Achtes Kapitel.Der erste tibetische Spion.

Achtes Kapitel.Der erste tibetische Spion.

In Kuti machte ich halt und berief die vornehmsten Eingeborenen in mein Zelt.

»Würde es möglich sein,« fragte ich sie, »über den Lumpiyapaß oder über den noch höhern Mangschan zu gehen?«

Der erstere ist ein selten begangener Paß auf dem Wege nach Gyanema, der andere ein sehr schwieriger Paß, über den es aber doch möglich ist, durch die Wildnis nach dem Rakastal-See zu gelangen, ohne in die Nähe von tibetischen Niederlassungen oder Lagern zu kommen.

»Nein!« lautete die entschiedene Antwort sämtlicher Schokas. »Der Schnee ist jetzt zu tief. Täglich fällt neuer Schnee. Für die nächsten vierzehn Tage wenigstens möchten wir jedem abraten, hinüberzugehen. Der Versuch wäre der sichere Tod. Sogar in der besten Zeit während eines Monats im Sommer sind diese beiden Pässe schwer ersteigbar und gefährlich; jetzt aber würde es reiner Wahnsinn sein, den Übergang zu versuchen.«

Meiner skeptischen Natur entsprechend, glaube ich wenig von dem, was ich nicht sehe. Ich machte mich also am nächsten Morgen auf den Weg, um allein zu rekognoszieren. Als sie mich so fest entschlossen sahen, änderten mehrere Schokas ihre Meinung und erboten sich, mir zu folgen. Sie waren mir an vielen gefährlichen Stellen von außerordentlichem Nutzen. Hin und wieder waren ein paar Schritte des schmalen Pfades schneefrei; sonst führten weite Strecken auf gefrorenem Schnee entlang, über Abgründen, in die hinabzublicken schon gefährlich war.

Die glückliche Rettung, die ich tags zuvor erlebt, hatte mein Vertrauen zu mir selbst nicht vermindert, mich aber mißtrauischgemacht gegen jenes weiße Symbol der Reinheit und Unschuld, das in Wahrheit der am meisten heimtückische Stoff der Schöpfung ist. Ich fand bald heraus, daß wo Schnee war, auch Mühsal und Gefahr nicht fehlten. An Stellen, wo der Schnee besonders hart gefroren war, wagten wir nicht, auf der steilen, glatten Fläche zu gehen, und mußten zum Flusse hinabsteigen, der hier gänzlich mit Eis und Schnee überbrückt war. Wir überschritten ihn und versuchten, auf der andern Seite weiterzugehen. Wenn wir mit Mühe einige hundert Meter marschiert waren, mußten wir umkehren und unser Heil wieder auf dem ersten Ufer versuchen. So gingen wir wohl ein halbes dutzendmal über den Kuti hin und her, jedesmal nach einem steilen Abstieg, dem sofort ein steiler Anstieg folgte.

Die Spalten im Eise neben dem Flusse waren häufig und gefährlich, und wir wagten nicht, länger als durchaus notwendig neben ihnen zu verweilen. In sechs bis sieben Stunden hatten wir eine Entfernung von noch nicht 7 Kilometer zurückgelegt. Wir verließen den Kuti und folgten in nördlicher Richtung dem Laufe eines seiner Nebenflüsse, des Kambelschio, den wir überschritten, um auf dem jenseitigen Ufer in einer Höhe von 4090 Meter unser Lager aufzuschlagen.

Es blieben mir bei unserer Ankunft noch einige Tagesstunden, die ich benutzte, um Jagd auf Himalajagemsen zu machen. Ich stieg an einem nadelähnlichen Gipfel bis 4570 Meter empor.

Die Aussicht von diesem hohen Punkte war wunderbar! Meilenweit, es schienen Hunderte von Meilen zu sein, Schnee, nichts als Schnee! Dort erhob sich der Berg Jolinkan zu einer Höhe von über 5790 Meter. Auf jeder Seite des Kutiflusses ragten Gipfel von 6000 Meter und mehr empor. Hier und dort erschien die sonst weiße Decke, die auf dem Lande ringsum lag, fast grünlich gefärbt. Diese Stellen, deren ich viele sah, waren Gletscher, von denen die zahlreichen dem Kuti zuströmenden Flüsse gespeist werden.

Ich kehrte zum Lager zurück; es war nutzlos, noch weiterzugehen, und noch nutzloser, länger zu bleiben. Ich gab Befehl, das Lager abzubrechen, und um 2 Uhr nachmittags waren wir auf dem Rückwege nach Kuti. Es war ein ungewöhnlich warmer Tag, und die Oberfläche des Schnees, die am vorigen Tage so hartgewesen, war jetzt weich und wässerig. Mehrere der Schneebrücken waren schon verschwunden.

Einige meiner Kulis ließ ich zum Flusse hinunter vorangehen. Zwei von ihnen, die dicht vor mir gingen, schritten auf einer starken und breiten Eisbrücke über den Fluß. Ich wartete, bis sie sicher drüben wären. Als sie beinahe auf der andern Seite angekommen waren, fühlten sie ein eigentümliches Zittern unter ihren Füßen. So gut es ging, krochen sie auf allen vieren weiter und warnten durch Zurufe.

Schnell trat ich zurück, gerade zur rechten Zeit! Denn mit einem betäubenden Gekrach, das wie der stärkste Donner von Fels zu Fels zurückgeworfen wurde, stürzte die Brücke in die Tiefe. Die gewaltigen Eisstücke, die einen Augenblick zuvor noch einen Teil der Wölbung gebildet hatten, wurden jetzt von dem brausenden Strome fortgerissen und mit furchtbarer Gewalt gegen die nächste, unter dem schrecklichen Anprall erzitternde Eisbrücke geworfen.

Ein Marsch von drei Tagen brachte uns auf demselben Wege nach Garbyang zurück. –

Als ich erfuhr, daßDr.Wilson sich in Garbyang befand, machte ich ihm einen Besuch. Auf weichen chinesischen und tibetischen Matten und Decken sitzend, genossen wir eine Tasse Tee nach der andern und aßen Tschapatis dazu, als plötzlich das ganze Gebäude in der seltsamsten Weise sich zu schütteln und zu rütteln anfing, wobei die Tee- und Milchkanne umfielen und die Tschapatis in der ganzen Stube umherrollten.

Ich überließ esDr.Wilson, unser kostbares Getränk zu retten, und zog Uhr und Kompaß hervor, um Dauer und Richtung des Stoßes festzustellen. Er war wellenförmig, sehr heftig und von Südsüdwest nach Nordnordost gerichtet. Das Erdbeben begann um 5 Uhr 20 Minuten nachmittags und endete um 5 Uhr 24 Minuten 2 Sekunden.

»Es scheint mir, daß wir klüger getan hätten, das Haus zu verlassen«, sagte ich. »Es ist ein Wunder, daß das Gebäude nicht eingestürzt ist. Meine Tasse ist voller Lehm von der Decke.«

»Ich habe den Tee für Sie gerettet!« sagte der Doktor und hob triumphierend die Teekanne empor, die er sorgfältig an sich gedrückt hatte. Er hatte meine Neigung für die gelbe Flüssigkeit schon entdeckt.

Wir setzten unsere Mahlzeit ruhig fort, als plötzlich eine Schar aufgeregter Schokas ins Zimmer stürzte.

»Sahib! Sahib! Wohin ist es gegangen?« riefen sie im Chor, die Hände nach mir ausstreckend und sie dann zum Zeichen des Gebetes faltend. »Sahib! Sage uns, wohin es gegangen ist.«

»Was?« fragte ich, durch ihre Angst belustigt.

»Hast du nicht gefühlt, wie die Erde bebte und zitterte?« riefen sie erstaunt aus.

»O ja, das ist aber weiter nichts.«

»Nein, nein, Sahib! Das ist die Ankündigung eines großen Unglücks. Der Geist unter der Erde erwacht und schüttelt seinen Rücken.«

»Es ist mir lieber, wenn er seinen Rücken schüttelt als den meinen«, sagte ich scherzend.

»Oder meinen«, fügte der Doktor zur größten Verwunderung unserer geängstigten Besucher bei.

»Wohin ist es gegangen?« wiederholten ungeduldig die Schokas.

Ich zeigte nach Nordnordost, und sie seufzten erleichtert auf. Es mußte nach der andern Seite des Himalaja gegangen sein.

Nach den Vorstellungen der Schokas lebt im Innern der Erde ein böser Geist in Gestalt eines riesenhaften Wurmes in einem Zustande der Erstarrung. Das einem Erdbeben vorangehende Rollen ist nichts anderes als der schwere Atem des Ungetüms vor seinem Erwachen, der wirkliche Stoß dagegen wird dadurch veranlaßt, daß das Tier sich dehnt und reckt. Völlig erwacht, schnellt der schlangenähnliche Dämon empor, bricht sich in irgendeiner Richtung Bahn und zwingt dadurch die Erde, an seinem unterirdischen Wege entlang zu erbeben. Bei diesem gewaltsamen Vorgehen richtet er großen Schaden an Besitz und Leben an, der Furcht und des Schreckens nicht zu gedenken, die Mensch und Tier bei der Vorstellung empfinden, daß der launenhafte Geist eines schönen Tages vielleicht gerade unter die Stelle der Erdkruste zurückkehren könnte, auf der sie selbst stehen. Es muß überraschen, daß die Schokas neben ihren Ansichten über den Ursprung des Erdbebens sich der Tatsache wohlbewußt sind, daß ein Erdbeben stets eine bestimmte Richtung verfolgt. Auch werden die gewöhnlichen Symptome der Annäherung eines heftigen Bebens, wie die Depression in der Atmosphäre, die sie einem fieberhaften Zustande des Riesenwurmes zuschreiben, von ihnen ohne weiteres erkannt.

Als ich einige Monate später in die zivilisierte Welt zurückkehrte, hörte ich, daß an jenem Tage in ganz Indien ein heftiger Erdstoß bemerkt worden war, der namentlich in Kalkutta beträchtlichen Schaden angerichtet hatte. –

Eines Tages machte ich einen Spaziergang auf der öden Straße vor dem Dorfe. Ich war etwa zwei Kilometer von dem bewohnten Teile entfernt, als drei Männer, die mir rasch entgegengekommen waren, plötzlich vor mir stillstanden. Sie waren mit stumpfen Schwertern bewaffnet, die sie ungeschickt schwangen, wobei sie so laut sie konnten und in sichtlicher Aufregung: »Rupiya, Rupiya!Rupien, Rupien!« riefen.

Ich eilte rasch an den Räubern vorbei und setzte dann ruhig meinen Spaziergang fort. Als sie mich abgehen sahen, rannten sie eilig auf Garbyang zu, und ich dachte nicht weiter an das Erlebnis. Bei meiner Rückkehr in das Dorf jedoch kam eine Menge Schokas zu mir, um mir zu melden, daß mein Geld angekommen sei und daß die eingeschüchterten Boten, die nicht wagten, zum zweitenmal in meine Nähe zu kommen, sich in das Haus desDr.Wilson begeben hätten. Dort fand ich einen Peon und zwei Tschaprassis, die drei Männer, denen ich auf meinem Spaziergang begegnet war. Sie hatten mir etwa 1800 Rupien gebracht, fast die ganze Summe in Zwei- und Vierannastücken (1 Anna =1/16Rupie = 8,4 Pfennig), die ich mir von meinem Bankier in Almora hatte kommen lassen und an deren Last die drei Mann zu tragen gehabt hatten!

Nach einer einfachen Verständigung mit diesen drei sehr friedlichen »Straßenräubern« wurde das Geld in mein Zimmer gebracht. Ein großer Teil der Nacht verging damit, die winzigen Münzen nachzuzählen und in Rollen zu je zehn Rupien zu verpacken. –

Gerade unterhalb Garbyang befanden sich im Kali, und zwar in der Mitte des Flußbettes, unter einer Masse anderer Steine zwei große Felsblöcke. Diese wurden von den Schokas beständig beobachtet, da sie wissen, daß die Pässe offen sind, wenn die beiden Felsblöcke gänzlich unter Wasser stehen. Der Lippupaß, der niedrigste von allen, kann übrigens fast das ganze Jahr hindurch passiert werden, wenn auch zum Teil mit Schwierigkeiten.

Ich hatte während meines Aufenthalts in Garbyang nie das Glück, dies zu sehen; aber der Wasserstand des Flusses stieg täglich,und die langweilige Zeit des Wartens wurde durch viele lästige und auch durch einige unangenehme Ereignisse unterbrochen.

Nachdem der Jong Pen von Taklakot in Tibet einmal von meinen Plänen Kenntnis erhalten hatte, ließ er sich beständig über meine Bewegungen unterrichten. Seine Spione gingen täglich mit ausführlichen Berichten über mich hin und her, was mir regelmäßig von meinen Freunden vertraulich mitgeteilt wurde.

Einer jener Kundschafter, ein kräftiger Tibeter, der unverschämter war als die andern, war so dreist, in mein Zimmer zu kommen und mich in heftigem Tone anzureden. Zuerst behandelte ich ihn freundlich; aber er wurde immer frecher und sagte mir in Gegenwart mehrerer erschrockener Schokas, vor denen er sich brüsten wollte, daß der britische Boden, auf dem ich stehe, tibetisches Eigentum sei. Die Briten, sagte er, seien Eindringlinge und hier nur geduldet. Er erklärte die Engländer für Feiglinge, die Furcht hätten vor den Tibetern, obwohl diese die Schokas bedrückten.

Dies war denn doch zu viel für mich, und es wäre wohl auch unklug gewesen, es ohne Erwiderung hingehen zu lassen. So packte ich ihn denn bei seinem Zopf und versetzte ihm eine Anzahl kräftiger Schläge ins Gesicht. Als ich ihn losließ, warf er sich heulend zu Boden und flehte um Verzeihung. Um ihm meine Autorität ein für allemal einzuschärfen, ließ ich ihn vor den versammelten Schokas meine Schuhe mit der Zunge belecken. Darauf wollte er sich davonschleichen, aber ich ergriff ihn nochmals beim Zopfe und stieß ihn die Stufen hinab, die er unaufgefordert zu betreten gewagt hatte.

Tschanden Sing sonnte sich eben zufällig am Fuße der Treppe und stürzte sich, als er den verhaßten Fremdling eine so schimpfliche Verabschiedung erhalten sah, wie eine Katze auf ihn. Er hatte gehört, wie ich sagte: »Ye admi bura irab!Das ist ein schlechter Kerl!« Das war genug für ihn, und ehe noch der Tibeter wieder auf den Füßen stand, bedeckte ihm mein Träger das eckige Gesicht schon mit einem wahren Hagel von Schlägen. In der Erregung des Augenblicks begann Tschanden Sing, der sich wie ein Held vorkam, auf seinen geängstigten Gegner sogar mit großen Steinen loszugehen, und zuletzt ergriff er ihn beim Zopfe und zog ihn daran rings um den Hof, bis ich dazwischentrat und diesem zu weit gehenden Sport ein Ende machte.


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