Dreiundzwanzigstes Kapitel.In der Lamaserei.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.In der Lamaserei.

Unser Aufenthaltsort war ein aus Steinen und Lehm erbautes eingeschossiges Haus mit flachem Dach. Es hatte zwei Zimmer, von denen das erste sein Licht durch die Tür empfing, während das zweite, größere eine viereckige Öffnung in der Decke hatte, die dem dreifachen Zwecke der Ventilation, des Lichtzutritts und der Entfernung des Rauches von dem Feuer diente, welches gerade darunter in der Mitte des Zimmers brannte. Die Balken und Sparren, die das Dach trugen, waren von jenseit des Himalaja herübergebracht worden, da sich im westlichen Tibet kein Holz findet.

Dieses Serai wurde von einem jungen, halb wahnsinnigen Lama verwaltet, der mit Begrüßungen äußerst verschwenderisch war und längere Zeit mit offenem Munde dastand und uns anstarrte. Er war so freundlich, uns am Morgen zu helfen, unsere Sachen zu trocknen. Wir mochten fordern, was wir wollten, immer rannte er mit tollen Ausbrüchen von Heiterkeit aus dem Serai und brachte stets, was wir wünschten.

Das schwere Gewitter während der Nacht hatte unser Zimmer überschwemmt, und nur in einer Ecke war es etwas trockener als auf dem übrigen Teil des Fußbodens; in dieser Ecke schliefen wir alle, in einen Haufen zusammengekrochen.

Die Serais machen keinen Anspruch auf Reinlichkeit. Während des Regens hatte sich das ganze Kleintierleben, das den Fußboden bewohnte, in der Absicht, das Wasser zu vermeiden, in den höhern Teil des Zimmers zurückgezogen, den auch wir gewählt hatten,so daß zu all unsern andern Leiden eine neue Prüfung hinzukam: wir wurden von einer Masse verschiedenartiger Insekten halb aufgefressen. Es war in der Tat eine furchtbare Plage, von der wir nicht allein bei dieser Gelegenheit, sondern jedesmal, wenn wir in der Nähe von tibetischen Lagern haltmachten, unbeschreibliche Qualen litten. Als wir am Morgen aufstanden, war das Zimmer voll von Tibetern, Männern, Weibern und Kindern, die sehr gutmütig und freundlich schienen.

»Tanga tschik!« (eine Silbermünze im Werte einer halben Rupie) rief ein altes Weib, das mir einen getrockneten Fisch unter die Nase hielt, indem sie mit großer Redseligkeit erzählte, daß er im Mansarowar gefangen worden sei und daß er seinen Besitzer zum glücklichsten Sterblichen machen würde. Andere zeigten uns Stücke rotes Tuch, Juwelen in Form von Broschen, Ringen und Ohrringen aus Messing oder Silber und mit Malachit eingelegt.

»Gurmoh sum!« (drei Rupien). »Diu, diu, diu.« (Ja, ja, ja.) »Karuga ni!« (zwei Zwei-Anna-Stücke). »Gieutscheke!« (ein Vier-Anna-Stück) und so weiter schallte es, indem alle zugleich schrien, begierig, ihre Waren loszuwerden.

Die Schmucksachen waren einheimische Arbeit; in einigen Fällen waren die Malachitstücke fest gefaßt; gewöhnlich wird aber eine Art Paste angewendet, um die Steine festzuhalten, und dann zerbrechen die Schmucksachen, so hübsch sie auch sind, immer schnell.

Die Ohrringe sind gewöhnlich besser gearbeitet als die Broschen. Am interessantesten sind die flachen, silbernen, mit primitiver Zeichnung verzierten Amulette.

Die Töpferwaren werden aus einem feinen Ton hergestellt, der aber vor dem Verarbeiten zu Vasen, Krügen usw. nicht geschlagen wird. Formen werden nur angewendet, um die untern Teile der größern Gefäße herzustellen, die innern Teile werden mit der Hand geformt; dann erleichtert eine rohe Drehscheibe die Ausarbeitung des obern Teils des Gefäßes und macht ihn verhältnismäßig glatt. Zwei Henkel mit rohen Linienornamenten werden an den größern Gefäßen angebracht; für die Krüge mit längerm Hals und kleinerer Öffnung genügt einer.

Die Fläche wird ziemlich glatt und unglasiert gelassen. Die Gefäße werden in primitiven Öfen gut gebrannt, die Lamas zeigengroße Geschicklichkeit in der Herstellung derselben, die unter den Pilgern nach dem Heiligen See guten Absatz finden. Die zur Anfertigung der Gefäße benutzten Werkzeuge sind außerordentlich einfach: ein flacher Stein und zwei oder drei Holzstäbe; denn der Töpfer von Tucker braucht in Wirklichkeit nur die Finger und Nägel zur Vollendung seines Werkes.

Am Morgen kamen mehrere Lamas zu Besuch und gaben vor, sehr erfreut zu sein, uns zu sehen; sie forderten mich auch auf, ihnen einen Besuch in der Lamaserei und im Tempel abzustatten. Sie sagten, daß Krankheiten im Dorfe herrschten. Da sie mich für einen Hindudoktor hielten, wünschten sie, ich könnte etwas zur Erleichterung ihrer Leiden tun. Ich versprach, alles zu tun, was ich könnte, und war sehr froh, diese ganz einzige Möglichkeit zum Besuche einer Lamaserei und zum Studium der Fälle zu haben, die man mir vorführen würde. Auch bei diesem freundschaftlichen Besuche bei den Lamas trug ich meine Büchse in der Hand.

Aus unserm dumpfigen, dunkeln Zimmer kommend, einen Haufen neugieriger Eingeborener hinter und vor mir, betrachtete ich dieses seltsame Dorf mit großem Interesse. Trotz des nächtlichen Gewitters hatten wir nicht den schönen blauen Himmel, den man hätte erwarten sollen; drohende Wolken hingen über uns, und das vom Winde sanft bewegte Wasser des Heiligen Sees schlug leise klatschend gegen den Strand. Tschanden Sing und Man Sing, die beiden Hindus, die sich aller ihrer Kleider bis auf das Hüfttuch entledigt hatten, kauerten nahe am Strande des Sees und ließen sich von Bijesing die Köpfe glatt rasieren. Ich muß gestehen, daß ich etwas ärgerlich war, als ich mein bestes Rasiermesser zu diesem Zwecke verwendet sah, aber ich unterdrückte meinen Ärger bei der Erinnerung daran, daß ihre Religion sie durch die bloße Tatsache ihres Aufenthaltes am Mansarowar von allen Sünden befreite. Meine beiden Diener, das Gesicht nach dem Berge Kelas gerichtet, schienen aufgeregt und beteten so inbrünstig, daß ich stillstand, um sie zu beobachten. Sie wuschen sich wiederholt in dem Wasser des Sees und tauchten zuletzt mehrere Male darin unter. Als sie vor Kälte zitternd herauskamen, nahm jeder eine Silberrupie aus den Kleidern und schleuderte sie als Opfer für den Gott Mahadewa in den See. Dannzogen sie sich an und kamen, mir ihre Salaams darzubringen, wobei sie behaupteten, jetzt glücklich und rein zu sein.

»Siwa, der größte aller Götter, lebt in den Gewässern des Mansarowar«, rief mein Träger in poetischer Stimmung aus. »Ich habe in seinen Wässern gebadet, und von seinen Wässern trank ich. Ich habe den großen Kelas begrüßt, dessen Anblick allein alle Sünden der Menschheit löst, nun werde ich in den Himmel kommen!«

»Ich werde zufrieden sein, wenn wir bis Lhasa kommen«, brummte der skeptische Man Sing, außer Hörweite der Tibeter.

Tschanden Sing, der in religiösen Dingen wohlbewandert war, erklärte, daß nur Hindupilger, die beide Eltern verloren haben, sich bei dem Besuche des Mansarowar als Opfer für Siwa die Köpfe scheren lassen, und daß es, wenn sie einer hohen Kaste angehören, gebräuchlich ist, bei ihrer Rückkehr von der Pilgerfahrt alle Brahminen der Stadt mit einem Bankett zu bewirten. Ein Mann, der im Mansarowar gebadet habe, werde von jedermann in großen Ehren gehalten und genieße die Bewunderung und den Neid der ganzen Welt.

Der Mansarowarsee hat ungefähr 80 Kilometer im Umkreis, und diejenigen Pilger, die einen höhern Zustand der Heiligung erlangen wollen, machen eine Kora oder einen Umgang zu Fuß längs des Wasserrandes. Die Wanderung nimmt je nach den Umständen vier bis sieben Tage in Anspruch; ein Umgang befreit die Pilger von gewöhnlichen Sünden; der zweimalige Umgang reinigt das Gewissen von jedem Morde, während die dreimalige Umwanderung denjenigen ehrlich und gut macht, der Vater, Mutter, Bruder oder Schwester getötet hat. Es gibt Fanatiker, die den Umgang auf den Knien ausführen, andere machen den Weg, ähnlich wie die Pilger zum Kelas, indem sie sich bei jedem Schritt platt auf das Gesicht legen.

Der Sage nach ist der Mansarowar von Brahma geschaffen worden, und jeder, der in seinen Wässern badet, wird das Paradies Mahadewas teilen. Gleichviel welche Verbrechen er vorher begangen haben mag, ein Eintauchen in den Heiligen See genügt, Seele und Körper zu reinigen.

Um meine Leute zu erfreuen und mir selbst vielleicht etwas Glück zu bringen, schleuderte auch ich ein paar Geldstücke ins Wasser.

Nachdem die reinigenden Waschungen vorüber waren, befahl ich Tschanden Sing, seine Büchse zu nehmen und mir in die Gomba zu folgen; denn die Lamas waren so höflich, daß ich Verrat von ihrer Seite fürchtete.

Das große quadratische Gebäude mit den rot angestrichenen Mauern und der etwas abgeplatteten Kuppel von vergoldetem Kupfer erhob sich dicht am Ufer und war in seiner strengen Einfachheit ebenso malerisch als hübsch.

Aus dem Innern drangen Töne wie von tiefen, heisern Stimmen, die Gebete murmelten; Glockengeklingel und Zimbelklänge mischten sich darein. Von Zeit zu Zeit wurde eine Trommel geschlagen, die einen hohlen Ton gab, und ein gelegentlicher, plötzlicher Schlag auf ein Gong machte die Luft vibrieren, bis die Töne in einem allmählichen Diminuendo von dem Winde über den Heiligen See fortgetragen wurden.

Nachdem Tschanden Sing und ich in die Lamaserei eingetreten waren, wurde die große Tür, die weit geöffnet worden war, sofort geschlossen. Wir befanden uns in einem weitläufigen Hofraume, der an drei Seiten zwei übereinanderliegende Reihen von Galerien hatte, die durch Säulen getragen wurden. Es war das Laprang, das Haus der Lamas, und gerade vor mir war das Lhakang, der Tempel, dessen Fußboden ungefähr anderthalb Meter über dem Erdboden war; eine sehr große Tür führte in ihn hinein. An diesem Eingange waren zwei Nischen, eine an jeder Seite, in deren jeder neben einer großen Trommel ein Lama kauerte, mit einem Gebetbuch vor sich und in den Händen ein Gebetrad und einen Rosenkranz, dessen Kügelchen er nach jedem Gebete weiterschob.

Bei unserm Erscheinen unterbrachen die Mönche ihr Gebet und schlugen in sichtlicher Erregung auf die Trommeln. Nach dem, was ich sehen konnte, herrschte in der Gomba große Aufregung. Alte und junge Lamas stürzten aus ihren Zimmern hin und her, während eine Anzahl von Novizen und Unterpriestern – im Alter von 12 bis 20 Jahren – am Geländer der obern Veranda sich drängten, mit dem Ausdruck sichtlicher Spannung und Neugier auf ihren Gesichtern.

Ohne Zweifel hatten uns die Lamas eine Falle gelegt. Ich ermahnte Tschanden Sing, auf der Hut zu sein, und ließ ihn alsWache an dem Eingange des Tempels, während ich, nachdem ich auf die Trommel des Lamas zu meiner Rechten ein paar Silbermünzen gelegt hatte, zum Zeichen der Ehrfurcht meine Schuhe auszog und zum großen Erstaunen der Mönche ruhig in das Haus ihrer Götter eintrat. Über den Anblick des Silbers und mehr noch über meinen Mangel an Vorsicht erstaunt, blieben die Lamas, deren sich eine große Zahl im Hofe befand, unbeweglich und stumm. Der Oberlama oder Superior des Klosters trat endlich vor, indem er sich tief neigte, den einen Daumen über den andern legte und die Zunge weit heraushängen ließ, um seinen höchsten Beifall darüber zu bezeigen, daß ich die vielen Bilder besuchte, die an den Wänden des Tempels entlang aufgestellt waren, Gottheiten und buddhistische Heilige darstellend. Die größern derselben waren ungefähr anderthalb Meter hoch, die andern ungefähr ein Meter. Einige waren aus Holz geschnitzt und ihre Gewandungen und Schmucksachen waren nach Anordnung und Ausführung ziemlich künstlerisch; andere waren aus vergoldetem Metall hergestellt. Eine Anzahl von ihnen war in sitzender Stellung, einige aufrecht stehend dargestellt, und alle standen sie auf verzierten, vergoldeten Piedestalen oder auf einfachern, blau, rot, weiß und gelb bemalten Sockeln. Viele trugen die alte chinesische doppelflügelige Kappe und standen in Wandnischen, die mit Stoffen, Holzschnitzereien und roh gemalten Bildern dekoriert waren.

Zu Füßen dieser Gottheiten war ein langes Bord, auf dem in glänzenden Messinggefäßen aller Größen Opfergaben von Tsamba, getrockneten Früchten, Käse, Weizen und Reis standen, die die Gläubigen durch die Lamas den verschiedenen Göttern darbringen. Einige der geopferten Gerstenähren waren mit rot, blau und gelb gefärbten, aus Butter geformten Blättern verziert.

Die Decke des Tempels war mit rotwollenem Stoffe drapiert, ähnlich dem der Kleider der Lamas, und Hunderte von schmalen, langen Streifen seidener, wollener und baumwollener Gewebe in allen erdenklichen Farben hingen von ihr herab. Das Dach wurde von hölzernen Säulen getragen, die in der Mitte des Tempels ein Viereck bildeten und durch eine Balustrade verbunden waren, wodurch die Gläubigen gezwungen sind, einen Rundgang, von links nach rechts, zu machen, um vor den verschiedenen Götterbildern vorbeizukommen. In einem Schreine im mittlern Teileder dem Eingang gegenüberliegenden Wand stand der Schutzheilige des Klosters, anscheinend Buddha selbst; die Opfergaben, die hier auf einer Art von teppichbedecktem Altar lagen, waren viel reichlicher als vor den andern Bildnissen.

Der Lama wies darauf hin und sagte mir, daß dies ein guter Gott sei; so machte ich ihm meinen Salaam und legte eine kleine Opfergabe in eine handliche Sammelbüchse, was dem Lama sehr zu gefallen schien, denn er holte sofort eine Amphora mit heiligem Wasser herbei, die mit langen Schleiern der Freundschaft und Liebe behängt war, und goß mir etwas wohlriechende Flüssigkeit auf die Handflächen. Dann zog er einen Schleierstreifen hervor, benetzte ihn mit dem Wohlgeruch und überreichte ihn mir. Die Mehrzahl der Pilger rutscht gewöhnlich auf den Knien rund um das Innere des Tempels, aber trotzdem ich, um eine Beleidigung der Eingeborenen zu vermeiden, den Grundsatz befolge, in Rom zu tun wie die Römer tun, konnte ich es doch nicht unternehmen, mich für den möglichen Fall eines plötzlichen Angriffs in eine so ungünstige Stellung zu bringen. Der Oberlama erklärte mir die Bilder der Götter und warf drei Handvoll Reis über sie, wenn er sie bei ihren Namen nannte, die alle zu behalten ich mir die größte Mühe gab; aber ach! ehe ich noch nach dem Serai zurückgehen und ihre Benennungen aufkritzeln konnte, waren sie meinem Gedächtnis alle entschlüpft. Ein besonderer Eingang führte aus dem bewohnten Teile des Klosters in den Tempel.

Auf dem Fußboden in dem mittlern Viereck standen viele, in Messinggefäßen brennende Lichter, deren Dochte mit geschmolzener Butter gespeist wurden; neben ihnen lagen längliche Gebetbücher, gedruckt auf das glatte, gelbe tibetische Papier, das aus einer faserreichen Rinde gemacht wird. Kleine Trommeln und Zimbeln lagen neben diesen Büchern. Eine Doppeltrommel war, wie ich bemerkte, aus menschlichen Schädeln hergestellt; auch eine eigentümliche Kopfbedeckung, die von den Lamas beim Gottesdienste und den Zeremonien getragen wird, zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Bei diesen Gelegenheiten begleiten sie ihre Gesänge und Gebete nicht nur mit dem Schlagen von Trommeln und dem Klange von Becken, sondern sie blasen auch auf Rohrflöten, klingeln mit Handglocken und schlagen auf ein großes Gong. Der Lärm dieser Instrumente ist zeitweise so stark, daß die Gebeteselbst ganz unhörbar werden. Leider gelang es mir nicht, eine der schreckenerregenden Masken zu Gesicht zu bekommen, die von den Lamas bei ihren phantastischen, mystischen Tänzen gebraucht werden. Wenn die Lamas während dieser Zeremonien den ganzen Tag im Tempel zubringen, genießen sie viel Tee mit Butter und Salz, der ihnen von Lamas untergeordneten Ranges, die als Diener tätig sind, in Bechern gereicht wird. So verbringen sie Stunde um Stunde in ihren Tempeln, scheinbar gänzlich in ihre Gebete zu der obersten Gottheit, Kontschok-sum, vertieft.

Wörtlich übersetzt bedeutet Kontschok-sum »die drei Kleinodien«, nämlich Buddha, die heilige Lehre und die Gemeinde der Gläubigen, die so zu einer Dreieinigkeit verbunden sind. In Indien, dem Heimatlande des Buddhismus, wurden die beiden letztern ursprünglich abstrakt aufgefaßt, in Tibet hat man sie personifiziert, wie man denn überhaupt wohl sagen kann, daß der Buddhismus, der von Hause aus im wesentlichen eine Moralphilosophie war, in Tibet in eine Art von Religion umgewandelt worden ist, in der das wesenlose Nirwana zu einem Freudenhimmel und die schattenhaften Gestalten des verklärten Buddha und seiner Heiligen zu persönlichen Göttern geworden sind. Wie im alten Buddhismus nimmt auch hier die Vorschrift der Barmherzigkeit, des werktätigen Mitleids eine hervorragende Stelle ein, wenn sie auch oft äußerlich genug aufgefaßt wird. Je nach dem Maße, in dem der Mensch diese und andere Tugenden ausübt und böse Handlungen meidet, kommt seine Seele der ewigen Glückseligkeit näher, die sie aber meistens erst nach vielen Wiedergeburten erreicht; die Seelen der armen Sünder fahren zur Hölle, wo sie durch Feuer und Eis gefoltert werden.

»Gott sieht und weiß alles und er ist überall«, rief der Lama aus, »aber wir können ihn nicht sehen. Nur die Tschantschubs (eine Art von Heiligen) können ihn sehen und zu ihm sprechen.«

»Welches sind die bösen Eigenschaften, die man am meisten vermeiden muß?« fragte ich den Lama, der etwas hindostanisch sprach.

»Wollust, Stolz und Neid«, erwiderte er.

»Erwartest du jemals, ein Heiliger zu werden?« fragte ich.

»Ja, ich hoffe es; aber es bedarf 500 Wanderungen der unbefleckten Seele, ehe man einer werden kann.«

Dann, wie von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, ergriff erauf einmal meine Hand und öffnete meine Finger. Als er dies getan hatte, murmelte er einige Worte der Überraschung. Sein Gesicht wurde ernst, sogar feierlich, und er behandelte mich mit seltsamer Unterwürfigkeit. Er stürzte zum Tempel hinaus und lief zu den andern Lamas, um ihnen seine mir fremde Entdeckung mitzuteilen. Sie drängten sich um ihn, und aus ihren Worten und Gebärden konnte man leicht erraten, daß sie sehr bestürzt waren.

Als ich die Gesellschaft der seltsamen Götzenbilder verließ und in den Hofraum kam, wollte jeder Lama meine Hand untersuchen und berühren, und der plötzliche Wechsel ihres Benehmens war mir eine Quelle der Verwunderung und der Neugier, bis ich einige Wochen später den Grund davon erfuhr.


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