Erstes Kapitel.Zum Himalaja.

Erstes Kapitel.Zum Himalaja.

Als ich London verließ, beabsichtigte ich, über Deutschland nach Rußland zu gehen, das russische Turkestan, Buchara und das chinesische Turkestan zu durchqueren und von dort aus Tibet zu betreten. Die russische Regierung hatte mir bereitwilligst die Erlaubnis gewährt, daß meine Feuerwaffen, Munition, Vorräte, photographischen Apparate, Vermessungs- und andern wissenschaftlichen Instrumente zollfrei durch ihr Gebiet befördert würden, sie hatte mich überdies benachrichtigen lassen, daß mir gestattet sein solle, die Militäreisenbahn durch Turkestan bis zu ihrer Endstation Samarkand zu benutzen. Die Benutzung jener Route würde mir wahrscheinlich viel von den Leiden und Enttäuschungen erspart haben, die ich auf dem Wege durch Indien zu erdulden hatte.

Ich war mit Empfehlungsbriefen und Beglaubigungsschreiben seitens des Marquis of Salisbury, der Naturhistorischen Abteilung des Britischen Museums usw. versehen, führte wissenschaftliche Instrumente derRoyal Geographical Societymit mir und war im Besitze eines englischen und zweier chinesischen Pässe.

Nachdem ich alle meine Explosivstoffe auf einem Munitionsschiffe nach Rußland abgesandt hatte (die deutschen Eisenbahnen weigerten sich entschieden, Patronen zu befördern), erfuhr ich wenige Tage vor meiner Abreise von London zu meinem größten Schrecken, daß der Dampfer gerade vor dem Einlaufen in seinen Bestimmungshafen Schiffbruch erlitten habe und daß man ernstliche Zweifel hege, ob es überhaupt möglich sein werde, auch nur einen Teil der Ladung zu retten. Gerade in jenen Tagen erfolgte der Ausbruch des Griechisch-Türkischen Krieges, und dieZeitungen berichteten, daß die Russen ihre Truppen längs der afghanischen Grenze mobilisierten.

Trotzdem wollte ich meine Reise nicht aufschieben. Obgleich ich alle meine Vorkehrungen für den Weg durch Rußland getroffen und beendet hatte, entschloß ich mich, diesen Plan aufzugeben und zunächst nach Indien zu gehen, um von dort über den Himalaja nach Tibet vorzudringen. So schiffte ich mich denn am 19. März 1897 auf dem Dampfer »Peninsular« ein und langte drei Wochen später in Bombay an.

Es war das erstemal, daß ich nach Indien kam, und mein erster Eindruck war gerade kein vorteilhafter. Die Hitze war furchtbar; überall machten sich Anzeichen der Pest bemerkbar. Die Straßen waren verödet und die Hotels schlecht und schmutzig infolge des Mangels an Dienstboten, die die Stadt aus Furcht vor der Seuche verlassen hatten.

In Begleitung eines befreundeten Parsen begab ich mich in mehrere der von dieser Geißel am meisten heimgesuchten Stadtteile: aber überall, wohin ich auch kam, war außer einem starken Geruche nach Desinfektionsmitteln wenig von der Pest zu bemerken. Freilich gab es nur wenige Häuser, die nicht mit zehn, zwanzig und noch mehr roten Kreisen zur Angabe der Anzahl der Todesfälle bezeichnet waren; an einer Tür, die ich photographierte, zählte ich sogar nicht weniger als 49 solcher Zeichen. Ich war aber nicht imstande, persönlich über die Natur der Seuche mit irgendwelcher Sicherheit zu urteilen, außer daß ich in den Hospitälern einige bösartige Fälle von Beulenpest sah.

Gleich am Tage nach meiner Ankunft in Bombay fuhr ich mit der Eisenbahn weiter nach Bareli, das ich in drei Tagen erreichte; von dort brachte mich noch eine Nachtfahrt nach Kathgodam, dem Endpunkte der Bahnlinie.

Teils im Tonga, einem zweiräderigen, von zwei Pferden gezogenen Wagen, teils zu Pferd, gelangte ich nach Naini-Tal, einer Station in den Vorbergen des Himalaja, dem Sommersitze der Regierung der Nordwestprovinzen und von Oudh.

Von hier aus schrieb ich an den Stellvertreter des Gouverneurs und benachrichtigte ihn von meiner Absicht, nach Tibet vorzudringen. Ich machte auch dem dortigen Regierungsbevollmächtigten meine Aufwartung und teilte ihm meine Pläne ausführlichmit. Es ist bemerkenswert, daß keiner der beiden Herren gegen die von mir geplante Reise in das »heilige Land der Lamas«, der buddhistischen Priester Tibets, auch nur den geringsten Einwand erhob.

Ich wußte, daß von Naini-Tal aus, das 1953 Meter über dem Meer liegt, mein ganzes Gepäck von Kulis transportiert und deshalb in gleichmäßige Lasten verteilt werden müsse, von denen keine das Gewicht von 25 Seer (etwa 23 Kilogramm) übersteigen dürfe. Instrumente, photographische Platten und alle andern leicht zu beschädigenden Gegenstände verpackte ich in Kisten eigener Erfindung, die ich speziell für einen Transport eingerichtet hatte, bei dem mit den Sachen nicht gerade schonend umgegangen wird.

Mein chinesischer Paß.

Mein chinesischer Paß.

Solche Kisten aus gut ausgetrocknetem Holze, die sorgfältig zusammengefügt, mit Zink ausgeschlagen und mit einer eigens von mir zubereiteten Lösung imprägniert und dadurch wasser- und luftdicht gemacht waren, konnten zu den verschiedensten Zwecken verwendet werden.

Einzeln konnten sie als Sitz dienen; zu vieren in eine Reihe gestellt, gaben sie eine Bettstelle ab; drei waren als Stuhl und Tisch verwendbar, und vier, auf bestimmte Art verbunden, lieferten schnell ein Boot von solider und bequemer Konstruktion, mit dem man einen nicht zu durchwatenden Fluß passieren oder Lotungen im ruhigen Gewässer eines Sees vornehmen konnte.

Auch als Badewannen für mich und für meine Leute, wenn ich diese zu solchem Luxus würde überreden können, ließen sie sich verwenden, sowie ferner zum Entwickeln meiner photographischen Negative und zum Waschen der Platten.

Ich stellte mir sogar vor, daß sie mir im Notfall in wasserlosen Wüsten, wenn ich solche zu passieren haben würde, auch als Wasserfässer gute Dienste leisten würden. Vollgepackt bildete jede dieser Kisten genau eine Kulilast, und je zwei ließen sich bequem mit Riemen und Ringen auf beiden Seiten eines Packsattels befestigen.

Nur der Stärke und Dauerhaftigkeit dieser Kisten hatte ich es zu verdanken, daß trotz des vielen Rüttelns und Schüttelns, das sie aushalten mußten, meine Photographien und Zeichnungen sowie meine Karten und Instrumente in keiner Weise beschädigt wurden, – bis wir in die Hände der Tibeter fielen.

Mein Proviant war von der Bovril-Company nach meinen eigenen Angaben hergestellt worden, mit besonderer Rücksicht auf das strenge tibetische Klima und die beträchtlichen Höhen, in die wir gelangen würden. Die mitgeführten Nahrungsmittel enthielten daher einen bedeutenden Prozentsatz an Fett und Kohlenhydraten, waren leicht verdaulich und geeignet zur Erhaltung der Körperkräfte selbst in Augenblicken ungewöhnlicher Anstrengung. Ich hatte sie in Zinkkisten und Lederbeutel verpacken lassen.

In einer wasserdichten Kiste führte ich 1000 Patronen für mein Repetiergewehr System Mannlicher mit, außerdem 500 Patronen für meinen Revolver; dazu eine Anzahl von Jagdmessern, Werkzeuge zum Abbalgen von Tieren, Drahtfallen verschiedener Größe zum Fangen von kleinen Säugetieren, Schmetterlingsnetze, Flaschen zur Aufbewahrung von Reptilien in Alkohol, sowie andere zum Töten von Insekten mittels Zyankalium, einen Vorrat von Arsenikseife, Knochenzangen, Skalpelle und andere für den Sammler naturhistorischer Gegenstände notwendige Gerätschaften.

Zu meiner Ausrüstung gehörten überdies drei photographische Apparate mit 158 Dutzend Trockenplatten und dem ganzen Zubehör zum sofortigen Entwickeln, Fixieren usw. der Negative.

Das Material zum Sammeln war mir von der Naturhistorischen Abteilung des Britischen Museums geschenkt worden, der ich alle Tiere und Pflanzen, die ich auf meiner Reise sammeln würde, versprochen hatte zu übergeben.

Ich besaß zwei vollständige Ausrüstungen von Instrumenten für astronomische Beobachtungen und für topographische Aufnahmen, von denen die eine mir von derRoyal Geographical Societygeliefert worden war: unter anderm einen sechszölligen Sextanten, ein Instrument zur Höhenmessung mit Siedepunkt-Thermometern, die eigens für sehr große Höhen konstruiert waren; zwei Aneroidbarometer, eins für 6000 Meter, das andere für 7500 Meter; drei künstliche Horizonte (einer mit Quecksilber, die andern aus Spiegelglas mit Wasserwagen), ein starkes Fernrohr mit astronomischem Okular und Stativ, einen prismatischen, einen leuchtenden, einen schwimmenden und zwei Taschenkompasse; Maximum- und Minimumthermometer, einen Kasten mit Zeichengerät; Transporteure, Winkel und Bandmaße, ein silbernes wasserdichtes Halbchronometer und drei andere Uhren, Millimeterpapier in Büchern und großen Bogen, einen Raperschen sowie den Nautischen Almanach für 1897 und 1898.

Um auch den künstlerischen Zweck meiner Expedition nicht zu vernachlässigen, hatte ich mich reichlich mit Mal- und Zeichenutensilien versehen, und ich hoffe, die diesem Buche beigefügten Skizzen werden einen Beweis dafür liefern, daß ich diesen Vorrat nicht vergebens mitgenommen hatte.

Ich hatte mich mit einem sehr leichten Gebirgsschutzzelt von zirka 2 Meter Länge, 1,20 Meter Breite und 1 Meter Höhe versehen.

Da ich an Reisen dieser Art, wie ich sie vorhatte, schon gewöhnt war, beschloß ich, als Bettzeug für mich nur eine Kamelhaardecke mitzunehmen.

Auch meine Kleidung beschränkte ich auf ein Minimum und ich änderte auf der ganzen Reise nichts daran. Das einzige Stück, dessen Verlust ich beklagte, war mein Strohhut, den ich auf den Höhen des Himalaja ebensowohl trug wie früher in den glühendenTiefebenen, weil er mir immer als die bequemste Kopfbedeckung erschien. Er wurde mir durch das Ungeschick eines meiner Leute verdorben, dem ich ihn gegeben hatte, um darin das Geschenk eines befreundeten Schoka, einige Schwaneneier, zu tragen. Er fiel mit ihm oder auf ihn, und die Beschädigung und Vernichtung des Transportmittels wie der Ladung war die Folge. Daraufhin ging ich gewöhnlich barhäuptig, da ich nur noch eine kleine unbequeme Mütze hatte. Ich trug mittelstarke Schuhe ohne Nägel und ging immer ohne Stock. Dieser großen Leichtigkeit meiner persönlichen Ausrüstung habe ich es, wie ich glaube, zu verdanken, daß ich imstande war, eine der größten Höhen zu ersteigen, die jemals von Menschen erreicht worden ist.

Für meine Ausrüstung mit Arzneimitteln gab ich nur 2 Mark 50 Pfennig aus, da ich überzeugt bin, daß ein Mensch, der unter natürlichen Bedingungen naturgemäß lebt und sich viel körperliche Bewegung macht, von Arzneien nur sehr wenig Nutzen haben kann.

***

So machte ich mich denn auf den Weg.

Am ersten Tag ritt ich von Naini-Tal nach Almora.

Almora (1680 Meter über dem Meer) ist die letzte Bergstation nach der Grenze zu, wo europäische oder vielmehr angloindische Gesellschaft zu finden ist. Ich machte es für einige Tage zu meinem Hauptquartier. Es war meine Absicht, einige zuverlässige Bergbewohner, vielleicht Gurkhas, als Begleiter zu mieten. Vergebens wandte ich mich zu diesem Zweck an den Kommandeur des 3. Gurkharegiments, das hier in Garnison liegt, legte in aller Form Briefe, Empfehlungsschreiben und Dokumente der höchsten Autoritäten und Institute Englands vor und erklärte ausführlich den wissenschaftlichen Zweck meiner Reise nach Tibet.

Die obersten Behörden schienen für Unterhandlungen zugänglich, wenn ich mehrere Monate warten wollte. Dies hätte aber ein Verzögern meiner Reise um ein ganzes Jahr zur Folge gehabt, da gegen Ende des Sommers die nach Tibet führenden Pässe ungangbar werden. So beschloß ich, den Marsch ohne die Gurkhas anzutreten.

Ein günstiger Zufall ließ mich in Almora mit einem HerrnJ. Larkin zusammentreffen, der sich mir sehr gefällig erwies und mir viele nützliche Auskünfte gab über die Wege auf der britischen Seite der tibetischen Grenze, über die beste Art zu reisen usw. Er selbst war im vergangenen Jahre bis nahe an die Grenze gereist und wußte in diesem Teile von Kumaon besser Bescheid als irgendein anderer Angloinder der Provinz. In der Tat ist Mr. Larkin, mit Ausnahme des obersten Regierungsbeamten von Kumaon, Oberst Grigg, der einzige Beamte, der überhaupt einige Kenntnis des von der Regierung der Nordwestprovinzen jetzt so vernachlässigten nordöstlichen Teiles von Kumaon besitzt.

Mein treuer Begleiter Tschanden Sing.

Mein treuer Begleiter Tschanden Sing.

Schwer lastete auf meinem Gemüt die Frage der Erlangung von mutigen, ehrlichen, elastischen und gesunden Trägern, die gegen guten Lohn und gelegentliche Geschenke bereit sein würden, sich den vielen Unbequemlichkeiten, Entbehrungen und Gefahren auszusetzen, die meine Reise im Gefolge haben würde. Sowohl in Naini-Tal als auch hier boten sich mir Dutzende von Trägern, und Schikaris (Jägern) an. Alle wiesen sie »Zeugnisse« auf über gutes Betragen, tadellose Ehrlichkeit, Gutmütigkeit, Arbeitswilligkeit, mit unbegrenztem Lob aller erdenklichen Tugenden, die ein guter Diener besitzen soll. Jedes Zeugnis war regelrecht geziert mit der Unterschrift eines Generals, eines Hauptmanns, eines Gouverneurs oder sonst einer angesehenen Persönlichkeit. Aber jeder Träger eines derartigen Attestes schien von denen, die er durch seine Dienste so begeistert und beglückt hatte, jämmerlich vernachlässigt worden zu sein, denn unfehlbar begann er mit der Bitte um ein Darlehn von einigen Rupien, um Stiefel und Decken kaufen und für den Unterhalt einer Frau mit oder ohne Familie, die er zurücklassen würde, sorgen zu können.

Ich entschied mich dahin, daß meine Mittel mir nicht erlaubten, »die teuern Hinterbliebenen« der zwei oder drei Dutzend Kulis, die ich brauchen würde, zu unterhalten, und fügte mich darein,abzuwarten, ob ich nicht Leute finden würde, die mir auf meinem Wege folgen würden, ohne mir die Verbindlichkeit aufzuhalsen, die ganze Bevölkerung, die ich zurückließ, zu ernähren. Nur eine Ausnahme machte ich.

Eines schönen Tages saß ich in meinem Zimmer im Dak Bungalow, dem Rasthause, als ein seltsames Geschöpf eintrat und mich begrüßend seine Dienste anbot.

»Wo sind deine Zeugnisse?« fragte ich.

»Sahib, hum ›certificates‹ ne hai!Herr, ich habe keine Zeugnisse.«

»Gut, dann will ich dich anstellen.«

Ich hatte mir den Burschen vorher gut angesehen. Seine Gesichtszüge zeigten viel mehr Charakter und Kraft, als ich in dem Gesicht irgendeines andern Ortsbewohners wahrgenommen hatte. Sein Anzug war eigentümlich. Er trug einen weißen Turban; unter einer kurzen Samtweste schaute ein grelles Flanellhemd mit gelben und schwarzen Streifen hervor, das er seltsamerweise über seinen Pyjamas, den weiten indischen Hosen, trug statt in ihnen. Schuhe hatte er nicht an, aber in der rechten Hand trug er einen alten Cricketpfahl, mit dem er, so oft ich das Zimmer verließ oder betrat, jedesmal präsentierte. Ich entschied mich sofort, es mit ihm zu versuchen.

Da es ungefähr 9 Uhr morgens war und ich noch viele Leute zu besuchen hatte, übergab ich Tschanden Sing – dies war sein Name – ein Paar Schuhe und etwas Wichse.

»Sorge dafür, daß ich sie rein finde, wenn ich wiederkomme!«

»Atscha, Sahib.Gut, Herr.«

»Bürsten findest du in meinem Zimmer.«

»Bahut atscha, Sahib.Sehr gut, Herr.«

Ich ging fort. Bei meiner Rückkehr um 6 Uhr abends fand ich Tschanden Sing noch immer beschäftigt, meine Fußbekleidung mit aller Macht zu wichsen. Er war den ganzen Tag dabei gewesen und hatte meine besten Haar- und Kleiderbürsten dazu benutzt!

Unter den Waldmenschen.

Unter den Waldmenschen.

»O dubudmasch! crab log, pagal!O du Tropf, du schlechter Kerl, du Narr!« rief ich entsetzt aus, und indem ich so mit den drei oder vier Worten Hindostanisch, die ich wußte, paradierte, riß ich ihm die geschwärzten Toilettegegenstände aus der Hand, während er mit tiefverletzten Gefühlen das von ihm erreichtewundervolle Resultat vorwies.

Tschai-Lek-Paß.

Tschai-Lek-Paß.

So viel war klar, Tschanden Sing war gerade kein Kammerdiener; ebensowenig war er Meister im Öffnen von Sodawasserflaschen. Er brachte es fertig, einem dabei eine Dusche zu applizieren, wenn er es nicht vorzog, mir den herausfliegenden Kork ins Gesicht zu schießen. Einem dieser Unfälle war es zuzuschreiben, daß Tschanden Sing, nachdem er mich einige Tage später mit dem Stöpsel getroffen hatte, zur Vordertür des Hauses hinausflog. Ich bin ein entschiedener Gegner der unüberlegten und ungerechten Bestrafung der Eingeborenen, aber ich glaube, daß eine zur rechten Zeit gehandhabte feste, nicht zu harte Bestrafung der eingeborenen Diener durchaus notwendig ist und meist viele spätere Unannehmlichkeiten und Ärger erspart. Nichtsdestoweniger kam Tschanden Sing am folgenden Tage zurück, um seinen Cricketpfahl abzuholen, den er bei seinem eiligen unfreiwilligen Abschied vergessen hatte. Er ergriff die Gelegenheit, die demütigsten Entschuldigungen seiner plumpen Ungeschicklichkeit vorzubringen, und produzierte folgenden Brief, den er sich von einem Babu (Dolmetscher) im Basar in englischer Sprache hatte schreiben lassen:

»Geehrter Herr!Ich bin ein dummer Mensch, aber ich höre, daß Sie die Absicht haben, zwei Gurkhasoldaten mit nach Tibet zu nehmen. Ich bin ein guter und sehr ›starker‹ Mann und deshalb jedem Gurkha weit überlegen. Bitte, nehmen Sie mich!Ihr getreuer DienerTschanden Sing.«

»Geehrter Herr!

Ich bin ein dummer Mensch, aber ich höre, daß Sie die Absicht haben, zwei Gurkhasoldaten mit nach Tibet zu nehmen. Ich bin ein guter und sehr ›starker‹ Mann und deshalb jedem Gurkha weit überlegen. Bitte, nehmen Sie mich!

Ihr getreuer Diener

Tschanden Sing.«

Der Nerpanipfad.

Der Nerpanipfad.

Das war rührend; und so verzieh ich ihm und erlaubte ihm zu bleiben. Mit der Zeit besserte er sich und wurde sogar allmählich ganz erträglich. Eines Morgens besuchte mich Mr. Larkin, als Tschanden Sing zufällig zugegen war.

»Wer ist das?« fragte Larkin.

»Mein Träger.«

»Aber das ist kein Träger. Er war einmal Polizist, und zwar ein durchtriebener. Er spürte in seinem Dorfe eine Sache aus und ließ viele Leute festnehmen, die dann des Diebstahls überführt wurden. Zum Dank dafür bekam er – seinen Abschied!«

»Ich denke, ich nehme ihn mit.«

»Es ist ein guter Bursche«, erwiderte Larkin. »Sie können ihn jedenfalls bis zur Grenze mitnehmen, aber ich rate Ihnen nicht, ihn mit nach Tibet zu nehmen.«

Larkin ermahnte Tschanden Sing, gut und aufmerksam zu sein. Der Expolizist strahlte vor Freude, als ich ihm definitiv sagte, daß er mich bis Bhot begleiten solle. Er war der Mutigste von meinem ganzen Gefolge und hat bei mir ausgehalten durch dick und dünn.


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