Neuntes Kapitel.Aus dem Leben der Schokas.
Eine Einrichtung der Schokas, die bei einem primitiven Volke überraschend, aber meiner Ansicht nach außerordentlich verständig und nützlich ist, ist das Rambang, ein Versammlungsort oder Klub, wo Mädchen und junge Männer nachts zusammenkommen, um sich gegenseitig näher kennenzulernen, ehe sie eine Ehe eingehen. Jedes Dorf besitzt eine oder mehrere Anstalten dieser Art, die unterschiedslos von allen wohlhabenden Leuten gefördert und als eine solide Basis für die Schließung von Ehen anerkannt werden. Die Rambanghäuser stehen entweder im Dorfe selbst oder auf halbem Wege zwischen zwei Dörfern, so daß die jungen Mädchen des einen in freundschaftliche Beziehungen zu den jungen Männern des andern treten können und umgekehrt.
In Begleitung von Schokas besuchte ich viele dieser Häuser. Rings um ein großes Feuer in der Mitte des Raumes saßen die jungen Burschen und Mädchen paarweise beieinander, Wolle spinnend und lustig plaudernd. Alles ging vollkommen anständig zu. In den ersten Morgenstunden schienen sie sentimentaler zu werden und fingen an, ohne Instrumentalbegleitung Lieder zu singen, wobei das Anschwellen und Senken der Stimmen unheimlich und schauerlich klang.
Die Schokas besitzen sanfte, klangvolle Stimmen, und die Töne, die sie hervorbringen, sind nicht etwa nur ein fortgesetztes aus der Kehle kommendes Geräusch, sondern, wenn ich so sagen darf, ein Hervorzittern von Eindrücken, die aus dem Herzen dringen und durch die Stimme andern mitgeteilt werden. Ist der Charakter der Schokamusik auch rein orientalisch, so ist sie dem Ohre des Abendländers doch wohltuend, nicht etwa, weil sieschnelle Übergänge, Schnörkel oder irgendwelche kunstvolle Technik besäße, sondern weil sie den Eindruck von wahrem Gefühl macht.
Die Rezitative, die von einem jungen Manne und einem Mädchen gesungen wurden, gefielen mir am besten. Alle ihre Gesänge sind klagend; sie enthalten Modulationen, die einen geheimnisvollen Reiz haben. Die Schokas singen nur, wenn die Stimmung sie dazu treibt, nie mit der Absicht, andere zu erfreuen. Ihre Liebeslieder beginnen gewöhnlich mit einem sentimentalen Rezitativ und gehen dann in Gesang über mit häufigem Wechsel aus einer Tonart in die andere. Der Takt ist unregelmäßig, und obgleich gewisse rhythmische Eigentümlichkeiten beständig wiederkehren, so gibt doch jeder Sänger allem, was er singt, ein so starkes persönliches Gepräge, daß er daraus fast eine individuelle Komposition macht. Wenn man Schokas zum ersten Male singen hört, möchte man glauben, jeder Sänger improvisiere, aber bei genauerer Beobachtung wird man finden, daß musikalische Phrasen, gewisse Lieblingspassagen und Modulationen nicht nur im einzelnen Liede, sondern in allen Gesängen wiederkehren. Sie scheinen alle auf dieselbe klagende Melodie begründet zu sein, die wahrscheinlich sehr alt ist, aber der verschiedene Takt, in dem sie vorgetragen wird, und die Eigenheiten des Sängers geben ihr einen besondern Charakter. Eine kennzeichnende Eigenschaft der Schokagesänge ist wie bei so vielen andern orientalischen Melodien die, daß sie keinen eigentlichen Abschluß haben, und das verdarb sie für meine Ohren. Während die Schokas singen, heben sie den Zipfel ihres weißen Schals oder Gewandes auf und halten ihn an die Seite des Kopfes.
Das Rauchen war allgemein, wobei jedes Paar zusammen eine Pfeife benutzte. Einige in die Wand gesteckte brennende Tannenscheite bilden neben dem in der Mitte des Zimmers langsam brennenden Feuer die einzige Beleuchtung. Mit dem Herannahen des Morgens machte sich der Schlaf geltend, und bald zogen sich alle paarweise zurück und legten sich in ihren Kleidern auf einer weichen Unterlage von Stroh und Gras neben den Hütten zum Schlafen nieder. Dort ruhten sie friedlich in einer Reihe, während ich nach meiner Behausung zurückging inmitten des betäubenden Bellens herrenloser Hunde.
Durch diese Versammlungen kommt jedes Schokamädchenregelmäßig mit jungen Männern zusammen, und während sie den Gedanken hegt, unter ihnen einen passenden Lebensgefährten zu wählen, leistet sie mit ihrem Spinnrade eine beträchtliche Arbeit. Wenn ein Paar die Heirat beabsichtigt, geht der junge Mann, mit seinen besten Kleidern angetan, in das Haus seines zukünftigen Schwiegervaters, indem er einen Topf mit Tschökti, getrocknete Früchte, Ghur (süßer Brei), Miseri (Kandiszucker) und geröstetes Korn mitbringt. Wenn der Bräutigam als eine passende Partie erscheint, empfangen die Eltern des Mädchens den jungen Mann mit gebührender Achtung und beteiligen sich herzhaft an dem von ihm angebotenen Essen und Trinken. Die Heirat wird auf der Stelle abgemacht, und der Bräutigam zahlt dem Vater eine Summe von nicht unter fünf und nicht über hundert Rupien aus. Das ist die Etikette der »guten Gesellschaft« bei den Schokas und der Leute, welche die Mittel dazu haben. Diese Bezahlung wird »Milchgeld« genannt, d. h. Geld, das der Summe entspricht, die die Verwandten des Mädchens für dessen Aufziehen verwendet haben.
Die Hochzeitszeremonie ist ziemlich einfach. Ein Kuchen, Delang genannt, wird gebacken, von dem die Freunde der beiden Familien essen. Wenn der Bräutigam oder die Braut sich weigert, ihren Anteil von dem Kuchen anzunehmen, ist die Verlobung aufgehoben; wenn sie beide etwas von dem Kuchen essen und später ein Zwist zwischen ihnen entsteht, werden alle diejenigen, die der Handlung beiwohnten, als Zeugen dafür aufgerufen, daß die Heirat stattgefunden habe.
Oft schenkt man sich sogar diese einfache Zeremonie, und die Ehen der Schokas werden als glückliche und treue Verbindungen angefangen und fortgeführt, ohne daß irgendeine besondere Form von Gottesdienst oder Ritus den Bund heiligt.
Den Ehebruch bestrafen sie nicht nur an dem schuldigen Manne selbst, indem sie ihn schlagen, sondern die Männer begeben sich auch in Haufen nach dem Hause seiner Eltern und berauben dasselbe des ganzen Hausrats, der Vorräte an Korn und Waren. Sie konfiszieren die Schafe, Ziegen, Jake und alle wertvollen Sättel und Lasten und schenken alles dem Manne, dessen Frau verführt worden ist, als eine Entschädigung für die erlittene Unbill. Oft auch werden die unschuldigen Verwandten des Missetäters von denBewohnern des Dorfes gebunden und totgeschlagen. Man befolgt diese strengen Maßregeln, um einen hohen Standpunkt von Sittlichkeit und Ehre zu bewahren, und dieser Brauch, so barbarisch er auch erscheinen mag, findet seine Rechtfertigung doch durch die guten Resultate in bezug auf die allgemeine Moralität. Es gibt mit Ausnahme von gelegentlichen Rambangkindern nur sehr wenige außereheliche Geburten. Die erstern sind aber so verabscheut, daß das Vorkommnis nicht als eine ernstliche Herabwürdigung des Rambang betrachtet werden kann.
Die Schokas schreiben den Tod dem Entweichen der Seele aus dem Körper zu, und dieser Vorstellung entspringt die merkwürdige Verehrung, die sie dem Gedächtnis der Toten erweisen.
Ich war Zeuge von nicht weniger als sechs Leichenfeiern, die seltsam genug sind, um eine davon zu beschreiben.
Ein Mann war infolge eines Unglücksfalls eines schmerzvollen Todes gestorben. Augenblicklich wurde nach seinen Freunden geschickt, und nachdem der Körper mit Butter gesalbt worden war, wurde er in die besten Gewänder gekleidet. Ehe die Erstarrung eintrat, bogen sie den Körper zusammen und legten ihn auf eine flüchtig zusammengefügte Bahre. Er wurde mit einem in Blau und Gold gestickten Tuch, über dem ein weißes lag, bedeckt. Bei Sonnenaufgang verließ der Leichenzug das Haus, um nach dem Verbrennungsorte zu gehen. Den Zug eröffneten zehn Frauen, deren Köpfe mit einem langen Streifen von weißem Baumwollzeuge umwickelt waren, dessen eines Ende an die Bahre gebunden war. Unter ihnen waren die nächsten Verwandten des Verstorbenen, seine Frau und seine Töchter, die »Oh bajo! Oh bajo!O Vater! O Vater!« schrien und klagten, während die übrigen schluchzten und große Trauer zur Schau trugen. Da der Verstorbene allgemein beliebt gewesen war, kamen die Dorfbewohner vollzählig heraus, um ihm die letzte Ehre zu erweisen, und nahmen ihre Plätze in dem Zuge ein, während dieser seinen Weg langsam dem Flusse zu nahm.
Der Leichnam wurde vorläufig an das Ufer des Flusses gelegt, während alle Männer barhäuptig große Steine und Holzstücke sammelten. Ein kreisrunder Verbrennungsofen, 1,5 Meter hoch, zirka 2 Meter im Durchmesser, mit einer Öffnung an der dem Winde zugekehrten Seite, wurde damit am Ufer errichtet.Alle wertvollen Gegenstände, seine goldenen Ohrringe, sein silbernes Gürtelschloß und die silbernen Armbänder wurden dem Toten schnell fortgenommen, und ein großes Messer wurde zu irgendeinem Zwecke benutzt, den ich nicht feststellen konnte, wenn es nicht der war, die Ohrläppchen des Toten damit aufzuschlitzen, um seine Ohrringe schneller zu entfernen. Auf den Körper wurden Tannenzweige gelegt und ein großer Topf mit Butter neben ihn gestellt. Eine Messingschale voll Wein wurde über den Kopf gegossen und dann unter tiefem Schweigen Feuer an den Holzstoß gelegt.
Nach dem Dorfe zurückkehrend, schrien und klagten die Frauen, indem sie die Kleider des Verstorbenen und seine Messingschalen nach dem Hause zurücktrugen.
Bei der Ankunft zu Hause lag es ihnen ob, reichlich für das Vergnügen der Seele des Verstorbenen zu sorgen. Eine aus Stroh und Stöcken hergestellte rohe Gliederpuppe wurde von ihnen mit den Kleidern des Verstorbenen angezogen und mit indischen, gold-, rot- und blaugestickten Geweben überdeckt; auf den Kopf wurde ein Turban gesetzt.
An jedem Tage der Feierlichkeiten, die drei oder vier Tage dauerten, wurden Reis, gebackener Weizen und Wein vor die Puppe gestellt, bis die Auswanderung der Seele aus der Gliederpuppe in ein lebendes Schaf oder in einen Jak stattfindet.
Nach einigen Tagen wird die Gliederpuppe aus dem Zimmer entweder vor das Wohnhaus oder nach irgendeiner malerischen Stelle im Walde getragen. Schalen mit Speisen werden vor sie gesetzt, und ein Tanz nach einer seltsamen, sentimentalen Melodie beginnt mit anmutigen Drehungen der Mädchen und Frauen, die große Stücke weißen Stoffes schwenken.
Nachmittags schließen sich die Männer der Aufführung an, und obgleich ihr Tanz in der Hauptsache dieselben charakteristischen Eigenheiten und Bewegungen hat wie der Tanz der Frauen, so ist er gewöhnlich viel ungestümer, so daß er fast den Charakter eines Kriegstanzes trägt.
Wenn anzunehmen ist, daß die Puppe sich gesättigt hat, wird die ganze Schar der Leidtragenden von der Familie mit Zucker, geröstetem Mais, Reis, Süßigkeiten, Ghur und Miseri bewirtet. Während das Volk ißt, kehren die Damen des Hauses unterraschem Trommelschlag zu dem Bildnis zurück und verneigen sich wieder in feierlichen, lang anhaltenden Verbeugungen.
Tötung des geopferten Jaks.
Tötung des geopferten Jaks.
Schließlich wird das zum Opfer bestimmte Tier, eine Ziege oder ein Jak, unter dem Abfeuern von Gewehren, dem Geheul, Gekreisch und betäubenden Gezische der versammelten Menge vor die Gliederpuppe gezogen. Um seine Hörner sind lange bunte Bänder gewunden, deren Enden an der Seite des Kopfes herabhängen. Unter den Nüstern des Tieres wird Sandelholz verbrannt, was nach dem Glauben der Schokas die Seele des Verstorbenen veranlaßt, sich in dem Tiere niederzulassen. Die Kleider, der Turban, der Schild, die Juwelen werden der Gliederpuppe vom Leibe gerissen und auf die Ziege gepackt, die jetzt die Verkörperung des Verstorbenen ist. Sie wird gefüttert, bis sie nichts mehr aufnehmen kann; Wein und Branntwein werden ihr in den Hals gegossen und große Schüsseln mit allen möglichen Leckereien vor sie hingestellt. Die weiblichen Verwandten widmen dem Tiere ihre zärtlichste Zuneigung und vergießen Tränen über ihm, in der Überzeugung, daß es den Geist ihres verlorenen Beschützers enthält. Mit Speise vollgepfropft und durch den Alkohol betäubt, unterwirft sich das Tier gefühllos und regungslos den wilden Liebkosungen, Gebeten und Salaams, die über dasselbe ausgegossen werden. Wieder fängt das Zischen, Pfeifen und Kreischen an, und man stürzt auf dasTier los, das bei den Hörnern, dem Schwanze und überall, wo es gepackt werden kann, ergriffen und gestoßen, geschlagen und endlich zum Dorfe hinausgejagt wird, nachdem ihm Kleider, Schild, Schwert, Turban und Schmucksachen vom Rücken gerissen worden sind. Es wird schließlich den Hunyas übergeben, die bei diesen Gelegenheiten aus der Einfalt der Schokas Vorteil ziehen und die es niederwerfen, ihm den Leib aufschlitzen und das Herz herausreißen oder dieses mit einem schnellen Ruck umdrehen, der augenblicklich tötet.
Diese Methode wird bei Schafen oder Ziegen angewendet. Wenn ein Jak geopfert wird, so finden fast die nämlichen Gebräuche statt, bis zu dem Augenblick, da die Puppe ihrer Kleider beraubt und der Jak mit ihnen bekleidet wird. Er wird ebenfalls geschlagen und herumgezogen und auf dem Gipfel eines Berges verlassen, während die Menge ihm nachruft: »Geh! Geh! Wir haben dich gefeiert, verehrt und gefüttert! Wir haben alles, was in unsern Kräften stand, für dein Wohlergehen getan. Mehr können wir nicht tun! Jetzt geh!« Hiermit wird der Jak mit der in ihn hineingetriebenen Seele seinem Schicksal überlassen, und sobald die Schokas fortgegangen sind, wird er von den Tibetern, gegen deren Glauben es geht, einem Jak Blut zu entziehen, in einen Abgrund getrieben. Bei dem verhängnisvollen Sprung wird das Tier in Stücke zerschmettert, und die Tibeter sammeln die Überreste und essen sich an dem geschätzten Fleische ihres geliebten Jak voll.
Wenn alles vorüber ist, wird dem Toten etwas von seinem Besitze zurückerstattet, und einzelne Gegenstände, wie messingene Schalen, eine Flinte, ein Schild oder Schwert, werden in eine heilige Höhle gelegt, die niemand durch Fortnahme eines Gegenstandes zu entweihen wagt. Diese Höhlen liegen hoch oben an den Abhängen der Berge und sollen voll von heiligen Opfergaben sein, die sich während der Jahrhunderte dort angehäuft haben.