Zweiter Teil

Unter dem Timaeus, nach Sonnenaufgang des vierten Mondtages.

Unter dem Timaeus, nach Sonnenaufgang des vierten Mondtages.

Noch kein Sonnenaufgang hat eine solche Freude in uns geweckt und eine solche Hoffnung! Es war ihm ein Glanz vorausgegangen, eine Erscheinung, wie wir sie hier auf dem Mond noch nicht gesehen hatten.

Die Nacht war gerade zu Ende und wir hofften jeden Augenblick, daß der Gipfel des Berges, der im Lichte der Erde vor uns emporstieg, in den ersten Strahlen der aufgehendenSonne aufleuchten würde. Jedoch bevor dies geschah, nahm der schwarze Himmel im Osten eine etwas hellere Farbe an, als wenn ihn ein opalweißer Nebel umhüllte. Zuerst glaubten wir, daß sich unter dieser bedeutenden Breite — wir passierten bereits den sechzigsten Parallelkreis — das Zodiakallicht, das in der Nähe des Äquators und vor Sonnenaufgang sichtbar ist, in so seltsamer Weise zeige. Aber nein, das war nicht das Zodiakallicht; der Himmel färbte sich weit und breit leicht silbern über dem Horizont und die Sterne verblaßten in diesem weißen Glanze. Bald blitzten auch die Gipfel desTimaeus— jener Krater, dem wir uns näherten, — in der Sonne auf, aber — o Wunder! sie waren auf dem Hintergrunde der Nacht wie zart erglühende Rosen erblüht. Es war unmöglich noch länger daran zu zweifeln, daß diese Dämmerung und dieses rosige Licht uns dichtere Luft verkündeten, die schon genügte, durch die sie durchgleitenden Sonnenstrahlen zu leuchten und ihre Farben zu röten.

Eine berauschende Freude erfaßte uns; ich lächelte Peter zu, der mit der ganzen Seele in diese Erscheinung versunken war; dann wandte ich mich zu Martha.

— Sieh, rief ich, dein Kind wird dort zur Welt kommen, wo wir atmen können wie auf der Erde!

Sie erhob das Haupt und schaute nach Osten, wo sich alles mit einem traumhaft zarten Gold überzog, das den ganzen Horizont erfüllte — wie unsere Herzen die Hoffnung eines neuen Lebens ...

Die Sonne ging langsam auf, langsamer noch als die vorhergehenden Tage, denn sie stieg nicht gerade in die Höhe, sondern erhob sich hinter dem stark nach Süden geneigten und niedrig über dem Horizont hängenden Bogender Erde. Nachdem sie ganz hervorgekommen war, stand sie am Himmel in einem großen Kreise wie von weißem Nebel, der langsam ins Blaue überging und sich allmählich in dem schwarzen Hintergrund verlor. In der Nähe der Sonne waren keine Sterne mehr sichtbar; sie glänzten nur noch weiter von ihr entfernt am Firmament, und die Verschiedenheit ihrer Farbe ist geschwunden; sie ähneln immer mehr jenen glitzernden Flämmchen, mit denen sich der nächtliche Himmel über der Erde schmückt.

Noch ein, höchstens zwei Mondtage, und wir werden diesen Wagen verlassen können und mit voller Brust zum erstenmal die Mondluft einatmen!

In der letzten Nacht legten wir ein bedeutendes Stück Wegs zurück! Die Nachtkälte ist hier in der Nähe des Pols bedeutend geringer als am Äquator, da die Sonne nicht so tief unter den Horizont fällt; wir brauchten uns infolgedessen nicht aufzuhalten und fuhren bei Sonnenuntergang auf dasMare Frigoris, das wir jetzt bereits hinter uns haben. Im Westen beginnt gebirgiges Land vor uns aufzusteigen; derTimaeusist ein Grenzpfahl, den wir gerade passieren.

Vor uns, nach Norden zu, erstreckt sich eine Flachebene, die, einer breiten Bucht gleich, in das Gebirge einschneidet und, wie die Karten zeigen, bis zum achtundsechzigsten Parallelkreis reicht. Sie ist nicht so eben wie dasMare Frigoris, im Gegenteil, ganz mit kleinen und gleichlaufenden Hügeln besät, die uns jedoch die Reise nicht erschweren werden, da sie sanfte Abhänge haben. Wir müssen diese Strecke zurücklegen, bevor der Tag zu Ende geht, so daß wir beim Anbruch der nächsten Nacht schon im Gebirge sind. Dann trennen uns noch gegen sechshundert Kilometer vomPole. Aber was bedeuten sechshundert Kilometer, nachdem wir schon so viele zurückgelegt haben!

Wir sind voll Hoffnung und Zuversicht! Alle Feindseligkeiten zwischen uns sind verflogen; der quälende Alp, der während der Nacht auf uns lastete, ist wie Nebel im Glanz der aufgehenden Sonne verschwunden. Der Gedanke, daß wir zu dem ersehnten Ziele unserer schweren Pilgerfahrt den Keim eines neuen Lebens tragen, stärkt uns und macht uns so froh und ruhig, daß es uns manchmal vorkommt, als wenn wir um die verlassene Erde nicht mehr trauerten ...

Warum ist Tomas nicht unter uns? Er teilte unsere Qualen; was würde ich dafür geben, wenn wir mit ihm die Hoffnung des Lebens teilen könnten! ...

Vierter Mondtag, achtundsiebzig Stunden nach Sonnenaufgang, 0° 2’ östlicher Länge, 65° nördlicher Mondbreite.

Vierter Mondtag, achtundsiebzig Stunden nach Sonnenaufgang, 0° 2’ östlicher Länge, 65° nördlicher Mondbreite.

Eine seltsame Niedergeschlagenheit befällt mich. Ich weiß nicht, woher sie kommt und was sie von mir will. Die Reise geht schnell vonstatten, der Himmel überzieht sich langsam mit dunklem Blau, durch das die bis jetzt strahlenlosen Sterne zu flimmern beginnen, alles verkündet die Nähe jener „versprochenen Erde“, wo wir endlich nach allen, nun schon vier Monate währenden Mühen ausruhen sollen, und ich, statt mich zu freuen, bin traurig, unsagbar traurig und niedergedrückt. Was ist daran schuld? Vielleicht diese Erde, die sich immer mehr zum Horizonte neigt und die wir in einigen hundert Stunden schon ganz aus den Augen verlieren werden, vielleicht diese Gräber, die unseren Weg durch die entsetzliche, luftlose Mondwüste bezeichnen, vielleicht diese inneren Erlebnisse, von denen sich meine Seelenoch nicht erholen kann, vielleicht auch der Gedanke an dieses Kind des Verstorbenen, das in einem unbekannten Land für ein unbekanntes Schicksal geboren werden soll.

Ich bin ruhig, — nur diese unerträgliche Traurigkeit und diese Ermattung! Unsere Augen sind halb blind von den blendenden Sonnenstrahlen; der Anblick der endlosen Flächen und zerklüfteten Berge ermüdet mich unsagbar ... Wenn nur ein kleines, ganz kleines Wässerchen, ein Teich, ein grüner Zweig, ein wenig Gras zu sehen wäre ...

Die uns umgebende Gegend ist wie ein mächtiger Kirchhof. Wir fahren auf dem Grunde eines seit Urzeiten ausgetrockneten Meeres, auf darauf angesetzten, an der Oberfläche zerbröckelten Kalkbänken, aus denen sich die Reste ursprünglicher Ringfelsen erheben, die vom Wasser zerspült worden sind.

Was ist aus diesem Meer geworden, das einst hier flutete, den gebogenen Nacken der Erde entgegenstreckend, die damals wie eine goldene Scheibe zwischen den Wolken, die über den Wassern dahinzogen, sichtbar war? Nur der Strand erhebt sich noch über der ausgetrockneten Mulde, steil, riesenhaft, ausgefressen durch die Brandung der nicht mehr vorhandenen Wogen ... Wind und Sturm haben seine zu Staub zerriebenen Überreste verweht, jetzt gibt es auch diese nicht mehr — nur Leere und Starrheit ...

Ich sehne mich so unbeschreiblich danach, endlich Leben zu sehen! Oh, nur so schnell wie möglich, die Kräfte könnten erlahmen!

Martha ist die geduldigste von uns dreien; aber das ist natürlich! Sie hat ihre Welt jetzt in sich und es scheint, daß sie an diese Welt sogar mehr denkt als an den verstorbenen Geliebten. Ich sehe oft, wie sie, über der Arbeitsitzend, plötzlich die Hände sinken läßt und in die Zukunft schaut, ihren eigenen Gedanken zulächelnd. Ich bin überzeugt, daß sie dann mit den Augen der Seele das kleine rosige Kind sieht, wie es die Händchen nach ihr ausstreckt. Manchmal verscheucht wohl ein tiefer Seufzer dieses glückselige Lächeln, und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Das ist die Erinnerung an Tomas, der sein Kind niemals sehen wird ... Aber dann lächelt sie wieder, denn sie weiß, daß seine Seele nicht in ihrem Kinde zu ihr zurückkehren könnte, wenn er am Leben geblieben wäre.

Martha ist immer mit ihren Gedanken beschäftigt und spricht wenig mit uns; nur einmal sagte sie zu mir:

— Es ist gut, daß ich Tomas hierher gefolgt bin, denn ich werde ihm aufs neue das Leben geben ...

Wie sollte sie sich nicht glücklich fühlen, wenn sie so von sich sprechen kann?

Vierter Tag, siebzehn Stunden nach Mittag auf der Hochebene vor dem Goldschmidt, 1° 3’ östlicher Länge, 69° 3’ nördlicher Mondbreite.

Vierter Tag, siebzehn Stunden nach Mittag auf der Hochebene vor dem Goldschmidt, 1° 3’ östlicher Länge, 69° 3’ nördlicher Mondbreite.

Die Ebenen haben ein Ende genommen; wir sind in den Bergen, die sich bis zum Pole hinziehen. Diese Hochebene ist ganz eigentümlich; sie ist wie übersät mit einzelnen kreisförmigen Bergen, zwischen denen sich hohe, weit ausgedehnte Bergringe erheben, wie zum Beispiel der vor uns liegende mächtigeGoldschmidtund der sich mit ihm im Osten berührende und noch höhereBarrow. Es kommt mir jetzt erst zum Bewußtsein, wie seltsam es ist, daß wir hier Berge und Länder vorfinden, die noch kein menschlicher Fuß betreten hat, und die doch schon von Menschen bezeichnet sind ... Ein sonderbarer Gedanke.

Der Mittag sah uns heute auf dem Gipfel des Grenzwalles der Hochebene. Wenn wir hinter uns blickten, würden wir über dem Horizont der Wüste die verblaßte Erde, die durch einen leichten Luftschleier verhüllt ist, bemerken. Der leuchtende Ring der Atmosphäre glänzte durch diese Verhüllung noch blutiger als an den vorhergehenden Tagen. Dicht über der Erde, ihre mächtige schwarze Kugel fast berührend, stand die Sonne.

Ich habe den Eindruck, daß die Erde sich im Verlauf dieser vier Monate vom Zenite dem Horizonte zu gesenkt hat und nur wir, uns dem Pole nähernd, von ihr geflohen sind. Das Klima ist hier ein gänzlich anderes. Die nachmittagliche Sonne, die nicht hoch über dem Horizonte steht, quält uns nicht mehr mit ihrer Glut, blendet uns nicht mit ihrem Glanze. Traurig und müde scheint diese Sonne zu sein, so wie wir ... Rings auf der Hochebene lagern tiefe Schatten ... Der Himmel färbt sich nach Norden zu immer bläulicher, die Sterne sieht man nicht mehr in dieser Richtung, obwohl sie im Süden noch blaß und weißlich scheinen, in einem breiten Kreise um Erde und Sonne zerstreut.

Ich bin über alle Beschreibung müde. Trotz der Leichtigkeit des eigenen Körpers auf dem Monde habe ich manchmal das Gefühl, daß Kopf und Hände und Füße aus Blei sind. Ich habe Angst, daß ich krank werde. So unendlich lang erscheint mir die Reise! Ich beginne, trotzdem wir die sichersten Zeichen dafür haben, daß sie bald beendet ist, zu zweifeln, ob wir überhaupt jemals ans Ziel gelangen werden ... Übrigens — Ziel? Welches Ziel? Ach, alles ist so ermüdend und traurig!

Martha ist von einer maßlosen Güte. Ich glaube, wennsie nicht wäre, hätte ich nicht mehr die Energie, die Hand zu rühren, um das Steuer des Wagens nach dem Pole zu lenken, dem wir mit solcher Anstrengung entgegeneilen. Aber sie sieht meine grenzenlose Ermüdung und versteht es, mir mit lieben, herzlichen Worten Mut zuzusprechen und mich aufrecht zu erhalten. Wodurch habe ich so viel Güte ihrerseits verdient? Etwa durch das Unrecht, das ich ihr durch meine schändlichen Gedanken zugefügt habe? Ich bin so müde, daß mir alles gleichgültig ist, mit Ausnahme, so wahr mir Gott helfe, des Glückes dieser Frau. Ich möchte leben, um ihr irgendwie von Nutzen zu sein ... Und wer weiß, ob ich leben werde.

Vor uns Berge, große steile Berge. Man muß sie überwinden. Diese und andere und wieder andere, denn zum Pol ist es noch weit ... Ich habe keine Kräfte mehr, ich kann nicht einmal schreiben. Die Worte fehlen mir, ich bringe sie nicht recht zusammen; ich vergesse immer, was ich sagen wollte. Ich möchte mich am liebsten auf der Hängematte ausstrecken und unter den halbgeschlossenen Augenlidern auf Martha schauen, die immerfort lächelt — im Gedanken an ihr Kind. Die Glückliche!

Auf der Einsattelung zwischen Goldschmidt und Barrow, einhunderteinundsechzig Stunden nach Mittag des vierten Mondtages.

Auf der Einsattelung zwischen Goldschmidt und Barrow, einhunderteinundsechzig Stunden nach Mittag des vierten Mondtages.

Ich kämpfe mit dem Rest meiner Kräfte gegen die mich überfallende Ermüdung an. Ich fühle, daß ich krank bin und habe Angst davor. Wie werden sie sich zu zweit helfen können — ohne mich? Der Weg wird immer beschwerlicher, und die Nacht, eine lange Nacht, ist nahe. Ob ich ihr Ende erleben werde? Vielleicht kommt nach O’Tamorund Woodbell nun die Reihe an mich? Sie haben doch vorausgesagt ...

Es wäre mir hart, jetzt sterben zu müssen. Ich möchte das Kind noch sehen, das geboren werden soll, ich möchte, wenn auch nur noch einmal, mit voller Brust aufatmen können.

Ach, wann wird dieser Weg ein Ende nehmen! Nach den Karten zu urteilen, sind die Berge, durch die wir uns eben hindurcharbeiten, das letzte große Hindernis, das uns vom Pol trennt. Wenn wir uns von der Einsattelung, auf der wir uns augenblicklich befinden, herabgelassen haben, werden wir uns, in einer breiten Klamm fahrend, nach Westen wenden, längs den nördlichen Abhängen desGoldschmidt, dann wieder in nördlicher Richtung die RingeChallisundMainpassieren, im Osten den RingGiojaumkreisen, seine niedrige Abzweigung, die sich dem Parallelkreis zu erstreckt, überfahren und auf eine Ebene gelangen, die von dem Polarlande nur mehr durch eine einzige schmale Gebirgskette getrennt ist.

So stellt sich unser Weg nach den Karten dar. Aber die Karten dieser Gegenden, die von der Erde aus schlecht zu sehen sind, erweisen sich als ungenau. Dazu kommt, daß der größte Teil des Weges in der Nacht, die schon beginnt die Berge zu verhüllen, zurückgelegt werden muß.

Von unserer Höhe sehen wir bereits ein Stück dieser Welt vor uns, aber nur die Gipfel der rötlich in der Sonne erglänzenden Berge. Die Tiefen überflutet ein schwarzes Schattenmeer. Wenn wir dort hinunterkommen, werden die Sterne unsere einzigen Führer sein.

In meinem Kopfe ist etwas zerstört oder unterbrochen, nur mit der größten Willensanstrengung vermag ich klarzu denken. Träume im Halbschlaf, Angstgefühle, Wahnvorstellungen wechseln in meinem Hirne. Habe ich etwa Fieber? Ich beiße in meine Finger, um zur Besinnung zu kommen, aber auch das hilft nichts. Alle Bilder zerrinnen mir vor den Augen; ich sehe ein Meer der Dämmerung mit darauf schwimmenden blutigen Berggipfeln. Unser Wagen erscheint mir wie ein Schiff, das wir jeden Augenblick in diese Untiefe hinabstoßen werden ... Ich bin so entsetzlich müde. Wohin sollen wir durch diesen schwarzen Ozean segeln? Vielleicht zur Erde? ... Ach, es ist wahr, die Erde ist weit hinter uns geblieben, weit im Weltenraum; dorthin werden wir niemals zurückkehren, niemals! ...

In meinem Kopfe klappert eine furchtbare Mühle; ich glaube, ich habe Fieber.

Nach Sonnenuntergang in Schluchten zwischen Bergen.

Nach Sonnenuntergang in Schluchten zwischen Bergen.

Ich habe mich doch vom Lager geschleppt. Martha sagte mir, ich solle mich niederlegen, aber was weiß sie! Ich hatte noch etwas zu tun oder zu schreiben — ich weiß es nicht mehr, aber ich muß mich daran erinnern. Ich bin überzeugt, daß wir in der Dunkelheit versinken, wenn ich es nicht tun werde ... Aber was wollte ich tun? Warum ist es hier so dunkel? Irgendeine Bombe ist mir scheinbar im Kopf zerplatzt, muß zerplatzt sein, denn der Kopf dehnt sich mehr und mehr, schwillt an, wächst; ist jetzt so groß wie der Mond ... Wie unterhaltend das ist, daß wir auf dem Monde sind; aber vielleicht träume ich es nur? Denn wo in aller Welt kämen denn die Hunde her? Wo ist Woodbell? Es ist etwas mit ihm geschehen, aber ich weiß nicht was. Tomas hieß er mit Vornamen ...

Jemand steht bei mir und sagt, daß ich mich hinlegen müsse, weil ich Fieber habe ... Ah, einerlei! Warum soll ich es nicht haben ... Ist es mir nicht erlaubt? ...

Die Feder wird zentnerschwer, aber auch meine Finger sind wie Blei ... Ich weiß nicht, was das alles bedeutet — ich höre nur zwei Stimmen neben mir — ich kann nicht mehr ...

Ende des ersten Teiles.

Auf der andern Seite.

Ich werde niemals den Eindruck vergessen, als ich nach der langen Krankheit, die mir das Bewußtsein geraubt hatte, gegen Ende jener entsetzlichen Reise durch die luft- und wasserlose Mondwüste die Augen wieder öffnete. Heute, wo ich das Niederschreiben unserer Erlebnisse auf diesem Globus wieder aufnehmen will, steht mir dieser Augenblick so lebhaft in der Erinnerung, als wenn kaum einige Stunden seitdem verflossen wären. Und dennoch, wenn ich die Mondtage zähle, sehe ich, daß auf der Erde bereits das elfte Jahr seit jener Zeit, da wir auf die Mondoberfläche gefallen sind, vorübergegangen ist und zehn Jahre, seit wir den Wagen verließen, in dem wir fast ein halbes Jahr eingeschlossen waren. Jetzt atmen wir längst wieder mit voller Brust, unter freiem Himmel, genau so wie auf der Erde, am Strande eines wirklichen Meeres, und blicken auf Wälder von Pflanzen, die uns seltsam und fremd erscheinen, aber ebenfalls grün und voll von eigenem Leben sind. Hundertvierunddreißigmal hat die Sonne vor unseren Augen diese Welt, an die wir uns fast schon gewöhnt haben, umkreist. Unser Haar beginnt zu ergrauen, und neben uns wächst das neue Geschlecht heran, ein Geschlecht von Menschen, die die Geschichte ihrer Vorväter, wie diese einst von der Erde hierhergelangten, von jenem fernen Stern, der in der Gestalt einer mächtigen leuchtenden Kugel vor ihnen am Horizont emporsteigen wird, wenn sie zu den Grenzen der luftlosen Wüste vordringen sollten, für eine Mythe halten werden. Ihnen wird dieses Himmelslicht eine selten gesehene,interessante Erscheinung am Himmelsdome sein, für uns ist es die Mutter, die wir für immer verlassen und verloren haben. Aber den einzigen und stärksten Faden, der uns noch mit ihr verbindet, konnten wir nicht zerreißen — die bis zum letzten Atemzuge in uns lebende Sehnsucht.

Es werden noch einige zehn oder mehr Mondtage vorübergehen, und wir werden alle sterben, die wir auf der Erde geboren sind. Das neue Geschlecht wird mein Tagebuch lesen und es wahrscheinlich lange Zeit hindurch für ein heiliges Buch halten,Exodus, bis hier ein „Kritiker“ erscheint und unzweifelhaft nachweist, daß die Überlieferung von der Erdenherkunft des Menschen nur eine Phantasie grauer Zeiten ist.

Ich denke daran wie an eine ganz natürliche Sache; erscheint mir doch schon vieles von dem, was ich selbst erlebt habe, nur noch wie ein phantastischer Traum. Vor allem hat die Krankheit, während der ich einen ganzen Mondtag hindurch ohne Bewußtsein daniederlag, in meinem Leben eine seltsame Unterbrechung geschaffen, so daß es mir zuerst schwer wurde, das, was vorher geschehen ist, mit dem zu verbinden, was ich sah und erlebte, als ich wieder zu mir kam, die Wirklichkeit von den Fieberträumen zu unterscheiden. Aber wahrhaftig, mein Erwachen war überaus seltsam.

Ich öffnete die Augen und konnte absolut nicht verstehen, wo ich mich befand. Mich umsehend, gewahrte ich eine weit ausgedehnte Wiese, von Hügeln umgeben, die mit frischemüppigem Grün bedeckt waren. Und alles von einem eigenartigen Halblicht überflutet, den Dämmerungen auf der Erde ähnlich, wenn sich die Sonne am Horizont erhebt.Nur die kahlen Gipfel der hohen Berge glühten in vollem roten Lichte. Über ihnen wölbte sich der blaßblaue Himmel, mit einem leichten Nebelschleier überzogen. Ich schaute und schaute und konnte noch immer nichts begreifen. Da erblickte ich auf der Wiese zwei Menschen, die langsam gingen und sich jeden Augenblick bückten, als wenn sie etwas suchen wollten. Um sie herum sprangen zwei Hunde, fröhlich bellend.

Ich glaubte zuerst, daß ich auf der Erde sei, in irgendeiner unbekannten Gegend, und ich dachte nach, wie ich wohl hierher gekommen, als ich mich plötzlich unserer Mondexpedition erinnerte und der langen Fahrt in dem geschlossenen Wagen durch die Mondwüsten. Ich blickte noch einmal rings umher, soweit ich dies tun konnte, ohne den Kopf zu erheben, der schwer war, als wenn er mit Blei angefüllt wäre. Wo ist der Wagen geblieben, wo sind diese grotesken Landschaften, die ich durch seine Fenster gesehen habe? Ich wollte die Menschen rufen, die sich in der Nähe befanden, aber plötzlich überfiel mich eine so starke Ermattung, daß ich keinen Laut hervorbringen konnte. Im übrigen begann ich anzunehmen, daß alle diese unerhörten Erlebnisse nur ein Traum waren. Ich sollte eine Expedition auf den Mond mitmachen und bin irgendwo auf einer Wiese eingeschlafen, wer weiß, wie lange ich schon geschlafen habe. Und es träumte mir nur, daß ich wirklich dorthin gelangte, daß ich mit furchtbaren Schwierigkeiten kämpfte, Kameraden verlor, dem Tode ausgesetzt war ... Das eine ist nur merkwürdig, daß ich diese Gegend nicht kenne.

Eine unklare Erinnerung an eine schwere, überstandene Krankheit tauchte in meinem Gedächtnis auf. Ja, wahrscheinlichhatte ich Fieber, und in Fieberträumen wandelte ich auf dem Mond. Ah, wie gut, daß diese Phantasiegespinste vorüber sind. Ich fühlte eine wahre Erleichterung bei dem Gedanken, daß das alles nur ein Traum war, daß ich mich auf der Erde befinde und niemals gezwungen sein werde, sie zu verlassen. Es überkam mich ein wohliges, glückseliges Gefühl, nach einer Weile empfand ich, daß ich abermals zu träumen beginne.

Als ich zum zweitenmal erwachte, bemerkte ich, daß über mein Lager gebeugt zwei Menschen standen, die vorher gesehenen Gestalten, und halblaut miteinander sprachen. Ich glaubte den leisen Ausruf zu hören: er schläft, worauf die zweite Stimme antwortete: er wird leben. Das wunderte mich sehr, aber ich wollte sie nicht merken lassen, daß ich wach war und nur unbeweglich dalag und begann sie unter den halb geschlossenen Lidern aufmerksam zu beobachten. Obwohl ich, wie es mir schien, ziemlich lange geschlafen, hatte sich die Beleuchtung der Gegend nicht geändert; es war mir daher schwer, in dem unsicheren Scheine die über mich geneigten Gesichter zu erkennen. Nach einiger Zeit, als meine Augen sich an dieses schwache Licht gewöhnt hatten, schienen mir diese Menschen bekannt zu sein, ich konnte mich nur nicht auf ihre Namen besinnen. Langsam wandte ich meinen Blick von ihnen zu den Bergen, die an der Grenze des Horizontes sichtbar waren und deren Gipfel immer gleich beleuchtet blieben, obwohl, wie ich bemerkte, der Schein von einer anderen Seite auf sie fiel.

In diesem Augenblick sah ich etwas, das meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Über der tiefen Einsattelung, zwischen zwei hohen Bergen, stand ein mächtiger grauweißer Reifen, zur Hälfte aus dem Horizontgeneigt. Ich starrte ihn lange an, bis mir alles klar wurde: das war die Erde — dort, am Himmel leuchtend!

Das Bewußtsein, daß ich mich tatsächlich auf dem Mond befinde, kehrte in seiner ganzen Klarheit zurück und durchlief mich wie ein eisiger Schauer. Ich stieß einen Schrei aus und sprang vom Lager auf. Peter und Martha — sie waren es, die ich vor einer Weile über mich gebeugt gesehen hatte — kamen mit lebhafter Freude herbei, aber ich fühlte nur einen Schwindel und verlor abermals die Besinnung.

Das war die letzte Ohnmacht im Verlauf meiner langen Krankheit; ich begann langsam gesund zu werden, obwohl noch über hundert Stunden verflossen, ehe ich es vermochte, mich zu erheben und allein wieder gehen zu können. Peter und Martha pflegten mich mit geradezu rührender Fürsorge, und ich, noch zu schwach, um zu fragen und zu sprechen, dachte nur darüber nach, was um mich vorging, und was sich alles zugetragen hatte. Ich wußte nun, daß wir während meiner Krankheit das so ersehnte Land, wo es Luft und Pflanzen gab, erreichten, aber daß dies auf ganz natürliche Weise geschehen sei, konnte ich mir noch lange Zeit hindurch nicht klar machen. Es fiel mir nämlich schwer, daran zu glauben, daß ich einen vollen Erdenmonat bewußtlos gelegen, und der Wagen, sich indessen immer nach Norden bewegend, endlich zum Pole gelangte, der noch einige hundert Kilometer von uns entfernt war, als mich das Fieber aufs Lager geworfen hatte.

Wir befanden uns also auf dem Nordpol des Mondes. Ein seltsames Land! Ein Land, zugleich des ewigen Lichtes und der Dämmerung, wo es keine Himmelsrichtungen gibt,weder Osten noch Westen, nicht Süden, nicht Norden. Die Mondachse steht fast senkrecht zur Erdbahn, daher sinkt die Sonne hier nicht unter den Horizont, noch erhebt sie sich am Himmel, sondern scheint sich nur in alle Ewigkeit am Horizont hinzuschleppen. Besteigt man einen Berg, deren es mehrere in der Nähe gibt, erscheint diese Sonne wie eine rote feurige Kugel, die sich träge direkt am Horizont bewegt. Die Gipfel der Berge leuchten ewig im rosigen Lichte, das stets von einer anderen Seite auf sie fällt; seitdem die Welt besteht, gibt es für diese Berge keine Nacht. Aber dafür haben die grünen Täler zu ihren Füßen niemals die Sonne gesehen. Sie liegen im Schatten dieser Berge, in immer gleicher, zarter Dämmerung. Ihr frisches dunkles Grün sieht nur den Abglanz der kahlen, von der Sonne geröteten Gipfel, die einem mächtigen Kranze blasser Rosen ähnlich sind. Nur selten, während einiger Erdenmonate, blitzt die Sonne, infolge der Libration des Mondes etwas über dem Horizont erhoben, in irgendeinem tiefen Felsenspalt mit einem flammend roten Antlitz auf und steht so einen Augenblick im Tor der Berge, wie ein in gleißendes Gold gehüllter Cherub. Dann ergießt sich ein mächtiger Lichtstrom durch die Klamm, fällt in Kaskaden von den Felsen herab und malt auf der dämmerigen Wiese einen breiten goldroten Streifen. Einige Stunden gehen vorüber, die Sonne versteckt sich hinter den Bergen, und wiederum überflutet ein sanftes Dämmern das stille Tal. Manchmal nur wird diese Dämmerung von der der Sonne entgegengesetzten Seite her durch ein seltsames, schwaches, einem breiten, schillernden Regenbogen ähnlichen Leuchten unterbrochen — das ist die Morgenröte auf dem Mondpol. Sie verhält sich zuderjenigen auf der Erde wie ein Traum zur Wirklichkeit; wie ein Traum, der schön und rein und traurig ist.

Es liegt etwas Geheimnisvolles in diesem schwachen Licht der Polarländer des Mondes. Ich erinnere mich, daß ich bei ihrem Anblick die Empfindung hatte, als wenn ich mich im Traume auf einem elysäischen Zaubergefilde befände. Leichte Nebelschleier irren dort wie Geister über die Erde; kein Laut unterbricht die tiefe, unheimliche Stille. Ein immerwährender, herrlicher, wenn auch kühler Frühling herrscht in diesem Lande, das wir schon über ein halbes Jahr bewohnen und während dieser Zeit hat sich der blaßblaue Himmel nur einmal mit Wolken überzogen. Es regnet fast niemals und infolgedessen gibt es auch kein Wasser, keine Quellen, keine Bäche. Die Luft ist jedoch so mit Wasserdampf angefüllt, daß diese Feuchtigkeit für die Entwicklung der Pflanzen vollständig genügt. Unsere Gräser, Bäume und Blumen würden hier wahrscheinlich vertrocknen, aber diese Länder am Mondpol haben eine besondere, den Verhältnissen angepaßte Flora ...

Die hiesigen Wiesen bestehen aus saftigen Pflanzen, die dem Moose auf der Erde ähnlich sind und wie jenes die Eigenschaft haben, die Feuchtigkeit der Luft aufzusaugen, nur in weit erhöhtem Maße. Sie nehmen so viel Wasser in sich auf, daß wir durch Ausdrücken der Pflanzen die zum Leben nötige Quantität dieser Flüssigkeit erhalten. Das Getränk gewinnen wir also auf bequeme Weise, aber mit dem Essen ist es schon schwieriger. Wir fanden zwar einige Gattungen saftiger, dafür verwendbarer Pflanzen und eine reichliche Anzahl eigenartiger Lebewesen, die großen Schnecken ohne Schalen ähneln, doch hatten wir nichts, uns eine Nahrung daraus zu bereiten. Unser vonder Erde mitgenommener Vorrat an Brennmaterial war bald erschöpft und in der ganzen weiten Gegend nichts zu sehen, womit wir es hätten ersetzen können. Sogar die dickeren, verholzten Moosstengel waren so mit Feuchtigkeit gesättigt, daß wir sie unmöglich zum Feuermachen verwenden konnten und an ihr Austrocknen in dieser Dampfbad-Atmosphäre war gar nicht zu denken. Der Torf, den wir in großen Mengen vorfanden, triefte ebenfalls von Wasser, wenn man ihn nur in der Hand zusammendrückte.

Ich war schon kräftiger und konnte das in aller Eile hergestellte Zelt verlassen, um auf der Ebene spazieren zu gehen, als wir durch diesen vollständigen Mangel an Brennmaterial bedroht wurden. Wir pflogen diesbezüglich große Beratungen und machten verschiedene vergebliche Versuche zur Abhilfe. Peter kam mit dem Vorschlag, man solle die stärkeren, zerspaltenen Zweige und den ausgepreßten Torf auf die Berge tragen, da er hoffte, daß sie dort in der Sonne leichter trocknen würden, wie in diesem immer gleich dämmerigen Tale. Aber auch auf den Höhen war die Wärme der Sonnenstrahlen zu schwach. Nach kurzer Zeit nahm der ausgepreßte Torf durch die Dämpfe der Luft von neuem so viel Feuchtigkeit auf, daß die Arbeit sich als vergeblich erwies.

Wir opferten also alles, was wir von den mitgebrachten Holzgegenständen irgend entbehren konnten und schürten damit ein letztes großes Feuer an, um das in der Gegend gesammelte Brennmaterial auszutrocknen. Wäre uns das gelungen, konnten wir ein stetes Feuer unterhalten, das immer mit neuem, durch sich selbst ausgetrockneten Brennmaterial versorgt wurde. Aber diese Hoffnung erwies sich als trügerisch. Wir erhielten, nachdem wir alles verbrannthatten, kaum eine kleine Handvoll trockener Äste und Torf. Es zeigte sich, daß zum Austrocknen einer gewissen Menge von Brennmaterial das Dreifache nötig gewesen wäre. Unser „ewiges Feuer“ erlosch nach einigen Stunden ... Wir hatten nur den Vorteil davon, daß wir die Maschine in Bewegung setzten, die die Akkumulatoren des Wagens lud.

So hieß es also ohne Feuer auszukommen! Die von Wasserdampf durchtränkte, immer gleichmäßig temperierte Luft bewahrte aufs glänzendste die spärliche Sonnenwärme, so daß uns die Kühle nichts anhaben konnte. Doch fiel es uns sehr schwer uns an die Rohkost zu gewöhnen. Die Reste der Vorräte an künstlichen, für die Verdauung entsprechend zubereiteten Eiweiß- und Zuckerpräparaten hoben wir für den Fall, bei der weiten Reise in eine Gegend zu kommen, die uns gar keine Nahrung liefern sollte, sorgfältig auf. Wir ließen nämlich die Absicht niemals fallen, noch weiter nach der Mitte der von der Erde abgekehrten Halbkugel des Mondes vorzudringen. Jedoch hielten uns drei Gründe von der Ausführung dieses Planes zurück: vor allem war ich nach der überstandenen Krankheit noch zu schwach, um die Beschwerden der Reise ertragen zu können, und auch Martha, die in Kürze der Geburt des Kindes entgegensah, durfte sich keinen Gefahren aussetzen. Schließlich gesellte sich noch, infolge des Mangels an Brennmaterial, die Angst vor den langen, kalten Nächten hinzu, die über uns hereinbrechen würden, sobald wir uns nur von dem Pol, dem Land des ewig gleichmäßig fahlen Lichtes, entfernten.

Trotz aller Entbehrungen und Befürchtungen sind die auf dem Pol verbrachten Monate die einzigen schönen Erinnerungenmeines Lebens auf dem Monde. Das Zelt, das wir von der Erde mitnahmen, stellten wir genau am Polpunkt auf, so daß wir die Konstellation des Drachen, wo der Polarstern des Mondes leuchtet, direkt über uns hatten. Diesen Stern, der uns lange als Wegweiser diente, sahen wir nur einmal, während der Sonnenfinsternis, am Zenit, als wir die weitere Reise antreten wollten. Die Sterne, die auf der luftlosen Wüste Tag und Nacht sichtbar sind, zeigen sich hier niemals, ausgenommen wenn die Sonne hinter der Erdscheibe untergeht und diese Länder der ewigen Dämmerung in kurze Nacht versinken.

Das Zelt benützten wir nur noch zum Schlafen. Unsere Hauptzeit verbrachten wir unter freiem Himmel und berauschten uns an der Landschaft, die, obwohl sie uns schon vertraut geworden, ihren eigenartig ergreifenden Reiz nicht für uns verloren hat. Alles ist so seltsam harmonisch auf einen gleichmäßig ruhigen Ton gestimmt: grüne und rosige Berge unter blauem Himmel und diese frische, kühle, mit dem balsamischen Duft der Pflanzen durchtränkte Luft! In unsere Seelen zog ein tiefer Frieden ein ... Warme Herzlichkeit herrschte in unserm kleinen Kreise. Alle Kränkungen, Leidenschaften, Bitterkeiten und Mißverständnisse lagen weit hinter uns, wie jene furchtbaren Wüsten, die wir durcheilen mußten und die uns noch in der Erinnerung mit Schaudern erfüllten.

Die Zeit floß unmerklich dahin, während wir uns ganze Stunden lang von der Erde unterhielten, deren Segment sich nur noch manchmal zur Zeit des Vollseins in Gestalt einer grauweißen Wolke über dem Horizont zeigte; dann von den teuren Kameraden, die in den stillen Gräbern der Wüsten schliefen, dann wiederum von der unbekanntenZukunft, die unserer wartete. Wir sprachen von dem Kinde, das zur Welt kommen sollte, von Ländern, die wir sehen würden, von allem, mit Ausnahme einer einzigen Sache ... Wir berührten niemals wieder die Frage, wem von uns nun in Zukunft Martha gehören solle. Es klingt seltsam, aber ich glaube wirklich, daß wir in jener Zeit nicht einmal daran dachten. Wenigstens dachte ich nicht daran. Heute, nach Jahren, kann ich es mir eingestehen ... ich liebte diese Frau, ich liebte sie mehr, als ich es heute auszudrücken fähig bin, aber diese Liebe war seltsam ...

Wenn ich sie ansah, ihr liebliches, so schmal gewordenes Gesicht, das immer ein träumerisches Lächeln umspielte, ihre zarten weißen Hände, die stets mit irgendeiner Arbeit beschäftigt waren, schien sie mir jener Martha, die ich einst kannte, so unähnlich zu sein, und ich fühlte eine ganze Welt von Zärtlichkeit für dieses so sanfte, gute und bedauernswerte Wesen. Wie gern hätte ich oftmals mit der Hand ihr Haar berührt und ihr gesagt, daß ich bereit sei, alles für sie zu tun und zu opfern, auf alle eigenen Wünsche zu verzichten, damit nur sie ein wenig glücklich wäre — aus Dankbarkeit, daß ich sie sehen darf.

Auf der Erde würde man über eine solche Liebe lachen; wenn ich heute daran zurückdenke, bin ich nur unsagbar traurig, denn ich weiß, daß ich nichts für sie zu tun vermochte, obwohl ich das größte Opfer gebracht habe, das ein Mensch zu bringen imstande ist.

Und sicherlich, wenn ich lebe, so habe ich es nur ihr zu verdanken. Als mich damals das Fieber befiel, hat mir nur ihre Pflege die Gesundheit wiedergegeben, und auch heute hält mich allein der Gedanke an sie aufrecht. DieserGedanke ist schmerzvoll, aber dort auf dem Pol ahnte ich noch nicht, wie sich alles gestalten würde, und daher sagte ich mit Recht, daß das die glücklichste Zeit meines Lebens auf dem Monde war. Ich hatte Martha stets um mich. Während meiner Krankheit wachte sie über mir; als ich wieder gesund war, machten wir zusammen Ausflüge in das Tal und suchten Schnecken zu Mittag oder sammelten duftende Kräuter, mit denen sie dann das Innere des Zeltes schmückte.

Als ich wieder zu Kräften gekommen war, erkletterte ich mit Peter die Berge, um die Sonne zu sehen und den mächtigen blassen Reifen der Erde am Horizont, und mit neugierigem Auge auf unbekannte und geheimnisvolle Länder zu schauen, die noch kein menschlicher Blick erreichte, und zu denen wir vordringen wollten. Martha blieb dann im Zelte zurück; sie durfte sich um diese Zeit derartige Anstrengungen nicht mehr zumuten.

Bei einem solchen Ausfluge zeigte mir Peter vom Berge aus den Weg, auf dem wir in dieses Tal gekommen waren, und erzählte mir von all den Schwierigkeiten, mit denen er in diesem bergigen Lande zu kämpfen hatte, in eine undurchdringliche Nacht gehüllt, mit mir, dem schwer Kranken, und mit Martha, die noch von dem Schmerze über den Verlust des Geliebten halb von Sinnen war.

— Ich mußte alles allein machen, sagte er, und es gab Stunden, wo mich die Verzweiflung packte. Einige Male verlor ich den Weg in den Felsen oder mußte zurückfahren, weil ich in eine Klamm ohne Ausgang geraten war. Oft dachte ich, daß wir nicht lebend ans Ziel kämen. In solchen Momenten erfüllte mich der Anblick des Barometers, der sich stetig hob, mit neuer Zuversicht. Abereiner sicheren Hoffnung gab ich erst Raum, nachdem wir die Ebene hinter demGiojaerreicht hatten. Die Astronomen der Erde ahnten, als sie jenen Berg mit diesem Namen belegten, gewiß nicht, daß er für uns eine wörtliche Bedeutung haben würde, daß uns nach den unermeßlichen Mühen und Qualen hier tatsächlich endlich dieFreudelächeln sollte ...

Die Nacht hatte sich hier schon erhellt. Wir waren dem Pol so nahe, daß das in der ziemlich dichten Atmosphäre zerstreute Licht der Sonne, die nicht tief unter dem Horizont verborgen lag, eine Art grauer Dämmerung hervorbrachte, bei der man die Gegenstände unterscheiden konnte. Dort wagte ich es auch zum erstenmal, den Wagen ohne Luftbehälter zu verlassen. Im selben Augenblick befiel mich ein Schwindel; die Atmosphäre war noch dünn, und ich mußte kräftig mit der Brust arbeiten, um atmen zu können; aber ich werde niemals das Gefühl vergessen, als ich zum ersten Male Mondluft schöpfte.

Er erzählte mir dann weiter, welche ungeheuren Mühen er beim Durchdringen der letzten Gebirgskette bestehen mußte, die die Ebene unter demGiojavom Polarlande trennte. Auf die Hilfe Marthas konnte er nicht rechnen, vor allem weil ich, zwischen Leben und Tod schwebend, unaufhörlich ihrer Pflege bedurfte; er mußte daher bei dem schwachen Lichte den Wagen allein auf dem steilen Abhang führen, der mit verwitterten Steinen übersät war.

Ungefähr achtzig Stunden nach Mitternacht war er auf der Einsattelung angelangt. Von dort aus sah er das Polarland schon vor sich liegen.

— Es schien mir, sagte er, daß ich die „versprochene Erde“ sehe; vor meinen Blicken, die nur noch an wilde Felsenund Wüsten gewöhnt waren, breitete sich diese mächtige grüne Ebene aus ... Die Freude hielt mir fast den Atem in der Brust zurück, und Tränen stürzten mir aus den Augen. Durch Freudentränen schaute ich auf die dämmerigen Wiesen und auf die rote Sonne, die von meiner Höhe aus über ihnen sichtbar war, obwohl noch sehr viel an der Zeit fehlte, bis sie auf diesem Meridian aufgehen mußte.

Als er das sagte, wandten wir uns unwillkürlich der Sonne zu. Sie stand am Horizont in der Himmelsrichtung, die für uns bis jetzt Norden war und von nun ab Süden werden sollte. Auf der der Erde abgekehrten Halbkugel des Mondes war es Tag.

Da packte mich zum erstenmal der unbezwingliche Wunsch, diese geheimnisvollen Länder, über denen gerade die Sonne stand, kennen zu lernen. Nach unserer Rückkehr von dem Berge dachte ich nur noch daran und begann im Zelte sogleich die Pläne der weiteren Fahrt zurechtzulegen.

Peter war ebenfalls der Meinung, daß man nach Süden, zur Mitte der unbekannten Halbkugel vordringen müsse.

— Hier haben wir es gut, sagte er, und wir könnten hier schließlich das ganze Leben verbringen, aber leben könnten wir noch ruhiger auf der Erde. Wir sind auf den Mond gekommen, um seine Geheimnisse zu erforschen!

So wurde also die neue Expedition im Prinzip beschlossen. Im Augenblick hielt uns nur die Rücksicht auf Martha zurück. Auf den Zeitpunkt wartend, da es möglich sein würde, die Reise fortzusetzen, trafen wir unsere Vorbereitungen und sammelten Vorräte.

Vor allem haben wir den Wagen genau geprüft undVeränderungen vorgenommen. Es hätte keinen Zweck gehabt, eine so schwere Maschine mit uns zu führen. Wir wollten zunächst seine obere Hälfte abnehmen, wodurch er einem tiefen Boote auf Rädern ähnlich geworden wäre. Aber der Gedanke, daß wir in Gegenden mit kalten Nächten geraten könnten, wo uns der dicht geschlossene und geheizte Wagen unentbehrlich sein würde, hielt uns davon zurück. Wir entfernten infolgedessen nur den ganzen hinteren Teil, der sich abschrauben ließ und bis dahin unsere Magazine enthielt. Zum Verschließen der so entstandenen Öffnung hatten wir eine Aluminiumplatte, die vorher den Verschluß der Magazine von innen her bildete. Außerdem beseitigten wir alle Metallteile, die zur Verstärkung der Wände dienten und jetzt unnötig waren. Den einst den unglücklichen Brüdern Remogner genommenen Motor haben wir, soweit es ging, ausgebessert und im Wagen aufgestellt, falls der unsrige beschädigt werden sollte.

Alle diese Vorbereitungen wie die Fertigstellung der Nahrungs- und Wasservorräte, die wir mühsam aus dem Moos auspressen mußten, nahmen mehr als drei Monate in Anspruch. Schließlich war alles zur Weiterreise bereit.

Das fünftemal schon stand die Erde seit unsrer Ankunft auf der Polarebene voll am Firmament, als ich, von einem weiteren Ausflug zurückkehrend, im Zelte das Schreien eines Kindes vernahm. Kein Laut ist mir im Leben so zu Herzen gegangen wie dieses schwache Stimmchen! Gehörte es doch jenem winzigen kleinen Wesen, das unsern Kreis zu vergrößern und unsere Einsamkeit freudiger zu gestalten kam. Als ich es hörte, warf ich die Bündel mit dem gesammelten Eßmoos hin und stürzte in das Zelt. Da lag Martha blaß und erschöpft, aber vorFreude strahlend. Sie schien sogar meine Ankunft nicht bemerkt zu haben. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem kleinen Geschöpf, das in weiße Tücher gewickelt war und aus Leibeskräften schrie. Sie drückte es mit wahrer Leidenschaft an sich und flüsterte fortwährend: Mein Tom, mein Tom, mein schöner, lieber Sohn! Dabei lächelte sie glückselig durch ihre Tränen. Neben ihr am Lager schwänzelten beide Hunde und streckten die neugierigen Schnauzen aus, um den ihnen unbekannten kleinen Schreier zu beschnuppern.

Ich sah mich nach Peter um und war erstaunt über seine finstere Miene. Er saß in einer Ecke des Zeltes in tiefes Nachdenken versunken, ohne auf Martha zu achten, aber ich dachte im Augenblick nicht weiter darüber nach. Ich lief zu ihr und wollte ihr sagen, wie ich mich über ihr Kind freue, wie ich sie segne für dieses Geschenk des Lebens, aber ich konnte kein Wort hervorbringen.

Ich ergriff nur ihre zarte, magere Hand und stammelte etwas Unverständliches. Sie blickte mich an, als wenn sie mich jetzt erst bemerkt hätte. Ich empfand ein Stechen im Herzen, denn ihr Blick sagte mir, daß ich ihr so gleichgültig bin, wie nur ein Mensch dem andern sein kann. Eine große Traurigkeit erfaßte mich und sie bemerkte dies scheinbar, denn sie lächelte mir zu, als wenn sie die mir unabsichtlich zugefügte Kränkung wieder gut machen wollte, und sagte, auf das Kind zeigend:

— Sieh, Tomas ist zurückgekehrt, mein Tomas ...

Da verstand ich, daß keiner von uns jemals einen Platz im Herzen dieser Frau einnehmen konnte, denn es wird immer nur diesem Kinde gehören, in dem sie nicht nur ihr eigenes Fleisch und Blut, sondern die Seele des Verstorbenen liebt.

Schweigend machte ich mich an die Zubereitung der Nahrung für Martha. Peter ging mit mir aus dem Zelte.

— Was denkst du von alledem? fragte er mich, als wir draußen waren.

Ich wußte zunächst nicht, was ich antworten sollte.

— Nun ja, Woodbells Sohn ist zur Welt gekommen ... murmelte ich nach einer Weile.

— Ja, ja, Woodbells Sohn, wiederholte Peter und verstummte.

Ich wollte nicht weiter fragen, ich wußte, woran er dachte. Wie aus Furcht das zu berühren, was alle unsere Gedanken beschäftigte, sprachen wir von jetzt ab fast ausschließlich von der bevorstehenden Reise. Martha kam schnell zu Kräften, die Gesundheit des kleinen Tom weckte keine Besorgnisse, so beschlossen wir also, vor dem nächsten ersten Viertel der Erde die Fahrt anzutreten. Das war die beste Zeit, da auf dem mittleren Meridian, der entgegengesetzten Halbkugel des Mondes, dem entlang wir uns dem Äquator zu bewegen wollten, gerade mit dem ersten Viertel der Tag beginnt. Wir würden demnach zwei Erdenwochen hindurch Licht vor uns haben und könnten, falls wir keine günstigen Bedingungen vorfinden sollten, vor Einbruch der Nacht zum Polarland zurückkehren.

Indessen verblaßte zwei Wochen nach Toms Geburt die Erde, und währenddem hatten wir Sonnenfinsternis, die zweite, die wir auf dem Monde sehen sollten.

Der ersten, dort auf der Wüste, während wir, von der Angst vor dem uns drohenden Erstickungstode gefoltert, dahinjagten, hatten wir gar keine Aufmerksamkeit zugewendet. Jetzt wollten wir die Gelegenheit besser wahrnehmen. Wir packten daher die astronomischen Instrumentein einen kleinen, von den Hunden gezogenen Wagen und erstiegen einen Hügel, der dem Pol am nächsten gelegen war, von wo man die Erde und die Sonne sehen konnte.

Das Schauspiel war erhaben, aber die Forschungsversuche blieben resultatlos. Der niedrige Stand der Erde über dem Horizont, bei einer mit Wasserdampf gesättigten Atmosphäre, ließ keine genauen Messungen zu und störte die Beobachtungen derartig, daß wir einige Minuten nach Untergang der Sonne hinter die Erdscheibe die astronomischen Instrumente hinwarfen, um mit bloßem Auge das Zauberspiel des Lichtes am Horizont zu bewundern. Die Erde leuchtete auf dem blutiggoldenen Hintergrunde der Morgenröte in Gestalt eines mächtigen schwarzen Halbkreises, von dem dunkel erglühenden, mit Sternen übersäten Himmel umgeben. Ein Anblick, als wenn am nächtlichen Firmament eine riesige Feuersbrunst flammte oder jenes flackernde Polarlicht, das auf der Erde in der Nähe der Pole glüht, plötzlich hierherversetzt, erstarrt und, sich vor unsern Blicken ins Ungeheure dehnend, erloschen wäre.

Gerade jetzt steht mir die Erinnerung daran so lebhaft vor Augen. Es schien mir damals, als wenn sich mir der verkohlte Leichnam der Erde im Feuer zeigte, es war darin etwas Furchtbares und seltsam Erschütterndes. Heute noch, wenn ich an die Erde denke, erscheint sie mir oft in dieser entsetzlichen schwarzen Gestalt, wie ich sie damals gesehen habe, und dann muß ich meine ganze Vorstellungskraft anstrengen, um sie mir als eine silberne, leuchtende Scheibe zu denken.

Ich konnte diesen über allen Ausdruck erhabenen, aber schmerzlichen Anblick nicht lange ertragen und wandte den Blick zu den Sternen, die ich seit einigen Monaten nichtgesehen hatte. Sie leuchteten alle über mir, scharf glitzernd, wie manchmal bei uns auf der Erde in klaren Winternächten. Ich blickte mit heißem Verlangen auf sie, wie auf gute alte Bekannte; ich suchte mir seit den Kinderjahren bekannte Konstellationen auf und frug sie in Gedanken, was es dort auf meinem heimatlichen Globus, der jetzt wie Schlacken auf einer flammenden Feuersbrunst vor mir lag, wohl Neues zu hören gäbe.

Plötzlich bemerkte ich, daß die Sterne verblaßten; ich rieb mir die Augen, weil ich glaubte, die Tränen, die diese Erinnerung mir entlockte, verschleierten mir den Blick. Aber nein, es war keine Täuschung: die Sterne wurden immer schwächer und schwächer. Auch Peter bemerkte es, und wir beunruhigten uns, da wir für diese Erscheinung keine Erklärung fanden. Die Sterne verschwanden gänzlich, ja sogar die Morgenröte wurde in der Richtung, in der die Sonne hinter der Erde unterging, immer undeutlicher und wie verwischt. Einige Minuten später hüllte uns eine sternenlose Nacht ein; nur in südlicher Richtung war noch ein leichter roter Schein am Himmel zu erkennen. Da plötzlich fühlten wir einen starken Windstoß, etwas in dieser Gegend für uns vollständig Neues. Vor Schreck und Staunen wagten wir nicht, uns von der Stelle zu rühren.

Endlich wich die Finsternis, und die Sonne schaute hinter der Erdkugel hervor. Wir schlossen wenigstens nach dem wiederkehrenden Tage darauf, denn wir konnten trotz der Helligkeit weder die Sonne noch die Gegend erkennen. Alles versank in einem dichten milchweißen Nebelschleier ...

Jetzt erst verstanden wir diesen Vorgang. In dem Polarlandefällt weder Regen noch bilden sich Wolken, weil die Luft immer gleichmäßig erwärmt ist; es fehlt also die Anregung für das Ausscheiden des Wasserdampfes.

Dies gilt sozusagen unter gewöhnlichen Bedingungen, aber heute fiel während der Finsternis plötzlich die Temperatur, wodurch sich der Wind erhob und der Wasserdampf sich in kälterer Luft zu Nebel verdichtete.

Diese natürliche Erklärung der erstaunlichen Erscheinung beruhigte uns zwar, jedoch wurde unsere Lage dadurch nicht besser. Eine empfindliche Kälte schüttelte uns, und in dieser Dämmerung war es unmöglich, den Weg ins Tal zu entdecken, wo das Zelt stand. Dazu quälte mich der Gedanke an Martha. Aber es blieb nichts übrig, wir mußten uns setzen und besseres Licht abwarten ....

Bald begann sich denn auch der Nebel zu heben. In nicht ganz einer halben Stunde öffnete sich der Blick auf das Tal; nur noch die Gipfel höherer Berge waren in Wolken getaucht, die mit jedem Augenblick dichter wurden. Es war ohne Zweifel Regen in Aussicht und wir begannen in größter Eile den Abstieg vom Hügel. Ehe wir jedoch den Weg nur zur Hälfte zurückgelegt hatten, blitzte es über uns auf und fast gleichzeitig sauste mit dem dumpfen Echo eines Donners eine wahre Sündflut auf uns nieder. In einigen Sekunden waren wir vollständig durchnäßt. Durch den niederströmenden dichten Regen konnte man absolut nichts sehen; die Blitze und Donner setzten nicht einen Augenblick aus.

So ging es ungefähr zwei Stunden lang, während deren wir uns, durchkältet und durchnäßt, mit den Hunden unter den Vorsprung eines Felsens, der uns übrigens nur einen sehr schwachen Schutz gewährte, flüchteten. Alsder Regen aufhörte, wollten wir sofort den Rückweg antreten, aber kaum hatten wir das schützende Felsdach verlassen, als sich uns ein Anblick darbot, der uns das Blut in den Adern gerinnen ließ. An Stelle der grünen Mulde lag ein breiter See zu unseren Füßen.

Mein erster Gedanke war: Was ist aus Martha und dem Kinde geworden? Die Stelle, wo das Zelt stand, muß überschwemmt sein. Ich stürzte zum See, ohne auf Peter zu achten, der mich zurückhalten wollte. Als ich das Wasser erreicht hatte, versuchte ich, hindurchzuwaten; zunächst war es nicht tief, aber bald ging es mir bis an die Hüften. Einen Augenblick zögerte ich, ob ich weiterwaten oder umkehren sollte, indessen war Peter hinter mir ins Wasser gesprungen, packte mich mit aller Kraft und zwang mich, an das Ufer zurückzukehren.

Meine Situation war fürchterlich. Eine wahnsinnige Angst um Martha trieb mir den Schweiß auf die Stirne, und doch mußte ich Peter recht geben, daß ich mein Leben riskierte, ohne ihr damit zu helfen.

— Wenn Martha die Überschwemmung rechtzeitig bemerkt hat, sagte er, und sich auf dem Hügel in Sicherheit brachte, ist unsere Hilfe augenblicklich nicht nötig; es ist Zeit genug, sie zu suchen, wenn das Wasser gefallen ist. Hat sie indessen die Flucht nicht mehr ergreifen können, so kommen wir, ob jetzt oder in einigen Stunden, auf alle Fälle zu spät.

Er sagte das ganz ruhig, sogar mit einer gewissen Grausamkeit, die mich schaudern machte. Ich sah ihm in die Augen, und ich glaubte den furchtbaren Gedanken darin zu lesen: „Lieber soll sie zugrunde gehen, als jemals dein sein!“ ...

— Ich werde ihr zu Hilfe eilen, trotz alledem! rief ich.

— Geh, antwortete er und setzte sich gleichgültig ans Ufer.

Ich wollte wirklich gehen, aber das war leichter gesagt als getan. Und übrigens — wohin sollte ich gehen? Auf die Mitte dieses Sees? Sie unter dem Wasser suchen?

Ich setzte mich neben Peter, wütend und verzweifelt, und starrte ratlos ins Wasser. Auf seiner Oberfläche schwammen hier und da abgerissene Moosstengel, im übrigen war es ruhig und glatt, von keinem Windstoß getrübt. Ich dachte eben darüber nach, wie in so kurzer Zeit so unendlich viel Wasser aus der Atmosphäre herabfließen konnte und wie lange Stunden vergehen würden, ehe dieses Meer austrocknet und wir die Leichen Marthas und des Kindes finden (ich zweifelte gar nicht mehr daran, daß sie umgekommen waren), als ich plötzlich bemerkte, daß die Moosstengelchen alle ziemlich schnell in einer Richtung flossen, also anscheinend vom Strom getragen wurden, ein Zeichen, daß das Wasser irgendwo einen Ausgang aus der Mulde gefunden hatte. Diese Beobachtung beruhigte mich unendlich, da sie mich hoffen ließ, daß wir auf das Fallen des Wassers nicht allzu lange würden warten müssen. Um mich von der Richtigkeit dieser Annahme zu überzeugen, ging ich das Ufer entlang, den anscheinenden Lauf der Strömung verfolgend.

Nachdem ich einige Kilometer gegangen war, kam ich an eine Art Bach, den ich durchwatete. Ich war von dem Vorhandensein eines Abflusses hinter diesem Bach überzeugt, da ich auf der Oberfläche erhabenere Stellen sah, die aus der Flut wie flache grüne Inselchen hervortauchten.

Dies alles bot einen schönen, äußerst interessanten Anblick, vor allem, daß sich in der glatten Scheibe des Wassers,inmitten der grünen Inseln, die am Ufer gelegenen kahlen Berge, die bereits wieder von der Sonne rosa beleuchtet waren, spiegelten. Aber ich achtete nicht im geringsten auf diese Landschaft, weil mich nur ein einziger Gedanke beschäftigte: Martha. Ich fühlte wohl damals zum erstenmal, wie unendlich teuer mir diese Frau war, und was ich durch ihren Tod verlieren würde ... Ich konnte diesen Gedanken auch gar nicht fassen und obwohl ich keine Ahnung hatte, auf welche Weise sie sich hätte retten können, fühlte ich im tiefsten Herzen den Rest einer unbegreiflichen Hoffnung, daß sie leben müsse und eilte immer schneller vorwärts, als wenn ihre Rettung davon abhinge, daß ich so bald als möglich den Abfluß dieses Wasser erreichte. Aber ich war zu aufgeregt, um logisch denken zu können. Nur eines fühlte ich klar, daß ohne dieses Weib, das nicht mir gehörte und ohne dieses Kind, das ebenfalls nicht mein war, mein Leben wert- und ziellos vor mir lag. Ich schwor in meinem Innern, sie niemals für mich zu verlangen, wenn ich sie dadurch retten könnte ... Wer weiß, ob das Schicksal nicht manchmal die stillen Gelöbnisse des Menschen hört ...

Zwölf Stunden waren schon vergangen seit ich Peter verlassen hatte, als mich ein brausender Fluß am Weitergehen hinderte. Durch eine breite Klamm, die, von uns bis jetzt unbemerkt, ein Tor der Polarmulde gegen die unbekannte Seite der Mondkugel bildete, ergossen sich diese Wassermassen. Ermattet und hungrig setzte ich mich an das Ufer und wußte nicht, was ich nun beginnen sollte.

Die Zwecklosigkeit meines Suchens und Jagens wurde mir jetzt erst klar. Übermüdet streckte ich mich, fast gedanken- und willenlos, auf dem Moose aus, das noch vondem frischgefallenen Wasser triefte und starrte in den Himmel, der sich wieder so ruhig und blaß über mir wölbte wie vor jener verhängnisvollen Sonnenfinsternis.

Da war es mir, als wenn mich jemand beim Vornamen riefe; ich sprang auf und horchte gespannt. Nach einer Weile vernahm ich die Stimme abermals, doch schon deutlicher. Als ich mich umsah, bemerkte ich auf der anderen Seite der zu einem Fluß verwandelten Klamm Martha, die mir von ferne Zeichen gab, mit dem Kinde auf dem Arm. Ein wahrer Freudentaumel erfaßte mich. Ohne auf die Gefahr zu achten, warf ich mich ins Wasser und stand bald neben ihr. Das Übermaß des Glücks erstickte mir die Stimme, ich konnte nur ihre Hände mit Küssen bedecken, was sie mir, selbst stark erschüttert, nicht wehrte.

— Mein Freund, mein guter, teurer Freund, wiederholte sie öfter mit blassen, aber lächelnden Lippen.

Als wir uns beide etwas beruhigt hatten, erzählte sie mir, wie sie während des Unwetters die herannahende Überschwemmung bemerkte und es ihr, als das Wasser schon das Zelt unterspülte, noch gelang mit dem Kinde und den für uns wertvollsten Gegenständen in den Wagen zu flüchten, der in der Nähe stand. Der dichtverschlossene Wagen war nach Beseitigung vieler Teile, die ihn vorher beschwerten, leicht genug, um sich auf der Oberfläche des Wassers zu halten, das durch den kolossalen Regenguß und die sich in Kaskaden von den Bergen herabwälzenden Bäche immer gewaltiger anwuchs. Beim Donnern und Aufleuchten unaufhörlicher Blitze trieb der Wagen auf den Fluten dahin wie einst die Arche Noah, ihr um so ähnlicher, als auch er das menschliche Geschlecht auf diesem Globus vor dem Untergang bewahrte.

Marthas Lage war geradezu entsetzlich. Da sie keine Möglichkeit hatte, ihr improvisiertes Schiff zu steuern, wurde der Wagen wie eine Schale hin und her geworfen. Zu ihrer eigenen Angst gesellte sich noch die Sorge um uns und unser Schicksal. Nachdem der Regenguß endlich nachließ und das Wasser aufhörte zu schwellen, bemerkte Martha, daß der Wagen in einer bestimmten Richtung schwimme. Sie dachte sich, daß ihn der Strom eines abfließenden Wassers mitriß, was ihre Angst noch vergrößerte. Der Wagen konnte auf diese Weise in eine Spalte geschleudert oder in eine entfernte Gegend fortgetrieben werden, wo es uns vielleicht unmöglich gewesen wäre, ihn wieder zu finden.

Sie atmete erst auf, als nach einigen Stunden die Spitzen der Hügel aus dem fallenden Wasser wieder hervortauchten. Alle ihre Anstrengungen jedoch, das Fahrzeug nach einer dieser Spitzen hinzulenken, waren vergeblich. Sie hörte schon das Sausen des Stromes, der durch diese Klamm abfloß, über der ich sie antraf, und war auf das Schlimmste vorbereitet, als durch einen glücklichen Zufall der Wagen plötzlich von einem hervorspringenden Felsen angehalten wurde. Martha benützte mit Geistesgegenwart diesen Augenblick, ein Seil durch das geöffnete Fenster auf die Felsspitze zu werfen und brachte ihr Schifflein auf diese Weise in Sicherheit. Als ich kam, war die Gefahr schon vorüber und das Wasser so gesunken, daß der Wagen auf einer trockenen Stelle Halt gefunden hatte. Einige Stunden später waren nur noch kleine Tümpel vorhanden, die wie Glasscheiben inmitten der grünen Wiesen aussahen.

Auf Peter mußten wir noch geraume Zeit warten, schließlich führten ihn die Hunde zu uns, die meiner Spur gefolgtwaren. Er maß uns mit einem mißtrauischen Blick, und ohne ein Wort zu sprechen, machte er sich an die Untersuchung der geretteten Vorräte und Instrumente. Ein merkwürdiger Mensch! Schon elf Erdenjahre lebe ich hier mit ihm zusammen und es kommen immer wieder Momente, wo ich mir keine Rechenschaft über seinen Charakter geben kann, der eine sonderbare Mischung von Kühnheit, Aufopferung und Entschiedenheit, von Leidenschaft und Egoismus, von Eifersucht und Verschlossenheit ist. Nur das eine weiß ich bestimmt: er ist gänzlich unberechenbar.

Die Katastrophe hat uns bedeutenden Schaden zugefügt. Wir haben bei der Überschwemmung viele notwendige Gegenstände verloren; andere mußten wir mühevoll in der breiten Mulde suchen. Das vom Wasser davongetragene Zelt konnten wir zunächst nicht finden. Es war ein Glück, daß sich in Anbetracht der seit langem getroffenen Vorbereitungen zur Weiterreise der größte Teil unserer Habseligkeiten zur Zeit der Überschwemmung schon im Wagen befand. Und außerdem hat uns dieses Unwetter einen ungeheueren Nutzen gebracht, indem uns nämlich das abfließende Wasser den Weg zeigte, auf dem wir weiter nach Süden fahren sollten.

Unsere diesbezügliche Berechnung war sehr einfach: wenn das Wasser so schnell abfließen konnte, mußte die Klamm zu tiefer gelegenen Stellen führen, wo wir aller Wahrscheinlichkeit nach eine größere Wasseransammlung vorfinden würden, einen See oder das Meer, und infolgedessen auch vom Regen benetzte Strecken, also sicherlich die nötigsten Lebensbedingungen. Längere Zeit vor dem uns gesetzten Termin der Abfahrt waren wir vollständig reisefertig. DerWagen stand mit allem versehen am Ausgang der Klamm, die sich vor uns wie ein zur neuen Welt geöffnetes Tor auftat; man brauchte nur den Elektromotor mit Hilfe der Akkumulatoren, die von der Zeit her geladen waren, wo wir noch Feuerung besaßen, in Bewegung zu setzen. Wir hatten sogar ein Stück Wegs im voraus erforscht, indem wir zu Fuß in der Klamm vordrangen. Sie bot durchaus keine feste Straße, vor allem, weil die letzten Wassermassen den Boden stellenweise tief aufgerissen hatten, aber immerhin konnte man hier ruhig fahren, ohne sich größeren Schwierigkeiten auszusetzen. Wir warteten also nur eine günstige Zeit ab, um diesen Wasserspuren, die nach Süden wiesen, zu folgen — in ein unbekanntes Land der Wunder, dessen lange Nächte die silberne Scheibe der Erde, die über den Wüsten leuchtet, niemals erhellt.

Vierzig Stunden vor dem ersten Viertel der Erde haben wir die Fahrt angetreten. Auf der unbekannten Halbkugel des Mondes, wohin wir eilten, war noch Nacht, aber bald sollte die Sonne diese Länder erleuchten.

Nicht ohne ein Gefühl der Wehmut, ja sogar der größten Besorgnis haben wir das Polarland verlassen. Wir kannten es schon und wußten, was es uns geben konnte, während alles, was uns nun erwartete, wieder in Geheimnis gehüllt und nur eine Vermutung war. Wir sollten uns wiederum den brennenden langen Tagen und nächtlichen Kälten aussetzen, wir sollten von neuem Schluchten, Berge und vielleicht auch Wüsten durchdringenauf der Fahrt zu dem Lande, von dem wir absolut nicht wußten, ob es uns aufnehmen wird und ernähren kann. Überdies beunruhigte uns der Mangel an Brennmaterial. Was würde geschehen, dachten wir, wenn die Ladung unserer Akkumulatoren zu Ende geht, bevor wir neues Brennmaterial finden und die Maschine nicht mehr in Bewegung setzen könnten. Werden wir dann zu Fuß vor der hereinbrechenden Nacht zum Polarlande zurückzukehren imstande sein, um uns vor der Kälte, die um so bedrohlicher für uns wird, weil wir kein Feuer haben, in Sicherheit zu bringen? Es gab, kurz nachdem wir die Reise angetreten hatten, Augenblicke, wo wir schon infolge dieser Befürchtungen auf die mit Moos bewachsene Polarwiese zurückkehren wollten, um auf ihr das ganze Leben zu verbringen, uns an den schwachen, in der Atmosphäre zerstreuten schrägen Sonnenstrahlen wärmend und uns, wie die Tiere der Erde, von rohen Schnecken und Pflanzen nährend. Aber das Zaudern dauerte nicht lange, Neugierde und Hoffnung waren stärker. Die Nahrungsvorräte konnten für lange Zeit ausreichen; wir nahmen auch etwas ausgepreßten Torf mit, weil wir hofften, daß es uns in sonnigen Gegenden gelingen würde, ihn so weit auszutrocknen, um Feuer machen zu können. Übrigens haben wir für den schlimmsten Fall, nach Verbrauch der halben Ladung der Akkumulatoren, die Rückkehr zum Polarlande beschlossen.

In den ersten zehn Stunden der Fahrt geschah nichts Bemerkenswertes. Die Klamm war zu Ende und wir kamen auf eine Ebene, die der am Pole ähnlich sah, nur bedeutend größer war. Hier mußte ebenfalls kürzlich eine Überschwemmung gewesen sein; in den Strahlen der ebenaufgehenden Sonne waren hier und da noch große, flache Tümpel zu sehen. Sehr verwunderte uns die bereits gänzlich veränderte Flora, obwohl wir vom Pol kaum einige zehn Kilometer entfernt waren. Zwischen den uns bekannten Pflanzen, die nur kleiner waren als die auf dem Pol und mit rostiger Farbe überzogen, schossen trockene Stengel, vereinzelt wachsend und spiralförmig gewunden wie bei uns die jungen Wedel der Farrenkräuter, aus der Erde. Die Kälte machte sich empfindlich bemerkbar, während der Nacht, die diese Gegenden schon haben, obwohl sie eher einer Dämmerung gleicht, da die Sonne kaum einige Fuß unter den Horizont sinkt. Wir erwärmten uns, indem wir die Arme zusammenschlugen, wie es auf der Erde die Arbeiter tun, als Martha auf die Idee kam, jene Stengel abzupflücken und zu versuchen, ob man Feuer damit machen könne.

Wir gingen sofort an die Arbeit; wie groß war aber mein Staunen, als der erste Stengel bei der Berührung mit der Hand sich zu strecken, dann wiederum zu krümmen begann, ganz wie ein lebendes Wesen. Ich ließ ihn unwillkürlich mit einem Schrei fallen. Nachdem ich mich von dem Schreck erholt hatte, begann ich diese sonderbaren Pflanzen zu untersuchen. Ich schnitt eine davon mit dem Messer ab und überzeugte mich, daß es große, längliche und fleischige Blätter waren, doppelt zusammengerollt nach vorn zugespitzt, wie eine Trompete, und dann schneckenförmig gewunden, ähnlich den Rollen englischen Tabaks. Auf der äußeren, hellgrünen Seite sah man zahlreiche rosige Äderchen. Die ganze Pflanze war, solange sie lebte, mit der Fähigkeit der Bewegung ausgestattet, ungefähr wie unsere Mimosen. Am meistenaber wunderte mich der Umstand, daß diese zusammengerollten Blätter bedeutend wärmer waren als die Umgebung; scheinbar erzeugte ihr Organismus durch irgendwelche chemobiologischen Prozesse sich selbst die Wärme, die ihm während der langen Nächte fehlte. Alles das war sehr interessant, aber die Hoffnung auf die Ausnützung dieser Pflanzen zum Feuern wieder zunichte. Wir wandten daher unsere Augen mit Sehnsucht der roten Sonne zu, wartend, ob ihre geizigen Strahlen bald die Gegend erwärmen würden.

Zu der Kälte gesellte sich noch eine andere Sorge; wir wußten nicht, welchen Weg wir einzuschlagen hatten. Wir sollten in der Richtung fahren, in der die Wasser abgeflossen waren, aber es war schwer, dies auf der Ebene, die während der Überschwemmung ganz überflutet war, zu erkennen. Als wir noch darüber nachdachten, bemerkte Peter in der Entfernung von einigen hundert Metern einen großen weißen Gegenstand. Wir fuhren neugierig darauf zu und fanden unser Zelt, das, von den Wassern davongetragen, sich erst hier auf einem kleinen Hügel festgesetzt hatte. Wir freuten uns über dieses Wiederfinden doppelt, erstens weil uns das Zelt, das einzige, das wir besaßen, tatsächlich unentbehrlich war, und zweitens wurden wir auf diese Weise über die Richtung des abgeflossenen Wassers orientiert. Das Zelt kam durch die Klamm, die wir eben zurückgelegt hatten, auf diese Ebene und wies uns daher die Linie, die von dem Ausgang der Klamm zu der Stelle, an der wir uns befanden, gezogen war, d. h. die ungefähre Richtung des abfließenden Wassers. Diese Linie lief durch die Flachebene nach Süden, mit einer kleinen Biegung nach Westen.

Als wir uns in dieser Richtung weiter fortbewegten, trafen wir auf eine kleine gewundene Gebirgsklamm und nachdem wir noch eine flache Mulde passiert hatten, gelangten wir in ein breites grünes Tal, das sich direkt nach Süden erstreckte.

Zu seinen beiden Seiten erhoben sich hohe Bergketten mit zahlreichen, in ihrem Massiv steckenden Kratern, denen ähnlich, die die luftlose Halbkugel des Mondes anfüllen. Die Gipfel der Berge waren mit Schnee bedeckt; der Schnee, der scheinbar in der Nacht gefallen war, lag auch noch stellenweise im Tal und taute erst durch die Strahlen der nicht hoch am Horizont stehenden Sonne auf. Die von den Bergen herabtriefenden Wasser bildeten einen ansehnlichen Bach, der in zahlreichen Biegungen schnell dahinfloß.

Wir beschlossen, uns eine Zeitlang in diesem Tale aufzuhalten, nachdem wir uns überzeugt hatten, daß der weitere Weg nach Süden uns bei so früher Tageszeit einer empfindlichen Kälte in den Gegenden aussetzen würde, wo der Unterschied zwischen der durchschnittlichen Wärme des Tages und der Nacht immer intensiver wird.

Als wir wieder aufbrachen, hatte die Sonne fast schon den dritten Teil ihres täglichen Weges zurückgelegt. Es war warm und hell. Der Schnee im Tal war gänzlich verschwunden, und jene zusammengerollten Stengel, die wir hier zwischen den kleinen Pflänzchen vorwiegend fanden, begannen sich unter dem Einfluß der Sonnenwärme schnell zu mächtigen, in verschiedenen grünen Schattierungen gemalten Blättern zu entfalten. Ihre Form war überaus mannigfaltig; die einen sahen großen Fächern ähnlich, die mit zarten, flatternden Fransen behängt waren, andere wieder, mit allerhand Farben betupft — unter denen Rotund Dunkelblau am meisten hervortraten — erinnerten an die Pracht der Pfauenfedern. Es gab auch solche, deren Ränder in Formen eines Akantusblattes ausgeschnitten und mit Dornen übersät waren und wieder andere, die, unten zusammengerollt, einen Trichter bildeten, auch glatte, schimmernde oder mit langem goldgrünen Haar, das zu beiden Seiten bis zur Erde herabfiel, bedeckte, — mit einem Wort, die größte Verschiedenheit der Farben und Formen, und alles lebend, beweglich, sich bei der leisesten Berührung krümmend.

Am Ufer des Baches wanden sich, halb in seine Kristallflut getaucht, langgezogene Wasserpflanzen wie rostgrüne Schlangen oder Fäden, mit Blumen von starkem berauschenden Duft behängt. An anderen Stellen, wo das Wasser sich ausbreitete und die Strömung aufhörte, entwickelten sich zarte Wasserlinsen, die in Kugelform den nächtlichen Frost überstanden, das Wasser mit einem leichten, zitternden Netz bedeckend, den feinsten Spitzengeweben aus violetter und grüner Seide vergleichbar.

Wir waren ganz hingerissen von der Pracht dieser Pflanzenwelt; bei jedem Schritt bemerkten wir Neues und Staunenerregendes. Aus dem Dickicht krochen, von der Sonne hervorgelockt, wunderbare Geschöpfe, langen Eidechsen mit einem Auge und vielen Füßen ähnlich. Sie schauten neugierig nach uns aus und verschwanden schnell beim Herannahen des Wagens. Auf eines dieser Tiere stürzten sich die Hunde und fingen es. Wir nahmen ihnen diese Beute ab, aber das Tier war schon tot. Wir konnten also nur den ungemein interessanten Bau am leblosen Körper bewundern, der von den Organismen auf der Erde grundverschieden war. Das Knochengerüst erstreckte sich biszu dem länglichen Ring, der sich aus beweglichen Reifen zusammensetzte, die zu beiden Seiten direkt unter der Haut lagen. Den ganzen Schädel bildeten nur zwei starke Kiefer. Das Hirn lag unter dem Kamm, innerhalb des Ringes. Das was wir für die Füße hielten, waren nur zwei Reihen elastischer Borsten, vermittelst derer sich das Tier auf dem Boden mit ungeheurer Schnelligkeit bewegte.

Bedeutend später fanden wir auf dem Monde noch viele andere merkwürdige Geschöpfe, aber keins hat uns so interessiert wie dieses erste, das überaus typisch für die hiesige Fauna ist.

Überhaupt war unsere ganze Reise durch jenes Tal wie ein Märchentraum, voll von unerwarteten und phantastischen Bildern. Die Stunden flossen schnell dahin und immer von neuem änderte sich der Blick. Stellenweise verengerte sich das Tal, felsige Pässe bildend, durch die wir mit Mühe dicht am Ufer des Baches, der schon zu einem breiten schäumenden Strom angewachsen war, hindurchdrangen; dann fuhren wir wieder auf die weite, kreisförmige Ebene, wo das Wasser sich zu einem großen See ausbreitete mit bewachsenen oder sandigen Ufern. Wir fanden immer mehr Tiere vor. In den Tiefen des Wassers schwammen sonderbare kleine Ungeheuer; in der Luft schwirrten fliegende Eidechsen, die von fern wie Vögel mit dicken Hälsen und langen Schwänzen aussahen. Aber das seltsamste ist, daß alle Tiere auf dem Monde stumm sind. Es fehlen hier diese unzähligen Stimmen des Lebens, die auf den Wiesen und in den Wäldern der Erde tönen; nur wenn der Wind weht säuseln die Blätter der Pflanzen, zugleich mit dem Rauschen des Stromes die ewige Lautlosigkeit unterbrechend.

Die üppige Vegetation erschwerte uns das Vordringen bedeutend. Jeden Augenblick mußten wir stehen bleiben und die um die Achsen geschlungenen Farrenkräuter abwickeln, die die Bewegung der Räder hemmten; manchmal wieder fuhren wir durch so starkes Dickicht, daß der Wagen fast darin stecken blieb. Über diese Verzögerungen waren wir nicht gerade erfreut, besonders da die Fahrt auch so schon sehr langsam vonstatten ging, weil wir öfter anhalten mußten, um zu schlafen oder uns zu stärken, auch die Gegend zu erforschen oder Nahrung und Brennmaterial zu suchen. Nahrung fanden wir genügend vor. Unschätzbare Dienste erwiesen uns hierbei die Hunde. Immer herumsuchend und -schnüffelnd, fanden sie eßbare fleischige Pflanzen oder schmackhafte Molusken. Schlimmer stand es jedoch mit dem Brennmaterial. Der aus dem Polarlande mitgenommene Torf war zwar ausgetrocknet und brannte ganz gut, aber wir mußten sparsam damit umgehen, denn der Vorrat war nicht groß, und in der ganzen Gegend war nichts zu finden, womit wir hätten Feuer machen können. Bäume, wie sie auf der Erde sind, gibt es hier überhaupt nicht und jene breiten Blätter sind so saftig, daß sie im Feuer kochen, statt zu brennen, und den Torf, der fast die ganze Strecke des Polarlandes bedeckte, hatten wir weit hinter uns gelassen.

Indessen näherte sich der Mondmittag und wir mußten uns schließlich entscheiden, ob wir weiterfahren oder infolge Feuermangels vor der Nacht zu dem Polarlande zurückkehren sollten. Zunächst hatten wir die Absicht, das letztere zu tun; vor allem drängte Martha, die den starken Frost mit Rücksicht auf Tom fürchtete, zur Rückkehr. Ich war ebenfalls dafür, aber Peter redete entschieden dagegen.


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