Dreizehntes Kapitel.Der Einmarsch in Tibet.
Unser Weg stieg allmählich an, bis wir an einem flachen, mit Schnee bedeckten Becken eine Höhe von 5290 Meter erreichten. Soweit waren wir ohne große Beschwerden gekommen. Aber plötzlich nahm die Sache eine Wendung zum Schlimmen, denn die Kulis in der langen stillen Reihe, an deren Spitze ich marschierte, sanken bis zu den Knien, oft auch bis zu den Hüften in den Schnee ein. Sie boten ohne Zweifel einen malerischen Anblick in dieser sonst so einsamen Region. Der Hintergrund des Bildes war wild und ernst, und mit der gefrorenen weißen Schneedecke standen die Gestalten in scharfem Kontrast. Einige trugen Pelzmützen mit Ohrenklappen; alle aber hatten lange Schaffellröcke und hohe Stiefel aus Fellen, und viele gebrauchten Schneebrillen. Diese Prozession, die schweigend und ernst und unter den Lasten keuchend mühsam höher und höher klomm, bot nicht nur ein malerisches Bild, sondern ließ auch die Schwierigkeiten des Weges erkennen.
Wir bewegten uns vorsichtig, um nicht in den vielen heimtückischen Spalten zu verschwinden. Ich wanderte mit beträchtlicher Mühe nach einer zirka 200 Meter höher gelegenen Stelle, wo ich auf einer fast schneefreien Felseninsel haltmachte. Sobald ein Kuli nach dem andern schwer atmend ankam, ließ er seine Last fallen und setzte sich ruhig neben sie. Es wurde kein Murren, kein Wort des Vorwurfs laut über die harte Arbeit, die ihnen zugemutet wurde.
Ein sehr steiler Aufstieg lag jetzt vor uns. Zur Linken hatten wir einen Gletscher, der mit einem schroffen Eishang von ungefähr 30 Meter Höhe begann. Wie der Mangschangletscher hatte auch er horizontale bandartige Schichten von klarem Eise, das keine Schmutzbänder zeigte. Senkrechte Streifen von dunklerer, grünlicherFärbung waren in dem Eise zu sehen; sie rührten von der ungleichen Dichte des Eises her. Die Schichten waren fast horizontal, ohne irgendwelche Krümmungen oder Einsenkungen. Der obere Teil, die Basis und die Seiten waren auch an diesem Gletscher tief im Schnee begraben.
Der Doktor und ich gingen voraus. In unserer Ungeduld, den Gipfel zu erreichen, und da wir nicht imstande waren, den jetzt meterhoch mit Schnee bedeckten Pfad zu unterscheiden, verfehlten wir die Richtung und erkletterten mit großer Anstrengung einen außerordentlich steilen Abhang. Hier befanden wir uns auf lästigem Geröll, auf dem wir uns über eine halbe Stunde abmühten, bis wir den Gipfel der Bergkette erreichten (5720 Meter), der beträchtlich höher liegt als der Paß. Vier Mann waren mit uns gekommen; die andern, denen wir Zeichen machten, gingen in der Richtung nach Westen auf einem andern gefährlichen Pfad, der um den Gletscher herumführte.
Der Nordostwind war durchdringend, die Kälte schrecklich. Hinter einem großen Felsen fanden wir zeitweise Schutz und untersuchten mit meinem Fernrohr das vor uns ausgebreitete tibetische Hochland. Von diesem hohen Horste aus hatten wir einen prächtigen Blick aus der Vogelperspektive.
Ungeheure Schneemassen bedeckten sowohl die tibetische Seite des Himalaja als auch das niedrigere Gebirge unmittelbar vor uns. 600 Meter tiefer fließt zwischen diesen beiden Bergzügen in einem weiten, kahlen Tale ein Fluß, der später Darma Yangti oder Lumpiya Yangti genannt wird. In der Ferne konnte man ein flaches Plateau sehen, das sich etwa 250 Meter über dem Flusse erhob, sich viele Kilometer weit hinzog und einem gigantischen Eisenbahndamm glich. Aus weiter Ferne blickte im Norden eine Kette von hohen blauen Bergen mit Schneekuppen herüber, ohne Zweifel die Gangrikette mit den Kelasgipfeln.
Leider hatte einen meiner Leute ein Unfall betroffen; der arme Rubso, ein Christ, war von Kälte und Anstrengung erschöpft zusammengesunken. Er lag in Krämpfen in halb bewußtlosem Zustande, mit klappernden Zähnen und verzerrtem, leichenblassem Gesicht; seine Augen waren eingesunken und ausdruckslos, und er zeigte Symptome vollständigen Kräfteverfalls. Eilig trugen wir ihn unter den Schutz eines Felsens und rieben ihn kräftig, in derHoffnung, die Blutzirkulation wieder herzustellen. Nach mehr als einer halben Stunde Anstrengung erholte er sich zu unserer großen Erleichterung wieder etwas und war imstande, mit unserer Hilfe langsam weiterzugehen.
Da wir auf einem falschen Wege emporgeklommen waren, mußten wir jetzt zu dem 200 Meter tiefern Passe hinabsteigen. Wir gingen an gefährlichen Felsen und Trümmerfeldern entlang. Ich klammerte mich gerade mit halberfrorenen Fingern an einen vorspringenden Felsen an, als durchdringende Angstschreie von unten mein Ohr trafen. Trotz der unsichern Stellung, in der ich mich befand, wandte ich meinen Kopf, um zu sehen, was vorgefallen war.
Auf dem steilen Schneehang rutschten zwei Kulis mit ihren Lasten mit unglaublicher Geschwindigkeit ab. Schließlich erreichten sie das Becken, wo das Gefälle sich plötzlich änderte; infolgedessen überschlugen sie sich mehrmals, wodurch die verschiedenen Säcke, aus denen ihre Lasten bestanden, herumflogen und nach allen Richtungen zerstreut wurden. Ich stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als ich die Männer wieder aufstehen sah.
Der eine Kuli hob die ihm anvertraut gewesenen Sachen nach und nach wieder auf, band sie zusammen, packte sie wieder auf den Rücken und begann den schwierigen Aufstieg zum zweitenmal. Der andere schrie und stöhnte so, daß wir ihn von unserm Standpunkte deutlich hören konnten. Er schien Schwindel zu haben. Nach wenigen Augenblicken schwankte er, fiel nach rückwärts und blieb wie tot liegen.
Eiligst über die schlüpfrigen Felsen und auf den losen Trümmern hinabstürzend, gelangte ich auf den Paß. Sofort sandte ich zwei Leute, um dem Kuli Hilfe zu bringen. Zuerst trugen sie seine Last, dann ihn selbst herauf. Nach einiger Zeit hatte er sich von der heftigen Erschütterung und dem Schrecken erholt, und wenn er auch ziemlich übel zugerichtet war und überall Schmerz verspürte, so gelang es mir doch, den Mann zu überzeugen, daß ihm nichts von Bedeutung fehle.
Hierauf ging es den steilen Abhang auf der tibetischen Seite im Laufschritt hinab, um schnell von dem kalten, windigen Paß fortzukommen. Endlich erreichten wir den Fluß und schlugen unsere Zelte auf dem Schnee in 5150 Meter Höhe auf.
Hier gab es Weder Holz noch Jak- oder Pferdedung, keine Flechten und kein Moos, also nichts, womit wir ein Feuer anmachen konnten. Es war hart für meine Leute, daß sie nach einem so mühevollen Tage gezwungen sein sollten, schlafen zu gehen, ohne vorher eine warme Mahlzeit gehabt zu haben. Sie glauben, daß der Genuß kalter Nahrung in so beträchtlichen Höhen und bei so tiefer Temperatur zum sichern Tode führe. Sie zogen deshalb vor, ganz ohne Speise zu bleiben.
Die Nacht kam, und mit ihr blies der Wind in Stößen, Kies und Schnee rings um unsere Zelte aufhäufend. Während des Orkans, der in den Nachtstunden raste, mußten wir mehrmals aus unsern Zelten heraus, um die lockern Pflöcke fester zu machen. Alle die gefrorenen Stricke zu befestigen, war ein sehr hartes Stück Arbeit.
Von grobem Sand und Regen gepeitscht, packten wir, so gut wir konnten, unsere Siebensachen zusammen und machten uns wieder auf den Weg. Ich war etwas voraus, als ich zu meinem Erstaunen nur ungefähr 200 Meter von unserm Lager eine Doppelreihe von frischen Fußspuren auf dem Schnee fand. Die nach uns gerichteten waren etwas undeutlich und mit Sand bedeckt, während die in der entgegengesetzten Richtung gehenden ganz frisch schienen. Nachdem ich diese Fußspuren sorgfältig untersucht hatte, war ich ganz sicher, daß sie von einem Tibeter herrührten. Wo die Fußspuren aufhörten, zeigten Abdrücke im Schnee, daß sich der Mann an verschiedenen Stellen platt auf den Boden gelegt hatte. Ohne Zweifel hatte man uns nachspioniert und uns beobachtet.
Meine Leute hatten, seitdem wir auf diese Seite des Himalaja gekommen waren, Zeichen von Furcht verraten. Sie besahen sich jetzt alle ängstlich diese Spuren und stellten Vermutungen über ihren Ursprung an. Einige mutmaßten, daß der Mann ein Daku, ein Räuber, sein müsse, und daß wir am Abend von der ganzen Bande angegriffen werden würden; andere behaupteten, der Spion könne nur ein Soldat sein, der von den tibetischen Offizieren in Gyanema ausgeschickt sei, um unsere Bewegungen zu überwachen. Unter allen Umständen galt der Zwischenfall als ein böses Omen. Während unsers Weitermarsches sahen wir die Fährten fortwährend. Die kühnsten Vermutungen wurden laut.
Meine Leute waren so erschöpft, daß wir bald in 5070 MeterHöhe haltmachen mußten. Die Kälte war intensiv, und wieder hatten wir keinerlei Brennmaterial. Der Wind tobte, und am Abend fiel dichter Schnee. Die halbverhungerten Träger aßen ein bißchen Satu, eine Art Hafermehl, aber Tschanden Sing, ein Radschpute, konnte, ohne das Gesetz seiner Kaste zu verletzen, seine Speise nicht unzubereitet essen. Vor zwei Tagen hatte er seine letzte Mahlzeit gehabt, aber ehe er die Gesetze seiner Religion übertreten hätte, zog er es vor, sich in seine Decke zu rollen und hungrig schlafen zu gehen.
Der Schnee lag 30 Zentimeter hoch und fiel immer noch dicht. Die Träger versuchten zu schlafen, indem sie sich zur Erwärmung so nahe zusammenkauerten als möglich. Sie weigerten sich weiterzugehen und sagten, sie würden lieber sterben. Wir fanden es auch bequemer, ihnen zu glauben und unter den Decken im Zelte soviel Wärme und Schlaf zu genießen als möglich.
Zwei oder drei Stunden später klärte sich das Wetter auf. Die halbverhungerten Kulis beklagten sich, daß sie wieder keine Feuerung finden könnten, um ihr Essen zu kochen, und sagten, sie wollten mich verlassen. Die Lage war kritisch, das sah ich ein. Sofort nahm ich mein Fernrohr und kletterte auf den Gipfel eines kleinen Hügels. Es war seltsam, was für ein unbegrenztes Vertrauen die Kulis zu diesem Glase hatten. Offenbar glaubten sie nach Art der Kinder, daß ich mit ihm durch die Berge hindurchsehen könne. Mit der beruhigenden Nachricht, daß ein weiterer Tagemarsch uns zu einer Menge Feuerungsmaterial bringen würde, kam ich herab.
Nun beeilten sie sich vergnügt, die Lasten zu packen, und gingen mit ungewöhnlicher Energie in der von mir angegebenen Richtung vorwärts. Sechs Stunden flotten Marsches brachten uns an eine geschützte Stelle, wo ein paar Flechten und Strauchwerk wuchsen. Wären wir plötzlich in den Schwarzwald oder in das Yosemitetal mit ihren Jahrhunderte alten Riesenbäumen hinabgestiegen, unser Entzücken hätte nicht größer sein können. Diese Sträucher ragten nicht höher als 15 bis 20 Zentimeter vom Boden auf, während der Durchmesser des stärksten Stückes, das wir sammelten, kleiner war als der eines gewöhnlichen Bleistifts. Mit Fieberhast waren alle Hände beschäftigt, diese Pflanzen zur Verwendung als Brennholz herauszureißen.
Als der Abend kam, war dieselbe Anzahl von Händen mit Kochen beschäftigt und zugleich damit, soviel dampfende Speise als möglich mit beängstigender Schnelligkeit in die Mäuler der verhungerten Kulis überzuführen. Glückseligkeit herrschte im Lager, und das eben erduldete Ungemach war vergessen.
Eine neue Überraschung erwartete uns, als wir aufstanden. Zwei als Bettler verkleidete Tibeter waren nach unserm Lager gekommen. Sie gaben vor, von Kälte und Hunger zu leiden. Ich befahl, sie ordentlich zu speisen und freundlich zu behandeln. Als ein Kreuzverhör mit ihnen angestellt wurde, gestanden sie, Spione zu sein, die von den Offizieren in Gyanema ausgesandt waren, um zu erforschen, ob ein Sahib die Grenze überschritten habe und ob wir etwas von ihm gesehen hätten.
Am Morgen hatten wir uns immer um so vieles zu bekümmern, und es war so kalt, daß das Waschen geradezu eine Plage geworden war; ich hatte es daher einstweilen aufgegeben. Wir waren von der Sonne verbrannt und trugen Turbane und Schneebrillen, so daß die Tibeter uns unter dem Eindruck verließen, daß unsere Gesellschaft aus einem Hindu-Doktor, seinem Bruder und einer Karawane von Dienern bestand, von denen keiner einen Sahib gesehen hatte, und daß wir jetzt auf einer Pilgerfahrt nach dem heiligen Mansarowarsee und dem Berge Kelas wären.
Wir machten uns darüber lustig, aber nichtsdestoweniger beratschlagten Wilson und ich sorgenvoll über unsere nächsten Pläne. Sollten wir während der Nacht einen eiligen Marsch über die Bergkette zu unserer Rechten machen und ostwärts durch die Wildnis gehen oder sollten wir uns dem Anführer von Gyanema und seinen Soldaten gegenüberstellen?
»Wenn wir ihnen ausweichen und durch die Wildnis gehen,« sagte Wilson, »werden sie denken, wir laufen fort. Wir haben nichts Böses getan.«
»Ja, ich ziehe vor, ihnen entgegenzutreten«, sagte ich. »Gehen wir!« und ich gab Befehl, das Lager augenblicklich abzubrechen.