VI.

Im Polarlande.

Im Polarlande.

Nach vier Mondtagen der Fahrt, gerade zu der Stunde, da die Sonne in den Gegenden an den Warmen Teichen untergehen sollte, kam der große Augenblick. Wir sind durch die Schlucht der Bergkette hindurchgekommen, die die Grenzmauer der Polarmulde bildet.

Mit einer tiefen Rührung betrat ich dieses Land, die Augen nach der Himmelsrichtung lenkend, wo sich mir bald die Erde zeigen sollte, und als ich sie plötzlich in der Spalte der Felsen erblickte, war ich so bis ins Innersteder Seele erschüttert, daß ich zunächst meine Begleiter ganz vergessen hatte. Erst nach einer Weile, als ich mich von den Knien erhob (denn kniend begrüßte ich sie, meine geliebte Heimat, und mit ausgestreckten Händen, wie sie ein Kind der Mutter entgegenstreckt), sah ich auf meine Umgebung. Jan und sein ältester Sohn wie seine beiden Brüder, die mit mir hierhergekommen sind, standen mit entblößten Häuptern, wie versteinert, mit einer heiligen Furcht in den Zügen, die starren Blicke auf das Halbrund der Erde gerichtet; vor ihnen Ada, die Arme zu dem Sterne der Wüste erhoben. Geraume Zeit ging vorüber, bis sie sich endlich zu ihren in Nachdenken versunkenen Kameraden wandte:

— Von dort istergekommen, sagte sie mit gedämpfter Stimme, als wenn sie nicht wollte, daß ich es höre, und dorthin wird er zurückkehren, wenn die Zeit erfüllt ist. Werft euch zu Boden.

Und sie warfen sich zu Boden vor dem Anblick der Erde, auf der ihre Väter einst gelebt haben ...

Nachdem sie sich erhoben hatten, wagten sie es nicht, sich mir zu nähern, und ich rief sie zu mir und begann ihnen mit vor Rührung zitternder Stimme die Erscheinung zu erklären, die sie vor sich hatten. Sie drängten sich um mich, verängstigt, von Grauen geschüttelt, als wenn sie unsicher wären, ob ich mich nicht im nächsten Augenblick über ihre Köpfe erheben und durch die blasse Luft zu diesem hellen Sterne fliegen würde!

Ach, wenn ich es könnte!

Und als ich so zu ihnen sprach, so gänzlich unverstanden, beschäftigte mich plötzlich dieser Gedanke derartig, daß ich unwillkürlich verstummte, auf die Erde starrte undnur noch fühlte, daß ich diesen Menschen hier nichts mehr zu sagen hatte.

Und sie schwiegen lange, bis sie sich endlich, etwas näher zusammentretend, mit den Ellbogen zu stoßen begannen und, auf die Erde zeigend, flüsterten:

— Sieh, sieh,erist von dort gekommen.

— Damals, als es hier noch niemanden gab ...

— Ja ...Erhat den Großvater Peter hierhergebracht und seine Frau Martha ... Und einen, der der Vater unseres Großvaters war, hat er auf der Wüste tot zurückgelassen ... so lehrt Ada.

— Das steht nicht in der Heiligen Schrift. Dort ist nur die Rede von Adam, das ist sozusagen Peter, und von ...

— Still, die Heilige Schrift ist anders ... Die Heilige Schrift hat er ebenfalls von dort mitgebracht.

— Ja, alles hatergeschaffen; für die ersten Menschen haterhier Meer und Sonne und Teiche geschaffen ...

Ich wandte mich, als ich diese letzten Worte hörte, schnell um und die halblaut geführte Unterhaltung verstummte sofort.

Ich wollte sie tadeln, aufklären, aber es fiel mir wieder ein, wie vergebliche Mühe das wäre. Ich sagte ihnen deshalb nur, daß sie das Zelt aufschlagen möchten, da wir hier längere Zeit bleiben würden. Und seitdem fließen die Stunden, von der unsichtbaren Sonne auf den rosagefärbten Berggipfeln aufgezeichnet, fließen für sie, scheint es, langsam, für mich aber viel zu schnell dahin!

So teuer ist mir dieses Polarland, daß Angst und Schmerz mich bei dem Gedanken schütteln, dorthin zurückzukehren, dorthin zu den Warmen Teichen. Hier verweilendhabe ich den Eindruck, daß ich mich schon im letzten Vorzimmer befinde, fast auf der Schwelle der Mondwelt, daß von hier nur noch ein Schritt durch den interplanetarischen Weltenraum zur Erde ist, und bei Gott, sie lockt mich mehr, diese endlose, tote Wüste hinter den Bergen dort vor mir, als jenes fruchtbare Land, wo ich so lange gelebt habe.

Sogar das Grab Marthas auf der Friedhofinsel zieht mich jetzt nicht mehr dorthin. Ich habe ja hier so viel mehr von ihr um mich als dort ... Hier hat sie mir gehört, obwohl wir niemals miteinander davon gesprochen haben; hier stand sie über meinem Lager gebeugt, als ich krank war, hier wandelte sie mit mir auf den grünen üppigen Wiesen oder kletterte auf die rosigen Berggipfel, und dort ... war sie die Frau eines andern, dort schaute ich nur auf ihren Schmerz und auf ihre Demütigung, selbst gedemütigt und von Schmerz zerrissen.

Wohl ist es mir hier im Polarland, so wohl wie es nur einem Menschen sein kann, der alles verloren hat, sogar die Erde unter seinen Füßen, und, auf einem silbernen Globus zwischen den Himmeln hängend, nur der Vergangenheit lebt und der Ferne und dem Gedanken an das, was unwiederbringlich dahin ist ...

Still, still, du altes, unverbesserliches, ruheloses Herz! Hier hast du das lichte Rund der Erde vor dir, dieselben Wiesen, auf denen sie, die Tote, wandelte, und auch das Grab ist sicher nicht mehr fern — was willst du noch?

*

O meine Brüder, dort auf der hellen Kugel, die in diesem Augenblick vor meinen Augen leuchtet!

O meine fernen Brüder! O meine unbekannten und über alles teuren Brüder!

O Erde, lichter Stern, Freude meiner Augen, flammende Leuchte über den Wüsten!

Erde, du Paradies der höchsten Wonnen! Wahrhaftes Kleinod, lichter Smaragd, in die lasurblauen Meere gefaßt, o herrlichste Blume, duftender Weihrauch! Wie Vogelstimmen tönende Harfe!

O Erde! Erde! Heimat! Verlorene Mutter!

Schluchzen hebt mir die sehnsuchtsvolle Brust, und ich habe keine Tränen mehr, dich zu beweinen, Stern, über Wüsten leuchtend! Welt, über alle anderen der glühendsten Liebe wert!

Zu dir strecke ich meine Arme aus, ich, der dir so Ferne, der unglücklichste deiner Söhne und der einzige, dem du dich jetzt in deiner goldenen Gestalt zu zeigen geruhst! Stern unter den Sternen am Himmel!

Ich bete zu dir, einsam und verlassen, ich, den du als Kind kanntest, und der grau geworden ist, nicht auf deinem Mutterschoß:

Erde!

Vergib, daß ich mich von dir abwandte, durch die Begierde nach Erkenntnis, die du selbst in mir großgezogen, getrieben und verwirrt. Von dem Silbergesicht dieses toten Globus verführt, den du vor Zeiten von dir geworfen, daß er deine Nächte erleuchte und deine Meere einwiege!

Ich flehe zu dir, dein für ewig verlorener Sohn, dem du alles Gute gegeben, die menschliche Gestalt und den denkenden Geist, Blumen, die seine Augen erfreuen, und Vögel, an deren Gesang er sich laben konnte, und Brüder,daß er Schmerz und Freude mit ihnen teile; der verlorene, grausam bestrafte, nie mehr zu dir zurückfindende Sohn und der Kinder schlechtestes auf deinem breiten Schoße:

Erde!

Vergiß mich nicht! Leuchte meinen Augen, ehe sie der Schleier des ersehnten Todes umhüllt! ...

Ich trinke, verschlinge mit der ganzen Seele dein Licht! Berausche mich mit deinem gesegneten Lichte!

Dein Licht, zurückgeworfen vom Lasurblau der Meere, von schneeigen Gipfeln und grünen Gefilden, von den kleinen schimmernden Blättern der Bäume, von blühenden Kelchen, vom Tau, der auf den Wiesen dort leuchtet, von Bauernhütten und von ragenden Türmen der Kirchen, von menschlichen Zügen, die in Nachdenken versunken zum Himmel schauen, Hunderttausende von Meilen hat es durchflogen, durch die ewige Wüste zu mir eilend, und ist mir jetzt alles: das Lasurblau deiner Meere und das Grün deiner Fluren, des Taues Glanz, wie der Blumen prächtigste Farbe und des menschlichen Geistes Widerschein, der sich in den zum Himmel gewandten Augen spiegelt!

O Erde, meine Erde!

Wann wird mein Geist, von der körperlichen Hülle befreit, endlich auf diesen leuchtenden Saiten, die zwischen dir und der furchtbaren Welt hier gespannt sind, zu deinem Mutterschoß zurückgelangen und in balsamischen Lüften alles mit Küssen bedecken, was er geliebt und wonach er sich so grenzenlos sehnt!

O Erde!

Ich habe seltsame Ahnungen, daß ich bald sterben werde. Dieser Gedanke umkreist mich beständig; die Luft ist voll von ihm und die blutigen Sonnenstrahlen, der Himmel erscheint gleich einem weichen Schleier, und die Erde leuchtet wie eine silberne Lampe im Grabe. Niemals fühlte ich so wie jetzt, daß der Tod nahe ist.

Ohne Schmerz, ohne Leid und ohne Unruhe denke ich daran, aber — was erstaunlicher ist — auch ohne Freude, die doch die endlich nahende Erlösung in mir erwecken müßte ...

Es scheint, daß mir noch etwas zu tun übrig bleibt, etwas ungemein Einfaches und ungeheuer Wichtiges, worauf ich jedoch nicht kommen kann. Und das bedrückt mich, und das ist die Ursache, daß ich ihn nicht mit Freuden begrüße — den Tod-Erlöser!

Im Traume höre ich, wie sie mich rufen von der Erde. Und ich, ebenfalls im Traume, antworte ihnen jedesmal: Ich sehne mich so maßlos danach, zu euch zu gehen, aber ich finde mich nicht zurecht ...

Führt nicht der Weg auf die Erde dort durch die luftlose Wüste? ...

*

Ich war vor kurzem auf dem Berge, von dem aus ich mit Peter auf die Sonnenfinsternis geschaut habe und dann auf den See, der plötzlich die ganze Polarmulde überflutete.

Ich habe Ada auf diesen Ausflug mitgenommen; sie bat mich darum, als sie gesehen, daß ich öfter auf die benachbarten Berge steige, um auf die Erde oder die Wüstezu blicken, die hier schon an der Grenze des Horizontes sichtbar ist. Sie drängte mich, daß ich sie einmal mitnehmen möchte, damit auch sie betrachten könne, worauf ich schaue und wonach ich mich sehne. Als sie heute mit mir ging, legte sie die feierlichsten Priestergewänder an und sagte zu Jan, daß sie auf die Heimat des Alten Menschen schauen werde. Unterwegs mußte ich über ihre Würde lachen; wenn man sie ansah, schien es, daß sie auf diesen Berg schreite, um ein heiliges Opfer darzubringen. Ich glaube, daß die Leute, die wir in dem Zelt im Tal zurückließen, zum wenigsten davon überzeugt waren. Sie blickten ihr mit Bewunderung und Ehrfurcht nach. Schweigend erstiegen wir den Berg. Das Lachen, das sich unwillkürlich in mir geregt hatte als ich Adas Priestergewänder gewahrte, ist davongeflogen, weit, weit fort von mir; ich habe sogar vergessen, daß dieses Geschöpf hinter mir ging. Ich sah nur noch die Erde, die sich langsam, je nachdem ich vorwärtsschritt, über dem Horizonte erhob, und auf die Sonne, die, hier schon sichtbar, wie eine rote Kugel auf der gegenüberliegenden Seite des Horizontes stand. Unter meinen Füßen breitete sich ein wahrer Teppich von Pflanzen, die dem Heidekraut ähnlich und von der Sonne rosig gefärbt waren, über meinem Haupte der blasse, erloschene Himmel.

Eine seltsame Empfindung überkam mich! Es schien mir, daß ich mich, diesen Berg ersteigend, schon für immer von den Mondleuten entfernte und von dieser ganzen mir so widerwärtigen Welt; es schien mir, daß ich wirklich ein geheimnisvoller Alter Mensch bin, der sein schweres Werk vollbracht hat und jetzt zu der Heimat zurückkehrt, dort inmitten der Sterne ... Und die rotglühende Sonneliegt schon in meinem Rücken und nimmt Abschied von mir auf dieser Welt, die mir nur Mühe und Schmerz und Qual gewesen, und die Erde erhebt sich vor mir, mächtig, hell erstrahlend, bereit, mich in ihren lichten Schoß aufzunehmen ...

Ich stand auf dem Gipfel des Berges und erkannte, mich in den Anblick der Erdscheibe versenkend, in der klaren Luft den vorübergleitenden hellen Keil Europas. Er war deutlich sichtbar, obwohl Wolken, die über Frankreich und England glitten, seine Konturen von dieser Seite her verwischten ... Aber die breiten polnischen Ebenen im Osten glänzten wie ein glatter silberner Spiegel, von der einen Seite an den dunklen Streifen des Baltischen Meeres gelehnt, von der anderen an die Kette der Karpathen, deren Gipfel jetzt wie eine Schnur kostbarer Perlen schimmerten. Die Erscheinung meiner Heimat an dem blauen Himmel war so unerwartet und bezaubernd für mich, daß ich einen Augenblick mit zurückgehaltenem Atem, ganz Auge geworden, dastand, bis ich plötzlich wie ein Kind in Weinen ausbrach und auf mein Antlitz fiel — dort oben auf dem Gipfel des Mondberges.

Als ich mich nach geraumer Zeit erhob, sah ich mit Staunen, daß Ada zu meinen Füßen kniete und helle Tränen über ihr Gesicht herabflossen.

— Was ist dir? frug ich fast gedankenlos.

Sie aber, statt mir zu antworten, umfaßte meine Knie und weinte herzzerreißend. Endlich hörte ich aus ihrem Schluchzen die abgerissenen Worte heraus:

— Du bist unglücklich, Alter Mensch.

— Und deshalb weinst du?

Sie erwiderte nichts, unterdrückte nur ihr Schluchzen und starrte auf die goldene Scheibe der Erde.

Und wieder verfloß eine lange Zeit in Schweigen.

Dann erhob Ada das Haupt und schaute mir mit einem eigenartig durchdringenden Blick in die Augen.

— Hier auf dem Monde ist alles traurig und unglücklich, sogar du, sagte sie. Weshalb bist du hergekommen? Weshalb von diesem Sterne ...

Sie brach ab und fuhr nach einer Weile fort:

— Meine Eltern sind gestorben. Und warum stirbst du nicht?

— Ich weiß es nicht.

Ich sagte die Wahrheit; ich weiß in der Tat nicht, warum ich nicht sterbe ...

Und wieder überkam mich die schreckliche Angst, denn ich mußte an jenes furchtbare Mondmärchen denken, daß ich niemals sterben würde.

Ada antwortete, wie zu sich selbst sprechend:

— Denn du bist der Alte Mensch. Und trotzdem bist du unglücklich.

— Gerade deswegen, entfuhr es mir unwillkürlich.

Als wir den Berg hinabstiegen, gewahrte ich plötzlich an einer Biegung das Zelt Jans und der Kameraden, das an derselben Stelle aufgeschlagen war, an der einst unser Zelt gestanden, und eine Täuschung gaukelte mir vor, daß mich in diesem Zelt Martha, den kleinen Tom an der Brust, erwarte und Peter, wie gewöhnlich in Nachdenken versunken, aber noch jung und nicht gebrochen wie dort am Strand des Meeres.

Dieses berauschende Traumbild wurde durch den Anblick der Zwerge, die sich um das Zelt zu schaffen machten, grausam zerstört.

Als ich sie erblickte, blieb ich voll Widerwillen stehen. Ada bemerkte es.

— Du willst nicht zu ihnen gehen, Alter Mensch? fragte sie.

Was sollte ich antworten? Ich sah mich unwillkürlich nach der Erde um und schritt ins Tal hinab: nur noch ein kleines Segment von ihr war am Horizont sichtbar.

Ada fing meinen flüchtigen Blick auf und legte flehend die Hände zusammen:

— Nein, nein, noch nicht jetzt! Sie brauchen dich noch.

Sie fürchtete, daß ich dorthin zu meiner Heimat gehen wollte.

— Denkst du, daß ich auf die Erde zurückkehren kann? sagte ich.

— Du kannst alles, was du willst, antwortete sie — aber ... wolle nicht!

Als ich ermüdet und niedergedrückt zum Zelt zurückgekehrt war, legte ich mich nieder, aber der Schlaf wollte nicht kommen. Vor allem ließ mich einige Stunden hindurch das Flüstern meiner Begleiter hinter der Zeltwand keine Ruhe finden. Sie umringten Ada und frugen sie nach mir aus, was ich während meines Ausfluges gesprochen und getan hätte ... Ihr Geschwätz peinigte mich und als ich endlich eingeschlafen war, träumte mir von vergangenen Zeiten, von Martha, von der Mondwüste und von der Erde! ... Von der Erde ...

Ach, wie mich diese Träume quälen ...

*

Ich möchte allein sein. Diese Menschen, die mit mir hierhergekommen sind, ermüden mich unsagbar. Es scheintmir, daß sie unaufhörlich zwischen mir und der Erde stehen und einen Schatten auf meine Seele werfen ...

Sie indessen denken nicht einmal an die Abfahrt! Sie haben es sich bequem gemacht auf der Ebene, richten sich ein, tragen Vorräte zusammen, als wenn sie sich dauernd hier niederlassen wollten. Geben sie sich etwa der Täuschung hin, daß es ihnen mit der Zeit gelingen werde, mich zur Umkehr zu bewegen?

Wer weiß, ob nicht Ada bei alledem die Hand im Spiele hat? Immer mehr staune ich über diese Frau. Manchmal weiß ich tatsächlich nicht mehr, ob ich es wirklich mit einer Irrsinnigen zu tun habe, so anders erscheinen mir neuerdings ihre Handlungen und Worte. Oder ist es etwa nicht wunderbar, daß diese Wahnsinnige eigentlich die Verständigste von all den hier Geborenen ist?

Und übrigens, was kümmert es mich? Ich bin doch ein Mensch aus einer anderen Welt, der fertig ist mit dem Leben und so müde, so furchtbar müde durch das, was dieses Leben ihm brachte.

Oh, wenn sie mir doch endlich Ruhe geben und fortziehen und mich allein lassen wollten!

O Erde, Erde! Du weißt nicht, wie schwer es mir ist, ohne dich zu leben, und wie gerne ich sterben möchte! Morgen, heute, sofort ...

*

Welch eine Lästerung habe ich niedergeschrieben! Noch gestern wollte ich sterben, und heute will ich leben, muß ich leben, noch einige Mondtage, dann mag geschehen, was will! Es saust mir im Kopfe, und ein unaussprechlich wonniges Gefühl will mir die Brust zersprengen. So ist es, so ist es! Ich muß es erfüllen, ich muß!

Gott, wie danke ich dir, daß ich unseren alten Wagen mit mir habe und genügende Vorräte. Und es ist so einfach! Wie sonderbar, daß ich nicht früher daran gedacht habe!

O Erde! O meine Brüder! Ich bin doch nicht so verlassen und von euch abgeschnitten, wie ich es bis vor kurzem glaubte; ich habe ein Mittel, euch Nachrichten von mir zuzusenden und, obwohl ich es mit dem Leben bezahlen werde, will ich es tun, so wahr mir Gott helfe!

Ich werde auf der Wüste sterben, im vollen Glanz meines geliebten Sternes, meiner Mutter! Aber vorher ...

*

Ach, daß ich sie finden möchte! An sie denke ich jetzt nur, von ihr träume ich, und wahrhaftig, ich weiß nicht, ob ich jemals im Leben den Anblick des geliebten Weibes so heiß begehrt habe, wie ich heute begehre, sie wiederzufinden — diese Kanone, die wir vor fünfzig Jahren am Grabe O’Tamors zurückgelassen haben! ...

Als mir dieser Gedanke zum erstenmal durch den Kopf fuhr, überkam mich ein wahrer Freudentaumel; er erschien mir wie eine Offenbarung, die mir das Mittel zur Verständigung mit meinen Brüdern auf der Erde zeigte.

Denn, in der Tat, fünfzig Jahre lebe ich hier und habe nicht ein einziges Mal auch nur daran gedacht, daß dort, auf demSinus Aestuum, inmitten der Steinwüste, am Grabe O’Tamors, eine Kanone steht, die genau auf die Mitte der silbernen Erdscheibe zielt und nur auf den Funken wartet, um den ihr anvertrauten Brief in den Weltenraum, der Erde entgegenzuschleudern.

So ist es. Ich werde auf die Wüste hinausgehen unddiese Kanone suchen; ich werde die Leiche des greisen O’Tamor in dem felsigen Grabe auffinden. O’Tamor, der diese Kanone seit fünfzig Jahren bewacht, die leeren Augenhöhlen der Erde zugewendet ... Ich weiß, daß ich von dieser Expedition nicht zurückkehre; ich bin zu alt und zu erschöpft, und vor allem habe ich nichts, wohin ich zurückkehren könnte. Der Tod hat mich verschmäht, er wollte nicht zu mir an das Meer kommen, so werde ich ihm entgegengehen, in dieses furchtbare Land, das sein Königreich sein muß.

Und ich werde dort ruhen, neben O’Tamor und der abgeschossenen Kanone, auf Felsen gebettet unter dem Rund der Erde am Zenit! ... Ach, wenn es doch bald wäre — so bald wie möglich!

Aber vorher ... Oh, wie das alte Herz hämmert! Vorher werde ich dieses Tagebuch zusammenfalten, dieses Buch des Schmerzes, das ich den künftigen Mondvölkern hinterlassen wollte; ich werde es an die Brust pressen und küssen und in einer Kugel, wie ein Brief in einer Stahlhülle, zu euch senden, ihr entfernten Brüder! Ich träume davon mit klopfenden Schläfen, wie dort auf der Erde jemand diese Stahlkugel findet, — nach Wochen vielleicht, oder nach Jahren, nach Jahrhunderten. Und nachdem er sie geöffnet, ein Bündel Papiere herausnimmt ...

Dann werdet ihr, meine unbekannten Brüder, lesen, was ich im unaufhörlichen Denken an euch und an unsere gemeinsame Mutter, die Erde, geschrieben habe. Ihr kennt sie im grünen Kleide, in der üppigen Pracht der Blüten und im Silberglanze der Wintermorgen, mir ist sie auch vertraut als Himmelslicht, rein und ruhig, das seit unendlichenZeiten über dem Reich der Stille und des Todes leuchtet!

Ihr wißt nicht, geliebte Brüder, wie schön eure Mutter ist, wenn man sie durch die Abgründe der Himmel erschaut, und wie ich mich nach ihr sehne und nach euch — und diesen Weltenraum verfluche, der uns trennt, obwohl er mir mit zauberischem Glanze die goldene Heimat malt!

*

Die Sonne stand schon zum drittenmal über der Wüste und zum drittenmal verblaßte die Erde seit der Zeit, da wir nach langer, mühseliger Fahrt im Polarland anlangten, als Jan, der mich in Nachdenken versunken auf den Hügeln überraschte, zu mir trat und sprach:

— Alter Mensch, es ist Zeit, zurückzukehren!

Ich zuckte bei diesen Worten zusammen und war in meinen Gedanken so mit der Erde beschäftigt, daß ich den Sinn zuerst nicht verstand, sondern glaubte, er rufe mich zur Rückkehr dorthin, woher ich gekommen bin! ...

Aber er sagte weiter:

— Frauen und Kinder warten unserer ... Es ist Zeit, an das Meer zu den warmen Teichen zurückzukehren, zu unseren Behausungen und Feldern, Alter Mensch.

Er sagte es befangen, vielmehr im Ton einer Frage, aber trotzdem las ich in seinen Zügen einen unerschütterlichen Entschluß. Und plötzlich überkam mich eine unsägliche Trauer: Diese Menschen sind mit mir hierhergekommen und denken jetzt an die Rückkehr, an ihre Familien, an die Heimat, nach der sie sich sehnen und die sie bald wiedersehen werden — und ich? ... Mein Haus, meine Familie und meine Heimat dort — am Himmel! Ich kann nicht zu ihr zurückkehren, obwohl anmir sicherlich eine hundertmal heißere Sehnsucht nagt nach ihr, die ich auf ewig verloren habe, als an diesen Leuten nach einem Stückchen Mond, am Strande des Mondmeeres! Eifersucht bemächtigte sich meiner.

— Kehrt zurück! sagte ich trocken.

— Und du? rief Jan, mit Verwunderung und Entsetzen zu mir aufblickend.

— Ich werde hierbleiben. Ich habe euch doch, als ich euch mit mir nahm, gesagt, daß ich gehe, um niemals wiederzukehren.

— Ja, flüsterte Jan, aber ich dachte, daß mit der Zeit vielleicht doch ... Hier ist es nicht gut für Menschen ...

— Kehrt also zurück. Ich bleibe.

Er entgegnete kein Wort mehr, neigte nur das Haupt, als wenn er von einem Wurf in den Nacken getroffen wäre und entfernte sich eiligst. Zu Ada, dachte ich mir, um Rat zu holen.

Ich hatte mich nicht getäuscht. Nach einer Weile kam die „Mondpriesterin“. Ich war auf eine lächerliche Szene mit Bitten, Beschwörungen und Weinen vorbereitet, wie sie sich vor Aufbruch zu der Fahrt hierher abgespielt hatte, und daher sehr verwundert, als Ada allein und still kam, weder fragte, noch um etwas bat, sondern nur sagte:

— Du bleibst hier, um auf die Erde zu schauen, Alter Mensch?

Ich nickte schweigend mit dem Kopfe.

— Aber du wirst doch nichtdorthingehen?

Bei diesen Worten deutete sie mit einer Bewegung auf die Erde und die unter ihr liegende Mondwüste.

Unwillkürlich folgte ich ihren Blicken, und da war es,als zum erstenmal der Gedanke in mir auftauchte, daß ich mich dorthin begeben könnte, auf die Wüste, die ich vor fünfzig Jahren mit meinen Kameraden zurückgelegt hatte, um mich wenigstens für kurze Zeit, ehe ich sterbe, der Erde näher zu fühlen, sie direkt über mir zu haben. Heute erfüllt mich dieser Gedanke ganz und gar; er begleitet mich im Wachen und im Schlafe und ich kann mich nicht eine Minute von ihm losreißen. Aber damals war es kaum ein erstes Aufblitzen, das ich zunächst in mir erstickte, denn ich glaubte, daß es etwas Unmögliches sei; als wenn der Tod an der Grenze der Möglichkeit stünde und es unmöglich wäre, etwas zu kaufen, was man mit dem Leben bezahlen muß.

— Dorthin wirst du also nicht zurückkehren, wiederholte die Priesterin.

Ich zögerte.

— Nein. Noch nicht.

— So ... könntest du vielleicht doch noch mit diesen Armen am Meere wohnen? Sie möchten dich so gern in ihrer Mitte haben.

— Nein! antwortete ich hart, da ich sah, daß ich wieder mit Bitten bestürmt werden sollte. Ich will hierbleiben.

— Wie es dir gefällt, Alter Mensch. Sie werden sehr traurig sein, aber ... wie es dir gefällt, so wirst du tun. Wenn sie allein zurückkehren, werden diejenigen, die zu Hause geblieben sind, fragen: Und wo ist der Alte Mensch, auf den wir seit unserer Kindheit geschaut haben? Sie aber werden die Köpfe sinken lassen und antworten: Er hat uns verlassen. Aber wie es dir gefällt. Schließlich wissen sie, daß du ein Gast unter ihnen bist und die Zeit kommen wird, da sie sich allein regieren müssen.

— Du wirst bei ihnen bleiben und sie regieren, sagte ich. Sogar Jan gehorcht dir und achtet deinen Willen.

— Nein, ich werde nicht bei ihnen bleiben.

Ich sah sie erstaunt an; sie zögerte, dann glitt sie langsam zu meinen Füßen nieder:

— Ich habe eine Bitte an dich, Alter Mensch.

— Sprich.

— Jage mich nicht fort!

— Wie?

— Jage mich nicht von dir. Erlaube mir, bei dir zu bleiben.

— Bei mir, hier im Polarland?

— Ja, bei dir im Polarland.

— Aber weshalb? Was willst du hier? Dort sind diejenigen, die dir nahe stehen, dort am Meeresstrande.

— Ich weiß, du stehst mir nicht nah, denn du bist von einem fernen Stern gekommen; ich weiß es, aber erlaube mir dennoch ...

Ich dachte über diese seltsame Bitte nach.

— Weshalb willst du bei mir bleiben? frug ich endlich zum zweitenmal.

Ada neigte das Haupt und sagte mit dumpfer, aber fester Stimme:

— Ich liebe dich, Alter Mensch.

Ich schwieg, sie sprach nach einer Weile weiter:

— Ich weiß es, daß es eine strafwürdige Kühnheit ist, wenn ich zu dir sage, daß ich dich liebe, aber ich kann das, was ich fühle, nicht anders bezeichnen. Meiner Eltern erinnere ich mich kaum mehr. Ich weiß nur noch, daß sie unglücklich waren. Auf dich schaue ich seit meiner Kindheit, und ich sehe in dir alles Große, Lichte, Mächtige,etwas, das ich nicht kenne, aber ich weiß, daß es von den Sternen mit dir hierhergekommen ist.

Sie verstummte. Und als ich noch in höchstem Staunen ihre sonderbaren Worte an meiner Seele vorüberziehen ließ, begann sie von neuem:

— Und dabei warst auch du unglücklich und so einsam, einsam das ganze Leben hindurch, einsam wie ich. Ich weiß nicht, weshalb du von dem dort leuchtenden Stern auf den Mond gekommen bist ... Du wolltest es so ... Ich weiß, daß du alles tust, was du willst, — du genügst dir und bedarfst meiner nicht, aber ich will dir dienen und bis zum Ende mit dir zusammen sein. Jage mich nicht fort! Du Großer, du Guter und Kluger!

Nach diesen Worten neigte sie sich abermals zu meinen Füßen und verharrte so, mit der Stirn auf meinen Knien.

— Und wenn du dann fortgehen willst, zurückkehren zu deiner am Himmel strahlenden Heimat, sagte sie nach einer Weile des Schweigens, so werde ich dich bis an die Grenze dieser großen, toten Wüste begleiten und von dir Abschied nehmen und dir noch lange, lange nachschauen, bis du meinen Augen entschwunden sein wirst und dann zu den Menschen am Meeresstrande zurückkehren und ihnen nur sagen: Er ist fortgegangen ... Dann werde ich sterben.

Während sie so mit einer Stimme zu mir sprach, flüsternd und träumerisch, wie ich sie noch nie bei ihr vernommen hatte, waren die Mondzwerge nahe herangeschlichen und lauschten ihren Worten mit angehaltenem Atem. Und plötzlich hörte ich Jan leise sagen:

— Der Alte Mensch geht fort von uns ... auf die Erde!

Und dann Weinen. Ein seltsames, durchdringendes, halblautes Weinen. Und sonderbar! Für gewöhnlich regte mich das Weinen dieser Antropomorphen auf und reizte mich, jetzt aber, ich weiß nicht, ob durch die unerwarteten Worte Adas hervorgerufen, die mich in tiefster Seele erschüttert hatten, oder in dem neu erwachten Gedanken an diese letzte Reise auf die Wüste hinaus — im Angesicht der leuchtenden Erde, — genug, es überkam mich eine große Trauer, ein herzzerreißendes Mitleid.

Ich wandte mich zu ihnen, und Jan, anscheinend durch meinen Blick ermutigt, kam einige Schritte näher und sagte, mir in die Augen schauend:

— Alter Mensch. Ist das unwiderruflich? Erwartet man dich dort? Hast du deine Ankunft schon angekündigt? Müssen wir allein bleiben? In diesem Augenblick war es mir, als wenn mich ein Blitz durchzuckte, ein Gedanke: Das Geschütz!

Ja, das Geschütz, am Grabe O’Tamors, dort in der Wüste!

Vor meinen Augen drehte sich alles; ich drückte beide Hände aufs Herz, das mir die Brust zu sprengen drohte. Ich starrte in das kleine Segment der Erdscheibe, das noch am Horizont sichtbar war, und in meinem Hirne jagte und drängte es sich im wilden Durcheinander: Reise, Wüste, Kanone, der Schuß, meine Erdenbrüder, dieses Tagebuch ... und dann ein grauer Nebel, in dem alles zusammenschmolz. Ich fühlte, das ist der Tod!

Ich vergaß, wo ich war, was um mich her vorging. Sie blickten stumm in höchstem Staunen auf mich, aber ich sah sie nicht mehr. Wie im Traum erreichte mich nur noch die Stimme Adas:

— Entfernt euch, der Alte Mensch spricht mit der Erde. Bald wird er uns verlassen.

Als ich mich ein wenig erholt hatte, befand ich mich allein.

Ich verstand, daß das eine Offenbarung war, daß ich in die Wüste gehen, das Geschütz finden, die letzte Kunde und den letzten Gruß auf die Erde senden und dann — sterben muß.

Eine Weile später teilte ich Ada und Jan meinen Entschluß mit; sie nahmen ihn mit traurig gesenkten Köpfen auf, aber ohne ein Wort des Widerspruchs, als wenn sie darauf vorbereitet waren.

Von ihrer Rückkehr an die Warmen Teiche ist keine Rede mehr. Sie wollen hierbleiben bis zum Augenblick meiner Abreise.

Gegenwärtig, wenn ich das Gesicht der Erde zuwende, habe ich die Sonne zur Rechten; bevor sie mit dem halben Rund emporsteigt, den Tag auf die öde Halbkugel tragend und zur Linken stehend, werde ich aufbrechen.

*

Meine Mondtragödie ist somit zu Ende! Ich bin hier, wo ich auf diesem Globus die ersten Wiesen, das erste frische, lebendige Grün erblickte. Damals lag die Fahrt durch die todbringende Wüste hinter mir, jetzt will ich aufbrechen, um sie zum zweiten- und letztenmal anzutreten.

Dunkel ist es in meinem Innern, aber ruhig. Ich lasse mein verflossenes Leben an mir vorüberziehen, und es dünkt mich, daß es Zeit ist, mit dem Gewissen abzurechnen. Ich möchte mich, wie es die Menschen auf der Erde tun, auf den Tod vorbereiten, alle meine Sündenbeichten, und seltsam, auf meine Lippen drängt sich nur mein Unglück. Sollte beides ein und dasselbe sein?

Du also,Herr, der Du die Stimme des elendesten Wurmes hörst, wie das Getöse der Welten, die durch den Weltenraum dahinsausen, der Du mich hier auf dem Monde siehst, wie Du mich einst auf der Erde gesehen hast, nimm meine Beichte an, durch die ich Dir bekenne, daß ich sündig war — und unglücklich!

Als ich ein Kind war, da schien mir die Erde zu eng, die Du für mich geschaffen hast, und ich flog auf Flügeln der Sehnsucht mit all meinen Gedanken zu diesen am Firmamente glänzenden Welten und entzog mich den Liebkosungen der Mutter, um von den Wundern zu träumen, die Du geschaffen hast —nichtfür mich! Ich war sündig,Herr, — und unglücklich ...

Als ich heranwuchs und die Brocken des Wissens verschlang, die Du den Menschen zu erringen erlaubst, schrie meine Seele in mir: Zu wenig! Und ich träumte davon, das siebenfache Siegel zu erbrechen und die Schleier aufzuheben, die Deine Hand herabgelassen hat. Sündig war ich und unglücklich ...

Und kaum war ich ein Mann, erfaßte mich die Begierde, den Weltenraum zu durchfliegen, als wenn ich, auf der Erde stehend, nicht ebenfalls von den Unendlichkeiten des Weltalls umgeben wäre und nicht über Abgründen schwebte, und ich ergriff die Gelegenheit und verließ leichten Herzens die nährende Mutter, von dem silbernen, die Lunatiker lockenden Antlitz des Mondes verführt ... Sündig war ich,Herr, und ich bin unglücklich.

Ich blickte auf den Tod meiner Kameraden und Freunde und war so erbärmlich, um ein wenig Luft, die ich fürdie Erhaltung des Lebens benötigte, mit ihnen zu kämpfen, oder um die Frau, die keinem von uns gehörte, die wir verlangend die Hände nach ihr ausstreckten. Und als ich Zeuge ihres Elends war, an dem ich, wenn auch unbeabsichtigt, Schuld getragen, habe ich nichts getan, um sie davon zu befreien. Sündig war ich und unglücklich ...

Ich blieb allein auf dieser furchtbaren Welt, auf die mich mein eigener Wille verschlagen, und als mir das junge menschliche Geschlecht anvertraut ward, konnte ich in ihm den Geist nicht erwecken noch seine Augen zum Himmel lenken ... im Gegenteil, statt Liebe hatte ich nur Verachtung für die Unglücklichen und habe es geduldet, daß sie mich verehrten, während nurDirallein die Ehre gebührt ... Ich war sündig,Herr, und unglücklich ...

Und jetzt, von Schmerz gebrochen, von der Sehnsucht erschöpft, verlasse ich diese Armen, deren Schicksal meinem Schutz und meiner Führung übergeben war und gehe der letzten, traurigen Wonne entgegen, dem Tod im Angesicht der Erde! Ich bin sündig,Herr, und unglücklich!

Mein Leben ist in zwei große Teile zerfallen: Der eine heißt Verlangen nach dem Unbekannten, der andere Sehnsucht nach dem Verlorenen; und beide waren traurig, ach, so unendlich traurig ...

Und was ich begehrte und erstrebte, konnte ich nicht erreichen, denn ich bin kaum einen elenden Schritt vorwärtsgekommen im Weltall, und ich kenne nicht einmal die Geheimnisse des Gestirns, auf dem ich mich befinde. Vergeblich habe ich alles geopfert, vergebens die Räume der Himmel durchflogen, eine Wüste durchwandert, die furchtbarer ist als irgendeine auf der Erde, vergebens fünfzigJahre auf diesem Globus gelebt. Die Rätsel, die mich umgeben, sind heute so ungelöst wie vor einem halben Jahrhundert.

Wonach ich mich auch sehne, ich weiß, daß ich es niemals erreichen werde.

Und das ist mein ganzes Leben!

Oh, es ist Zeit, es ist Zeit, daß es ende ...

Mit Liebe und Sehnsucht blicke ich zur Wüste, auf die ich früh den Wagen lenken werde, um allein zu sein bis zum Tode ...

Diese letzten Menschen, die ich noch um mich sehe, werden hierbleiben ... Sie werden auf den Berg steigen und mir noch lange nachsehen, mir und dem schwarzen Wagen, der in der anbrechenden Morgenröte verschwindet; und dann werden sie zu ihrem Volke zurückkehren und sagen: Der Alte Mensch ist von uns gegangen ...

Und aus diesem Begebnis und aus diesen Worten wird hier dereinst eine Legende entstehen, sowie aus unserer Ankunft auf dieser Welt!

Sündig bin ich ...

Es nähert sich die Zeit der Abreise ...

Auf Mare Frigoris.

Auf Mare Frigoris.

Ich bin allein, und mit einer so furchtbaren Angst durchdringt mich diese grenzenlose Stille! Es scheint mir, daß ich schon gestorben bin und in diesem Wagen dahinfahre, wie in dem Boote Charons, zu unbekannten Ländern.

Und ich kenne doch diese Wüste und sah diese Berge, die sich dort am Horizont malen. Ich bin schon einmalhier gewesen, vor langen Jahren! Nur damals eilten wir zum Leben und jetzt ... Gott, gib mir noch so viel Kraft, bis zum Grabe O’Tamors zu dringen! Um nichts anderes bitte ich dich mehr.

Ich habe dem Mondvölkchen versprochen, aus der Wüste zurückzukehren, wenn meine Kräfte reichen sollten und dann bis zum Ende meines Lebens bei ihnen zu bleiben; aber ich weiß, daß ich aus der Wüste nicht zurückkehren werde ... Obwohl vielleicht jetzt meine Gegenwart an den warmen Teichen notwendiger wäre als jemals.

Wenn das wahr ist ...

Eine seltsame und furchtbare Kunde vernahm ich im Augenblick meiner Abreise.

Hört es, Menschen auf der Erde:

Ich wollte gerade den Wagen besteigen und verabschiedete mich von der kleinen Schar der Zurückbleibenden, als ich plötzlich am Eingang zu der Mulde zwei Menschen bemerkte. Im ersten Augenblick dachte ich, daß dies eine Täuschung sei, aber bald konnte ich nicht mehr zweifeln. Zwei Zwerge näherten sich uns eilig. Jan bemerkte sie ebenfalls und stieß einen Schrei aus:

— Sie senden nach uns! Es muß etwas Schlimmes geschehen sein!

Die Vermutung hatte ihn nicht getäuscht. Die beiden Abgesandten kamen vom Meere mit einer erschreckenden Nachricht.

Bald nach unserer Abfahrt aus dem Lande der warmen Teiche waren die kühnen Abenteurer, die ich für verloren hielt, von der Expedition nach der südlichen Halbkugel zurückgekehrt. Aber nur zwei von ihnen, der dritte wird niemals wiederkommen. Und nach den Berichten dieser beidenbeschloß man, sofort zu mir ins Polarland zu senden, um mich zur Rückkehr ans Meer zu bewegen.

Die zwei, die sie für diese Mission ausgewählt hatten, hielten sich bei ihrer Wanderung längs dem Lauf des Flusses, in der Richtung, wie sie den Weg aus Adas Erzählungen kannten; so gelangten sie auf die Höhe über der See-Ebene und von dort durch verschiedene Schluchten zur Polarmulde.

Ich hörte ungeduldig ihren weitläufigen Beschreibungen zu und wollte endlich genau wissen, was sie zu dieser so ungewöhnlichen Reise bewogen hatte. Da begannen sie, von mir und Ada immer wieder befragt, sich gegenseitig unterbrechend, die Geschichte der Expedition zu erzählen.

Aus dem Durcheinander ihrer ungefügigen Sätze erfuhr ich nur so viel, daß ihre drei Kameraden bei günstigem und überaus starken Winde im Schlitten, der mit Segeln versehen war, im Lauf der Nacht das zugefrorene Meer im Fluge zurückgelegt hatten und bei Sonnenaufgang zum gegenüberliegenden Strande auf der südlichen Halbkugel gelangten. Das war klar, aber das weitere nur mit Mühe aus ihren konfusen Reden herauszufinden. Und außerdem klang es so ungeheuerlich. Zwischen Bergen, auf weiten Ebenen, sollen dort sonderbare Wesen wohnen, halb Mensch und halb Tier, die sich vor der Kälte in tiefen Höhlen verkriechen. Diese Schlupfwinkel haben sie sich um scheinbar seit Jahrhunderten verlassene, in Trümmer zerfallene Städte herum ausgegraben. Und mit diesen entsetzlichen, raubgierigen Geschöpfen mußten unsere Zwerge Kämpfe bestehen, aus denen sie, nach Verlust des einen der ihrigen, dank des Besitzes von Schußwaffen, siegreich hervorgingen. Den Heimweg legten sie in wilderFlucht zurück, denn jene Unholde verfolgten sie hartnäckig auf dem Eise.

— Das sind grauenhafte Ungeheuer, sagte der Erzähler und zitterte bei der bloßen Erinnerung dessen, was er gehört hatte; klein, aber fürchterlich! Die Unseren mußten fliehen, da ihrer viele, viele waren! Sie haben Schnäbel statt des Mundes und scheußliche, lange Hände. Kaspar haben sie mit einer Schnur gefangen und zerrissen und die Leiche dann in eine jener Höhlen geschleppt, worin sie hausen. Das Land dort ist herrlich, aber diese Geschöpfe sind furchtbar! Die beiden Heimgekehrten erzählten uns davon. Die Ungeheuer haben sie verfolgt, aber sie hatten den Schlitten mit Motor und die Hunde und so gelang es ihnen zu entfliehen, obwohl mit großer Mühe. Und seltsam ist das Land dort im Süden hinter dem Meere. Da stehen große Türme, die aber zerfallen sind, und mächtige Maschinen oder Fabriken, zerstört und überwachsen. Und diese Bestien bewachen das alles und verneigen sich vor den Türmen, es scheint jedoch, daß sie nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. Sie wohnen in Höhlen und sind entsetzlich anzusehen.

Vergeblich frug ich die Abgesandten aus, um nähere Einzelheiten über diese neu entdeckten Wesen hinter dem Mondmeer zu erfahren; sie konnten mir keine Antwort geben. Ich hörte nur noch die Geschichte der Heimfahrt der Reisenden, eine wahrhaft grauenerregende Odyssee! Der Wind war ihnen nicht günstig; infolgedessen gelang es ihnen nicht, in einer Nacht über das Meer zu kommen. Es war schon Morgen, und das Eis begann zu schmelzen, als sie glücklich zu einer kleinen Insel gelangten; dort verbrachten sie, vor der furchtbaren Äquatorhitze Schutz suchend,den ganzen Tag in einer Höhle und erwarteten die Nacht und die Kälte, um auf dem Eise die Weiterreise anzutreten. In der zweiten Nacht hat sie dann der Sturm weit nach Westen getrieben und, um das Maß des Unglücks voll zu machen, der Motor gegen Ende der Fahrt versagt, so daß sie, mit unsagbaren Mühen kämpfend, den Weg am Meeresstrande zu Fuß zurücklegen mußten, nachdem sie den Hunden das Ziehen des Schlittens auf dem Sande überlassen hatten. Und so kamen sie endlich zu dem Land der warmen Teiche, um zu erfahren, daß der Alte Mensch sie verlassen hat.

— Was wollt ihr also von mir? frug ich, als die merkwürdige Erzählung zu Ende war.

— Schütze uns, Alter Mensch, schütze uns! riefen beide gleichzeitig; es geht uns schlecht und Unglück kommt über uns! Diese raubgierigen Ungeheuer werden jetzt, da sie von unserem Vorhandensein erfahren haben, unzweifelhaft über das Meer kommen und mit uns kämpfen, uns niederdrücken und Angst und Sorgen bereiten! Und ihrer sind viele, viel mehr, bedeutend mehr als der Unsrigen!

Sie warfen sich mir mit erhobenen Händen zu Füßen; ich fühlte ängstlich fragende, flehende Blicke Jans und seiner Brüder auf mich gerichtet, nur Ada war unbeweglich und scheinbar gleichgültig. Und ich stand, im Innersten erschüttert, zögernd und im Zweifel, was ich sagen und tun sollte. Es war nicht die Möglichkeit eines Überfalles jener Wesen auf die menschliche Mondkolonie, sondern die Kunde selbst, daß hier auf diesem Globus Geschöpfe leben und, wie es scheint, sogar verständige, die mich wanken machte. Einen Augenblick dachte ich tatsächlich daran, aufdas letzte Glück zu verzichten, auf die Aussicht, euch, ihr Brüder auf der Erde, Nachrichten von mir zu übersenden, und hierzubleiben unter dem Mondgeschlecht, jene seltsamen Völker kennen zu lernen, die hinter dem Meere wohnen, und von deren Existenz ich jetzt erst erfahren sollte, nach fünfzigjährigem Aufenthalt hier, und im Falle der Not die Nachkommenschaft meiner verstorbenen Freunde vor ihnen zu schützen.

Aber dieses Zögern währte nicht lange. Was gingen mich die Mondvölker, die von der Erde gekommenen und jene, die Überreste irgendeines alten Mondstammes, an, die wie Maulwürfe in Höhlen rings um verfallene Städte wohnen, in denen scheinbar einst ihre Vorfahren stolz regierten? Mögen sie einander bekriegen, mögen sie kämpfen, sich gegenseitig vernichten. Was kümmert es mich? Ich bin alt und weiß nicht, ob ich noch lange genug leben werde, um jene weite Reise über die luftlose Wüste zu überstehen. Soll ich die letzten Kräfte jetzt eines lächerlichen Mitleids willen vergeuden oder für eine kindische Neugierde? Und wer bürgt mir dafür, daß die Erzählung dieser beiden Degenerierten wahr ist? Vielleicht stehen dort gar keine zerfallenen Städte, sondern aufeinandergetürmte Felsen? Vielleicht sind jene angeblichen Mondvölker nur unvernünftige Tiere? Ich bin alt und habe keine Zeit mehr, mich davon zu überzeugen, denn es eilt mir, dort zu sterben am Grabe O’Tamors, im vollen Schein der Erde.

— Ich kann euch nichts mehr helfen, sagte ich endlich, ihr denkt nur an euch. Ich muß eine unaufschiebbare Fahrt antreten, und mein Weg führt nach einer anderen Richtung als der eure.

— Ich wußte, daß du so antworten würdest, flüsterte Ada, während ich schon den Fuß auf die Stufen des Wagens setzte. Aber Jan berührte noch einmal meine Knie:

— Versprich uns nur, rief er, wenn es nicht anders sein kann, versprich uns, daß du zu uns zurückkehren willst, wohin du auch zu fahren beabsichtigst! Wir werden dich erwarten, und der Gedanke an dich wird uns in den Kämpfen aufrechterhalten, die wir bestehen müssen!

Ich zögerte.

— Wenn ich die Kräfte habe und das Leben noch ausreicht, werde ich zurückkehren!

Ada wandte sich zu der kleinen Schar:

— Er wird zurückkehren, aber dorthin!

Bei diesen Worten wies sie mit der Hand auf das kleine Segment der Erde, das über dem Horizont glänzte.

Ich war schon im Wagen und hielt die Hand am Steuer, als ihre letzten Worte noch mein Ohr erreichten:

— Und hierher wirderwiederkehren erst nach Jahrhunderten, nach Jahrtausenden ... wenn die Zeit erfüllt ist ...


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