Zweites Kapitel.Unter den Waldmenschen.

Zweites Kapitel.Unter den Waldmenschen.

Das Land bis Bhot ist verhältnismäßig gut bekannt, weshalb ich auf dem ersten Teile meiner Reise nicht zu lange verweilen will.

Am 9. Mai ging mein ganzes Gepäck, von zwei Tschaprassis begleitet, nach der Grenze ab; ich folgte am nächsten Tage. Zwei Tagemärsche von je 46 Kilometer brachten mich nach Schor, auch Pithoragarh genannt.

Der Weg ist auf der ganzen Strecke gut; er führt durch dichte Tannen- und Fichtenwaldungen und bietet hier und da hübsche Ausblicke auf bewaldete Gebirgszüge. Nichtsdestoweniger ist er infolge des vielen Auf- und Absteigens ermüdend; die nachstehenden Zahlen geben ein Bild davon. Von 1680 Meter stiegen wir zu 2330 Meter Höhe empor, dann wieder auf 750 Meter hinunter, kletterten wieder auf 1835 Meter hinauf und stiegen abermals einen steilen Hang bis auf 750 Meter hinab. Die ungeheure Hitze hinderte mich, meinen gewöhnlichen Schritt zu gehen, und so erreichte ich meinen Bestimmungsort nicht vor Sonnenuntergang. Im Dunkeln weiter wandernd, sahen wir in der Ferne Waldbrände, die wie leuchtende Schlangen hier und dort an den Bergen entlang oder an Abhängen hinaufkrochen und die durch das Abbrennen von Gras, Gesträuch und Unterholz seitens der Eingeborenen verursacht werden. Nicht selten greifen die Flammen weiter um sich und richten arge Verwüstungen unter den schönsten Waldbeständen an.

In Pithoragarh (2025 Meter über dem Meer) ist ein altes Fort, das auf dem Gipfel eines Hügels liegt, ein gutgehaltenes Hospital für Aussätzige, eine Schule und ein Missionshaus.

Abends spät am nächsten Tage kamen wir in Askot an, wo es weder ein Dak Bungalow noch ein Daramsalla, eine gemauerte Unterkunftshütte, gibt, und ich fand zu meinem Ärger, daß noch keiner meiner Träger angekommen war. Vom Pundit Jibanand wurde ich gastfreundlich aufgenommen und in seinem Schulzimmer untergebracht, einem Bauwerk aus Brettern, die ohne Rücksicht auf Breite, Höhe, Länge oder Form zusammengefügt waren und ein Dach von Stroh und Gras trugen. Die Ventilation meiner Wohnung ließ nichts zu wünschen übrig, und während ich, in meine Decke eingewickelt, unter dem schützenden Dache lag, konnte ich durch die Lücken der schlechtgefügten Wände den Glanz des sternbesäten Himmels bewundern.

Als die Sonne aufging, wurden kleine Stückchen Landschaft zwischen den Brettern sichtbar, bis nach und nach sämtliche Lücken durch die Gesichter von Eingeborenen verschlossen wurden, die Besitz von diesen guten Aussichtspunkten ergriffen, um nach Herzenslust den Sahib anzustarren, der sich rasierte, während seine Zuschauer Zeichen ängstlicher Spannung von sich gaben. Große Heiterkeit erregte es, als ich mich während des Badens über und über mit Seife beschmierte. Bewunderung folgte, als ich mein letztes gestärktes Hemd und andere geheimnisvolle Kleidungsstücke anzog. Aber die Aufregung erreichte fast Fieberhitze, als ich mich der täglichen Plage unterzog, meine Uhren aufzuziehen und die Temperatur und andere Beobachtungen einzutragen. Die Spannung war zu groß geworden, und eine allgemeine wilde Flucht folgte in dem Augenblick, als ich mein ungeladenes Gewehr berührte.

Die Stadt Askot ist nicht unähnlich einem jener alten Feudalschlösser, wie man sie in vielen Gegenden Mittelitaliens findet. Hoch oben auf dem Gipfel eines zentralen Hügels gelegen, beherrscht der Palast des Rajiwar (Haupt eines Königreichs) ein schönes, ihn von allen Seiten umschließendes Bergpanorama.

Die Stadt selbst zählt ungefähr 200 über den Abhang des Hügels verstreute Häuser und besitzt eine Schule, ein Postamt und zwei mohammedanische Kaufläden. Kurz vor meiner Ankunft hatte der Rajiwar den Bau eines neuen Palastes vollendet, eines einfachen, würdigen Gebäudes aus braunem Stein mit schönen Holzschnitzereien an den Fenstern und Türen und mit Kaminen nach europäischer Art in jedem Zimmer.

Wir hatten 145 Kilometer in drei Tagemärschen zurückgelegt, und da meine Leute wunde Füße bekommen hatten, gestattete ich ihnen einen Rasttag, den ich dazu verwendete, die Wohnorte der »Waldmenschen« oder, wie sie sich selber nennen, der Raot oder Raji, aufzusuchen. Sie leben mehrere Kilometer entfernt in Wäldern.

Um zu ihnen zu gelangen, hatte ich einen steilen Abhang hinabzusteigen, der mit einem außerordentlich schlüpfrigen Teppich von trockenem Gras und Fichtennadeln bedeckt war. Beim Abstieg mußte ich Schuhe und Strümpfe ausziehen, und sogar barfuß fand ich es noch schwer, mich aufrecht zu halten. Ich hatte einen meiner Tschaprassis und einen Mann von Askot als Begleiter.

Schneller, als uns angenehm war, kamen wir hinunter. Wir bemerkten einen kaum sichtbaren Pfad, den wir verfolgten, bis wir auf einen Mann stießen, der sich hinter den Bäumen versteckte. Es war ein wild aussehender Kerl, nackt und ungekämmt, mit lang herabhängendem Haar und spärlichem Bart, der uns mißtrauisch anblickte und sich sehr abgeneigt zeigte, uns den Weg nach den Wohnstätten seines Stammes zu zeigen.

Er war ein Raot, und sein Widerwille gegen den Besuch seines Heims erschien mir wohlberechtigt, als er zu meinem Führer sagte:

»Kein weißer Mann hat jemals unsere Heimat besucht, und sollte einmal einer kommen, werden wir alle sterben. Die Berggeister werden euer Vordringen hindern, nicht wir! Ihr werdet Schmerzen erleiden, denn der Geist, der über den Raot wacht, wird niemand ihre Wohnstätten betreten lassen!«

Ich gab dem Manne eine Rupie, die er in der Hand umwendete und wog.

»Ihr könnt kommen,« murmelte er, »aber ihr werdet es bereuen. Ihr werdet großes Unglück haben!«

Es lag etwas so Unheimliches in dem Tone, mit dem der Mann wie in einer Verzückung sprach, als ob er das Medium wäre, durch welches die Drohung eines verborgenen Wesens zu uns dränge, so daß mir seine Worte mehrere Minuten lang nicht aus dem Sinn kommen wollten.

Ich folgte ihm so gut ich konnte; mit der Gewandtheit eines Affen erkletterte er ungeheure Felsblöcke. Es war keine leichte Aufgabe; wir sprangen und hüpften von Fels zu Fels undvoltigierten über umgestürzte Bäume. Der Pfad wurde sichtbarer und führte an dem Abhange einer steilen Schlucht empor. Wir drangen vorwärts, bis wir erhitzt und keuchend an einer großen Höhle hoch oben in dem lehmigen Abhange anlangten. Dort, auf einer halbkreisförmigen Plattform mit Verschanzungen von gefällten Bäumen, befand sich etwa ein Dutzend fast ganz unbekleideter Männer, von denen einige auf den Hacken saßen, die Arme auf die Knie gestützt, während andere platt am Boden lagen. Einer rauchte getrocknete Blätter aus einer Hindupfeife.

Ich nahm schnell ein Bild der Gruppe auf, wie sie mit einem Ausdruck von Mißtrauen, in das sich Erstaunen und Betrübnis, aber kein Zeichen von Furcht mischte, den unerwarteten Besucher anstarrten.

Als zwei der ältern Männer die erste Verblüffung überwunden hatten, sprangen sie auf und verboten mir mit tollen Gestikulationen, näher heranzukommen. Ich aber drang mitten in ihren Kreis hinein und fand mich nun von einer mürrischen, zornigen Schar umgeben.

»Kein Mensch ist je hier gewesen außer einem Raot. Ihr werdet bald sterben! Ihr habt Gott beleidigt!« kreischte ein alter Mann, ganz außer sich vor Zorn.

Er beugte die Knie, krümmte das Rückgrat und streckte mir den Kopf entgegen. Er schüttelte die Fäuste vor meinem Gesicht, schwang sie in der Luft hin und her, öffnete und preßte sie dann wieder fest zusammen, wobei er die Nägel wütend in die Handflächen bohrte. Anstatt die Stirnhaut zusammenzuziehen, zog der alte Raot die Augenbrauen empor und verwandelte seine glatte Stirn in eine Reihe tiefer Runzeln, die sich in wagerechten Linien fast von Ohr zu Ohr zogen und nur eine dunkle Vertiefung über der Nase erscheinen ließen. Seine zuerst flachen und breiten Nasenlöcher dehnten sich weit aus und reckten sich in die Höhe, so daß sich zwei tiefe Linien bildeten, die von der Nase auseinanderlaufend sich die Backen entlang zogen. Sein Mund war geöffnet, und ein eigentümliches Beben der Unterlippe ließ deutlich erkennen, daß ihr Besitzer die Sprache und Artikulation nur wenig beherrschte. Seine Augen, die ursprünglich braun gewesen sein mochten, waren farblos, aber sie nahmen einen außerordentlichen Glanz an, als seine Wut höher stieg. Mit sichtlicher Anstrengung öffneteer sie weit, so daß der ganze Kreis der Iris sich zeigte. Trotzdem starkes Licht auf sein Gesicht fiel, waren die Pupillen weit ausgedehnt.

Seinem Beispiel folgend trugen einige der andern ihr Mißvergnügen in gleicher Weise zur Schau; andere jedoch standen apathisch beiseite, den Kopf auf die rechte Schulter geneigt, mit vollkommen ruhigem Gesichtsausdruck, das Kinn auf die Hände gestützt. Wenn sie auch ihre erste Bestürzung nicht überwunden haben mochten, so verrieten sie dieselbe doch nicht, sondern erschienen, soweit man nach ihren Gesichtern urteilen konnte, nicht aufgeregt.

Ein Bursche mit einem ungewöhnlichen Kopf, der eine Mischung von mongolischem und Negertypus zu sein schien, beruhigte sich zuerst unter denen, die vorher in so toller Aufregung gewesen waren. Mit durchdringenden, aber unruhigen Augen und mit nervös zuckenden Bewegungen musterte er mein Gesicht genauer als die andern und schien sie dann alle zu beruhigen, daß ich nicht gekommen sei, ihnen Schaden zuzufügen. Er machte den übrigen Zeichen, daß sie mit ihren Drohungen aufhören sollten; dann kauerte er sich nieder und forderte mich auf, seinem Beispiele zu folgen und mich ebenfalls auf meine Hacken niederzulassen.

Als die Aufregung sich gelegt und die ganze Gesellschaft sich gesetzt hatte, zog ich einige Münzen aus der Tasche und gab jedem von ihnen eine; nur einen Mann ließ ich aus, an dem ich die Leidenschaft der Eifersucht in ihrer primitivsten Form studieren zu können glaubte. Aufmerksam beobachtete ich ihn und sah bald, daß er abseits von den andern trat und mürrisch wurde. Die andern waren jetzt schon stillvergnügt. Sie schienen zum Trübsinn zu neigen, und nur mit Mühe konnte ich überhaupt einem von ihnen mehr als den schwachen Schimmer eines Lächelns entlocken. Sie drehten und wendeten die Münzen in den Händen hin und her, verglichen sie untereinander, schwatzend und augenscheinlich zufrieden. Der eifersüchtige Mann hielt den Kopf entschieden von ihnen abgewandt und tat, als ob er nicht sähe, was um ihn vorging; dann stimmte er, das Kinn auf die Hand stützend, einen unheimlichen melancholischen Gesang an, wobei er, namentlich wenn die andern ihn verhöhnten, eine verächtliche Miene annahm. Nachdem ich ihn lange genug hatte leiden lassen,gab ich ihm anstatt der einen zwei Münzen und damit zugleich die Befriedigung dessen, der zuletzt lacht.

Nun machte ich den Versuch, die Gruppe zu photographieren; aber sie betrachteten meine Kamera mit Mißtrauen, und als dann Platte nach Platte exponiert wurde, um Bilder von einzelnen Individuen oder Gruppen aufzunehmen, schauderten sie bei jedem Knipsen der Feder.

»Die Götter werden dir zürnen, weil dudastust,« sagte einer, indem er auf die Kamera wies, – »wenn du uns nicht eine große weiße Münze gibst!«

Ich benutzte dies und versprach ihnen, so gut ich es durch meine Führer konnte, »zwei große Münzen«, wenn sie mich nach ihren Hütten führen würden, die einige hundert Meter unter dem hohen Horst auf der Klippe lagen; aber für diese Summe sollte mir erlaubt sein, nicht nur alles anzusehen, sondern es auch zu befühlen, und über alles, was ich wollte, Erklärungen zu bekommen.

Sie willigten ein, und wir begannen unsern Abstieg auf dem steilen Pfade, der zu ihren Wohnstätten hinabführte, einem Pfad, der wirklich nur für Affen passend ist. Mehrere Frauen und Kinder, die, durch den Anblick von Fremden herbeigelockt, heraufgekommen waren, verbanden sich mit den Männern, um uns hilfreich Hand zu leisten, und ich glaube, daß es wirklich keine einzige Hand in der Gesellschaft gab, die mich während des Hinabkletterns nicht ein oder das andere Mal in freundlichster Absicht an den Kleidern gepackt hätte. Einer am andern sich haltend, gingen wir zusammen die gefährliche Klippe hinab, nicht immer im angenehmsten Tempo. Zwei- oder dreimal glitt ich oder einer der Eingeborenen aus und zog den übrigen Teil der Gesellschaft am Abgrund mit fort, während das durchdringende Kreischen und Schreien der Frauen meilenweit in der Runde widerhallte. Ich bedauerte es nicht, als wir endlich die kleinen Hütten am Flusse erreichten, die ihr Dorf bildeten.

Die Wohnungen waren über alle Maßen schmutzig. Aus einem rohen Gerüst von Baumästen errichtet, durch hölzerne Pfähle und Sparren versteift, mit einem Dache von trockenem Grase gedeckt, maßen die meisten etwa drei Meter. Sie waren gegen den Abhang des Hügels gebaut; ein starker, gegabelter Pfahlin der Mitte des Bauwerks trug das Dach, und gewöhnlich waren die Hütten in zwei Abteilungen geteilt, so daß jede zwei Familien beherbergen konnte. Möbel waren nicht vorhanden, und es gab nur wenig Geräte primitivster Art. Sie hatten runde hölzerne Schalen, früher vermittelst scharfkantiger Steine, seit einiger Zeit aber mit billigen Messern indischen Fabrikats ausgehöhlt. Für diejenige Art von Ackerbau, die sie betreiben konnten, benutzten sie primitive Hacken; sie hatten auch plumpe Holzhämmer, Stöcke und Netzbeutel, in denen sie ihre Vorräte aufbewahrten. In früherer Zeit bildeten Flußfische, Fleisch von wilden Tieren und Wurzeln gewisser Pflanzen ihre hauptsächlichste Nahrung, jetzt aber essen sie auch Getreide und sind wie alle Wilden gierig nach Schnaps.

Als ich eine der Wohnungen betrat, fand ich darin eine Anzahl von Frauen und Männern um ein Holzfeuer kauernd. Die Frauen trugen silberne Armringe und Halsbänder von Glasperlen; die Männer wenig mehr als Ohrringe aus Schnüren; nur einer der Männer hatte ein winziges Lendentuch, und die Frauen dürftige Kleider aus indischem Stoff, die in Askot gekauft waren.

Bei genauer Prüfung ihrer Züge fielen mir manche Punkte auf, die auf entfernte mongolische Abstammung schließen ließen, freilich durch das Klima, die Natur des Landes und wahrscheinlich durch Mischheiraten stark modifiziert.

In der Skala der menschlichen Rassen stehen die Raot auf außerordentlich tiefer Stufe.

Die Frauen haben anormal kleine Schädel mit niedriger, schmaler Stirn; aber trotzdem sie aussehen, als fehlte ihnen selbst der leiseste Schimmer von Verstand, sind sie doch nicht unintelligent. Sie haben vorstehende Backenknochen und die langen, platten, breiten und gerundeten Nasen des mongolischen Typus. Das Kinn ist in den meisten Fällen rund und sehr zurücktretend, obgleich die Lippen sich in normaler Lage befinden und dünn und sehr fest geschlossen erscheinen, die Mundwinkel sind emporgezogen. Der Unterkiefer ist kurz und schmal, der obere aber erscheint ganz außer Verhältnis zu der Größe des Schädels. Die Ohren sind groß, abstehend und wenig modelliert, wohlgeeignet, Geräusche aus großen Entfernungen aufzufangen.

Die Köpfe der Männer sind besser geformt, unentwickelt zwar,doch harmonischer in den Verhältnissen. Sie haben höhere und breitete Stirnen, ähnliche, doch kürzere Nasen; das Kinn tritt nicht ganz so weit zurück, der ganze Unterkiefer ist außerordentlich schmal, aber die Oberlippe, wie bei den Frauen, sehr groß und außer jedem Verhältnis.

Ohne Zweifel sind die Raot keine reine Rasse, und selbst unter den wenigen, mit denen ich zusammenkam, bestanden so beträchtliche Verschiedenheiten, daß es unmöglich ist, auf ihren Ursprung zu schließen. Sie haben alle üppiges, kohlschwarzes Haar, das nur mäßige Länge erreicht; es ist nicht grob, aber gewöhnlich so schmutzig, daß es gröber erscheint, als es ist. Sie haben sehr wenig Körperhaare außer in den Achselhöhlen; ihre Bärte verdienen kaum diesen Namen.

Die Männer tragen das Haar gewöhnlich in der Mitte gescheitelt, so daß es zu beiden Seiten des Kopfes herabhängt und die Ohren bedeckt. Ich fand bei ihnen denselben seltsamen Brauch, den ich vor Jahren bei den Ainus von Jesso beobachtet hatte: daß sie ein rautenförmiges Stück der Kopfhaut in der Mitte der Stirn über der Nase glattrasieren. Die Frauen ziehen ihr Haar nach dem Hinterkopfe, wobei sie die Finger als Kamm gebrauchen, und binden es in einen Knoten zusammen.

Die Körper der besser entwickelten Individuen, die ich sah, waren schmächtig und beweglich, ohne überflüssiges Fett oder Fleisch, in gewissem Grade geschmeidig, doch stämmig und muskulös, mit gut proportionierten Gliedmaßen und einer zwischen Bronze und Terrakotta warm getönten Haut. Schmutzig und unbekleidet, hatten diese Wilden durch ihr majestätisches Auftreten besondere Anziehungskraft für einen Künstler. Ihr regelmäßiges Atmen fiel mir auf; es erfolgte durch die Nase, während sie den Mund fest geschlossen hielten. Eine merkwürdige Eigentümlichkeit wiesen ihre Füße auf, an denen die zweite Zehe besonders lang war und beträchtlich über die andern hinausragte, was sie ohne Zweifel befähigt, die Zehen fast ebenso zu benutzen wie wir die Finger. Die innern Flächen ihrer Hände waren fast ohne Linien, die Fingernägel flach und die Daumen abgestumpft mit auffallend kurzem letztem Gliede.

Wenn die Raot heute einige Kleidungsstücke und Schmuck angenommen und daneben ihre Nahrungsweise bis zu einem gewissenGrade geändert haben, so ist dies ausschließlich dem Rajiwar von Askot zu verdanken, der ein großes Interesse für die von ihm beherrschten Stämme hegt und sie in patriarchalischer Weise mit allen möglichen Lebensbedürfnissen versorgt. Nur sehr wenige Raot sind in den letzten Jahren nach Askot gekommen, da sie von Natur sehr scheu und augenscheinlich mit ihren primitiven Wohnstätten in den Wäldern von Tschipula zufrieden sind; sie beanspruchen diese Wälder als ihr Eigentum. Ihre einzige Beschäftigung sind Fischfang und Jagd, und es heißt, daß sie eine besondere Vorliebe für das Fleisch der größern Affen des Himalaja haben, während ich, nach eigener Beobachtung, sagen möchte, daß sie fast alles essen, was sie bekommen können.

Man hat gemeinhin angenommen, daß die Weiber der Raot in strenger Abgeschlossenheit und vor Fremden verborgen gehalten werden. Das ist aber unzutreffend, denn ich habe verschiedene Photographien von Raotweibern aufgenommen, zu denen sie mir auf meine Bitte und ohne den geringsten Einspruch der Männer gestanden haben.

Die Zahl der Raot ist in schneller Abnahme begriffen, hauptsächlich infolge häufiger Ehen zwischen Blutsverwandten. Mir wurde versichert, daß die Frauen nicht unfruchtbar seien, aber daß unter den kleinen Kindern enorme Sterblichkeit herrsche. Die Raot begraben ihre Toten und bringen mehrere Tage lang dem Geiste des Abgeschiedenen Speise und Trank dar.

Es war mir nicht möglich festzustellen, worin ihre Ehezeremonien bestehen, oder ob sie überhaupt welche haben, die der Erwähnung wert sind, aber es scheint, daß ein starkes Familiengefühl zwischen den in ehelicher Verbindung lebenden Paaren besteht. Sie sind abergläubisch und haben eine merkwürdige Furcht vor den Berggeistern, vor der Sonne, dem Mond, Feuer, Wasser und Wind. Ob sich diese Furcht zu einer bestimmten Form der Verehrung erhebt, kann ich nicht sagen; jedenfalls sah ich nichts, was auf Gebet oder Opfer schließen läßt.

Die Raot erheben den Anspruch, Nachkommen von Königen zu sein, und wollen niemand untertan sein. Sie grüßen weder noch verneigen sie sich.

»Andere Leute müssen uns grüßen; unser Blut ist das Blut von Königen, und wenn wir uns auch aus freien Stücken seitJahrhunderten in das Dschungel zurückgezogen haben, so sind wir doch Söhne von Königen.«

Nach einiger Zeit, als ich schon ziemlich lange unter ihnen gewesen war, schienen diese königlichen Wilden unruhig und furchtsam zu werden. Ich hatte jedes Stück ihres Haushalts, was mir vor die Augen gekommen war, umgedreht, untersucht, gezeichnet oder photographiert, hatte alle, Männer und Weiber, die eingewilligt hatten, sich messen zu lassen, gemessen und ihnen den vereinbarten Geldbetrag gezahlt. Als ich im Begriff war fortzugehen, trat der grauhaarige Mann noch einmal auf mich zu:

»Du hast die Wohnstätten der Raot gesehen, du bist der erste Fremde, der das getan hat, und du wirst viel leiden; die Götter sind erzürnt gegen dich.«

»Ja,« fügte ein anderer hinzu, indem er auf die Schlucht wies, »wer diesen Pfad betritt und kein Raot ist, wird von einem großen Mißgeschick betroffen werden.«

»Kusch paruani, sahib!Macht nichts, Herr!« unterbrach ihn der Führer, »sie sind nur Barbaren, sie wissen es nicht besser; ich selbst bin noch nie hier gewesen und setze voraus, daß auch ich meinen Teil davon abbekommen werde.«

»Auch du wirst leiden!« sagte der alte Mann mit Selbstbewußtsein.

Die Raot standen schweigend um mich, während ich meine Kamera einpackte, und ich fühlte, daß sie mich als einen ansahen, dessen Geschick beschlossen war. Sie beachteten meinen Abschiedsgruß nicht, und wäre ich nur im mindesten abergläubisch gewesen, so hätten sie es mir mit ihrer feierlichem törichten Ernsthaftigkeit ganz unbehaglich machen können. –

Später, als ich Todesqualen der Hölle litt und in einem Augenblick mein ganzes früheres Leben noch einmal zu durchleben glaubte, kam mir dies alles mit entsetzlicher Deutlichkeit in das Gedächtnis zurück!


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