Dreiundvierzigstes Kapitel.Wieder bei den Freunden.

Dreiundvierzigstes Kapitel.Wieder bei den Freunden.

Endlich befanden wir uns auf der Ebene, wo wir das aus etwa zweihundert Zelten bestehende Lager eines Tarjum sahen und wo wir die Nacht über blieben. Eine große Menge von Lamas und Soldaten war versammelt. Mitten in der Nacht wurden wir plötzlich ungestüm aus dem Schlafe geweckt und veranlaßt, unser Lager ungefähr zwei Kilometer von der Niederlassung fortzuverlegen. Am nächsten Morgen aber gingen wir, nachdem wir zuerst einen großen Strom überschritten hatten, in südwestlicher Richtung weiter und erreichten am Abend desselben Tages das Lager des Tarjum von Toktschim. Hier kamen uns die Offiziere entgegen, die uns bei einer frühern Gelegenheit Geschenke überbracht und die wir mit allen ihren Soldaten in die Flucht geschlagen hatten, als sie anfingen uns zu bedrohen.

Diesmal benahmen sie sich sehr anständig; der älteste von ihnen erwies uns alle mögliche Höflichkeit und bezeigte große Bewunderung für den Mut, mit dem wir uns gegen eine so starke Übermacht behauptet hatten. Der alte Herr tat alles, was er konnte, um es uns behaglich zu machen, und rief zu unserer Unterhaltung sogar zwei herumziehende Musikanten heran. Einer von diesen trug eine eigentümliche viereckige Kopfbedeckung aus Fell; er spielte mit einem Bogen auf einem Instrument mit zwei Saiten, während sein Begleiter, ein Kind, tanzte und plumpe Gliederverrenkungen ausführte und alle paar Minuten mit ausgestreckter Zunge rundherum ging, um bei den Zuhörern um Tsamba zu betteln.

Die Tibeter sind gegen Bettler sehr wohltätig, und nicht nur bei dieser, sondern auch bei andern Gelegenheiten habe ichbemerkt, daß, wenn ihre Gaben auch oft sehr klein waren, sie sich selten weigerten, den Bettlern Tsamba, Stücke Butter oder Tschura zu geben.

Der ältere Musikant hatte eine viereckige Keule durch den Gürtel gesteckt, und von Zeit zu Zeit legte er sein Instrument nieder und führte uns, die Keule als Schwert benutzend, eine Art kriegerischen Tanzes vor. Ab und zu schwang er die Keule auch gegen Rücken und Kopf des armen Knaben, um ihn zu größerer Lebhaftigkeit zu ermuntern, was unter den Zuschauern gewöhnlich schallendes Gelächter hervorrief.

Am nächsten Tage machten wir uns unter wiederholtem Lebewohlsagen und Freundschaftsbezeigungen von seiten unserer Wirte und Kerkermeister auf den Weg nach dem Mansarowar und erreichten spät am Abend Dorf und Gomba Tucker, wo wir in demselben Serai einkehrten, in dem ich auf meiner Hinreise übernachtet hatte. Hier wurden uns alle unsere Fesseln abgenommen, und wir genossen verhältnismäßige Freiheit, trotzdem vier Mann an meiner Seite marschierten, wohin ich auch ging; die gleiche Zahl beaufsichtigte Tschanden Sing und Man Sing. Natürlich erlaubte man uns nicht, weit von dem Serai fortzugehen, doch durften wir im Dorfe umherstreifen. Ich benutzte die Gelegenheit, ein Schwimmbad im Mansarowarsee zu nehmen, und auch Tschanden Sing und Man Sing begrüßten die Götter wieder mit neuen Salaams und sprangen in das heilige Wasser hinein.

Die Lamas, die bei meinem ersten Besuche so freundlich gewesen, waren jetzt außerordentlich mürrisch und grob. Nachdem sie bei unserer Ankunft zugegen gewesen waren, kehrten sie alle in das Kloster zurück und schlugen das Tor heftig hinter sich zu. Auch alle Dorfbewohner zogen sich eilig in ihre Häuser zurück, so daß der Ort bis auf die paar Soldaten, die uns umgaben, ganz verödet schien.

Der arme Man Sing, der ganz entkräftet und von Schmerzen gepeinigt dicht neben mir saß und wie träumend auf den See blickte, hatte eine seltsame Vision, die vielleicht die Folge von Fieber oder Erschöpfung war.

Aquarellskizze von H. S. Landor.F. A. Brockhaus, Leipzig.DIE FESTUNG TAKLAKOT.

Aquarellskizze von H. S. Landor.F. A. Brockhaus, Leipzig.DIE FESTUNG TAKLAKOT.

Aquarellskizze von H. S. Landor.F. A. Brockhaus, Leipzig.

Aquarellskizze von H. S. Landor.

F. A. Brockhaus, Leipzig.

DIE FESTUNG TAKLAKOT.

»O Sahib,« sagte er wie im Traume, obgleich er ganz wach war, »sieh, sieh! Sieh die Menge Leute, die auf dem Wasser gehen. Es müssen mehr als tausend Männer sein. O wie groß werden sie … Und da ist Gott … Siwa … Nein, es sindTibeter, sie kommen uns zu töten, es sind Lamas! O komm, Sahib, sie sind so nahe … O sie fliehen!« …

»Wo sind sie?« fragte ich. Ich sah, daß der arme Bursche eine Halluzination hatte. Seine Stirn brannte, er hatte hohes Fieber.

»Sie sind alle verschwunden!« rief er, als ich ihm die Hand auf die Stirn legte und ihn aus seiner Verzückung weckte.

Einige Augenblicke schien er ganz betäubt zu sein, und als ich ihn später fragte, ob er die gespenstische Menge wiedergesehen habe, konnte er sich nicht erinnern, sie überhaupt gesehen zu haben.

Abends kamen die Eingeborenen, uns in dem Serai zu besuchen, und wir hatten vielen Spaß mit ihnen, denn die Tibeter sind voll Humor. Was uns anbetrifft, so war es nur natürlich, daß wir jetzt, da wir nur noch zwei Tagemärsche bis Taklakot hatten, bei sehr guter Laune waren. Nur noch zwei Tage Gefangenschaft, dann waren wir frei!

Es war noch dunkel, als wir geweckt wurden und den Befehl erhielten, augenblicklich aufzubrechen. Die Soldaten zogen uns aus dem Serai heraus. Wir baten sie, uns noch ein Bad in dem heiligen Mansarowar nehmen zu lassen, was uns schließlich allen dreien erlaubt wurde. Das Wasser war bitter kalt, und wir hatten nichts, womit wir uns abtrocknen konnten.

Es war eine Stunde vor Sonnenaufgang, als wir auf unsere Jake gesetzt wurden und, von etwa dreißig Soldaten umgeben, fortritten.

Als wir mehrere Stunden unterwegs waren, hielten unsere Wachen, um ihren Tee einzunehmen. Nahe bei uns hatte ein Mann namens Suna mit seinem Bruder und seinem Sohne, den ich in Garbyang getroffen, ebenfalls haltgemacht. Von ihnen erfuhr ich, daß die Nachricht über die Grenze gedrungen sei, ich und meine beiden Diener seien enthauptet worden, und daß daraufDr.Wilson und der politische Peschkar Charak Sing über die Grenze gekommen seien, um sich über die Tatsache zu vergewissern und den Versuch zu machen, mein Gepäck usw. zurückzuerlangen.

Als ich hörte, daß sie noch in Taklakot seien, war meine Freude groß. Ich überredete Suna, so schnell er könnezurückzukehren, um Wilson mitzuteilen, daß ich gefangen sei und wo ich mich befände. Kaum hatte ich Suna diesen Auftrag gegeben, als unsere Wachen den Mann und seinen Bruder ergriffen und sie fortschickten, um sie an jeder weitern Unterredung mit uns zu verhindern. Als wir wieder unterwegs waren, kam ein Reiter auf uns zugeritten, der einen strengen Befehl von dem Jong Pen von Taklakot brachte, uns nicht über den Lippupaß, den wir jetzt in zwei Tagen erreichen konnten, nach der Grenze gehen zu lassen; sondern uns über den entfernten Lumpiyapaß zu führen.

Um diese Jahreszeit mußte der Lumpiya fast unpassierbar sein, und wir hätten eine weitere Reise von wenigstens sechzehn Tagen machen müssen, zumeist über Eis und Schnee, was bei unserm ausgehungerten, geschwächten Zustande unvermeidlich unser Tod gewesen wäre! Wir verlangten nach Taklakot gebracht zu werden, aber unsere Wache verweigerte dies. Inzwischen hatte der Jong Pen von Taklakot schon andere Boten und Soldaten gesandt, die die Ausführung seiner Befehle sichern und unser weiteres Vorgehen hindern sollten. Durch die Leute von Taklakot verstärkt, zwangen uns unsere Wachen jetzt, den Weg nach Taklakot zu verlassen, und so traten wir die Reise nach dem eisigen Lumpiyapaß an. Dies war Mord; die Tibeter wußten dies wohl und rechneten darauf, den indischen Behörden sagen zu können, daß wir im Schnee eines natürlichen Todes gestorben seien.

Man teilte uns mit, unsere Begleiter sollten uns an der Stelle, wo der Schnee anfing, verlassen, die Tibeter würden uns keine Lebensmittel, keine Kleider und keine Decken geben, und wir sollten ganz auf uns selbst angewiesen bleiben. Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß dies unsern sichern Tod bedeutete!

So beschlossen wir denn, uns nicht in unser Schicksal zu ergeben und unsere letzte Karte auszuspielen. Als wir etwa vier Kilometer weit nach Westen, in der Taklakot entgegengesetzten Richtung, marschiert waren, weigerten wir uns, noch weiter in dieser Richtung zu gehen. Wir sagten, wenn unsere Wachen etwa versuchen wollten, uns mit Gewalt vorwärtszubringen, seien wir bereit, den Kampf mit ihnen aufzunehmen, da es uns ganz gleichgültig sei, ob wir durch ihre Schwerter und Luntenflinten sterben oder auf dem Lumpiyapaß erfrieren müßten.

Ganz verblüfft entschlossen sich die Wachen, für die Nacht andieser Stelle mit uns haltzumachen und einen Boten nach Taklakot zu senden, der den Jong Pen benachrichtigen und um weitere Instruktionen bitten sollte.

Während der Nacht kam der Befehl, daß wir weitergehen sollten; infolgedessen rüsteten sich die Wachen am nächsten Morgen, uns wieder auf den Weg nach dem Lumpiya zu bringen. Da nahmen wir drei halben Leichen denn das letzte bißchen Kraft, das noch in uns war, zusammen und machten mit Steinen einen plötzlichen Angriff auf die Tibeter. Und so unglaublich es scheinen mag – unsere feigen Wachen machten kehrt und rissen aus! Während wir nun in der Richtung auf Taklakot gingen, folgten uns die Schurken in einiger Entfernung und baten uns flehentlich, uns nicht mehr zu widersetzen und mit ihnen dahin zu gehen, wo sie uns hin haben wollten. Täten wir es nicht, so würden, sagten sie, ihnen allen die Köpfe abgeschlagen. Wir hörten nicht auf sie und hielten sie uns dadurch vom Leibe, daß wir weiter mit Steinen nach ihnen warfen.

Unglücklicherweise begegneten wir, als wir erst wenige Kilometer zurückgelegt hatten, einem großen Trupp Soldaten und Lamas, die vom Jong Pen ausgeschickt waren, um Anstalten zu unserer Hinrichtung zu treffen. Unbewaffnet, verwundet, ausgehungert und erschöpft, wäre es für uns gänzlich nutzlos gewesen, gegen eine solche Übermacht zu kämpfen. Als sie jedoch sahen, daß wir frei dahergingen, schickten sie sich an auf uns zu schießen.

An der Spitze dieser Gesellschaft waren der erste Minister, ein Mann namens Lapsang, und der Privatsekretär des Jong Pen. Ich ging auf sie zu, um ihnen die Hand zu geben, und hielt eine lange, stürmische Unterredung mit ihnen; sie blieben aber fest und bestanden darauf, daß wir jetzt, da wir kaum mehr als einen Steinwurf von der Grenze entfernt waren, wieder umkehren und über den hohen Lumpiyapaß gehen müßten. Dies sei der Befehl des Jong Pen, dem sie ebenso wie ich zu gehorchen hätten. Sie wollten uns weder Reittiere noch Kleider schenken oder verkaufen, wozu die kleine Geldsumme, die ich noch bei mir trug, genügt hätte: sie wollten uns nicht einmal das kleinste bißchen Proviant geben. Dagegen protestierten wir nachdrücklich, indem wir sagten, daß wir es vorzögen, zu sterben, wo wir seien. Wir forderten sieauf, uns gleich auf der Stelle zu töten, da wir nicht einen Schritt weiter nach Westen gehen würden.

Jetzt machten Lapsang und der Privatsekretär des Jong Pen den schlauen Vorschlag, ich solle ihnen die Namen der Schokas, die mich nach Tibet begleitet hatten, schriftlich geben; wahrscheinlich beabsichtigten sie, deren Land und fahrende Habe zu konfiszieren. Da ich sagte, ich könne nicht tibetisch oder hindostanisch schreiben, baten sie mich, englisch zu schreiben. Dies tat ich denn, setzte aber an Stelle der Namen meiner Leute höhnische Bemerkungen, die den Tibetern wohl einige Überraschung bereitet haben werden, als sie sich das Dokument übersetzen ließen.

Weil sie sich jedoch weigerten, uns auf der Stelle zu töten, und weil Lapsang sich uns gegenüber sehr höflich zeigte und es sich sogar als persönliche Gunst für sich ausbat, daß wir über den Lumpiyapaß gingen, beschloß ich nach einigem Widerstreben, doch lieber ihre Bedingungen anzunehmen, als jetzt, da wir dem britischen Boden so nahe waren, noch mehr Zeit zu verlieren. –

Wir waren unter der Eskorte dieser großen Streitmacht bis dicht vor Kardam gekommen, als ein Reiter in vollem Galopp auf uns zusprengte und unsere Gesellschaft anrief. Wir hielten an, der Mann holte uns ein und übergab Lapsang einen Brief. Dieser enthielt den Befehl, uns sogleich nach Taklakot zu bringen.

Nun gingen wir auf demselben Wege wieder zurück, überschritten das wellenförmige Plateau über dem Gakkonflusse und erreichten spät abends das Dorf Dagmar, eine eigentümliche Niederlassung. Die Eingeborenen wohnen in Höhlen, die in die hohen Lehmwände des engen Tales gegraben sind.

Nachdem Lapsang, der Privatsekretär des Jong Pen und der größere Teil ihrer Soldaten die Pferde gewechselt hatten, ritten sie nach Taklakot weiter. Wir aber mußten hier haltmachen, als ein neuer Brief vom Jong Pen kam, in dem er sagte, daß er sich anders besonnen habe und daß wir trotz alledem über den Lumpiyapaß gehen müßten!

Während der Nacht entstand in dem Orte eine große Aufregung; die Leute rannten schreiend hin und her, und eine große Menge Reiter kam an.

Das tibetische Land ist sozusagen an Beamte verpachtet, die allmählich kleine Lehnskönige geworden sind und gewöhnlich miteinanderin Feindschaft leben. Dieser Eifersucht und gewissen Streitigkeiten über das Wegerecht hatten wir auch das nächtliche Erscheinen dieser neuen Armee zuzuschreiben.

Es waren im ganzen 150 Mann, alle mit Luntenflinten und Schwertern bewaffnet. Der Anführer der Bande kam mit acht oder zehn Offizieren zu mir und sprach so aufgeregt, daß ich befürchten mußte, es stünden uns Unannehmlichkeiten bevor. Dem war in der Tat so. Die neuen Ankömmlinge, Offiziere und Soldaten aus Gyanema, Kardam und Barka, brachten den strengen Befehl von dem Tarjum von Barka, daß wir unter keiner Bedingung durch seine Provinz oder über den Lumpiyapaß gehen dürften. Dies war spaßhaft und peinlich zugleich; denn nun war für uns gar kein Weg über die Grenze offen.

Als unsere Wachen und einige von den Leuten des Jong Pen, die zurückgeblieben waren, sahen, daß sie sich in der Minderheit befanden, hielten sie es für geraten, sich zu verziehen; ich aber, natürlich nur darauf bedacht, so schnell als möglich aus dem Lande zu kommen, stimmte allem bei, was die Leute von Gyanema sagten, und ermutigte sie sogar, für den Fall, daß der Jong Pen noch weiter darauf bestehen sollte, daß ich des Tarjums Provinz passieren müsse, den Kampf gegen ihn aufzunehmen. Alle Wege, die aus dem Lande führten, waren uns jetzt verschlossen, und ich sah ein, daß wir, wenn wir nicht unsere Zuflucht zur Gewalt nähmen, überhaupt nie entkommen würden.

Die Leute aus Gyanema fragten mich, ob ich sie im Falle eines Kampfes mit den Soldaten des Jong Pen anführen würde. Obgleich ich kein sehr großes Zutrauen zu ihrem Mut hatte, nahm ich doch den Posten als zeitweiliger Oberfeldherr an, wobei ich Tschanden Sing und Man Sing auf der Stelle zu meinen Adjutanten beförderte. Wir verbrachten den größten Teil der Nacht mit dem Ausbrüten unsers Angriffsplanes auf die Truppen des Jong Pen. Als alles in Ordnung war, überreichten mir die Tibeter zum Zeichen ihrer Dankbarkeit eine Hammelkeule, etwas Tsamba und zwei Stück Ziegeltee.

Der Morgen kam, und ich erhielt ein schönes Reitpferd; ebenso Tschanden Sing und Man Sing. Dann machten wir uns fröhlich auf den Weg nach Taklakot, gefolgt von meinen tibetischen Truppen, einer schönen Kavalkade. Wir hatten erfahren, daß derJong Pen seine Leute an einem gewissen Punkte der Straße konzentrierte, um uns den Weg zu versperren, und diesen Punkt wollten wir mit Gewalt nehmen. Meine Tibeter sagten, sie haßten des Jong Pens Leute und sie würden sie alle niedermetzeln, wenn sie Widerstand leisteten.

»Aber sie sind solche Feiglinge,« erklärte einer der tibetischen Offiziere, »daß sie ausreißen werden.«

Alle diese Reden hörten plötzlich auf, als wir das ferne Geläute der Pferdeglocken unserer Feinde hörten. Obgleich ich meine Leute so gut ich konnte ermutigte, brach eine förmliche Panik unter ihnen aus. Die Mannschaften des Jong Pen kamen in Sicht, und gleich darauf wurde ich Zeuge des seltsamen Schauspiels von zwei einander gegenüberstehenden Armeen, von denen jede vor der andern Todesangst hatte.

Ungeachtet meiner Vorstellungen legten beide Parteien mit ängstlichem Eifer die Luntenflinten und Schwerter auf die Erde, um zu zeigen, daß sie nur friedliche Absichten hegten. Dann wurde eine stürmische Konferenz abgehalten, bei der jeder bereit schien, jedem gefällig zu sein, nur nicht mir.

Während dies noch vor sich ging, kam ein Reiter mit einer Botschaft von dem Jong Pen an, durch die uns endlich zu allgemeiner Befriedigung die Erlaubnis gegeben wurde, nach Taklakot weiterzuziehen.

Mein Heer ging seinen Weg wieder nach Nordwest zurück, und ich, von dem hohen militärischen Posten, den ich nur für wenige Stunden innegehabt, abgesetzt, wurde wieder ein Zivilist und Gefangener. Über kahle Felsen wurden wir auf einem steinigen Wege unter großer Eskorte am Gakkonflusse entlang geführt. Nachdem wir auf steilem Pfade hinabgestiegen waren, gelangten wir in einen dichtbevölkerten Distrikt, wo aus Stein gebaute Häuser über die ganze Landschaft verstreut waren. Zu unserer Linken sahen wir das große Kloster von Delaling, in einiger Ferne die Gomba von Sibling. Dann gingen wir in einem großen Bogen zwischen Steinen und Blöcken um den hohen, schön geformten Berg herum, auf dessen Gipfel die Festung und die Klöster von Taklakot standen.

An dieser Stelle angelangt, überfiel uns plötzlich so große Angst, daß abermals Zwischenfälle eintreten und wir wieder zurückgebrachtwerden könnten, daß Tschanden Sing und ich, sobald wir die hölzerne Brücke über den Gakkon glücklich passiert und das große Schokalager am Fuße des Hügels bemerkt hatten, unsern Pferden die Peitsche gaben und unsern Wachen entflohen. So schnell wir konnten, galoppierten wir an der hoben Wand entlang, wo Hunderte von Menschen in Lehmhöhlen wohnen, und – befanden uns endlich wieder unter Freunden!


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