Chapter 4

Auf Mare Imbrium, 9° westlicher Länge, 37° nördlicher Mondbreite. Zweiter Tag, einhundertzweiundfünfzig Stunden nach Mittag.

Auf Mare Imbrium, 9° westlicher Länge, 37° nördlicher Mondbreite. Zweiter Tag, einhundertzweiundfünfzig Stunden nach Mittag.

Seit ungefähr hundert Stunden, das heißt fast vier Erdentage, schleppen wir uns durch die Ebene, die kein Ende zu haben scheint! Soweit das Auge reicht — nichts — keine Erhebung, kein Gipfel, keine Unterbrechung, auf der der Blick ausruhen könnte. Eine entsetzliche Gleichmäßigkeit der Landschaft bedrückt und erschöpft uns. Ich machte einmal auf der Erde eine Reise durch die Sahara; aber die Sahara erscheint mir als ein buntes Märchenland, gegenüber dieser trostlosen Öde, die uns hier umgibt! Auf der Sahara begegnet man Felsenketten, wellenförmigen Sanderhebungen, hinter denen sich oft grüne Kronen der Palmen zeigen, die auf üppigen Oasen wachsen; über der Sahara wölbt sich ein blauer Himmel, der sich abwechselnd silbern färbt, dann im Mittagsglanz leuchtet, durch die Abendröte schillert oder sich mit einem sternenbesäten Schleier überzieht. Durch die Sahara wehen Stürme und dieses Sandmeer aufwühlend, zeugen sie mit ihrer Bewegung vom Leben; hier ist nichts von alledem. Ein felsiger, in Furchen gepflügter Boden, auf der Oberfläche von der Sonnenglut ausgetrocknet, immer dasselbe grauenhaft bleierneEinerlei! Wie dieser Himmel da oben, der in weit über dreihundert Stunden sich fast nicht verändert hat! Wo seid ihr — Wind — Wasser — Leben — Himmelsblau und grüne Triften? ...

Alles das erscheint uns wie ein wunderschönes Märchen, das man einst gehört und durchlebt hat, in der Jugendzeit — lang, lang ist’s her — ach, sehr lange ...

Nach der Zeitrechnung der Erde sind wir noch nicht ganz zwei Monate auf dem Mond, aber uns scheint es, daß schon ein Menschenalter verflossen ist, seit wir die Heimat verlassen haben. Wir gewöhnen uns langsam an die neuen Lebensbedingungen; wir wundern uns nicht mehr über das, was uns umgibt, wir wundern uns vielmehr über die Erinnerungen, die uns sagen, daß dort auf jener hellen Kugel, die von Sternen umgeben am schwarzen Himmel in einer Entfernung von Hunderttausenden von Kilometern über uns hängt, das selige Land ist, wo wir geboren und aufgewachsen sind, das so verschieden ist von diesem — und so schön — so zauberhaft schön! ...

Oh! Die Menschen können die Schönheit der Erde nicht schätzen! Wenn sie hierher gelangten, würden sie sie lieben, wie wir sie jetzt lieben, sie, die ewig Verlorene! Und sie würden von ihr träumen — so wie wir — in Fieberphantasien, in unruhigen, schmerzlichen, bangen Fieberträumen, voll von quälender Sehnsucht ... Ach, wie diese Träume erschöpfen! Ich wache nach einigen Stunden auf und sehe, daß die Sonne am Himmel steht, fast an derselben Stelle, an der sie stand, ehe ich eingeschlafen war, daß unser Wagen, trotz der unaufhörlichen Fahrt, immer noch auf derselben Wüste ist, immer gleich weit vom Horizonte entfernt und beginne fast zu glauben, daßes keine Zeit mehr gibt und keinen Raum, sondern nur noch Raumlosigkeit und Ewigkeit!

Um uns zu zerstreuen und in dieser Wüste nicht wahnsinnig zu werden, erzählen wir uns lange, manchmal ganz kindische Geschichten oder lesen die von der Erde mitgebrachten Bücher. Wir haben einige naturwissenschaftliche Werke, eine ausführliche Geschichte der Zivilisation, einige der besten Dichter und die Bibel. Die Bibel lesen wir vor allem sehr oft. Gewöhnlich liest Woodbell mit wohlklingender, deutlicher Stimme Teile aus der Genesis oder die Evangelien vor ...

Wir hören zu, wie Gott die Erde erschaffen hat für den Menschen, damit er auf ihr wandle und den Mond, damit die Erde ihr nächtliches Licht habe; wie er die Nacht dem Tage folgen hieß, wie er Adam aus dem blühenden Paradies in ein wüstes, unfruchtbares Land hinaustrieb. Wir hören, wie der Heiland auf die Welt gesendet wurde, das Menschengeschlecht zu erlösen. Wie er mit einer treuen Schar über die wonnigen Wiesen und grünen Hügel von Galiläa dahinging, wie er litt und starb; wir hören all dem zu — auf die Erde blickend, die einer silbernen Sichel am schwarzen Samt des Himmels gleicht und fahren durch die wüsten, entsetzlichen Weiten unter dieser Sonne dahin, die, sich träge fortschleppend, vergißt, uns Tage und Stunden anzugeben.

Martha versinkt mit ihrer ganzen Seele in diese Erzählungen und wenn Tomas zu lesen aufhört, stellt sie ihm verschiedene, oft seltsame Fragen. Alles bezieht sich auf unsere gegenwärtige Lage ... Vor kurzem sagte sie zu Tomas: „Wir sind beide hier wie Adam und Eva.“ In der Tat, sie sind hier das erste Menschenpaar, von derErde in die Wüste hinausgetrieben, wie einstmals jene aus dem Paradies Hinausgetriebenen. Aber ich und Peter — was sind wir? Es ist etwas Unmenschliches in unserem gegenwärtigen Dasein: Tomas und Martha haben allein in sich die Berechtigung ihres Seins, aber wir — wozu leben wir?

Ich erinnere mich, was wir auf der Erde gesagt haben, als wir uns zu dieser Reise rüsteten: Wir begeben uns dorthin derErkenntniswegen! Jetzt sehe ich, daß die Erkenntnis allein den Menschen nicht befriedigt, wenn es keine Möglichkeit gibt, sie anderen mitzuteilen! Wir sehen Wunder, wie sie seit Erschaffung der Welt noch kein Mensch gesehen hat und bemerken staunend, daß uns das ziemlich gleichgültig ist — eben weil wir niemandem sagen können, was wir sehen! Aus diesem Grunde auch — unwillkürlich — untersuchen wir viele Dinge nicht, die wir untersuchen könnten und müßten ... Ach, wenn wir ein Mittel zur Verständigung mit der Erde hätten! Ohne diese ist unser Leben ziellos. Glücklicher Tomas und glückliche Martha! Sie leben, weil einer für den anderen lebt!

Ein Fieber schüttelt mich, wenn ich auf sie sehe, wenn ich an sie denke. Über dreißig Jahre habe ich auf der Erde gelebt; ich gehörte zu den — Wahnsinnigen, — heute kann ich es nicht anders bezeichnen, — für die nur eine Liebe existiert: das Wissen — und nur ein Trachten: nach Wahrheit. Jetzt beginne ich, sehnsüchtig nach diesem großen Geheimnis des Lebens zu forschen, das das Weib in sich birgt und nach dem heiligen Irrsinn, in dem sich jenes Geheimnis offenbart — nach der Liebe ...

Ha! Ha! Wie lächerlich sieht dieser Satz — hierniedergeschrieben — aus! Ich bin allein und werde allein sein bis zum Tode, der mich überfallen und gleichzeitig mit dieser unverbrauchten Kraft, die Leben zeugt, verschlingen wird, zugleich mit diesem unverbrauchten Wissen, das wie ein Quell zwischen starren, unfruchtbaren Felsen quillt ...

Martha ... Ich weiß nicht, warum ich diesen Namen aufgeschrieben habe. Was geht mich diese halbwilde Malabarin an, die auf diese Hunderttausende von Kilometern von der Erde entfernte Welt nicht die erhabene Begierde des Forschens, nicht das Verlangen, tiefste Geheimnisse zu enträtseln, getrieben hat, sondern die banale, alltägliche, alberne Liebe zum Manne? Nein, sie geht mich nichts an und dennoch denke ich unaufhörlich an sie, hartnäckig, fast schmerzhaft. Wir sind hier drei Männer, kräftig und klug, und dennoch haben nicht wir den Menschen auf diese Welt gebracht, sondern sie, dieses unverständige, schmächtige Weib. Von uns hat nur derjenige einen Wert, den sie ausgewählt hat ...

Wir zwei sind nichts und dienen in der Tat nur den zwei andern mit unserm Gehirn — wie Arbeitstiere mit ihren Muskeln.

Eigentlich ist das ungerecht. Warum er, warum nur er, warum gerade er? ...

Martha sagte auf der Erde, als sie uns bat, sie mit auf den Mond zu nehmen: „Ich werde eure Sklavin sein.“ Und in Wirklichkeit sind wir ihre Sklaven, obwohl sie uns niemals etwas befiehlt, noch wir uns bemühen, ihr zu dienen. Wir sind durch den so ungeheuer einfachen Umstand ihre Sklaven, daß wir unwillkürlich, — obwohl auf verschiedene Weise, dem Zwecke dienen, densie allein verwirklichen kann: hier eine neue Menschheit zu schaffen.

Wohin nur tragen mich diese Gedanken! Kaum ist das Gespenst des Todes vor meinen Augen entschwunden, so träume ich schon mit der alten Gewohnheit von der Zukunft, die sich vielleicht niemals erfüllen wird. Menschheit, neue Menschheit! Und rings um uns nur lebloses, totes Land, ohne Wasser und Luft! Der Mond hat uns noch nichts gegeben; wir leben bisher von diesen winzigen Erdenteilchen, die wir mit uns genommen haben. Wir fanden bis jetzt nichts, was uns zu der Annahme berechtigt, hier leben zu können! Wir haben schon Hunderte von Kilometern zurückgelegt, ohne eine Veränderung in der Gestalt der Grundoberfläche zu bemerken, noch in der Dichte der Atmosphäre. Die Luft bleibt hier immer so dünn, daß sie die Sterne am Tage nicht zu verblassen vermag, noch das schwarze Kolorit des Himmels blau zu färben; auf dem felsigen Boden finden sich nirgends Spuren, daß einstmals Wasser war und wirkte.

Und dennoch verlieren wir die Zuversicht nicht. Fast alle unsere Unterhaltungen beginnen mit den hoffnungsvollen Worten: Und wenn wir erst auf deranderenSeite sein werden ... Wie wird dieandereSeite aussehen? Wir wissen heute davon nicht mehr als in dem Augenblick, da wir diese Reise von der Erde antraten, das heißt: wir wissen absolut nichts.

Unter den Drei Köpfen, 7° 40’ westlicher Länge, 43° 6’ nördlicher Mondbreite. Vor Mitternacht des zweiten Tages.

Unter den Drei Köpfen, 7° 40’ westlicher Länge, 43° 6’ nördlicher Mondbreite. Vor Mitternacht des zweiten Tages.

Wir befinden uns am Fuße des Berges, der sich im nördlichen Teil desMare Imbriumerhebt und von allen bisher unterwegs angetroffenen Formationen unterscheidet. Das Licht der Erde, die hier nur einige vierzig Fuß über dem Horizonte steht, fällt schräg auf die Felsen, die einer mächtigen gotischen Kirche oder einem Märchenschloß für Riesen ähnlich sind.

Der nächtliche Glanz ist hier bedeutend schwächer als dort, wo die Erde im Zenite über uns leuchtete; man sieht jedoch bei seinem Scheine noch die allgemeinen Linien. Der erste Berg, der nicht die Gestalt eines Ringkraters hat. Nur noch die Reste der Steinmassen sind vorhanden, der Ring selbst muß durch einen furchtbaren Kataklysmus der Natur zerstört worden sein, oder auch durch das langsame Wirken des Wassers.

Wir sagen schon: „durch das Wirken des Wassers“, und obwohl das nur eine Vermutung ist, überläuft uns ein Freudenschauer, als wenn es Wahrheit wäre ... Denn wenn hier Wasserwar, so kann man annehmen, daß dort auf der „anderen Seite“ Wasserist, und wenn dort Wasser ist, so muß auch Luft in genügender Dichte vorhanden sein, um atmen zu können. Trotz des Frostes, der uns, obwohl bedeutend schwächer als in der vorhergehenden Nacht, empfindlich quält, gingen wir für kurze Zeit aus dem Wagen und erforschten beim schrägen Licht der Erde, die Gegend, um Spuren zu finden, die unsere Annahme bestätigen. Etwas Sicheres wissen wir noch nicht, aber es ist zweifellos, daß andere Ursachenbei der Entstehung dieses Berges gewirkt haben, als bei den bisher angetroffenen ringartigen Erhebungen. Dicht vor uns steigt eine fast senkrechte Wand empor mit drei mächtigen Gipfeln, gewissermaßen ein Stück Zyklopenmauer mit drei in ihr eingeschlossenen Basteien. Wir bezeichnen sie mitDrei Köpfe. Die Mauer erstreckt sich in nordöstlicher Richtung und ist uns mit der schwarzen, nichtbeleuchteten Seite zugewandt. Nur die Gipfel färben sich weiß, an den der Erde zugekehrten Flächen und sehen wie drei silberne Helme auf schwarzen Köpfen aus. Der ganze Berg ist vom Hintergrund des Himmels nur insofern verschieden, daß auf seinem Schwarz keine Sterne leuchten, mit denen der Himmel übersät ist. Seine Form erscheint uns ungefähr wie auf der Erde nachts eine schwarze Wolke am schwarzen, aber sternenhellen Himmel.

Wir sind in vollständiges Dunkel gehüllt, da der Berg uns die Erde verdeckt. Den Weg vor uns erhellen wir mit elektrischen Laternen. Das erschwert die Fahrt ungemein. Jede Erhebung wirft hier schon einen langen Schatten und wir müssen uns mit der größten Vorsicht vorwärts bewegen, um nicht in einer Unebenmäßigkeit oder Zerklüftung des Bodens stecken zu bleiben, die wir hier immer häufiger antreffen. Ich glaube, wir werden vor Sonnenaufgang nicht viel Weges zurücklegen können, vor allem, weil der Frost, der gegen Ende der Nacht stärker wird, uns wahrscheinlich zum längeren Aufenthalt an einer geschützten Stelle zwingen dürfte. Wir möchten vorher wenigstens bis zum GipfelPicovordringen, der nach der Karte gegen siebzig Kilometer nach Norden von uns entfernt ist, weil wir schon aus Erfahrung wissen, daß es in der Nähe der Berge bedeutend wärmer ist als aufder Ebene. Wir erklären uns diese Erscheinung durch den vulkanischen Charakter der meisten; es müssen wohl unterirdische Adern eines inneren Feuers vorhanden sein.

Nach kurzem Aufenthalt, der durch die Notwendigkeit den Motor zu versorgen hervorgerufen wurde, fahren wir weiter. Ich muß das Schreiben unterbrechen, da es während der Bewegung unmöglich ist, auch nur daran zu denken. Des ungleichen Grundes und der Schatten wegen, die das Licht der zum Horizont geneigten Erde wirft, müssen wir alle auf dem Posten sein. Mit dem Schlaf richten wir uns jetzt so ein, daß immer nur einer schläft und die drei anderen wachen, um die Fahrt nicht aufzuhalten. In diesem Augenblick schläft Martha. Ich höre ihr gleichmäßiges, ruhiges Atmen, ich sehe bei dem gedämpften Schein der Laterne ihr Gesicht, das aus einer Fülle von Pelzen hervorschimmert. Ihre Lippen sind ein wenig geöffnet, wie zum Lächeln oder Küssen ... Wovon träumt sie wohl? ... Ach, Unsinn! — Wir fahren weiter.

Dritter Tag, dreißig Stunden nach Mitternacht, auf Mare Imbrium, 9° 14’ westlicher Länge, 43° 58’ nördlicher Mondbreite.

Dritter Tag, dreißig Stunden nach Mitternacht, auf Mare Imbrium, 9° 14’ westlicher Länge, 43° 58’ nördlicher Mondbreite.

Seltsam, seltsam ist das, was ich sehe ...

Ungefähr um Mitternacht setzten wir unsere Fahrt von denDrei Köpfenaus fort. Der Weg war außerordentlich beschwerlich, vor allem, weil wir jeden Augenblick in den Schatten kleiner Bodenerhebungen gerieten. Mehrere Male im Verlauf einer Stunde mußten wir anhalten und mit Hilfe des elektrischen Lichts das Terrain erforschen oder auch Messungen vornehmen bezüglich des Höhenstandes der Sterne, die jetzt der einzige Wegweiser für uns sind.Es ist unmöglich, etwas zu erkennen, mit Ausnahme der allgemeinen Linien. Und dennoch ... Vielleicht gerade deswegen ...

Im Verlauf von dreißig Stunden haben wir kaum etwas mehr als vierzig Kilometer zurückgelegt. Endlich gelangten wir zu einem eigenartigen grauen, einer Sandbank gleichenden Streifen. Er zieht sich auf der Strecke nach Nordwesten in einem leicht gekrümmten Bogen und hebt sich mit seiner helleren Farbe von dem dunklen Untergrund der Steinwüste ab. Soweit ich beim Licht der Erde sehen kann, endet er bei einer sonderbaren Felsengruppe, die von weitem einer phantastischen Burg oder einer Stadt ähnlich sieht. Einer Stadt? ...

Wir fahren weiter, längs diesem Streifen, der einen bedeutend gleichmäßigeren Weg für uns darstellt, als die mit Steinen übersäte Wüste und nicht zu sehr von der gesteckten Richtung abbiegt. Wir kommen ziemlich schnell vorwärts und jene von ferne gesehene Felsengruppe tritt immer deutlicher hervor. Jetzt kann man schon die einzelnen Teile erkennen, die durch ihre sonderbare Formation die Täuschung von Turmruinen und Gebäuden hervorrufen. Ich weiß nicht, was ich von alledem denken soll. Ich bemühe mich, darüber klar zu werden ... wahrhaftig, es ist zu seltsam! Eine fast abergläubische Furcht überkommt mich ... Sollte das ...

Dritter Tag, sechsunddreißig Stunden auf Mare Imbrium.

Dritter Tag, sechsunddreißig Stunden auf Mare Imbrium.

Barmherziger Himmel! Wenn wir Tomas verlieren ... Er war durch das erste Fieber schon so erschöpft und nun abermals ... O Gott, rette ihn, denn wir werden sonst ... diese Totenstadt ...

Neunundfünfzig Stunden nach Mitternacht auf Mare Imbrium am Pico, 9° 12 ’westlicher Länge, 45° 27’ nördlicher Mondbreite.

Neunundfünfzig Stunden nach Mitternacht auf Mare Imbrium am Pico, 9° 12 ’westlicher Länge, 45° 27’ nördlicher Mondbreite.

Ich sammle meine Gedanken. Ich muß sie endlich niederschreiben.

Ich erinnere mich — als ich gerade die letzten Notizen beendet hatte, blickte ich auf die phantastischen Ruinen oder Felsengruppen und rief unwillkürlich:

— Das sieht doch wirklich wie eine Stadt aus!

Tomas, der die ganze Zeit hindurch am Fenster stand und mit steigendem Interesse die näherkommenden Felsen beobachtete, wandte sich auf meine Worte schnell zu mir. In seinen Zügen malte sich eine starke Erregung.

— Ich glaube, du hast recht, sagte er ernst, mit leicht vibrierender Stimme. Das kann in der Tat eine Stadt sein ...

— Was!?

Wir stürzten alle ans Fenster, nach den Fernrohren greifend. Sogar Peter verließ das Steuer, nachdem er den Wagen angehalten hatte, um die seltsame Erscheinung zu beobachten. Tomas streckte die Hand aus ...

— Seht, seht, sagte er, dort nach rechts. Das sind doch Trümmer eines Steintores. Man sieht die beiden Säulen und oben hält sich noch das Stück eines Bogens ... Oder hier, — ist das nicht ein Turm, zur Hälfte zerfallen? Und dort, seht nur, ein mächtiges Gebäude, mit einer niedrigen Säulenreihe vorn und zwei stumpfen Pyramiden zur Seite. Ich bin überzeugt, daß diese scheinbare Klamm, die stellenweise mit Steinen übersät ist, eine Straße war ... Jetzt ist alles zertrümmert und starr ... Eine Totenstadt.

Ich kann das Gefühl nicht beschreiben, das sich meiner bemächtigte.

Je länger ich hinsah, desto geneigter war ich, zu glauben, daß Tomas recht hatte. Vor meinen Augen wuchsen immer neue Türme, Bogen und Säulen, Teile eingefallener Mauern und steinübersäte Straßen. Das Licht der Erde färbte diese phantastischen Ruinen in zarten Silberton; aus einem schwarzen See sprangen geheimnisvolle Schatten empor — wie Geistererscheinungen. Ein kalter Schauer durchlief mich. Ein Mond-Pompeji und Herculanum, nur nicht aus dem Sande herausgegraben, sondern im Sande zerfallen, furchtbarer, mächtiger, viel mehr Tod in dieser ungeheuren Einsamkeit und in diesem seltsamen Lichte.

Varadol zuckte die Achseln und murmelte:

— Ja, das ist wahrhaftig Trümmern verteufelt ähnlich ... diese Felsen ... Aber hier war doch niemals ein lebendes Wesen.

— Wer weiß, antwortete Tomas. Heute hat diese Seite des Mondes weder Luft noch Wasser, aber sie konnte beides haben, einst, vor Jahrtausenden, als sich der Mondglobus noch schneller drehte und die Erde auf- und unterging an seinem Himmel ...

— Das ist möglich, flüsterte ich in tiefem Nachdenken.

— Wir haben an keiner Stelle Spuren von Erosionen angetroffen und das beweist, daß hier niemals Wasser war, was wiederum für das Fehlen der Luft, also auch des Lebens zeugt, entgegnete Peter.

Woodbell lächelte und wies auf den Boden unter unserem Wagen:

— Und dieser Sand? Und die „Drei Köpfe“, andenen wir vor kurzem vorbeigekommen sind? Sie sahen doch aus wie der Rest eines Berges, der vom Wasser abgespült ist. Man kann nicht behaupten, daß es hier niemals Wasser gegeben hat. Vielleicht wurde nur durch das Wirken der Kälte und Sonnenglut alles verwischt und vernichtet ...

Eine Zeitlang schwiegen wir alle; dann sagte Woodbell plötzlich:

— Ich glaube, daß wir das interessanteste Rätsel vor uns haben, dem wir überhaupt auf dem Monde begegnen konnten. Man muß es lösen.

— Wie meinst du das? fragte ich.

— Nun, wir werden an diese Trümmer heranfahren und sie untersuchen ...

Ich weiß nicht weshalb, aber ein Frösteln durchlief mich bei diesen Worten; es war keine Angst, aber etwas, das ihr sehr ähnlich ist. Diese Trümmer der — Gebäude oder der Felsen sahen wie Leichen aus in dieser unermeßlichen Wüste.

Peter zuckte unwillig die Achseln:

— Eine hirnverbrannte Idee! Schade um die Zeit, diese Felsmassen zu besichtigen, die beim Licht der Erde allerdings mit Gebäuden etwas Ähnlichkeit haben, aber auch nichts mehr.

Trotzdem lenkten wir den Wagen den Ruinen zu. Martha betrachtete sie mit Spannung und gleichzeitig mit einer sichtlichen Unruhe.

— Und wenn diese Stadt der Toten durch Tote erbaut, flüsterte sie, als uns schon kaum mehr zwei Kilometer von den Arkaden trennten, die den Eingang zu dieser sonderbaren Stadt bildeten.

— Eine Stadt der Toten ... sicherlich ... sagte Tomas lächelnd, aber glaube mir, daß sie einst von Lebenden erbaut werden mußte.

— Oder durch Naturkräfte, warf Peter ein, und in diesem Augenblick blieb der Wagen mit einem heftigen Ruck stehen.

Wir stürzten zum Motor, zu sehen, was vorgefallen. Die Sandbank hatte gerade ihr Ende erreicht, und vor uns lag ein Feld, so übersät mit großen Steinen, daß keine Rede von einem Durchdringen mit dem Wagen sein konnte. Als Tomas dies bemerkte, zögerte er einen Augenblick und sagte dann:

— Ich werde zu Fuß hingehen!

Wir wollten ihn alle zurückhalten, ohne uns klar darüber zu sein, weshalb. Vielleicht war es ein Vorgefühl dessen, was geschehen sollte!

Er blieb jedoch bei seinem Entschluß. Peter fluchte unter dem Schnurrbart hervor und meinte, daß man ein kompletter Idiot sein müsse, die Zeit zu verlieren und sich durch das Verlassen des Wagens der furchtbaren Kälte auszusetzen, nur eines Hirngespinstes wegen. Ich erklärte mich bereit, Tomas zu begleiten, aber als er sagte, daß er allein gehen wolle, drängte ich nicht weiter. Ich weiß noch immer nicht, was mich eigentlich zurückgehalten hat, die Angst vor der Kälte oder auch dieses unerklärliche Gefühl der Furcht beim Anblick dieser toten Stadt. Genug, ich blieb im Wagen ...

Als Tomas uns verlassen, wandte er sich direkt den geheimnisvollen Trümmern zu. Wir standen am Fenster und sahen ihn im Schein der Erde klar und deutlich vor uns. Er ging langsam vorwärts, sich oft bückend, wahrscheinlichum den Boden zu untersuchen. Für einen Augenblick verschwand er im Schatten eines kleinen Felsens, dann sahen wir ihn wieder, schon bedeutend weiter. Plötzlich geschah etwas Merkwürdiges. Woodbell, der vielleicht schon den dritten Teil des Weges zurückgelegt hatte, reckte sich in die Höhe, stand wie erstarrt und begann dann in wahnsinnigen Sprüngen zum Wagen zurückzulaufen.

Wir sahen seine Bewegungen und konnten sie uns nicht erklären. Da, einige Schritte bevor er den Wagen erreicht hatte, wankte er und fiel. Als wir bemerkten, daß er nicht wieder aufstand, wollten wir ihm zu Hilfe eilen, aber ehe wir hinaus konnten, verging eine geraume Zeit, da wir erst die Luftbehälter anlegen mußten. Dann stürzten wir zu ihm; er lag bewußtlos am Boden. Wir hoben ihn auf und trugen ihn in den Wagen.

Nachdem wir ihm den Luftbehälter heruntergerissen hatten, bot sich uns ein entsetzlicher Anblick dar. Das Gesicht war geschwollen und bläulich, ganz von Blut überströmt, das ihm aus Mund und Nase hervorquoll; an den Armen und am Halse waren ebenfalls dicke Blutstropfen sichtbar, obwohl wir nirgends eine Wunde entdecken konnten.

Martha schrie verzweifelt auf und wollte sich über den Geliebten stürzen. Nur mit Gewalt konnte Varadol sie zurückhalten. Ich begann indessen mit den Wiederbelebungsversuchen. Anfangs dachten wir, daß er einen apoplektischen Anfall bekommen habe, als jedoch Peter den Luftbehälter untersuchte, zeigte sich der wahre Grund der Ohnmacht. Das Glas in der Maske war zerschlagen, was wir nicht sofort wahrgenommen hatten. Anscheinend zerbrach es, als Tomas stolperte und fiel und infolgedessen war die Luftaus dem Behälter entwichen. Ehe wir ihm zu Hilfe kamen, hatte sich der Luftbehälter fast gänzlich entleert, was den Blutsturz und die Ohnmacht verursachte; aber aus welcher Veranlassung er so gelaufen war, blieb uns allen zunächst ein Rätsel.

Endlich nach langer Zeit gelang es uns, ihn zum Bewußtsein zu bringen. Das erste Zeichen des wiederkehrenden Lebens war ein tiefer, krampfartiger Atemzug, worauf ihm abermals das Blut aus dem Munde herausschoß. Dann öffnete er die Augen und sah uns mit irren Blicken an; er begriff scheinbar nicht, was mit ihm vorgegangen war. Plötzlich schrie er entsetzt auf und streckte die Hände aus, als wenn er etwas von sich stoßen wollte, dann wurde er von neuem ohnmächtig. Wir versuchten zum zweitenmal, ihn wieder zu sich zu bringen, aber vergebens: Er fiel in ein Fieber, das die Vorbotin einer längeren Krankheit war.

Nachdem wir Tomas aufs sorgfältigste gebettet hatten, fuhren wir weiter. An die phantastischen Berge und die geheimnisvolle Stadt dachte niemand mehr! Wir hatten nach diesem entsetzlichen Vorfall nur die eine Sorge, so schnell wie nur möglich aus dieser grauenvollen Gegend herauszukommen.

In zwanzig Stunden sind wir endlich bis zu den Abhängen desPicovorgedrungen, wo wir augenblicklich rasten. Wir werden bis zum Morgen hier bleiben.

Der Zustand Woodbells ist sehr besorgniserregend. Der Blutsturz hat sich zwar nicht wiederholt, aber das Fieber wird immer heftiger. Manchmal springt er auf, als wenn er fliehen wollte, phantasiert und stößt unverständliche Worte hervor; oft glauben wir, die Namen der unglücklichenBrüder Remogner herauszuhören. Solchen Anfällen folgt meist eine vollständige Erschlaffung. Er sieht dann leichenblaß aus, als wenn in seinem ganzen Körper nicht ein Blutstropfen mehr vorhanden wäre.

Wir sind durch das alles im höchsten Grade beunruhigt. Martha verliert vor Verzweiflung und Angst fast den Verstand. Aber sie versucht immer wieder, sich zu beherrschen, weil der Kranke so dringend ihrer Pflege bedarf. Wir trösten sie so gut wir können und verheimlichen ihr unsere eigenen Befürchtungen.

Hinter diesem ganzen grauenhaften Vorfall steckt irgendein Rätsel. Ich begreife noch immer nicht, was Tomas zu jener wahnsinnigen Flucht veranlassen konnte, die schließlich die Ursache seines Unglücks geworden ist. Denn es ist sicher, daß sich die Glasmaske erst bei seinem Fall zerschlagen hat. Wenn ich nur damals auf den Gedanken gekommen wäre, den von ihm zurückgelegten Weg zu erforschen, vielleicht hätte uns das etwas Klarheit gebracht ... Denn es muß dort etwas Unerhörtes geschehen sein! Wenn ein Mensch sich nicht von grundloser Angst erfassen ließ, so war es Tomas, der stets so viel Geistesgegenwart und Ruhe in den fürchterlichsten Situationen bewahrte. Aber was hat ihn so entsetzt? Was konnte ihn überhaupt in dieser toten Welt entsetzen? ... Er hatte nicht einmal die Hälfte des Weges zu den Toren jener mutmaßlichen Stadt der Toten zurückgelegt ...

Am Pico, einhundertachtundvierzig Stunden nach Mitternacht.

Am Pico, einhundertachtundvierzig Stunden nach Mitternacht.

Endlich atmen wir etwas freier! Ich glaube, daß es uns gelingen wird, Tomas am Leben zu erhalten. Jetzt ist er eingeschlafen, ein Zeichen, daß die Krisis überstanden ist. Wir verhalten uns so ruhig wie nur möglich, sprechen sogar nur im Flüsterton, um ihn nicht zu stören. Vielleicht wird ihn dieser Schlaf erretten.

Wir fürchten nur sehr, daß die Hunde mit ihrem Bellen Lärm machen könnten, — denn Tomas jetzt aufzuwecken, hieße ihn morden. Infolgedessen wachen wir abwechselnd bei den Tieren, wenn eins von ihnen bellen sollte, wird es aus dem Wagen geworfen. Aber zum Glück verhalten sich die Hunde ganz ruhig. Selena, seine geliebte Hündin, sitzt neben dem Lager wie zur Wache und wendet keinen Blick von ihrem kranken Herrn. Ich bin überzeugt, daß dieses kluge Tier versteht, was mit Tomas vorgeht. Wenn wir uns dem Kranken nähern, brummt Selena leise, wie warnend, daß sie wacht und ihm kein Unrecht zufügen läßt, und dann schwänzelt sie wieder, um zu erkennen zu geben, daß sie an unsere guten Absichten glaubt und über unsere Sorgfalt erfreut ist. Und bei alledem liegt so viel Angst und Trauer in ihren treuen Augen.

Auch Martha weicht nicht von Tomas’ Seite. Fast hundert Stunden bereits spricht sie kein Wort. Sie öffnet den Mund nur, wenn sie sich mit uns bezüglich der Pflege verständigen muß. Ich kann mir keinen größeren Schmerz vorstellen. Sie weint nicht, sie klagt nicht, im Gegenteil, sie ist ganz ruhig, aber in dieser Ruhe, in diesen zusammengebissenen, trockenen Lippen, den weitgeöffneten Augen liegt etwas so Trostloses, daß es uns geradezu dasHerz zerreißt. Wir möchten sie beruhigen, ihr Hoffnung und Mut zusprechen — und wagen nicht, uns ihr zu nähern, so achten wir sie und ihren großen Schmerz. Und sie blickt so seltsam gleichgültig auf uns; wir fühlen, daß wir sie nur so weit angehen, als wir ihr bei Tomas’ Rettung behilflich sind. Außerdem existieren wir nicht für sie.

Am Pico, vor Sonnenaufgang am dritten Tage.

Am Pico, vor Sonnenaufgang am dritten Tage.

Der höchste Gipfel desPicoflammt in der Sonne auf! Drei oder vier Stunden — und der Tag wird auch schon hier in der Tiefe leuchten. Die ganze Nacht hindurch sahen wir im Schein der Erde die silberne Wand des mächtigen Berges vor uns; jetzt ist diese Wand durch den Kontrast mit dem in der Sonne glühenden Gipfel grau und dunkel.

Wie die „Drei Köpfe“ ist auch derPicokein Krater, sondern vielmehr die letzte mächtige Felsenpartie eines zerstörten Ringberges. Wir stehen unter seinem höchsten Gipfel, der sich im Nordwesten erhebt. Er bricht hier fast senkrecht zur Ebene ab. Man kann schwindlig werden beim Anblick dieser enormen Höhe, die sich noch stärker dadurch abhebt, daß sich ringsherum eine glatte Fläche ausdehnt. Der Gipfel erhebt sich über zweitausendfünfhundert Meter.

Es ist schwer zu erraten, was den Zerfall dieses Ringberges, von dem nur die vor uns liegenden Reste übrig blieben, veranlaßt hat. Vielleicht ist der Felsen, aus einem weicheren Material gebildet, unter dem Einfluß der Temperaturveränderungen zerbröckelt — oder hat ihn das Wasser unterspült?

Schon das zweitemal während unserer Fahrt kommt uns diese Vermutung. Auch der Umstand spricht dafür, daß man nirgends einen Wall von Felsstücken sieht, der hätte entstehen müssen, wenn diese Berge durch Kälte und Sonne zerfressen wären.

Dort, wo sich einst scheinbar der Kamm des Ringes erhob, befindet sich jetzt kaum eine kleine, glatte Erhebung, die im Lichte der Erde unklar vor uns auftaucht. Peter hat sich trotz der großen Kälte für einen Augenblick aus dem Wagen herausgewagt, um den Boden zu erforschen. Er konnte sich nicht länger aufhalten, aber er brachte ein Stück Gestein mit, dem ähnlich, das sich im Wasser ansetzt ...

Wenn die Sonne aufgeht und diese Gegend erhellt, werden wir vielleicht Näheres erfahren.

Tomas schläft andauernd fast seit dreißig Stunden. Wir sind dadurch etwas freier, aber andererseits beginnt uns ein so langer Schlaf zu beunruhigen. Eine beklemmende Angst befällt uns, wenn wir auf dieses totenblasse Gesicht blicken. Die Augen hat er geschlossen, die Wangen sind eingefallen, die Lippen vertrocknet und blutleer. Er liegt regungslos da. Die Rippen heben sich kaum beim leisen Atmen. Manchmal glaube ich, daß ich keinen lebenden Menschen, sondern eine Leiche vor mir sehe. Wie froh wäre ich, wenn er endlich aufwachte.

Martha schweigt und weicht nicht einen Augenblick von seinem Lager. Von Müdigkeit überwältigt, schläft sie manchmal so sitzend ein. Aber das dauert nur ganz kurze Zeit; sie wacht sofort wieder auf und sieht mit weit aufgerissenen Augen auf den Kranken, als wenn sie ihn durch den Blick gesund machen wollte. Ich beginne wirklichfür ihre Gesundheit zu fürchten. Gott, wenn sie uns auch noch krank würde! Aber alle Vorstellungen unsererseits sind vergebens. Nur mit Mühe können wir sie dazu bringen, etwas zu essen. Ich bin sehr in Sorge, was werden soll, wenn Woodbell vor Anbruch des Tages nicht erwacht. Wir möchten sofort weiterfahren, fürchten aber wiederum, seinen Schlaf zu unterbrechen. Anfangs hatten wir die Absicht, uns vomPiconach Osten zu wenden, um dieAlpenkettezu umkreisen, die die nordöstliche Grenze desMare Imbriumbildet, aber schließlich fahren wir direkt nach Norden, dem mächtigen Ringe desPlatozu. Peter glaubt, nach ausführlichem Studium der Karten, daß es uns gelingen wird, durch diesen Ring hindurch direkt auf dasMare Frigoriszu gelangen, hinter dem sich ein gebirgiges Land auftut, das sich alsdann bis zum Pol erstreckt. Das würde uns den Weg bedeutend verkürzen.

Auf Mare Imbrium, 10° westlicher Länge, 47° nördlicher Mondbreite, zwanzig Stunden nach Sonnenaufgang des dritten Tages.

Auf Mare Imbrium, 10° westlicher Länge, 47° nördlicher Mondbreite, zwanzig Stunden nach Sonnenaufgang des dritten Tages.

Wir nähern uns endlich der Grenze des unermeßlichenRegenmeeres, zu dessen Durchquerung wir fast zwei Monate brauchten. Hier sind das zwei Tage, aber dort auf der Erde hat sich der Mond indessen zweimal erneuert, zweimal ist er im Vollmond aufgeflammt und zweimal hat er sich im Neumond verfinstert.

Seit mehreren Stunden sehen wir den mächtigen Wall desPlatoringesvor uns. Sein östlicher Teil schimmert bereits in der Sonne wie eine mächtige Mauer am schwarzen Himmel; in westlicher Richtung ist noch Nacht.Die höheren Gipfel flammen wie Fackeln. Es ist dies entschieden der erhabenste und mächtigste Anblick, den wir bis jetzt hatten; wir sind jedoch durch den Zustand Tomas’ so niedergedrückt, daß wir fast gar nicht beachten, was uns umgibt.

Tomas ist bei Sonnenaufgang erwacht. Er sah uns kurze Zeit erstaunt an und dann versuchte er, sich zu erheben, aber die Kräfte versagten ihm, er fiel schlaff zurück. Martha hat ihn aufgerichtet, und ich frug ihn, ob er etwas wünsche. Peter stand indessen am Steuer des Wagens.

Tomas wunderte sich zuerst, daß es Tag sei. Er erinnerte sich an nichts aus seiner Krankheit, sogar der Vorfall, der ihr vorausgegangen, war seinem Gedächtnis entschwunden. Als ich ihn erwähnte, dachte er kurze Zeit nach, und dann erblaßte er plötzlich, wenn man vom Erblassen eines Gesichtes sprechen kann, aus dem schon jeder Blutstropfen gewichen zu sein scheint. Er bedeckte die Augen mit den Händen, und mit einem Ausdruck der qualvollsten Angst wiederholte er fortwährend: Das war entsetzlich, entsetzlich! — Schauer schüttelten ihn.

Als er sich nach einer Weile etwas beruhigt hatte, versuchte ich vorsichtig zu erfragen, was ihn so entsetzt und zu dieser in ihren Folgen so verhängnisvollen Flucht veranlaßt hatte. Aber alle meine Bemühungen waren umsonst. Er schwieg hartnäckig oder fertigte mich mit Antworten ohne jeglichen Zusammenhang ab. Schließlich gab ich das zwecklose Fragen auf, als ich bemerkte, daß ich ihn nur damit peinigte und ermüdete. Statt dessen mußte ich ihm ausführlich erzählen, in welchem Zustande wir ihn gefunden und den ganzen Verlauf der Krankheit. Er hörteaufmerksam zu, nannte manchmal halblaut lateinische Namen von Medikamenten, erkundigte sich nach den kleinsten Umständen und Begleiterscheinungen, und nachdem er sich alles angehört hatte, wandte er sich zu mir und sagte mit seltsamer Ruhe:

— Ich glaube, daß ich sterben werde.

Ich widersprach lebhaft, aber er nickte nur mit dem Kopfe:

— Ich bin Arzt, und jetzt, wo ich die Besinnung wiedererlangte, sehe ich als solcher auf meine eigene Krankheit. Ich wundere mich nur, daß ich überhaupt noch am Leben bin. Als ich damals fiel, wie du sagst, zerschlug sich das Glas in der Maske des Luftbehälters. Daß ich nicht sofort gestorben bin, verdanke ich nur dem Umstand, daß ihr früh genug zu Hilfe kamt, bevor die in dem Behälter befindliche Luft nach außen gelangen und verfliegen konnte. Aus dem, was du von meinem Zustand erzählst, nehme ich jedoch an, daß die Atmosphäre in meinem Luftbehälter schon außerordentlich dünn gewesen sein muß. Durch den erhöhten inneren Druck stürzte mir das Blut nicht nur aus Mund und Nase, sondern sogar durch die Poren der Haut. Wenn ihr euch um einige Sekunden verspätet hättet, würdet ihr nur noch eine blutlose Leiche gefunden haben. Ich wundere mich übrigens, wie ich nach einem so furchtbaren Blutverlust die vielen Tage hindurch das Fieber aushielt ... Wenn es auch nicht stark sein konnte, denn woher ... bei dem Fehlen des Blutes und der so schwachen Herztätigkeit ... aber schließlich habe ich das Fieber überstanden und lebe, — doch das bedeutet durchaus noch nicht, daß ich leben werde. Ich habe kein Blut; sieh her, den Puls fühlt man kaum, leg’ mir die Hand auf die Brust,du fühlst nicht einmal, daß das Herz schlägt. Auf der Erde würde ich vielleicht aufkommen, aber hier fehlen die Bedingungen.

Er brach erschöpft ab und fiel in die Kissen zurück. Ich dachte, daß er wieder einschliefe. Aber seine Blicke flackerten unstät unter den gesenkten Lidern und folgten unaufhörlich Martha, die mit der Zubereitung der Arzneien, die er sich selbst verschrieben hatte, beschäftigt war. Ein grenzenloses Leid lag in seinen Augen. Er bewegte einige Male die Lippen, und dann sagte er ruhig, mich fest ansehend:

— Ihr werdet gut zu ihr sein, nicht wahr?

Ein Krampf schnürte mir das Herz zusammen und gleichzeitig schien es mir, daß mir eine widerwärtige, teuflische Stimme ins Ohr flüsterte: Wenn er stirbt, wird Martha einem von euch gehören, vielleicht dir ...

Ich blickte zu Boden aus Scham vor mir selbst, aber er schien schon diesen Gedanken in meinen Zügen gelesen zu haben, obwohl ich bei Gott schwöre, daß er kürzer war als die kleinste Sekunde.

Er lächelte unsagbar schmerzlich, und die von kleinen blauen Äderchen durchzogene Totenhand nach mir ausstreckend, fügte er hinzu:

Zankt euch nicht um sie. Überlaßt ihr ... achtet ... achtet ...

Er konnte es nicht beenden. Nach einer Weile erst, nachdem er Atem geschöpft hatte, sagte er hart, den Ton plötzlich ändernd:

— Ich kann auch am Leben bleiben. Es ist absolut nicht gewiß, daß ich sterben muß.

Seit dieser Unterredung sind einige Stunden verflossen, aber sein Zustand besserte sich in nichts; im Gegenteil,er scheint sich sogar zu verschlimmern. Immer wiederholen sich das Herzklopfen, die Beklemmungen und Ohnmachten. Ich weiß, wie das weitergehen wird. Er ist dabei sehr erregt und ungeduldig geworden. Martha darf ihn keine Minute verlassen; auf uns blickt er wie auf Feinde.

Ich versuchte noch mehrere Male die Ursache jener geheimnisvollen Flucht von ihm zu erfahren, aber immer wenn ich das Gespräch darauf brachte, verstummte er sofort und seine Augen nahmen den Ausdruck einer solchen Angst an, daß ich es nicht mehr über mich bringe, ihn mit Fragen zu quälen. Schließlich, was liegt mir daran? Es genügt, daß ein Unglück geschehen ist, — wenn es nur damit seine Bewandtnis hätte!

Dritter Mondtag, sechsundsechzig Stunden nach Sonnenaufgang, unterm Plato, auf dem Wege nach Osten.

Dritter Mondtag, sechsundsechzig Stunden nach Sonnenaufgang, unterm Plato, auf dem Wege nach Osten.

Die Annahmen Varadols haben sich als vollständig irrig erwiesen. Mit dem Wagen durch die Mitte desPlatoringeszu kommen, ist eine reine Unmöglichkeit. Wir müssen dieAlpenketteumkreisen, was unsere Reise außerordentlich verlängert. Aber es gibt keinen anderen Ausweg.

Kaum mehr als dreißig Stunden sind seit Sonnenaufgang verstrichen; in dieser Zeit legten wir fast hundert Kilometer Weges zurück, allerdings auf einem Boden, der ausnahmsweise glatt war. Nun haben wir am Fuße desPlatohaltgemacht.

Der mächtige, zirka neunzig Kilometer im Durchmesser zählendePlatoringerhebt sich an der nördlichen Grenze desRegenmeeres. Nordöstlich von ihm erstreckt sich die Kette der Mondalpen bis zumPalus Nebularum,der dasMare Imbriummit demMare Serenitatisverbindet.

Die Kette ist nur an einer Stelle durch eine breite, querliegende Tiefebene unterbrochen, wohl der einzigen auf dieser Seite des Mondes, die zumMare Frigorisführt, durch das wir auf der Fahrt zum Pol hindurch müssen. Im Westen desPlatoerstreckt sich ein hoher, steiler, im Halbkreis gekrümmter Rand, in den sich noch der breite „Abhang des Regenbogen“ hineinzieht. DerPlatoringselbst ist aus einem Bergwall entstanden, der eine innere Fläche von ungefähr siebentausendfünfhundert Quadratkilometer Raum umfaßt. Die höchsten Gipfel im östlichen Teil des Walls erreichen eine Höhe von zweitausendfünfhundert Metern.

Nachdem wir alles dies genau auf der Karte erforscht hatten, bemerkten wir, daß sich im nördlichen Wall desPlato, dicht neben dem in ihm eingeschlossenen kleinen Krater ein Kamm senkt und verflacht, der eine Art von breitem Paß bildet.

Wir wollten nun nach dem Plan Peters, um den Weg zu verkürzen, über diese Einsattelung auf die mittlere Fläche gelangen und, sie in nördlicher Richtung durchschneidend, einen Ausgang auf die Höhe suchen, die sich schon sanft nach demMare Frigorissenkt.

An den Abhängen desPlatoangelangt, fanden wir leicht die auf der Karte angegebene Stelle. Dabei war uns jener herausragende Krater behilflich, der sich über der Einsattelung erhob. Der Weg dorthin schien nicht sehr beschwerlich zu sein; der Boden stieg nur allmählich und es waren keine Unebenheiten auf ihm zu bemerken.Trotzdem wagten wir es nicht sogleich mit dem Wagen weiterzufahren. Wir mußten uns vergewissern, ob wir diese Strecke wirklich passieren konnten.

Nachdem wir also Woodbell unter Marthas Schutz zurückgelassen hatten, traten Peter und ich den Weg zu Fuß an. Der Wagen sollte auf unsere Rückkehr warten. Wir umkreisten den Krater im Massiv desPlatovon Osten aus, immer höher hinaufsteigend. Der Weg war nicht so einfach, wie es von unten den Anschein hatte. Wir trafen Steinfelder und Abgründe an, die wir umgehen mußten. Trotzdem waren wir überzeugt, mit dem Wagen durchzukommen. Eine frohe, hoffnungsvolle Stimmung hatte uns beide erfaßt. Die Sonne stand noch nicht hoch über dem Horizont und erwärmte uns genügend. Es war uns warm und leicht; rings um uns boten sich wundervolle Landschaftsbilder dar! Die Abhänge der Felsen, die von schwarzen Schatten durchbrochen waren, glänzten, von der blendenden Sonne bestrahlt, in der ganzen Pracht der köstlichsten Regenbogenfarben. Wir schritten über Schätze hinweg, für die man auf Erden hätte Königreiche und Kronen kaufen können: zwischen den zerbröckelten Steinen schillerten blutigrote Rubine; Malachitadern leuchteten von ferne wie Grasflächen, auf denen zerstreute Stücke von Onixen und Topasen den Eindruck von Blumen hervorriefen. Manchmal schoß plötzlich aus einer Spalte, in die ein Sonnenstrahl drang, eine ganze Fontäne von Glanz, eine wahre Orgie des Lichts, das in den mächtigen Prismen des Gebirgskristalls verteilt war.

Dieser maßlose Reichtum, der durch eine Laune der Natur an dieser Stelle ausgeschüttet war, blendete und berauschte uns, aber bald gewöhnten wir uns so an diesen Anblickund an die hier ganz wertlosen Schätze, daß wir auf ihnen schritten wie auf gewöhnlichen Kieselsteinen.

Jedoch wirkte diese herrliche Umgebung ungemein belebend auf uns und wir waren glücklich und guter Dinge. Wir vergaßen Kummer und Sorgen, die Krankheit Tomas’, die überstandenen Mühen und Unglücksfälle, die Gefahren, die uns noch drohten, sogar die gänzlich unsichere Zukunft, der wir entgegengingen. Wir freuten uns wie die Kinder über diesen einzig schönen Morgen! An die etwas unbequemen Luftbehälter hatten wir uns schon vollständig gewöhnt, und auch der Gedanke an die Gefahr, der wir durch die uns umgebende Leere ausgesetzt waren, trübte, trotz des neuerlichen Vorfalls mit Woodbell, unsere Fröhlichkeit nicht.

Von unserm leichten Körpergewicht auf dem Monde und einer nicht geschwächten Muskelkraft profitierend, setzten wir über mächtige Felsen oder sprangen von hohen Wänden herab.

Diese Ausbrüche der guten Laune wurden allein durch die Notwendigkeit der baldigen Umkehr eingedämmt. Luft und Nahrung hatten wir nur für vierzig Stunden mitgenommen und wir mußten bedenken, daß irgend etwas Unvorhergesehenes eintreten konnte, das uns zu einem längeren Aufenthalt nötigte.

In ungefähr zehn Stunden standen wir auf der Einsattelung. Vor uns öffnete sich der Blick auf das geheimnisvolle Innere desPlato. Der nördliche Wall des Ringes, der von uns gegen hundert Kilometer entfernt lag, erschien wie eine mächtige Säge, die in unzählige Zacken zerrissen war. Bis zu dieser Grenze erstreckte sich eine glatte Fläche, dunkelgrau, erloschen und still. Hie und danur zerschnitten sie hellere, breite Ketten, mit einigen kleinen Kratern, die darauf zerstreut lagen und flachen Mulden ähnlich waren. Zu unsern Füßen brach der Felsen im Innern außerordentlich scharf ab; es war keine Rede davon, daß wir hier mit dem Wagen vordringen konnten.

Eine unsagbare Trauer wehte uns aus dieser trostlosen Öde an. Es wäre unmöglich, sich eine Landschaft vorzustellen, in der mehr Schweigen und mehr Starrheit lag. Die Felsen sogar senkten sich hier langsam und träge zur Tiefe, — die Gipfel starrten traumverloren und so finster in den Sonnenschein, als wenn sie sich nur mit Mühe und ungern erhoben hätten, weil man sie auf Wache stehen hieß und jene mächtige, graue Ebene zu umgrenzen.

All unsere Fröhlichkeit war spurlos verschwunden ...

Seltsam, wie eine Landschaft auf das menschliche Herz wirkt! Ich schaute lange, in Schweigen versunken, und konnte die Augen von dieser Wüste nicht abwenden, und ein immer größeres Leid bedrückte mich, ich weiß nicht, warum und um wen ... So gleichgültig war mir alles geworden, so wertlos, und so überflüssig erschien mir jede Anstrengung und so verlockend der Tod-Erlöser, der mich doch vor kurzem noch mit einer so höllischen Angst erfüllte.

Ich fühlte, daß mich dieser Anblick mordet; ich konnte ihn nicht länger ertragen und bedurfte doch der ganzen Willensanstrengung, um mich von ihm loszureißen.

Ich wandte den Blick nach Süden, der am Himmel leuchtenden Erdsichel zu. Über den Gipfeln des Kraters, der uns beim Eingang als Wegweiser gedient hatte undjetzt in der Tiefe versank, tauchte dasRegenmeervor mir auf. Diese mächtige zurückgelegte Strecke! Ich schaute auf sie, wie einst von der Einsattelung unter demEratosthenes, nur daß sie damals noch vor mir lag, ein unbekannter Weg, der zu dem unbekannten, ersehnten Lande führte — jetzt hatte ich sie schon hinter mir ...

Grau war sie, tot und unermeßlich wie damals; aber statt der in der Sonne flammenden Gipfel desTimocharisundLamberterhoben sich die in Schatten gehüllten Spitzen:Picound weiter nach OstenPitonvor meinen Augen.

Die Erdsichel stand über diesem Meere, dem Horizont schon näher als der Himmelswölbung. Und so schien mir die ganze Ebene wie eine breite Straße, die von dieser Erde hierherführt. Welch ein furchtbarer, beschwerlicher Weg und wie weit! Während wir ihn zurückgelegt haben, ist zweimal die Sonne über uns dahingegangen wie eine glühende und lebendige Flamme, zweimal umhüllten uns kalte, endlos lang andauernde Schatten. Und wieviel Mühen, Ängste und Qualen! Der Abstieg vomEratosthenes, die tödliche Sonnenglut, dann eine entsetzliche Kälte und dieses Gespenst des Todes, das uns so viele Stunden begleitete; der Tod der Brüder Remogner, der unglückselige Vorfall und Woodbells Krankheit ... Mit dem Tode O’Tamors hat unser Weg begonnen — aber er ist noch nicht zu Ende ...

Ich war in diese finsteren Gedanken vertieft und erfüllt von einer immer stärker aufkeimenden, unbezwinglichen Sehnsucht nach der Erde, die in der Ferne über der unabsehbaren Fläche sichtbar war, als mich ein Schrei Varadols aus meinem Nachdenken aufschreckte. Ich wandtemich schnell um, schon fürchtend, daß wieder irgendein Unglück herannahe, aber Peter stand wohlbehalten neben mir und deutete nur mit der Hand nach der Richtung, in der sich der weite nördliche Wall desPlatoentlangzog. Ich blickte dorthin und bemerkte etwas wie eine Wolke, nein, kaum wie den flüchtigen Schatten einer Wolke, die den Fuß der Berge verhüllte, den man noch vor kurzem deutlich sehen konnte.

Ich bebte an allen Gliedern bei diesem Anblick. Es sah indes nicht aus, als wenn sich die Wolke bewegte, sondern die Berge schienen sich von der Stelle zu rühren und vor uns herzuschreiten. Und Peter schrie wie besessen durch das Rohr:

— Eine Wolke! Also dort ist Atmosphäre, dort ist Luft, dort wird man atmen können!

Eine wahnsinnige Freude klang aus diesen von der Hoffnung geschwellten Worten. Wahrhaftig, über dieser Ebene des Todes, wie ich sie nannte, zeigte sich uns der erste Strahl der Hoffnung und des Lebens! Die Wolke beweist zwar noch nicht, daß der Mensch bei dieser Atmosphäre schon atmen kann, aber es unterliegt keinem Zweifel, daß die Luft dort dichter ist als in den bisher durchquerten Gegenden, da sich dort Wolken bilden und halten können, wenn auch nicht allzu hoch über der Oberfläche. Der Rauch der Krater senkte sich außerhalb desEratosthenessofort zu Boden wie Sand.

Durch diese Erscheinung in der Hoffnung bestärkt, daß auf der anderen Seite des Mondes und vielleicht schon früher genügend dichte Luft sein müsse, begaben wir uns wieder zumMare Imbriumhinab. Wir waren in freudigster Stimmung, obwohl der eigentliche Zweck des Ausfluges nicht erreichtworden war, da wir den Weg durch denPlatoringnicht gefunden hatten. Beim Hinuntersteigen sprachen wir darüber, was weiter zu tun sei. Vielleicht würden wir im Westen desPlatoeine Stelle ausfindig machen, durch die wir auf den steilen Rand der Erhöhung gelangen konnten, aber es schien fast unmöglich, dies zu wagen. Wenn es uns nämlich nicht gelingen sollte, müßten wir tausend Kilometer zurücklegen, um die Grenze desMare Imbriumvon Westen her zu umkreisen. Es ist also bedeutend sicherer, sich sofort nach Osten zu wenden. Am Ende gelingt es uns, das schon erwähnte Quertal in derAlpenkettezu durchdringen und sollte sich auch dies als undurchführbar erweisen, so werden wir, selbst um die ganze Kette herumfahrend, verhältnismäßig keinen allzu großen Umweg machen.

Unter diesen Erwägungen stiegen wir in das Tal hinab. Wie groß war jedoch unser Entsetzen, als wir den Wagen nicht an der Stelle bemerkten, an der wir ihn verlassen hatten. Zunächst glaubten wir, uns verirrt zu haben, aber nein — die Gegend war dieselbe; es waren genau die Felsen, unter denen wir den Wagen zurückließen. Trotz der Ermüdung stürmten wir vorwärts, unseren Augen noch nicht trauend. Der Wagen war nicht da. Wir bemühten uns, die Spuren seiner Räder zu entdecken, um zu wissen, in welcher Richtung wir ihn suchen sollten, aber auf diesem Steinboden war keine Spur zu erkennen. Da packte uns die Verzweiflung. Unsere Nahrungsmittel waren bereits verzehrt, von dem mitgenommenen Wasser hatten wir ebenfalls nur noch einen kleinen Rest und Luft kaum mehr für einige Stunden. Varadol begann zu rufen; er vergaß, daß ich das einzige Wesen war, das sein Schreienhier — durch das Sprachrohr mit ihm verbunden — hören konnte.

Wir suchten, von grenzenloser Angst getrieben, die ganze Gegend ab, sechs Stunden damit verlierend; der Wagen war wie verschwunden. Als wir nach all den fruchtlosen Nachforschungen zu der alten Stelle zurückkehrten, begann uns der Hunger zu peinigen, das Wasser war zu Ende und der Luftvorrat an der Neige. Ratlos warfen wir uns auf die Erde — den Tod erwartend. Varadol fluchte laut und ich zerbrach mir in wilder Verzweiflung den Kopf, was sie dazu veranlassen konnte, vor unserer Rückkehr davonzueilen.

Plötzlich schoß es mir durch den Kopf, daß Tomas vielleicht absichtlich geflohen war, um uns dem sicheren Verderben preiszugeben. Die krankhafte Eifersucht, die ich bei ihm bemerkt hatte, als er von seinem Tode und von Martha sprach, konnte ihn auf diesen Gedanken gebracht haben. Die Wut schüttelte mich. Ich sprang auf und wollte davonstürmen, ihm nach, mich rächen, morden ...

Da erblickte ich einige Schritte von mir entfernt Martha. Sie kam uns langsam entgegen und sah uns durch die Glasmaske mit ihrem sich immer gleich bleibenden traurigen Lächeln an. Wir stürzten beide auf sie zu und redeten abwechselnd voll Entrüstung und Freude auf sie ein. Martha blickte eine Zeitlang ruhig auf unsere Lippen und als wir uns endlich heiser und gegenseitig taub geschrien hatten, begann sie Zeichen zu geben, daß sie nichts verstehe. Wir hatten ganz vergessen, daß sie infolge des Luftmangels nichts hören konnte und plötzlich war alle Wut und Aufregung verschwunden und wir brachen in ein herzliches Lachen aus. Dann gaben wir ihr durch Gesten zu verstehen,daß wir zu dem Wagen zurückkehren wollten. Martha führte uns hin; der Wagen stand nicht weit hinter dem Felsen, der ihn verdeckte.

Hier erst hat sich alles aufgeklärt. Einige Zeit nachdem wir fort waren, ging die Sonne, einen schwachen Bogen am Firmament bildend, hinter dem Felsen unter, so daß sich der Wagen im Schatten befand. Woodbell begann vor Kälte zu zittern. Martha fuhr daher weiter um den Felsen herum und blieb mehr nach Süden stehen, wo die Sonne den Kranken genügend erwärmte. Als wir zurückkehrten und über das Verschwinden des Wagens entsetzt waren, suchten wir ihn in der ganzen Umgegend, aber es fiel uns nicht ein, hinter dem Felsen nachzusehen, der sich dicht neben uns befand. Martha hatte uns vom Wagen aus bemerkt, dachte aber, als wir uns von neuem entfernten, daß wir eine andere Seite der Gegend erforschen wollten und wartete geduldig auf unsere Rückkehr. Erst als wir uns, zum zweitenmal zurückkommend, dem Fahrzeug nicht näherten, kam sie uns entgegen, ohne zu ahnen, daß wir den Wagen nicht wieder fanden. Der ganze Vorgang endete also mit einem Lachen, obwohl er für uns mehr als verhängnisvoll hätte werden können.

Woodbell trafen wir in verhältnismäßig gutem Zustand an. Während unserer Abwesenheit war er nur viermal ohnmächtig geworden. Jetzt ist er ruhiger und sagt, daß er sich besser fühle. Sein leichenblasses und jammervoll abgemagertes Gesicht sieht zwar nicht danach aus, aber Gott gebe es, daß er der Genesung entgegengeht. Für den Anfang ist es schon genug der Opfer — und des Schreckens ...

Wir fahren weiter nach dem festgesetzten Plan, bis jetzt immer nach Osten zu, stets den mächtigen Gipfel desPlatovor unseren Augen. Bald werden wir an derAlpenketteangelangt sein.

Mit Rücksicht auf Tomas’ Gesundheit tut die größte Eile not. Je eher wir eine Zone erreichen, wo er den geschlossenen Wagen verlassen und frei atmen und sich bewegen kann, desto wahrscheinlicher ist seine Rettung. Wir werden auch Tag und Nacht dahinsausen, um uns nur immer weiter von dieser Wüste zu entfernen und dem Pole näher zu kommen, wo wahrscheinlich Luft und Wasser ist.


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