo er es eben findet — ohne Wahl ...

Bei Sonnenaufgang traten wir die Reise an, mehr aus Gewohnheit, als aus irgendeinem wohlüberlegten Grunde. Wir waren sicher, daß wir den Abend dieses langen Tages nicht erleben würden. Wir fuhren schweigend mit diesem Gespenst des Todes, das in unserer Mitte saß und ruhig auf den Augenblick wartete, wo es uns in seine kalte, würgende Umarmung nehmen sollte. Wir fühlten seine Gegenwart, als wenn es ein greif- und sichtbares Wesen wäre — und wir sahen uns erstaunt um, daß wir es nicht tatsächlich bemerkten.

In diesem Augenblick ist das alles nur noch Erinnerung, aber damals war es eine über alle Beschreibung furchtbare Wirklichkeit. Ich kann es nicht begreifen, wie wir in dieser wahnsinnigen Angst über dreihundert Stunden leben konnten! Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß wir in jeder Stunde starben, bei dem Gedanken, daß wir unabwendbar sterben müssen. Denn auf eine Rettung hoffte niemand von uns.

Jetzt kommt mir das alles wie ein wüster, grauenhafter Traum vor und ich muß meine ganze Energie zu Hilfe rufen, um daran zu glauben, daß es Wirklichkeit war.

Ich erinnere mich nicht mehr genau des Weges, den wir zurückgelegt haben.

Eine Stunde schleppte sich nach der anderen dahin; der Wagen fuhr immer gleichmäßig schnell nach Norden — und wir sahen wie im Traume auf die vorüberfliegenden Landschaften. Jetzt fühle ich erst, daß alle Eindrücke in mir in einen zusammengeflossen sind, — in diesen Eindruck des unerbittlichen Todes. Ich kann mich aus diesem Chaos nicht herausfinden. Alles, woran ich mich erinnere, ist furchtbar. Anfangs bewegten wir uns auf der Grenze zwischenPalus PutredinisundMare Imbrium, zu unserer rechten Seite eine bergige und wilde Gegend. Zur Linken, gegen Westen, dehnte sich eine Ebene, die in der Ferne in nicht hohe, wellenförmige Berge überging, sich parallel der Richtung unserer Fahrt erstreckend. Hinter diesen Bergen glänzten die Gipfel desTimocharis, die von den gerade auf sie herabfallenden Sonnenstrahlen beleuchtet waren.

Nur das Grauen blieb mir im Gedächtnis und der sich so seltsam damit verbindende unerhörte Farbenreichtum dieser Landschaft. Die höchsten Spitzen des Kraters waren weiß, aber von ihnen aus erstreckten sich nach unten Streifen und Kreise, die in allen Regenbogenfarben spielten. Ich weiß nicht, wie das zu erklären ist; sollte derTimocharis, ein Ringberg von der Höhe desEratosthenes, einstmals ein tätiger Krater gewesen sein? Sollten diese Farbenstreifen von auf den Kratern ausgeworfenem Feldspat, Trachit, Schwefel, von Lava und Asche herrühren? Ich kann diese Rätsel nicht lösen und damals dachte ich nicht darüber nach. Ich hatte nur den Eindruck von etwas Unwahrscheinlichem — von Märchen und Zauberländern — von Bergen, aus Edelsteinen erbaut ... und starrte auf diese von Topasen, Rubinen, Amethysten und Diamantenbesäten, in der Sonne erglühenden Gipfel. Gleichzeitig schüttelte mich ihre frostige Starrheit. Es war etwas unbarmherzig Grauenhaftes und Unerbittliches in diesem kalten, harten Glitzern des farbigen Gesteins, in diesem grellen, durch nichts gemilderten Schimmern ...

Eine Pracht des Todes wehte von diesen Bergen.

Einige Stunden nach Sonnenaufgang, stets die Gipfel desTimocharisvor uns, fuhren wir in den Schatten des KratersBeer; nachdem wir ihn passiert hatten, weiter, längs dem Fuße des dicht neben ihm liegenden KratersFeuilléeund kamen auf eine unabsehbare Ebene, die sich sechshundert Kilometer vor uns erstreckte, bis zur nördlichen Grenze desMare Imbrium. Nach Norden gewandt, hatten wir die Gipfel desTimocharisfast hinter uns; dafür zeigte sich uns gegen Nordosten an der Grenze des Horizontes der weite, in Schatten gehüllte Wall des Ringes desArchimedes.

Ich hatte plötzlich den Eindruck, daß wir durch ein mächtiges Tor jagen, das gegen die Ebene des Todes weit geöffnet war. Wieder erfaßte mich eine grenzenlose, würgende Angst. Ich wollte den Wagen anhalten, ihn zwischen die hinter uns sich verlierenden Felsen lenken — nur nicht in diese weite Ebene hineinfahren, die wir — ich wußte es — nicht lebendig verlassen würden.

Ich glaube, daß dieses Gefühl nicht nur in mir erwachte; die drei andern sahen ebenfalls mit finsteren Blicken auf diese sich vor uns öffnende Steinwüste.

Woodbell schien, mit gesenktem Haupt und zusammengebissenen Lippen, lange mit den Augen die Strecke der Ebene zu messen, deren Grenzen nicht zu erkennen waren; dann ließ er langsam den Blick über den Zeiger des Manometersgleiten, der an dem letzten Behälter mit verdichteter Luft befestigt war. Der Zeiger in der Kupfertrommel fiel langsam, aber unaufhörlich ...

Da tauchte plötzlich ein furchtbarer Gedanke in mir auf: Die Luft genügt nicht fürvier, aber sie wird füreinenausreichen. Einer würde mit diesem Vorrat bis zu den Gegenden vordringen, wo die Atmosphäre des Mondes dicht genug ist, um, wenn auch durch Gebrauch der Pumpe, atmen zu können.

Dieser widerwärtige, ungeheuerliche Gedanke machte mich schaudern und kaum aufgetaucht, wollte ich ihn verjagen, aber er war stärker als mein Wille und kehrte immer wieder! Ich konnte meine Augen von dem Zeiger des Manometers nicht losreißen, und in den Ohren dröhnte es mir fort und fort: Für vier wird sie nicht ausreichen, aber für einen ...

Endlich warf ich einen Blick auf die Kameraden — heimlich wie ein Dieb und — Entsetzen faßte mich. In ihren unruhig flackernden Augen las ich denselben Gedanken. Wir verstanden uns. Eine Zeitlang herrschte ein dumpfes, bedrückendes Schweigen. Dann rieb sich Tomas die Stirn und sagte ruhig:

— Wenn wir es tun, so muß es schnell geschehen, ehe der Vorrat sich noch verringert ...

Wir wußten, wovon er sprach; Varadol nickte schweigend mit dem Kopf; ich fühlte eine brennende Röte im Gesicht, aber widersprach nicht.

— Sollen wir Lose ziehen? fragte wiederum Tomas, sich anscheinend zu dem Herauswürgen dieser Worte zwingend. Aber — hier stockte seine Stimme, und einen weichen, flehenden Ton annehmend, sagte er: Aber ... ich wollte... euch bitten, daß ... Martha am Leben bleibt ... wie auch ...

Wiederum herrschte ein qualvolles Schweigen. Endlich stammelte Peter:

— Für zwei wird es nicht genügen ...

Tomas warf mit einer stolzen Bewegung den Kopf zurück:

— Also gut, mag es geschehen! Es ist so besser.

Nach diesen Worten nahm er vier Streichhölzer, brach einem den Kopf ab, versteckte sie so in der Hand, daß nur ihre Enden zu sehen waren und hielt sie uns entgegen.

Während dieser ganzen Unterredung stand Martha abseits und hörte kein Wort davon. Erst in dem Augenblick, als wir nach jenen Losen greifen wollten, trat sie zu uns und fragte unvermittelt mit vollständig ruhiger Stimme:

— Was tut ihr?

Und dann zu Tomas:

— Zeige, was du in der Hand hast ...

Und sie nahm diese Streichhölzer, die das Todesurteil für drei von uns sein sollten, damit der vierte leben konnte.

Und das geschah so schnell und unerwartet, daß wir keine Zeit hatten, sie zu hindern. Eine tiefe Röte der Scham überflog unsere Wangen; wir fühlten, daß uns dieses Mädchen bei dem widerwärtigen Verbrechen des Egoismus und der Feigheit ertappte. Wir blickten uns an und fielen uns plötzlich in die Arme, in ein krampfhaftes, lang zurückgehaltenes Weinen ausbrechend.

Von dem Losen war keine Rede mehr. Durch die Reaktion, die ein prinzipielles Recht der menschlichenSeele ist, hatte sich der gegenseitige, durch die Nähe und Unabwendbarkeit des Todes hervorgerufene Haß jetzt in das Gefühl einer herzlichen Zärtlichkeit verwandelt. Es kam etwas seltsam Weiches, Linderndes über uns. Wir setzten uns nahe nebeneinander; Martha schmiegte sich mit dem biegsamen, schlanken Körper an Tomas und wir begannen miteinander zu sprechen, mit leiser Stimme, über eine Unmenge Kleinigkeiten, die uns einst auf der Erde angingen. Jede Erinnerung, jede Einzelheit nahm für uns jetzt eine große Bedeutung an, wir fühlten, daß diese Unterredung der Abschied des Lebens sei.

Und der Wagen sauste unaufhörlich nach Norden, durch die unermeßliche, todbringende Ebene.

Stunden und Erdentage gingen vorüber; der Zeiger des Manometers fiel stetig, aber wir waren ruhig und mit unserm Schicksal ausgesöhnt. Wir sprachen, aßen, tranken sogar, als wenn nichts vorgefallen wäre. Ich fühlte nur ein seltsames Drücken in der Gegend des Herzens und der Gurgel — wie ein Mensch, der einen großen Verlust erlitten hat und sich vergebens ihn zu vergessen bemüht ...

Gegen Mittag befanden wir uns zwischen dem 31. und 32. Parallelkreis. Die Glut, obwohl sie sehr stark war, quälte uns nicht mehr so wie am vorhergehenden Tage, da sich unter diesem Grade die Sonne nur zirka 60° über dem Horizonte erhebt. Die Erde, die seit Mittag in der gleichen Höhe am Himmel steht, war verblaßt, als die strahlenlose Sonnenscheibe, den flammenden Reifen ihrer Atmosphäre berührend, langsam hinter ihr zu versinken begann.

Wir hatten Sonnenfinsternis, die hier gegen zwei Stundendauerte und sich den Erdbewohnern als eine Mondfinsternis darstellte.

Der leuchtende Reifen der Erdatmosphäre wurde in dem Augenblick, als die Sonne ihn berührte, einem Kranze blutigroter Blitze ähnlich, in dessen Mitte ein mächtiger schwarzer Fleck lagerte, — die einzige Stelle am Himmel, auf der keine Sterne leuchteten. Fast eine Stunde brauchte die Sonnenscheibe, um hinter diesem schwarzen Kreis inmitten der flackernden Flammen unterzugehen. Während dieser Zeit wurde der Kranz immer intensiver und breiter. In dem Augenblick als die Sonne verschwand war das Licht bereits so stark, daß man die Linien der Landschaften erkennen konnte, die in einem orangegelb schillernden Feuer auftauchten. Der schwarze Fleck der Erde sah jetzt wie der gähnende Schlund eines seltsamen Brunnens aus, der am sternenbesäten Himmel ausgehöhlt, von einem schmalen, blutigrot flammenden Hof umkränzt war; dieser ging stufenweise in ein rotes, dann orangegelbes Licht über, um sich schließlich am schwarzen Hintergrund in einem schwachen weißen Leuchten zu verlieren. Und hinter diesem Kranze schossen nach Westen und Osten zwei Strahlengarben, zwei Fontänen goldenen Lichtstaubes hervor: es war das Zodiakallicht, das man während der Finsternis sehen konnte, ähnlich wie nach dem Untergang der Sonne.

Die Beleuchtung auf dem Monde gestaltete sich indessen, als wenn Blutströme über die vor uns in Dämmerung gehüllte Wüste ausgegossen würden.

Wir mußten halten, da es unmöglich war, in diesem schwachen rötlichen Licht den Weg zu erkennen. Gleichzeitig mit dem Schatten trat nach Schwinden der Sonne eine empfindliche Kälte ein. Nachdem wir uns eingehüllthatten, schmiegten wir uns aneinander und warteten, daß sich die Sonne wieder zeige. Über uns brannte in unerhörter Pracht der leuchtende Kranz der verschiedenfarbigen Flammen, als plötzlich die Hunde zu bellen begannen, erst leise, dann immer lauter und verzweifelter. Ein eisiger Schauer überflog uns bei diesem Bellen. Wir erinnerten uns der Nacht vor dem Tode O’Tamors, als Selena ebenso bellte, den Tod begrüßend, der in unseren Wagen eintrat. Und wir alle empfanden im Angesicht dieser Erhabenheit am Himmelsdome das ganze, grenzenlose Elend unserer Lage noch furchtbarer; es schien uns, daß diese Feuer dort oben wie zum Hohn über den Häuptern von uns Sterbenden flammten ...

In dem Behälter hatten wir nur noch Luft für ungefähr zwanzig Stunden.

Nach Verlauf von zwei Stunden wurde ein Segment der Sonne auf der westlichen Seite der schwarzen Erdscheibe sichtbar, und die leuchtende Aureole verengerte sich und begann langsam zu erlöschen. Beim Anblick der Sonne überkam mich zunächst ein Gefühl des Erstaunens; ich hatte mich schon so an diese blutig leuchtende Nacht gewöhnt, sie erschien mir als die Verkünderin einer tieferen Nacht, einer ewigen, die uns während der Abwesenheit der Sonne einhüllen sollte, daß der strahlende Tag für mich etwas ganz Unfaßbares war. Und dann plötzlich — ich weiß nicht woher — stieg eine neue Hoffnung in mir auf, als wenn mit dem Erscheinen der Sonne irgendein Wunder uns erretten müsse.

— Wir werden leben! rief ich so plötzlich und mit einer solchen Überzeugung, daß aller Augen fragend — wie gebannt — an meinem Munde hingen.

Da geschah etwas Seltsames. Aus der Kiste, in welcher der jetzt unbrauchbare telegraphische Apparat eingeschlossen war, vernahmen wir ein Pochen. Anfangs wollten wir unseren Ohren nicht trauen, aber das Pochen wurde immer deutlicher. Wir warfen uns auf die Kiste, und nachdem wir sie aufgerissen, zeigte es sich, daß der Apparat wirklich klopfte, als wenn er eine Depesche entgegennehmen wollte. Vergeblich bemühten wir uns, den Sinn der Depesche zu verstehen. Etwas war nicht in Ordnung oder hatte sich verwirrt. Kaum konnten wir einige abgerissene Worte erfassen: Mond ... in einer Stunde ... vom Mittelpunkt der Scheibe ... unter dem Winkel ... möge ...Frankreich... die andern ... und wenn ... der Tod ...

Grenzenloses Staunen erfaßte uns. Varadol sprang an den Apparat und telegraphierte: Wer läßt sich vernehmen?

Wir warteten einen Augenblick — keine Antwort. Peter wiederholte die Frage zwei-, dreimal, aber ohne Erfolg.

Der Apparat verstummte und das Klopfen wiederholte sich nicht mehr.

Eine halbe Stunde der vollständigen Stille ging vorüber; wir begannen schon anzunehmen, daß die ganze Sache auf einer unfaßbaren Täuschung beruhte.

Die Sonne war gerade hinter der Erde aufgestiegen und stand neben ihr am Himmel. Die Glut wurde wieder größer.

Da flog und blitzte etwas in den Sonnenstrahlen an uns vorbei und gleichzeitig erbebte der Boden unter unseren Füßen, wie eine von einer Kanonenkugel getroffene Mauer. Wir schrien vor Entsetzen und Verwunderung auf. An das Fenster stürzend, bemerkten wir eine Masse von metallischemGlanz, die, auf der Oberfläche des Mondes abprallend, vor unseren Augen einen mächtigen Bogen im Raume beschrieb und wiederum aufschlug und zum zweitenmal abprallte, zum drittens, zum viertenmal, in ungeheuren Sprüngen nach Nordosten jagend.

Wir schwiegen und konnten uns diese Erscheinung nicht erklären, bis Peter plötzlich aufschrie:

— Die Brüder Remogner kommen!

Jetzt wurde uns alles klar! Es waren gerade sechs Erdenwochen vergangen, seit wir um Mitternacht auf den Mond herabfielen; die Zeit ist also gekommen, da die zweite Expedition uns folgen sollte. Unser Apparat klopfte unter dem Einfluß der Depesche, die die Brüder Remogner aus der Nähe des Mondes auf die Erde herabsandten. Er ließ sich vielleicht schon früher vernehmen, nur daß uns das Klopfen in der Kiste, in der sich der Apparat befand, nicht auffiel. Ebenso bemerkten die Brüder Remogner anscheinend unsere Depesche nicht, da sie im letzten Augenblick mit der Vorbereitung zum Fall beschäftigt waren.

Diese Gedanken schossen mir wie ein Blitz durch den Kopf, während wir in fliegender Eile unseren Motor in Bewegung setzten. In einigen Augenblicken sausten wir schon mit der ganzen Kraft in der Richtung, in der das Projektil unseren Blicken entschwunden war und alle fühlten und dachten wir in diesem Augenblick nur das eine: Die Brüder Remogner führen Luft mit sich!

In nicht ganz einer halben Stunde waren wir an der Stelle, an der das Projektil nach einigem Abprallen herabgefallen war. Ein entsetzlicher Anblick bot sich unserenAugen: Inmitten der zerstreuten Trümmer des zerschmetterten Projektils lagen zwei blutige, zermalmte Leichen.

Zitternd vor Aufregung legten wir die Luftbehälter an und nachdem wir sie mit dem Reste unseres Vorrates gefüllt hatten, gingen wir aus dem Wagen. Unsere Erschütterung, unser Beben wurde — wozu es verheimlichen! — weniger durch den furchtbaren Tod der Freunde, als vielmehr durch die Angst hervorgerufen, daß ihre Luftbehälter bei der Katastrophe beschädigt worden sein könnten.

Zwei waren in der Tat zerplatzt und lagen leer inmitten der zertrümmerten Metallplatten, aber vier von ihnen blieben unversehrt.

Wir waren gerettet!

Ein Freudentaumel erfaßte uns, der wenig im Einklang stand mit dem Entsetzlichen, das uns umgab und dennoch — wir waren dreihundertfünfzig endlose Stunden dahingestorben und erfuhren in diesem Augenblick, daß wir leben werden!

Nachdem wir uns bezüglich unseres Schicksals versichert hatten, konnten wir erst über das furchtbare Los, das die Brüder Remogner getroffen, nachdenken. Was uns errettete, ward die Ursache ihres Todes! Ein reiner Zufall — eine Ungenauigkeit in der Berechnung, ließ sie hier vor uns niederfallen, statt auf dem Mittelpunkt der Mondscheibe, die in diesem Augenblick gegen tausend Kilometer von uns entfernt ist. Dieser Zufall, der uns mit Luftvorräten versorgte, hat sie getötet. Sie fielen, in dieser Gegend herabkommend, nicht senkrecht auf die Mondoberfläche, sondern im Winkel. Das Projektil schlug daher mit der Seite auf den Boden, wo es nicht durch ein Stahlgerüst geschützt war und einige Male abprallend,mußte es endlich zerschmettern. Wir schauderten bei dem Gedanken, daß uns dasselbe hätte widerfahren können ...

Nachdem wir die Leichen sorgfältig zwischen den Steinen begraben hatten, machten wir uns an ihren Nachlaß. Wir haben alles aus den Trümmern hervorgesucht, was uns irgendwie von Nutzen sein konnte; vor allem die kostbaren Behälter mit verdichteter Luft, die wir in unseren Wagen hinübertrugen, wie auch die Nahrungsmittel, Wasservorräte und einige weniger beschädigte Instrumente. Mit klopfendem Herzen suchten wir nach ihrem telegraphischen Apparat, in der Hoffnung, daß er vielleicht stark genug sein würde, uns mit den Erdbewohnern in Verbindung zu setzen. Diese Hoffnung erwies sich jedoch als trügerisch. Der Apparat wurde bei der Katastrophe beschädigt. Dasselbe war mit der Mehrzahl der astronomischen Instrumente der Fall. Den Motor des Wagens nahmen wir mit, obwohl er stark gelitten hat.

Welch unbeschreibliches Glück für uns, daß gerade die kupfernen Luftbehälter diesem entsetzlichen Anprall getrotzt haben.

Nachdem wir den Nachlaß der bedauernswerten Brüder Remogner an uns genommen hatten, traten wir unverzüglich die Weiterreise nach Norden an, da die Glut, die durch die Kühle während der Sonnenfinsternis unterbrochen wurde, wieder stärker einsetzte und wir irgendeine Erhebung finden mußten, die uns Schatten gewährte.

Hier erst, zwischen den Kraternc—d, blieben wir stehen.

Diese steilen Kegel, die sich am Fuße fast berühren, sind zweifellos vulkanischer Herkunft. Die ganze mit Schwefel bedeckte Gegend färbt sich gelb in dem blendenden Sonnenglanz. Tiefe Bergrinnen, mit denen die Abhänge derKrater von oben bis unten bedeckt sind, geben uns einen vorzüglichen Schutz vor der brennenden Glut.

Wir sind gerettet und dennoch verläßt uns die tiefe Niedergeschlagenheit keinen Augenblick. Immer und immer habe ich die furchtbar verstümmelten Leichen der Remogners vor Augen; wir sind in keiner Weise schuld an ihrem Tode und trotzdem empfinde ich es wie einen Vorwurf, daß wir durch ihn gerettet wurden ...

Ich bin erschöpft von all dem, was wir durchgemacht haben, erschöpft von dem langen Schreiben. Ich muß mich hinlegen und ein wenig ausruhen vor der weiteren Fahrt. Die Mühen und wahrscheinlich auch die Gefahren sind wohl noch lange nicht für uns vorbei.

In diesem Moment fällt mein Blick auf Selena, die munter mit ihren Jungen spielt; sie sind im Lauf dieser paar Wochen sehr gewachsen ... Merkwürdig, als uns der Tod durch Luftmangel drohte, waren wir eine Zeitlang bereit, das Leben dreier von uns zur Rettung des vierten zu opfern und keinem kam es in den Sinn die Hunde zu töten, die doch ebenfalls viel Luft verbrauchten, und auf diese Weise die Spanne Zeit zu verlängern, die uns — wie wir glaubten — zum Leben übrig blieb! Wie entsetzlich, wenn wir wirklich einen von uns geopfert hätten und dabei die Hunde verschonten, nur weil niemand an sie dachte!

Die Gefahr ist zunächst vorüber, und es ist gut, daß die Hunde leben. Sie erinnern uns in ihrer Schlichtheit mehr an die Erde, als wir sie uns gegenseitig in Erinnerung bringen können. Mit Rührung blicke ich auf diese Tiere ... Wir sind so einsam und so furchtbar von der Erde losgerissen. Zwei Menschen hat sie uns nachgesandt,aber wir sahen nur noch ihre Leichen. Wir hatten die Hoffnung, durch die Ankunft der Brüder Remogner Kameraden zu erhalten und gleichzeitig ein Mittel, uns mit der Erde zu verständigen; statt dessen haben sie uns zwar das Leben gerettet — aber wir sind dafür zur ewigen Vereinsamung verurteilt.


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