IV.

Mir selbst erschien das anfangs als eine harmlose Unterhaltung, bis nach dem Tode Toms die Dinge eine ernste Bedeutung annahmen. Ich fürchte, daß ich heute für dieses Volk weit mehr bin als ein Gaukler. Sie glauben, daß ich alles weiß und kann und wenn ich nicht immer das tue, was sie von mir erbitten, so geschieht das in ihren Augen nur, weil ich es nicht will. Haben sie mich doch in allem Ernste gebeten, die Stürme zu beschwichtigen und mir gesagt, daß Ada dies leider nicht gelinge, trotzdem sie in meinem Namen die Elemente beschwört. Und sie sandten sie zu mir, denn — ich kann alles!

Ein anderes Mal fragte mich Jan ganz geheimnisvoll, wann ich sie zu verlassen und auf die Erde zu gehen beabsichtige. Ada hat ihnen prophezeit, daß dies unzweifelhaft geschehen wird, und sie fürchten mein Fortgehen!

Aber wie dem auch sei, ich sehe mit tiefem Schmerz auf das, was in den Köpfen dieses Geschlechts vorgeht. Ich kann nichts daran ändern; vielleicht bin ich auch zu träge, den Kampf mit dieser Naivetät aufzunehmen. Alles quält mich, alles drückt mich zu Boden. Ich bin froh, wenn ich einen Augenblick vergesse, wo ich bin und was um mich herum geschieht, und mit geschlossenen Augen wachend von der Erde träumen kann.

Dort sind Menschen, wirkliche Menschen, und Wälder, Vögel, Wiesen, duftende Blumen ...

Oh, dort! ...

Und ich sehne mich immer glühender, auf ewig von hier fortzugehen!

Ach, wenn ich es könnte, wie sie denken, auf die Erde zurückkehren! Ich bin ganz erfüllt von diesem Gedanken an die Erde. Womit ich mich auch beschäftige, er kehrt immer wieder und läßt mir am Tage und in der Nacht keine Ruhe. Wenn ich einschlafe, gleiten phantastische Bilder an meinen Augen vorüber, aber alle sind Variationen des einen Motivs: Erde! Erde! Erde! ...

Einst, als ich noch dort lebte, waren das für mich verschiedene Länder, verschiedene Erdteile und Völker und Gesellschaften, jetzt hat sich alles zu einem Gedanken verschmolzen, zu einer einzigen Liebe und Sehnsucht. Ich kann aus der Entfernung nicht mehr die Jahre, die Grenzen der Staaten, noch die Völker verschiedener Zungen und Glaubensbekenntnisse unterscheiden. Die ganze Menschheit fließt in meiner Seele zu einem unzertrennlichen Ganzen, mit Tieren, Pflanzen und dem Erdball selbst zusammen, und alles das leuchtet und glänzt und strahlt in meinen Gedanken wie dort am schwarzen Himmel über den Wüsten!

Erde! Erde! Erde!

*

Ich erinnerte mich heute an Tom, an jene glücklichen Zeiten, als er noch ein Kind und mein unzertrennlicher Kamerad und Freund war. Und jetzt in der stillen kalten Mondnacht tauchen vor den Augen des Verlassenen, Einsamen farbenschillernde bunte Bilder aus seinen Knabenjahren auf.

Und wenn ich so sehnsüchtig an ihn zurückdenke, empfinde ich klar und schmerzlich, daß er der einzige Mensch aus dem neuen Geschlecht war, den ich wirklich liebte. Und wie lebhaft interessierte mich alles, was ihn betraf!

Er entwickelte sich erstaunlich schnell, scheinbar unter den Einwirkungen der Bedingungen dieser Welt. Als er vierzehn Jahre zählte, war er bereits ein erwachsener, reifer Mensch. Die beiden älteren Schwestern wuchsen auch schon heran. Ich blickte auf sie wie auf blühende Blumen, die ihrer Reize noch unbewußt, aber schon wonnig und vielleicht instinktiv fühlen, daß sie reizvoll sind, — daß sich in ihnen ein Geheimnis erfüllt, eine unerklärliche Macht von ihnen ausgeht, durch die sie wertvoll und begehrenswert sind.

Ihr Verhalten Tom gegenüber änderte sich vollständig. Früher waren sie zwei Dienerinnen, zwei kleine Schmetterlinge, die um seinen hellen Kopf herumflatterten, nur die Gelegenheit suchend, ihm zu gefallen oder ihm nützlich zu sein. Er dagegen, seine große Übermacht über die Schwestern fühlend, hielt dieses Verhalten der Mädchen ihm gegenüber für etwas ganz Natürliches. Er machte sich auch nicht viel aus ihnen, und wenn er wirklich einmal in einer zärtlichen Anwandlung die üppigen weichen Haare einer der Schwestern streichelte oder gar küßte, so tat er dies immer mit der herablassenden Miene eines gütigen Herrschers, der die Anhänglichkeit seiner Untertanen zu belohnen geruht, aber auch dafür Sorge trägt, daß sie nicht etwa durch zu viele Beweise seiner Gunst und Zufriedenheit übermütig werden. Dieses Verhältnis Toms zu den Schwestern empfand ich oft peinlich und unangenehm und ich ermahnte den Knaben wiederholt, wenn ich sah, daß er den Schwestern gegenüber egoistisch und rücksichtslos war und dafür von ihnen noch verlangte, daß sie ihn lieben sollten. Ich ahnte nicht, daß sich das, für eine gewisse Zeit wenigstens, vollständig ändern würde.

Bald begannen nämlich die Mädchen ihren Stiefbruder zu meiden und in ihren Liebesäußerungen zurückhaltender zu sein. Manchmal nur, wenn er es nicht sah, blickten sie heimlich und verstohlen nach ihm und erröteten, wenn er sich ihnen näherte. Im Verhältnis wie sie Tom gegenüber kühler wurden, wuchs ihre Herzlichkeit untereinander.

Diese Veränderung ging so schnell und unmerklich vor sich, daß ich mir, als ich sie bemerkte, nicht klar darüber war, wie und wann sie eigentlich begonnen hatte. Nur das eine fühlte ich, wenn ich diese drei ... die noch Kinder waren, nach irdischen Begriffen urteilend, betrachtete, daß sich hier vor meinen Augen eine vollständige Umwälzung vollzog, von der Natur, die zeugen will, bewirkt, obwohl sie sich später an den Werkzeugen und Werken ihres eigenen Willens grausam rächen sollte.

Das waren keine Geschwister mehr: das waren zwei Frauen und ein Mann ... Sie selbst verstanden das natürlich noch nicht. Tom bemühte sich mit den Schwestern wie früher zu verfahren, aber es wurde ihm immer schwerer den rechten Ton zu finden. Er verlor die Sicherheit und wurde verwirrt in ihrer Gesellschaft. Diese stillen, schmächtigen Mädchen hatten jetzt entschieden das Übergewicht über den zukünftigen Herrscher der Mondwelt erlangt. Jetzt diente er ihnen, statt sie als Dienerinnen zu benützen. Er brachte ihnen Nahrung, kümmerte sich um ihre Bekleidung, ihre Bequemlichkeiten und Zerstreuungen; er sammelte bunte Muscheln und Bernstein für sie, die sie sich dann in die Haare flochten, oder fuhr sie zu schönen Tageszeiten im Kahn aufs Meer hinaus. An diesen Ausflügen nahm ich gewöhnlich teil, denn, es ist seltsam, die Mädchen, die mit Tom erzogen waren undbisher die ganzen Tage mit ihm verbracht hatten, wollten durchaus nicht mehr allein mit ihm sein. Manchmal schlug ich Tom vor, mich, weil ich stärker und erfahrener war, rudern zu lassen, aber er ließ es nie zu. Ich bemerkte wohl, daß ihm nicht daran lag, mich zu schonen, sondern vielmehr sich vor seinen Schwestern in seinen Kraftleistungen und in seiner Geschicklichkeit zu zeigen.

Eine uralte, ewig neue Komödie spielte sich vor mir ab, und ich sah ihr gerne zu. Es schien mir, daß ich drei Vögel vor mir habe und meine Hand auf ihre pochenden Herzen halte; ich weiß genau, wie diese Herzen schlagen: und verstehe sogar, was sie selbst noch nicht verstehen. Ich glaube, daß dies die einzige Zeit seit Marthas Tod war, wo ich mich fast glücklich fühlte.

Von diesen Kindern, in denen sich das große Geheimnis des Lebens und der Liebe vollzog, wehte es zu mir wie frische Frühlingsluft. Und das sind heute schon alte Erinnerungen! Voll Rührung rufe ich sie mir ins Gedächtnis zurück, denn ich habe auf diesem Globus nicht viel Tage erlebt, an die ich mich mit Freude und ohne Schmerz erinnern könnte. Nur eins — und das ist wieder die furchtbare Ironie des Lebens! Die Liebe Toms zu Lilli und Rosa, denn beide liebte er gleich, deren Anblick mein Herz höher schlagen ließ und neu belebte, brachte auch dieser Welt das degenerierte Geschlecht, mit dem sich nun langsam die Gegend der Warmen Teiche bevölkert.

So oft mir das in den Sinn kommt, schüttle ich mich, als wenn ich in einem Rosenkorb plötzlich ekelhafte Würmer gefunden hätte.

Übrigens bin ich vielleicht ungerecht diesen Zwergen gegenüber. Sie sind vor allem arm, so arm, daß meinganzesInneres sich in Schmerz und Mitleid windet, wenn ich sie nur ansehe. Tom stand himmelhoch über ihnen. Oft denke ich an seine zarte, schmiegsame Gestalt ... Er war energisch und verständig und hatte in den Augen noch das, was ich vergebens in den Blicken seiner Kinder suche: die Seele.

Das alles ist so schmerzlich für mich, daß es mir fast schwer fällt, es niederzuschreiben.

Und warum mußte es so geschehen und nicht anders? Eine schwerwiegende Frage, auf die es keine Antwort gibt! Weil wir hierhergekommen waren, weil Tomas starb und Martha mit uns beiden zurückließ, weil ich auf sie verzichtet habe, obwohl ich ihrem Herzen näher stand, weil sie gestorben ist und ich leben blieb, das heißt, immer diese eiserne, unerbittliche Notwendigkeit, die die Sterne leuchten läßt und wieder auslöscht und sich um die Wünsche und das Glück des Menschen kümmert wie der Wind um ein Körnchen des Sandmeeres, das er davonträgt.

*

Ich lese, was ich auf diesen Blättern in der letzten Nacht niedergeschrieben habe und frage mich unwillkürlich, warum und für wen ich das niederschreibe ...

Damals, als ich die Erlebnisse während der Fahrt durch die öde Wüste notierte, als ich unsere ersten Jahre auf dem Monde beschrieb, dachte ich, daß ich dieses Tagebuch den Mondvölkern zurücklassen würde, damit ihre künftigen Geschlechter erfahren, wie wir hierhergelangt und was wir alles erdulden und durchkämpfen mußten, bis es uns gelungen ist, erträgliche Lebensbedingungen zu finden. Aber heute ... Das ist doch lächerlich — dieserGedanke! Die Mondvölker, so wie sie sind, werden das niemals lesen. Und ich will nicht einmal, daß sie es lesen sollen. Was geht das sie an? Was gehen sie meine Erlebnisse, Gefühle, Schmerzen an? Könnten sie sie verstehen? Würden sie in diesen Blättern etwas mehr als eine phantastische und für sie unklare Erzählung erblicken? Und übrigens, warum sollen sie, wenn sie es begreifen könnten, wissen, daß sie degenerierte Nachkommen einer erhabenen Rasse sind, die mit ihrem Geiste über ein fernes und schönes Gestirn herrscht? Von dem Tage an, wo sie das erfahren würden, könnten sie nur noch Sehnsucht, Scham und Schmerz empfinden, so wie ich, wenn ich sie betrachte. Möge denn die hiesige Menschheit lieber gänzlich vergessen, was sie einst auf einem anderen Planeten gewesen ist und von keiner „metaphysischen Sehnsucht“ gequält werden.

Heute schreibe ich dieses Tagebuch so recht eigentlich nur für mich. Wenn ich davon träumen dürfte, es durch irgendein Wunder auf die Erde zu befördern, würde ich es wie einen Brief an meine früheren Brüder richten und auf jeder Seite die blühenden Fluren grüßen und segnen; die Getreidefelder, Blumen und Früchte, die Wälder und Gärten, die Menschen und Tiere und alles, alles, was mir in der Erinnerung so namenlos teuer ist!

Aber ich weiß nur zu gut, daß dies niemals geschehen wird, daß ich nicht ein einziges kleines Wort auf die Erde schicken kann, zu der ich mich nur in Gedanken und mit den Augen erhebe, wenn ich manchmal, von der Sehnsucht getrieben, nach dem Polarlande pilgere, um meine über den Wüsten leuchtende Heimat zu sehen.

Ich schreibe also für mich, ich plaudere mit mir selbstwie alle Greise. Und wenn es mir hier und da gelingt, mich für einen Augenblick der Täuschung hinzugeben, daß ich das alles den Menschen mitteile, die auf der Erde geblieben sind, dann schlägt mein Herz schneller und meine Augen leuchten, denn es scheint mir, daß ich einen Faden spinne zwischen mir und diesem Hunderttausende von Kilometern entfernten heimatlichen Planeten!

Dann möchte ich gern die kleinsten Einzelheiten aus meinem armen Leben hier erzählen, meine Gedanken beichten und meine Schmerzen klagen und über die seltenen kurzen Freuden Bericht erstatten ...

Ach ... dieser Freuden gab es wahrlich nicht viele!

*

Dann schrieb ich ausführlich über den einzigen Frühling, den ich auf diesem traurigen Globus erlebte, indem ich mich der erwachenden Liebe zwischen Tom und den Mädchen erfreute.

Vielleicht hätte ich bei ihnen bleiben sollen, aber ich glaubte, wenn ich für einige Zeit von ihnen ginge, jenen zauberischen Frühling zu verlängern, und ich wollte erst zu der Zeit des Jahres zurückkehren, wo ich die reife Frucht vorfände.

Ich alter Narr! Es wäre kein kleineres Wunder gewesen, einen herabfallenden Stein dadurch aufzuhalten, daß man sich von ihm abwendet. Das Leben ging seinen gewöhnlichen Gang!

Als ich nach einigen Mondtagen, die ich im Polarlande verbracht hatte, ans Meer zurückkam, begrüßte mich Tom mit einer seltsamen Würde und führte mich in das alte Haus, das wir vorher gemeinsam bewohnt hatten.

— Hier ist dein Haus, sagte er, so wie du es verlassen hast. Wir haben nichts angerührt. Nur Ada hat während deiner Abwesenheit hier gewohnt und deine beiden alten Hunde, die du zurückgelassen hast.

— Und du? frug ich, und die älteren Mädchen? Wo seid ihr gewesen?

Tom sah sich um. Ich folgte seinem Blick und bemerkte jetzt erst, daß sich nicht weit, am Ufer des höheren warmen Teiches, ein beinahe fertiges neues Häuschen erhob.

— Ich habe mir ein neues Haus gebaut, sagte Tom.

— Wozu? frug ich mit unverhüllter Verwunderung.

Tom zögerte einen Augenblick, dann wies er auf die sich uns gerade nähernden Mädchen und sagte, mir fest in die Augen blickend:

— Das sind meine Frauen!

— Welche? frug ich fast unbewußt.

Tom schwieg eine Weile, erhob den Kopf, und die Mädchen schauten uns ängstlich an.

— Welche von ihnen? frug ich abermals.

— Ich liebe beide, antwortete er, und beide sind mein!

Mit diesen Worten nahm er die Mädchen bei den Händen und führte sie zu mir.

— Segne uns, Alter Mensch!

Damals hat er mich zum erstenmal bei diesem Namen genannt, der heute schon für immer mit mir verwachsen ist.

Seit dieser Zeit erfuhr unser Leben eine gewisse Veränderung, die scheinbar unwesentlich und dennoch sehr eingreifend war. In unserem kleinen Kreis vollzog sich eine Spaltung. Tom bildete mit seinen Frauen eine eigene,in sich geschlossene Familie, deren Bande in dem Maße enger wurden, wie seine Nachkommenschaft sich vermehrte.

Mit jedem Tage fühlte ich mehr, daß ich auf dieser Welt unnötig wurde, und mit jedem Tage wuchs in mir die Sehnsucht nach jener anderen, die so entfernt, ach, so ferne war! Und das Leben floß dahin, immer unaufhaltsam seinen alten Lauf!

Nicht gerne denke ich an das weitere Zusammenleben Toms mit den Schwestern. Er war nicht gut zu ihnen, obwohl sie ihn unveränderlich bis zum letzten Atemzug liebten. Er verlangte zu viel von ihnen und war zu despotisch. Sogar ich hatte den alten Einfluß auf ihn verloren. Zum Teil waren diese unerquicklichen Verhältnisse auch die Veranlassung, daß ich zum zweitenmal nach dem Polarlande wanderte und diesmal Ada mit mir nahm.

Nach meiner abermaligen Rückkehr beginnt schon, wie ich glaube, der Anfang dieses letzten Aktes meiner Mondtragödie, der bis auf den heutigen Tag dauert. Der furchtbare Tod Rosas, Adas Wahnsinn, später der Tod Toms und Lillis bedrücken mich unsagbar. Die Sehnsucht nach der Erde und die entsetzliche Einsamkeit martern und quälen mich mit jedem Tage mehr, obwohl die Zahl der Menschen hier auf dem Monde immer größer wird.

Tom hatte mit seinen beiden Frauen eine zahlreiche Nachkommenschaft, sechs Söhne und sieben Töchter, von denen die jüngste einige Mondtage nach der Geburt gestorben ist. Noch zu Lebzeiten der Eltern Jans hat sich der älteste Sohn Rosas, ungefähr fünfzehn Jahre zählend, mit der Tochter Lillis verheiratet; später haben sich alle in dem Maße des Zuwachses gepaart. Heute, nach dem Tode Toms, sind sechsundzwanzig Enkel vorhanden, darunterzwei Urenkel, die Kinder von Jans ältestem Sohn, der schon seit zwei Jahren verheiratet ist, also zusammen zweiundvierzig Menschen, die diesen Globus bevölkern. Ihre Niederlassungen errichten sie längs dem Meeresstrande nach Westen zu, und mit ihrem Aufblühen schreitet auch die „Zivilisation“ vorwärts. Häuser erheben sich, Schmieden und Hundezwinger.

Ich blieb in dem alten Haus an den warmen Teichen und werde hier wohl bis zum Tode bleiben, den ich so heiß herbeisehne! Und so bin ich schon eine Ausnahme auf dieser seltsamen Welt, wo die Menschen, von der Erde verpflanzt, so früh reif werden und so früh sterben ...

Ich glaube, ich wäre ruhiger, wenn ich den Menschen auf der Erde ein Zeichen geben könnte, daß ich hier lebe und an sie denke. Das ist so wenig, und es würde mich so namenlos glücklich machen!

Es ist doch furchtbar, wenn ich bedenke, daß mich viele Hunderttausende von Kilometern, eine interplanetarische Strecke, die noch niemals zurückgelegt wurde, von dieser Scholle aus Stein und Lehm, auf der ich geboren bin, trennen!

Wie viel zufriedener müssen diese Zwerge hier sein, deren Gedanken nur damit beschäftigt sind, ob die Fischerei auf dem Meere reichlich ausfällt, der Salat gut aufwächst und die verwilderten Hunde nicht die eiertragenden Eidechsen in den Umzäunungen zerreißen ...

*

Heute habe ich einige Stunden auf der Friedhofinsel zugebracht ... Früher, vor vielen Jahren, saß ich dort gerne und dachte über die Vergangenheit des heute erloschenen Mondglobus nach; jetzt zieht es mich wieder oftmals dorthin, aber wenn ich auf dem mit Gräbern bedeckten Hügel am grünen Meere sitze, denke ich nur an Martha, Peter, Tom und an mich selbst und wann ich wohl endlich, endlich neben ihnen ruhen werde. Gerade heute, als ich so dort bei ihnen saß und auf die stille Meeresoberfläche blickte, überfiel mich ein so grenzenloses Leid, ein so trostloses Weh, daß ich wie ein Kind zu weinen begann und die Hände ausstreckte zu den Gräbern und sie bat, sich zu öffnen und zu mir zu sprechen oder mich in ihre Gesellschaft aufzunehmen.

Ich fühlte, daß es mir unmöglich ist, länger zu leben. Was hält mich auch noch auf dieser Welt? Schmerz, Leid, Sehnsucht, die furchtbarste Vereinsamung, alles das habe ich zur Genüge ausgekostet; seit langem bin ich niemandem mehr unentbehrlich: Nun ist es Zeit zum Fortgehen!

Ja, es ist Zeit! Ich will nur einmal noch die Erde sehen, auf diese helle Kugel schauen, die am Himmel hängt, auf die Erdteile, die langsam darüber kreisen und die dahingleitenden weißen Flecke der Wolken. Ich will noch einmal das Auge anstrengen, vielleicht erkenne ich das Land, wo ich geboren bin, und dann ...

Als ich zum Strande zurückruderte, war mein Entschluß gefaßt. Ich werde zum Polarlande gehen, um auf die Erde zu schauen.

Ich näherte mich meinem Hause und legte mir in Gedanken die ganze Fahrt und die dafür nötigen Vorbereitungen zurecht. Auf der Schwelle des Sommerhäuschensfand ich Ada. Sie war zu der gewöhnlichen Stunde gekommen, und als sie mich nicht antraf, wartete sie geduldig auf meine Rückkehr.

Mein Herz war so voll von der Hoffnung, die Erde, wenn auch nur von ferne, wiederzusehen, daß ich mich nicht zurückhalten konnte, Ada meine Absicht mitzuteilen.

— Höre! rief ich, als sie mich begrüßte, bald werde ich von euch gehen!

Sie sah mich mit dieser geheimnisvollen Würde an, die sie mir gegenüber stets bewahrt, und antwortete nach einem kleinen Zögern:

— Ich weiß, daß du fortgehst, wenn du willst, Alter Mensch ... aber ...

Noch niemals hatte mich die seltsame Art dieser Geschöpfe, mit mir umzugehen, an die ich mich schließlich schon hätte gewöhnt haben müssen, derartig aufgebracht. Im ersten Augenblick schnürte sich mir das Herz im Gefühl der Vereinsamung und Bitterkeit zusammen und dann packte mich ein unbezwinglicher Zorn.

— Genug dieser Narrheiten, rief ich, mit dem Fuß stampfend. Ich werde fortgehen, wann es mir gefällt und wann ich will, aber daran ist nichts Geheimnisvolles, nichts Ungewöhnliches! Geh zu Jan und sage ihm, daß ich morgen früh die Hunde für den Wagen haben will; ich fahre zum Polarland.

Ada sprach kein Wort und entfernte sich, um meinem Befehl nachzukommen.

Ungefähr zwei Stunden später bemerkte ich eine ungewöhnliche Bewegung vor meinem Hause. Jan und die Kinder, mit einem Wort, alle, die Frauen nicht ausgenommen, hatten sich versammelt und standen entblößtenHauptes, schweigend und ängstlich auf meine Tür blickend. Ada trat aus ihrer Gruppe heraus und blieb auf meiner Schwelle stehen. Sie war in feierlicher Kleidung: einen Kranz in den Haaren, von dem Halse bis zu den Hüften herab hingen Schnüre von blutigrotem Bernstein und blaue Perlen; in der Hand hielt sie einen Stab, aus den Wirbeln eines Hundes, die geglättet auf einen langen Kupferdraht gesteckt waren.

— Alter Mensch, wir wollen zu dir sprechen!

Eine unbeschreibliche Wut erfaßte mich. Ich wollte die an der Wand hängende Riemenpeitsche ergreifen und diese Horde, die mit einem solchem Pomp zu mir gekommen, auseinandertreiben; aber dann taten sie mir wieder leid. Was können sie dafür.

Ich hielt mich zurück und trat vor das Haus, in der Absicht, noch einmal den Versuch zu machen, ihnen vernünftig zuzureden. Der wilde Lärm des Beipflichtens, der sich nach Adas Ansprache erhoben hatte, verstummte sofort, als ich auf der Schwelle erschien. Man hörte in der Stille nur noch den jüngsten Enkel Jans leise weinen und das erstickte Flüstern der Mutter: Still, still, der Alte Mensch wird unwillig ...

Da überkam mich das Gefühl eines grenzenlosen Mitleids.

— Was wollt ihr von mir? sagte ich, Ada zur Seite schiebend.

Jetzt trat Jan vor. Er schaute mir eine Zeitlang mit dem Blick eines ratlosen, verängstigten Zwerges in die Augen und sagte schließlich, nachdem er sich umgesehen, um aus den Mienen der Kameraden Mut zu schöpfen:

— Wir wollten dich bitten, Alter Mensch, daß du noch nicht von uns fortgehen möchtest.

— Ja, ja, gehe noch nicht von uns! wiederholten flehend über dreißig Personen.

Es lag eine solche Angst und eine derartig inständige Bitte in ihren Worten, daß ich mich von einer tiefen Rührung ergriffen fühlte.

— Und was liegt euch daran? sagte ich, diese Frage mehr mir selbst als ihnen vorlegend.

Jan dachte eine Weile nach und begann dann langsam, mit sichtlicher Mühe, seine unklaren Gedanken und Empfindungen zusammenzufassen:

— Wir wären allein ... Es würde die lange Nacht und die große Kälte kommen. Oh, die böse Kälte, die wie ein Hund beißt, und wir würden allein sein ... Dann würde die Sonne aufgehen, und du wärest nicht bei uns, Alter Mensch ... Ada — hier blickte er auf die neben ihm stehende „Priesterin“ — Ada sagte uns, daß du dich mit der Sonne kennst und noch mit einem anderen Stern, der größer ist als die Sonne und geheimnisvoll und manchmal schwarz und dann wieder hell erscheint, den sie gesehen hat, als sie mit dir dort war im Norden ... Sie sagte, daß du von dort gekommen bist, und wenn du ihn siehst, zu diesem Sterne sprichst, in einer heiligen Sprache, dieselbe, in der wir zu dir sprechen müssen. Wir fürchten uns, daß du von dort nicht wieder zu uns zurückkehren könntest, denn wir würden allein bleiben. Wir bitten dich also ...

— Ja, ja, wir bitten dich, bleibe bei uns! riefen die Zwerge, den Satz Jans beendend.

Eine Zeitlang stand ich ratlos, ohne zu wissen, was ichihnen antworten sollte. Die Männer und Frauen umringten mich, streckten die Hände aus und baten mit angstvollen Stimmen:

— Bleibe bei uns, bleibe!

Ich fühlte, daß es zwecklos wäre, ihnen jetzt zu wiederholen, was ich ihnen schon so oft gesagt hatte, daß ich ein gewöhnlicher Mensch sei, durchaus mit keinen geheimnisvollen Kräften begabt und ebenso wie sie alle dem Tode verfallen. Ich wußte nicht, was ich tun sollte; in den Ohren tönte es mir nur unaufhörlich, gleichmäßig wie eine Litanei: Bleibe bei uns!

Ich schaute auf Ada. Sie stand abseits in ihrem Priestergewande, mit einer außerordentlichen Würde in der ganzen Gestalt, aber es schien mir, daß ich auf ihren Lippen ein Lächeln bemerkte — halb spöttisch, halb wehmütig ...

— Weshalb hast du sie hierhergeführt? frug ich.

Sie lächelte wieder und erhob die bis jetzt gesenkten Augen.

— Du hörst doch, Alter Mensch, was sie von dir wollen.

Rings umher dröhnte es unaufhörlich: Bleibe bei uns.

Das war mir zu viel.

— Nein, rief ich hart, ich werde nicht bleiben! Ich werde nicht bleiben, denn ...

Und abermals wußte ich nicht, was ich sagen sollte. Wie konnte ich ihnen erklären, daß ich gehe, um die Erde zu sehen, den mächtigen und hellen Stern, nach dem ich mich so grenzenlos sehne, ohne sie in dem wahnsinnigen Irrtum zu bestärken, daß ich ein übernatürliches Wesen bin? ... Inzwischen war es still geworden. Ich blickte auf die Versammelten und bemerkte, daß diese Zwerge weinten! Sie weinten bei dem Gedanken, daß ich sie verlassenwürde! Sie riefen nicht mehr, sie baten nicht, aber in ihren tränenvollen, auf mich starrenden Augen lag die Demut eines Hundes und ein Flehen, das lauter sprach als alle Worte. Sie dauerten mich unbeschreiblich.

— Ich werde von euch gehen, sagte ich mit weicher Stimme, aber noch nicht jetzt. Ihr könnt ruhig schlafen!

Ich hörte etwas wie ein Seufzen der Erleichterung, das sich ihren Kehlen entrang ...

— Und wenn ich einmal die Reise antrete, fügte ich hinzu, von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, die Reise, dort nach Norden, wo der schönste Stern leuchtet, von dem ihr von mir und von Ada gehört habt, dann werde ich auch euch mit mir nehmen, damit ihr ihn seht und später euren Kindern und Kindeskindern davon erzählen könnt.

— Du bist groß, Alter Mensch, groß und gnädig! antworteten mir zahlreiche freudige Stimmen. Gehe nur nicht von uns auf diesen Stern, von dem du sprichst!

— Wenn ich fortgehen könnte, seufzte ich unwillkürlich, aber leider bin ich nur ein Mensch, so wie ihr.

In der Gruppe der Zwerge entstand eine Bewegung. Sie schauten sich untereinander an, und es schien mir, daß ich auf ihren breiten Lippen etwas bemerkte, das einem schnellen Lächeln des Einverständnisses glich und sagen wollte: Wir wissen schon, wir wissen! Ada hat uns gesagt, daß der Alte Mensch aus irgendeinem unerklärlichen Grunde nicht will, daß wir wissen sollen, daß er ... der Alte Mensch ist ... Von neuem erfaßte mich der Mißmut; ich wandte mich um und ging in das Zimmer. Vor dem Hause entstand Lärm. Ich sah durch das Fenster,wie sich alle um Ada scharten, die lebhaft etwas erzählte, wahrscheinlich von mir und meiner Übernatürlichkeit.

Augenblicklich ist es nicht weit bis zum Sonnenuntergang, und das Mondvölkchen hat sich schon längst in seinen Häusern zerstreut, die sich in langer Reihe an den steinigen, nach Südwesten laufenden Ufern der warmen Teiche erheben. In einigen Stunden werden sie sich zu einem langen Schlafe niederlegen und wahrscheinlich von der ihnen vom Alten Menschen versprochenen Fahrt träumen und von der Erde, dem mächtigen, seltsamen und unbekannten Stern, den sie nur aus den Erzählungen kennen ...

*

In einigen Stunden werde ich das einzige wachende Wesen auf dem Monde sein.

Aber jetzt ist überall noch Leben. Ich sehe durch das Fenster, wie sich vor dem Hause Jans seine Söhne zu schaffen machen; nicht weit davon beenden die Frauen in aller Eile das Einsammeln der Nahrung vor der bald hereinbrechenden Nacht.

Ich weiß nicht, ob ich gut daran tue, mich noch länger unter diesem Völkchen aufzuhalten; aber da gibt es kein Überlegen mehr, denn ich habe ihnen versprochen, daß ich noch bleibe.

Und nur einen Trost fühlt mein altes, schwergeprüftes Herz — lange wird es nicht mehr schlagen müssen. Noch einige Tage, einige Mondtage höchstens, und dann ziehe ich gen Norden, zum Polarland, um dort das Leben zu beenden, — den Blick auf die geliebte Erde gerichtet.

Diese Zwerge werden sich an mein Versprechen erinnern, ich weiß es, und mich begleiten wollen. Und so werde ich einige von ihnen mitnehmen auf diesen letztenWeg; mögen sie die Erde sehen und dann zu den Brüdern zurückkehren — ohne mich.

Eine quälende Sehnsucht drückt mich. Es tut mir leid, daß ich nachgegeben und ihnen versprochen habe, noch hier zu bleiben. Der Gedanke ängstigt mich, es könne mir in kurzer Zeit vielleicht schon an Kraft und Leben fehlen, die Reise nach dem Lande, wo ich die Erde vor Augen habe, anzutreten.

Aber nein, meine Kräfte werden noch genügen! Ich wundere mich manchmal selbst über die Frische und Unverbrauchtheit meines Organismus. Ich nähere mich nun fast dem hundertsten Jahre, und es scheint, daß mich jeder Tag, statt meine Kräfte zu erschöpfen und meine Gesundheit zu untergraben, nur noch mehr stärkt und fester macht.

Und wiederum denke ich unwillkürlich an jene zugleich lächerliche und entsetzenerregende Überlieferung, die unter diesem Volke verbreitet ist, daß ich niemals sterben werde.

Ein furchtbarer Gedanke! Denn leider kann sich nur die physische Natur des Menschen an ihr Widersprechendes gewöhnen, die Seele niemals! Mein Schmerz und meine Sehnsucht werden nie verblassen, im Gegenteil, sie wachsen unaufhörlich ins Ungeheure, Riesenhafte.

Ich jage diesen Gedanken von mir und denke nur noch mit einem heißen Glücksgefühl daran, daß ich in einigen Mondtagen die Erde sehen werde. Das Herz schlägt mir dabei, als wenn ich ein zwanzigjähriger Jüngling wäre, der zu einem Stelldichein mit einer erträumten und über alles geliebten Beatrice geht, mit der er bisher nur in Träumen zu sprechen gewagt hat.

Aber ich weiß, meine Geliebte wird kalt sein, stumm und unerreichbar; ich werde sehnsuchtsvoll die Arme nach ihrausbreiten und sie durch die undurchdringlichen Himmelsräume rufen, sie wird weder meine Stimme hören noch mir irgendeinen Gedanken, noch eine Erinnerung weihen.

Es ist etwas Seltsames und zugleich Ungeheuerliches, den Gegenstand seiner Sehnsucht am Himmel zu haben. Es dünkt mich, daß ich an diesen entfernten, von hier aus unsichtbaren heimatlichen Stern mit einem langen Faden, der um mein Herz geschlungen ist, gebunden bin, der sich in die Unendlichkeit ausdehnen, aber niemals reißen kann. Und so an diese unerreichbare Welt gebunden, fühle ich, daß mir der Boden unter den Füßen fremd ist und immer fremd bleiben wird.

Ja, es ist etwas Furchtbares um die Liebe zu den Sternen! Denn die Erde ist für mich nur noch ein Stern, den ich über alles liebe. Wenn es Geister gibt, die von erhabeneren und lichteren Welten, von flammenden Sonnen vielleicht auf dunkle Planeten herabfallen, so erdulden sie in der Tat, wenn sie die Erinnerung bewahrt haben, die schrecklichsten Qualen, wie auch ich sie erdulden muß.

Wie oft am Tage wiederhole ich mir, daß jenes armselige, von mir so bemitleidete Mondvölkchen der Zwerge, das fast im Staube vor mir, dem Alten Menschen, kriecht, doch tausendmal glücklicher ist als ich.

Jetzt, nachdem sie ihre Arbeit beendet haben, gehen diese Leutchen um ihre kleinen Häuser herum, unterhalten sich, lächeln einander zu und sind heiter und zufrieden. Jan, der durch das natürliche Recht des Ältesten ihr Oberhaupt ist, ruft sie vor dem Abend, wie ich das ein für allemal vor Jahren angeordnet habe, zwecks gemeinsamen Lesens einiger Abschnitte aus den ihnen von mir bezeichneten Schriften, zusammen. Früher, zu Toms Lebzeiten, als Jannoch ein kleiner Knabe war, habe ich diese Abendversammlungen gewöhnlich geleitet, ihnen die Bibel oder andere zum Lesen bestimmte Bücher erklärt und von der Erde erzählt und von den Menschen; aber jetzt zeige ich mich nicht einmal mehr am Versammlungsort, dort unter dem Kreuze, dessen Bedeutung sie kaum verstehen. Warum soll ich zu ihnen sprechen, da sie sich jedes meiner Worte doch nur nach ihrem Sinne deuten und jede Wahrheit durch phantastische Legenden entstellen und verwirren?

Und dennoch, ich muß es mir immer wieder sagen: Sind sie schuld daran? Ist es ihre Schuld, daß sie alles, was sie hören, auf sich beziehen, unfähig, sich in Gedanken über diesen Landstreifen zu erheben, den sie bewohnen? Sind sie schuld daran, daß sie beim Lesen der Bücher der Genesis an ihren Großvater Peter denken, dessen Grab sie auf der Friedhofinsel kennen, und die Augen mit dem Ausdruck einer Götzenanbetung auf mich richten? Daß Menschen eine andere Welt bewohnen können, einen Stern, der denjenigen gleicht, die in der Nacht über ihnen leuchten, halten sie für etwas, woran man glauben muß, weil ich es gesagt habe, aber was sich vorzustellen unmöglich ist.

Ich habe alles getan, um in diesen Menschen die Seele zu wecken, und erst dann meine Bemühungen aufgegeben, als ich mich von der gänzlichen Unmöglichkeit überzeugt hatte. Ich sollte mir daher also keine Vorwürfe machen, und trotzdem fühle ich die auf mir lastende furchtbare Verantwortung für diesen Fall des menschlichen Geschlechts, das mir anvertraut war. Und wiederum die Ironie des Lebens: Sie sind in ihrer Weise glücklich, und ich gräme mich ihretwegen und vergrößere durch eine quälende Sorge um sie meinen nagenden Schmerz und meine Sehnsucht ...

Wieder sind Jahre auf der Erde verflossen, seit ich zum letztenmal diese Blätter in Händen hatte. Heute öffne ich das Tagebuch, um das Datum zu notieren, wo ich dieses Land am Meer für immer verlasse. Ich gehe endlich zum Polarland!

Seit unsermEXODUSsechshunderteinundneunzig Mondtage.

*

Alles ist schon bereit. Unsern alten Wagen, bis zur Hälfte kleiner gemacht und verbessert, habe ich mit Lebensmitteln und Brennmaterial versehen, die mir für eine lange Zeit des Aufenthaltes im Polarland genügen werden — länger vielleicht, als ich es benötige ... denn ich bin alt ... Ich sollte heute früh aufbrechen, aber es ist ein Umstand eingetreten, der meine Reise wohl um einen Mondtag verzögern wird.

Die Sache verhielt sich so: Seit Toms Expedition nach Norden zum Äquator, die er fast mit dem Leben bezahlen mußte, hatte ich streng verboten, derartige Reisen zu unternehmen, denn ich war fest überzeugt, daß sie zu keinem Ziel führen und die Teilnehmer nur unnötig in Gefahr bringen. Bisher befolgte man diese meine Anordnung aufs genaueste und ich glaubte bestimmt, daß es immer so bleiben würde, besonders in Anbetracht des geringen Unternehmungsgeistes dieses Mondvolkes, das mit seinem ganzen Interesse nur an den praktischen und alltäglichen Dingen und Lebensbedürfnissen hängt.

Und dennoch habe ich mich getäuscht. Es scheint selbst hierher ein Hauch jenes Feuergeistes von der Erde gedrungenzu sein und verborgen in der Brust dieser Zwerge zu leben; jenes Geistes, der dort den Fortschritt bewirkt und die Menschen zur Entdeckung neuer Weltteile im Ozean fortgerissen hat. Seit einiger Zeit schon bemerkte ich, daß einige der Männer mit sehnsüchtigen Augen nach Norden schauen, über das weite Meer. Sie frugen mich einst, was wohl dort sein könne hinter dem großen Wasser, und ich antwortete ihnen, daß ich es nicht weiß. Sie aber, wie in ihren Mienen deutlich zu lesen war, glaubten nicht daran. Sie hatten mich vielmehr im Verdacht, daß ich es ihnen nur nicht sagen wollte.

Die letzte Nacht verbrachte ich mit Jan an den nahen Petroleumquellen, mit der Zubereitung der Vorräte für die Reise zum Polarland beschäftigt. Als ich am Morgen ans Meer zurückkehrte, mich von dem Mondvolke zu verabschieden, um fern von diesen Gegenden mein Leben zu beenden, erfuhr ich, daß drei Männer, die kräftigsten und kühnsten, meine Abwesenheit benützend, nach Norden gefahren sind, wie mir ihre Frauen erzählten. Sie bauten sich einen Schlitten, brachten darin den zweiten Elektromotor unter und nahmen außer den nötigen Lebensmitteln zwei Hunde und verschiedene Pelze mit. Sie fuhren in der Nacht auf das festgefrorene Meer hinaus, um noch vor dem Morgen an das gegenüberliegende Ufer auf der nördlichen Halbkugel zu gelangen.

Ein wahnsinniges Unternehmen! Ich bin überzeugt, daß sie niemals zurückkehren werden, aber indessen muß ich den Bitten Jans und Adas nachgeben und noch einen Tag warten, um sie zu segnen, wenn sie heimkommen sollten, ehe ich fortgehe.

Ich frug die Frau Kaspars, des ältesten der drei Abenteurer,weshalb sie nach Norden gegangen wären. Sie antwortete, daß sie sehen wollten, was dort sei ... Darüber hinaus konnte sie mir keine Erklärung geben.

Schade um diese Menschen, denn sie werden unzweifelhaft zugrunde gehen und sind tüchtig, wie sie es bewiesen haben.

*

Endlich kommt der Tag der Abreise heran! Die Sonne ist seit einigen Stunden aufgegangen, und das Eis beginnt zu schmelzen, bald werde ich den Wagen besteigen und nach Norden aufbrechen.

So ohne Leid nehme ich von diesem Lande Abschied, obwohl ich doch weiß, daß ich fortgehe, um nie mehr wiederzukehren.

Ich sehe mich noch einmal nach dem Grabe Marthas, auf der entfernten Insel, um, und es ist mir seltsam weh zumute ...

Gestern vor dem Abend habe ich einige Stunden an diesem Grabe verbracht. Es war mir schwer, mich von ihm zu trennen: Das ist das einzige, was ich auf dieser Welt liebe. Ich habe ein wenig Erde von diesem kleinen Hügel mitgenommen, die will ich an die Lippen pressen, wenn ich allein im weiten Lande sterben werde.

Es ist Zeit, daß ich aufbreche ... Das Mondvolk sammelt sich, um mir Lebewohl zu sagen. Sie murren nicht, sie widersetzen sich nicht, sie wissen, daß es so sein muß. Ada, Jan und zwei seiner Brüder sollen mich zum Polarlande begleiten. Ich konnte ihnen das nicht abschlagen.

Die drei andern sind noch nicht heimgekehrt und werden wohl auch niemals heimkehren. Aber ich will nicht mehrlänger warten. Übrigens sind alle meiner Abreise wegen so niedergedrückt, daß sie nicht einmal an sie denken.

Nur Jan hat heute bei Sonnenaufgang ihre Namen erwähnt und hinzugefügt:

— Es ist ihnen ein Unglück zugestoßen, denn sie sind aufgebrochen, ohne den Alten Menschen um Rat zu fragen.

Ein Schluchzen der Versammelten antwortete ihm.

— Von jetzt ab werden wir niemanden mehr zu fragen haben, klagten sie und drängten sich weinend um mich.

Fast scheint es mir, daß diese Menschen mich lieben. Eine seltsame Entdeckung — in diesem letzten Augenblick ...

Aber das alles ist gleichgültig! Es ist Zeit für mich, aufzubrechen!

*

Unterwegs auf der See-Ebene.

Unterwegs auf der See-Ebene.

Ach, wie erleichtert atme ich auf, wenn ich bedenke, daß nun das Mondleben hinter mir liegt und vor mir nur noch ein kurzer Aufenthalt im Polarland — unser erster Aufenthalt einst auf diesem Globus — und dann — der Tod im Angesicht der Erde, meiner geliebten, am Himmel leuchtenden Heimat.

Langsam wird alles Traum für mich, mein vergangenes Leben und diese Menschen, die ich dort am Meere zurückgelassen habe; alles das zerrinnt in einen schillernden Traumnebel, durch den in meinem Geiste nur noch das flammende Rund der Erde glänzt.

Ich bin schon voller Ungeduld und möchte sie so schnell wie möglich sehen, da ich die Sehnsucht nicht mehr bemeistern kann. Es ist Nacht und der Schlaf will sich nichtauf meine Lider senken. Ich versuche durch Schreiben die langen Stunden zu verkürzen.

Wir haben zur Nacht hier haltgemacht, wo Peter einst die ersten Petroleumquellen entdeckte. Wie viele Jahre sind seitdem verflossen! Und wieder kehre ich in Gedanken zu diesem Leben zurück, das schon so weit hinter mir liegt. Meine verstorbenen Kameraden stehen mir vor Augen und Martha und ihre ersten Kinder, die ebenfalls nicht mehr leben ...

Ach, fort mit diesen quälenden Erinnerungen, jetzt, da ich meine Kräfte anspannen muß, das Land zu erreichen, von wo ich die Erde sehen werde!

Ich sehnte mich so unsagbar nach dieser Reise und dennoch muß ich zugeben, daß mir die letzten Augenblicke des Abschieds schwer wurden. Wie seltsam ist doch das menschliche Herz und wie stark die Macht der Gewohnheit! Man kann sich, scheint’s, selbst an die Gitter des Gefängnisses gewöhnen ...

Am letzten Morgen, als ich kaum die vorhergehende Notiz niedergeschrieben hatte, bemerkte ich, wie sich vor meinem Hause die ganze Bevölkerung dieser Welt versammelte. Sie kamen schweigend, finster und traurig und warteten. Ich zählte sie, am Fenster stehend; es waren alle, mit Ausnahme jener drei. Der Wagen stand bereit.

Ich ließ meinen Blick noch einmal über diese Räume gleiten, in denen ich fünfzig Jahre lang gehaust habe und da ich nicht wollte, daß man diese Wohnstätte als Aufenthalt des Alten Menschen etwa abergläubisch verehrt, steckte ich sie mit allem, was noch darin zurückgeblieben ist und was ich einst gebraucht hatte, eigenhändig in Brand und ging hinaus zu den mich Erwartenden. Einehelle Flamme leuchtete hinter mir durch Tür und Fenster. Es war mein eigener Scheiterhaufen.

Aus dem Munde der Versammelten brach ein gedämpfter kurzer Schrei. Sie schauten auf das brennende Haus und dann auf mich, und keiner rührte sich, um das Feuer zu löschen: Sie fühlten, daß ich es so wollte ... und alle schwiegen.

— Ich bin heute zum letztenmal unter euch, begann ich, um etwas zu sagen, da mich in dieser Stille, die nur durch das Knistern des Feuers unterbrochen wurde, Wehmut und Trauer befielen. Ich gehe von euch, sagte ich weiter, zu dem Lande, wohin ich schon lange zu gehen beabsichtigte. Ich zweifle daran, daß ich jemals hierher zurückkehren werde, ihr aber, wenn ihr wollt, könnt mich dort aufsuchen, solange ich nicht sterbe.

Die Zwerge schauten immer in Schweigen auf die flammenden Balken des Daches und auf mich; ich sah, daß einigen von ihnen Tränen über die Wangen liefen.

Ich atmete schwer; ich hatte das Gefühl, als wenn eine drückende Last sich auf meine Brust wälzte.

— Ihr seid alle unter meinen Augen aufgewachsen, begann ich wieder, mit Mühe nach Worten suchend, ihr wart mit mir bis zu diesem Augenblick, und von jetzt ab sollt ihr euch allein regieren. Denkt daran, daß ihr Menschen seid, denkt daran!

Die Stimme versagte mir und ich konnte nur mit äußerster Anstrengung fortfahren:

— Ich gab euch manche Lehren, vergeßt sie nicht! Ich lasse euch das Buch zurück, das heilige Buch, das ich von der Erde mitgebracht habe, das von der Erschaffungder Welt und von der Erlösung und Bestimmung des Menschen erzählt; lest es oft und lebt, wie es sich gehört.

Ich brach wieder ab, da ich fühlte, daß ich zwecklose Dinge redete.

Da trat ein junges Weib aus dem Kreise hervor und sprach:

— Alter Mensch, ehe du fortgehst sage, ob es recht ist, daß der Mann die Frau schlägt?

Diese Worte waren wie eine Losung. Im nächsten Augenblick umringten mich Frauen und Männer und begannen mit traurigen Stimmen zu fragen:

— Alter Mensch, sage, ob es recht ist, daß der ältere Bruder den jüngeren zur Arbeit zwingt, weil er schwächer ist?

— Sage, ob die Kinder das Recht haben, die Eltern aus der Hütte zu treiben, die sie einst selbst erbaut haben?

— Sage, ob es billig ist, daß einer aus dem Volke spricht: „Das sind meine Felder!“ und anderen nicht erlaubt, die Ernte davon einzubringen.

— Ob es recht ist, daß einer dem andern die Frau nimmt?

— Daß er die Handwerkszeuge beschädigt?

— Daß er sich für die ihm zugefügte Unbill rächt?

— Daß er zum eigenen Vorteil lügt?

— Sage, ob das recht ist!

— Sage es, ehe du fortgehst, denn sowohl du wie die Bücher haben gelehrt, daß man das alles nicht tun solle, und trotzdem geschieht es täglich in unserer Mitte!

Ein stechender Schmerz schnürte mir die Brust zusammen. Dieses Volk verlassend, sah ich nur zu klar, auf welchen Bahnen seine Entwicklung schreiten wird. Vieles vom menschlichen Geiste ist auf dem Wege zum Mondverloren gegangen, aber der menschliche Jammer ist mit uns von der Erde hierhergekommen!

— Das ist schlimm! antwortete ich endlich. Wenn unter meinen Augen derartige Dinge geschehen sind, was wird erst sein, wenn ich fortgehe?

— Weshalb gehst du also fort? antwortete man mir.

Diese Frage war so einfach und so furchtbar zugleich. Warum ich fortgehe?

Ich ließ den Kopf sinken wie ein Schuldbewußter, ohne zu wissen, was ich erwidern sollte.

Nur das Knistern des brennenden Hauses war in der Stille zu hören und ein dumpfes, entferntes Dröhnen des Vulkans.

Die Zwerge standen schweigend um mich herum. Sie fühlten scheinbar dasselbe, was ich in jenem Augenblick empfand, daß meine Abfahrt das unabwendbare Schicksal ist, dem man sich vergebens widersetzen würde.

— Vielleicht werde ich noch einmal zu euch zurückkehren. Lebt indessen in Frieden und menschlich, murmelte ich und wußte gar wohl, daß ich ihnen die Unwahrheit sagte, wie mir selbst.

— Du wirst nicht zurückkehren, rief Ada, die bis jetzt kein Wort gesprochen hatte.

Und dann, sich zu den Anwesenden wendend, fügte sie mit erhobener Stimme hinzu:

— Der Alte Mensch verläßt euch!

Es war etwas Grauenhaftes in diesem Schrei, der alle Versammelten wie mit einem Schauer überlief.

— Es muß so sein! sagte ich dumpf.

Eine Stunde später befand ich mich im Wagen und eilte mit Ada und drei ihrer Neffen gen Norden ...

*

Den vierten Mondtag sind wir schon unterwegs. Als die Sonne heute aufging, erhob sie sich nicht mehr gerade zur Höhe steigend, sondern schleppte sich am Horizont, gerötet kaum einige Fuß über der bläulichen Linie der Berge im Südosten. Das ist ein Zeichen, daß wir uns dem Ziel unserer Fahrt nähern. Im Norden taucht eine Bergkette vor mir auf; ich unterscheide schon mit bloßem Auge die höchsten, ewig von der Sonne beleuchteten Gipfel und die Schlucht, die das Tor zu der Polarmulde bildet.

Das Herz schlägt mir zum Zerspringen ...

Der heutige Tag wird kein Ende haben, denn in dem Augenblick, da die Sonne auf dieser Halbkugel untergehen müßte, werden wir schon auf dem Pol sein, im Land der ewigen Dämmerung, wo zu jeder Stunde gleichzeitig Morgen, Abend, Mittag und Mitternacht für die verschiedenen Meridiane ist, deren Knotenpunkt man dort unter den Füßen hat.

Und dort — werde ich die Erde sehen!

*


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