Drittes Kapitel.Berggeister.
Als ich mit Jagat Sing Pal, dem Neffen des Rajiwar von Askot, durch die Stadt ging, sah ich in einem niedrigen steinernen Schuppen neben dem Palast die große hagere Gestalt eines Mannes, der aus einer Rauchwolke herausragte.
»Wer ist das?« fragte ich meinen Begleiter.
»Ein Fakir, der von einer Pilgerfahrt nach dem heiligen See Mansarowar in Tibet zurückkehrt. Während des Sommers kommen viele dieser Fanatiker auf ihren Wallfahrten hier durch.«
Meine Neugier zog mich zu dem unheimlichen Individuum. Er war über sechs Fuß hoch; sein schlanker Körper war mit Asche bedeckt gewesen, die der dunkeln Haut eine gespenstische graue Färbung gegeben hatte. Ich veranlaßte ihn herauszutreten. Das massenhafte lange Haar war in kleine Zöpfe geflochten, die nach Art eines Turbans um seinen Kopf gelegt waren. Das Haar war weiß gefärbt, während der lange dünne Bart glänzend rot gefärbt war. Seine Augen waren eingesunken, und Stirn und Wangen waren dick mit weißer Farbe bemalt, was offenbar den schauerlichen, geradezu abstoßenden Eindruck erhöhen sollte. Er schien halb betäubt und wußte wenig zu sagen. Er war nur spärlich bekleidet, aber er trug das Kamarjuri oder die Fakirkette um seine Lenden und hatte ein messingenes Armband über den Ellenbogen um den Arm geschmiedet. Seine Hüften waren mit einem Kranze von Holzperlen umgürtet, und ein Halsband von geflochtenen Haaren schmückte seinen Hals. Seine Tage verbrachte er damit, sich in der Asche herumzuwälzen und selbstauferlegte leibliche Entbehrungen zu erdulden, um dadurch in den Zustand der Heiligkeit zu gelangen.
Ich hatte von abergläubischen Vorstellungen unter diesem Volke gehört.
»Gibt es«, fragte ich Jagat Sing, »in diesen Gebirgen auch Berggeister, und glaubt das Volk wirklich an sie?«
»Ja, Herr,« antwortete der junge Mann, »gewiß gibt es viele und sie sind oft sehr lästig, besonders für gewisse Leute. Doch hört man nur selten, daß sie jemand töten.«
»Dann sind sie nicht ganz so böse wie manche menschliche Wesen«, erwiderte ich.
»O Herr; sie sind sehr böse. Wie mit eisernen Klauen packen sie schlafende Leute am Halse und sitzen auf der Brust ihrer Opfer.«
»Das sieht eher so aus, als hätten sich die Leute den Magen überladen!«
»Nein; die Geister der Berge sind Geister von Leuten, die nicht in den Himmel gekommen sind. Man findet sie nachts in Schwärmen im Walde; die Leute werden von ihnen erschreckt. Sie halten sich auf den Gipfeln und Hängen der Berge auf und sie können die Gestalt einer Katze, einer Maus und eines jeden andern Tieres annehmen; in der Tat sollen sie ihr Aussehen häufig ändern. Da, wo kein Mensch hin kann, zwischen Felsen und Abgründen oder in dem dichten Dschungel suchen die Geister ihre Zuflucht, aber oft verlassen sie ihre Wohnungen, um Menschen zu suchen. Wer von ihnen besessen ist, bleibt in einem halb bewußtlosen Zustande und stößt wahnsinnige Schreie und unverständliche Laute aus. Es gibt Leute, die vorgeben, Zaubermittel zu kennen, um sie auszutreiben. Mit mehr oder weniger Erfolg gebrauchen die Eingeborenen einige Heilmittel zu dem Zwecke. Ein ›Bitschna‹ (Nessel) genanntes Gras hat die Kraft, die Geister fortzuscheuchen, wenn es auf den Körper des Leidenden gelegt wird, aber das Wirksamste ist, zu tun, als ob man den Besessenen mit einem rotglühenden Eisen schlüge. Dies scheinen die Geister mehr als alles andere zu fürchten.«
»Sprechen die Geister jemals?« fragte ich, voll Interesse für die seltsamen Vorstellungen dieser Bergbewohner.
»Nein, nicht oft, auch gewöhnlich nicht direkt, aber sie tun es durch Leute, die von ihnen besessen sind. Solche Leute erzählen viele merkwürdige Geschichten über die Geister. Eine sonderbareEigenschaft der Geister ist, daß sie nur Leute ergreifen, die Furcht vor ihnen haben; wenn man ihnen Trotz bietet, verschwinden sie.«
»Wenden die Eingeborenen irgendeine besondere Methode an, sich gegen diese Bergdämonen zu schützen?«
»Der einzig sichere Schutz ist Feuer. Jeder, der neben einem Feuer schläft, ist sicher, und solange eine Flamme brennt, bleiben die Geister fern.«
»Kennst du irgend jemand, der sie gesehen hat?«
»Ja, ein Tschaprassi namens Joga erzählte, daß er einmal bei Nacht durch einen Wald reisen mußte; dabei habe er eine Stimme gehört, die ihn beim Namen rief. Erschrocken stand er still, und einige Augenblicke lang versagte ihm die Stimme. Endlich antwortete er, am ganzen Leibe zitternd, und sofort erschien ein Schwarm von Geistern und forderte ihn heraus. Joga rannte um sein Leben, und die Dämonen verschwanden. Man weiß auch von Geistern, die mit Steinen nach Vorübergehenden geworfen haben.«
»Hast du jemals einen Geist gesehen, Jagat Sing?«
»Nur einmal. Ich ging spät abends nach dem Palast, als ich auf dem steilen Wege die Gestalt einer Frau bemerkte. Es war eine schöne Mondnacht. Ich schritt aufwärts, und als ich vorüberging, erschien das Gesicht des seltsamen Wesens schwarz, unmenschlich, grausig. Ich wich erschrocken zurück, und als ich die unheimliche Erscheinung näherkommen sah, stockte mir vor Furcht das Blut in den Adern. Ich führte einen mächtigen Hieb mit meinem Stock, aber, siehe da! das Rohr fuhr durch die Luft und traf nichts. In demselben Augenblick verschwand der Geist.«
»Ich hätte es gar zu gern, Jagat Sing, daß du mir einige von diesen Geistern zeigen könntest; ich würde alles darum geben, eine Zeichnung von ihnen zu entwerfen.«
»Man kann sie nicht immer sehen, wenn man will, Herr, aber man muß sie immer vermeiden. Sie sind böse Geister und können nur Schaden tun.« –
Als ich Askot (1400 Meter) auf dem in Windungen durch einen dichten Wald führenden Wege verlassen hatte, überschritt ich bei Gargia (750 Meter) auf einer Hängebrücke den Fluß Gori. Der Pfad lief durch das tiefe, unbehaglich heiße Tal des Kali, eines reißenden Stromes, der mit unbeschreiblicher Geschwindigkeitin der meinem Wege entgegengesetzten Richtung floß; er bildet die Grenze zwischen Nepal und Kumaon.
Hütten und Strecken bebauten Landes zeigten sich auf dem nepalesischen Ufer, während wir auf unserer Seite an verlassenen und ihrer Dächer beraubten Winterwohnungen von Schokas (gewöhnlich, aber unrichtig, Botiyas genannt) und von Tibetern vorbeikamen, die in den kältern Monaten des Jahres in diese wärmern Gegenden auswandern, um hier ihre Schafe zu weiden. Die Sommerwohnstätten der Schokas befinden sich in größern Höhen, zumeist längs der Landstraßen, die nach Tibet führen, und näher an der tibetischen Grenze.
Bei meiner Ankunft in dem Daramsalla von Kutzia überbrachte mir ein Bote die Nachricht, der Rajiwar, den ich in Askot nicht angetroffen hatte, sei jetzt hier, um gewissen Gottheiten Opfer darzubringen. Er werde mich um 3 Uhr nachmittags besuchen.
Pünktlich um 3 Uhr nachmittags kam der Rajiwar in einem Dandy getragen an, von seinem Bruder gefolgt, der in einem Bergdandy saß. Des Rajiwars Sohn und Erbe ritt auf einem prächtigen grauen Pony. Ich war dem alten Rajiwar, der seit einigen Jahren gelähmt war, beim Aussteigen behilflich. Wir schüttelten uns herzlich die Hände, und ich führte ihn in das Daramsalla, wo wir uns in Ermangelung von Möbeln auf Kisten niederließen. Sein vornehmes, schön geschnittenes Gesicht, sein anziehendes Benehmen und die sanfte, würdevolle Stimme, mit der er sprach, ließen deutlich den Mann von edlem Blut und ungewöhnlichen Fähigkeiten erkennen. Seine Bescheidenheit und Einfachheit waren entzückend.
»Ich hoffe, daß Ihr bei guter Gesundheit seid und auf Eurer Reise nicht zu viel gelitten habt. Es hat mich betrübt, daß ich Euch nicht in Askot empfangen konnte. Leben Eure lieben Eltern noch? Habt Ihr Brüder und Schwestern? Seid Ihr verheiratet? Ich würde England gern besuchen. Es muß ein wundervolles Land sein, und ich bewundere es so sehr, daß ich meinen Neffen eine englische Erziehung gegeben habe. Einer von ihnen dient jetzt der Maharanee (Königin) Victoria als politischer ›Peschkar‹.«
Schokahäuser.
Schokahäuser.
Auf dem Weg zum Rambang.
Auf dem Weg zum Rambang.
Mit Hilfe eines hindostanischen Wörterbuchs, ausdrucksvoller Gebärden und flüchtiger Skizzen beantwortete ich seine Fragen so gut ich konnte. –
Gefährliche Rutschpartie.
Gefährliche Rutschpartie.
Auf dem Wege nach Dartschula durch das tiefgelegene Tal war die Hitze unerträglich, obgleich die Sonne schon nahe dem Horizont stand. Wir kamen an einem Wasserfall vorüber, der aus großer Höhe über eine Gruppe von mit Moos bewachsenen schirmförmigen Stalaktiten hinabstürzte. Die letzten Strahlen der Sonne fielen auf die Wassertropfen, die gleich einem Diamantregen funkelten.
Ich rastete eine Weile an diesem kühlen, herrlichen Ort. In den Bäumen sangen Vögel, und Affen trieben ihr Spiel im Geäste. Weiterhin, wo der Fluß eine Biegung macht, befinden sich zwei große Höhlen in den Felsen; ihre rauchgeschwärzten Decken zeigen an, daß sie von reisenden Schokas und Hunya-Tibetern als Lagerplätze benutzt werden. Große Affen mit schwarzen Gesichtern und weißen Bärten schwärmten überall umher, dreist und voll boshaften Mutwillens. Sie werfen oder rollen Steine auf die Vorübergehenden hinab und verursachen dadurch nicht selten Unfälle, da der Pfad ziemlich schmal ist und hart über dem Flusse entlang führt.
Ich hatte Sorge, so schnell als möglich durch das heiße Tal zu kommen; deshalb weckte ich meine Leute schon um 3 Uhr morgens und trat, trotzdem wir erst spät in der Nacht Rast gemacht hatten, den Weitermarsch an. Hier und da sahen wir am Wege verlassene Winterwohnungen der Schokas liegen, fast alle mit eingefallenen Grasdächern. Nur einige waren mit Schiefer gedeckt und dadurch als Wohnstätten der Darma-Schokas gekennzeichnet.
Bemerkenswert waren die einfachen Wassermühlen der Schokas. Vermöge einer sehr sinnreichen Vorrichtung trieb das Wasser eines Baches einen schweren zylindrischen Stein, der sich auf der obern Seite eines andern umdrehte. Das Korn fiel langsam aus einer darüberliegenden Kammer in ein in den Mittelpunkt des obern Rades gebohrtes Loch und von da durch eine Rinne zwischen die beiden Steine, wo es zu feinem Mehl zerrieben wurde.
Dartschula (1080 Meter), die größte Winterniederlassung der Schokas, liegt in einer schönen Ebene, wenige hundert Meter über dem Flusse. Das Dorf besteht aus zwölf langen Reihen von dächerlosen Häusern, die einander in Größe und Form sehr ähnlich sind. Vier größere Gebäude an dem äußersten Ende der Niederlassungziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Eine derselben ist ein Daramsalla, die andern, zwei hohe Steinbauten, sind eine Schule, ein Hospital und eine Apotheke, die der Bischöflichen Methodistenmission gehören und unter der sorgfältigen Aufsicht von Miß Sheldon (Dr. med.), Miß Brown und des Doktor H. Wilson, eines vortrefflichen Pioniers, stehen.
Nachdem ich den Rankutifluß überschritten hatte, stieg ich im Zickzack noch höher, einen Gebirgszug nach dem andern jenseits des Flußtales hinter mir lassend, während auf der Seite von Nepal hinter drei Bergketten Schneegipfel von großer Höhe und Schönheit sich zum Himmel erhoben. Der höchste Punkt des Weges lag 1660 Meter hoch; danach stiegen wir wieder auf 1607 Meter hinab bis zum Daramsalla von Chela, das wir erst spät abends erreichten.
Nahe bei Chela erhob sich auf dem Gipfel eines hohen Berges ein großer quadratischer Felsblock, der einem Turme nicht unähnlich war. Die Eingeborenen sagen, daß eine bloße Berührung ihn ins Schwanken und Drehen bringe; aber dieser Glaube ist nicht allgemein, denn andere leugnen, daß er sich jemals bewege. Ich konnte mir weder die Zeit nehmen, die Sache zu untersuchen, noch konnte ich zuverlässigen Bericht von irgend jemand erlangen, der wirklich aus Erfahrung hätte darüber sprechen können. Soweit ich mit Hilfe meines Fernglases sehen konnte, schien der Fels fest auf einer sehr soliden Basis zu stehen. Ebenso war es mir zu meinem Bedauern nicht möglich, die merkwürdigen heißen Schwefelquellen am Darma-Ganga zu besuchen und die seltsame Höhle, in der durch die aus dem Boden steigenden schädlichen Gase viel Tiere das Leben verlieren. Aus verschiedenen Berichten erfuhr ich nur, daß diese Höhle oder Grotte mit Skeletten von Vögeln und Vierfüßern angefüllt sei, die zufällig in diese Kammer des Todes geraten waren.